Die Lebenserwartung von Franchises Teil 2 – deutscher Exkurs

Was als kurzer Blick auf deutsche, „tote“ Filmfranchises geplant war ist, mal wieder, etwas aus den Fugen geraten und erscheint hier nun als eigener Teil. Internationale Franchises folgen nächste Woche (es sei denn, es drängt sich wieder was dazwischen).

Nachdem wir uns letzte Woche mit den Definitionen der Begriffe „Franchise“ und „sterben“ gelangweilt haben und einen kurzen Blick auf langlebige Filmfranchises geworfen haben, wollen wir uns diese Woche eher den „toten“ Franchises zuwenden. Fangen wir mit dieser Betrachtung doch einfach mal in Deutschland an. Denn hier gibt es einige faszinierende Beispiele.

Da wären zunächst natürlich einmal die Edgar Wallace-Filme. Da in Deutschland angesiedelte Krimis in der Nachkriegszeit nicht besonders erfolgreich waren, versuchte es der dänische Produzent Preben Philipsen 1959 mit der Verfilmung des Romans ‚Der Frosch mit der Maske‘ des Briten Edgar Wallace, angesiedelt in Foggy London Town. Nach dem grandiosen Erfolg dieses Films gründete Philipsen einen deutschen Ableger seiner Produktionsfirma Rialto Films und erwarb die exklusiven Filmrechte am Werk Wallaces. 32 Filme entstanden so bis 1972. Ab 1961 unter der Leitung von Produzent Horst Wendtlandt. Das Aussehen der Produktionen wurde dabei insbesondere von Regisseur Alfred Vohrer, der für 14 Filme verantwortlich zeichnet, geprägt, wobei Harald Reinl den Grundstein legte. Mehr noch aber durch häufig wiederkehrende Darsteller, allen voran Eddi Ahrent, Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski. Aber auch internationale Stars waren zu sehen, etwa Christopher Lee. Klassische whodunnit Motive wurden mit sanftem Grusel maskierter Schurken und Humor verwoben. Ende der 60er ging der Erfolg erheblich zurück. Man holte italienische Produktionspartner ins Boot, doch 1972 war mit ‚Das Rätsel des silbernen Halbmondes‘, der fast völlig unter italienischer Aufsicht entstand Schluss. Die Edgar Walle reihe war „tot“. In Italien lebte sie sicher in gewisser Weise im Genre des Giallo fort. Und in Deutschland wurde sie ein häufig geschehener Gast im Fernsehen.

Und damit sind wir wieder beim Problem des „toten“ Franchises. Die Wallace Filme durchdrangen, auch nachdem es keine neuen mehr gab, immer noch die deutsche Popkultur. Genug, dass RTL und Otto Waalkes 1994 ‚Otto – die Serie‘ produzierten, in der Komiker Otto in Szenen der Serie mit mehr oder weniger humoristischem Effekt eingefügt wurde. 1995 folgte auf RTL auch eine „ernsthafte“ Fernsehversion mit 8 Filmen, sehr frei nach Wallace, die einige der alten Darsteller gewinnen konnte. 2004, mehr als 30 Jahre nach dem sogenannten „Tod“ des Franchises produzierte Oliver Kalkofe ‚Der Wixxer‘, eine namentliche Parodie auf ‚Der Hexer‘, die aber die Filmreihe als Ganzes auf den Arm nahm. Der Film war erfolgreich genug, um 2007 die Fortsetzung ‚Neues vom Wixxer‘ zu rechtfertigen. Wahrscheinlichkeit, dass man sich hier früher oder später an einer Neuauflage versucht? Sehr hoch.

Für das nächste Franchise kann ich einen guten Teil der oben erwähnten Namen schlicht wiederholen. Rialto Film, Horst Wendtlandt, Harald Reinl und Alfred Vohrer. Denn ab 1962 wollte man auch die kontemporär sehr beliebten Karl May Romane umsetzen. Allen voran die beliebten Geschichten um Winnetou. Erfolgsverwöhnt plante man hier direkt mit einer Serie. Für die Rolle des Old Shatterhand stand früh der Amerikaner und ehemalige Tarzan-Darsteller (behaltet das mal im Hinterkopf für nächste Woche…) Lex Barker fest. Für die Rolle des Winnetou entdeckte Wendtlandt den recht unbekannten Franzosen Pierre Brice. Der erste Film wurde zu einem Megaerfolg und um die Hauptdarsteller entwickelte sich gar eine Hysterie, die bei ihren Auftritten bei Filmpremieren annähernd Beatles-eske Züge annahm. Bis 1968 entstanden 9 weitere Filme der Rialto, die teilweise außer den Charakteren nichts mehr mit den Buchvorlagen zu tun hatten. An dem Erfolg beteiligte sich ebenfalls Produzent Artur Brauner mit seiner CCC-Film. Er produzierte Karl May Verfilmungen, die nichts mit Winnetou zu tun hatten. Für die Rolle des Kara ben Nemsi castete er ebenfalls Barker.

Auch hier darf man vermutlich wieder fragen, wie „tot“ das Franchise nach 1968 war. Denn nicht nur hat der Erfolg der Reihe in der DDR die DEFA Indianerfilme inspiriert, die bis in die 80er produziert wurden, auch im Westen gab es zahlreiche Fernseh- und Zeichentrickbearbeitungen von Karl May und Indianer-Stoffen. Auch Winnetou selbst wurde immer wieder gesehen. In ‚Winnetous Rückkehr‘, einem Zweiteiler des ZDF etwa, in dem Brice 1998 die Rolle noch einmal übernahm. Und noch 2015 war der Stoff auf RTL in ‚Winnetou – Der Mythos lebt‘ zu sehen. Und nicht zu vergessen die jährlichen Karl May-Spiele, die seit den frühen 50er Jahren May Abenteuer als Theater im Bad Segeberger Kalkstadion inszenieren (daneben gibt es zahlreiche weitere Karl May Spiele), die höchstens mal von einer globalen Pandemie aufgehalten werden. Doch der größte Erfolg ist hier die Parodie. Mit ‚Der Schuh des Manitu‘ landete Michael Bully Herbig 2001 einen der größten Erfolge der deutschen Kinogeschichte. Eine plump kalauernde Nummernrevue, die Bullys Sketchherkunft ganz deutlich erkennen lässt. Dabei ist die Umsetzung durchaus professionell und technisch kompetent. Aber natürlich erklärt sich ein ganz großer Teil des Erfolgs des Films über die ungebrochene Begeisterung für Winnetou. Wahrscheinlichkeit einer Neuauflage: naja, passiert doch schon dauernd, bringt heute aber nicht mehr den ganz großen Erfolg. Ich vermute, da es heute Kinogänger gibt, die eher Bullys Version als der originalen Nostalgie entgegenbringen, dürfte es eine große Neuauflage schwer haben.

Ob Ihr es glaubt oder nicht, für das nächste „tote“ Franchise sind wir schon wieder bei Rialto und Horst Wendtlandt. Otto Waalkes war ab den 70er Jahren eine Sensation in der deutschen Komik. Er verband Wortspiele und Kalauer mit clownesker Körpersprache und Geräuschen, allerlei komischen Liedern und immer wieder Parodien. Bezeichnend war auch, dass Waalkes in Interviews und ähnlichem stets „im Charakter“ blieb. Verlage wussten mit ihm anfangs wenig anzufangen, doch als sich seine Bücher und Schallplatten seiner Auftritte verkauften wie geschnitten Brot und erste Fernseherfolge hinzukamen, wurde ein Kinofilm immer mehr zum logischen nächsten Schritt. Umgesetzt von Rialto unter Produktion von Horst Wendtlandt. Und ‚Otto – der Film‘ wurde zu einem gigantischen, zum bis dahin größten, Erfolg des deutschen Kinos. Klar, dass der ein Franchise nach sich zieht. Bis zum Jahr 2000 folgten vier Fortsetzungen. Seitdem war Otto zwar noch häufiger im Kino, auch in Hauptrollen, zu sehen, die Filme hatten aber nicht mehr das „Otto“ Branding (von der Parodie ‚Otto’s Eleven‘ einmal abgesehen).

Doch könnte man durchaus argumentieren, dass Franchise Otto sei alles andere als „tot“ (Herrn Waalkes selbst wünsche ich selbstverständlich beste und lange Gesundheit!), schließlich ist er doch gerade jetzt, in diesem Moment, in der Hauptrolle von ‚Catweazle‘, einer Neuauflage einer britischen Serie der 70er, zu sehen. Aber es steht eben nicht mehr die „Otto“-Persona im Mittelpunkt, sondern eine Serie von der ich nicht überzeugt bin, wie viele sich an die noch erinnern. Vom erfolgreichsten deutschen Film dürfte der jedenfalls weit entfernt bleiben.

Otto steht hier auch mehr stellvertretend für eine ganze Reihe Komiker-Franchises der 80er Jahre. Seien es die Didi (Hallervorden) oder die Supernasen Filme. Mit Klamauk und aus dem Fernsehen bekannten Gesichtern war damals der Kinoerfolg schon halbwegs gesichert. Was heute nicht mehr unbedingt klappt. Wobei das Fernsehen sich für die Unterhaltung auch weitgehend auf „Reality“-Müll zurückgezogen hat. Woher sollen da die Charakternasen kommen?

Rialto war übrigens auch noch an der Produktion zahlreicher Spencer/Hill und Louis De Funes Filmen beteiligt, die also rein technisch hier auch auftauchen könnten. Aber das würde wohl zu weit führen. Es zeigt sich bei dieser groben Untersuchung, dass die 60er Jahre und die 80er Jahre des deutschen Kinos anscheinend besonders geeignet waren, erfolgreiche Franchises zu produzieren. In den 50ern war es eher das Genre des Heimatfilms, der derart happy endings hatte, dass eine Fortsetzung kaum Sinn geben würde. Und der „Neue Deutsche Film“ der 70er war eher künstlerisch als finanziell ausgerichtet. Natürlich gibt es auch heute noch erfolgreiche deutsche Franchises, man schaue nur auf ‚Fack ju, Göthe‘.

Selbstverständlich erhebt mein kurzer (heh) Text hier keinerlei Anspruch auch auf nur annähernde Vollständigkeit. Nicht zuletzt, weil ich mich rein auf die Nachkriegszeit konzentriert habe. Auch davor gab es durchaus Franchises, erwähnt sei hier nur als Beispiel Paul Wegeners ‚Der Golem‘-Filme (inklusive eines nie realisierten „Crossovers“ mit ‚Alraune‘). Doch beenden wir diesen Exkurs an dieser Stelle und kehren nächste Woche zum internationaleren Thema zurück. Wenn Ihr lebende oder „tote“ deutsche Franchises in den Kommentaren ergänzen wollt, freue ich mich darüber natürlich.

PS: ist der „Til Schweiger Film“ ein Franchise?

2 Gedanken zu “Die Lebenserwartung von Franchises Teil 2 – deutscher Exkurs

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