‚In den Krallen des Satans‘ (1971)

Anmerkung: so wie in der Überschrift steht der Titel auf meiner BluRay und scheint damit den früher geläufigen Titel ‚In den Krallen des Hexenjägers‘ zu ersetzen. Damit ist er näher am originalen ‚The Blood On Satans Claw‘ (oder ‚Satans Skin‘ oder ‚Blood In Satans Claw‘…) und auch näher an der Handlung des Films. Aber die wandelbaren Titel von 70er Jahre Horrorfilmen sind ja eh so ein Thema für sich…

Die 70er Jahre sahen einen ziemlichen Umbruch im Horror. Die Alien Invasionen und Riesenmonster der 50er waren lange durch. Die alten gothic Monster hatten sich, auch in ihrem zweiten Wind durch die britischen Hammer Studios, ziemlich totgelaufen. In den USA hatte George Romero mit ‚Night of the Living Dead‘ eine unaufhaltsame Lawine der Zombiefilme losgetreten, die 1971 aber noch nicht absehbar war. Den Serienmörder gab es schon, aber er war noch nicht zum Slasher codifiziert. Tatsächlich würde man sich im englischsprachigen Raum auf beiden Seiten des Atlantiks in eine ganz ähnliche Richtung bewegen. Der Horror wäre auf dem Land, oder gar im Land, also der Erde selbst, zu finden. 1974 würde Tobe Hooper mit ‚Texas Chainsaw Massacre‘ den Horror der USA revolutionieren. Den „backwoods horror“ etablieren. In Großbritannien ging dieser Schritt aufs Land hingegen mit einer Rückbesinnung auf die eigene, heidnische Geschichte zurück. Berühmtestes Beispiel für diesen „folk horror“ ist sicherlich ‚The Wicker Man‘ von 1973. Doch bereits zuvor gab es Beispiele dafür. Wie eben Piers Haggards ‚The Blood On Satans Claw‘.

Im frühen 18ten Jahrhundert entdeckt Ralph Gower (Barry Andrews), Knecht der wohlhabenden Witwe Isobel Banham (Avice Landone), einen seltsamen, weder menschlichen noch tierischen, haarigen Schädel mit intakten Augen beim Pflügen des Feldes. Als er diese Scheußlichkeit einem Richter (Patrick Wymark) zeigen will, der bei Witwe Banham zu Besuch ist, ist sie jedoch vom Feld verschwunden. Alsbald geschehen seltsame Dinge. Banhams Neffe Peter (Simon Williams) stellt seiner missbilligenden Tante seine zukünftige Braut Rosalind (Tamara Ustinov) vor. Doch in der Nacht wird diese wahnsinnig und verletzt Banham mit einer seltsamen Klaue. Die alte, verletzte Frau verschwindet am nächsten Tag unauffindbar im Wald. Peter sieht sich derweil selbst von einer haarigen Klaue attackiert, die er mit einem Dolch erfolgreich abschlägt, nur um festzustellen, dass er sich selbst verstümmelt hat. Und die Jugendlichen des Dorfes um Angel Blake (Linda Hayden) bleiben plötzlich nicht nur dem Pfarrunterricht fern, sie führen auch seltsame Kulthandlungen im Wald aus. Fast wirkt es, als müsste der Richter auf jenen alten Aberglauben zurückgreifen, den er so verachtet, um die Situation zu retten.

Der Film macht sehr schnell deutlich, dass wir es hier nicht mit der bekannten Welt des Hammer Horrors zu tun haben. Dort herrscht die starre Ständeordnung des viktorianischen Zeitalters und okkulte Vorkommnisse waren durchaus nicht unvorstellbar. Hier sind wir im Zeitalter kurz nach der Glorreichen Revolution, als in England der Absolutismus abgeschafft wurde. Der Monarch erhielt seine Souveränität vom Parlament, nicht mehr von Gott. Ewig wirkende Vorstellung galten nicht mehr, die Aufklärung setzte sich durch.

Daher haben wir es hier auch nicht mit dem für folk horror oft typischen Thema von Christentum gegen Heidentum zu tun. Der Der Dorpfarrer des Films (Anthony Ainley) ist ein dröger Intelektueller, der bei einem Begräbnis kaum seine Langeweile verbergen kann, aber begeistert auf die Suche nach biologischen Fundstücken geht. Der „Held“ des Films, der Richter, kann seine Verachtung für den Aberglauben der Landbevölkerung kaum verbergen. Letztlich ist es ausgerechnet ein dämonologisches Buch des Dorfarztes (Howard Goorney), ein Mann der seine Patienten nur bluten lassen kann und ihren Schnaps wegtrinkt, das ihn auf die richtige Fährte bringt. Nein, die Aufklärung, so sagt der Film, hilft nicht gegen diesen Schrecken. Aber der alte Aberglaube ist ähnlich sinnlos und gefährlich. Wenn eine Gruppe Bauern aus dem Nachbardorf ein junges Mädchen (Michele Dotrice) als Hexenprobe ins Wasser werfen und sie tatsächlich untergeht, folglich unschuldig ist, macht keiner von ihnen Anstalten ihr zu helfen. Und wenn der Richter im Finale mit einem grotesk antik wirkenden Breitschwert agiert ist es zutiefst fraglich, ob gerade das zu einem wirklichen Ende führen kann.

Überhaupt ist der Film sehr gut darin, uns im Unklaren zu lassen, was der Schrecken überhaupt ist, der hier bekämpft wird. Geht der Teufel um? Herrscht eine Massenhysterie? Oder ist es doch ein unerklärlicher, womöglich zyklischer Schrecken, der aus der Erde selbst ersteht?

Hier müssen wir nun über den Mann sprechen, den Piers Haggard als für den Film bedeutsamer als sich selbst bezeichnet. Kameramann Dick Bush. Der hatte soeben bei der BBC gekündigt und wollte raus aus dem damals extrem engen Korsett, das englischer Kameraarbeit aufgezwängt wurde. Und rannte damit bei Haggard offene Türen ein. So ist ‚Blood On Satans Claw‘ ein Film, bei dem fast jede Kameraeinstellung visuell interessant ist. Anfangs dreht er fast sämtliche Szenen aus Kniehöhe nach oben schauend, als wäre da etwas im Boden, was die Menschen belauert. In zwischenmenschlichen Szenen dreht er mit einer hochmobilen Handkamera, bringt quasi „nouvelle vague“-ische Unruhe in die Interaktionen. Während die Natur die handelnden Personen immer enger einzukreisen scheint. Zweige, Äste, Grashalme oder Blumen sind fast immer am Bildrand zu sehen, scheinen die Menschen zur Bildmitte zu drängen. Später nimmt dies die Geschichte direkt auf, wenn die Kultisten geflochtene Zweige um ihre Köpfe als Kronen tragen. Und in der Szene mit Peter und seiner Hand ist die Kamera derart aktiv, dass ich mich fast frage, ob Sam Raimi die Szene im Kopf hatte, wenn er Ash seine eigene Hand absägen lässt.

Das Studio Tigon plante den Film ursprünglich als Anthologie. Es sollte mehrere Geschichten geben, die lose durch den Fund Gowers verbunden waren. Aber Haggard überzeugte Autor Robert Wynne-Simmons eine einzige, durchgehende Geschichte daraus zu machen. Allerdings sind im Drehbuch fraglos Spuren der alten Struktur übrig geblieben. So verschwindet der Richter für lange Zeit nach London, Peter kommt kaum mehr vor, nachdem er sich selbst verstümmelt hat. Es ist schwer, wirkliche Protagonisten auszumachen. Am ehesten noch Gower und seine Frau Ellen, die ihre Kinder an den Kult verlieren und das als Hexe misshandelte Mädchen aufnehmen und so wesentliche Verbindungen zu fast allen Storyelementen haben. Nur sind sie sehr selten aktiv handelnde Figuren. Das trägt zum seltsamen Gefühl der Unkontrollierbarkeit des Films bei. Die Menschen des Dorfes entwickeln plötzlich schrundige Hautstellen von einem dichten, schwarzen Fell behaart und werden alsbald vom Kult entführt, der diese Stellen brutal herausschneidet. Was all dies bedeutet, deutet der Film nur an und die Figuren an sich wissen eher noch weniger darüber als wir als Zuschauer. Es ist ein Gefühl nicht nur der Hilflosigkeit sondern des Unverständnisses, das den Schrecken erhöht.

‚In den Krallen des Satans‘ ist ein faszinierendes, frühes Beispiel für folk horror, das einen langen Schatten bis in die heutige Zeit mit Filmen wie ‚The Witch‘ oder ‚Midsommar‘ wirft.

3 Gedanken zu “‚In den Krallen des Satans‘ (1971)

Und was meinst Du? (Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Verarbeitung Deiner angegebenen Daten durch Automattic, Inc. sowie den Dienst Gravatar einverstanden.)

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..