‚Synchronic‘ (2020)

Diesmal komme ich um Spoiler nicht wirklich herum und muss in der Besprechung ein zentrales Handlungselement verraten. Wer den Film also völlig unvoreingenommen sehen will, sei hiermit gewarnt.

Ich konnte nicht herausfinden, wie hoch das Budget für diesen Film tatsächlich war, doch es dauert nur Minuten und es wird deutlich, dass hier ein gewaltiger, finanzieller Sprung für Justin Benson und Aaron Moorhead stattgefunden hat. Es ist sicherlich immer noch ein „Low Budget“ Film, aber einer, der es sich leisten kann in New Orleans zu filmen und, nicht zuletzt, Anthony Mackie als Hauptdarsteller. Die Genre Zuordnung wird hier vermutlich noch einmal schwieriger als bei ihren anderen Filmen. Ein Neo Noir mit SciFi Elementen, wenn man es sich einfach machen will. Trotz einiger recht grausiger Tode ist das ihr erster Film, bei dem ich keinen Bezug zum Horror-Genre sehe (von einigen verstörenden Bildern mal abgesehen). In vielerlei anderer Hinsicht bleiben sie sich allerdings treu.

Steve (Mackie) und Dennis (Jamie Dornan) arbeiten als Paramedics in New Orleans. Dennis ist ein verheirateter Familienmensch mit einer 18jährigen Tochter, Brianna (Ally Ioannides) und einem frisch geborenen Baby. Steve ist ein Draufgänger mit ständig wechselnden Freundinnen. In letzter Zeit häufen sich Fälle verwirrter, seltsam verletzter Patienten und grotesk zugerichteter Leichen im Zusammenhang mit der synthetischen Droge Synchronic. Als Brianna nach Konsum der Droge verschwindet, beginnt Steve, der selbst eine medizinische Krise durchlebt, ebenfalls mit ihr zu experimentieren. Dabei macht er eine außergewöhnliche Entdeckung: unter den richtigen physiologischen Umständen transportiert Synchronic den Konsumenten durch die Zeit. Da er an einem Gehirntumor zu sterben droht, beschließt er seine letzten Tage zu nutzen, um die Tochter seines besten Freundes zu finden.

Sagen wir es, wie es ist: eine Zeitreise-Pille ist ein reichlich albernes Handlungselement. Eine Zeitreise-Pille, die nur im Zusammenhang mit einer nicht-verkalkten Zirbeldrüse (‚From Beyond‘ schickt schleimige Grüße!) funktioniert, also bei Teenagern und bei Mackies Charakter, aufgrund seines Tumors, und Dich in eine andere Zeit schickt, je nachdem an welchem Ort Du Dich gerade befindest, ist dann sogar noch ein erhebliches Stück alberner. Das große Kunststück von Moorhead und Benson ist hier, dass sie sich dessen durchaus bewusst waren, es aber dennoch funktionieren lassen, im Zusammenspiel mit dem deutlich ernsthafteren Thema rund um die Paramedics und ihre ständige Konfrontation mit den furchtbarsten Schicksalen, die ein Mensch erleiden kann und ihren unterschiedlichen Strategien damit umzugehen.

Dies verweben sie gekonnt mit der Örtlichkeit von New Orleans mit dessen Geschichte und Entwicklung sie gekonnt spielen, aber auch mit den Konstanten des Ortes, etwa dem Rassismus, dem sich Steve in unterschiedlichsten Epochen ausgesetzt sieht. Dabei verfallen die Filmemacher nicht auf die typischen Örtlichkeiten, die man mit New Orleans an sich, und dem gefilmten New Orleans im Besonderen verbindet, etwa das French Quarter. Stattdessen suchen sie immer wieder den sehnsüchtigen Blick von den Vororten hinüber zur leuchtenden Skyline, nur um dann wieder den Blick der Paramedics vom Fuße jener Skyline zu zeigen, wo unter dem Leuchten, gebrochene Menschen zu finden sind.

In den Zeitreise Szenen wird dann aber auch wieder ein wenig das begrenzte Budget des Films deutlich. Von einem ‚Tenet‘ ist der Film, in seinen finanziellen Möglichkeiten, offensichtlich weit entfernt. Und genau das wird ihm hier ein wenig zum Problem. Haben Benson und Moorhead bis hierhin gezeigt, dass sie absolut faszinierende Filme mit kaum dem Budget eines B-Movies schaffen können, fühlt sich ‚Synchronic‘ in seinen schwächeren Momenten eher an, wie ein B-Movie mit etwas mehr Budget.

Der größte Fehler des Films ist, was ich letzte Woche noch so hoch gelobt habe. Die Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Beide sind durchaus interessante Charaktere, allerdings ist Anthony Mackie der Hauptcharakter des Films. Und das bedeutet, dass Dornans Dennis für einen guten Teil des Films, vor allem natürlich die Zeitreisen, gar nicht da ist. Und wenn er dann doch seine Szenen hat, dann ist er allzu häufig Spiegel und Stichwortgeber für Steve. Mackie füllt die Rolle des Hauptcharakters absolut kompetent aus. Ihm gelingt der Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, gar einer ‚Zurück in die Zukunft‘ Anspielung. Aber es waren bislang halt immer die komplexen Beziehungen der Hauptfiguren, die an den Filmen des Regie-Duos fasziniert haben. Und Dennis bleibt hier ziemlich flach. Das ist nicht unbedingt Jamie Dornans Schuld, er tut was er kann mit dem was ihm gegeben wird. Und was ihm gegeben wird ist immer noch eine Menge mehr, als was Katie Aselton als seine Frau in ihren 2,5 Szenen bekommt. Auch Ally Ioannides‘ Brianna wird nie mehr als „Person, die gerettet werden muss“. Wenn dann dazu noch eine ebenso bizarre wie überflüssige Szene mit dem Erfinder der Droge kommt, die wohl vor allem dazu dient den Film an das „cinematische Universum“ der Filmemacher anzuschließen, dann habe ich spätestens das Gefühl, das Drehbuch hätte noch eine weitere Überarbeitung vertragen.

Das liest sich jetzt vermutlich alles deutlich negativer als es gemeint ist. ‚Synchronic‘ ist ein guter Film, der mich in seinen schlanken 100 Minuten gut unterhalten hat. Moorheads Kameraarbeit ist nachwievor faszinierend, die Situation spannend genug. Wäre dies der erste Film der beiden, würde sich das Ganze hier vermutlich sogar begeistert lesen. Aber Erwartungshaltung ist nun einmal eine Sache und ich habe in diesem Moment ein bisschen mehr erwartet als „nur“ einen „guten“ Film. Was er aber vermutlich ist, ist ein gelungener Einstieg in die Filmografie der beiden Filmemacher. Ich jedenfalls bin sehr gespannt, was in Zukunft von ihnen zu erwarten sein wird.

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