‚Mord im Orient Express‘ (2017) – der Film hat ‘nen Bart

Vor etwas mehr als einem Jahr kam Kenneth Branaghs Verfilmung des Agatha Christie Romans in die Kinos und erhielt zum größten Teil eher mäßige Rezensionen. Nun, da ich den Film, brandaktuell wie immer, auch gesehen habe, muss ich sagen, dass ich das irgendwie verstehe, irgendwie aber auch nicht. Um meine mangelnde Vorbildung direkt klar zu machen: ich habe den Sidney Lumet Film des gleichen Stoffes vor einer halben Ewigkeit gesehen und kann mich nicht mehr wirklich dran erinnern. Das Buch habe ich vor vermutlich noch längerer Zeit gelesen, weiß also nicht wie getreu diese Umsetzung ist, kann aber sicher sagen, die Auflösung zumindest wurde direkt adaptiert. Die Serie mit David Suchet, die für viele als der beste mögliche Hercule Poirot gilt, kenne ich leider gar nicht. Ich bewerte den Branagh-Poirot also zwangsläufig vor allem aufgrund seiner eigenen Meriten.

Der Film beginnt mit einem kurzen Prolog, in dem wir Hercule Poirot (Kenneth Branagh) 1934 in Jerusalem treffen und ihm nicht nur bei der Lösung eines Falles zuschauen, sondern auch eine Gelegenheit bekommen, die beiden größten Hürden des Films zu nehmen. Zum einen, den doch rescht übersogenen Accent, miet demm Branagh seinen Detective schpriescht, n’est-ce pas. Zum anderen seinen Schnauzbart, oder eher die Schnauzbärte, die er im Gesicht hat und deren Aufbau und Statik eine höhere Bildung in Bartologie benötigen, als ich mitbringe. Wir lernen hier allerdings auch schon, was Poirot ausmacht und was im folgenden Film von höherer Bedeutung wird: er sieht die Welt so, wie sie seiner Meinung nach sein sollte. Ist etwas falsch daran, ist das für ihn unerträglich. Das quält ihn im normalen Leben, wo er zwei nicht gleich große Frühstückseier nicht verzehren kann und ein schief sitzender Schlips eines Polizisten ihm körperliche Schmerzen bereitet. Zur Aufklärung von Verbrechen ist es allerdings sehr nützlich.

Genau davon möchte er aber eine Pause, bei einer Fahrt mit dem Orientexpress bis nach Frankreich. Daraus wird natürlich, aufgrund seiner illustren Mitreisenden nicht. Da wäre etwa Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer), die die Welt auf der Suche nach ihrem soundsovielten Ehemann bereist. Die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley), die eine heimliche Beziehung zum Arzt Arbuthnot (Leslie Odom jr.) pflegt. Mit der Hautfarbe des Letztgenannten hat der österreichische Professor Hartmann (Willem Dafoe), dessen Forschung Deutschland zu neuer Größe führen soll, ein Problem. Dazu noch eine russische Fürstin (Judi Dench), ein halbseidener Kunsthändler (Johnny Depp), eine hochchristliche Missionarin (Penélope Cruz) und ein halbes Dutzend mehr, die demnächst alle hochverdächtig werden. Aber mehr über die Handlung zu verraten wäre dem Film gegenüber unfair.

Denn die Handlung ist geradezu ein wohlgeöltes Uhrwerk, das exakt von Szene zu Szene und damit von „Gaststar“ zu „Gaststar“ führt. Der Film ist insofern ein wenig altmodisch, als dass er quasi ein Varieté-Film ist. Allerlei Stars, die der Zuschauer hoffentlich gern sieht, geben sich die Ehre und interagieren mit dem zentralen Charakter. Das heißt im Umkehrschluss allerdings auch, dass die meisten Rollen sehr klein bleiben. Penélope Cruzs Auftritt etwa, wäre wenig mehr als ein Cameo, wenn sie sich nicht in anderen Szenen im Hintergrund aufhielte und dabei verdächtig aussieht. Alle Darsteller liefern reichlich theatralische Vorstellungen ab, allerdings scheint es mir auch beinahe unmöglich Branagh mit diesem Akzent und dieser Behaarung im Gesicht gegenüberzusitzen und nicht ein wenig zu overacten. Aber auch bei diesen kleinen Auftritten gibt es deutliche Unterschiede. Die meisten haben erkennbaren Spaß an ihren Rollen und insbesondere Michelle Pfeiffer gibt als Mrs. Hubbard (hinter der natürlich mehr steckt) alles. Im Gegenzug scheint Depp durch seine Handvoll Szenen geradezu zu schlafwandeln. Die Handlung ist aber eben auch nicht mehr als ein Uhrwerk. Wenn sie am Ende einen emotionalen Twist probiert, muss ich sagen, dass mich Branaghs doch recht überdrehter Poirot dafür nicht wirklich genug mitgenommen hat.

Ähnlich widersprüchlich zeigt sich Branagh, der auch Regie geführt hat,  auf der technischen Seite. Der Film ist am besten, wenn er im abgeschlossenen Raum des Zuges spielt. Anfänglich etabliert Branagh hier sehr gut die Räumlichkeiten, bevor er die Kamera durch Abteile und Speisewagen fliegen und um Milchglasfenster herumlinsen lässt, dass man sich fühlt wie die sprichwörtliche Fliege an der Wand. Immer wieder zeigt die Kamera das Geschehen auch aus einer Aufsicht-Perspektive, die augenzwinkernd die Verwandtschaft zu „Cluedo“ (dem Brettspiel, nicht dem Film) anzuerkennen scheint. Außerhalb des Zuges wird es dagegen beinahe peinlich. Im ersten Drittel des Films sehen wir den Express immer wieder durch leere Computerlandschaften fahren, die mich an den bald 15 Jahre alten ‚Polar Express‘ erinnert haben. Auch eine „Actionszene“ auf einer Brücke, ist so unklar gefilmt und verwirrend geschnitten, dass sie mehr aufgesetzt als spannend wirkt.

Aber ich müsste lügen, würde ich behaupten, der Film habe mich nicht wunderbar unterhalten. Ich habe die knapp 2 Stunden in Gesellschaft dieses Poirots, trotz erkennbarer Unzulänglichkeiten,  wirklich genossen. Vielleicht stimmt mich die Vorweihnachtszeit gnädig, vielleicht mag ich einfach Filme, die in Zügen spielen, vielleicht bin ich auch Poirot-technisch nicht genug vorgebildet. Ich würde den Film als das ideale Material bezeichnen, um ihn nach einem reichhaltigen (Vor-)Weihnachtsessen mit der ganzen Familie zu schauen. Ja, sogar mit Tante Ingeborg, die eigentlich mit den Filmen von heute nichts mehr anfangen kann. Denn Branagh hat dem Film einen Schuss geradezu altmodischen Charme verpasst. Ob der Film wirklich eine Fortsetzung benötigt, wie wir sie mit ‚Tod auf dem Nil‘ wohl bekommen, weiß ich nicht so recht. Aber das ist wohl auch eher eine finanzielle als künstlerische Frage.

Advertisements

Die 10 schlechtesten Filme (an die ich mich erinnere)

Bloggerkollege Benjamin von  FilmkritikenOD hat vor Kurzem seine 10 schlechtesten Filme veröffentlicht und die Frage daraufhin an seine Leser weitergegeben. Da bin ich doch dabei. Ein paar erklärende Worte sind allerdings notwendig. Auf dieser Liste tauchen keine Filme auf, aus denen ich irgendeine Art positiver Emotion oder Unterhaltung gezogen habe. Also keine „so schlecht, dass sie wieder gut sind Filme“. Wenn sie mich unterhalten haben, haben sie ihren Zweck erfüllt. Ob nun auf die Weise wie sie wollten, oder gerade weil sie das nicht geschafft haben, ist hier nicht wichtig. Ich wäre allerdings bei allen Filmen außer Platz 1 bereit mit mir verhandeln zu lassen, ob es wirklich schlechte Filme sind. Immerhin haben sie ja irgendetwas in mir ausgelöst, das dafür sorgt, dass sie mir (zum Teil Jahre später) noch im Gedächtnis sind. Sind nicht diese nichtssagenden Filme, die man beim Anschauen ganz okay findet, aber 2 Monate später völlig vergessen hat, eigentlich viel schlechter? Möglich, aber 1. Habe ich die halt vergessen und 2. Was sollte ich über die denn halbwegs Unterhaltsames schreiben?? Auch nicht aufgeführt werden Filme, die ich vor allem nicht mag, weil sie meine Erwartungen enttäuscht haben. Also kein ‚Speed 2‘ oder Star Wars Prequels. Der eine der auftaucht und in dieses Muster passt, ist für sich selbst genommen schlecht genug um hier aufzutauchen. Genug der Vorrede und mal sehen, wer in den Kommentaren sauer wird… Weiterlesen

Die 5 Besten am Donnerstag: Die 5 Besten Dinge an Weihnachten

Ah, liebe Leser, es weihnachtet. Zwar noch nicht sehr, aber es weihnachtet definitiv. Mein Weihnachtometer klingelt unaufhörlich. Und ich weiß nicht wie man es abstellt. Oder was es überhaupt misst. Hilfe… Ähem, zum heutigen Thema, Gorana möchte von uns die 5 besten Dinge an Weihnachten wissen. Also ohne große Vorrede:

  1. Weihnachtslichter

Natürlich mag ich Weihnachtslichter, wer mag die nicht. Ich liebe es am ersten Dezember, den riesigen Klumpen Lichterketten aus dem Weihnachtskarton zu ziehen und das mühevolle Entwirren zu beginnen. Ich mag es, wenn die Straßen und Plätze der Stadt von leuchtenden Sternen überspannt werden. Von beleuchteten Weihnachtsbäumen gar nicht zu reden. Ich wünschte nur es gäbe mehr Feste, die aus dem Aufhängen von Lichtern bestünden.

  1. Weihnachtsessen

Ich bin einfach zufrieden zu stellen. Und ein Fest, das beide Nahrungsgruppen, also sowohl süß-schokoladig, als auch herzhaft-fettig bedient kann einfach nicht schlecht sein, oder? Es ist auch die Zeit des Jahres, in der man Erschütterndes über Menschen erfährt, die man gut zu kennen glaubt. Etwa, dass sie kein Marzipan mögen. Mal ehrlich, wie ist sowas überhaupt möglich?! Egal, mehr für mich… für die Konsequenzen gibt es die guten Vorsätze fürs nächste Jahr.

  1. Weihnachtsmarkt

Und wenn man sowohl Lichter als auch Essen möchte, wo geht man dann hin? Genau, auf den Weihnachtsmarkt. Da gibt es dann auch noch Glühwein dazu. Nur auf die Preise sollte man nicht allzu genau schauen. Bei ausreichend Glühwein ergibt sich das von selbst.

  1. Weihnachtsgeschenke

Geschenke bekommen, Geschenke machen, beides ist schön. Beim einen macht man sich viele Gedanken, beim anderen gibt man vor sich über Socken zu freuen. Und langsam aber sicher werde ich auch besser im Verpacken. Noch ein paar Jahre Übung und meine Päckchen sehen nicht mehr allesamt aus, wie ein hastig in Zeitungspapier gewickelter Fisch, der vor drei Tagen zurück ins Hafenbecken gefallen ist.

  1. Weihnachtsfamilie

Okay, zugegeben das ist dieselbe Familie wie im Rest des Jahres auch, aber irgendwie ein ganzes Stück friedlicher. Ob‘s am Wein liegt oder an der gesellschaftlichen Pflicht für ein paar Tage friedfertig zu erscheinen, selbst gewisse Onkel und Tanten sind kurzzeitig verträglich. Und das ist doch auch mal schön.

Newslichter Ausgabe 21: Grusel-Batman, realer Konsolenkrieg und animierter Sternenkrieg

Willkommen beim Newslichter. Die Vorweihnachtszeit hat begonnen. Selbst wenn es für Glühwein doch deutlich zu warm ist. Das bedeutet die Filmnachrichten sind noch etwas blockbusteriger als sonst. Mir fiel es diese Woche mal wieder erstaunlich schwer eine Handvoll (meiner Meinung nach) interessante News zusammenzustellen. So etwas wie „Kylo Ren bekommt womöglich in Episode IX einen neuen Helm“ fällt jedenfalls nicht darunter. Ich hoffe es ist mir zu Eurer Zufriedenheit gelungen. Viel Spaß!

 

James Wan würde gern Batman-Horror drehen

https://screenrant.com/batman-horror-movie-james-wan-director/

Gerade hat James Wan mit ‚Aquaman‘ seinen ersten Superheldenfilm fertiggestellt. Umfangreiche Erfahrungen im Horrorfilm konnte er mit ‚Saw‘, ‚Insidious‘ oder ‚Conjuring‘ sammeln. Da überrascht es vielleicht nicht unbedingt, dass sein Traumprojekt ein Horrorfilm mit Batman in der Hauptrolle wäre. Kaum ein Held wäre wohl besser für die Art Film geeignet und bringt auch noch die perfekte Schurkenriege dafür mit. Einige Szenen mit Scarecrow in ‚Batman Begins‘ ließen auch bereits erahnen, wie so etwas aussehen könnte. Sollte ‚Aquaman‘ zu einem ähnlichen Erfolg werden, wie beinahe alles, das Wan anfasst, wäre dieser Traum also vermutlich nicht unmöglich. Ich zumindest wäre gespannt.

 

BFI unterstützt keine Filme mit Schurken mit Gesichtsnarben mehr

https://screenrant.com/bfi-villains-facial-scars/

Der Schurke mit dem vernarbten Gesicht ist vermutlich beinahe so alt wie das Kino selbst. Sei es das Phantom der Oper, Ernst Stavro Blofeld, Freddy Krueger oder aktueller die Nolan/Ledger Interpretation des Jokers oder Kylo Ren. Selbst im Zeichentrick hat Simbas mörderischer Onkel Scar genau die im Gesicht. Die britische Organisation Changing Faces unterstützt Menschen mit sichtbaren Narben, bietet etwa Kindern psychologische Betreuung an und setzt sich gegen Diskrimination ein. Nun hat sie die Aktion „I am not your villain“ gestartet, die sich gegen das Klischee des vernarbten Schurken richtet. Dieses würde zur ohnehin schon umfassenden Diskriminierung nur noch weiter beitragen. Prominente Unterstützung hat die Kampagne in Form des British Film Institute gefunden, dass förderungswerte, britische Produktionen unterstützt. Dieses wird von nun an keine Filmprojekte mehr, in denen Schurken Gesichtsnarben aufweisen unterstützen. Da kann man mit den Augen rollen, fürchten, dass das die Kreativität einschränkt oder feststellen, dass in der Art Filme, die das BFI unterstützt ohnehin eher selten Klischeeschurken auftauchen und es eine mehr symbolische Geste ist, ich persönlich finde die Entscheidung jedenfalls gut.

 

Konsolenkrieg!!

https://www.cbr.com/console-wars-tv-series-jordan-vogt-roberts/

Na, wart Ihr ein Kind in den frühen 90ern? Hattet Ihr eine Videospielkonsole? Dann habt Ihr vermutlich entweder „Sega-Prolls“ verachtet, oder „Nintendo-Jünger“ und ihre dämlichen Kinderspielzeuge. Oder aber Ihr hattet einen Heimcomputer und habt Euch über Leute gewundert, die Geld für Spiele ausgeben, während Ihr Kassetten/Disketten kopiert habt… Die frühen 90er waren Schauplatz des ersten Konsolenkrieges zwischen Sega und Nintendo, der nicht nur auf Schulhöfen und Spielplätzen, sondern vor allem in der Geschäftswelt äußerst brutal ausgetragen wurde. Und er trug dazu bei, wie der Markt heute aussieht. Man könnte etwa argumentieren Sony haben ihre Playstation vor allem aus „Rache“ an Nintendo veröffentlicht. In genau diese Thematik soll jedenfalls eine neue Serie von ‚Kong: Skull Island‘ Regisseur Jordan Vogt-Roberts einsteigen, die ebenfalls von Sony produziert wird. Ein spannendes Thema.

 

Star Wars Episode I bis VI sind wieder da, in animierter Kurzfilmform

https://www.cbr.com/star-wars-galaxy-of-adventures-shorts-series/

Eine Reihe von animierten Kurzfilmen soll Soundeffekte und Dialoge direkt aus den alten Star Wars Filmen übernehmen, um ikonische Szenen nachzustellen. Die Filme sollen exklusiv auf dem Star Wars Kids Youtube Kanal erscheinen. Ich kann aber eigentlich nur einen Testballon für spätere umfangreichere Veröffentlichungen vermuten. Halten wir also fest: Disney legen ihre alten animierten Filme als „Realfilme“ bzw. CGI neu auf und beginnen nun, ihre alten Realfilme zu animieren. In anderen Worten, sie verkaufen uns nochmal, was wir ohnehin schon mögen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das kreativ oder doch eher kackendreist finden soll. Eins dürfte aber sicher sein, die Kasse wird es klingeln lassen. Und wenn ich ehrlich bin, die Animation sieht schon gut aus…

Das soll es für heute gewesen sein. Wir sehen uns nächste Woche. Gleicher Bat-Grusel Ort, gleiche Bat-Grusel Zeit.

 

‚Mandy‘ (2018) – you Cage and you gave without taking

Nicolas Cage, ein durchaus fähiger und definitiv furchtloser Schauspieler einerseits, ein wandelnder Running Gag andererseits. Zu diesem dualen und auf den ersten Blick widersprüchlichen Ruf trägt die Tatsache bei, dass Cage beinahe jede Rolle annimmt (oder aufgrund von Geldproblemen annehmen muss). Manchmal ist das ein Glück. Denn es dürfte nicht wirklich viele etablierte Hollywood-Darsteller geben, die ein Skript, wie das, das Panos Cosmatos hier vorlegt, lesen und nicht direkt in den Papierkorb befördern würden. Der Sohn von George P. Cosmatos (‚Rambo II‘, ‚City Cobra‘) hat bereits mit seinem Erstling ‚Beyond The Black Rainbow‘ (der bislang nicht in Deutschland erschienen ist) bewiesen, dass er Filme nach seiner ganz eigenen Vision macht. Und in ‚Mandy‘ hat er nun eine Welt geschaffen, die um Nicolas Cages exaltiertes Schauspiel passt wie ein Handschuh.

Die Handlung ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Rachegeschichte. Holzfäller Red (Cage) lebt 1983 mit seiner Freundin, der Künstlerin Mandy (Andrea Riseborough) in einem angelegenen Haus in den Shadow Mountains. Mandy fällt dem Führer der mörderischen Hippie-Sekte „Children of the New Dawn“ Jeremiah Sands (Linus Roache) auf, der sie und Red kurzerhand entführen lässt. Die Sekte verbrennt Mandy vor Reds Augen und lässt ihn, für totgeglaubt, zurück. Red ist natürlich nicht tot, aber von tiefer Rachsucht erfüllt. Mit Armbrust, Axt und Kettensäge stellt er sich der Sekte und den mit ihr verbündeten Dämonen (oder möglicherweise Motoradkurieren auf einer höllischen Version von LSD, man weiß es nicht genau).

Die Handlung von ‚Mandy‘ ist nicht nur eine Hommage an generische „Direct to Video“ Filme der 80er, gefiltert durch Cosmatos‘ farbenreiche LSD Trip-Linse. Der Film ist in einer Weise inszeniert, dass er möglichst viele Filmgenres streift und lässt sich im Groben sogar zweiteilen: die erste Hälfte ist eine düstere Fantasy-Vision, mit Mandy im Zentrum, während die Zweite, mit Red im Zentrum, irgendwo zwischen Rache- und Barbarenfilm verortet werden kann. Heraus kommt ein Film, bei dem man sich, wenn man das Licht wieder anschaltet, nicht ganz sicher ist, ob man nicht doch Teile davon geträumt hat.

‚Mandy‘ ist ‚Vier im rasenden Sarg‘ vermischt mit ‚Ein Mann sieht rot‘, mit einer ordentlichen Ladung ‚Hellraiser‘ dabei. Dazu eine Kettensägenspitze ‚Tanz der Teufel‘ und ein paar Spritzer Ralph Bakshi-Fantasy, präsentiert in einer Farbgebung, die dem Dario Argento der ‚Suspiria‘-Ära die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Und dennoch ist es völlig erkennbar Cosmatos eigener Film, in einem ganz eigenen, in Ermangelung eines besseren Wortes, trippigen Stil. Seine Welt der Shadow Mountains ist ebenso hypnotisch wie dynamisch und wirkt beinahe endlos. Hier können sich Drogenkuriere in grausame Sado-Maso Dämonen verwandeln, gescheiterte Folksänger zu Sektenführern mit Gottkomplex mutieren und hier kann auch ein Tiger in einem Sendeturm den Weg weisen.

Und genau weil diese Realität so überhöht ist, passt Nicolas Cages Schauspiel so perfekt hinein. Der Film enthält mindestens eine Szene, die „typisch Cage“ ist: er tobt, nur mit T-Shirt und weißer Feinrippunterhose bekleidet, durch ein in wunderbaren 70er Jahre Farben dekoriertes Badezimmer, trinkt Wodka aus einer überdimensionierten Flasche und schreit. Ich will nicht behaupten, dass sei nicht merkwürdig und komisch, es ist merkwürdig und komisch, aber in diesem merkwürdigen und oft komischen Film transportiert es auch echten Schmerz und echte Trauer.

Im Gegensatz zu Cages Toben steht Andrea Riseboroughs Spiel, die beinahe mehr mit den Augen sagt als mit Worten. Man kann dem Film sicherlich (nicht ganz zu Unrecht) den Vorwurf machen, ihr die typische, weibliche Opferrolle zu geben, ich würde dem nicht ganz zustimmen. Nicht nur ist ihr Charakter so wichtig, dass sie beinahe jede Szene des Films beherrscht, ihre Missachtung im Angesicht von Jeremiah Sands ist vielleicht einer der befriedigendsten Momente des Films. Jener Jeremiah war denn auch die Rolle für die zunächst Cage gedacht war, bevor er entschied lieber Red zu spielen. Aber Linus Roache (den ich bislang nur aus kleinen Nebenrollen kannte) macht seine Sache brillant. Er ist unheimlich, er ist widerwärtig und Cosmatos hat eine diebische Freude daran ihm die Hacken wegzutreten. Die anderen Rollen sind kaum umfassend genug, um sie groß zu umschreiben, aber das Casting verdient ein Lob dafür, wie perfekt das Aussehen jedes Darstellers auf seine Rolle passt und dabei gleichzeitig ziemlich Hollywood-untypisch ist.

Wichtig zu erwähnen ist auch noch die Musik. Im ersten Moment würde man bei dem groben Filmkorn, den wabernden Kunstnebeln und der Primärfarbenoptik des Films einen krachenden Synthie-Soundtrack vermuten. Doch der Film beginnt mit „Starless“ der Progrocker von King Crimson. Und Komponist Jóhann Jóhannsson behält dessen melancholischen Grundton mit ambienten Keyboards weitgehend bei, lässt aber auch durchaus die Gitarren losdonnern, wenn die Szene es verlangt. ‚Mandy‘ war die letzte Arbeit von Jóhannsson vor seinem überraschenden Tod und ist nicht nur ein kleines Meisterwerk, sondern vielleicht auch ein ungefährer Hinweis darauf, wie sein ‚Blade Runner 2049‘ geklungen hätte.

‚Mandy‘ ist ein dynamischer, visueller Trip, einer dieser Filme, die man als „pures Kino“ bezeichnen kann. Aber das vielleicht Wichtigste ist, dass unter dem Spektakel der physischen und emotionalen Gewalt ein zutiefst menschliches Herz schlägt. Und spätestens das bringt ‚Mandy‘ für mich ohne Frage unter die 5 Besten für dieses Jahr. Es ist allerdings auch ein ungewöhnlicher Film, der nicht für jeden so gut funktionieren wird. Wenn ihr einen geradlinigen, stilisierten Rachefilm sehen möchtet, seid ihr mit Coralie Fargeats ‚Revenge‘ aus diesem Jahr vermutlich besser bedient. Wenn Ihr einen geradlinigen Film sehen wollt, in dem Nic Cage gegen das Urböse kämpft und mit einiger Albernheit klarkommt, wäre da ‚Drive Angry‘. Wenn Ihr einfach nur ironisch über Cages Overacting lachen wollt, naja, dann schaut halt das ‚Wicker Man‘ Remake zum achten Mal. Wenn Ihr aber einen Film sehen wollt, der viel eleganter das umsetzt, was ich oben versucht habe zu beschreiben, dann habt Ihr nicht wirklich viel Auswahl. Aber immerhin das Glück, dass der Film der es umsetzt sehr gelungen ist.

 

Kurz und schmerzlos 19: ‚An Island‘ (2018) und ‚Scrambled‘ (2018)

Weiter geht es mit Kurzfilmen, nach dem Halloween-Special sind wir heute aber weit von Horror entfernt. Unsere heutigen beiden Filme haben einiges gemeinsam und könnten doch kaum unterschiedlicher sein. Beide sind sehr schöne Animationsfilme und beide kommen vollständig ohne Dialoge aus. Und in beiden geht es um eine Art von Streben. Die Unterschiede liegen vor allem in der Bandbreite dessen, was sie abbilden wollen.

‚An Island‘

In ‚An Island‘ des Iren Rory Byrne geht es um die Überwindung von Trauer, symbolisiert durch die steilen Klippen „einer Insel“. Ein Mann macht sich daran sie zu ersteigen, was bald zu einer Art Visionssuche wird.

‚Scrambled‘

Der Ansatz von ‚Scrambled‘, der bei den Niederländern von Polder Animation unter Regie von Bastiaan Schravendeel entstanden ist, fällt deutlich kleiner aus. Es ist eine alltägliche Situation: eine junge Frau verpasst spät abends ihre Bahn und ein fortgeworfener Rubiks-Würfel setzt alles daran von ihr gelöst zu werden. Okay, so alltäglich ist das vielleicht doch nicht. Der Film ist in seinen Themen um analoges vs. digitales Spielen und Denken nicht zu aufdringlich und ist, trotz seiner fantastischen Prämisse mehr daran interessiert einen momentausschnitt eines gewöhnlichen Ereignisses zu zeigen. Besonders beachtenswert, mit wie wenig Animation es gelingt den Würfel zu einem sympathischen „Charakter“ zu machen.