‚Wenn Du König wärst‘ (2019)

Ich habe hier ja schon einmal sehr deutlich gemacht, dass ich Joe Cornishs ‚Attack The Block‘ sehr mag. Leider ist sein unterhaltsamer Monster-SciFi Film 2011 vom Publikum weitgehend unbeachtet geblieben. Cornish war es, seiner Aussage nach, egal, er hatte den Film gedreht, den er wollte. Aber natürlich macht es ein finanzieller Misserfolg nicht leichter, einen weiteren Film finanziert zu bekommen. Das sollte für ihn ganze acht Jahre dauern. 2019 kam ‚Wenn Du König wärst‘ in die Kinos. Eine moderne Adaption des König Artus Stoffes, die sich explizit an ein jüngeres Publikum richtet. Erneut wurde der Film eine finanzielle Enttäuschung und erneut hatte Cornish kein allzu großes Problem damit. Ich jedenfalls war gespannt, ob mir der Film gefallen würde, obwohl ich definitiv nicht zur Hauptzielgruppe gehöre.

Der zwölfjährige Alex (Louis Ashbourne Serkis) lebt mit seiner Mutter in einem Londoner Vorort. An seinen Vater kann er sich kaum erinnern, seit der die Familie verlassen hat. In der Schule hat er den Ruf eines Losers. Er und sein bester Freund Bedders (Dean Chaumoo) werden von Bullies gepeinigt, allen voran Lance (Tom Taylor) und Kaye (Rhianna Dorris). Eines Abends, auf der Flucht vor den Bullies, gerät Alex auf eine Baustelle. Hier findet er ein Schwert in einen Stein gerammt, das er jedoch problemlos herausziehen kann. Eine kurze Internetsuche identifiziert das Schwert als Excalibur, das Schwert von Artus auf Camelot, des größten Königs Britanniens. Nachdem Alex Bedders noch spielerisch zum Ritter schlägt, müssen sie bald feststellen, dass durchaus Handfestes hinter der Klinge steckt. Nicht nur taucht ein seltsamer, schlaksiger Junge (Angus Imrie) in der Schule auf, der sich „Mertin“ nennt, viel schlimmer ist, dass sich Alex plötzlich von skelettierten Rittern verfolgt sieht. Geschickt von der erwachten Morgana (Rebecca Ferguson), die nach Schwert und Macht und Rache giert. Für Alex und Bedders beginnt ein Abenteuer, dass sie an die Orte der arturischen Legende führen wird. Doch dafür benötigen sie mehr Ritter. Und wer wäre dafür geeigneter als die stärksten Menschen, die sie kennen: die Bullies Kaye und Lance.

‚Wenn Du König wärst‘ ist ein seltsamer Film. Erzählerisch wirkt er wie ein alter, europäischer Kinderfilm aus den 70er oder 80er Jahren. Da ist eine gewisse Unschuld in der Erzählung, die Abwesenheit jeglichen Zynismus. Eine Geschichte, die ihre kindlichen Charaktere zu jedem Moment ernst nimmt, auch wenn sie weiß, dass sie nicht alles wissen können, aber bereit sind zu lernen. Einher geht das mit teilweise etwas ungelenken Dialogen. Doch wird diese alte Erzählweise vermischt  mit modernem Blockbusterkino. Morganna schickt ihre „Mortes Milles“ in durchaus gelungenen CGI Sequenzen hinter den Kindern her und will am Ende auch selbst als geflügelte Monstrosität actionreich bezwungen werden. Teilweise herrscht ein vernehmbares Knirschen zwischen diesen beiden disparaten Elementen. Ich glaube fast, weniger wäre hier mehr gewesen. Eine lange Verfolgungsjagd in der Mitte des Films, in der die Kinder hunderten feindlicher Reiter entgehen etwa, war mir zumindest zu viel. Genau wie die erwähnte Endschlacht. Auch ist Morgana immer dann eine interessante Gegenspielerin, wenn sie von der talentierten Rebecca Ferguson verkörpert wird. Verwandelt sie sich in irgendein Monster, verschwindet mein Interesse schnell.

Was erzählerisch auffällt sind Elemente, die Cornish von ‚Attack The Block‘ hier weiterführt. Hier wie dort erzählt er von einem England (und einer Welt), die zerrissen und uneinig ist. Und es sind die jungen Menschen, in die er vertraut ihre Differenzen beizulegen und in Folge dessen die größeren Probleme zu lösen. Hier wie dort ist es Einigkeit, die er beschwört. So ist es hier eben nicht das arturische Element des Auserwählten, des Sprosses einer langen Blutlinie, der hier Rettung bringt. Stattdessen betont Cornish die Idee der Tafelrunde, von Gleichen unter Gleichen. Er lässt gar den jungen Merlin (Patrick Stewart, Merlin altert bekanntlich rückwärts), in den sich der junge gelegentlich durch einen heftigen Nieser verwandelt, betonen, dass die Legenden wie wir sie kennen, nicht ganz korrekt wären. Auch hier kann man sich fragen, ob die Vorlage einer ritterlichen Legende, die ja nun einmal ihrer Natur nach immer herausragende Charaktere begleitet, für dieses Bild der gleichberechtigten Eintracht taugt. Runde Tafel hin oder her. Ich bin davon jedenfalls nicht so ganz überzeugt.

Cornish geht hier mit einigem Humor zu Werk. Merlin braucht ein Zaubermittel aus allerlei ekligen Zutaten, um seine Macht zu erhalten. Zum Glück finden sich die allesamt in Fast Food. Die „Dame aus dem See“ kann in jedem Gewässer Englands auftauchen, ja, auch in einer Badewanne. Und Stonehenge ist, selbstverständlich, ein vor-mittelalterliches Schnellreisesystem. Wäre das also auch endlich geklärt.

Insgesamt ist ‚Wenn Du König wärst‘ ein durchaus charmanter und trotz, oder sogar wegen, seiner ältlichen Erzählweise ein erstaunlich aktueller Film. Warum ist er also gefloppt? Nun vielleicht liegt es an den disparaten Elementen, von denen ich oben schrieb. Aber bei den Kritikern kam der Film eigentlich ziemlich gut an. Ich glaube die Antworten hier sind simpler. Zum einen ist es ein sehr europäischer (oder meinetwegen sehr britischer, falls sich gewisse Briten nicht unter diesem Begriff wiederfinden wollen) Film, mit dem die Amerikaner nicht viel anzufangen wussten. Zum anderen ist König Artus in den letzten Jahren schlicht Kassengift geworden. Guy Ritchies ‚King Arthur: Legend of the Sword‘ erging es 2017 nicht besser. Ausnahmen scheinen hier nur Nebengeschichten des arturischen Mythos zu sein, etwa ‚The Green Knight‘, die der durchschnittliche Zuschauer nicht gleich mit Camelot in Verbindung bringt. Man könnte jetzt viel spekulieren warum, aber vielleicht haben mythische Heroen neben Superhelden einfach zu wenig Platz.

Wenn Ihr Kinder habt, die sich für Ritter interessieren und womöglich schon eine kindgerechte Fassung der Artus Legende kennen, dann ist dieser Film allemal einen Blick wert. Als purer Fan von Cornishs ‚Attack The Block‘ muss man sich hier erst einmal auf einen völlig anderen Ton und eine völlig andere Zielgruppe einstellen. Cornish jedenfalls hat erneut den Film gemacht den er wollte. Und diesmal hat er sogar schon Finanzierung für den nächsten. Ein ‚Attack The Block 2‘ scheint im Moment schon fast sicher. Ich bleibe gespannt.

2 Gedanken zu “‚Wenn Du König wärst‘ (2019)

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