Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Cats‘ (2019)

Ich bin allergisch gegen Katzen. Und manchmal frage ich mich, ob die Stubentiger das wissen. Betrete ich, auch als Teil einer Gruppe, einen Raum, in dem sich eine Katze befindet, tappst die mit absolut zielsicherer Eleganz direkt auf mich zu. Was soll ich machen? Ich hab ja nix gegen Katzen und die können nix dafür, dass mir die Augen jucken, dass ich sie gern aus ihren Höhlen reißen würde, wenn sie nur in meiner Nähe sind. Und sie zu ignorieren sorgt nur dafür, dass sie sich umso mehr um meine Aufmerksamkeit bemühen. Was das mit Tom Hoopers Musical-Verfilmung ‚Cats‘ zu tun hat? Tja, die konnt ich auch nicht ignorieren und jetzt würd ich mir gern die Augen aus den Höhlen reißen, hehehe. Nee, keine Sorge, derart billig überzogene Kritik folgt hier nicht wirklich. Aber ich schinde dennoch gerade ziemlich erkennbar Zeit, bevor ich mich mit dem Film auseinandersetzen muss. Na schön, dann mal drauflos, mit lautem Miau!

Hollywood und das Musical. Das ist eine ganz besondere Beziehung. Mit der Geburt des Tonfilms in den späten 1920ern wurde das Musical zu dem Filmgenre, das technischen Fortschritt verkörperte wie kein anderes. Über Jahrzehnte musste ein Hollywood-Star nicht nur gut aussehen und schauspielern können, Talent im Singen und Tanzen war mindestens ebenso wichtig. Doch dann ließ das Zuschauerinteresse nach, und wie das andere uramerikanische Genre, der Western, galt nach einigen aufsehenerregenden Flops das Filmmusical als „tot“. War und ist es natürlich nicht, es ist nur nicht mehr der große Prestige- und Gewinngarant. Manchmal aber eben doch noch.

Tom Hooper lieferte 2012 seine Verfilmung von ‚Les Misérables‘, der Boubil/Schönberg Musical-Adaption des Romans von Victor Hugo basierend auf dem gescheiterten Juniaufstand 1832 in Paris ab. Der Film spielte fast eine halbe Milliarde Dollar ein und gewann 3 Oscars. Seitdem hat der Film einigen „backlash“ erlebt (nicht zuletzt aufgrund des Films über den wir heute eigentlich reden wollen). Hooper arbeitete mit Nahaufnahmen und großen Totalen, etwas was ein Film kann, eine Bühnenfassung aber eben nicht. Dazu kam, dass er dem Film einen gewissen Realismus verpasste. Wenn Anne Hathaways Fantine „I have a dream“ singt, sitzt sie mit kurzgeschorenen Haaren in einem Sarg. Die Zähne gelb, die Augen gerötet in riesiger Nahaufnahme ist es zu gleichen Teilen Nervenzusammenbruch und Lied. Musical-Puristen beklagten, dass man sitzend und weinend doch kaum vernünftig singen kann. Ich bleibe jedoch dabei, als Film (und eben nicht nur als gefilmtes Musical), funktioniert Hoopers ‚Les Misérables‘. Er ist nicht grandios, aber allemal gelungen. Und weil auch unter den Erbsenzählern der Studios viele sitzen, die Nostalgie für die Musical-Zeiten hegen, hatte Hooper nach diesem Erfolg natürlich carte blanche für ein nächstes Musical. Ich frage mich, ob erste Sorgenfalten auf Stirnen auftauchten, als er sich für ‚Cats‘ entschied. Denn wenn ein Musical mit seinem eigenwilligen Realismus-Anspruch kollidieren musste, dann doch wohl ‚Cats‘.

Wo ‚Les Misérables‘ einen geradezu epischen Handlungsbogen aufspannt, ist ‚Cats‘ eher eine Nummernrevue. Andrew Lloyd Webber ließ sich von T.S. Eliots Gedichtband  „Old Possum’s Book of Practical Cats“ inspirieren. Die Gedichte hierinnen stellen vor allem einzelne Katzen vor. Genau das ist auch der hauptsächliche Aspekt des Musicals. Die Jellicle-Katzen treffen sich des Nachts auf einer Müllkippe. Sie bemerken, dass sie vom Publikum beobachtet werden. Ihr Treffen hat den Zweck, dass eine von ihnen von ihrem spirituellen Anführer Old Deuteronomy auserwählt wird in den Heavyside Layer aufzusteigen und in ein neues Katzenleben geboren zu werden. Kurz, ein feliner Todeskult mit schmissigen Songs und cooler Choreografie. Die Kandidaten für die Neugeburt stellen sich sodann vor (oder werden vorgestellt). Schurkenkatze Macavity entführt Old Deuteronomy um seine Wahl zu erzwingen. Allerdings hext Zauberkatze Mister Mistoffelees den alten Boss kurzerhand zurück. Sodann wird die ausgestoßene, abgerissene, ehemalige Glamour-Katze Grizzabella zum „Jellicle Choice“ ernannt. Ende.

Für einen Film ist das natürlich etwas wenig Handlung. Und so gibt es durchaus einige Veränderungen. Macavitys Schurkenrolle wird erweitert. Vor Old Deuteronomy entführt er seine Mitbewerber, um zur einzigen Wahl zu werden. Und Katze Victoria wird zum Stellvertreter für das Publikum. Eine frisch ausgesetzte Katze, der die Jellicles, anstatt den Zuschauern, alle Informationen vermitteln. Aber im Großen und Ganzen bleibt die Struktur der Nummernrevue erhalten.

Auf der Bühne treten die Darsteller in Katzenkostümen auf. Hooper hatte die prächtige Idee seine Darsteller mit CGI Fell, Schnurrharen und Schwänzen zu versehen. Allerdings ließ er seine Darsteller keine Motion Capture Anzüge tragen, was bedeutete, dass die CGI Künstler Frame für Frame per Hand bearbeiten mussten. Über den entfremdenden Effekt der CGI Kostüme ist viel geschrieben worden. Über ihre technischen Unzulänglichkeiten ebenfalls. Vor allem ist es etwas, worüber sich jeder durch Ansicht des Trailers direkt selbst ein Bild machen kann. Das ist daher eigentlich kein Punkt den ich lange beschreiben möchte, aber er muss erwähnt werden, ist es doch diese seltsame Entfremdung, die sich in jedem Moment zwischen den Zuschauer und den Film drängt. Die jede Immersion unmöglich macht.

Wenn Jennifer Hudson als Grizzabella die berühmteste Nummer des Musicals, „Memories“, schmettert, dann ist das gesanglich sicher nicht schlechter als was Frau Hathaway abgeliefert hat. Und Hooper filmt es auch noch ganz ähnlich in großen, ungeschönten Nahaufnahmen, in denen der Katze der verheulte Rotz aus der Nase läuft. Und dennoch ist da diese groteske CGI-Trennmauer, die jegliche Empathie im Keim erstickt. Es ist nicht Jennifer Hudsons Schuld, dass sie die bizarre „Kostümierung“ nicht überwinden kann, egal wie sehr sie sich in die Rolle hängt. Kein Darsteller ist daran schuld. Was nicht heißen soll, dass sich die Darsteller hier mit Ruhm bekleckern. Francesca Hayward Darstellerin der Victoria reagiert auf alles gleich, mit großäugigem Erstaunen. Selbst Ian McKellen als Theaterkatze Gus kann der unfassbaren Albernheit des Geschehens keine Gravitas verleihen. Die arme Judi Dench als Old Deuteronomy schließt den Film mit einer Art brabbelndem, die vierte Wand durchbrechenden Sprechgesang, der uns tiefe Weisheiten vermittelt („a cat… is not… a dog“) und immer wenn man gerade glaubt es sei vorbei, setzt sie erneut an. Die erlösende Schwarzblende kommt dann dennoch völlig unvermittelt.

Nein, die singenden Darsteller kommen hier nicht gut weg. Ein wenig besser sieht es für die schauspielernden Sänger aus. Jason Derulos Rum Tum Tugger und vor allem Taylor Swifts Bombalurina sind die (zugegeben ziemlich tiefhängenden) Höhepunkte des Films. Swifts Nummer, in der ihre feline fatale Bombalurina Superschurke Macavity (Idris Elba) besingt, während sie gleichzeitig die versammelten Jellicles unter Drogen setzt, kommt der pompösen Eleganz eines modernen Musikvideos ziemlich nahe. Und Derulos Auftritt hat vermutlich den Vorteil, dass er nach einer gewissen anderen Sequenz folgt. Einer Sequenz, die ich nun leider besprechen muss.

Der absolute Tiefpunkt des Films kommt nämlich schnell und er kommt heftig. Nach 15 Minuten treffen wir Rebel Wilson als Hauskatze Jennyanydots. Die liegt den ganzen Tag irgendwo rum, doch nachts zwingt sie das häusliche Ungeziefer in bizarre Cabaret-Nummern. So zeigt sie ihren Mäusechor unter der Spüle. Diese Mäuse, in Todesangst vor den Katzen, haben, aus für mich unerklärlichen aber fraglos verstörenden Gründen die Gesichter von Kindern. Doch damit endet der Horror nicht. Lange Reihen von kostümierten Kakerlaken, ebenfalls mit menschlichen (aber zum Glück nicht kindlichen) Gesichtern tanzen auf und unter Möbeln, wobei sich Jennyanydots einzelne, offenbar nicht ausreichend motivierte Exemplare herauspickt und mit lautem Knirschen zerbeißt. Oh ja, und dann häutet sich Jennyanydots. Sprich, sie reißt sich das CGI-Fellkostüm vom Leib, darunter kommen ein weiteres Fell, ein Vegas-Showgirl-Kostüm und Strass-Stein-Besatz zum Vorschein. Irgendwer hat hier irgendwas ausgelebt. Derulo konnte nur besser aussehen, indem er auf diese Nummer folgte. Denn schlimmer konnte es unmöglich werden.

Ein paar Worte müssen noch über Macavity verloren werden. In Sachen Bedrohlichkeit findet der seinesgleichen weniger auf den Straßen von London als in der Sesamstraße. Aber lassen wir das mal außen vor. Macavity ist eine der wenigen Katzen, die Kleidung trägt. Hut und Mantel nämlich. Bis er das plötzlich nicht mehr tut. Und irgendwer (nicht wahr, Herr Hooper?) hatte die brillante Idee Macavitys Fellfarbe ziemlich exakt Idris Elbas Hautfarbe anzupassen. Weswegen mein Hirn jedes Mal vermeldete, dass Elba nackt sei, wenn er später im Film auftaucht. Ein wenig ablenkend ist das schon…

Die CGI-Kostümierung ist hässlich, ja. Aber alles andere ist mindestens ebenso hässlich. Die Hintergründe von Londoner Straßen wirken derart leblos, dass man sie anstatt aufwändiger CGI auch schlicht mit Matte Paintings hätte bestreiten können. Die „echten“ Sets mit übergroßen Möbeln und Utensilien wirken nie wie etwas anderes als Sets mit übergroßen Möbeln und Utensilien. Der gesamte Eindruck ist ein Theater-hafter. Demgegenüber steht die extrem unruhige Kamera. Anstatt sie still zu halten und die, teilweise sicher gelungene, Choreografie wirken zu lassen fährt sie wirr durch den Raum, um uns etwas hilflos daran zu erinnern, dass wir einen Film schauen. Teilweise geradezu seltsam ungeschickte Schnitte desorientieren dann vollständig. Statik der Sets und wirre visuelle Inszenierung beißen sich in manchen Szenen derart, dass sie sogar kurzzeitig von den furchtbaren Kostümen ablenken.

Ist der Film also sooo schlecht? Ja, absolut ja. Eine groteske Abfolge der falschestmöglichen kreativen Entscheidungen führt zu einem absolut bizarren Endergebnis. Es gibt recht wenig zu lachen, der Film ist keinesfalls „so schlecht, dass er gut ist“. Was er aber auch nicht ist, ist langweilig. Ich war schlicht 110 Minuten lang ernsthaft perplex. Mein Mund stand über lange Phasen offen und wenn nicht entwichen ihm kurze Phrasen wie „oh nein!“ oder „warum?“. Das ist ein Film, den man sehen muss um ihn zu glauben. Das ist die Art von grandiosem Scheitern, die im heutigen, glattgebügelten Kino eigentlich nicht mehr möglich ist. Es ist ein Film, der Dich alle paar Minuten am Kragen packt, Dir ein paar kräftige Ohrfeigen verpasst und Dich erinnert: „Du schaust ‚Cats‘, Du Trottel!“

Und genau hier würde ich mich im Normalfall für den Film einsetzen. Nein, er hat mir nicht gefallen. Aber er ist mir dennoch lieber als 5 Blockbuster bar jeder Ecken und Kanten. Ich werde noch in 5 Jahren mit Schaudern an die Mäusekinder und die Kakerlaken denken. An Judi Denchs sinnloses Phrasieren, an den nackten/nicht nackten Idris Elba (hier beliebigen „Schrödingers Macavity“ Gag einfügen). Aber ich kann und will mich nicht für den Film einsetzen. Die unerträgliche Arroganz eines Gutteils der Beteiligten die das gesamte Scheitern des Films ausgerechnet auf die am schlechtesten bezahlten Arbeiter, mit der geringsten Jobsicherheit der gesamten Produktion schieben wollen, nämlich die CGI Künstler, widert mich an. Die haben exakt abgeliefert was gefordert war. Unter absolut idiotischen Bedingungen, weil Herr Hooper zu blöd oder zu arrogant war, seine Darsteller mit Motion Capture Suits zu versehen. Die haben an diesem unsäglichen Haufen dreimal gequirlten Blödsinns vermutlich härter gearbeitet als irgendwer sonst und standen am Ende zum Dank ohne Job da. Kurz vor Weihnachten. Leck mich am Arsch, James Corden*!

Dennoch, wenn Ihr über mögliche Unsympathien gegenüber den Machern hinwegsehen könnt, oder aber den Film aus zweiter Hand kauft wie ich (und glaubt mir, der war nicht teuer…) dann meine ich, dass sich ein Ansehen lohnt. Und wie gesagt, notwendig ist, um zu verstehen wie schief er gegangen ist. Es ist so viel mehr als misslungene CGI.

Hier noch einige „Fun Facts“ als Rausschmeißer: Anne Hathaway und Hugh Jackman wurden beide gefragt, ob sie eine Rolle übernehmen wollten. Beide lehnten dankend ab.

Man hoffte Taylor Swift würde den Film auf sozialen Medien bei ihrer gigantischen Fanbase anpreisen. Hat sie nicht.

Judi Dench spielt mit Old Deuteronomy erneut eine Rolle, die gewöhnlich von einem männlichen Darsteller gespielt wird. Die andere ist natürlich James Bonds M.

Die CGI-Katzenpopos, die irgendeine arme Seele wieder retuschieren musste, sind ein bekanntes Gerücht. Weit weniger bekannt, dass eine der Katzen angeblich unter sich uriniert haben soll (in CGI natürlich). Die Szene soll noch im Film seine nur das Katzenpipi fehlt. Und ja, sowohl Popo als auch Pipi sind nicht unbedingt „fun“ oder „facts“. Aber ich habe nach dem Film keinerlei Problem beides zu glauben. 

*einmal wegen seiner dämlichen Bemerkungen bei der 92sten Oscar-Verleihung, aber auch einfach so. Grundsätzlich.

7 Gedanken zu “Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Cats‘ (2019)

  1. Bei mir steht der Film auch noch im Regal. Habe mich aber bisher nicht rangewagt, da ich eine Schwäche für das Musical habe. Habe ja immer auf ein Guilty-Pleasure gehofft, aber wenn ich deine Besprechung so lese, dann wird das wohl nichts. Toll geschrieben (wie immer bei deinen sehr ausführlichen und reflektierten Deep Dives)! 🙂

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    • Der Fairness halber hätt ich oben vielleicht sagen sollen, dass Cats nicht zu meinen liebsten Musicals zählt. Musikalisch ist es aber (imo) völlig solide was hier abgeliefert wird.

      Ich frage mich, wie es meine Reaktion auf den Film verändern würde, wenn ich das Musical lieber mögen würde. Würd die Musik reichen, oder wär ich ernsthaft sauer wegen der verbockten Inszenierung? Wer weiß. Bin gespannt wie Du ihn findest… 😉

      Gefällt 1 Person

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