‚The Endless‘ (2018)

Ich sage eine Sache gleich vorweg. Es ist relativ schwierig über ‚The Endless‘ zu schreiben, ohne dicke Spoiler auszupacken. Ich bemühe mich genau das nicht zu tun, wenn sich das Folgende teilweise etwas ausweichend liest, dann liegt das vor allem daran. Wer den Film aber völlig unvoreingenommen sehen will, sollte das natürlich tun, ohne diesen Text zu lesen.

Nachdem sie ‚Resolution‘ aus eigener Tasche finanziert haben und für ‚Spring‘ einen Kredit aufgenommen hatten, haben Aaron Moorhead und Justin Benson hier ihren ersten „klassisch“ finanzierten Film. Und weil sie noch nicht genug zu tun hatten, beide als Regisseure, Produzenten und Cutter, Benson als Autor und Moorhead als Kameramann, übernehmen sie hier auch noch die Hauptrollen. Sie setzen damit ihre Rollen aus ‚Resolution‘ fort, die dort allerdings nur kurze Cameo-Auftritte waren. Überhaupt ist ‚The Endless‘ vielleicht nicht direkt eine Fortsetzung von ‚Resolution‘, aber er faltet dessen recht trippige Geschichte gekonnt in eine größere Mythologie. Allerdings sind beide Filme auch völlig unabhängig voneinander zu schauen und zu verstehen.

Die Brüder Aaron (Moorhead) und Justin (Benson) Smith haben vor zehn Jahren einen seltsamen Kult verlassen. Ihre Erinnerungen an diesen sind jedoch sehr unterschiedlich. Während der ältere Justin, der die Flucht angestrebt hatte, sich an einen selbstverstümmelnden UFO-Todeskult erinnert, meint Aaron eher eine harmlose Hippie-Kommune in seiner Erinnerung zu sehen. Als sie ein seltsames Video vom Kult erhalten, überredet Aaron Justin zu einem letzten Besuch. Der stimmt zu, in der Hoffnung, das würde Aaron endlich die Augen öffnen. Doch als sie dort ankommen, scheint sich eher dessen Erinnerung zu bestätigen. Anführer (auch wenn er selbst sich nicht so nennt) Hal (Tate Ellington) beeilt sich zu betonen, dass alles Geschehene vergeben und vergessen sei. Der Rest scheint tatsächlich eine verschrobene aber harmlose Künstlerkommune. Unter anderen Bierbrauer Tim (Lew Temple), Modedesignerin Anna (Callie Hernandez) und Malerin Lizzy (Kira Powell) scheinen sehr freundlich. Sie scheinen aber auch erstaunlich wenig gealtert. Justin bemerkt alsbald seltsame Geschehnisse, die die Sekte entweder ignoriert oder in ihre Religion aufnimmt. Aaron fühlt sich immer stärker zur Gemeinschaft hingezogen. Als Justin Jennifer (Emily Montague) trifft, die auf der Suche nach ihrem Mann Michael, der seinem besten Freund Chris bei einem Drogenproblem helfen wollte, bei der Sekte gelandet ist, und nun nicht mehr fort kann, will er sich endgültig absetzen. Doch das droht zum Bruch zwischen den Brüdern zu führen.

Moorhead und Benson entwickeln den sich entfaltenden Schrecken hier elegant und sorgfältig. Wenn die Brüder die Stadt verlassen und sich ins kalifornische Hinterland begeben, dann bleichen nicht nur die Bilder des Films mehr und mehr aus, auch der Negativraum wächst und wächst. Die umgebende Landschaft wird größer und größer, die Menschen darin kleiner und kleiner, bis sie fast darin verschwimmen. Bis die Landschaft so groß ist, dass man fast überzeugt ist, dass sie Dinge enthalten muss, die größer und gefährlicher sind als Berglöwen und Klapperschlangen, die die größte reale Gefahr darstellen. Wenn sich der Schrecken dann (mehr oder weniger) zeigt, dann scheint er tatsächlich, genau wie diese Kreaturen, der Landschaft selbst zu entspringen. Das Konzept, dass die beiden Macher hier entwerfen ist dann ein recht komplexes, in das sich ‚Resolution‘ problemlos einfügt, um Teil eines lovecraftschen, kosmischen Schreckens zu werden.

Dazu trägt auch der Ambient-Soundtrack von Jimmy LaValle bei, mit dem die Macher seit ‚Spring‘ ständig zusammenarbeiten (‚Resolution‘ hatte keinen Soundtrack). Seine Klänge scheinen ebenfalls aus der Landschaft selbst zu erwachsen und sind gelegentlich kaum von den seltsamen Lauten der Umgebung zu unterscheiden.

Es braucht jedoch eine gewisse Geduld, damit sich die Geschehnisse entsprechend entfalten können. Und dafür, dass man (oder wenigstens ich) diese Geduld hat, dafür sorgt die inzwischen etablierte andere große Stärke der beiden Filmemacher. Die komplexe Beziehung zwischen zwei Menschen glaubhaft und wahrhaftig darzustellen. In ‚Resolution‘ waren es die besten Freunde, in ‚Spring‘ die frisch Verliebten und hier sind es eben nun die beiden Brüder. Und sie fangen den komplexen Gratwandel dieser Beziehung sehr gut ein. Das Verantwortungsgefühl des einen, das zum Minderwertigkeitsgefühl des anderen führt, die leise Rivalität, der unterschiedliche Umgang mit erlittenem Trauma, aber eben auch die tiefe Liebe zwischen beiden, die hier das stetig schlagende emotionale Herz des Films bildet.

Ich werde Benson und Moorhead hier nun nicht unterstellen brillante Schauspieler zu sein, ihre offensichtlichen Stärken als Filmemacher liegen klar woanders, doch gelingt es ihnen das Bruderpaar glaubhaft zu transportieren. Das liegt vielleicht daran, dass es in gewisser Weise Abbild ihrer tatsächlichen Beziehung ist. Es ist deutlich, dass man hier zwei Freunde sieht, die gern und viel Zeit miteinander verbringen, genau wissen wie der andere tickt und wie man ihn aufzieht. Schauspielerisch tut sich für mich hier vor allem Tate Ellington hervor, der seinen Hal mit einer mühevoll aufrechterhaltenen, freundlichen Fassade gibt, hinter der sich nicht nur Ressentiments gegenüber der Flucht der Brüder und Zorn über ihre „Lügen“ verbirgt, sondern womöglich noch Schlimmeres.

Mit ‚The Endless‘ schaffen Benson und Moorhead ihr eigenes „Cinematic Universe“, das aber eher thematische als marketingtechnische Fundamente hat. Der Film ist absolut sehenswerter Independent Horror, der ohne Gore und Jumpscares aber dafür mit jeder Menge Atmosphäre arbeitet. Vermutlich nicht für jeden geeignet, aber wenn er funktioniert, dann richtig gut.

Und beim nächsten Mal sehen wir, was passiert, wenn unser Duo mit Schauspielern arbeitet, von denen man vielleicht schon einmal gehört hat. In ‚Synchronic‘.

Werbung

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..