Interessefrage an Euch

Hallo Zusammen!

Heute komme ich mit einer vielleicht etwas dämlichen Frage zu Euch. Sie lautet: ist es lohnend für Euch, hier über Filme zu lesen, die Ihr nicht immer ganz einfach bekommen könnt? Versteht mich nicht falsch, mit geht es nicht so sehr darum, ob ich damit weniger Likes oder Kommentare bekomme, natürlich bekomme ich damit weniger als etwa mit Artikeln über aktuelle Blockbuster. Aber ein paar Leute haben mir während meiner Miyazaki-Reihe enttäuscht geschrieben, dass sie die Filme nicht sehen könnten. Inzwischen sind die alle bei Netflix, das sollte also deutlich leichter geworden sein. Aber das hat mir zu denken gegeben.

Was bringt es, wenn ich Euch hier von ‚Reflecting Skin‘ oder ‚Happiness of the Katakuris‘ vorschwärme, womöglich jemandem den Mund wässrig mache und die oder der stellt dann fest, nicht nur streamt der Film nirgendwo, es gibt ihn auch nur noch gebraucht zu Mondpreisen, oder im Import als Medien. Ich frustriere Euch vermutlich schon genug mit der Missachtung sämtlicher Kommaregeln, da braucht Ihr nicht auch noch das.

Ich würde halt gerne über Filme wie Zulawskis ‚Possession‘, Brownings ‚Freaks‘ oder den wunderbar irrsinnigen ‚Hausu‘ schreiben. Nur lesen das hier inzwischen ja doch ein paar Leute und da wollte ich halt mal fragen…

Ich bedanke mich im Voraus für alle Antworten!

Here’s To You, Ennio Morricone

Am 6. Juli 2020 ist Ennio Morricone an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Sein Werk, seine Bedeutung für die Filmmusik hier in einem einzigen Text auch nur anreißen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Für mehr als 500 Filme hat er den Soundtrack geschrieben, hunderte weitere nutzten seine Musik. Also bleibe ich bei einem kurzen Blick auf sein Leben und tue das einzig Vernünftige, nämlich seine Musik zu verlinken.

Am 10. November 1928 geboren, war klar, dass Ennio in die Fußstapfen seines Vaters treten und Konzerttrompeter werden würde. 1946 erhielt er sein Diplom als Trompeter. Er schloss allerdings ein weiteres Studium als Komponist an, das er 1954 erfolgreich beendete. Im selben Jahr heiratete er Maria Travia, mit der er bis 1966 vier Kinder bekommen würde. Ende der 50er wurde er zu einem bedeutenden Arrangeur des italienischen Schlagers. Als Ghostwriter schrieb er erste Filmkompositionen für etablierte Komponisten. 1961 schrieb er, als Dan Savio, seinen ersten „offiziellen“ Soundtrack. Als Familienvater besaß er oftmals nicht die finanzielle Freiheit so avantgarde zu sein, wie er es sich gewünscht hätte, lieferte meist einfach das, was von ihm verlangt wurde. Das würde sich grundlegend ändern, als er 1964 auf seinen alten Schulkameraden Sergio Leone traf.

Leone seinerseits war wohl überrascht in „Dan Savio“, der seinem Film ‚Für eine Handvoll Dollar‘ zugeteilt wurde, Morricone wiederzutreffen. Hier jedenfalls würde Morricone improvisieren müssen. Denn Geld für ein großes Orchester war nicht vorhanden und Leone wollte ohnehin einen originellen Sound. Vielerorts kann man lesen, dies sei der Moment, als die Filmmusik vom reinen Begleitwerk zum integralen Bestandteil des Films wurde. Diese These halte ich, etwa im Angesicht des Erfolgs von Musicalfilmen im Hollywood der 30er und 40er Jahre, für sehr schwer haltbar. Nein, Morricone tat hier etwas anderes. Mehr noch als Leone mit seinem Film das Aussehen des neuen Genre des Italowesterns prägte, prägte Morricone seinen Klang. Dafür vermischte er natürliche Laute, Pfeifen, Peitschenknallen, Pistolenschüsse mit dem Sound von E-Gitarren, etablierten Konzertinstrumenten und Chorgesang.

DAS ist der Sound, den wir in unserem inneren Ohr hören, wenn wir das Wort Italowestern lesen. Jeder folgende Film des Genres hatte drei Möglichkeiten: 1. Ennio Morricone für den Soundtrack anheuern 2. jemand anderen dranzusetzen, der versucht wie Morricone zu klingen oder 3. bewusst exakt anders als Morricone zu klingen. Jeder wollte Möglichkeit 1. Und so verfasste Morricone in den nächsten 10 Jahren eine gigantische Menge Soundtracks.

Als Beispiele seien hier das Stück L’Arena aus ‚Il Mercenario‘/‘Die gefürchteten Zwei‘

Vamos a Matar, Compañeros aus ‚Zwei Companeros‘, beide für Sergio Corbucci

und The Chase aus ‚Der Gehetzte der Sierra Madre‘ von Sergio Sollima erwähnt.

Morricones Western Soundtracks lassen einen einheitlichen Stil erkennen, waren jedoch stets perfekt auf die Bilder des jeweiligen Films abgestimmt und stehen für sich. Und bei Leones letztem großen Western, ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ war Morricones Musik bereits zur Regieanweisung geworden. Sie war vor dem Film fertig und wurde am Set zur jeweiligen Szene abgespielt. Die Darsteller konnten also gar nicht anders als auf die Musik zu reagieren. Und wie die Enthüllung von Schurke Frank zeigt, Morricone kann einen guten Film großartig und einen großartigen Film unsterblich machen. Die Szene hätte nicht die Hälfte ihrer Wirkkraft ohne seine Musik.

Morricone konnte sich nun die Filme aussuchen, für die er arbeiten wollte. Er nahm sich hochpolitischer Themen, wie Gillo Pontecorvos ‚Schlacht um Algier‘

oder dessen ‚Queimada‘ an.

In den 70ern ging seine Arbeit aber bereits auch über Italien hinaus und bis nach Hollywood, wo er etwa Terrence Malicks grandiosen ‚Days of Heaven‘ vertonte.

Regisseure, die zum ersten Mal mit ihm arbeiteten, waren oftmals verwundert. Er kam nicht zu ihnen, sie kamen zu ihm nach Rom. Und anstatt ihnen am Klavier vorzuspielen, ließ er sich Szenen beschreiben oder zeigen, sagte wenig und begann zu schreiben. Er war berühmt dafür quasi die gesamte Orchestrierung von Anfang an im Kopf zu haben. Und sollte es doch mal später passieren, dann fuhr er auch gern im Auto rechts ran und begann zu schreiben. Inspiration hielt er für Unsinn. Neugier, Studium und Fleiß sah er als wahres Geheimnis seines Erfolges an.

Eine Kollaboration, die sich Morricone immer gewünscht hatte, aus der aber nichts wurde, war mit Stanley Kubrick. Tatsächlich standen beide in Gesprächen für ‚A Clockwork Orange‘. Doch als Kubrick aus einem Telefongespräch erfuhr, dass Morricone parallel an einem anderen Film arbeiten würde, meldete er sich nie wieder bei ihm.

1982 trat John Carpenter auf ihn zu. Mit ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ war er in der seltenen Situation jemand anderen für den Soundtrack bezahlen zu können. Morricone war verwirrt, warum Carpenter es nicht dennoch selbst machen wollte. „Weil ich zu Ihrer Musik geheiratet habe.“ Antwortete der. Morricone legte ihm zwei Soundtrackkonzepte vor. Ein orchestrales und ein elektronisches, das quasi exakt wie Carpenters Musik klang. Letzteres hat er natürlich genommen. Es ist beachtlich, wie gut Morricone auch mit der ungewohnten, elektronischen Musik umgehen konnte. Sein Thema klingt wie eine, nicht ganz perfekte, Nachahmung eines menschlichen Herzschlages. (Und war 1983 für die Goldene Himbeere als schlechteste Musik nominiert, nur als Information für Leute, die glauben, die „Raspberries“ seien erst in den letzten Jahren zu totalem Schwachsinn verkommen)

Einen meiner liebsten Soundtracks schuf er allerdings 1986 für Roland Joffés ‚The Mission‘. Mehrfach hatte er bewiesen, dass er in seinen Soundtracks ein einzelnes Instrument herauszustellen weiß, sei es die Mundharmonika in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘, oder die Panflöte in ‚Es war einmal in Amerika‘. Hier nun ist es die Oboe. Eine solche dient im Film nämlich als wesentliches Werkzeug der Völkerverständigung. In den Händen eines weniger talentierten Komponisten hätte das sehr leicht peinlich werden können. Doch Morricone lässt es mit ‚Gabriels Oboe‘ glaubhaft erscheinen.

Damit wären wir bei einem anderen Thema, den Oscars. Die Beziehung zwischen Morricone und Hollywood war nicht unbedingt ganz einfach. Er weigerte sich dort hinzuziehen, und Hollywood verweigerte ihm lange Zeit den „Ritterschlag“ eines Oscars. Oh sicher, 2007 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk, jenen Entschuldigungspreis der Academy, auf dem genauso gut „Trostpreis“ stehen könnte. Fünf Mal war er bis dahin nominiert gewesen. Darunter auch für ‚The Mission‘, was der Soundtrack war, über den er später sagte, er hätte damit eigentlich gewinnen müssen. Schalkhaft sagte er ebenfalls, wenn es nach ihm ginge, müsste er eigentlich alle zwei Jahre einen Oscar bekommen. Und bekommen sollte er ihn noch. Quentin Tarantino wollte lange Zeit mit ihm arbeiten. Doch Zeit und Morricone fortgeschrittenes Alter machten dem immer wieder einen Strich durch die Rechnung, sodass Tarantino auf bestehende Kompositionen von Morricone zurückgreifen musste. Für ‚Django Unchained‘ schrieb er ihm allerdings ein Stück. Und für ‚Hateful Eight‘ arbeiteten sie endlich zusammen und Morricone erhielt seinen „echten“ Oscar. Man könnte erwarten Morricone, damals Mitte 80, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Für seinen ersten Western seit dem Bud Spencer Film ‚Eine Faust geht nach Westen‘ von 1981 ein Best Of seiner Italowestern Soundtracks neu aufwärmen. Doch finden sich hier keine twängelnden Gitarren, kein Pfeifen. Die Musik ist orchestral und kühl, erinnert eher an seine Arbeit am Giallo-Film (die ich hier schmählich übergangen habe) und im Intro direkt an ‚Das Ding‘. Die perfekte Textur für Tarantinos paranoiden Thriller.

Schließen möchte ich mit einem Stück aus seiner politischen Ära. „Here’s To You“ stammt aus dem Film ‚Sacco und Vanzetti‘ über die italienstämmigen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide waren in den USA der 20er Jahre Anhänger der anarchistischen Arbeiterbewegung und wurden in New York, in einem unfairen Schauprozess, fälschlich eines Raubmordes schuldig gesprochen und hingerichtet. Beide wurden 1977 posthum rehabilitiert. Komponiert von Morricone mit einem Text von Joan Baez, basierend auf einer späten Aussage Vanzettis, beginnt das Stück als Trauermarsch und endet im Triumph.

Addio Maestro. Grazie per la Musica.

Christopher Nolan: Chairman of the Bored

https://www.indiewire.com/2020/06/christopher-nolan-disputes-chair-ban-phones-cigarettes-1234570631/

So richtig viele Neuigkeiten gibt es über den einzigen anstehenden Blockbuster ‚Tenet‘ nicht wirklich. Die Darsteller behaupten allesamt sie hätten den Film selbst nicht kapiert und wir hoffen mal, dass das entweder ein gutes Zeichen, oder gewollte PR ist. Aber so richtig tolle Schlagzeilen lassen sich da nicht draus drechseln. Es bräuchte was handliches, wenn vielleicht der Herr Nolan irgendeine seltsame Marotte hätte. Nichts wirklich Schlimmes, mehr so was albernes. Wir haben tausende gelangweilte Leser, die irgendwas aus der Filmbranche brauchen, verdammt.

Und dann hat Anne Hathaway in einem dieser ubiquitären Zoom-Calls zwischen irgendwelchen Stars endlich genau den richtigen Hammer rausgehauen. Christopher Nolan erlaubt keine Stühle am Set. Und Frau Hathaway muss es wissen, sie hat schon zweimal mit ihm gearbeitet. Und die Begründung Nolans, die sie gleich dazu liefert, hat es in sich „Wer sitzt arbeitet nicht!“. Millionen von Büroangestellten mögen jetzt verwundert aufblicken, aber Nolan hat es offensichtlich gesagt: Stühle sind für Schwächlinge! Nolan hängt offensichtlich der Ernest Hemingway Schule der Männlichkeit an und der Mann hat auch stets ein Stehpult verwendet, eben weil er nicht verweichlichen wollte! Oh ja, in Christopher Nolans Welt des steten aufrechten Stehens hat man von so etwas wie Hämorrhoiden noch nie gehört.

Christopher Nolan hasst nicht nur Stühle mit der Kraft von 1000 Sonnen, er hasst auch Leute, die auf Stühlen sitzen. Sieht er Dich an seinem Set sitzen, dann stürmt er zu Dir herüber schreit „Hadouken!“ und verpasst Dir einen Uppercut der sich gewaschen hat (stehend!), und bevor Dich die gnädige Ohnmacht umfängt, geht Dir durch den Kopf „Moment mal, ‚Hadouken‘ ist der Feuerball-Move“ und „Mann, bin ich ein (sitzender) Nerd!“ Dabei ist ihm ganz egal, ob Du der Produzent oder gar seine Mutter bist. So sehr hasst er jegliche sessile Lebensform. Solltest Du Dich also je auf einer Premiere eines Nolan-Films finden und der Mann ist anwesend, dann steh um Himmelswillen auf, bevor er den Raum betritt! Denn sonst landest Du auf Nolans Shitlist und da will sicher niemand hin, ich meine man stelle sich nur mal die Wadenmuskeln dieses Niemalssitzers vor! Blöd ist halt, wenn man bei der Premiere hinter Nolan sitzt. Denn natürlich schaut er seinen Film im stehen.

Ja, Nolan ist bekanntlich der größte Kritiker der britischen Monarchie, seitdem er herausgefunden hat, dass ein Thron auch nicht mehr als ein fancy Stuhl ist. Und mit diesen steifbeinigen Kippelmonstern wird er nie seinen Frieden machen! NIE! Hat sein Batman etwa im Tumbler oder auf seinem Batbike bequem gesessen? Nein, er hing reichlich unbequem drauf, wie ein Jockey auf einem Rennpferd. Denn ein Superheld, so war Nolan völlig bewusst, würde die Notwendigkeit von Stühlen alsbald hinter sich lassen müssen. Oh sicher, Bruce Wayne mag von Zeit zu Zeit auf einem Stuhl sitzen. Zur Tarnung. Aber er hasst das! Die brummelige Bat-Stimme? Die speist sich zu 90% aus Zorn darüber auf Stühlen sitzen zu müssen. Nimmt sich der Kreisel am Ende von ‚Inception‘ einen Stuhl und macht es sich bequem? Nein, er kreiselt, deshalb heißt er ja so und Nolan wird niemals nicht in einem Film einen Sitzel verwenden. Wie oft sehen wir David Bowies Tesla in ‚The Prestige‘ sitzen? Schaut es ruhig nach! Nein, Nolans Kampf gegen Big Stuhl ist zentrales Element seiner Kunst und… Eine Sekunde, wir bekommen gerade eine neue Nachricht herein.

Christopher Nolan teilt mit, dass er am Set seiner Filme keineswegs Stühle verbietet. Was Anne Hathaway vermutlich meinte war, dass er diese Stühle auf denen hinten „Regie“ steht und die um den Videomonitor herumstehen entfernen lässt. Und zwar, weil er sie als albernes Statussymbol anstatt physische Notwendigkeit betrachtet. Die einzigen Dinge, die an Nolan Sets verboten sind, sind Handys und Rauchen. Wie erschreckend vernünftig und schmerzhaft unlustig. Aber immerhin enthält das Statement einen Satz, der deutlich macht, dass man sich der Albernheit der Situation bewusst ist: „Cast and crew can sit wherever and whenever they need and frequently do.“

Nolans Karriere wird also nicht von einem irrsinnigen Hass auf Sitzmöbel getrieben. Behauptet er zumindest. Ich denke, es ist lohnend ‚Tenet‘ sehr genau auf den Status hin zu untersuchen, den der Film Stühlen einräumt. Ja wichtiger noch, werden wir ein Sofa sehen? Sitzt jemand auf diesem Sofa? Und wenn ja, aufrecht oder so hingelümmelt und bar jeder Körperspannung wie ich auf einem Sofa aussehe? Ich jedenfalls bin der Meinung, da hat sich ein großes neues Feld für künftige Filmanalyse eröffnet. Oder aber Corona hat das übliche Sommerloch in einer Weise erweitert, dass es nicht nur zu Zeitdilationen führt, sondern auch zu möglichen und unmöglichen Stuhl-Phobien.

Corona-Filme? Oder doch lieber Norona-Filme?

Ich habe hier auf dem Blog in den letzten Wochen und Monaten gebangt, wie sich die Corona-Krise auf die Kinobranche auswirken würde. Habe mich gefragt, wie die Produktionen mit den neuen Hygiene-Bestimmungen umgehen können. Eine ganz wichtige fragt bleibt noch: Wird Corona zu einem filmischen Thema werden? Oder muss es das sogar?

Die Krise bestimmt unser Leben seit Monaten und wird es aller Voraussicht nach auch noch für die absehbare Zeit tun. Sicherlich, die Innenstädte sind nicht mehr leer, sie sind wieder voller Leben, doch trägt dieses Leben Maske und versucht Abstand zu halten. Spontanes Shoppen bleibt schwierig, wenn nur 5 Leute im Geschäft sein dürfen und sechs schon vor der Tür warten. Für viele gilt noch Homeoffice, für alle gelten neue Hygienbestimmungen bei der Arbeit, beim Arzt, in Bus und Bahn, in Kino und Restaurant. Wie Herr Drosten so gern sagt, der Hammer des Lockdowns ist (weitgehend) vorbei, nun sind wir in der Phase des Tanzes, in der uns die Kontrolle des Virus‘ nur nicht wieder entgleiten darf.

Sollte der Film diese Situation abbilden? Oder sollte er weiter die Vor- und hoffentlich Nach-Corona Normalität zeigen? Sprich seine Rolle als Eskapismus, als Traummaschine voll ausleben? Fraglich ist, wie weit er das Virus überhaupt ignorieren kann. Massenszenen, Schlachten etwa, oder einen dicht gedrängten Club kann er derzeit nicht zeigen. Außer das Geld ist da, das im Computer zu erschaffen. Dürfen Kusszenen gedreht werden? Oder muss drei Tage aufs Testergebnis der Knutschenden gewartet werden und selbst dann brauchen Schauspielerinnen  und Schauspieler dafür eine besondere Versicherung? Es ist ja auch nicht so, als würde die Krise nicht Ansätze für allerlei Geschichten bieten. Sei es der Gangster, der fliehen will und plötzlich sind alle Grenzen dicht. Sei es ‚Shining‘ im Eigenheim, wenn eine Familie mit dem übergriffigen, nun auch noch arbeitslosen Familienvater im Haus geradezu gefangen ist. Sei es eine Romantische Komödie, in der eine junge Liebe durch die Lockdown-Erlasse plötzlich getrennt wird und allerlei Absurdes anstellt um trotzdem zusammen sein zu können.

Das Fernsehen hat ja recht zügig reagiert als das Drehen nach alten Methoden erst einmal unmöglich wurde und allerlei Formate geschaffen, die erlauben bei den Darstellern zu Hause zu drehen und meist im Homeoffice und den damit verbundenen Belastungen spielen. Mr. Krach-Bumm-Blockbuster höchstpersönlich, Michael Bay will einen Corona-Thriller namens ‚Songbird‘ für Paramount produzieren. Die Regie des Films, der irgendwo zwischen ‚Paranormal Activity‘ und ‚Cloverfield‘ (frage mich, ob hier eher ‚10 Cloverfield Lane‘ gemeint ist) angesiedelt sein soll, übernimmt der mir nicht bekannt Adam Mason. Der soll schon bald gedreht werden können, da selten mehr als ein Darsteller im Raum ist und die Crew für den zurückgenommen Film kleiner sein kann, also Abstände einhalten kann.

Wesentlich für die Frage, ob es nun Corona- oder doch „Norona“-Filme geben wird ist natürlich vor allem eins: wollen wir das sehen? Will irgendwer das sehen? Klar, gerade zu Beginn der Krise erlebten Pandemie-Filme einen ungeahnten Aufschwung. Absolut jeder schien plötzlich ‚Contagion‘ sehen zu wollen. Trotz Streaming konnte man die gebrauchte DVD zwischendurch für gut 30 Euro loswerden. Aber das ist ja auch kein Corona Film. Es ist immer noch eine (glaubhafte) Phantasie. Ein Blick in die Glaskugel, was sein könnte. Die Realität ist bodenständiger und, sagen wir wie es ist, zum Glück deutlich langweiliger. Sämtliche Nachrichten sind seit Monaten beherrscht von nichts als Corona, den Corona-Maßnahmen, den Folgen von Corona, den Folgen von Corona-Maßnahmen, Demonstrationen gegen Corona, Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen, der Gefährlichkeit von Corona, der Gefähr… Ihr versteht was ich meine. Und ich beschwere mich gar nicht darüber. Es ist wichtig und es wäre in der Tat gefährlich, wenn wir unvorsichtig würden, nur weil es uns langweilig wird. Aber darf uns denn Unterhaltung nicht ein wenig Eskapismus bieten? Doch, natürlich darf sie das. Muss sie sogar. Aber Film versteht sich eben auch als eine Wiedergabe der Realität. Und als solches wird das Medium die Realität eben nicht gänzlich ignorieren können. Die wirklich guten Filme über die Krise wird es ohnehin erst 5 oder vielleicht 10 Jahre später geben. Wenn wir wirklich einschätzen können, was sie mit uns als Gesellschaft, als Menschheit gemacht hat. Doch die Filme, die währenddessen erscheinen, die den Eindruck des Moments widerspiegeln, die sind ebenfalls bedeutsam.

Am Ende ist die Dichotomie Corona oder Norona natürlich genauso überflüssig wie jede andere, die dem Film seit seines Entstehens aufgezwungen werden soll. Welches ist der „richtige“ Film fragte man sich vor über hundertzwanzig Jahren. Der strenge Realismus der Brüder Lumière, oder der fantastische Formalismus eines Georges Méliès. Die Antwort war damals so offensichtlich wie sie heute ist: beides hat in diesem wunderbaren Medium mehr als genug Platz.

Was macht eigentlich David Lynch so?

Obwohl ich die Arbeit Lynchs sehr schätze, muss ich zugeben, die Überschrift beschreibt eine Frage, die mich eher selten umtreibt. Was vermutlich auch für andere gelten dürfte. Hallo also, an die ca. 5 Leute, die das hier dennoch lesen! Gibt es ein Gegenteil von Clickbait? Wenn ja, dann ist es wohl das hier…

Aber gut, was macht David Lynch so, während der Covid-Krise? Ich nehme an er verbringt viel Zeit damit in seinem mehrere hundert Quadratmeter großem Anwesen oder dessen Garten zu sitzen und zu rauchen. Vermutlich übt er transzendentale Meditation, die begeistert ihn ja ziemlich. Vielleicht hat er sogar die Geheimnisse des yogischen Fliegens entschlüsselt (vermutlich aber nicht), aber was interessiert mich, was interessiert uns das? Na genau, gar nicht! Wir wollen unterhalten werden, Herr Lynch!

Und zum Glück tut er genau das. Auf seine Weise. Er hat nämlich einen eigenen Youtube-Kanal eröffnet. Und sich dabei offenbar aufmerksam nach einer Marktlücke umgesehen. Dabei dürfte er festgestellt haben, dass auf Youtube ein Wetterbericht fehlt.

Täglich informiert er aus einer Art Bunker heraus, überlegt mit einem schmierigen Blaufilter, über den „goldenen Sonnenschein“ in Los Angeles. Und natürlich qualmt in einem nicht zu sehenden Aschenbecher still eine Zigarette. Hilfreich wie er ist, liefert er die Temperaturen nicht nur in Fahrenheit, sondern auch gleich in Celsius! Das nenne ich Service! Die Tatsache, dass er seit einem Monat dieselbe Kleidung trägt sollte vermutlich niemandem Anlass zur Sorge geben.

Dazu hat er den experimentellen Kurzfilm ‚FIRE (POZAR)‘ zum ersten Mal im Internet veröffentlicht. Der entstand schon 2015 mit Bildern von Lynch, animiert Noriko Miyakawa und Musik von Marek Zebrowski.

Mit Zebrowski hat Lynch zum ersten Mal bei ‚Inland Empire‘ zusammengearbeitet. Lynchs Surrealismus arbeitete schon immer ebenso sehr mit Ton wie auf der visuellen Ebene. In dieser Zusammenarbeit sollte Zebrowski völlig frei auf Lynchs Bilder reagieren. Ein Experiment, das Lynch als „vollkommen gelungen“ bezeichnet. Stilistisch schließt es an Lynchs extrem experimentellen Frühwerke an, damals zumeist mit dem Tontechniker Alan Spelt, der 1994 verstorben ist.

Und schließlich hat er ein, für seine Verhältnisse erstaunlich offenes und umfassendes Interview gegeben.

Man kann dem Interviewer vermutlich eine gewisse überbordende Verehrung für seinen Gesprächspartner vorwerfen, aber er kriegt Lynch zum Reden.

Als kleiner Bonus ist hier noch Lynchs Video zur „Ice Bucket Challenge“ vor ein paar Jahren. Allerdings beantwortet das eher die Frage, was David Lynch so vor sechs Jahren gemacht hat.

Egal, es ist einer der unterhaltsameren Beiträge zu der Aktion.

Und damit habe ich die Frage „Was macht eigentlich David Lynch so?“ so umfassend wie mir möglich beantwortet. Habt einen guten Tag!

 

Isolationsfilme

Wisst Ihr vor wem ich wirklich Respekt habe? Jenem Ur-Bären, der eines Tages beschlossen hat „ich fress‘ mich jetzt voll bis nix mehr reingeht und dann hau‘ ich mich ein halbes Jahr zum Pennen hin“. Das nenne ich mal nachvollziehbare Evolution. Homo sapiens hat sich gegen diesen Schritt entschieden, eine Entscheidung mit der wir alle leben müssen. So konnten wir denn die letzten paar Wochen des Pandemie-erzwungenen Lockdowns nicht einfach verschlafen, sondern mussten stattdessen Filme schauen. Hier taten die plötzlich wieder pur das, was sie schon immer am besten konnten: Eskapismus liefern. Nicht nur können wir jeden Punkt der Erde besuchen, den wir uns vorstellen können, nein, wir können auch Mittelerde der Länge nach durchwandern. Bei Bedarf auch zweimal. Können uns Raumschlachten in fernen Galaxien liefern, oder von einem stachelig-schleimigen Irgendwas durch einen finsteren Raumfrachter gehetzt werden. Wenn wir denn wollen.

Spätestens das letztgenannte Beispiel gibt aber auch schon einen Hinweis darauf, dass der Film auch die Isolation auf beeindruckende Weise darstellen kann. Und zwar in vielerlei Nuancen, von denen ich einige hier nennen möchte. Natürlich soll das keine vollständige Liste der „Isolationsfilme“ sein, geht ja auch kaum. Im Gegenteil, ich würde mich darüber freuen, von Euch weitere Beispiele in den Kommentaren zu hören.

Also schön, fangen wir mal wieder mit einem Klassiker an. Einem Hitchcock, natürlich. In ‚Das Fenster zum Hof‘ (1954) wird der abenteuerlustige Fotojournalist Jeff Jefferies (James Stewart) durch ein gebrochenes Bein zur Selbstisolation in seinem Apartment gezwungen. Die Langeweile bekämpft er, indem er zum Voyeur wird und seine Nachbarn beobachtet. Und wir als Zuschauer gleich mit ihm. Alsbald ist er überzeugt, dass einer seiner Nachbarn seine Frau ermordet hat. Sicher, Jefferies hat den entscheidenden Nachteil sich lange vor Streaming-Services sein Bein zu brechen, andererseits hat Grace Kelly mir kein Champagner-Dinner vorbeigebracht, er hat also auch gewisse Vorteile. Doch den Konflikt zwischen womöglich überreizter Fantasie und der Überzeugung wirklich etwas gesehen zu haben und vor allem das letztlich Voyeuristische des Filmschauens arbeitet Hitchcock hier mustergültig heraus.

Noch blöder ist Isolation ja, wenn man aus dem Fenster gleich mal gar nichts sieht. Wie die Herren (und das sind die Charaktere durch die Bank) in John Carpenters Opus Magnum ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ (1982). Nicht nur ist vor dem Fenster Schneegestöber, schlimmer noch mit den Männern in der Forschungsstation drin, ist ein… „Ding“. Aus einer anderen Welt! Und es kann aussehen wie jeder der anderen. Oder vieleicht auch wie man selbst. Da hilft nur testen, testen, testen. Händewaschen leider nicht. Carpenter gelingt hier ein geradezu unglaublicher Spagat aus stetig anziehender Spannungs- und Paranoiaschraube, durchmischt mit exzessiv schmoddrigen Alien-Transformationsszenen. Auch wenn das bei Erscheinen keiner wahrhaben wollte und der Film auch im Kino ziemlich isoliert war…

Auch die Isolation mit der eigenen Familie hat so ihre Tücken, wie die Torrances merken, nachdem Familienvater Jack (Jack Nicholson) in Stanley Kubricks ‚Shining‘ (1980) die einsame Winteraufsicht über das abgelegene Overlook Hotel übernimmt. Nicht nur platzt das Hotel vor lauter Geistern (und schlimmer noch Geister-Zwillingen!) aus allen Nähten, es ist auch voll von der Art Teppichen und Tapeten, die nach den 70ern eigentlich hätten verboten werden sollen. Ach ja und Papa Jack zeigt immer mehr Anzeichen von redruM-Lust. Aber zum Glück gibt’s ja auch nen Hausmeister mit psychischen Fähigkeiten, allerdings erschreckender Abwehrschwäche gegen Baumfällwerkzeuge.

Naja, und wo wir eh gerade bei King-Verfilmungen sind in ‚Misery‘ wird James Caans erfolgreicher Autor von seinem „größten Fan“ (Kathy Bates) verletzt auf der Straße gefunden und unfreiwillig in ihrem Haus isoliert. Dort muss er einen neuen Roman seiner „Misery“-Serie verfassen. Arbeitsverweigerung geht böse auf die Beine. In der Isolation auch noch zu einer kreativen Arbeit gezwungen zu werden, die man nicht leisten möchte, das ist eine wahre Misere.

Doch was, wenn man kreativ arbeiten möchte und die Isolation soll einen genau davon abhalten? Dem iranischen Regisseur Jafar Panahi wurde von der iranischen Führung „Propaganda gegen die islamische Republik“ vorgeworfen. Dafür wurde er unter Hausarrest gestellt und ihm ein zwanzigjähriges Arbeitsverbot erteilt. Mit ‚Dies ist kein Film‘ (2011) schuf er allerdings genau einen solchen. Er filmt seinen Alltag in der Isolation, Telefongespräche, Abwaschen, Kuscheln (naja) mit dem Leguan seiner Tochter. Aber wir erleben auch seine Schöpfungswillen und seine kreative Frustration, wenn er Pläne für einen Film entwirft, den er nie wird drehen können. Er plant Szenen, spielt sie als Ein-Mann-Theater und stürmt zornig aus dem Raum, weil er es nie wird wirklich umsetzen können. Am Ende wird der Film, der keiner sein darf auf einem USB-Stick in einer Geburtstagstorte aus dem Land geschmuggelt.

In Alfonso Cuarons ‚Gravity‘ von 2013 strandet Sandra Bullocks Astronautin nach einer unerwarteten Kollision mit Weltraumschrott bei der Reparatur des Hubble-Teleskops ganz allein im Weltall. Das Perfide an der Situation ist, dass ihr Ziel die Erde die ganze Zeit überlebensgroß und doch völlig unerreichbar vor ihr hängt. Aber immerhin erscheint ihr gelegentlich George Clooney als mutmachender Buzz Lightyear-Verschnitt. Kein Grace Kelly-Champagner-Dinner, aber sicher auch nicht übel.

Und wem eine nahe Erdumlaufbahn noch nicht isoliert genug ist, der darf sich gerne auf den Mars begeben. Am besten in Ridley Scotts ‚Der Marsianer‘ (2015). Dieser Marsianer ist Matt Damons Mark Whatney, der hier nach einem Sturm gestrandet ist. Während er versucht aus einer miserablen Situation das Beste zu machen, zeigt sich auf der Erde, dass die Menschheit manchmal vielleicht doch zusammenkommen kann. Nach dem Film überlegt Ihr Euch möglicherweise, ob es nicht ein vielversprechendes Projekt wäre, Kartoffeln in Euren eigenen Exkrementen zu ziehen. Sollte das so sein, dann fragt einfach Eure Nachbarn. Die haben vermutlich einige Ideen, warum das doch gar nicht so toll ist. Am Ende seid womöglich sonst Ihr die endgültig Isolierten.

Okay, schließen wir mit einem kleinen Geheimtipp, über den ich zu meiner eigenen Überraschung offenbar noch nie auf meinem Blog geschrieben habe. In der neuseeländischen Horrorkomödie ‚Housebound‘ (2014), dem Erstlingswerk von Gerard Johnstone, wird die junge Kylie (Morgana O’Reilly) nach einem misslungenen Versuch einen Geldautomaten zu knacken zu Hausarrest verurteilt. Im Haus ihrer entfremdeten Mutter. Die teilt ihr alsbald mit, dass es in dem Haus spukt. Zuerst hält Kylie sie nur für noch etwas mehr eigen als sonst schon, doch es zeigt sich, dass wirklich seltsame Dinge vorgehen. Nun, Kylie lässt sich weder von ihren Eltern noch von der Polizei Vorschriften machen, da wird sie sich, wenn sie schon im Haus bleiben muss, sicher nicht irgendwelchen Geistern unterwerfen! Irgendwie müsste man doch auch denen auf die Fresse geben können…

Okay, jetzt seid Ihr dran. Erzählt mir von Euren liebsten Isolationsfilmen, auch wenn das nicht wirklich ein Genre ist!