‚Thelma‘ (2017)

Manchmal sind die Gefühle, die ein Film auslöst recht schwer in Worte zu fassen. Für die meisten Leute ist das kein großes Problem, wenn man sich aber in den Kopf gesetzt hat, über den Film zu schreiben, dann wird es kompliziert. Zum Glück habe ich das leise Gefühl, dass es bei dem Film ‚Thelma‘ des Norwegers Joachim Trier nicht nur mir so geht. Das Cover des Films zitiert eine Vice-Rezension, die den Film als „‚Blau ist eine warme Farbe‘ trifft ‚Carrie‘“ beschreibt. Genauso treffend (nämlich nicht besonders) könnte ich den Film als „‚Requiem‘ trifft ‚X-Men‘“ beschreiben. Aber okay, statt über spekulative Treffen, lasst uns lieber über den Film selbst sprechen.

Thelma (Eili Harboe) verlässt ihre streng christliche Familie auf dem norwegischen Land, um in Oslo zu studieren. Sie tut sich anfangs recht schwer damit Freunde zu finden und beginnt an epileptischen Anfällen zu leiden, die sie vor ihren Eltern geheim hält. Sie verliebt sich in ihre Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins), die ihre Gefühle auch erwidert. Allerdings erzeugt diese Liebe tiefe Schuldgefühle in der zutiefst konservativ-christlich aufgewachsenen Thelma, die sich bald wünscht sie wäre nicht in Anja verliebt. Damit verbunden entsteht in ihr bald der Verdacht, dass ihre „Anfälle“ mit mysteriösen, übersinnlichen Fähigkeiten einhergehen. Fähigkeiten, die für Menschen, die ihr nahestehen gefährlich sein könnten. Womöglich finden sich Antworten auf dieses Mysterium in Thelmas verdrängten Kindheitserinnerungen.

Immerhin, mein Vergleich zu Hans-Christian Schmids ‚Requiem‘ sollte mit dieser Zusammenfassung nachvollziehbar werden. Tatsächlich steckt einige Verwandtschaft zu dem in diesem Film. Doch während Schmids Film ein vollkommen bodenständiger war (was mit Blick auf seine Anlehnung an eine reale Tragödie auch der einzig richtige Weg war), liegt Triers Kunst gerade darin, dass er zwischen dem Realen und dem Mysteriösen äußerst elegant hin- und herzuwechseln weiß. Und damit meine ich nicht nur, dass wir länger im Unklaren bleiben, ob Thelmas epileptische Anfälle tatsächlich nur das sind, oder etwas Übernatürliches dahintersteckt. Ein recht deutlicher Fingerzeig auf ‚Der Exorzist‘. Auch scheint hinter dem Plattenbau des Osloer Studentenwohnheims direkt ein undurchdringlicher Wald zu beginnen, was ihm die märchenhafte Verlorenheit der Schule in Julia Ducournaus ‚Raw‘ oder der Hochhaussiedlung in ‚So finster die Nacht‘ gibt.

Hier soll die Nennung aller möglichen anderen Titel gar nicht den Eindruck erwecken, Triers Film sei eine Zitatesammlung, ein reiner Epigone. Denn das stimmt nämlich überhaupt nicht. Mit derselben Eleganz mit der Trier zwischen  Realismus und Fantastik wechselt, schaltet er auch zwischen Genres um. Coming-of-age/Selbstfindungsfilm, Mysterythriller, whydunnit (kein Vertipper, sondern ein Genre, das ich mir gerade ausgedacht habe) und eben ganz leichte Verweise in Richtung bekannter Superhelden-Thematik, was Thelmas nicht klar definierte Fähigkeiten angeht. Was er allerdings wirklich hervorragend macht, ist in mir als Zuschauer ein geradezu dauerhaftes Gefühl des Unbehagens zu erwecken. Der Film eröffnet mit einer äußerst kaltblütigen Szene, die ich hier gar nicht beschreiben möchte. Wenn Trier dann jedoch folgende Szenen zwischen Thelma und ihren Eltern warm und liebevoll (wenn auch etwas kontrollierend von Seiten der Eltern) inszeniert, als wäre nichts passiert, dann zieht wenigstens mir das den Teppich unter den Füßen weg und ich wusste lange nicht, was ich von gewissen Szenen zu halten habe.

Dasselbe tut er bei der anderen wichtigen Beziehung Thelmas, der zu Anja. Die inszeniert er intim und schön (wenn auch Thelmas christliche Schuldgefühle eine wirkliche Beziehung verghindern), allerdings baut al dies auf einer recht verstörenden Szene im Park vor Thelmas Studentenwohnheim auf, die auch alle Szenen hier mit einem großen Fragezeichen versieht.

Wer aufgrund eingehender Vergleiche hier allerdings einen Gruselschocker mit Schweineblut, Telekinese und spontan in Flammen ausbrechenden Menschen erwartet wird enttäuscht werden (jedenfalls in zwei von drei der genannten Fälle). ‚Thelma‘ ist was man wohl einen „slow burn“ nennen würde. Einen langsam und methodisch erzählten Film, der vor allem von seinen Charakteren lebt. Diese Charaktere sind allerdings sehr stark geschrieben, und die oben beschriebene Inszenierung hält die Aufmerksamkeit die gesamte Laufzeit über gefangen. Und der Film stellt sicher, dass er diese Aufmerksamkeit auch verdient.

Doch die vielleicht größte Stärke des Films könnte Hautdarstellerin Eili Harboe sein. Sie schafft es ihre Thelma einerseits zu einer Getriebenen der Ereignisse zu machen. Ihre Verlorenheit, ihre Einsamkeit, ihre Schwierigkeiten sich zurecht zu finden, die ihr ihr eigenes Elternhaus mit auf den Weg gegeben hat. Aber sie ist auch zugleich, wenn auch zunächst unbewusst, die absolute Triebkraft hinter allen Ereignissen des Films. Wie der Film mühelos Brücken zwischen Genres baut, vereint Harboe ein ganzes Spektrum an Qualitäten in ihrem Charakter. Demgegenüber steht Kaya Wilkins Anja, die über lange Zeit des Films als diejenige Person erscheint, die ihr Leben und ihre mögliche Beziehung zu Thelma weit besser unter Kontrolle hat, letztlich aber zur beinahe tragischen Figur wird.

‚Thelma‘ ist ein absolut stilsicherer, effektiver Thriller. Er ist ein Selbstfindungsfilm wie Selbstfindung an sich: langsam, oft schmerzhaft und verwirrend. Er ist, wenn man denn so will, ein ganz eigener, sehr norwegischer, Blick auf die Idee der Superheldin. Was er jedoch nicht ist, was die zahlreichen Vergleiche zu anderen Filmen aber vielleicht annehmen lassen könnten ist ein Horrorfilm. Trotz, oder vielleicht sogar wegen der Schwierigkeit den Film adäquat zu beschreiben, würde ich ihn jedoch unbedingt empfehlen. Gerade wenn man mit einem Film wie ‚So finster die Nacht‘ etwas anfangen konnte, wird man hier vermutlich ebenfalls glücklich werden.

Mit wirklichen Horrorfilmen geht es nächste Woche los, wenn der Oktober ausbricht! UUUUUhuuuuhhhh!!!

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.