‚Mother!‘ (2017)

Auf die eine oder andere Art habe ich vermutlich jeden Film von Darren Aronofsky gemocht. ‚The Wrestler‘ und ‚Black Swan‘ würde ich als seine besten Filme betrachten, aber alles davor ist ebenfalls grandios. Danach kam ‚Noah‘. Und ich habe mich selten so unterhalten gefühlt. Der Film fühlte sich an wie eine Bibel-Verfilmung, die sämtliche unausgesprochene Regeln für Bibel-Verfilmungen über den Haufen wirft. Da werden Möchtegern-Archen-Blinde Passagiere von gigantischen Steinmonstern zerspladdert und Noah teilweise wie ein Slasher Schurke (der ein Baby ermorden will!) in Szene gesetzt. Der Film hätte in seinem Titel ebenfalls ein Ausrufzeichen gebrauchen können. Hätte zum Ton gepasst. Aber auf das mussten wir bis ‚Mother!‘ warten. Und so ganz hat sich Aronofsky von seiner sehr eigenen, filmischen Umsetzung christlicher Mythologie nicht verabschiedet. Der Film hat lange bei mir im Regal gestanden, bevor ich ihn endlich gesehen habe. Die durchwachsenen Rezensionen haben mich doch etwas abgehalten. Tatsächlich ist „durchwachsen“ auch direkt ein gutes Fazit für den Film. Aber erst mal sollten wir über den reden.

Eine junge Frau (Jennifer Lawrence) lebt mit ihrem deutlich älteren Mann (Javier Bardem), einem Poeten, in einem großen, abgelegenen Haus im Grünen. Eines Tages taucht ein Mann (Ed Harris) auf, der sich zunächst als Nachbar vorstellt, bald aber, auf Einladung des Poeten und gegen den Willen der jungen Frau, ein Zimmer im Haus bezieht. Am nächsten Morgen steht seine Frau (Michelle Pfeiffer) vor der Tür, die ebenfalls, wie selbstverständlich einzieht. Durch die dreiste Vertrauligkeit der Gäste, die Distanz des Poeten und das Auftauchen der streitsüchtigen Söhne der Untermieter (Domhnall und Brian Gleeson) werden Gräben zwischen der jungen Frau und dem Poeten unübersehbar, insbesondere was ihre Kinderlosigkeit betrifft. Bald jedoch gleiten die Geschehnisse im Haus ins Groteske über.

Falls jemand findet, dass sich diese Zusammenfassung schwierig liest, so liegt das nur zum Teil an meinen mangelenden Schreibkünsten. Denn keiner der Charaktere hat einen Namen. Selbst im Abspann nicht. Javier Bardem ist „Him“. Lawrence ist „Mother“. Harris „Man“ und Pfeiffer „Woman“. Das unterstreicht direkt wunderbar mein größtes Problem mit dem Film. Die christliche Allegorie ist so unerträglich überdeutlich, dass für eigentliche Charaktere gar kein Platz mehr bleibt.

Der Poet ist natürlich der Schöpfer, der Gott dieser Allegorie. Mann und Frau sind Adam und Eva. Tatsächlich sehen wir Harris Charakter kurz mit einer Verletzung auf Höhe der Rippen, bevor seine Frau aufkreuzt. Und ja, der ältere Sohn erschlägt seinen jüngeren Bruder, worauf der Schöpfer ein Zeichen an seiner Stirn macht. Wer ist die Mutter in diesem Bild? Vermutlich die Mutter Erde. Das erklärt auch ihre Behandlung im weiteren Verlauf des Films. Als sich das Haus immer mehr mit Menschen füllt wird sie übler und übler misshandelt. Die christliche Idee des Dominium terrae, der Herrschaft des Menschen über die Welt wird hier deutlich.

Aronofsky inszeniert die biblische Menschheitsgeschichte hier mit den Mitteln des Horrorfilms. Und das tut er durchaus interessant. Das große gothische Haus, in dem die gesamte Handlung stattfindet, lässt kaum ein typisches Spukhausmerkmal aus. Es knackt und kracht in den Wänden, es dräut düster und im Keller steht ein Ofen, der Kevin McAllister in einen anderen Staat ziehen lassen würde. Doch nichts davon wirkt bedrohlich. Das Haus ist vielmehr eine Erweiterung von Lawrences Charakter. Als wäre das Haus die eigentliche Welt (weshalb wir auch nie etwas darüber hinaus sehen) und „Mutter“ nur der gute Geist der Welt, der versucht „ein Paradies daraus zu machen“. Wenn schwärende Wunden in Boden und Wänden auftauchen, dann weil Lawrences Charakter verletzt wurde und wenn sie sich letztlich der unsäglichen Schöpfung des Poeten entledigt, dann sind die Zerstörung ihrer selbst und des Hauses eins.

Aber was genau will uns Aronofsky sagen? Ist der Films eine Abrechnung mit dem Christentum? Mit der Menschheit an sich? Ist seine Botschaft eine ökologische, die besagt, wenn wir uns in unserem „Haus“, dem einzigen das wir haben, weiter benehmen wie die letzten Arschlöcher, dann werden wir eines Tages alle brennen? All das kann man da problemlos reinlesen. Aber auch eine Untersuchung seiner eigenen, der kreativen Zunft. Der Poet wird jeder seiner Schöpfungen (die nie gänzlich seine eigenen sind) allzu schnell überdrüssig und sucht nach neuer Inspiration und, nicht zuletzt, neuer Verehrung ohne Rücksicht auf die Folgen für die, die er zurücklässt. Natürlich könnten wir hier auch einfach den nervösen Zusammenbruch einer psychisch kranken Frau sehen, die ihre Medikamente die Toilette herunterspült und deren Ehemann das exakte Gegenteil von hilfreich ist. Damit ist das inhaltlich, wenigstens für mich, ein wenig zu beliebig. Wenn alles allegorisch ist, wie Aronofsky nicht müde wird deutlich zu machen, dann bleibt am Ende wenig übrig.

Die größte Stärke des Films ist seine Inszenierung. Wir bleiben den gesamten Film über in direkter Nähe von Lawrences Charakter und ihrer streng subjektiven Sicht auf die Dinge. Ohne Musik sind wir den düsteren Grün- und Brauntönen des Hauses unentrinnbar ausgeliefert. Und Lawrence liefert eine reichliche Tour de Force des Schauspiels ab. Leider schleicht sich alsbald hier eine gewisse Repetition ein. Lawrence erlebt etwas furchbares, Bardem ist nirgendwo zu sehen, bis er plötzlich, ein wenig dümmlich grinsend, etwas zu nah vor der Kamera erscheint und verkündet, dass alles gut würde. Von Pfeiffer und Harris hätte ich gern mehr gesehen. Die Inszenierung von Adam und Eva als rauchende, saufende, dreiste Nervbolzen hatte etwas vom anarchischen Charme von ‚Noah‘. Der verschwand in dem sich hoffnungslos selbst ernst nehmenden Rest des Film leider völlig.

Ich muss zugeben, ich habe Schwierigkeiten zu sagen, was ich von dem Film halte. Die biblische Menschheitsgeschichte als Variation auf ‚Rosemarys Baby‘ ist fraglos eine hochoriginelle Idee, leider finde ich das filmische Ergebnis eher interessant als wirklich gut. Wobei man sich vermutlich fragen darf, ob das ein Film ist, der überhaupt „gut“ gefunden werden will. Gelegentlich fühlte sich der Film, wenigstens für mich, weniger nach Aronofsky und mehr nach Lars von Trier an (‚Antichrist‘ lässt grüßen). Nicht zuletzt weil eine gewisse filmische Provokation hier absolut im Mittelpunkt steht. Aber ich vermute, wer ihn sehen wollte hat ihn inzwischen gesehen und bedarf kaum noch meines Ratschlags. Für mich bleibt Bong Joon-hos ‚Mother‘ die bessere filmische Mutter (Andres Muschiettis ‚Mama‘ hat sich durch Heintje-Betitelung direkt selbst disqualifiziert). Ich für meinen Teil bin aber auf jeden Fall für mehr Ausrufezeichen in Filmtiteln!!

2 Gedanken zu “‚Mother!‘ (2017)

  1. Ich für meinen Teil bin aber auf jeden Fall für mehr Ausrufezeichen in Filmtiteln!!

    Du meinst, Filme wie CITY SWEET CITY!!!!, HATTORI!!!!, RAAAAWWWWRRR!!!!, UNBELIEVABLE!!!!! oder YEBA!!! CHI! QUI! CHA! können gar nicht schlecht sein? Da könnte was dran sein … 🙂

    Gefällt 1 Person

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