‚Climax‘ (2018) – Nein, Mann! Ich will noch nicht geh’n…

Man ahnt es bereits, auch hier könnte man wieder weidlich um die Genreeinfassung als Horror streiten. Unpassend ist sie allerdings keinesfalls. Und Regisseur Gaspar Noé, nie um freudige Provokation verlegen, wird es sicherlich gefallen. Falls Ihr, wie ich, durchaus schlechte Erfahrungen mit diesem Regisseur gemacht habt, dann lasst Euch gleich einleitend sagen, dass das hier sein vermutlich zugänglichster Film ist. Was seltsam klingen wird, sobald ich ihn genauer beschrieben habe. Doch wer seine anderen Filme kennt, wird mir zustimmen müssen.

Im tiefsten Winter des Jahre 1996 hat die Tanztruppe der Choreographin Emmanuelle (Claude-Emmanuelle Gajan Maull) seit drei Tagen eine komplexe Choreografie für eine anstehende Tournee trainiert. Dafür haben sie sich in ein abgelegenes, nicht mehr verwendetes Schulgebäude auf dem Land zurückgezogen. Zur Feier des ersten, erfolgreichen Durchlaufs spendiert Emmanuelle selbstgemachte Sangria. Die Gespräche unter den 21 Tänzerinnen und Tänzern beginnen fröhlich, werden ausgelassen und dann teilweise ausufernd oder gar aggressiv. Als ihr das merkwürdige Verhalten ihrer Kollegen auffällt, spricht Tänzerin Selva (Sofia Boutella) den Verdacht aus, dass jemand die Sangria mit halluzinogenen Drogen versetzt habe. Emmanuelle ist natürlich die erste Verdächtige, streitet allerdings alles ab und ist damit beschäftigt ihren kleinen Sohn Tito (Vince Galliot Cumant), der sich ebenfalls einen kleinen Schluck Sangria erschlichen hat, vor dem aggressiven Verhalten der unfreiwillig Vergifteten in Sicherheit zu bringen. Den, aufgrund seiner Religion, dem Alkohol entsagenden Omar (Adrien Sissoko) und Lou (Souheila Yacoub), die ebenfalls nichts getrunken hat, erwischt es deutlich schlimmer, als die Masse der Tänzer sich immer weiter von rationalem Handeln entfernt und alle mit ihren eigenen Geistern ringen, oder sich ihrem Verlangen, sei es freizügig oder sehr finster, hingeben.

 Der Film beginnt mit einem direkten visuellen Verweis auf ‚The Shining‘. Und Benoît Debies Kamera folgt den Darstellern später durch die Gänge der Schule, getaucht in Primärfarbenes Licht, das Dario Argento gefallen würde, wie einst Kubrick es mit Danny Torrance auf seinem Dreirad getan hat. Doch Noés Ansatz ist letztlich ein genau gegenläufiger. Während es bei Kubrick die schreckliche Einsamkeit in einem Hotel voller Geister war, die seinen Protagonisten in den Wahnsinn trieb, gibt es hier keine Geister und die klaustrophobischen Orte sind, im Gegenteil, angefüllt mit entfesselter Menschheit. Es ist eine Höllenfahrt als Kammerspiel, die sich zu einem guten Teil in der alten Turnhalle mit dem roten Linoleumboden und der erdrückend riesigen, französischen Flagge abspielt.

Wir sehen keine Geister, die Charaktere hingegen sicherlich schon. Noé lässt uns hier nicht mit visuellen Mitteln oder Effekten am Trip seiner Charaktere teilhaben. Wir sind in die erschreckende Rolle des Nüchternen auf einer rapide entgleisenden Party gezwungen. So sehen wir Selva, die hypnotisiert auf eine Fototapete starrt und Isabelle Adjanis U-Bahn-Moment aus ‚Possession‘ nachzuerleben scheint. Emmanuelle, die ihren kleinen Sohn „zum Schutz“ in den Transformatorraum(!!) der Schule sperrt (und prompt den Schlüssel verliert). Und es ist kein guter Ort für Nüchterne, wie Omar und Lou schnell und schmerzhaft erfahren. Erst zum Ende hin dreht Debie seine Kamera auf den Kopf. In der Notbeleuchtung der Turnhalle sind nunmehr nur noch zuckende Arme, Beine und Leiber zu erkennen, keine Individuen mehr auszumachen. Wir schweben scheinbar endlos durch ein bewegtes, apokalyptisches Hieronymus Bosch-Gemälde. Die Fahrt hat die Hölle erreicht. Und endet dann dort wo sie begonnen hat. Die Sonne geht wieder auf. Wenn auch nicht für alle Charaktere.

Das ist denn auch, was der Film letztlich ist. Ein visuelles Erlebnis, ein Trip, eine Erfahrung. Es ist weder eine komplexe Handlung, noch ausgearbeitete Charaktere, die wir hier bekommen. Es ist sogar schwer wirklich einen Hauptcharakter auszumachen. Am ehesten noch Selva, mit der wir vermutlich die meiste Zeit verbringen und die mit Sofia Boutella die einzige professionelle Schauspielerin als Darstellerin hat (Korrektur: Souheila Yakoub hatte ebenfalls Schauspielerfahrung und ist, nach diesem Film durchaus gefragt. So wird sie im zweiten Part von ‚Dune‘ zu sehen sein). Die anderen Charaktere werden sämtlich von Tänzern dargestellt. Und das ist eine hervorragende Entscheidung. Denn die mögen nicht allesamt sagenhaft begabte Darsteller sein, sind aber mit erkennbarer Verve bei der Sache und bringen vor allem eine physische Präsenz mit, die für den Film sehr wichtig und einem des Tanzes nicht begabten Darstellers vermutlich schwer beizubringen wäre. Mal ganz davon ab, dass die immer wieder vorkommenden Tanzszenen nicht eingeübt, sondern sämtlich improvisiert sind.

Am meisten über die Charaktere erfahren wir ganz am Anfang, von aufgezeichneten Einstellungsgesprächen, die uns auf einem alten Röhrenfernseher, eingezwängt zwischen Videokassetten von ‚Suspiria‘, ‚Possession‘, Die 120 Tage von Sodom‘ und ähnlichen auf der einen und Werken von Nietzsche und Büchern über Lang und Murnau auf der anderen. Dies lässt zunächst ein arg verkopftes Werk vermuten, meiner Meinung nach bekommen wir aber das genaue Gegenteil. Der Film funktioniert dann am besten, wenn man ihn als Erlebnis über sich hinwegwaschen lässt. Ein Trip zur Musik von Aphex Twin und Giorgio Moroder. Ein Film, der uns, in sicherlich völlig gewollter Ironie, gar den titelgebenden „Klimax“ vorenthält.

Natürlich ist es immer noch ein Film von Gaspar Noé und so komme ich um einige inhaltliche Warnungen vermutlich nicht herum. Hier stirbt ein Kind, wird eine Schwangere brutal in den Bauch getreten, zieht sich eine inzestuöse Beziehung mal mehr mal weniger erzwungen durch den Film, Selbstverletzung wird mehrfach gezeitgt. Die Bruchstellen zwischen den Tänzerinnen und Tänzern, die unter dem ungewollten Drogeneinfluss zur Katastrophe führen sind intim und oftmals schmerzhaft. Und doch geschieht erstaunlich viel vom Schrecklichsten offscreen. Noé verzichtet einmal darauf voll draufzuhalten und kann so vermutlich ein weit größeres Publikum abholen. Die Werbung für den Film bei den Festspielen von Cannes trug dem humorige Rechnung, indem sie verkündete: „You despised ‚I Stand Alone‘, hated ‚Irréversible‘, execrated ‚Enter the Void‘, cursed ‚Love‘, come celebrate ‚Climax‘.“

Ich bin sicher Noé rächt sich in seinem nächsten Werk ganz furchtbar für eine derart positive Resonanz auf einen seiner Filme. Aber bis dahin kann ich ‚Climax‘ tatsächlich ein Stück weit dafür feiern was er ist!

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