‚Scream‘ (2022)

Mein kurzer(?) Exkurs über die ‚Scream‘-Reihe neulich hat hoffentlich deutlich gemacht, dass ich die Filme sehr mag. Ja, auch die nicht so guten. Aber dieses Sequel/Soft Reboot war ich mehr als bereits zu ignorieren, als ich das erste Mal davon gehört habe. Ich meine, ich habe nie auch nur eine Minute der TV Serie gesehen und habe nicht das geringste Bedürfnis, das zu ändern. Und nun ein weiterer Film ohne Wes Craven, ohne Kevin Williamson, ohne Marco Beltrami? Nee, ohne mich. Aber zwei Dinge sprachen dann doch laut genug für den Film. Ich mag die Charaktere, also die großen Drei, Sidney, Gale und Dewey genug, um ernsthaft neugierig zu sein, wie es ihnen nach mehr als zehn Jahren geht. Und zweitens, Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett würden die Regie übernehmen. Also das Duo hinter ‚Ready Or Not‘, den ich sehr mochte. Und denen ich zutraue, Cravens Ton zu treffen und der Serie gleichzeitig etwas Neues abzugewinnen. Schauen wir mal, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war.

25 Jahre nach Billy Loomis und Stu Machers Morden, wird in Woodsboro High School Schülerin Tara Carpenter (Jenna Ortega) von einem Täter in Ghostfacemaske überfallen und schwer verletzt. Ihre entfremdete, ältere Schwester Sam (Melissa Barrera) kehrt daraufhin nach Woodsboro zurück, das sie vor Jahren überstürzt verlassen hat. In Taras Freundeskreis geht alsbald Paranoia um, wer der Mörder sein könnte, vor allem als es schnell zu weiteren, diesmal tödlichen Vorfällen kommt. Die Medien-affine Mindy (Jasmin Savoy Brown) hat einen Verdacht, worum es sich handeln könnte. Einige Hardcore-Fans der ‚Stab‘ Filme waren zutiefst erzürnt über Rian Johnsons achten Film der Reihe. Womöglich genügt es einigen von denen nun nicht mehr, nur wütende Youtube-Videos zu drehen, sondern sie wollen ihren eigenen, besseren ‚Stab 8‘ inszenieren. Schließlich basierten die frühen Filme der Reihe auf Gale Weathers True Crime Büchern. Währenddessen informiert Ex-Sheriff Dewey (David Arquette) Sidney Prescott (Neve Campbell) und eben jene Gale Weathers (Courteney Cox), dass Ghostface mal wieder umgeht. Bald stellt sich heraus, dass die aktuelle Mordserie mehr Verknüpfungen zu den alten hat, als man erwarten würde. Als ob es sich um eines von diesen Legacy-Sequels handeln würde.

Ich sag es mal direkt heraus: ich hatte so viel mehr Spaß mit dem Film als ich erwartet habe! Problem solcher Legacy-Sequels ist es ja oft genug, dass ich eigentlich nur für die alten Charaktere hier bin. Und das war, zugegeben, anfangs bei mir auch der Fall. Und die gute Nachricht ist, dass die sehr gut geschrieben sind und die Darsteller sie natürlich inzwischen wie Handschuhe tragen. Ihre Darstellung wirkt mühelos gekonnt. Ich mag wirklich, wie genervt sie inzwischen von Ghostface sind. Als wäre es eine lästige Pflicht, die es alle paar Jahre zu erfüllen gilt. Eine potentiell tödliche, lästige Pflicht. Die neuen Charaktere und Darsteller sind da zugeben durchwachsen. Gerade Melissa Barrera als relativ zentrale Sam fand ich oft ein wenig enttäuschend. Ihr Gimmick, das ich hier nicht verraten möchte, war durchaus clever und sparsam genug eingesetzt um effektiv zu sein. Aber ihre Darstellung war mir viel zu zurückgenommen. Zugegeben, auch das zielte auf einen Effekt, funktioniert deswegen aber nicht besser. Neve Campbell zeigt mit ihrer Sidney immer wieder, dass sie Verletzlichkeit und Stärke zu verbinden weiß. Das gelingt zum Glück auch Jenna Ortega als Tara, die eine ähnlich zentrale Rolle einnimmt. Die Show stiehlt in der jungen Crew aber fraglos Jasmin Savoy Browns Mindy, die hier die „Expertinnenrolle“ von Randy Meeks geerbt hat. Das alte Team ist, wie erwähnt, gewohnt grandios und wenn hier einer besonders hervorsticht, dann ist es wohl David Arquette, dessen Dewey ein einzigartiger Charakter bleibt. Er spielt ihn nachwievor seltsam und ein wenig neben der Spur, aber nie dumm und zu jedem Moment liebenswert.

Filmisch fällt auf, wie viel des Films tagsüber spielt und wie rücksichtslos Ghostface auch im Hellen zuschlägt (und dabei seinen glitzernden Umhang zeigt). Die Morde sind insgesamt durchaus einfallsreich und teilweise erstaunlich brutal für eine Reihe, die sich nie wirklich durch Gore ausgezeichnet hat. Was auffallend fehlt sind die üblichen Verfolgungsszenen, bei denen Ghostface allerlei Gegenstände an den Kopf gepfeffert werden und er sich effektvoll hinpackt, sein Opfer am Ende aber doch immer kriegt. Womöglich hatten die Regisseure hier das Gefühl das habe sich, achtung grausiges Wortspiel, totgelaufen.

‚Scream‘ (ich weigere mich sowas wie ‚5cream‘ oder ‚M4trix‘ zu schreiben, weil das Bedürfnis mir dafür selbst auf die Nase zu hauen zu groß wäre) geht in seinem Metakommentar über das Horrorgenre hinaus. Elevated Horror bekommt zwar sein Fett weg, aber es ist mehr die Idee des nostalgischen späten Legacy-Sequels, über das er sich recht gekonnt lustig macht. Und über Fankultur. Aber das ist seit ‚Scream 2‘ Serientradition. Wie die Erwähnung Johnsons deutlich macht, ist insbesondere auch Star Wars Zielscheibe. Der Film wird den Slasher im Jahr 2022 sicher nicht revolutionieren, wie ‚Scream‘ das 1996 getan hat. Aber er ist dennoch ein unterhaltsamer Vertreter des deutlich weniger bedienten Genres.

Die Aufdeckung der Täter, die ich hier offensichtlich nicht verraten werde, wirft ja in jedem Teil der Reihe so einige Fragen auf, die einer allzu genauen Untersuchung eher nicht standhalten. Hier aber ist eine extrem zentrale Stelle derart fragwürdig, dass ich fast vermute der bereits angekündigte nächste Teil (‚Scr6am‘? Au, mbeine Ndase!) könnte parallel zu diesem spielen. Das ist aber pure, haltlose Spekulation meinerseits.

Also, empfehle ich den Film? Ist es Euer erster ‚Scream‘? Dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob Ihr hier wahnsinnig viel herausholen könnt. Ist es Euer fünfter ‚Scream‘ und Ihr mögt sie alle irgendwo, seid aber unsicher, aufgrund des neuen Kreativteams? Dann würde ich ihn auf jeden Fall empfehlen. Eure Erwartungen an eine ‚Scream‘ Fortsetzung sollten halt entsprechend eingenordet sein. Er hält das insgesamt recht hohe Niveau der Reihe (verglichen mit anderen Horror-Franchises) und besser als der dritte Film ist er allemal. Für mich auch etwas besser als der Vierte.

Ein Gedanke zu “‚Scream‘ (2022)

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