Reden wir über ‚Scream‘ (1-4)

Den folgenden Text habe ich von meiner, am kommenden Montag erscheinenden Besprechung von ‚Scream‘ (2022) abgeschnitten und noch ein ganzes Stück erweitert. Weil es mir ein bisschen sinnlos erschien, in einer Besprechung fast mehr über die Vorgängerfilme als das eigentlich Thema zu schreiben.

Wenn man die großen Horrorfranchises der 80er schaut, dann kommt ein Begriff ganz automatisch in den Sinn: Fallhöhe. Der erste ‚Halloween‘? Grandios. Der große Rest beschreibt eine steil abwärts deutende Kurve. ‚Nightmare on Elm Street‘? Genau das Gleiche. Die Ausnahme von der Regel ist hier wohl ‚Freitag der 13te‘, der von Anfang an als zynisches Cash-In gedacht war, im Laufe der Reihe aber einen eigenen Charakter entwickelte. Wes Craven wurde berühmterweise mehr oder weniger gezwungen, am Ende seines ‚Nightmare on Elm Street‘ einen Sequel Hook unterzubringen und kehrte zu der Reihe erst nach 10 Jahren zurück. Weitere 2 Jahre später veröffentlichte er einen Film,  der auf ein Sequel vorbereitet war und der die extreme Fallhöhe der 80er Franchises verhindern wollte.

‚Scream‘ war 1996 ein erstaunlicher Film. Der Slasher war lange schon purer „Direct to Video“-Mumpitz. Überhaupt tat sich Horror in den 90ern ein wenig schwer. Statt Slashern gab es ernsthaftere Serienkiller Filme, wie ‚Das Schweigen der Lämmer‘ oder ‚American Psycho‘. Man bemühte sich, die alten Gothic Monster einmal wieder aus der Kiste zu holen, wie in ‚Bram Stokers Dracula‘. John Carpenter zeigte mit ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ ein letztes Mal was er konnte. Und an den Rändern fand sich Faszinierendes, wie ‚Candyman‘ oder ‚Ravenous‘. Doch der Horror hatte den Mainstream weitgehend verlassen. ‚Das Schweigen der Lämmer‘ etwa hätte sich freiwillig nie so genannt. Das war natürlich ein Psychothriller. ‚Scream‘ war da anders. ‚Scream‘ war Horror und wollte Horror sein. ‚Scream‘ wusste, dass sein Kernpublikum Horror kannte. Horrortropen durchschaut hatte. Sich damit rühmte sich nicht mehr erschrecken lassen zu können.

Und genau das wandte er gegen sein Publikum. Seine Charaktere waren eben exakt jene blasierten Besserwisser. ‚Scream‘ ist kein „ironischer“ Film, wie man manchmal liest. ‚Scream‘ ist ein meta-Film. Er kommentiert sein Genre. Aber ‚Scream‘ lacht nicht über seine Morde. Und wenn doch einmal ein Mord grotesk-komisch ist, etwa wenn die arme Tatum (Rose McGowan) aufgrund ihrer Brüste nicht durch die Katzenklappe entkommen kann, dann ist auch das ein Kommentar auf sein im Herzen zutiefst albernes und mindestens etwas misogynes Genre. Aber es wäre zu einfach, den Erfolg von ‚Scream‘ nur auf seinen meta-Kommentar zu verkürzen. Die Leistung des Films ist nicht die „Regeln des Horrorfilms“ zu formulieren.

Die von Kevin Williamson geschriebene Story und vor allem seine Dialoge fühlten sich damals wahnsinnig frisch und modern an. Und wie alles, das einmal wahnsinnig frisch und modern war, wirkt es heute wie eine Zeitkapsel. Wie ein Moment der mittleren 90er auf ewig perfekt in Bernstein eingefroren. Was aber keinesfalls bedeuten soll, er wirke heute veraltet. Williamson gelang hier, besser als es ihm je wieder gelingen sollte, die Mischung aus whodunnit und Slasher. Zahlreiche Szenen des Films werden komplett zu rekontextualisiert, sobald man weiß, wer die Mörder sind. Kein späterer ‚Scream‘ würde jemals wieder eine solche Darstellerriege mitbringen. Allen voran natürlich die „großen drei“ der Serie.

Neve Cambell als Sidney Prescott, die komplett redefinierte, was ein Final Girl ist. Die dafür sorgte, dass der Hauptdarsteller eines Slashers nicht mehr der perverse Killer ist, sondern die Überlebende. Campbell gelang es auf absolut faszinierende Weise Verletzlichkeit und die Fähigkeit zum Ärschetreten in sich zu verbinden und Sidney zu einer Figur zu machen, die ohne das eine oder andere nicht mehr funktionieren würde. Courteney Coxes Gale Weathers ist hier im ersten Film noch die Nachrichtenfrau, die für Ruhm, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen gehen würde. Sie ist hier noch recht eindimensional, würde aber von den großen drei im Laufe der Reihe die größte Entwicklung durchlaufen. Und dann ist da Dewey Riley, David Arquettes beste Rolle. Dewey ist schwer greifbar, wirkt wie ein kindlicher Trottel, siehe die Szene in der der harte Sheriff eine Zigarette raucht und Dewey ein Eis leckt. Er ist aber auch ein fähiger Polizist und würde im Laufe der Reihe zu einer Art großem Bruder für Sidney werden, als Ersatz für seine kleine Schwester und Sidneys beste Freundin Tatum.

Darüber hinaus haben wir hier Skeet Ulrich, als Sidneys Freund Billy. Unfassbar schmierig und für den Zuschauer direkt als schuldig zu identifizieren. Aber genau damit spielt der Film. Ihm zur Seite steht Matthew Lillards Stu Macher. Ich gebe gern zu, mit Lillard konnte ich früher wenig anfangen. Heute muss ich anerkennen, dass niemand das tut, was Lillard hier macht. Er scherzt, ist übertrieben freundlich, dann wieder übertrieben eklig. Wenn Stu sein wahres Gesicht zeigen darf, schreit, heult und sabbert er, wie es sich kein anderer Darsteller trauen würde. Und es funktioniert. König der eingangs erwähnten Besserwisser ist Randy Meeks (Jamie Kennedy), in dessen Rolle der Film dann auch seinen höchsten meta-Faktor erreicht. Nämlich wenn Randy Meeks ‚Halloween‘ schaut und „Dreh Dich doch um, Jamie!“ brüllt, während sich der Killer von hinten an ihn heranschleicht.

‚Scream‘ war ein Paukenschlag, wie man ihn in Hollywood zuletzt mit ‚Pulp Fiction‘ gehört hatte. Und wie dort sprossen die Epigonen wie Pilze aus dem Boden. Einige schrieb sogar Kevin Williamson (‚Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast‘). Doch nur ein Jahr später war das Team um Wes Craven wieder da. Man war, wie gesagt, auf ein Sequel vorbereitet. Und für einen guten Teil funktioniert dieses Sequel. Die Beteiligten wollen die Morde des ersten Films hinter sich lassen (außer Gale), doch die Gesellschaft lässt sie nicht. ‚Stab‘ ist die neue Horrorfilmsensation, die auf den realen Vorfällen (bzw. Gales Schilderungen dieser in ihrem Buch) basieren. Es lassen sich Ermüdungserscheinungen erkennen, so ist die Gruppe um Sidney, jetzt am College, nicht mehr so interessant wie im ersten Film. Doch das Widersehen mit den Charaktereren und vor allem die romantische Entwicklung um Gale und Dewey hilft darüber hinweg. Dazu hat der Film einige von Craven meisterhaft inszenierte Verfolgungsjagden und Suspense-Szenen, die sich vor den besten Momenten des ersten Teils nicht verstecken müssen. Die Auflösung um die Killer gerät dann allerdings weitgehend zum feuchten Furz und fühlt sich arg bemüht an. Aber die erhebliche 80er Franchise Fallhöhe wurde erfolgreich vermieden.

So, und damit kommen wir zum Tiefpunkt. ‚Scream 3‘ erschien im Jahr 2000. Der Erfolg der ersten beiden Filme und die damit steigenden Budgets brachten der Produktion genauere Überwachung durch die Dimension Films Bosse Bob und (urks) Harvey Weinstein ein. Die meinten, der Film müsse, unter dem Eindruck des Amoklaufs an der Columbine High School, weit weniger brutal werden und solle sich stärker auf die satirischen Elemente konzentrieren. So wurde Williamsons Skriptentwurf (Stu Macher hat den ersten Film überlebt und kontrolliert vom Gefängnis aus einen Kult von Ghostface-Killern) in den Müll geworfen und Ehren Kruger angeheuert, um ein Script zu schreiben, das beim Dreh eines ‚Stab‘ Filmes spielt. Das schaffte auch tollen Raum für Hollywood Cameos. Die beste darunter vermutlich Carrie Fisher als eine Frau, die sich auch um die Rolle als Leia beworben hatte. Aber auch Schlock Meister Roger Corman taucht auf und, am auffälligsten und unpassendsten, Jay und Silent Bob. Aber die Weinsteins wussten, dass man um die Jahrtausendwende das Internet, in Form von „ain‘t it cool news“ beeindrucken musste. Und die liebten diesen Unsinn.

Die Story selbst funktioniert kaum, verliert sich in Retcons und Rückblenden und muss gar den toten Randy Meeks als Videoaufnahme zurückholen. In der Rückschau am interessantesten ist vielleicht Lance Henriksens Rolle als grotesk-widerwärtiger Hollywoodproduzent, in dem man problemlos Harvey Weinstein wiedererkennt. Der Typ ist letztlich der Auslöser für alle Geschehnisse der Reihe.  Aber auch davon ab funktioniert einiges. Sidney arbeitet nun für eine Hotline für Opfer von Gewalt, was exakt in ihren Charakter passt, Gale und Deweys Beziehung scheitert immer wieder an Gales Kälte. Die bekommt hier allerdings im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vorgehalten, in Form von Jennifer Jolie, gespielt von Parker Posey, der Darstellerin von Weathers im neuen ‚Stab‘. Posey hat erkennbar immense Freude daran eine überzogene Karikatur von Coxes Darstellung zu geben und wird somit direkt zum absoluten Höhepunkt des Films. Eines Films, der nicht wirklich gut ist, aber immerhin über weite Strecken unterhaltsam.

Dennoch wurde es danach für etwa 11 Jahre ruhig um die Reihe. 2011 kehrte sie mit ‚Scream 4‘ zurück und stieß damit weniger auf Begeisterung als auf Fragezeichen. Warum jetzt? Craven, Williamson und die großen drei Darsteller der Reihe kehrten zurück. Auch wenn während der Produktion Ehren Kruger zurückgeholt wurde, um Williamsons Skript zu überarbeiten. Das Thema des Films ist letztlich Neid auf den Erfolg Sidneys. Die hat inzwischen selbst ein Buch über ihre Erlebnisse der ersten drei Filme geschrieben. Während Gale, inzwischen mit Dewey verheiratet, an Schreibblockade leidet. Doch hat Gale inzwischen längst den Schritt zu Heldin vollzogen und so ist es der Neid und die Ruhmsucht anderer, die hier zur Gefahr wird.

‚Scream 4‘ folgt inzwischen in gewissem Sinne bereits seinen eigenen Klischees. Man weiß, was man bekommt, wenn man einen Film der Reihe schaut. Craven heuerte eine ganze Riege beliebter, junger Darstellerinnen an, Emma Roberts, Hayden Pannetierre, Anna Paquin, Kristen Bell und machte die damals noch neuen und aufregenden sozialen Medien und den seltsamen, neuen Ruhm, den man dort finden konnte zum zentralen Thema. Das wirkt gelegentlich ein wenig wie „Opa Craven motzt über die Jugend von heute“. Erstaunlich für einen Film von Craven ist aber ehrlich gesagt, wie hässlich er ist. Wenn er nicht gerade eine der, immer noch gekonnten, Verfolgungen inszeniert, sieht das gelegentlich wenig besser als eine Sitcom aus. Es fehlt der Elan der frühen Filme, aber der Film ist immer noch problemlos besser als der dritte.

Und er wurde auch immer noch ein Erfolg. Das Ausbleiben eines Nachfolgers lag wohl zum einen daran, dass die Missbrauchssituation um Harvey Weinstein wenige Jahre später endlich in die öffentliche Wahrnehmung explodierte. Und leider auch daran, dass Wes Craven kaum vier Jahre nach Erscheinen an einem Hirntumor starb.

Nun gut, eine gewisse Fallhöhe kann man also auch der ‚Scream‘ Reihe nicht absprechen. Keines der Sequels kam je auch nur in die Nähe des ersten Films. Doch, obwohl der dritte kein guter Film ist, gab es nie Totalausfälle. Die Filme waren immer noch wenigstens unterhaltsam und vor allem, die Charaktere bleiben konsistent.

Anfang dieses Jahres kehrte die Reihe zurück. Natürlich ohne Craven, aber auch ohne Williamson. Die großen drei sind wieder dabei. Und die neuen Regisseure sind Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die Macher hinter ‚Ready Or Not‘. Ich denke, ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich sage, dass in dem Film ein Charakter namens Wes vorkommt und den Film nicht überlebt. Auf einer Party wird ein Toast auf Wes ausgebracht. Und die Regisseure hatten Familie und Freunde von Craven für den Drehtag eingeladen, hinter der Kamera mit in „auf Wes!“ einzustimmen. Sie verstehen also absolut, in wessen Vorgarten sie hier spielen.

5 Gedanken zu “Reden wir über ‚Scream‘ (1-4)

  1. Da bekomme ich direkt Lust, mir die Reihe auch einmal wieder anzuschauen. Ich bin damals zu Teil 1 nach einer durchgemachten Nacht recht spontan ins Kino gestolpert, weil ich noch 3 Stunden totzuschlagen hatte, bis der Zug eines Freundes fuhr. Ich hatte keinerlei Vorwissen und war so geflasht, wie nach kaum einem zweiten Kinobesuch. Bin schon gespannt, was du zum ganz neuen Teil schreibst (den ich noch nicht gesehen habe).

    Gefällt 1 Person

    • Die kann man auch heute noch gut durchschauen, finde ich. Nein, 3 ist nicht gut, aber er ist eben immer noch ganz unterhaltsam.

      Ich hab den ersten noch auf VHS gesehen, weil ich noch zu jung war und die Kinos hier das verdammt ernst genommen haben.

      Nummer 2 war dann mein erster offizieller Ab 18 Film im Kino. Was ihm bei mir sicher auch ein paar Steine ins Brett gebracht hat.

      Like

        • Soweit ich weiß, wurde der erste irgendwann 1998 indiziert und erst danach eine 16er Fassung zurechtgeschnitten. Wenn Du ihn bei Erstaufführung gesehen hast, musst Du sehr erwachsen gewirkt haben! 😉

          In meiner Erinnerung habe ich den auf VHS auch ungeschnitten gesehen, weil das noch vor dem Kinostart des 2ten im April 1998 war. Aber das ist alles halt auch schon wieder erschreckend lang her!

          Gefällt 1 Person

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..