‚Dune‘ (2021)

Frank Herberts ‚Dune‘ war über lange Zeit mein liebstes Science Fiction Buch. Ich habe es jetzt lange Zeit nicht gelesen, vielleicht ist es das also immer noch. Verfilmungen des arg dichten Stoffs erwiesen  sich als schwierig. Alejandro Jodorowskis irrsinniges Mammutprojekt verlief im Sand und David Lynchs Version krankte an allerlei Problemen, allen voran vermutlich die Zeitvorgaben des Studios (ich werde diesen Film, der Einfachheit halber auch im Weiteren die „Lynch Version“ nennen, obwohl der Regisseur sich von ihr distanziert hat). Die Fernseh-Miniserie von 2000 ist weitgehend vergessen. Und nun also Denis Villeneuve. Anders als die Lynch Version, ist sein Film auf jeden Fall schon einmal ein finanzieller Erfolg. Das ist gut, bedeutet es doch, dass wir die volle Geschichte bekommen werden. Im Folgenden versuche ich zu erklären, warum ich seine Version auch für künstlerisch gelungener halte.

Im Jahr 10191 bekommt das Haus Atreides vom galaktischen Imperator den Planeten Arrakis als Lehen zugewiesen. Eine große Ehre für Herzog Leto (Oscar Isaac), seine Parttnerin Jessica (Rebecca Ferguson), ein Mitglied des mystischen Orden der Bene Gesserit und ihren Sohn Paul (Timothee Chalamet). Allerdings werden die Atreides dadurch auch zum Ziel des Neids für die anderen großen Häuser, allen voran ihren Erz-Widersachern, den Harkonnen, die zuvor für 80 Jahre Arrakis kontrollierten. Tatsächlich will Leto das durch Brutalität geprägte Verhältnis der Herrscher Arrakis zu dessen Ureinwohnern, den Fremen, verbessern. Doch Baron Vladimir Harkonnen (Stellan Skarsgård) plant längst einen hinterhältigen Angriff, der nicht nur von einem Verräter innerhalb des engsten Kreises der Atreides unterstützt wird, sondern gar vom Imperator selbst, der dem Baron seine Elitetruppen, die Sardaukar, zur Verfügung stellt. Es ist fraglich, ob die Fremen den Atreides helfen können, oder das überhaupt wollen.

Das ist eine derart verkürzende Zusammenfassung der Handlung, das es fast weh tut. Aber das zeigt wunderbar ein ganz großes Problem einer jeden Filmadaption auf: Herberts Buch ist unfassbar dicht an Information. Wie geht man damit um? Die Lynch-Fassung ist daran verzweifelt. Dort liefert am Anfang zunächst Prinzessin Irulan eine ausführliche Einleitung, sodann nehmen wir an einem konspirativen Treffen des Imperators teil, indem er seien Pläne ausführlich darlegt und dann sehen wir Paul, wie er in einem Filmbuch Information über Arrakis sammelt. Drei Szenen, deren einziger Zweck Exposition ist! Nur die dritte findet sich bei Villeneuve (und auch im Buch). Doch im Großen und Ganzen traut Villeneuve seinem Publikum zu, erstaunlich viel aus dem Kontext zu verstehen. Hier wird es für mich als Kenner der Bücher schwierig zu beurteilen, wie das für jemanden ist, der sie nie gelesen hat. Versteht man, dass der Atreides Offizier Thufir Hawat (Stephen McKinley Henderson) und sein Pendant bei den Harkonnen, Piter de Vries (David Dastmalchian), „Mentaten“, menschliche Computer sind? Ich bin mir da nicht ganz sicher. Doch wenn man es ausspricht öffnet man quasi die Büchse der Pandora. Man muss nicht nur Mentaten näher erklären, man muss auch ihre Notwendigkeit erklären. Damit muss man Butlers Dschihad erwähnen, bei dem vor 10000 Jahren alle Roboter, Computer und „Denkmaschinen“ zerstört wurden. Das Ganze hatte, der Name verrät es, eine religiöse Komponente, womit man nun schlimmstenfalls auch noch das komplexe religiöse System des Imperiums erklären muss und die Kontrolle der Bene Gesserit darüber. Schlimmstenfalls minutenlange Exposition für einen kleinen Fakt. Vielleicht ist es besser dem Publikum einfach zu zeigen, wie sich Hawats Augen weiß färben und er große Datenmengen blitzschnell analysiert und präzise Antworten liefert. Auch umgeht man so die furchtbaren, ständigen geflüsterten, inneren Monologe der Charaktere der Lynch Version (nochmal: all das ist sicher nicht Lynchs Schuld. Der Mann hat nun eher keinen Ruf als großer Erklärbär).

Doch ich denke, dass Villeneuves Version auch funktioniert, wenn man eben nicht jedes Element auf Anhieb versteht. Denn er inszeniert seine Welten hier mit solcher Grandezza und gleichzeitig mit absoluter Natürlichkeit, dass alles Geschehen irgendwie folgerichtig wirkt. Die Harkonnen identifiziert man problemlos als „böse“, selbst wenn ihr Giedi Prime mit seinen Ölbädern, Mutanten und finsteren Hallen hier eine seltsame, verstörende Schönheit bekommt. Ob die schneidigen Autokraten der Atreides, die allzu gern ihren Namen gebrüllt hören, nun unbedingt die „Guten“ sind, wird schon schwieriger. Aber sie sind halt die Seite auf der wir uns finden. Und wenn auf der anderen die Harkonnen stehen, kann sie ganz falsch nicht sein.

Und damit trifft Villeneuve für mich einen entscheidenden Punkt in Herberts Werk. Herbert mag keine Helden. Sicherlich, Pauls Weg folgt dem typischen Heldenmuster, doch dieses ist zum größten Teil innerhalb der fiktiven Welt konstruiert. Wie damit umgegangen wird, werden weitere Filme zeigen müssen, doch die Vision, die Paul (und wir) sehen, von einem Heiligen Krieg in seinem Namen, überzeugt mich, dass Villeneuve, der eh selbst nicht zur Heldenverehrung neigt, das verstanden hat.

Einmal muss ich mir noch die Nerdbrille aufziehen, wenn ich schon so viel über die Adaption schreibe: im Buch erfolgt der Einsatz der Sardaukar sehr geheimnistuerisch, so tragen sie etwa Harkonnen-Uniformen (eine erhebliche Erniedrigung für die stolze, imperiale Elite) und es ist an den Harkonnen den imperialen Beamten Dr. Kynes (im Film eine weibliche Figur, dargestellt von Sharon Duncan-Brewster) zu beseitigen, was diese „indirekt“ durch Aussetzen in der Wüste tun. Der Imperator des Films und seine offen auftretenden, mörderischen Sardaukar zeigen deutlich weniger Fingerspitzengefühl und ich bin ernsthaft gespannt auf die Corrino-Bande im zweiten Teil (mal ganz davon ab, dass Salusa Secundus wie der unangenehmste Ort des ganzen ersten Films wirkt, obwohl ich Kehlgesang faszinierend finde). Hier mein (sicherlich unwahrscheinlicher) Casting-Vorschlag für Shaddam IV: Kyle MacLachlan…

Es ist heute kaum mehr üblich, über gute Spezialeffekte zu reden. Diese werden einfach so hingenommen und nur dann erwähnt, wenn sie misslingen. Doch was ‚Dune‘ mit ihnen anfängt ist, in meinen Augen, herausragend. Wie oben erwähnt erzählt der Film oft genug auf geradezu gigantischer Ebene, kann aber in jedem Moment auch auf das winzigste erzählerische Element zusammenschnurren. All das lässt er funktionieren, durch Effekte, die eben gerade nicht wie Effekte wirken. Das ist der ‚Blade Runner‘ Effekt von Effekten und Design so durchdacht, dass es wie eine funktionierende, gelebte Welt wirkt und nicht wie Kulisse für eine Handlung. Damit wird der Film, wie übrigens auch das Buch, zu Recht in einem Atemzug mit ‚Der Herr Der Ringe‘ genannt (Tolkien fand ‚Dune‘ übrigens furchtbar, hat das aber nie genauer ausgeführt. Nach allem was ich über ihn weiß, wären das vermutlich eh 10 Seiten darüber geworden, wie dämlich es aus linguistischer Sicht ist, dass im Jahr 10191 ein Typ „Duncan Idaho“ heißt). Aber es ist nicht nur das, er macht Dinge wie Körperschilde, Ornithopter und gigantische Sandwürmer glaubhaft und, meine Güte, ich glaube so gruselig wie hier waren Laser noch nie (nein, nicht mal, wenn sie auf den Kopf eines Hais montiert sind)! Der Film erweckt in mir, was heute nur noch ganz wenigen Effektgewittern gelingt: einen „Sense Of Wonder“ zu erwecken. Und das ist bei einem solchen Film vielleicht wichtiger als die Handlung selbst. Wie beim ersten ‚Star Wars‘ ist da dieses faszinierende Gefühl einer größeren, funktionierenden Welt.

Darstellerisch fährt der Film hier eine ganz große Riege auf. Hier ist es vor allem die zentrale Familie Atreides, die zu überzeugen weiß. Insbesondere Thimotee Chalamet, der seinem Paul eine seltsame Mischung aus Arroganz, Verletzlichkeit und Wärme verleiht. Oscar Isaacs ist die väterlichste Version Letos, die wir bislang zu sehen bekamen. Stellan Skarsgårds Baron Harkonnen ist nicht Lynchs groteskes Monster, aber auch nicht ganz der widerwärtige Machpolitiker des Buches. Er erinnert am ehesten an Col. Kurtz aus ‚Apocalypse Now‘. Zerstörerische Wut hinter einem scheinbar serenen Äußeren.

Man darf sich jetzt gern fragen, warum ich hier so viel über gelungene Adaption und Spezialeffekte schreibe und weniger über den Film als solchen. Die Antwort ist, dass das hier eben kaum ein vollständiger Film ist. Die Handlung endet ziemlich genau in der Mitte des Buches, nicht unbedingt an einer befriedigenden Stelle. Es ist ein wenig erstaunlich, dass Warner kaum darauf hinweist, dass es sich hier explizit um einen Teil 1 handelt. Tatsächlich habe ich „Part 1“ nur in der Titelkarte des Films für ca. eine Sekunde ausmachen können. Vermutlich hatte man Sorge, Publikum mit einem Teil eins abzuschrecken, ich hoffe nur, man hat es nun nicht frustriert. Ich bin jedenfalls gespannt das Gesamtwerk sehen zu können. Hoffentlich wird Teil 2 erfolgreich genug, dass Villeneuve auch ‚Dune Messiah‘ adaptieren kann, wie er das gern möchte.

Wer sich die Zeit bis Teil 2 mit Lesen verkürzen möchte, bekommt hier meine simple Empfehlung für die ‚Dune‘ Reihe: lest so weit, bis ihr keinen Spaß mehr habt. Es wird eher nicht besser. Das gilt für die sechs Bücher von Frank Herbert. Die zahllosen von seinem Sohn Brian und Kevin J. Anderson könnt Ihr Euch direkt sparen.

Okay, hier noch ein Mega-nerdiges PS: glaubt irgendwer außer mir, dass der Angriff der Fremen auf den Ernter ganz am Anfang, den dieser mit einer ganzen Salve tödlicher Raketen beantwortet eine augenzwinkernde Anspielung auf die allzu hilflosen Ernter des Spiel ‚Dune II‘ von 1992 ist? Nein? Okay, habt halt alle Unrecht!

7 Gedanken zu “‚Dune‘ (2021)

  1. Ich lese das Buch gerade tatsächlich zum ersten Mal und bin dort angekommen, wo der Film endet. Muss schon sagen, dass es ein ziemlicher Brocken ist. Macht aber dennoch Spaß und werde auch weiterlesen. Die Fortsetzungen spare ich mir aber vermutlich.

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