Buchempfehlungen: ‚The Elementals‘ und ‚Blackwater‘ von Michael McDowell

Obwohl ich sehr gerne Horrorfilme schaue, lese ich gar nicht mal so viel Gruseliges. Allerdings hat mich die Lektüre von Grady Hendrix‘ wunderbarem ‚Paperbacks From Hell‘ (siehe hier) auf allerlei Lesefährten geschickt. Und dabei habe ich mit ‚Blackwater‘ auch ein Buch entdeckt, dass direkt seinen Weg auf die vorderen Plätze meiner liebsten Horrorliteratur geschafft hat. Das möchte ich Euch heute kurz vorstellen. Daneben aber auch ‚The Elementals‘ vom selben Autor, Michael McDowell. Aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt weil das auch auf Deutsch verfügbar ist. Wenigstens theoretisch. Aber dazu unten mehr. Zunächst lohnt es sich vielleicht mit einer kurzen Biografie McDowells einzusteigen.

Michael McEachern McDowell ist ein Name, den man nicht unbedingt kennt. Allerdings dürfte die eine oder der andere mit seiner Arbeit am Film vertraut sein. Er wurde am 1.6.1950 in Alabama geboren, wo er auch aufwuchs. 1969 traf er seinen lebenslangen Partner Laurence Senelnick, einen Theaterhistoriker und Regisseur in dessen Stück er eine Rolle übernahm. 1978 erlangte er einen Ph.D. in Englisch an der Brandeis University. Kurz darauf begann sein umfangreiches, literarisches Schaffen. Unter seinem eigenen Namen veröffentlichte er während der 80er Jahre eine ganze Reihe Horror-Romane, aber auch Auftragsarbeiten, wie eine Roman-Adaption des Cluedo-Films ‚Alle Mörder sind schon da‘. Unter verschiedenen Pseudonymen schrieb er jedoch so ziemlich alles von der Komödie bis zu Science Fiction. Dabei betrachtete er sich als kommerziellen Autor und war durchaus stolz darauf. In einem Interview mit Literaturkritiker Douglas E. Winter sagte er „Ich schreibe Dinge, die nächsten Monat in den Buchhandlungen stehen sollen. Ich halte es für einen großen Fehler für die Ewigkeit schreiben zu wollen.“
Mitte der 80er begann er dann für verschiedene Anthologie-Fernsehserien zu schreiben und 1988 entwickelte er Geschichte und Drehbuch zu Tim Burtons ‚Beetlejuice‘ mit. Mit den 90ern ließ er die Literatur weitgehend hinter sich und wandte sich voll dem Drehbuchschreiben zu. So entwickelte er eine Idee Burtons zu ‚Nightmare Before Christmas‘ oder adaptierte Stephen Kings ‚Thinner‘. 1994 wurde ihm eine AIDS Diagnose gestellt. Daraufhin nahm er, für mehr finanzielle Sicherheit, an verschiedenen Universtäten Dozentenstellen für Drehbuchschreiben an. Daneben arbeitete er jedoch weiter an Auftragsarbeiten und persönlichen Projekten, etwa einer Fortsetzung zu ‚Beetlejuice‘. Diese stellte er jedoch vor seinem frühen Tod am 27.12.1999, in Folge seiner Erkrankung, nicht mehr fertig. Er wurde nur 49 Jahre alt.

Kommen wir zu den Büchern. In ‚The Elementals‘ haben zwei reiche, verschwägerte Familien aus Mobile, Alabama, die McCrays und die Savages, gerade eine sehr seltsame Beerdigung hinter sich gebracht und wollen nun in den extrem abgelegenen Ferienort der Familien fahren. Beldame an der Küste, bei Hochwasser sogar vor der Küste, besteht aus alten viktorianischen Häusern. Eines gehört den McCrays, das andere den Savages. Allerdings ist da noch ein drittes Haus. Das steht leer und wird langsam aber sicher vom Sand verschluckt. Die 15jährige India McCray, die für die Beerdigung und diesen Urlaub mit ihrem Vater aus New York angereist ist, versteht nicht, warum die Erwachsenen nicht über dieses Haus sprechen wollen. Ja, sogar fast so tun als existiere es nicht. Denn, da ist sie sich sicher, irgendetwas ist in diesem Haus.

Die Beschreibung lässt es wie eine Geisterhaus-Geschichte klingen und das ist sie ein Stück weit auch. McDowell ist durchaus sehr gut darin seinen Horror verstörend anschleichen zu lassen. Was ihn aber wirklich auszeichnet, ist wie er ihn dosiert und was er darum herum schafft. Seine Darstellung des US-Südens fühlt sich absolut wahrhaftig an. Sicherlich aus eigener Erfahrung, ist er dort ja auch aufgewachsen. Die absolute Trägheit ausgelöst durch die Hitze, die Umgangsformen, die hinter Höflichkeit versteckte, soziale Schichtung, all das lässt einen Ort, an dem ich noch nie war völlig greifbar erscheinen. Noch stärker ist aber die scheinbar spielerische Leichtigkeit mit der er in wenigen Sätzen hochkomplexe Beziehungen zwischen seinen Charakteren aufspannen kann. So rund fühlen sie sich an, dass der Horror, wenn er dann kommt, tatsächlich wie das Eindringen von etwas Fremdem, etwas Bösem in das Vertraute anfühlt.

‚The Elementals‘ ist perfekt um auszuprobieren, ob McDowell etwas für einen ist. Möchte man danach mehr, ist viel da, gefällt es gar nicht, wird einem auch der Rest nicht zusagen. Das Bekommen ist nur nicht ganz so einfach. Jedenfalls wenn man keinen E-Reader hat. Das amerikanische Taschenbuch ist recht teuer. Auf Deutsch ist das Buch als ‚Die Elementare‘ als Hardcover beim Festa Verlag erschienen, ist dort jedoch vergriffen. Aus zweiter Hand kann es entsprechend teuer werden. Das englische Ebook hingegen ist günstig zu erwerben und auch die Form in der ich es gelesen habe und zu der ich raten würde.

Nun aber zum Hauptgang: ‚Blackwater‘. 1919 treten die Flüsse Blackwater und Perdido über ihre Ufer und begraben das Örtchen Perdido in Alabama unter ihren Fluten. Oscar Caskey, Sohn der reichsten Holzindustrie-Familie des Ortes, sucht die Stadt mit seinem Boot nach Überlebenden ab. Überraschend findet er im ersten Stock des örtlichen Hotels die mysteriöse Elinor Dammert. Elinor und Oscar kommen sich schnell näher, sehr zum Unmut von Caskey-Matriarchin Mary Love, die fürchtet, die absolute Kontrolle über ihre Familie zu verlieren. Zu Recht, wie sich herausstellt. Über Jahrzehnte verfolgen wir den Aufstieg der Caskeys, denen scheinbar nichts misslingt, solange Elinor da ist. Allerdings kommen immer wieder einmal Menschen auf ebenso mysteriöse wie grausame Weise ums Leben. Und was ist Elinors Verbindung zum Fluss Blackwater in dem sie, trotz gefährlicher Strömungen, immer wieder nachts schwimmen geht?

Ich habe es an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Horror ist ein Genre, das sehr arm an Epen ist. Ein Genre, das häufig nur einen Moment beschreiben will. Sicher, der Schrecken mag aus der weiten Vergangenheit drohen, doch an der eigentlichen Geschichte dazwischen ist Horror selten wirklich interessiert. McDowell mach hier ein Epos auf, dass es in seiner Spannweite bald mit Gabriel Garcia Marquez‘ ‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ aufnehmen kann. Über Jahrzehnte verfolgen wir die Geschichte der Caskeys nach und auch hier kommt wieder McDowells große Stärke zum Tragen, wenn er die komplexen Verwicklungen zwischen den Charakteren mit spielerisch leichter Klarheit beschreibt und im Auge behält. Das bedeutet allerdings auch, dass das Buch lang ist. Wirklich lang. Ursprünglich erschien es über ein halbes Jahr als sechs einzelne Novellen.

Und es ist was man wohl einen „Slow Burn“ nennt. Ganze Kapitel können aus einer einzigen Konversation in Schaukelstühlen auf der Veranda bei Eistee bestehen. Allerdings sind McDowells Charaktere auch hier so rund, dass einem nicht langweilig wird. Insbesondere Mary Love ist ein grandios unsympathisch geschriebener Charakter. Doch McDowell sorgt dafür, dass man Sympathie für ein Monster empfinden wird. Und das am Ende der Abschied von den Charakteren, fehlerbehaftet wie sie sind, fast schmerzhaft wird. Auch hier schleicht sich der Horror auf leisen Sohlen an, bleibt jedoch anders als bei ‚The Elementals‘ stets wenigstens ein leises Hintergrundgeräusch, weil Elinor eben, aber nee, das könnt Ihr schön selbst rausfinden.

Die Themen die McDowell hier anreißt sind durchaus ernsthafte. Rassismus und Geschlechterungleicheit, die soziale Schere zwischen arm und reich sind nie direkt angesprochene aber stets vorhandene Themen. Überhaupt zeigt McDowell hier wie viel man darüber transportieren kann, was nicht direkt ausgesprochen wird, was nämlich auch ein Stück weit die Familienphilosophie der Caskeys zu sein scheint. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass dieses Buch noch nicht zu einer Prestige-trächtigen Miniserie verarbeitet wurde. Das Format wäre, dank des ursprünglich seriellen Erscheinens ja schon quasi perfekt.

Auch hier ist meine Empfehlung wieder das englische EBook. Eine deutsche Version gibt es nicht und Soft- und Hardcover der originalen Version rufen lächerlich hohe Preise auf. Da das physische Buch aber auch ein ziemlicher Wälzer sein dürfte, ist die Ebook Version vielleicht ohnehin die beste Wahl.

Hier am Ende muss ich nun Herrn McDowell widersprechen. Ich kann natürlich nichts darüber sagen, ob sie für die Ewigkeit sind, aber über 30 Jahre später haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Für mich steht als nächstes sein ‚Cold Moon Over Babylon‘ auf dem Programm. Das soll ein „typischerer“ Horroroman sein. Aber wenn er nur halb so gut ist wie diese beiden, bin ich mehr als zufrieden.

2 Gedanken zu “Buchempfehlungen: ‚The Elementals‘ und ‚Blackwater‘ von Michael McDowell

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