Remake oder Neuadaption?

Ich habe mich wieder einmal mit einer der wirklich wichtigen Fragen beschäftigt, aber keine wirklich befriedigende Antwort auf sie gefunden. Nehmen wir an, eine Adaption einer bestehenden Geschichte als Film wird angekündigt. Doch es gibt bereits eine Filmadaption dieser Geschichte. Ist der neue Film dann ein Remake des bestehenden Films oder eben doch eine neue Adaption der Geschichte? Darauf scheint es keine einheitliche Antwort zu geben. Ich habe Euch ja gewarnt, dass es um eine wirklich wichtige Frage geht! Verschwenden wir also Zeit drauf!

Bei einigen Werken scheint von vornherein klar, dass jeder neue Film eine Neuadaption ist und kein Remake. Verfilmungen von Shakespeare-Stücken etwa. Oder der Artus-Legende. Oder von Comichelden. Möglicherweise liegen die Gründe dafür darin, dass dies Werke sind, die schon immer adaptiert worden sind, ganz unabhängig vom Film. Theaterstücke sind dafür da um adaptiert zu werden. Die Artus-Sage wurde von unzähligen Dichtern seit mindestens dem 12ten Jahrhundert adaptiert, angepasst und ausgeschmückt. Und Comichelden wurden seit ihrer Erfindung, je nach Lebensdauer von dutzenden, wenn nicht hunderten Autoren und Künstlern neu interpretiert und adaptiert. Damit ein Film als ein „Remake“ von z.B. Kenneth Brannaghs ‚Hamlet‘ bezeichnet würde, müsste er vermutlich längere Sequenzen Aufnahme für Aufnahme nachstellen. Und selbst das könnte noch als Hommage ausgelegt werden.

Ebenso scheint der Begriff Neuadaption ziemlich großzügig benutz zu werden, wenn der vorherige Film weniger bekannt als das adaptierte Werk ist. Niemand käme auf die Idee Peter Jacksons Adaption von ‚Herr der Ringe‘ als Remake  von Ralph Bakshis Rotoskopie Animationsfilm von 1978 zu bezeichnen. Obwohl sich Jackson hier zumindest visuell teilweise deutlich hat inspirieren lassen. Das Buch war 2000 sicherlich den meisten, wenigstens vom Namen her, ein Begriff, der frühere Film eher Tolkien/Bakshi Fans vorbehalten.

Andererseits wird John Carpenters ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ meist als Remake der Christian Nyby Version von 1951 bezeichnet. Carpenters Version ist dabei aber eigentlich näher an der Vorlage „Who Goes There?“ von John W. Campbell. Er bezieht sich mehrfach respektvoll auf die erste Verfilmung (die gehört zu seinen liebsten Filmen und ist etwa auch in ‚Halloween‘ kurz auf einem Fernseher zu sehen), verlegt aber mit dem Body Horror den Schwerpunkt seiner Erzählung doch deutlich. Vermutlich eben, weil der erste Film bekannter war als die Vorlage gilt er dennoch als Remake. Jedenfalls, wenn man weiß, dass es einen ersten Film gab.

Die Macher von Disneys ‚Die Schöne und das Biest‘ waren stets ganz offen darin, dass sie sich nicht nur von Jeanne-Marie Leprince de Beaumonts Märchen haben inspirieren lassen, sondern auch von Jean Cocteaus ‚La Belle et la Bête‘ von 1946. Dennoch käme niemand auf die Idee, den Film als Remake zu bezeichnen. Das liegt vielleicht auch an den leichten Änderungen des Mediums. Die Disney Version ist ein Zeichentrickfilm und ein Musical. Andererseits bezeichnen Disney ihre (mehr oder weniger) Live Action Version von 2017 selbst als Remake des Zeichentrickfilms, nicht als neue Adaption.

Eine neue Adaption von ‚Der Exorzist‘ etwa, würde auf jeden Fall als Remake des Friedkins Films bezeichnet, egal ob animiert oder Live Action und nicht als Neue Adaption des Buches von William Peter Blatty. ‚True Grit‘ von den Coens hingegen wurde nie (oder sehr selten) als Remake von ‚Der Marshal‘ von 1969 bezeichnet, obwohl der Film mit John Wayne sicherlich bekannter ist, als die Vorlage „Der mutige Mattie“ von Charles Portis. Allgemeingültig ist die höhere Bekanntheit des früheren Films also auf gar keinen Fall.

Nehmen wir mal einen ganz seltsamen Fall her. 1922 adaptierte Friedrich Wilhelm Murnau Bram Stokers ‚Dracula‘. Doch dessen Witwe war nicht bereits die Rechte an dem Werk herzunehmen. Also änderte Murnau kurzerhand die Namen und den Handlungsort und heraus kam ‚Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens‘. Stokers Witwe klagte 1925 zwar erfolgreich, doch zum Glück wurden nicht alle Kopien des Films vernichtet. Nosferatu ist also eine Adaption von Dracula, die sich nicht so nennen darf. 1979 drehte Werner Herzog ‚Nosferatu – Phantom der Nacht‘. Einen Film, den er selbst als Hommage an Murnau und nicht als Remake begriffen sehen wollte.

„Remake“, so scheint es, ist als Begriff negativ behaftet. Ein gutes Remake wird immer als eine Ausnahme betrachtet, zu sehr haftet dem Begriff der Geruch des Kommerzes an. Nun würde kaum jemand Herzog unterstellen ein kommerzieller Regisseur zu sein, doch trotzdem wollte der mit dem Begriff Remake nichts zu tun haben. Aber eine Neuadaption von Dracula war es ganz offensichtlich auch nicht, ging es doch gerade darum, die Ästhetik des alten Films neu zu interpretieren.

Ich bin mir ehrlich gesagt jetzt noch weniger sicher als vorher, wann welcher Begriff warum angewendet wird. Und ich habe das Gefühl darüber nun mehr als genug nachgedacht zu haben. Wenn jemand von Euch eine gute Antwort darauf hat bitte gerne her damit.

Ich wende mich jetzt den nächsten großen Fragen zu. Wenn ich ein T-Shirt immer zum Schlafen trage, wird es dann zum Schlafanzug? Bringen Meerjungfrauen lebende Kinder zur Welt, oder laichen sie? Eigentlich erschreckend, wie viele große Fragen noch ungeklärt sind! Warum riechen Füße und läuft die Nase?

3 Gedanken zu “Remake oder Neuadaption?

  1. Also ich kenne True Grit nur unter dem Begriff „Remake von The Marshall“. 🙂
    Remakes sind überflüssig. Besonders, wenn es schon eine gute Version gibt.
    Von Real auf Animation oder Animation auf Real ist eher Neuinterpretation und kein Remake.

    Gefällt mir

  2. Pingback: Das Bloggen der Anderen (04-04-22) | Filmforum Bremen

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