Wie viel Cinematic Universe ist zu viel Cinematic Universe?

Ich habe das gesamte letzte Jahr und einen guten Teil der Jahre zuvor keinen MCU Film mehr geschaut. Das war gar keine bewusste Entscheidung, das hat sich einfach so ergeben. Das hat sich erst vor Kurzem geändert, als ich ‚Spider-Man: No Way Home‘ nachgeholt habe. Als alter Spidey Fan war ich da durchaus neugierig drauf. Wie ich den Film an sich fand, lest Ihr hier demnächst in der Besprechung. Heute aber soll es mir um etwas ganz anderes gehen. Ich habe mich als Zuschauer vom neuen ‚Spider-Man‘ wieder gefühlt wie früher als Leser von Superheldencomics. Und das meine ich nicht unbedingt positiv.

Wenn man, wie ich, in den frühen 90ern zum ersten Mal ein Spider-Man Heft aufschlägt (das gilt aber vermutlich zu jeder Zeit und bei jedem Helden, der auf genug Historie zurückblicken kann), dann kann man sich zunächst einmal ein wenig erschlagen fühlen. Da ist also Peter Parker, verheiratet mit Mary Jane Watson, ein gigantischer Freundeskreis, der sich teilweise mit den Comicschurken überschneidet. Harry Osborn etwa ist Peters bester Freund, wenn er nicht gerade eine psychotische Phase als neuer, Grüner Goblin durchlebt, eine Rolle, die er von seinem Vater geerbt hat. Und Ned Leeds war womöglich einmal der Hobgoblin (nicht zu verwechseln mit dem grünen, aber er nutzt dieselbe Technik), oder aber er wurde mit falschen Erinnerungen ausgestattet, die ihn glauben lassen, er wäre mal der Hobgoblin gewesen. Fangen wir gar nicht erst vom Halbbruder von Liz Allen an, der der Molten Man ist. Dann sind da die vielen anderen Schurken, die einfach bloß Schurken sind, J.Jonah Jameson und die ganze Bugle Crew und ein ganzes Universum anderer Helden. Allerlei Fußnoten versuchen Ordnung ins Chaos zu bringen, aber stets indem auf andere Publikationen verwiesen wird, wo man die Infos finden kann.

Mit zwölf Jahren fand ich das ganz super. Dieses Gefühl, dass da ein ganzes Universum ist, das man sich selber langsam erschließt. Wo man nach einigen Jahren sagen kann, „ah ja, Silver Sable, die kenn ich natürlich“ und nicht mehr wie der Ochs vorm symkarischen Berg steht (Silvia Sablinova stammt, natürlich, aus dem osteuropäischen Staat Symkarien). Fast als wäre man Mitglied bei den Freimaurern und kennt endlich den geheimen Handschlag. Mit 30 Jahren mehr auf der Uhr, hatte ich dieses Gefühl jetzt wieder bei Spider-Man. Habe dann aber hinterher mal drüber nachgedacht, wo der überall seine kleinen Hinweisfußnoten gebraucht hätte.

Man sollte natürlich ‚The First Avenger: Civil War‘ kennen, wo Tom Hollands Spider-Man eingeführt wurde. Dann die zwei bisherigen MCU Spider-Man Filme. Alles klar soweit. Aber für deren Verständnis müsste man eigentlich auch ‚Infinity War‘ und ‚Endgame‘ kennen. Und für deren Verständnis sind eigentlich mindestens die vorherigen beiden Avengers Filme  notwendig. Auf die ganzen Origins verzichten wir mal großzügig. Das wär‘s aus dem MCU.

Pflicht sind auch die ersten beiden Raimi Spider-Mans, den dritten darf man sich sparen. Für dieses Gedankenexperiment und allgemein. Die beiden ‚Amazing Spider-Man‘ Filme sollte man ebenfalls geschaut haben, womit wird dann bei den echt schweren Hausaufgaben angekommen wären. Will man jede Anspielung mitnehmen sollte man aber auch ‚Spider-Man: A New Universe‘ und wenigstens den ersten ‚Venom‘ Film kennen. Und die ‚Daredevil‘ TV Serie. Aber die letzten drei sind eher Kür als Pflicht.

Macht elf Filme, die man kennen sollte, will man das Meiste aus ‚No Way Home‘ herausholen. Fast 24 Stunden „Hausaufgaben“. Das ist eine Hyperverknüpfung, die mir wahnwitzig erscheint. Stellt Euch mal vor, in 40 Jahren fragt Euch Euer Enkel, wie das damals mit diesen Superheldenfilmen war und welchen Ihr empfehlen würdet. Egal wie sehr Ihr ‚No Way Home‘ schätzt, es wäre unmöglich den zu empfehlen, weil da ein absurder Spinnenfaden an Zeugs dranhängt.

Ich verstehe selbstverständlich, warum das so ist. Es war ja genau diese comichafte Verknüpfung des Cinematic Universe, die den Charme von Marvelfilmen ausmachte.  Es wirkte wie ein Zaubertrick, dass der erste ‚Avengers‘ nicht platt aufs Gesicht fiel. Den meisten anderen, die versucht haben das zu emulieren, ist denn auch genau das passiert. Aber hier und jetzt sehe ich die Verknüpfung zum Problem werden. Vor allem, wenn jetzt, Disney+ sei Dank, auch noch TV Serien zum wichtigen Kanon werden. Ich beende meine Besprechung von ‚No Way Home‘ mit der vorsichtigen Frage, ob ich den neuen Doctor Strange einfach so schauen „darf“, oder ob ‚WandaVision‘ hier „Pflicht“ ist.

Wir sind nun langsam aber sicher an der Schwelle an der auch Superheldencomics immer mehr scheitern. Die Schwelle für den Einstieg wird höher und höher. Wie gesagt, mit 12 hatte ich Lust mir das zu erarbeiten. Aber ich hatte auch ein weit geringeres Medienangebot, als das heute der Fall ist. Die Verknüpfungen könnten alsbald zum echten Ballast werden. Und im schlimmsten Fall dafür sorgen, das nicht nur eine Reihe die Gunst des Publikums verliert, sondern, eben weil alles so verschachtelt ist, gleich das MCU an sich. Klar, die Hardcorefans lieben es, aber die sind kaum genug, um die Comics am Leben zu halten, für die Filme werden sie nie reichen.

Die Comics reagieren auf den Geschichtenwust mit Rücksetz-Events, die die Kontinuität für Einsteiger quasi auf null zurücksetzen. DC waren die ersten, Mitte der 80er mit ihrer ‚Crisis on Infinite Earths‘, was sich wie ein erstaunlich aktueller Superheldenfilm-Titel liest. Werden solche Rücksetz-Events nun bald auch für die Filme notwendig? Ich vermute, solange das Geschäft noch läuft, wird man das als überflüssig ansehen. Andererseits ist Kevin Feige Comicfan genug, dass er das Problem wohl kaum übersehen kann. Anderer-Andererseits stellt sich das Problem natürlich nie, wenn man brav alles schaut. Aber selbst wenn es sie gäbe, verprellt man damit natürlich auch direkt wieder alte Fans und ein paar Jahre später ist, zumindest in den Comics, alles wieder verwirrender als je zu vor.

Ich will hier aber auch gar keine Zukunft vorhersagen, ich wollte einfach nur eine Beobachtung teilen, die den Rahmen der ‚No Way Home‘ Besprechung komplett gesprengt hätte.

Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 schlechtesten Filme, die ich 2022 gesehen habe

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag! Heute fragt uns Gina nach den 5 schlechtesten Filmen, die wir 2022 gesehen haben. Hier gibt es für mich drei Kategorien. 1. Tatsächlich schlechte Filme. 2. Handwerklich gelungene, aber meine Erwartungen extrem enttäuschende Filme. 3. Filme, die gerade deshalb unterhaltsam sind, weil sie „nicht gut“ sind. Die sind miteinander nicht kompatibel, die folgende Liste ist also in sich noch weniger wertend als sonst.

5. ‚Live Wire‘/‚Hydrotoxin‘ (1992)

Ein prä-Bond Pierce Brosnan als Bombenexperte gegen Fieslinge, die eine geschmacklose Flüssigbombe entwickelt haben, die von der Magensäure aktiviert wird. Klingt aufregend, endet trotzdem als eine Art Kevin Allein Zu Haus mit Schusswaffen. Ein ‚Stirb Langsam‘ Abklatsch, der sich erstaunlich viel Mühe gibt, Brosnan unsympathisch wirken zu lassen (keine ganz leichte Aufgabe). Ist aber in sich so unterhaltsam (ein Clown explodiert, haha), dass ich ihn definitiv unter „so schlecht, dass er gut ist“ einordnen würde.

4. ‚Halloween Kills‘ (2021)

Michael Myers tötet eine Meeenge Leute. „Evil Dies Tonight!“ wird gebrüllt. Danach hatte ich keine Lust mehr auf ‚Halloween Kills‘. Der, je nachdem wen man fragt, entweder noch schlechter ist, oder besser, dann aber das Ende vergeigt.

3. ‚The Many Saints Of Newark‘ (2021)

Teilweise billiger Sopranos-Fanservice, teilweise pantomimenhafte Farce der alten Charaktere, verpackt in eine nicht sonderlich originelle Geschichte, verpackt in einen ziemlich unansehnlichen Film. Einige gute Darstellerleistungen können das Ding nicht vor einer ordentlichen Enttäuschung retten.

2. ‚Stone Cold‘ (1991)

Der Versuch ex-Football-Spieler Brian Bosworth eine Filmkarriere zu verpassen ging reichlich schief. Der Film beginnt EXAKT wie Slys ‚City Cobra‘. Allerdings entspinnt sch von dort eine derart irrsinnige Geschichte, in der der Hero-Cop bei einer rechtsradikalen Biker-Gang undercover eingeschleust wird, die so dämlich ist, dass es eine Freude ist. Eine noch viel größere Freude ist Lance Henriksen, der als Boss der Gang ca. 500% mehr gibt, als der Film verdient. Und am Ende nimmt der Film die Erstürmung eines Kapitolgebäudes durch Rechtsradikale in den USA 30 Jahre voraus. Wobei es hier „nur“ das Regierungsgebäude eines Bundesstaates ist. Das mach den Film für 2 Minuten unangenehm realistisch, bis die Action wieder so „over the top“ ist, dass man das vergisst.

1. ‚Ghostbusters Legacy‘ (2021)

Erinnert Ihr Euch noch an diese „Und jetzt bin ich der Opa!“ Werthers Echte Werbung aus den 90ern? ‚Ghostbusters Legacy‘ ist jetzt der Opa. Schüttet einem Karamell-getränkte Nostalgie mit einem Trichter hinter die Binde, bis es einem zuckrig zu den Poren rauskommt. Verklärt den zynischen Biss des ersten Films zu seltsam nebliger Romantik. Versucht einerseits neue Charaktere aufzubauen, verliert sich aber immer wieder derart im Alten, dass das gar nicht funktionieren kann. Und endet mit einem der wohl unpassendsten Tribute an einen verstorbenen Kollegen, die ich jemals gesehen habe. Handwerklich sicherlich nicht schlecht, aber man, konnte ich den nicht ausstehen.

Newslichter Ausgabe 225: kein fröhlicher Todestag, Gladiator 2 und ein Langzeitprojekt

Willkommen bei Ausgabe 225 des Newslichters. Hey, erinnert Ihr Euch noch an diesen Spinner, der vor einigen Wochen an dieser Stelle behauptet hat, das Jahr 2023 sei „fake“. Stellt sich raus, das war ein anderer Newslichter aus einer parallelen Dimension, von wegen Multiversum und so. Die ist fast genau wie unsere Welt, bloß gibt es kein 2023, der Himmel ist Magenta-farben (die Farbe der Telekom ist dafür Himmelblau, das aus unerklärlichen Gründen auch da so heißt) und „vorwärts“ bedeutet „rückwärts“. Wir sind derzeit noch dabei übereinzukommen, wer von uns beiden der Böse ist. Das war jetzt weniger eine Einleitung und mehr ein Retcon. Legen wir stattdessen mal mit den News los.

Vermutlich kein weiterer ‚Happy Death Day‘

Christopher Landons Zeitschleifen-Slasher ‚Happy Death Day‘, getragen nicht zuletzt von einer hervorragenden Hauptdarstellerin mit Jessica Rothe, war ein ordentlicher Überraschungserfolg. Machte bei einem Budget von runde 9 Millionen gut 125 Millionen Dollar Gewinn. Da war bei Blumhouse ohnehin klar, dass eine Fortsetzung hermusste und Geldgeber Universal stimmte zu. ‚Happy Death Day 2U‘ machte nun den mutigen Schritt das Genre zu wechseln, die Horrorelemente weitgehend zurückzulassen und ganz zur SciFi Komödie zu werden. Ein Schritt der, für die meisten Leute, die den Film kennen, erstaunlich gut funktionierte, aber einer der sich schlecht vermarkten ließ. Und so kamen nur noch gut 60 Millionen bei gleichem Budget heraus. Sicher kein Flop, aber Landon geht in einem Interview mit der Seite Slashfilm davon aus, dass man ihn und sein Projekt bei Universal schlicht vergessen hat. Eine Weile war wohl noch ein kleinerer Streaming-Film im Gespräch, jetzt gibt es keine Gespräche mehr. Das ist schade, weil ich beide Filme gerne mochte, es ist aber irgendwo bezeichnend für den prekären Zustand „kleinerer“ Filme. Da versechsfacht ein Film sein Budget und das ist nicht genug? War die Zielmarke erneut die 100 Millionen und alles drunter wird zum Flop verklärt? Ich zumindest empfinde das, als eine beachtliche Summe Geld. Diese Blockbusterfixierung kann einfach nicht gesund sein. Landon kann es vermutlich wurscht sein, der hat genug Eisen im Feuer, aber für Rothe tut es mir echt leid.

‚Gladiator 2‘

Wer glaubt, dass Ridley Scott mit Mitte 80, es  in irgendeiner Weise langsamer angehen wollte, irrt sich sehr offensichtlich. Nach dem diesjährigen ‚Napoleon‘ wird er nun offenbar eine Fortsetzung zu seinem ‚Gladiator‘ aus dem Jahr 2000 angehen. Gerüchte über eine mögliche Fortsetzung gibt es schon lange. Seit 2001, um genau zu sein, wo ein Sequel angedacht war, 15 Jahre nach dem ersten Film, in dem die prätorianische Garde Rom regiert. Am bekanntesten ist wohl das Nick Cave Drehbuch aus Mitte der 2000er, in dem Russel Crowes Maximus von den römischen Göttern nach seinem Tod zu einer Art ewigem Krieger gemacht wurde, der an jedem größeren Konflikt, zuletzt der US Invasion im Irak beteiligt wäre. 2006 verkaufte Dreamworks, unter anderem, die Rechte an ‚Gladiator‘ an Paramount. Hier sollte es gut 10 Jahre dauern, bis wieder etwas von einer Fortsetzung zu hören war. Diese sollte sich nun auf den 20 Jahre älteren Lucius, den kleinen Sohn Lucillas aus dem ersten Teil konzentrieren. Letztes Jahr brachte sich Chris Hemsworth hier selbst ins Gespräch, nun  aber sieht es so aus, als wäre mit (dem mir unbekannten) Paul Mescal ein Lucius gefunden. Dass irgendwer außer Scott Regie führen würde, war wohl nie ernstlich angedacht. Letztendlich ist es ein guter Zeitpunkt. „Legacy Sequels“ sind derzeit schließich voll im Trend.

Nochmal Mescal

Wo wir gerade über Paul Mescal sprechen. Der Mann hat neben ‚Gladiator 2‘ gerade auch einen, für die Schauspielerei ungewöhnlich stabilen, Job bekommen. Richard Linklater will seinem ‚Boyhood‘ Langzeitprojekt ein weiteres folgen lassen. In ‚Merrily We Roll Along‘ will Linklater die Karriere eines fiktiven Broadway Komponisten, der nach Hollywood geht, um Filme zu produzieren über 20 Jahre Echtzeit verfolgen. Ich nehme mal an, Jobsicherheit für 20 Jahre gibt es bei Schauspielern nicht alle Tage. Tatsächlich dreht Linklater schon seit 2019 Szenen, der Film soll frühestens 2040 in die Kinos kommen. Wenn es die dann noch gibt. Linklater wäre dann 82 Jahre alt, Mescal 46. Mescal ersetzt Blake Jenner, den Linklater, nach Vorwürfen häuslicher Gewalt, 2019 aus dem Projekt entlassen hat.

Er ist der Böse, erschieß ihn! Nein, nein, ER ist der Böse, erschieß ihn!!! Oder wisst Ihr was, wir erschießen halt gar keinen. Wir machen den Newlichter jetzt zusammen, Multiversen sind ja eh gerade voll im Trend. Bis nächste Woche! (und keine Sorge, der Newslichter bekommt keine Kontinuität und wir keine Crossover mit anderen Veröffentlichungen erleben)

‚Fall‘ (2022)

Scott Manns ‚Fall‘ (ich erspare uns allen mal den „tollen“, „deutschen“ Untertitel „Fear Reaches New Heights“) wurde zu einer Art kleinem Überraschungserfolg. Und hätte es beinahe in den Newslichter geschafft. Denn Lionsgate kaufte den fertigen Film, bemerkte in Testvorführungen, dass der weit besser ankam als sie erwartet hatten und sagten Regisseur Scott Mann, er solle die etwa 30 Äußerungen von „fuck“ aus dem Film entfernen, um die US Altersbeschränkung zu senken. Einfacher gesagt als getan, denn einfach rausschneiden ging nicht, für Nachdrehs war kein Geld da und einfach ein anderes Wort drübersynchronisieren wollte er nicht. So nutzte Mann „deepfake“ Technologie um die Lippenbewegungen seiner Darstellerinnen in entsprechenden Szenen zu ändern und aus dem bösen f-Wort ein besseres, wie „freaking“ zu machen. Das wurde mit Kino-Einnahmen von rund 21 Millionen Dollar, gegenüber einem Budget von drei Millionen, belohnt. Aber ist der Film nun fucking great, oder freaking awful? Finden wir es raus!

Vor einem Jahr unternahm das Paar Becky (Grace Caroline Currey) und Dan (Mason Gooding) zusammen mit ihrer gemeinsamen Freundin, Youtuberin Hunter (Virginia Gardner) eine riskante Klettertour, bei der Dan tragisch ums Leben kam. Nun ist Becky schwer traumatisiert und depressiv. Flüchtet sich in den Alkohol, hat den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen und trägt sich gar mit suizidalen Gedanken. Für Hunter ist klar, da hilft nur eins: mehr Klettern! Und diese fragwürdige Diagnose will sie direkt mit der gemeinsamen Besteigung des aufgegebenen Funkturms B67, mitten in der Wüste und doppelt so hoch wie der Eiffelturm (der Turm ist fiktiv, basiert aber auf dem realen KXTV/KOVR Tower), beweisen. Nach einiger Überredung erklärt sich Becky zu der Youtube-wirksam inszenierten Aktion bereit. Das Erklettern des rostigen Monuments funktioniert auch recht gut. Doch oben angekommen bricht die Leiter zusammen. Die Frauen sind nun auf einer 1m2 kleinen Plattform gefangen, ohne Handyempfang und mit 15 Meter Seil. Ihr Rucksack mit Wasser und einer Drohne hängt 20 Meter tiefer. Man darf wohl ahnen, dass jetzt tatsächlich nur noch eines hilft: mehr Klettern.

Ich bin ja  durchaus ein Fan dieser Mini-Katastrophenfilme der letzten Jahre. Sei es ‚The Shallows‘, um eine Schwimmerin, die auf einer Boje festsitzt, die von einem Hai belagert wird. Oder ‚Crawl‘ um ein Gespann aus Vater und Tochter in einem Hurrikan mit einem Haus voller Alligatoren. Die Szenarien sind zumeist mindestens ein wenig an den Haaren herbeigezogen und die Filme trauen ihrer Prämisse selten genug, so dass immer noch ein wenig externes Drama um ihre Charaktere aufgebaut werden muss (möglicherweise ist auch einfach ‚The Descent‘ der spirituelle Vorläufer). Das funktioniert mal besser (‚Crawl‘) mal schlechter (‚The Shallows‘).

‚Fall‘ nun hat ein Szenario, das extrem an den Haaren herbeigezogen ist. Zwei Frauen klettern auf einen abgelegenen Funkturm und sagen niemandem, wo sie sind. Aber auch mit den Charakteren habe ich meine Schwierigkeiten. Okay, Becky ist depressiv bis zur Selbstaufgabe, bei ihr verstehe ich, warum sie dabei ist. Aber Hunter ist ein Adrenalin-Junkie bar jeder Umsicht. Eine Kombination, die es zu einer Art Wunder macht, dass sie überhaupt am Anfang des Films noch lebt. Das wäre an sich eine interessante Kombination, aber der Film scheint selbst nicht so ganz zu verstehen, was er mir über seine Charaktere sagen will. Auf dem Weg zum Turm entdecken die beiden ein verendendes Tier, dem die Aasgeier bereits den Bauch aufgerissen haben. Als sie feststellen, dass das Tier noch lebt, verscheuchen sie die Geier. Und nun? Schlagen sie dem Tier den Schädel ein, brechen ihm den Hals, tun irgendwas um sein Leiden zu beenden? Nö, Hunter macht ein Foto für ein „launiges“ social media post (Youtuber in Hollywoodfilmen sind immer Arschlöcher, oder?) und sie gehen weiter. Was soll mir das sagen? Dass die beiden Dinge nicht zu Ende denken? Das wusste ich schon, WEIL SIE NIEMANDEN INFORMIERT HABEN, DASS SIE AUF EINER BRÖCKELNDEN RIESENANTENNE AM ARSCH DER WELT RUMKLETTERN!

Dazu baut der Film den wohl offensichtlichsten Zwist zwischen den beiden Frauen auf, den man sich vorstellen kann. Ich kann hier nicht einmal den leisesten Hinweis drauf schreiben, weil der ihn schon verraten würde. Genau genommen könnt Ihr ihn vermutlich bereits zwischen den Zeilen finden. Mr. Police, I Gave You All The Clues.

Und wisst Ihr was? All das ist völlig wurscht, als die beiden die Ersteigung des Funkturms beginnen. Mann hat für die Dreharbeiten den oberen Teil des Turms auf einem Berg in der Mojave Wüste nachgebaut. Es wird hier also sehr wenig mit Greenscreen gearbeitet, der schwindelerregende Blick nach unten ist echt und absolut wirkmächtig. Ob man will oder nicht, hat man alsbald Probleme mit der Glaubwürdigkeit der Geschichte oder den Charakteren vergessen und nähert sich mit dem Hintern immer mehr der Sofakante. Und das war nur der Effekt auf einem Fernseher, im Kino dürfte das noch deutlich effektiver herübergekommen sein.

In diesem, seinem zentralen Effekt funktioniert der Film also vollends und hat mich während der zweiten Hälfte auch durchaus gefesselt. Hätte man, anstatt die „fucks“ zu entfernen, hier noch einen weiteren Schnitt durchlaufen lassen, den Film von über hundert Minuten auf 90 oder gar superschlanke 80 Minuten heruntergekürzt, es wäre wohl ein top B-Movie dabei herausgekommen. Es ist nicht einmal schwierig die überflüssigen Szenen auszumachen. So braucht mir der Film ein Stück zu lange, bevor er endlich loslegt und er nutzt diese Zeit nicht einmal, um sonderlich interessante Charaktere zu schaffen. Die Schuld der Darstellerinnen ist das übrigens keinesfalls, die hängen sich richtig rein, im wahrsten Sinne des Wortes.

Und dennoch halte ich ‚Fall‘ am Ende für sehenswert. Gerade wenn man ein wenig Höhenangst mitbringt ist der Film äußerst effektiv.

PS: ich kapiere Hunters Youtube-Kanal nicht. Sie filmt also unten an der Antenne und sagt „da klettern wir jetzt rauf“ und dann wieder wenn sie oben sind. Den Aufstieg, also den spannenden Teil, filmt dann keiner? Natürlich funktioniert der Film nicht mehr, wenn sie jemanden mitnimmt der unten bleibt und eine Drohne bedient, oder so, aber ich verstehe halt ihren fiktiven Youtube Kanal nicht… andererseits kapier ich auch ne ganze Menge reale Kanäle mit Millionen Views nicht.

Neues Jahr, neue Trailer

Es ist mal wieder Zeit für ein paar Trailer. Wie wir jetzt wissen, sind die mehr Werbung als Kunst und falls Ihr irgendwo Szenen seht, die im fertigen Film nicht auftauchen, verklagt bitte die Studios, nicht mich (für Uneingeweihte, das ist eine Anspielung auf die ‚Yesterday‘-Klage, weil Ana de Armas zwar im Trailer, aber nicht im vollen Film auftaucht).

‚Renfield‘

Oh Leute, ich bin so froh, dass mit ‚Malignant‘, derzeit ‚M3gan‘ (den ich noch nicht gesehen habe) und demnächst nun ‚Renfield‘ alberner, „campy“ Horror offenbar ein ernsthaftes Comeback feiert. Das ist wunderbar, weil die Stellschrauben zwischen Schrecken und Lachen erstaunlich fein sind und Filme, die gut damit spielen können sind selten. Wenn ich etwas an dem Trailer zu meckern hätte, dann höchstens die etwas gequälte Enthüllung am Ende. Wir haben ale Nic Cages Renaissance in den letzten Jahren gesehen, da braucht es mMn. Keinen „könnt Ihr glauben, dass das Nic Cage ist?“-Moment mehr. Aber das ist Mosern auf hohem Niveau.

‚Barbie‘

Jep, ich habe laut gelacht, über einen Teaser für einen ‚Barbie‘-Film. Hätte ich jetzt auch so nicht erwartet. Und nicht nur über die bizarre Kombination aus „Barbie by Mattel“ und „written by Greta Gerwig & Noah Baumbach, directed by Greta Gerwig“. Das sieht danach aus, als hätte Gerwig hier kreativ sehr freie Hand bekommen, was vermutlich der beste Weg ist einen interessanten ‚Barbie‘-Film zu bekommen. Ob das auch einen finanziell erfolgreichen ‚Barbie‘ Film bedeutet, wird die Zukunft zeigen müssen. Aber zumindest wird wohl niemand Gerwig als „sellout“ bezeichnen können. Und Margot Robbie ist eh einer der wenigen echten, jungen Filmstars, die wir noch haben (Ryan Gosling alias Ken auch).

‚Oppenheimer‘

Das… ist ein eleganter Trailer. Aber auch ein bisschen nichtssagend. Erstaunlich, dass nicht einmal Oppenheimers berühmtes „Now I am become Death“-Zitat im Erzähltext verwendet wird. Das hat für mich hier den Charme dieser jährlichen, britischen Biografiefilme über irgendeine historische Person, die immer ein bisschen beliebig und quasi wie eine Film-gewordene Oscar-Nominierung für ihren Hauptdarsteller wirken. Ich bin mir sicher, Nolan wird hier mehr daraus machen wollen. Vor allem wird er sicherlich wieder mit dem Soundmix herumspielen, sodass man etwa die Hälfte des Dialogs versteht. Vielleicht eröffnet der Film mit einer Atomexplosion und dann zieht sich ein Tinnitus-Quietschen durch den Rest des Films…

‚Beau is afraid‘

Das ist ein Trailer, der ziemlich deutlich sagt, „wir haben Ari Aster machen lassen, was er wollte“. Das Grundthema seiner anderen Filme, die zerrüttete Familie, taucht auch hier erkennbar wieder auf, der Rest scheint aber deutlich mehr Surrealismus als Horror. Prima! Mit Joaquin Phoenix hat man hier den perfekten Darsteller für diese Art von Film. Und Goodbye Stranger ist ein toller Song. Das ist ein Trailer, der genau das tut, was ein Trailer tun sollte: mich auf den Film gespannt machen, ohne mir allzu viel zu verraten, worum es geht. Und nach ‚Hereditary‘ und ‚Midsommar‘ bin ich absolut bereit Aster zu vertrauen. 

Die 5 Besten am Donnerstag: die (ca.) 5 besten Serien, die ich 2022 gesehen habe

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag! Heute fragt uns Gina nach den 5 besten Serien, die wir 2022 gesehen haben. Ich komme nicht auf 5, so viel ist klar. Aber einen klaren Favoriten habe ich auf jeden Fall. Ist aber alles ziemlich alt…

2. ‚Columbo‘

Habe ich schon während der „Lockdowns“ mit angefangen, aber letztes Jahr weitergeschaut. Ich erzähle wohl niemandem was Neues, wenn ich sage, dass die Reihe grandios ist. Das „howcatchem“ Format, bei dem man im Gegensatz zum „whodunnit“ als Zuschauer von Anfang an weiß, wer der Mörder ist funktioniert erstaunlich gut und Peter Falk lebt die Rolle einfach und ist von bestens aufgelegten Gaststars umgeben.

1. ‚Akte X‘

Ja, das ist das erste Mal, dass ich ‚Akte X‘ komplett schaue. Und ich verstehe den Erfolg der Serie nun besser denn je. Gerade am Anfang waren die „Mythologie“-Folgen durchaus stark, aber die „Monster der Woche“-Folgen sind hier ganz eindeutig wo die wirkliche Stärke der Serie liegt. Vor allem, weil sie vor nichts Angst zu haben scheint. Solange es interessant geschrieben ist, fügt es sich in die Struktur der Serie ein.