‚The Descent‘ (2005) – „I’m an English teacher, not f***ing Tomb Raider!“

In meiner ungeplanten und völlig zufälligen, losen Reihe von „gefallen mir diese Filme aus den 2000ern heute besser oder schlechter?“-Besprechungen ist diesmal ‚The Descent‘ dran. Einer meiner liebsten Horrorfilme der 2000er und Neil Marshalls mit einigem Abstand Bester. Würde ich jedenfalls sagen, bevor ich ihn nach fast 10 Jahren mal wieder schaue. Kann der Film diese Erwartungen auch heute noch erfüllen? Schauen wir mal.

Im Mittelpunkt des Films steht eine Gruppe von Freundinnen um Sarah (Shauna McDonald), Juno (Natalie Mendoza) und Beth (Alex Reid), die gemeinsam Extremsport betreiben. Auf der Heimfahrt von einer Rafting-Tour kommen Sarahs Ehemann und ihre kleine Tochter bei einem Autounfall ums Leben. Ein Jahr später trifft sich die Gruppe erneut, um ein Höhlensystem in den Appalachen zu durchwandern. Die Frauen wundern sich über die hohe Schwierigkeit der Tour und nachdem ein Tunnel einstürzt wird der Grund dafür klar: Juno hat sie statt in die bekannte Höhle in eine unerforschte geführt, damit sie ein „echtes“ Abenteuer erleben können. Nur weiß nun niemand, dass sie hier sind, noch wissen sie, ob es einen weiteren, erreichbaren Ausgang gibt. Vor allem wissen sie nicht, dass sie in der Höhle alles andere als allein sind.

Eigentlich wollte Marshall nach ‚Dog Soldiers‘ nicht gleich wieder einen Horrorfilm drehen, aus Sorge als „Horrorregisseur“ festgelegt zu werden. Doch das war es, wofür er Finanzierung bekam. So fühlt sich ‚The Descent‘ vermutlich nicht zufällig in vielen Elementen wie eine Antwort auf ‚Dog Soldiers‘ an (und beide würden ein tolles double feature abgeben). Wo dort der Cast größtenteils männlich war, sind es hier durchgehend Frauen, während dort eine Belagerung im Mittelpunkt stand, ist es hier ein Entkommen. Doch beiden Filmen ist ein Gefühl der Klaustrophobie gemeinsam.

In ‚The Descent‘ ist das sogar das Hauptelement seines Erfolges. Ich habe selten einen Film gesehen, der mich so froh hat fühlen lassen, einfach für die Tatsache, dass ich über der Erde bin. Für etwa die erste Stunde ist diese geradezu atemberaubende Klaustrophobie denn auch der „Antagonist“ des Films, bevor irgendein Höhlenmonster um die Ecke quietscht. Aber immerhin, wenn sie denn auftauchen die Monster, sind sie immer noch ziemlich effektiv. Offiziell heißen sie „Crawler“, ich habe sie immer „nackte Nosferatu“ genannt und sehe keinen Grund daran etwas zu ändern. Monströse, fledermaushafte, menschenfressende Troglodyten sorgen für tatsächlich mal gelungene Jumpscares und einige reichlich blutige Momente.

Tricktechnisch ist der Film aus heutiger Sicht ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sind da einige gar nicht mal so gute Composite Shots, mäßige CGI und geradezu cartoonhafte Effekte. Das betrifft vor allem den Abstieg zum Eingang der Höhle, der alle schwachen Effekte des Films in wenigen Minuten bündelt. Andererseits wird der Film in den Höhlen dann hochatmosphärisch. Diese Höhlen wurden im Studio gebaut. Aus einer Anzahl modulärer Elemente ließen sich schnell verschiedene Settings aufbauen. Ob in Finsternis oder in Dario Argento-eskes Primärfarbenlicht von Leuchtstäben getaucht, sind diese Höhlen sowohl atmosphärisch als auch glaubhaft. Und die Dunkelheit verbirgt vermutlich auch den einen oder anderen nicht so gelungenen Effekt.

Wie bei den Hundesoldaten ist auch der Abstieg des Titels doppeldeutig gemeint. Während der erste die Werwölfe beschreibt, beschreibt er auch die Entmenschlichung der dort gezeigten Militärausbildung (inklusive Tötung eines Hundes). Hier geht der Abstieg nicht nur in die Tiefe der Erde, sondern auch in die Untiefen der Psyche. Verfehlungen werden aus der Finsternis in das gnadenlose, rote Licht eines Leuchtstabes gezogen und erscheinen hier unentschuldbar. Handlung und Bedeutung sind hier untrennbar miteinander verbunden. Was das in manchen Regionen gezeigte, veränderte Ende nur umso ärgerlicher macht. Doch sollte heute in allen Versionen das ursprüngliche, erstaunlich düstere Ende wiederhergestellt sein.

Funktioniert der Film heute noch? Und wie! Vom reinen Bauchgefühl her ist die erste, monsterlose Hälfte die effektivere. Unter der Erde in einem schmalen loch eingeklemmt zu sein zählt für mich zum absoluten Alptraummaterial. Doch auch die zweite Hälfte funktioniert grandios. Nicht zuletzt weil die Charaktere hier nicht der Reihe nach von einem Jason-artigen hochüberlegenen Monster abgefrühstückt werden, sondern sich in einem ständigen Rückzugskampf tief (im wahrsten Sinn des Wortes) im menschenfeindlichsten Gebiet befinden, ohne dabei je ihre eigene Handlungsfähigkeit einzubüßen. Kurz, sie bleiben Charaktere und werden nicht zu reinen opfern gemacht.

Und obwohl, oder vielleicht gerade weil, der Film mir heute noch genau so gut wie damals gefällt, weigere ich mich nachwievor die Fortsetzung zu schauen. Dabei ist mir relativ gleichgültig, ob die gut oder schlecht ist, sie ist einfach derart unfassbar überflüssig, dass sie schon kontraproduktiv ist.

4 Gedanken zu “‚The Descent‘ (2005) – „I’m an English teacher, not f***ing Tomb Raider!“

  1. Einer der Filme mit dem eindruckvollsten Kinoerlebnis, das ich je hatte. Teile unserer Gruppe hatten damals sogar das Kino verlassen. Super klaustrophobisch und hart. Den zweiten Teil habe ich gesehen und ja, den kann man sich sparen. Ein Quasi-Remake von Teil 1. An sich ganz kompetent gemacht, aber sowas von unnütz.

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