Unerwarteter Horror oder: von Rollerern und schreienden Köpfen

Ich mag Horrorfilme. Das ist für regelmäßige Leser keine neue Information. Ich habe hier auch schon mal geschildert, wie ich ‚Alien‘ allzu früh gesehen habe, und dass das etwas mit meinen heutigen Vorlieben zu tun haben könnte. Auch von meiner übertriebenen Panikreaktion als Vorschul-Steppke auf ‚E.T.‘ habe ich hier schon mehrfach geschrieben. Heute soll es aber um einen Film gehen, bei dem weder ich noch sonst irgendjemand damit rechnen musste, dass er irgendwem Angst machen würde und trotzdem saß ich (und nicht nur ich) quasi gelähmt auf meinem Platz.

Der Film von dem ich spreche, trägt den harmlosen Titel ‚Oz – Eine fantastische Welt‘ und stammt von 1985. Der Film versteht sich als Fortsetzung von ‚Der Zauberer von Oz‘ und basiert auf zwei weiteren Büchern von Frank L. Baum. Klingt doch nett, oder? Das dachten wohl auch die Eltern von einem Freund, dessen Kindergeburtstag ich vermutlich so 1987 besucht habe. Vermutlich habe ich ihm ein kleines LEGO Set geschenkt. So ein Weltraumset. Damit konnte man ja quasi nix falsch machen. Worüber reden wir? Ach ja: jedenfalls haben wir dort den Film auf VHS geschaut.

Dass der Ton hier ein anderer wäre als bei dem alten Judy Garland Musical (bei dem einige Szenen durchaus auch gruselig sind, versteht mich nicht falsch!) wurde sehr schnell klar, als die Szenen in der echten Welt in einer düsteren Nervenheilanstalt spielen, in die Dorothy (hier Fairuza Balk) nach ihrem ersten Ausflug nach Oz eingewiesen wurde. Alsbald gelangt sie zurück nach Oz, doch dessen Bewohner sind seit dem letzten Mal ein wenig heruntergekommen. Ein Huhn, das Dorothy trifft ist ja noch freundlich, aber die Smaragdstadt liegt in Trümmern, ihre Bewohner sind versteinert. Und dann… dann tauchen die „Rollerer“ auf. Seht selbst.

Hier wurde Mini-Filmlichter klar, dass diesem Film nicht zu trauen ist. Der meint es ernst! Die böse Hexe Mombi und der Zwergenkönig sind jedenfalls für die Zerstörung in Oz verantwortlich. Und damit kommen wir auch schon zu Mombi. Die sammelt die (lebenden und bewussten) Köpfe schöner Mädchen und Frauen und trägt sie abwechselnd.

Ich mein, klar, die schreienden Köpfe in ihren Glaskästen wären vermutlich schon genug, um aus der Szene Horror zu machen, aber warum nicht noch die kopflose Mombi dazu, die aggressiv aber blind durch die Gegend zuckt, wie ein frisch geköpfter Deadite. Groovy! Ich vermute hier war der Punkt erreicht, wo die Eltern von meinem Freund bemerkt haben, dass sie einen recht großen Fehler gemacht haben. Ich kann nicht mehr sagen, ob irgendwer angefangen hat zu heulen. Ich kann nicht mehr sagen, ob ich angefangen hab zu heulen.

Natürlich will Mombi auch Dorothys Kopf haben. Doch die flieht mit Roboter TikTok, Kürbiskopf Jack und einem fliegenden Sofa mit Elchkopf (für das sie das Lebenspuder aus dem Clip oben brauchte). In anderen („normalen“) Kinderfilmen wäre vermutlich jeder der drei gruselig, hier wirken sie ziemlich beruhigend. Der Rest des Films ist dann aber auch insgesamt weniger gruselig, natürlich werden Mombi und der Zwergenkönig (der deutlich weniger gruselig ist) besiegt, die Vogelscheuche hat einen Auftritt, am Ende ist in Oz alles wieder im Lot und die Nervenklinik ist abgebrannt (und Dorothys behandelnder Arzt (der sich einen Darsteller mit dem Zwergenkönig teilt) tot, die fiese Krankenschwester (selbe Darstellerin wie Mombi) kommt in den Knast.

Ob ich irgendetwas davon bei meiner ersten Sichtung mitbekommen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Ich glaube ich habe ungefähr bei Mombi aufgehört überhaupt in Richtung Fernseher zu schauen, höchstens durch die Finger. Den Film selbst habe ich bald vergessen oder verdrängt. Es redete auch kaum jemand drüber. Erst Jahrzehnte später, als ich das Cover der DVD in einem Regal sah, kam die Erinnerung zurück. Natürlich musste ich überprüfen, ob der wirklich so gruselig ist. Einen guten Teil seiner Wirkung hat er für einen Mittzwanziger natürlich eingebüßt, aber ich kann bis heute problemlos nachvollziehen, warum ich den Film damals so gruselig fand. Kindern würd ich ihn vermutlich nicht zeigen. Dabei ist der Film durchaus gut und aufwändig gemacht. Es ist die einzige Regiearbeit von Cutter und Sounddesigner Walter Murch. Als Cutter gehört er zu den respektiertesten seiner Zunft mit drei Oscars und jeder Menge Nominierungen.

‚Oz – eine wunderbare Welt‘ aber floppte, vermutlich eben weil der Film Kinder ziemlich verstörte, und Murch drehte nie einen weiteren Film (wohl aber exakt eine Folge der Serie ‚Star Wars: The Clone Wars‘, wobei ich nicht weiß, ob die gruselig ist). ‚Oz‘ erschien bei Disney, die in den 50ern die Filmrechte an den Büchern erwarben, ohne je viel damit anzufangen. Heutzutage wirkt ein Film wie ‚Oz‘ aus der Erfolgsschmiede der Maus geradezu unvorstellbar. Mitte der 80er war die Situation aber für das Studio selbst düster genug, dass man gewillt und gezwungen war Experimente zu machen.

Bei genauerem Hinsehen sind gruselige Momente aber gar nichts so Ungewöhnliches für Disney. Der Tod von Bambis Mutter ist vor allem traurig, aber auch unheimlich inszeniert. Schneewittchen läuft durch einen Gruselwald, kaum dass der Mann der Königin sie verschont hat. Dumbos rosa Elefanten! Die Esel der Vergnügungsinsel in ‚Pinocchio‘! Selbst der Beginn der Disney Rennaissance wusste durchaus noch zu gruseln. Ursula wird in einigen Szenen ordentlich bedrohlich inszeniert. Das war also bei Disney etwas durchaus akzeptiertes. Und es macht den meisten Kindern ja auch durchaus Spaß. ‚Oz‘ treibt das Ganze aber vielleicht ein Stück zu weit. Wobei ich es auch traurig finde, dass solche gruseligen Szenen zu den Ecken und Kanten gehören, die heutigen Disneyfilmen sorgfältig abgeschliffen werden.

Welche Filme haben Euch als Kinder erschreckt? Und ich meine nicht unbedingt Filme wie ‚Gremlins‘ oder ‚Ghostbusters‘, wo man aufgrund der Thematik schon mit ein wenig Schauder rechnen muss, sondern Filme, die sich als erheblich verstörender herausstellen als (womöglich auch von den Eltern) erwartet.

2 Gedanken zu “Unerwarteter Horror oder: von Rollerern und schreienden Köpfen

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