Die Känguru-Chroniken (2020)

Hier ist es also, das kleine, deutsche Kinowunder aus dem Pandemie Jahr 2020. Ich sage lieber gleich dazu, dass ich die Buchvorlage nicht kenne. Meine einzige Begegnung mit dem Känguru sind die Comicstrips von Autor Marc-Uwe Kling und Zeichner Bernd Kissel auf Zeit Online. Und die sind oft genug komisch genug, um mein Scrollen zu unterbrechen. Okay, damit wäre meine Ahnungslosigkeit schon ausreichend festgestellt, kommen wir zum Film.

Nachdem der berliner (Klein-)Künstler Marc-Uwe (Dimitrij Schaad) ein sprechendes Känguru (Stimme Marc-Uwe Kling) vor der Polizei versteckt hat, zieht dieses ungefragt bei ihm ein und bringt sein ohnehin nicht sonderlich geordnetes Leben ein ganzes Stück weiter aus dem Takt. Gleichzeitig plant Baulöwe Dwigs (Henry Hübchen), Vorsitzender der rechtspopulistischen Partei AzD, das gesamte Kreuzberger Kiez, in dem Marc-Uwe und das Känguru leben, aufzukaufen und dort den gigantischen „Europa-Tower“ zu bauen. Für das Känguru steht schnell fest, dass hier entschiedener Widerstand geleistet werden muss und es gründet zu diesem Zweck das „Asoziale Netzwerk“. Mit der Folge, dass Marc-Uwe nicht nur von Nazis, verzeihung, „Patrioten“ auf die Fresse bekommt, sondern auch wegen allerlei Delikten seines tierischen Kumpels im Knast landet. Da kann auch sein Therapeut (Paulus Mankert) kaum mehr helfen. Nicht, dass der irgendein gesteigertes Interesse daran hätte.

Das Grundmuster des Films ist ja eines, das in Komödien der 80er sehr beliebt war. Irgendein reicher Bauherr will Grundbesitz kaufen, der den Protagonisten sehr wichtig ist und die müssen sich als Underdog dagegen wehren. Das ist bewährt, das funktioniert und das tut es auch hier. Es ist nur halt so gar nichts Besonderes, auch wenn hier noch zusätzlich der Rechtspopulismus sein absolut verdientes Fett wegbekommt. Das macht aber nicht viel. Denn die Handlung ist ohnehin eher eine lose Klammer und der Film glänzt vor allem in seinen Dialogszenen und mit seinem Wortwitz. Das ist sicherlich einerseits seiner literarischen Herkunft zuzuschreiben, aber wohl auch der Tatsache, dass Regisseur Dani Levi sich hier meistens hervortut. So waren für mich insbesondere die Szenen mit Marc-Uwes komplett desinteressiertem Therapeuten, der seinen Patienten zu erhöhtem Alkoholkonsum rät, echte Höhepunkte des Films. Auch die türkischen Brüder (Adnan Maral und Tim Seyfi), die einen Späti betreiben, und von ihren extrem integrationswilligen Eltern die Namen Friedrich Wilhelm und Otto Von verpasst bekommen haben sind sehr lustig. Wobei nun nicht ausschließlich  der Dialog funktioniert. Es gibt auch durchaus gute Sightgags, oder spaßige Cameos, wobei hier wohl der Höhepunkt Helge Schneider als Vorturner in einem Work Out Video ist.

Anderes funktioniert weniger gut. Die Slapstick- oder Prügelszenen sind nicht wirklich Höhepunkte des Films. Marc-Uwes Liebesgeschichte mit Nachbarin Maria (Rosalie Thomass) wirkt so, als wäre sie vor allem hier, weil so etwas eben einfach in einen Film gehört. Wobei zur Fairness erwähnt werden muss, dass der Film das zum Ende hin auch mehr oder weniger offen so sagt.

Die Darsteller hingegen sind alle top aufgelegt. Dimitrij Schaad tölpelt sich sympathisch-stoisch von einer merkwürdigen Situation in die nächste. Levi-Stammdarsteller Henry Hübchen gibt den neurotischen Baulöwen mit Trump-Komplex gut gelaunt eklig und hat in Bettina Lamprecht als Ehefrau Jeanette eine hervorragende Partnerin für allerlei Pointen (auch wenn ich immer Schwierigkeiten habe in ihr nicht „Die Bruck“ aus ‚Pastewka‘ zu sehen). Leider aber auch seine einzige. Ich wünschte er hätte mehr Interaktion mit den tumben Nazis oder den zahlreichen Doppelgängern europäischer Rechtspopulisten. Auch das CGI des Kängurus ist in meinen Augen gut gelungen. Es wurde nicht zu knuffig-cartoonig umgesetzt, aber eben auch nicht komplett realistisch und interagiert recht glaubwürdig mit seiner Umwelt. Man darf nun kein Hollywood-Niveau erwarten, aber für eine deutsche Komödie kann sich das allemal sehen lassen.

Okay, kommen wir zu meinem größten Problem mit dem Film. Ein Problem, bei dem ich mich frage, ob es an mir liegt. Und an meinem Unwissen der Vorlage. Der Film stellt bekannte Szenen anderer Filme nach. 1:1. Und ich weiß nicht wieso. Am auffälligsten ist das bei einer Rückblende, in der wir erfahren, wie Fiesling Dwigs seinen filmentscheidenden Glücksbringer bekommt. Das ist eine ikonische Szene aus ‚Pulp Fiction‘, in der das Wort „Armbanduhr“ durch „Hasenpfote“ ersetzt wurde. Andere ergeben sich zumindest ein wenig organischer aus der Handlung, aber ich werde jedes Mal komplett aus dem Film gerissen. Das ist derart plump, dass es echt nicht mehr als Hommage durchgeht. Das ist Anbiederung auf Mario Barth „kennse dit?“-Niveau. Frage an die Kenner der Vorlage: gibt es da irgendwas, was ich hier womöglich nicht verstehe? Zitiert Kling bekannte literarische Passagen und versucht sie scherzhaft als eine eigenen auszugeben, oder so? Ich hab das Gefühl hier irgendwas echt nicht mitzubekommen. Ich habe jedes Mal auf eine Pointe auf eine Dekonstruktion, auf einen meta-Kommentar, auf irgendwas gewartet. Aber nö, das war einfach „na, kennst Du die Szene? Wir auch! Lustig, oder?“. Aber vielleicht denke ich hier auch, um das Känguru zu zitieren, in zu bürgerlichen Kategorien.

Der Film hat viel, was ihn empfehlenswert macht. Hätte er nicht das oben erwähnte Problem wäre ich vermutlich sogar recht enthusiastisch. So bin ich echt versucht, in Klings Bücher hineinzuschauen, um zu erfahren, ob es dort irgendeinen Grund für die Filmzitate gibt. Falls das das Ziel war: bravo! Aber gut, der Film braucht meine Fürsprache nicht, der war eh schon erfolgreich und bekommt ein Sequel. Wenn sich das auf die Stärken dieses Films konzentriert und die Schwächen ausräumt, dann kann das was echt Großes werden!

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