‚Tenet‘ (2020)

2020 war ein an Kinoblockbustern eher armes Jahr. Aus offensichtlichen Gründen. Eine Ausnahme war Christopher Nolans ‚Tenet‘. Der verweigerte sich sogar erfolgreich Warners gleichzeitiger Veröffentlichungspolitik in Kino und Stream. Dabei wäre ‚Tenet‘ geradezu prädestiniert für eine doppelte Veröffentlichung: im Kino vorwärts, im Stream rückwärts. Denn, der palindromische Titel lässt es bereits ahnen, Nolan treibt seine Faszination mit der filmischen Darstellung des Ablaufs von Zeit hier auf den absoluten Höhepunkt. Mit einiger visueller Wucht.

Ein CIA Agent (John David Washington), der Protagonist, versucht während einer Geiselnahme in der Kiewer Oper einen Informanten zu extrahieren. Dies schlägt fehl und endet damit, dass der Agent eine vermeintliche Selbstmordkapsel schluckt. Doch sein angeblicher „Tod“ dient nur dazu ihn der Geheimorganisation Tenet zuzuweisen. Diese beschäftigt sich mit temporalen Anomalitäten. In der Zukunft ist es gelungen die Entropie von Gegenständen umzukehren und sie so in der Zeit zurückzuschicken. Hierbei handelt es sich vor allem um Waffen und Munition, die der russische Oligarch Sator (Kenneth Branagh) verkauft. Mit der Hilfe von Agent Neil (Robert Pattinson) schleicht sich der Protagonist über Sators Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) in das Umfeld des Waffenhändlers ein, wo schnell klar wird, dass Sator und die Menschen der Zukunft weitaus bedrohlicheres Planen, als ein paar Waffen zu schmuggeln.

Wenn man diese vorsichtige Zusammenfassung liest, ist ein Gedanke vielleicht unausweichlich: das ist Nolans James Bond. Und nicht ganz zufällig bedient er sich allerlei typischer Versatzstücke des Bond-Mythos. Da sind die Actionszene vor dem Titel, die maßgeschneiderten Anzüge, die internationalen Settings, der böse Russe (gespielt von einem Briten), die Frau, die der brutal kontrolliert, seine Yacht in blauen Gewässern und sogar ein unterirdisches Hauptquartier. Wilde Autoverfolgungen, gewagte Einbrüche und bombastische Actionszenen sind nun zwar nicht so pur Bond, aber dennoch bekannte Actionversatzstücke. Und selbstverständlich gilt es auch hier nichts weniger als das Ende der Welt zu verhindern.

Aber das ist natürlich nicht alles. Denn ein ganz wesentliches Element ist das der Zeitumkehr. Das funktioniert nicht nur mit Gegenständen, insofern dann etwa die Kugeln zurück in die Waffe fliegen, sondern auch Menschen können in ihrer Entropie umgekehrt werden und bewegen sich sodann rückwärts durch die Zeit. Das wird zunächst einmal natürlich weidlich in den von Nolan und Kameramann Hoyte van Hoytema perfekt durchgestylten Actionszenen genutzt. Die laufen hier nicht, wie üblich, einmal durch, sondern gerne auch zwei bis dreimal in jeweils umgekehrter Laufrichtung. Es ist kein Zufall, dass eine Wissenschaftlerin dem Protagonisten die temporale Umkehr anhand eines Videorekorders mit Vor- und Rückspulfunktion erklärt. Es ist ein erzählerisches Element, das mit diesem Effekt einzig im Film möglich ist und im Nachhinein geradezu offensichtlich erscheint.

Doch ist es nicht nur ein gelungener Effekt, es wird auch deutlich, dass sich Nolan über die Mechanik dieses Effektes einige Gedanken gemacht hat. Wichtiger aber noch, seine Erzählung erhält dadurch einige Brisanz. Denn er verwandelt einen derzeitigen Generationenkonflikt zwischen jung um alt rund um das Thema Klima hier in einen temporalen, kalten Krieg, der in seiner heißen Phase das Ende aller Existenz bedeuten könnte. Wenn eben die Zukunft mit derselben Gleichgültigkeit auf die Vergangenheit schaut, wie die derzeitige Gegenwart auf die Zukunft. Allerdings ist Nolans Erzählung hier zum Glück keine fatalistische, sondern eine, die immer wieder den freien Willen, die Möglichkeit der Veränderung betont. Wenigstens der Zukunft, weniger der Vergangenheit. Wobei die Unterschiede hier durchaus fließend werden. Verwirrt? Gut.

‚Tenet‘ ist fraglos ein Film, der wiederholtes Ansehen belohnt. Ohne Untertitel ist das wohl auch schon nötig, um sämtliche Dialoge mitzubekommen. Ich weiß nicht, ob sich in den Anspielungen auf das Sator-Quadrat (Waffenhändler Sator, seine Firma Rotas, Überfall auf die Oper (opera), Kunstfälscher Arepo), dessen zentrales „Drehkreuz“ (vgl. die Portale zur Zeitumkehr) das Wort tenet bildet nun noch ein weit größeres Rätsel in sich bergen, das ich im Moment nicht sehe. Ich glaube es aber nicht. Ich habe den Eindruck es handelt sich vor allem um Anspielungen auf palindromische Handlungen. Etwa, dass man sich selbst beobachtet, wenn man ein Zeit-Drehkreuz betritt. Oder das Konstrukt des temporalen Zangenangriffs.

Problem eines Wiederansehens ist für mich, dass alle Fragen die ich noch habe eher mit den Zeitmechaniken zu tun haben als mit philosophischen Ideen oder gar den Charakteren. Sicher, die entscheidende Frage am Ende von meinen vermutlich liebsten Nolan ‚The Prestige‘ ist auch eine mechanische. Doch hier ist die Mechanik der Bühnenzauberei so eng verzahnt mit den Charakteren, dass das quasi eins wird. ‚Tenets‘ Charaktere hingegen werden, für mich wenigstens, nie viel mehr als Abziehbilder.

John David Washington überzeugt durchaus als Action-Protagonist, aber als Charakter bleibt er, in diesem Fall sicher beabsichtigt, eine ziemliche Chiffre. Pattinson liefert seinen Neil, der hinter einem jovialen Äußeren durchaus Geheimnisse verbirgt, routiniert und gekonnt ab. Die Beziehung zwischen den beiden ist vermutlich die interessanteste des Films, aber eine auf die kaum Zeit (heh) investiert wird. Elizabeth Debicki müht sich nach Kräften in einer Rolle ab, mit der das Drehbuch nicht sonderlich gut umzugehen weiß. Und dann ist da Ken Branagh. Der erhält den Wanderpreis „schlechtester, russischer Akzent von einem Darsteller, der es bestimmt besser könnte“ aus den Händen von Cate Blanchetts ‚Indy 4‘ Charakter. Und auch ansonsten ist die Figur eine reine Checkliste vom Charakterbogen „Gangsterboss, russisch“.

Und so muss ich ganz ehrlich zugeben, dass der Film für mich im dritten Akt langsam aber sicher nicht mehr so recht funktionieren wollte. Die große Actionszene konnte mich kaum fesseln, weil mir die involvierten Charaktere zu einem guten Teil wumpe waren. Das hat den Film jetzt sicher nicht zerstört, Nolan und Hoytema schaffen hier absolut beeindruckende Bilder, aber es sind eben auch nur Bilder.

Vielleicht mache ich mich unbeliebt damit, aber ich würde von Nolan sehr gerne mal wieder einen kleineren Film sehen. Auch ein ‚Memento‘ lebte sein erzählerisches Zeitgimmick, hat aber seinen Charakteren mehr Raum gegeben. Zugegeben, daran scheint Nolan selbst so gar kein Interesse zu haben und sein Erfolg gibt ihm Recht, aber ich würd es gerne sehen.

Und ‚Tenet‘? Ist der nun empfehlenswert? Trotz meiner Kritikpunkte finde ich, ja, auf jeden Fall. Wir sind heute von CGI gewohnt, dass man uns alles zeigen kann was nur vorstellbar ist. Was Nolan hier sehr clever gemacht hat ist auf CGI weitgehend zu verzichten. Was er zeigt ist (mehr oder weniger) echt. Das lässt die Zeitumkehr nur umso eindrucksvoller wirken und ich bin mir sicher, das ist ein Element, das wir zukünftig häufiger sehen werden. Eben weil es so ein simples, aber effektives, filmisches Werkzeug ist.

2 Gedanken zu “‚Tenet‘ (2020)

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