‚Benny Loves You‘ (2019)

Manchmal kommen ja Fragen auf, wann man einen Film tatsächlich „Indie“ nennen kann. Nun, viel mehr Independent als ‚Benny Loves You‘ geht vermutlich nicht mehr. Der Film wurde geschrieben und gedreht vom Briten Karl Holt. Karl Holt hat den Film ebenfalls produziert. Der hat auch die Hauptrolle gespielt, dem Antagonisten seine Stimme geliehen, zeichnet für Schnitt, Spezialeffekte, Musik und, wenigstens teilweise, die Kameraarbeit verantwortlich. Sprich, Karl Holt hatte so viele Hüte auf, wie zuletzt vielleicht Anna Biller bei der Produktion von ‚The Love Witch‘. Viel mehr Unabhängigkeit geht kaum noch. Holt hat hier exakt den Film gedreht, den er wollte. Jedenfalls innerhalb seiner finanziellen Möglichkeiten. Ich muss zugeben nicht der größte Fan von Spielzeug-Horror zu sein. Konnte mich Herr Holt hier vom Gegenteil überzeugen? Finden wir es raus.

Jack (Holt) ist nie erwachsen geworden. Musste er auch nicht, lebte er doch ein gutes Leben im riesigen, abgelegenen Haus seiner Eltern. Doch als die beide an seinem 35sten Geburtstag bei bizarren Unfällen ums Leben kommen, sieht sich Jack mit der Erwachsenenwelt konfrontiert. 10 Monate später fressen ihn, trotz eines Jobs als Spielzeugdesigners, die Rechnungen auf. Als dann eine erhoffte Beförderung auch noch an einen Kollegen geht, bleibt Jack nur noch, das Haus zu verkaufen und seine kindischen Dinge hinter sich zu lassen. Darunter auch den Beschützer seiner Kindheit, Stoffbär Benny (der Film behauptet, Benny sei ein Bär, dabei ist er OFFENSICHTLICH ein Hund!). Doch kehrt der aus dem Müll zurück und verteilt zunächst Jacks andere Stofftiere grotesk verstümmelt über das Haus, bevor er den Bankangestellten, der für den Hausverkauf verantwortlich ist, ähnlich brutal ermordet und über Wände und Boden des Hauses verteilt. Jeder, der Jack im Weg steht, wird zum Ziel für Benny. Aber auch jeder, der ihm zu nahe steht. Und das wird ein Problem, hat Jack auf der Arbeit doch gerade Dawn (Claire Cartwright) kennengelernt.

Rein filmhandwerklich ist der Film durchaus gelungen. Holt versteht stimmungsvolle Bilder einzufangen und die Schauspieler machen ihre Sache ebenfalls nicht schlecht, auch wenn der eine oder andere gelegentlich ins allzu absurde Overacting verfällt. Aber das ist dem Material vermutlich angemessen. Wo der Film leider komplett versagt ist bei Story und Charakteren. Die Geschichte ist, durchaus gewollt, grotesker Blödsinn. Leider ist der einzige Weg, den Holt findet, um seine absurden Szenen aneinanderzukitten über ausufernde Montagen. Vermutlich hat er deren Häufung selbst bemerkt und versucht hier gelegentlich allzu kreativ zu werden. So zeigt eine Montage immer wieder, was in den nächsten paar Minuten geschehen wird, bevor sie zur derzeitigen Handlung zurückspringt. Eine Szene, in der sich der Film völlig verstolpert. Besonders platt ist aber leider immer wieder der Humor. So schafft Jack eine eigentlich ganz gelungene Toyline, aber er nennt sie in seiner grenzenlosen Naivität „A.I.D.S.“. Hahaha ha?

Und dann sind da die Charaktere. Am rundesten ist vielleicht noch Jack, aber die Idee von Benny „Bärsonifikation“ (siehste Film, ich kann auch platt!) seiner Entwicklungshemmung verwässert sich bis zum Ende des Films so stark, dass wenig davon übrig bleibt. Sein Chef (James Parsons) ist jedes Chefklischee in einer beschnauzbarteten Person vereinigt und sein Kollege Richard (George Collie) ein selbstverliebter Prince-Fan. Was umso seltsamer wirkt, da Prince in der Zeit zwischen den Dreharbeiten 2014/15 und der Veröffentlichung des Films 2019 (zur Erinnerung, Holt hat die gesamte Post-Production allein bestritten) verstorben ist. Und wenn mir irgendwer erklären kann, warum Dawn auf Jack steht, außer „weil das Drehbuch es halt so will, dann wäre ich wenigstens erstaunt.

Okay, soll also heißen, dieser Film, von dem Du, liebe lesende Person, vielleicht gerade in diesem Moment zum ersten Mal hörst, ist nicht besonders gut. Warum also halte ich mich damit auf, über diesen Film zu schreiben? Weil er mich, und das mag jetzt seltsam klingen, sehr gut unterhalten hat. Das hat exakt einen Grund und der heißt Benny.

„Toy-Horror“ funktioniert für mich sehr selten. Wenn Chucky plötzlich seine kindlich-harmlose Fassade aufgibt und in Charles Lee Rays Stimme wüste Beschimpfungen ausstößt, dann kann ich das nicht mehr wirklich ernst nehmen. Soll ich vielleicht auch gar nicht, aber diese Filme sind so oft mit der Idee beschäftigt ihre Mordspielzeuge „realistisch“ wirken zu lassen, dass die Absurdität darunter leidet. Und genau hier punktet ‚Benny Loves You‘. Nichts an Benny Erscheinen gibt sich den leisesten Anflug von Realismus. Er bewegt sich völlig schwerelos, wie von einer unsichtbaren Kinderhand bespielt, mit wild floppenden Ohren und schlackernden Armen und Beinen. Der Film gibt nicht für einen Moment vor, dass es irgendeinen Weg gibt, dass Benny mit seiner fingerlosen Pfote ein Messer oder sonstige Mordwerkzeuge halten könnte. Das Messer, oder die Eingeweide seiner Opfer, kleben halt einfach irgendwie ans einer Pfote. Und wenn er Jack ein Bier holt, dann verteilt er das vollständig auf dem Boden, weil eben sein gesamter Köper schlackert, sobald er sich bewegt.

Dazu kommt seine Stimme. Die verändert sich eben nicht vom kindlichen zum plötzlichen bösen, sondern bleibt bei den mit glockenheller Stimme vorgetragenen Phrasen wie „OH WOW!“ oder „Press my belly, to make me laugh!“ und natürlich „Benny loves you!“, die nur eben im neuen furchtbaren Kontext zusammen mit seinem ständigen glucksenden Lachen, völlig neue Bedeutung erhalten. Ich habe, ungelogen, bei jedem Auftritt von Benny gelacht, wie ein absoluter Idiot. Ich war nahe daran vom Sofa zu fallen. Selbst der nicht immer gelungene Humor war mir hier wurscht. Holt findet etwa einen getöteten Mops weitaus komischer als ich. Aber wenn Benny Jack seine blutige Arbeit mit einem nach Anerkennung heischenden „TA DAAA!“ präsentiert, konnte ich nicht mehr an mich halten. Es ist diese Absurdität, die den Film nicht einfach bloß rettet, sondern für mich sehenswert macht.

Das wird sicherlich nicht jeder von Euch so sehen. Und so fällt es mir nicht ganz leicht eine Empfehlung auszusprechen. Karl Holts Stärke liegt jedenfalls klar auf dem Gebiet der CGI Effekte. Wenn er gegen Ende einen Kampf zwischen einem Spielzeugroboter und Benny inszeniert, ist das großes Kino. Umso mehr, wenn man sich erinnert, dass er all das auf seinem heimischen PC gemacht hat, der teilweise ganze Wochenenden rendern musste. Wenn er das Buch nächstes Mal jemand anderem überlässt, oder sich wenigstens helfen lässt, dann muss ich sagen, bin ich gespannt was noch von ihm kommt. „OH WOW!“

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