Wenn eine Neuverfilmung den alten Film besser macht

Remakes und Neuverfilmungen (die Übergänge sind bekanntlich fließend) haben, wie schon häufig festgestellt, nicht den besten Ruf. Manchmal aber sind sie wirklich gut. Und manchmal sind sie besser als das Original. Doch darum soll es heute nicht gehen, sondern um den sehr seltsamen Fall, in dem eine Neuverfilmung die erste für mich besser gemacht hat. Es geht um ‚Dune‘ (2021) und ‚Der Wüstenplanet‘ (1984).

Heute bin ich in der Lage, einen Roman und dessen Verfilmungen als zwei grundsätzlich unterschiedliche Medien zu betrachten. Solange die Verfilmung wenigstens einen Kern des Romans behält ist sie gelungen. Und selbst wenn sie das nicht tut, kann sie immer noch als Film gelungen sein. Als Teenager Mitte der 90er sah ich das anders. Ich hatte soeben Frank Herberts ‚Der Wüstenplanet‘ gelesen und war mir sicher, das beste Science Fiction Buch aller Zeiten gefunden zu haben. In der Bücherei-Ausgabe, die ich gelesen habe, waren in der Mitte Farbtafeln, sowohl von Darstellern des Lynch Films, als auch von H.R. Giger Entwürfen für die nie gedrehte Jodorowsky Version.

Wir reden hier über eine Zeit vor dem Internet und so musste ich aus dem Buch selbst erfahren, dass es einen Film von David Lynch gab. Von Lynch kannte ich damals vor allem ‚Twin Peaks‘ und erwartete demnach Großes. Und Captain Picard war auch noch im Film! Einen Videorekorder hatten wir damals nicht, also hieß es die Fernsehzeitungen im Blick zu behalten. Und endlich konnte ich ihn sehen und… war am Boden zerstört.

Ich hasste alles an dem Film! Das Groteske der Harkonnen, die seltsam müde Aristokratie der Atreiden, die stocksteifen Fremen, die annähernd erbärmlichen Corrinos. Die Kostüme, die Effekte, die darstellerischen Leistungen, vor allem aber das dauererklärende Buch, alles aber wirklich alles blieb unter meinen Erwartungen. SCHALLMODULE!? Und dann regnet es am Ende auch noch auf Arrakis?! Mann ey, haben die überhaupt das Buch gelesen und verstanden? Das war nicht mein ‚Dune‘! Das war Mist! Das war peinlich! Mann, war ich sauer. Zum Glück gab es noch keine Internetforen, in denen ich mich hätte auskotzen können.

David Lynch ging, für mich, aus der Sache unbeschadet heraus. Er wurde zu einem meiner liebsten Regisseure noch bevor ich zwanzig war. Und das Schöne war, wir waren uns sogar einig! Lynch fand auch, dass sein ‚Dune‘ furchtbar war. Die Dreharbeiten waren unschön, die Streitigkeiten mit den Produzenten anstrengend und dann wurde ihm der endgültige Schnitt genommen. Bei der ursprünglichen Fassung musste Lynch seinen Namen lassen, doch bei jeder auch nur leicht veränderten Fassung lässt er ihn durch das Pseudonym Alan Smithee ersetzen.

Irgendetwas muss an seinen ersten beiden Filmen gewesen sein, an ‚Eraserhead‘ und ‚Elephant Man‘, was die Produzenten von SciFi Blockbustern Anfang der 80er überzeugt hat, dass dieser seltsame Kerl, der kein Geheimnis daraus macht mit SciFi nix anfangen zu können, ein perfekter Regisseur für diese wäre. In der Rückschau fragt man sich ernsthaft was. Ich meine, er hat ‚Die Rückkehr der Jedi Ritter‘ abgelehnt, um stattdessen ‚Der Wüstenplanet‘ zu drehen! Könnt Ihr Euch Lynchs Ewoks vorstellen? Jabba!? Den Imperator?!?! Es gab Actionfiguren zu seinem ‚Wüstenplanet‘! Irgendwer dachte, Kinder würden diesen Film sehen und eine Wladimir Harkonnen Figur haben wollen! Ob die wohl mit richtig feuchtenden Ekzemen kam? Und einem Sexsklaven mit herausnehmbarem Herzstecker und echtem Blutspritzeffekt als Zubehör?!

Ich habe den Film noch einmal auf DVD gesehen, als ich Mitte 20 war. Aufregen konnte ich mich nichtmehr darüber, sah mich aber voll in meiner Meinung bestätigt, dass es ein trauriger Ausrutscher in Lynchs ansonsten recht unantastbarer Filmografie war. Aber er und das Blockbuster-Kino trennten sich danach, wohl wissend, dass sie nichts miteinander anzufangen wüssten.

Und dann kam Denis Villeneuve. Der kann viel mit SciFi anfangen. Und über seinen Film habe ich hier schon mehr als genug geschwärmt. Es ist nicht die perfekte ‚Dune‘ Verfilmung, aber die gibt es vermutlich auch gar nicht. Dennoch, plötzlich klickte etwas in meinem Hirn. ‚Der Wüstenplanet‘ war nun nicht mehr „der ‚Dune‘-Film“. Er war eine ‚Dune‘ Verfilmung. David Lynchs (und Dino de Laurentiis) ‚Dune‘-Verfilmung. Und plötzlich konnte ich ihn mit komplett neuen Augen sehen.

Plötzlich erfreute ich mich an Lynchs Sinn für das Groteske. Die Momente in denen sein Film lebt. Wenn der mutierte Gildennavigator auftritt. Giedi Prime, die widerwärtige Heimatwelt der noch widerwärtigeren Harkonnen war ein Alptraum, wie er nur Lynchs Hirn entspringen konnte. Thufir Hawat muss eine Katze melken, um zu überleben! Das ist eine Tartaros-Qual direkt aus den tiefsten Tiefen des Unterbewussten. Stings geflügelte Stahlwindel ist nichts weniger als brillanter Camp! Patrick Stewarts Gurney Halleck führt einen Angriff mit einem Mops in der Uniformjacke! Ja, der Film ist immer dann am besten, wenn ein Harkonnen im Bild ist. Es ist faszinierend zu sehen, wo Villeneuve das Design von Effektsequenzen annähernd übernimmt und wo er komplett abweicht. Tatsächlich sind einige der Miniatureneffekte sogar extrem beeindruckend. Und die Körperschildeffekte absolut peinlich. Und ja, er ist auch immer noch schlecht, wenn die arme Virginia Madsen unendliche Exposition vortragen muss, oder der viel zu alte Kyle MacLachlan als 15Jähriger durch den Film schlafwandelt. Ich werde hier demnächst einen ‚Ist der wirklich sooo schlecht?‘ zu dem Film veröffentlichen, wo ich ausführlich darlege, warum der Film, meiner heutigen Meinung nach, sehenswert ist. Kurz, „IT IS WORTH MORE TO ME THAN TEN LEGIONS OF SARDAUKAR!!!“

Hattet Ihr auch einmal so ein Erlebnis? Wo ein besseres Remake oder eine Neuverfilmung den früheren Film hat besser aussehen lassen? Sei es, weil er ihn von Erwartungen befreit hat, oder aus anderen Gründen.

6 Gedanken zu “Wenn eine Neuverfilmung den alten Film besser macht

  1. Bei Herr der Ringe mochte ich die ursprüngliche Verfilmung gar nicht (vielleicht hat sich das ja inzwischen geändert) – bei der neuen Dune-Verfilmung war die Stimmigkeit des Hauptdarstellers, was die Verkörperung eines 15jährigen angeht, für mich ein Punkt, warum mir der Film gefallen hat.

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  2. Pingback: Ist der wirklich sooo schlecht? – ‚Der Wüstenplanet‘ (1984) | filmlichtung

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