Der Stunt und der Film

Stuntleute sind doch so etwas wie die unbesungenen Heroen des Films. Sie werden angezündet, erschossen, stürzen von Klippen, springen in Autos über Schluchten, stürzen mit Autos in Schluchten, springen aus in Schluchten stürzenden Autos, lassen Stars wie brillante Nahkämpfer wirken, hopsen zwischen fahrenden Fahrzeugen hin und her als wär es nichts. Und besonders viel Anerkennung bekommen sie dafür weder von der Filmindustrie selbst, noch von deren Zuschauern.

Dabei haben sie anfangs durchaus die Richtung der Filmindustrie mitbestimmt. Der erste „professionelle“ Stuntman (sprich, der erste, der bezahlt wurde) war ein heute unbekannter Akrobat und Schwimmer, der 1908 für Francis Boggs ‚Der Graf von Monte Christo‘ von einer Klippe ins Meer sprang. Er bekam dafür satte 5 Dollar (heute inflationsbereinigt um 150 Dollar). Weit bedeutender aber war, dass im frühen 20ten Jahrhundert der Westen der USA nicht mehr wirklich „wild“ war. Mit all den finsteren Implikationen, die das für die dortigen Ureinwohner hatte. Das bedeutete eine ganze Menge nun arbeitsloser Cowboys. Was liegt näher, wenn man eine große Menge hocherfahrener Reiter und Viehtreiber hat, als den Westen im Film wieder wilder denn je zu machen?

Und so wurde der Western eines von Hollywoods frühen, großen Genres. Stunttechnisch interessant in der Zeit ist fraglos auch das Genre des Slapstick. Doch gab es einen gewaltigen Unterschied zum Western. Die Stars wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin machten ihre Stunts hier allesamt selbst. Und gerade im Falle Keatons waren das teilweise durchaus haarsträubende Leistungen. Eine Ausbildung hierfür gab es natürlich nicht. Wie Zirkusclowns lernten sie durch schmerzhaftes Ausprobieren. Behalten wir Darsteller, die ihre eigenen Stunts absolvieren aber mal im Hinterkopf. Die werden noch wichtig.

Die westliche, klassische Schauspielausbildung verwendete auf den Bühnenkampf nicht allzu viel Zeit, anders als etwa die Ausbildung für die chinesische Oper, die diesen Teil deutlich ernster nahm. Stuntdarsteller konnten beim westlichen Film also durchaus eine sichere Karriere antreten. Sicher natürlich nur in Bezug auf die Arbeitsaussichten, nicht immer unbedingt in Bezug auf die Arbeitssicherheit. Ich hätte auch „Stuntmänner“ sagen können, denn lange Zeit galt das als ein rein männliches Geschäft. Bis in die 80er verwandelten sich zierliche Darstellerinnen, wenn sie denn etwa aus einem Auto springen mussten, in breitschultrige Männer im Kleid mit blonder Perücke. Und dank high defintion können wir es heute alle auf unseren Fernsehern sehen. Nicht, dass das Problem auf Frauen/Männer beschränkt war. In der guten alten ‚Batman‘ Serie aus den 60ern etwa, bemerkt man den Wechsel von Batman Adam West zum Stuntdarsteller dank Kostüm kaum. Doch Burt Ward in seinem deutlich kanpperen Robin Kostüm altert sichtlich um ca. 30 Jahre, wenn es in Zing, Biff, Pow-Szenen geht.

Mich stört das wenig, es ist charmant. Man lernte gewisse Stuntleute quasi schon als Kleindarsteller schätzen. Alle, die mehr als fünf Bud Spencer/Terrence Hill Filme gesehen haben, wissen wen ich meine, wenn ich „der Stuntman mit dem grauen Bart“ sage. Genau der. Der, den es immer besonders übel erwischt hat. Man hielt ja schon Ausschau und war enttäuscht, wenn er mal nicht verkloppt wurde. Dank des Internets kann ich Euch nun sagen, der Mann heißt Riccardo Pizzuti und er lebt noch!

Über die Jahre wurden Stunts jedenfalls immer aufsehenerregender, das Material mit dem Stuntleute arbeiten konnten umfangreicher und, zum Glück, auch Sicherheitsvorkehrungen professioneller. Schmerzhaftes Ausprobieren oder gar tödliches Ausprobieren bevor es zu Sicherheitsbestimmungen kam, waren und sind aber durchaus immer noch zu finden. Doch nun schleuderten „air rams“ Stuntdarsteller nach Explosionen meterweit durch die Luft. In den 60er Jahren setzte sich dann in Hollywood eine der wichtigsten Erfindungen für Stunts durch. „Squibs“. Kleine Päckchen mit Kunstblut, meist in der Kleidung der Stuntdarsteller, die durch eine kleine Ladung zum explodieren gebracht werden und so die Treffer von Geschossen überzogen simulieren.

Der 80er-Jahre Actionfilm ist ohne Squibs kaum vorstellbar. Menahem Golans und Yoram Globus‘ Cannon Group allein dürfte ganze Fabriken zur Herstellung der Blutpäckchen betrieben haben während sie ihre zahllosen Billigproduktionen herunterkurbelten.

Solcherlei Stunts wurden zum Standard. Doch konnte man in den 70er oder 80er Jahren mit Stunts immer noch begeistern. Das galt nicht einmal nur für Blockbuster Produktionen (die Idee des Blockbusters entstand eh erst in der Mitte der 70er). 1988 etwa veröffentlichte ‚Flodder‘-Regisseur Dick Maas ‚Verfluchtes Amsterdam‘ (‚Amsterdamned‘ ist der VIEL bessere Originaltitel). Einen gelungenen niederländischen Giallo mit Groschenromancharme und schicken Aufnahmen von Amsterdam. Mittendrin eine große Schnellbootjagd durch die Grachten. Stuntman Nick Gillard legte hier einen Bootssprung über 67 Meter (und zwei Brücken!) hin, womit er seinen eigenen Rekord aus dem Bondfilm ‚Leben und sterben lassen‘ brach und ins Guinnessbuch einzog. Der reißerische Film warb gerne damit.

Die 70er waren denn auch die Zeit als der Westen plötzlich eine Entdeckung machte. Das Hongkong-Kino. Oder anders gesagt der Kung Fu oder Wuxia Film. Hier war es üblich, dass die Stars, ganz wie beim alten Slapstickfilm, den Großteil ihrer Stunts selbst absolvieren. Zahllose Stars der Shaw Brothers Studios, Bruce Lee, Sammo Hung, Yuen Biao und selbstverständlich Jackie Chan. Das waren plötzlich auch im Westen bekannte Namen. Und anders als im westlichen Kino galt das hier absolut auch für die weiblichen Stars. In der chinesischen Oper wurden lange Zeit alle Rollen von Männern gespielt. Nicht zuletzt das führte dazu, dass auch Frauen als fähige Kämpferinnen auftraten. Im Wuxia Film (nicht nur aus Hongkong, auch aus Taiwan!), der Kung Fu sehr in der Tradition der Oper zeigt spielten dann aber doch wieder Frauen die Rollen ihres Geschlechts. Und eben auch die fähiger Kämpferinnen. Pionierinnen wie Xu Qin-fang bereiteten den Weg, damit in den 60ern Darstellerinnen wie Hsu Feng (tut Euch selbst einen Gefallen und treibt irgendwo ‚Ein Hauch von Zen‘ auf!) oder Cheng pei-pei echten Starruhm erreichen konnten.

Der Westen war hier deutlich weniger progressiv. Während die männlichen Darsteller nach dem Ende des großen Hongkong-Booms gerne nach Hollywood geholt wurden um ihre Kampfkünste zu zeigen (Jackie Chan ist das offensichtlichste Beispiel), war etwa Michelle Yeoh etwas konsterniert, als ihr Roger Spottiswoode, Regisseur von ‚Der Morgen stirbt nie‘, verbot ihre eigenen Stunts auszuführen. Sie bestand jedoch darauf ihre eigenen Kampfszenen zu drehen.

Der Hongkong-Film seinerseits griff Squibs mit erstaunlicher Begeisterung auf und spätestens in den frühen 90ern war es diese Stuntvorrichtung, die half dem neuen Genre „heroic bloodshed“ seinen Namen zu geben.

Heute scheinen Stunts einiges an ihrer Magie eingebüßt zu haben. CGI lässt Dinge möglich werden, die eigentlich unmöglich sind. Dagegen kommen Stuntleute, die letztlich an die Gesetze der Physik und die Grenzen der Belastbarkeit des menschlichen Körpers gebunden sind kaum an. Wen interessiert es, wenn ein Stuntman mit seinem Schnellboot 67 Meter springen kann, wenn man daraus mit CGI auch 200 Meter machen kann, während Dwayne „The Rock“ Johnson vor dem Greenscreen seine Augenbraue hochzieht?

Es scheint nur noch einen Weg zu geben das Publikum für Stunts zu begeistern. Den Slapstick-Weg, den Hongkong-Weg. Der Star selbst muss den Stunt ausführen. Dann wird er wieder interessant. Und ja, wir denken in diesem Moment alle an die exakt gleiche Person. Tom Cruise vollführt pro Film mindestens einen tollkühnen Stunt und er lässt es jeden wissen, der ihn zu Wort kommen lässt. Und ja, da ist eine Faszination, wenn man weiß, dass es Tom Cruise selbst ist, der da am Flugzeug oder Burj al Khalifa hängt. Der lernt wie man einen Helikopter fliegt, um es dann im Film auch selbst zu tun.

Aber weil es eben nicht der bescheidene, selbstironische Jackie Chan ist, der in Interviews selbst auf die lange Stunt-Tradition bis Keaton verweist, sondern das wohl hollywoodigste aller Hollywoodgrinsen seit es professionelle Zahnreinigung und Scientology gibt, Mr. Tom Cruise himself, kommt schnell ein anderes Wort ins Gespräch: Ego. Und manchmal frage ich mich, ob eine Reihe wie ‚Mission: Impossible‘ nicht sogar ein wenig unter ihrem stuntfreudigen Star leidet. Schließlich erhält eine der, in meinen Augen, besten Action-Reihen der Gegenwart (von der ausgerechnet heroic bloodshed Begründer John Woo den schwächsten Film abgeliefert hat…) so den (nicht ganz unverdienten) Ruch des reinen Cruise Ego-Produkts. Aber sie ist deswegen auch eine der letzten Blockbuster-Reihen die klassische Stunts wirklich hochhält.

Aber er geht nicht weg, der klassische Stunt. In den letzten Jahren scheint er gar ein kleines Comeback zu feiern. Mit Reihen wie den ‚John Wick‘ Filmen, in denen Stuntleute absolut zeigen dürfen, was sie können. Oder ‚Everything Everywhere All at Once‘, einer surreal-charmanten Darstellung einer existentiellen Krise, deren Macher weise genug waren Michelle Yeoh gewähren zu lassen. Doch das sind alles keine Riesenproduktionen. Das sind erfolgreiche Filme der zweiten Reihe. In Südostasien eifert man dem Hongkongkino früherer Tage durchaus nach und bringt immer noch Actionstars hervor, die ihre Stunts selbstverständlich selbst machen. Tony Jaa aus Thailand vor ein paar Jahren, oder, ganz aktuell, Iko Uwais aus Indonesien (mit dem derzeit Hollywood so rein gar nichts anzufangen weiß, etwas wovon Leute wie Jet Li oder Donnie Yen ein Lied singen können (ich mein, das können sie vermutlich wirklich, die sind talentiert!)). Und diese werden sicherlich auch in Zukunft nicht verschwinden. Denn für viele Zuschauer macht es eben doch einen Unterschied, ob sie das Licht von einem echten Menschen reflektiert sehen, der absolut Unglaubliches unternimmt, wobei jeder einzelne Schritt perfekt durchdacht werden will, oder eine CG-Figur, die unter üblen Arbeitsbedingungen in einen Computer gehackt wird.

Quentin Tarantino drehte vor kurzem mit ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ einen Film, den man wohl als ein Hohelied auf den klassischen Stuntman bezeichnen könnte. Brad Pitts Cliff Booth erlebt eine Art Ersatzruhm durch DiCaprios Rick Dalton, ein Darsteller, dessen Stern im Sinken ist und dessen Stunts er vollführt. Nicht nur vermöbelt dieser Cliff das Manson Family Mitglied Clem Grogan, der in Realität bei der Spahn-Ranch vermutlich einen Stuntman ermordet hat, auch Bruce Lee bekommt sein Fett weg. Etwas unverdient, wie häufig besprochen. Natürlich hat Tarantino, der Mann der Filme mehr liebt als das wahre Leben, ein großes Herz für Stuntleute (was nicht davon ablenken sollte, dass er etwa von Uma Thurman verlangt hat selbst Stunts zu vollführen, die sie nicht hätte selbst machen sollen!). Das sieht man nicht zuletzt daran, dass er Stuntfrau Zoë Bell, nachdem sie ihn in ‚Kill Bill‘ ziemlich beeindruckt hat, immer wieder Rollen in seinen Filmen gibt.

Was ich mit meiner Begeisterung über Stunts vermutlich sagen will ist: mehr Squibs. Ich möchte wieder mehr Squibs sehen! Nichts macht Action dreckiger, als wenn jemandes gesamter Brustkorb in überzogenen Blutfontänen explodiert. Und CGI Blut funktioniert bis heute nicht richtig!!

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Ein Gedanke zu “Der Stunt und der Film

  1. Ein schönes Hohelied hast du da gesungen. 🙂
    Damals fand ich das auch faszinierend, das „Bébel“ all seine Stunts selber gemacht hatte. Da waren auch einige gefährliche Sachen dabei.
    Wie heißt es so schön? Es ist immer eine Versicherungssache, wenn Stars selbst Hand anlegen und sich verletzten. Ich denke, viele der Tops haben sogar Verbote, etwas selbst zu machen.

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