‚Everything Everywhere All at Once‘ (2022) – Alle lieben Waymond

Die Daniels (Kwan und Scheinert), die vor einigen Jahren mit der grotesken Komödie ‚Swiss Army Man‘ überzeugten, sind wieder da. Und mit jeder Menge anarchischer Energie wollen sie uns dieses Mal gleich ‚Everything Everywhere All at Once‘ servieren. Erneut tun sie dies mit einer absurd komischen Geschichte hinter der sich nicht nur finstere Abgründe, sondern auch eine warmherzig-menschliche Botschaft versteckt.

Evelyn Wang (Michelle Yeoh) ist im Stress. Sie und ihr Mann Waymond (Ke Huy Quan), chinesische Immigranten in die USA, betreiben einen recht heruntergekommenen Waschsalon und leben in der Wohnung darüber. Doch nun ist Evelyns Vater (James Hong) pflegebedürftig und daher aus China übergesiedelt. Jener Vater, dessen Ansprüchen sie nie genügen konnte. Evelyn selbst tut sich derzeit schwer die lesbische Beziehung ihrer Tochter Joy (Stephanie Hsu) zu akzeptieren. Waymond trägt sich inzwischen mit Gedanken an Scheidung und über allem droht eine Steuerprüfung durch den Internal Revenue Service und die extrem humorlose Steuerprüferin Deirdre (Jamie Lee Curtis). Da überrascht es Evelyn durchaus, als Waymond sich, auf dem Weg zum Prüfungstermin, plötzlich als von einem anderen Selbst kontrolliert zu erkennen gibt und Evelyn mitteilt, dass all das bedeutungslos sein, da den zahllosen Welten des Multiversums, zwischen denen Reisen möglich sind, größte Gefahr droht. Und Evelyn ist die einzige, die es retten kann, da sie so viel Potential besitzt, nachdem sie aus ihren zahllosen Möglichkeiten nie etwas gemacht hat.

Die ersten paar Minuten des Films vermitteln eindrucksvoll den unaufhörlichen Stress von Evelyns Existenz. Kreative Kamerapositionen und frenetische Schnitte vermitteln schon fast in Musikvideostakkato, dass sie keine Sekunde zum Denken bekommt. Und das sorgt dafür, dass sie Fehler macht. Nicht nur bei ihrer Steuererklärung, sondern auch, wenn sie Joys Lebensgefährtin ihrem Vater als „gute Freundin“ vorstellt. Wenn sich plötzlich das Multiversum eröffnet, dann wirkt das fast wie ein Moment zum Atemholen, bevor der Stress größer denn je zurückkehrt.

Darin liegt das Thema des Films. Niemand hat Kontrolle über das eigene Leben. Und damit meine ich nicht einmal, dass wir einen Waschbär unter dem Hut haben der uns sagt, was wir tun sollen. Wir alle sind getrieben von äußeren Umständen, seien es Verpflichtungen gegenüber unserer Familie, Reglementierungen wie der Steuer oder schlicht Konsequenzen unserer Erfahrungen. Und der Film stellt zwei Symbole einander gegenüber für Wege, wie man dem Druck des Alltäglichen begegnen kann. Da ist auf der einen Seite der Bagel, ein schwarzer Ring um weißes Zentrum, der nihilistische Verzweiflung und das Ende allen Lebens repräsentiert und auf der anderen das Kullerauge, ein weißer Ring um schwarze Pupille, das allem auf das es geklebt wird Leben verleiht, selbst in einem Universum, in dem es kein Leben geben kann.

Viel mehr möchte ich zu den großen Themen gar nicht sagen, um den recht neuen Film nicht zu spoilern. Sie verbergen sich auch gar nicht groß hinter dem kreativen, dynamisch-anarchischen Filmemachertum. Der Film erinnert mich etwas an die kreative Energie der Jahrtausendwende. Wie ‚Matrix‘ verbindet er eine bodenständige Normalität mit einer größeren SciFi Welt. Die absurden Parallelwelten und die Sprünge zwischen ihnen erinnern an die Realitätsbeugung von Filmen wie ‚Being John Malkovich‘ oder ‚Vergiss mein nicht!‘.

Die Daniels waren besorgt, da ihnen in der Entwicklung schon einige Mainstreamfilme zuvorgekommen waren, was die Multiversumstheorie als popkulturelles Werkzeug betrifft. Doch kann man dort meist das Gefühl des Zynismus‘ nicht abschütteln. Dass es nur ein Weg ist Fanfavoriten für die nostalgische Auswertung zurückzuholen oder „wäre es nicht krass, wenn“-Geschichten zu erzählen, ohne mit deren Konsequenzen für das lukrative Franchise umgehen zu müssen. Hier ist das Multiversum ein ganz zentrales, erzählerisches Element, dass den Charakteren, allen voran natürlich Evelyn, erlaubt ihr eigenes Leben zu untersuchen und, in ihrem Fall, in eine existenzielle Krise zu geraten. Was wenn Dir interdimensionale Reisen plötzlich eröffnen, dass dieser leise, nagende Zweifel, dass all die Entscheidungen, die Du getroffen hast, die falschen waren sich plötzlich voll und ganz bewahrheitet? Das klingt nun vielleicht wie ‚Ist das Leben nicht schön?‘ in schwarzhumorigen Horror verkehrt und auf eine gewisse Weise ist es das auch, aber vor allem ist es erst einmal ein Film mit zahlreichen gelungenen Kung fu Kämpfen und jeder Menge absurden Humors.

 Auch das erinnert etwas an die Jahrtausendwende, die Daniels sind sich alles andere als zu schade, mit ihrem Humor unter die Gürtellinie zu zielen. Wenn Du Dich fragst, warum ein Ehrenpreis eine doch recht… erstaunliche Form hat, dann beantwortet der Filme das eine Stunde später, wenn ein Charakter mit blankem Hintern auf genau diesen preis draufspringt. Für das Reisen zwischen den Parallelwelten und dem damit verbundenen Übernehmen der Fähigkeiten der parallelen Existenzen, ist eine „statistisch unwahrscheinliche“ und damit meist groteske Handlung notwendig. Sei es einen Lippenpflegestift zu essen, sich selbst Papercuts zuzufügen, oder eben sich einen Ehrenpreis rektal einzuführen. Dieser Humor wird nicht für jeden sein, für mich funktionierte er größtenteils. Außer das Wurstfingeruniversum. Ich hasse das Wurstfingeruniversum und möchte es vergessen!

Ein derart wildes Konzept benötigt natürlich sehr starke Darsteller, um zu funktionieren. Nicht zuletzt deshalb, um die verschiedenen Versionen der Charaktere zu verkörpern. Michelle Yeoh ist dafür die ideale Hauptdarstellerin. Sie verbindet mühelos komisches Timing, Können im Kung Fu und den Kontrast etwa zwischen der brüchigen Autorität der „Haupt-Evelyn“ und der mühelosen Eleganz der „Filmstar-Evelyn“ (die, sicherlich nicht zufällig, einige Parallelen zu Yeoh aufweist). Es ist erstaunlich zu lesen, dass der Film einmal für Jackie Chan geplant war. Ohne meinen Respekt für den Mann auf irgendeine Weise schmälern zu wollen, er ist auf seinem Gebiet in Genie, aber ich glaube diese Story in einem Charakter verankern zu müssen, hätte ihn darstellerisch überfordert. Jamie Lee Curtis hat erkennbaren Spaß daran die herablassende Steuerprüferin im Fatsuit zu geben und später gar zu einer Michael Myers-esken Stalkerfigur (ohne Fatsuit) zu werden. James Hong ist immer gut, oder? Hier gibt er anfangs den liebenswürdigen Opa, der gern Pudding isst, entwickelt im Laufe der Handlung aber sinistere Züge, die fast an Lo-pan erinnern (wow, zwei Carpenter-Vergleiche…). Stefanie Hsu als Tochter Joy hat hier die vielleicht schwierigste Aufgabe. Sie ist, ohne zu viel zu verraten, die große Antagonistin, ist aber gleichzeitig ein Charakter, für den die Zuschauer Empathie empfinden müssen, damit die Handlung funktionieren kann. Ein Balanceakt, der ihr, meiner Meinung nach, sehr gut gelingt.

Die eigentliche Offenbarung des Films heißt aber Ke Huy Quan. War Shortround schon das Beste an ‚Der Tempel des Todes‘, hat Quan in den Jahrzehnten seiner Schauspielpause (als Stuntkoordinator und Produzent) so gar nichts an Charisma eingebüßt. Es überrascht kaum, dass er die Rolle bekam, zwei Wochen nachdem er sich wieder bei einer Schauspielagentur eingeschrieben hatte. Wenn Yeoh das erdende Zentrum der Geschichte ist, ist sein Waymond vermutlich das menschliche. Es scheint fast unmöglich diesen Charakter nicht zu mögen, der jederzeit aus jeder Situation das Beste zu machen versucht. Der ein ganzes Sicherheitsteam mit seiner Bauchtasche vermöbelt. Der großzügig bis zur Selbstaufgabe scheint. Und Quan gibt diesen Charakter auf eine Weise, die absolut glaubwürdig ist, die nichts Überzogenes hat. Ich bin sicher, wenn er möchte werden wir ihn in noch viel mehr in naher Zukunft sehen!

‚Everything Everywhere All at Once‘ gelingt das beinahe herkulische Kunststück eine absurde Komödie, SciFi, Kung Fu und ein Familiendrama in einen Film mit hyperagiler Musikvideoästhetik zu pressen und es nicht nur funktionieren zu lassen, sondern ein zutiefst berührendes Werk zu zaubern mit mindestens soliden, meist aber herausragenden darstellerischen Leistungen. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich zu dem Film häufig zurückkehren werde. Und zwar mit großem Vergnügen! Außer ins Wurstfingeruniversum. Verfluchtes Wurstfingeruniversum.

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2 Gedanken zu “‚Everything Everywhere All at Once‘ (2022) – Alle lieben Waymond

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