Ich wünschte, ich würde Himbeeren lieber mögen

Hollywood ist eine unfassbar selbstverliebte Blase. Oft genug besoffen an der eigenen Bedeutung und angepriesenem künstlerischen Wert. Und nirgendwo zeigt sich dieser glitzernde Narzissmus deutlicher, als bei der Oscar-Verleihung. Wo ein Haufen Millionäre den eigenen Status abfeiern und gelegentlich Backpfeifen austeilen. Das einfache Volk, die Crew, hat natürlich auf dieser edlen Gala nix verloren, die bekommen ihre Preise anderswo und gewiss nicht im Fernsehen, will ja auch keiner sehen.

Es fällt schwer, die Oscars zu schauen und sich nicht zu wünschen, irgendwer würde sich groß und laut und fies darüber lustig machen. Den Korken aus der Blase ziehen und wenigstens mal ein bisschen der Luft volle Fürze, die nicht stinken dürfen, ablassen. Nun, seit 1980 gibt es das, wenigstens nominell. Film-Marketing Macher und Trailer-Cutter John J.B. Wilson bemerkte, wie viele Filme, für die er Trailer machte, er eigentlich ganz furchtbar fand. Und so fand auf einer privaten Party, während der Oscar Verleihung, die erste Verleihung der „Golden Raspberry“ statt. Heute gibt es eine „Golden Raspberry Award Organization“, der man für eine Gebühr beitritt und dann über Nominierte und letztlich Gewinner abstimmen darf. Sie zählt über 1000 Mitglieder aus 19 Ländern. Die Himbeeren sind nach dem englischen Ausdruck „to blow a raspberry“, also ein Furzgeräusch mit der Zunge zu machen, benannt.

Und von Anfang an waren sie umstritten. Ob das nun daran liegt, dass sie von Anfang an schlecht waren, oder doch daran, dass getroffene Hunde bellen, darüber darf man trefflich streiten. So gab es Artikel, die den „Razzies“ vorwarfen, sich nur auf bekannte Filme einzuschießen und auf die richtig schlechten gar nicht einzugehen. Ich glaube, das heißt den satirischen Anspruch des Preises komplett zu missverstehen. Es geht doch nicht darum, sich über eine 2000 Dollar billigst-Produktion, die kein Mensch gesehen hat, lustig zu machen, weil deren Ausleuchtung furchtbar ist. Natürlich ist sie das! Interessiert aber niemanden. Es geht darum, der absoluten Selbstverliebtheit einen Spiegel vorzuhalten. Auf die Absurditäten des Filmbusiness hinzuweisen. Und Spaß auf die Kosten von Stars zu haben. Alles völlig hehre Ansprüche.

Eine andere Kritik trifft da dann schon eher ins Mark. Nämlich die, dass sich die Razzies allzu oft die ohnehin schon leichten Ziele herauspicken. Die Filme, über die sich ohnehin schon alle lustig gemacht haben. So sind dieses Jahr selbstverständlich ‚Morbius‘ und Disneys ‚Pinocchio‘-Remake in mehreren Kategorien nominiert. Aber ich vermute, das lässt sich einfach nicht vermeiden. Genauso wie es „Oscar-bait“ Filme gibt, also solche, die maßgeschneidert wurden, um Oscarnominierungen zu erhalten, gibt es auch „Razzie-bait“ Filme. Also solche, die so absurd, oder albern sind, dass die Razzie Organization (deren Mitglieder die Filme genauso wenig gesehen haben müssen, wie die der Academy) sie quasi nominieren muss. Aber das sind natürlich genau die Filme, die schon während ihrer Laufzeit auf Sozialen Medien durchgewalkt werden, bis nichts mehr von ihnen übrig ist, außer eine Handvoll rapide alternder Memes. Was die Razzies dann gerne müde und altmodisch und der Zeit hinterher wirken lässt.

Und daher, so scheint es wenigstens, hat man bei den Razzies nun einen Plan gefasst wieder mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Richtig schlechte Presse. Was für die Oscars die Smith Ohrfeige war, sind für die Razzies fragwürdige Nominierungen. Im letzten Jahr etwa, haben die Razzies eine eigene Kategorie für die schlechteste Bruce Willis Performance eingerichtet. Willis erschien zuletzt in zahlreichen, kleinen Rollen in Billigproduktionen. Die Razzies haben diese Nominierung schnell zurückgezogen, nachdem Willis Familie bekanntgegeben hat, dass der Darsteller an Aphasie leide und noch möglichst viele Rollen vor seinem Karriere-Ende absolvieren wollte. Ich würde behaupten, es reicht einen 2 Minuten Ausschnitt aus irgendeinem der Filme zu sehen, um zu ahnen, dass mit Willis irgendwas so gar nicht stimmt. Aber wie dem auch sei, die Razzies haben es offenbar nicht bemerkt, wollten aber, als sie es erfuhren, niemandem mit einer kognitiven Erkrankung einen Hohnpreis verleihen und zogen die Kategorie und Nominierungen zurück. Richtig so.

Dann müssen sie sich aber fragen lassen, warum sie in diesem Jahr einen Kopfsprung in eine noch weit größere Fettwanne probieren. Mit Willis hat man immerhin einen Schauspieler mit langjähriger Erfahrung aufs Korn genommen. Einen Star, der es, unter üblichen Umständen, absolut vertragen könnte, hier ein wenig verarscht zu werden und in der Lage wäre darauf zu reagieren. Aber dieses Jahr meinte man nun, die 12jährige Ryan Kiera Armstrong für ihre Rolle im ‚Firestarter‘ Remake (während der Dreharbeiten war sie 11) nominieren zu müssen. Darüber ist viel geschrieben worden und ich mag gar nicht viel dazu sagen. Erwachsene, die meinen sich über Kinder lustig machen zu müssen, kann ich eigentlich bloß als erbärmlich beschreiben. Zuletzt war es übrigens der damals ebenfalls 11jährige Jake Lloyd, der 1999 für ‚Star Wars Episode I‘ nominiert war. Das war erbärmlich und diese Nominierung ist es auch. Teil des Spaßes ist doch die Reaktion der Nominierten/Gewinner. Sei es ein Paul Verhoeven oder Halle Berry, die lachend ihre Preise entgegennehmen, oder ein Sylvester Stallone, der mit fußstampfendem Zorn reagiert. Wie viel Humor kann man aus der Reaktion eines traurigen Kindes ziehen, wenn man nicht gerade ein sadistischer Schulhof-Bully ist? 

Und dabei deuten die Razzies ja durchaus an, dass sie es besser können. In der Kategorie „Worst Screen Combo“ sind dieses Jahr einige lustige Kombo-Nominierungen zu finden. ‚Blonde‘ Regisseur Andrew Dominik und „seine Probleme mit Frauen“ etwa. Oder Tom Hanks und „sein Latex verklebtes Gesicht (und fragwürdiger Akzent)“ aus ‚Elvis‘. Siehste, ich fand Hanks‘ Darstellung in ‚Elvis‘ gut, finde aber diese Nominierung ebenso gut, denn bei Lichte betrachtet ist seine Darstellung selbstverständlich absurd. So absurd wie das ganze Business. Und das Schöne ist, sollte Hanks gewinnen kann man sogar von einer humorvollen Reaktion ausgehen.

Ich wünschte, genau hier würden sich die Razzies mehr trauen. Wilder sein, absurder. Denkt Euch halt jedes Jahr neue Kategorien aus, um Stars und Filme zu nominieren. Hollywood braucht eine Art anti-Oscars, aber es wäre halt schön, wenn diese anti-Oscars besser wären als die reichlich lahmen Razzies, die mit provokativen Nominierungen um genervte Aufmerksamkeit haschen müssen. Prrrrrrrrrrrrtttt!!!

Update: die Nominierung von Armstrong wurde zurückgezogen und ein Mindestalter von 18 Jahren für die Nominierung eingeführt. Man darf gespannt sein, welchen Fettnapf das nächste Jahr für die Razzies bereithält.

PPS: aber mal ernsthaft, Himbeeren sind schon unter den nicht so tollen Beeren, oder? Erd-, Heidel-, Brom- sind allesamt bessere Beeren. Himbeeren sind in etwa auf Stachelbeerenniveau! Einer muss es ja mal sagen!

Wie viel Cinematic Universe ist zu viel Cinematic Universe?

Ich habe das gesamte letzte Jahr und einen guten Teil der Jahre zuvor keinen MCU Film mehr geschaut. Das war gar keine bewusste Entscheidung, das hat sich einfach so ergeben. Das hat sich erst vor Kurzem geändert, als ich ‚Spider-Man: No Way Home‘ nachgeholt habe. Als alter Spidey Fan war ich da durchaus neugierig drauf. Wie ich den Film an sich fand, lest Ihr hier demnächst in der Besprechung. Heute aber soll es mir um etwas ganz anderes gehen. Ich habe mich als Zuschauer vom neuen ‚Spider-Man‘ wieder gefühlt wie früher als Leser von Superheldencomics. Und das meine ich nicht unbedingt positiv.

Wenn man, wie ich, in den frühen 90ern zum ersten Mal ein Spider-Man Heft aufschlägt (das gilt aber vermutlich zu jeder Zeit und bei jedem Helden, der auf genug Historie zurückblicken kann), dann kann man sich zunächst einmal ein wenig erschlagen fühlen. Da ist also Peter Parker, verheiratet mit Mary Jane Watson, ein gigantischer Freundeskreis, der sich teilweise mit den Comicschurken überschneidet. Harry Osborn etwa ist Peters bester Freund, wenn er nicht gerade eine psychotische Phase als neuer, Grüner Goblin durchlebt, eine Rolle, die er von seinem Vater geerbt hat. Und Ned Leeds war womöglich einmal der Hobgoblin (nicht zu verwechseln mit dem grünen, aber er nutzt dieselbe Technik), oder aber er wurde mit falschen Erinnerungen ausgestattet, die ihn glauben lassen, er wäre mal der Hobgoblin gewesen. Fangen wir gar nicht erst vom Halbbruder von Liz Allen an, der der Molten Man ist. Dann sind da die vielen anderen Schurken, die einfach bloß Schurken sind, J.Jonah Jameson und die ganze Bugle Crew und ein ganzes Universum anderer Helden. Allerlei Fußnoten versuchen Ordnung ins Chaos zu bringen, aber stets indem auf andere Publikationen verwiesen wird, wo man die Infos finden kann.

Mit zwölf Jahren fand ich das ganz super. Dieses Gefühl, dass da ein ganzes Universum ist, das man sich selber langsam erschließt. Wo man nach einigen Jahren sagen kann, „ah ja, Silver Sable, die kenn ich natürlich“ und nicht mehr wie der Ochs vorm symkarischen Berg steht (Silvia Sablinova stammt, natürlich, aus dem osteuropäischen Staat Symkarien). Fast als wäre man Mitglied bei den Freimaurern und kennt endlich den geheimen Handschlag. Mit 30 Jahren mehr auf der Uhr, hatte ich dieses Gefühl jetzt wieder bei Spider-Man. Habe dann aber hinterher mal drüber nachgedacht, wo der überall seine kleinen Hinweisfußnoten gebraucht hätte.

Man sollte natürlich ‚The First Avenger: Civil War‘ kennen, wo Tom Hollands Spider-Man eingeführt wurde. Dann die zwei bisherigen MCU Spider-Man Filme. Alles klar soweit. Aber für deren Verständnis müsste man eigentlich auch ‚Infinity War‘ und ‚Endgame‘ kennen. Und für deren Verständnis sind eigentlich mindestens die vorherigen beiden Avengers Filme  notwendig. Auf die ganzen Origins verzichten wir mal großzügig. Das wär‘s aus dem MCU.

Pflicht sind auch die ersten beiden Raimi Spider-Mans, den dritten darf man sich sparen. Für dieses Gedankenexperiment und allgemein. Die beiden ‚Amazing Spider-Man‘ Filme sollte man ebenfalls geschaut haben, womit wird dann bei den echt schweren Hausaufgaben angekommen wären. Will man jede Anspielung mitnehmen sollte man aber auch ‚Spider-Man: A New Universe‘ und wenigstens den ersten ‚Venom‘ Film kennen. Und die ‚Daredevil‘ TV Serie. Aber die letzten drei sind eher Kür als Pflicht.

Macht elf Filme, die man kennen sollte, will man das Meiste aus ‚No Way Home‘ herausholen. Fast 24 Stunden „Hausaufgaben“. Das ist eine Hyperverknüpfung, die mir wahnwitzig erscheint. Stellt Euch mal vor, in 40 Jahren fragt Euch Euer Enkel, wie das damals mit diesen Superheldenfilmen war und welchen Ihr empfehlen würdet. Egal wie sehr Ihr ‚No Way Home‘ schätzt, es wäre unmöglich den zu empfehlen, weil da ein absurder Spinnenfaden an Zeugs dranhängt.

Ich verstehe selbstverständlich, warum das so ist. Es war ja genau diese comichafte Verknüpfung des Cinematic Universe, die den Charme von Marvelfilmen ausmachte.  Es wirkte wie ein Zaubertrick, dass der erste ‚Avengers‘ nicht platt aufs Gesicht fiel. Den meisten anderen, die versucht haben das zu emulieren, ist denn auch genau das passiert. Aber hier und jetzt sehe ich die Verknüpfung zum Problem werden. Vor allem, wenn jetzt, Disney+ sei Dank, auch noch TV Serien zum wichtigen Kanon werden. Ich beende meine Besprechung von ‚No Way Home‘ mit der vorsichtigen Frage, ob ich den neuen Doctor Strange einfach so schauen „darf“, oder ob ‚WandaVision‘ hier „Pflicht“ ist.

Wir sind nun langsam aber sicher an der Schwelle an der auch Superheldencomics immer mehr scheitern. Die Schwelle für den Einstieg wird höher und höher. Wie gesagt, mit 12 hatte ich Lust mir das zu erarbeiten. Aber ich hatte auch ein weit geringeres Medienangebot, als das heute der Fall ist. Die Verknüpfungen könnten alsbald zum echten Ballast werden. Und im schlimmsten Fall dafür sorgen, das nicht nur eine Reihe die Gunst des Publikums verliert, sondern, eben weil alles so verschachtelt ist, gleich das MCU an sich. Klar, die Hardcorefans lieben es, aber die sind kaum genug, um die Comics am Leben zu halten, für die Filme werden sie nie reichen.

Die Comics reagieren auf den Geschichtenwust mit Rücksetz-Events, die die Kontinuität für Einsteiger quasi auf null zurücksetzen. DC waren die ersten, Mitte der 80er mit ihrer ‚Crisis on Infinite Earths‘, was sich wie ein erstaunlich aktueller Superheldenfilm-Titel liest. Werden solche Rücksetz-Events nun bald auch für die Filme notwendig? Ich vermute, solange das Geschäft noch läuft, wird man das als überflüssig ansehen. Andererseits ist Kevin Feige Comicfan genug, dass er das Problem wohl kaum übersehen kann. Anderer-Andererseits stellt sich das Problem natürlich nie, wenn man brav alles schaut. Aber selbst wenn es sie gäbe, verprellt man damit natürlich auch direkt wieder alte Fans und ein paar Jahre später ist, zumindest in den Comics, alles wieder verwirrender als je zu vor.

Ich will hier aber auch gar keine Zukunft vorhersagen, ich wollte einfach nur eine Beobachtung teilen, die den Rahmen der ‚No Way Home‘ Besprechung komplett gesprengt hätte.

Newslichter Ausgabe 223: Trailerklage und Silvesterprequel

Willkommen bei Ausgabe 223 des Newslichters. Frohes Neues, Euch allen! Das sage ich so leicht, aaaber Moment: Jeder braucht doch heutzutage eine Verschwörungstheorie, der er allergrößten Glauben schenkt. So etwas generiert Klicks, Diskussion und wirkt schlicht weltmännisch. Hier also ist meine Verschwörungstheorie: das Jahr 2023 ist fake! Erfunden von Big Calendar, um die einbrechenden Umsätze aufzufangen. Dieser Newslichter erscheint folglich am 36. Dezember 2022. Glaubt nicht den Einträgen von wordpress, auch die sind bereits unterlaufen! Aber obwohl das Jahr fake ist (wie jeder weiß!), geschehen dennoch Dinge und erscheinen News. Wenden wir uns also denen zu!

Was darf ein Trailer?

Die USA haben einen Ruf als klagefreudiges Land. Für jeden Blödsinn, so hört man häufiger, könne man dort Firmen vor Gericht zerren und gigantische Summen herausschlagen. In meiner (juristisch weitgehend ungebildeten) Beobachtung ist die Wahrheit eine Mischung aus tatsächlicher Aussicht auf hohen Schadensersatz, aber oftmals auch einfach miserablem Verbraucherschutz, der derartige Klagen notwendig macht. Für mich stand es jedoch außer Frage in welche Kategorie die beiden Herren fallen, die letztes Jahr Universal verklagt hatten. Sie hatten für jeweils 3,99 Dollar den Film ‚Yesterday‘ bei Amazon geliehen. Sie taten dies, laut eigener Aussage, weil ein früher Trailer Ana de Armas in einer Hauptrolle versprach. Doch im fertigen Film kommt de Armas quasi gar nicht vor. Nun fordern sie 5 Millionen Dollar Schadensersatz von Universal, für irreführende Werbung. „Hoher Schadensersatz“, in der Tat!

Spätestens diese Höhe der Forderung zog das Ganze für mich ins Lächerliche. Doch nun ist teilweise zu lesen, dass die Männer Recht bekämen und Hollywood Trailer als Ganzes in Gefahr seien. Soweit ist es aber noch lange nicht. Universal hatte der Klage grundsätzlich widersprochen. Sagte, Trailer seien eine eigene Kunstform und eben nicht primär Werbung. Doch hier folgte der Richter den Klägern. Trailer sind seiner Einschätzung nach vor allem Reklame und fallen damit unter die Gesetzgebung für irreführende Werbung. Über die Erfolgsaussichten der eigentlichen Klage sagt das jedoch noch gar nichts aus. Denn das Gericht betont auch, dass es sich um Fälle handeln müsse, in denen eine signifikante Zahl vernünftiger Konsumenten getäuscht werden könnte.

Darüber wird im vorliegenden Fall zu entscheiden sein. Und auch das wäre eine Entscheidung, die nur für Darsteller oder Szenen in Trailern, die im fertigen Film gar nicht vorkommen bedeutsam wäre. Aber ich kann schon verstehen, warum das die Studios ein wenig umtreibt. Oft genug machen die Filmemacher die Trailer gar nicht selbst. Mangelnde Kommunikation kann hier schnell zu „falschen“ Trailern führen. Auch werden Trailer oft genug gemacht, lange bevor die endgültige Schnittfassung des Films steht. Wie im vorliegenden Fall kann das Gezeigte also zum Zeitpunkt eines frühen Trailers völlig korrekt sein, sich aber zum fertigen Film komplett ändern. Sollten die Kläger ihre fünf Millionen bekommen, und nicht einfach ihre vier Dollar zurück, dann dürfte das wohl Konsequenzen haben. Wenn auch vermutlich nur ein kleingedruckter Hinweis, rechts unten im Trailerbild, dass gezeigte Szenen so nicht unbedingt im Film vorkommen müssen. Fraglich auch, was mit Trailern wäre, die gar keine Szenen aus dem eigentlichen Film zeigen. Aber das ist ohnehin erst einmal Zukunftsmusik.

Happy new year, Ms. Sophie

Prequels. Ich mag sie ja nicht sonderlich. Meistens sind sie purer Fanservice, der Fragen beantwortet, die entweder keiner Antwort bedurft hätten, oder die niemand gestellt hat. Allzu oft lassen sie ein Universum zusammenschnurren, auf einen viel zu engen Fokus. Natürlich gibt es auch gute Prequels, aber die meisten sind fast noch überflüssiger als die üblichen „mehr vom Gleichen“ Sequels. Wenn ich eine Liste machen sollte, mit Dingen, die definitiv kein Prequel benötigen, dann würde ‚Dinner For One‘ dort nicht auftauchen. Weil mir gar nicht einfiele, dass jemand auf die Idee kommen könnte, uns hier eine große Vorgeschichte zu präsentieren. Freddie Frintons und May Wardens Sketch sagt in 18 Minuten alles was er zu sagen hat. Und für die meisten von uns tut er das ein Mal im Jahr, zu Silvester. Hat sich ernsthaft irgendjemand jemals gefragt, was wohl die tiefe Vorgeschichte von Admiral von Schneider sein könnte? Ich kann es mir kaum vorstellen. Sei das wie es will, wir bekommen eine deutsche Prequel Serie. Geschrieben unter anderen, von Tommy Wosch. 50 Jahre vor dem Sketch soll sie spielen und Miss Sophie gelobt denjenigen ihrer vier Verehrer zu heiraten, der ihr das Schönste Geschenk zu ihrem vierzigsten Geburtstag überreicht. Doch in Wahrheit liebt se James, den Sohn des Butlers. Ob wir wohl erfahren, wo das Tigerfell herkommt? Ich hoffe doch, wir erfahren wo das Tigerfell herkommt, aber vielleicht kommt das auch erst in Staffel 2 vor. Haha, ich freu mich schon, wenn Mr. Winterbottom Ms. Sophie „Nicest Little Woman“ nennt, das wird sooo toll!!! Und der letzte Dialog muss sich natürlich um die „same procedure“ drehen, mannoman, ich lach jetzt schon als hätt ich zu viele Berliner gefressen!!! Freddie Frinton galt, als aktiver Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg, nie als großer Freund der Deutschen. So weigerte er sich, seinen Sketch auf Deutsch aufzuführen. Irgendetwas lässt mich vermuten, diese Serie hätte ihn in seinem negativen Eindruck bestätigt. Aber vielleicht bin ich auch bloß ein alter Griesgram.

Wir sehen uns nächste Woche wieder. Mal sehen, ob ich mich dann noch an meine Kalenderverschwörung erinnere… 

Guten Rutsch und wie die Filmlichtung dieses Jahr so lief

Bringen wir das Unangenehme lieber direkt aus dem Weg. In Zahlen ausgedrückt kann man die Situation der Filmlichtung in diesem Jahr mit „desaströs“ ganz gut beschreiben. Das schlägt sich gar nicht mal so sehr in Aufrufen nieder, die und Besucherzahlen sind, nach der Stagnation im letzten Jahr, nur um ein paar Prozent zurückgegangen.

Was natürlich nicht gut ist, aber geradezu traumhaft, wenn man es mit der Entwicklung von Likes und Kommentaren vergleicht. Die sind beide um ein gutes Drittel zurückgegangen und setzen damit eine abwärtige Entwicklung fort.

Was bedeutet das? Nun, offensichtlich, dass weniger Leute mit wordpress Account meinen Blog lesen, und/oder weniger kommentieren/liken. Vermutlich eine Mischung aus beidem. Den deutlichen Rückgang an aktiven Blogs kann man problemlos beobachten, dazu kommt, dass auch ich selbst weniger kommentiere als früher. Und auch weniger lese, wenn ich ehrlich bin. Das wird anderen vermutlich ähnlich gehen.

Was ändert sich damit im neuen Jahr für mich und, viel wichtiger noch, für Euch als Leser? Tja, der einzig logische Schritt ist natürlich der in die Zukunft. Ein Podcast muss her. Aber nicht über Filme, das interesseiert doch keinen, nein, True Crime ist IN. Ich habe aber bloß Ahnung von Filmen, also was tun? Oh ich weiß, ich mache einen True Crime Podcast über das eine Mal, als ich mich im Multiplex noch in einen zweiten Film geschlichen habe! Muss nur sehen, wie viele Folgen ich daraus klöppeln kann. Für ein gutes Dutzend müsste es reichen.

Nein, ernsthaft, es ändert sich erst mal gar nix. Denn ehrlich gesagt hatte ich dieses Jahr mehr Spaß am Schreiben als in den letzten Jahren. Mir selber den Druck zu nehmen, jeden Samstag irgendwas Schlaues zu schreiben war die beste Entscheidung. Mit Rezensionen war ich der Veröffentlichung dieses Jahr teilweise zwei Monate voraus, einfach weil ich so viel Spaß am Schreiben hatte. Auch die News gingen mir gefühlt mit mehr Verve von der Tastatur. Die 5 Besten sind eine stetige Konstante, aber die sind ja nicht wirklich Arbeit für die Teilnehmer, sondern für Gina, die sich allwöchentlich neue Themen ausdenkt und dieses Jahr sogar daran gearbeitet hat, die Teilnahme noch komfortabler zu machen! Großen Dank an dieser Stelle dafür.

Bleibt mir nur noch, Euch einen guten Rutsch ins neue Jahr zu wünschen und mich zu bedanken, dass Ihr als Leser/Liker/Kommentierer treu geblieben seid. Dieser Club wird immer exklusiver! Nicht unbedingt besser, aber exklusiver! Ob Böller, Bleigießen oder Bowle, kommt gut rüber und passt auf Euch auf!

Frohe Festtage von der Filmlichtung

Ein weiteres Jahr neigt sich steil dem Ende entgegen und Weihnachten ist hier. Ganz egal, ob Ihr Weihnachten feiert, oder Jul, oder Chanukka, oder Yalda, oder Saturnalien, oder etwas ganz anderes, oder eben vielleicht auch gar nix, möchte ich Euch ein paar geruhsame und erholsame Tage wünschen.

Auf das Ihr von Menschen umgeben seid, die Ihr liebt, esst und trinkt, was Ihr mögt und vielleicht den ein oder anderen Film schaut, der zu der Zeit passt. ‚Stirb Langsam‘, zum Beispiel. Oder auch ‚Batmans Rückkehr‘, falls der zu offensichtlich ist. Oder den wunderbaren ‚Der Löwe im Winter‘. Oder natürlich ‚Die Muppets Weihnachtsgeschichte‘, der auf Disney+ nun wohl endlich wieder komplett vorliegt, nachdem jahrelang der Song „When love is gone“ herausgekürzt war, weil Jeffrey Katzenberg überzeugt war, der sei zu traurig für Kinder (aber Tiny Tim durfte immer noch sterben, mitsamt Kameraschwenk auf seinen leeren Stuhl mit Schal, Mütze und Krücke, weil das ja nicht traurig ist…).

Aber es ist ja nicht so, als gäbe es an Weihnachtsfilmen irgendeine Art von Mangel. Eher das genaue Gegenteil.

Berichte über den Zustand des Blogs gibt es nächsten Samstag. Dann bin ich wahrscheinlich schon angetrunken und kann die arg niedrigen Zahlen besser ertragen. Bis dahin lasst uns froh und munter sein!

‚Elvis‘ (2022) – „This ain’t no nostalgia show!“

Elvis. Das ist wohl ein Name, mit dem jeder von uns irgendeine Assoziation verbindet. Und das obwohl Elvis Presleys kulturelle Bedeutung in den letzten Jahren erheblich zurückgegangen scheint. Manche sehen ihn fraglos als den „King of Rock n Roll“, der mit Rhythmus und Hüftschwung der populären Musik des 20ten Jahrhunderts den nötigen Karate-Tritt in den Hintern gegeben hat. Andere mögen ihn als Weißen sehen, der sich die Musik von Afroamerikanern angeeignet hat und aufgrund seiner Hautfarbe zum lukrativen Erfolg führen konnte. Vielleicht aber erinnert man sich vor allem an den nuschelnden Las Vegas Elvis, aufgedunsen in zu engen Jumpsuits. Vorbild für zahllose Imitatoren, noch in den 90ern in allerlei Supermärkten gesichtet, weil er nicht wirklich gestorben sei, und auf Toastscheiben erschienen. Kurz ein Symbolbild für eine spezifisch amerikanische Form unangenehm grellstem Kitsch. All diese Assoziationen sind irgendwo zutreffend. Und Baz Luhrman hat sie nun allesamt, erstaunlich erfolgreich, in einen reichlich wilden Film gezwängt.

Erzähler des Films ist Elvis‘ Manager, „Colonel Tom Parker“ (Tom Hanks), 1997 auf seinem Totenbett nach einem Schlaganfall. Ein schlitzohriger Betrüger (der weder Colonel war, noch Tom oder Parker hieß), der seine Anfänge auf der Kirmes hatte, später aber ins Musikmanagement wechselte. Er berichtet, wie er Elvis (Austin Butler) Mitte der 50er beim „Louisiana Hayride“ entdeckte und sofort exklusiv unter Vertrag nahm. Wie Elvis ob seiner afroamerikanischen Einflüsse und seiner aufreizenden Beckenbewegungen im amerikanischen Süden schnell zum Skandal und Politikum wurde und gar eine Verhaftung nicht auszuschließen war. Wie es Parker nicht gelang, Elvis unter Kontrolle zu bringen. Wie er Elvis stattdessen für 2 Jahre zum Militär schickte (nach Westdeutschland, wo er Priscilla Beaulieu (Olivia Dejonge), seine zukünftige Frau traf) und so zum „all american boy“ werden sollte, bevor Parker ihn in allerlei Hollywoodfilmen unterbrachte. Wie die Popkultur Elvis in den 60ern hinter sich ließ, bis zum berühmten Comeback Special 1968, welches komplett Parkers Vorstellungen entgegenlief. Nicht nur weil Elvis zu seinen alten Beckenschwüngen zurückkehrte, sondern weil er, nach den Morden an Martin Luther King und Bob Kennedy, auch eine politische Botschaft vermitteln wollte. Alles Dinge, die Sponsoren und damit Parkers Verdienst im Weg standen. Mit dem erneuten Erfolg kam auch ein alter Traum von Elvis wieder auf: eine Welttournee. Doch das konnte Parker nicht zulassen. Denn er selbst war ein illegaler Einwanderer (Andreas van Kuijk, aus den Niederlanden) und konnte so die USA nicht verlassen, aus Angst nicht zurück ins Land zu können. Und Elvis allein ziehen zu lassen, hieße seine Kontrolle über ihn zu verlieren. Und so endete Elvis in der Knochenmühle der jahrelangen, allnächtlichen Las Vegas-Auftritte, die ihn letztlich zerstören würden.

Der puren Beschreibung nach tut Baz Luhrmanns Film genau das, was ich bei Musiker-Biopics nicht ausstehen kann. Beschreibt Elvis komplette Karriere, nein, sein komplettes Leben, vom armen Jungen aus der einzigen weißen Familie im schwarzen Viertel von Tupelo bis hin zu seinem letzten, schon tragischen Auftritt in las Vegas. Aber der Film hat einen steten, scharfen Fokus, durch den er Elvis‘ Leben betrachtet: seine Beziehung zu Col. Tom Parker.

So erinnert der Film mich ein wenig an Milos Formans ‚Amadeus‘. War es dort Mozarts arger Rivale Salieri, der die Geschichte des Musikers nachzeichnete, ist es hier der an Musik vollständig desinteressierte, rein auf sein Geld bedachte Parker, der uns von Elvis berichtet. Luhrman verschiebt das Bild von Genie gegen Durchschnitt, hin zu Künstler gegen die Personifikation des Kommerz. Und ähnlich wie ‚Amadeus‘ erlaubt sich auch ‚Elvis‘ allerlei erzählerische Freiheiten. Nein, Parker hat Elvis vermutlich nicht auf einem Riesenrad seinen Management-Vertrag aufgeschwatzt. Aber es verdeutlicht halt seine Wurzeln als Jahrmarktschreier und das stetige auf und ab der Beziehung zwischen den beiden Männern.

Vor allem aber ist es visuell interessant. Und da wir uns hier in einem Baz Luhrmann Film befinden, hat das ohnehin Vorrang vor allem anderen. Und er schlägt hier durchaus wilde Kapriolen. Da wird ein Auszug aus Elvis Leben in Comic Panels präsentiert, weil Elvis als Kind ein großer Fan von ‚Captain Marvel‘ (alias ‚Shazam‘) war. Wir sehen ein Konzert fast ausschließlich als Fotografien der „Vice Squad“, die Elvis‘ Jugendgefährdung dokumentieren will. Oder wir sehen eine ganze Sequenz im Stile von Elvis billigen Hollywoodfilmen. Ein Film, der ansonsten womöglich drohte episodenhaft zu werden, hat mich so durch seine 2 ½ Stunden Laufzeit gezogen, fast ohne, dass ich das gemerkt hätte.

In stets interessant inszenierten Szenen zeigt er Elvis Inspiration durch afroamerikanische Musik und macht fast beiläufig deutlich, wie wichtig seine Hautfarbe für seinen Erfolg war. Hervorheben möchte ich hier einen tollen Auftritt von Alton Mason als jungem Little Richard. Sein Auftreten als erster „gefährlicher“ Popstar (Punk ginge mir dann doch zu weit) der USA. Ausgerechnet als Südstaatler, der immer wieder Segregationsgesetze missachtete, der die schwarze Gemeinde respektierte und im Gegenzug von ihr respektiert wurde. Parker ist stets bemüht ihn in finanziell sicheres Fahrwasser zu lenken. Der Film postuliert, dass Elvis immer dann erfolgreich war, wenn er selbst Kontrolle über seine Karriere hatte und stagnierte, sobald Parker die Kontrolle übernahm. Am Ende eben mit fatalen Auswirkungen. Inwiefern das gegenüber Parker fair oder unfair ist, kann ich schwer beurteilen, soweit geht mein Wissen über Elvis nicht. Der „böse Manager“ ist seinerseits natürlich eine Standardfigur des Musiker-Biopics, doch so wie ‚Amadeus‘ die (angebliche) Rivalität zwischen zwei Künstlern auf ein neues Niveau gehievt hat, so gelingt es Luhrmann hier mit der symbiotisch/parasitären Beziehung zwischen Künstler und Manager.

Und ganz wichtig dafür sind selbstverständlich die Darsteller. Das jemand „geboren ist, um eine Rolle zu spielen“ ist natürlich ein dummes Klischee. Aber bei Austin Butler muss man es fast sagen. Optisch ist er dem jungen Elvis beinahe unheimlich ähnlich. Akustisch auch, wurde für die Auftritte von Elvis als jungem Mann im Film doch tatsächlich Butlers Gesang verwendet. Für die späteren dann originale Elvis Aufnahmen. Viel wichtiger als die Ähnlichkeit scheint mir hingegen sein Spiel. Es dürfte sehr schwer sein Elvis und seine zahllosen Manierismen einzufangen, ohne dabei in die Parodie zu verfallen. Und so ist das größte Lob, das ich Butler aussprechen kann, dass sich seine Darstellung in jedem Moment authentisch anfühlt. Das ist nicht leicht bei einem derartigen Charakter und vermutlich noch einmal schwerer in einem derart visuell wilden Film (wirke ich allzu sehr wie ein Nerd, wenn ich sage, dass ich sehr auf seinen Feyd Rautha im zweiten ‚Dune‘ gespannt bin?). Ihm gegenüber steht Tom Hanks, gegen seinen üblichen Typ besetzt als zwielichtiger Manager. Er spielt ihn mit einem Akzent, der für mich nicht sonderlich niederländisch klingt, sondern mich eher an Bela Lugosis Dracula erinnert. Dazu spielt er unter einer erheblichen Maske, die die meiste Zeit sehr gut funktioniert, wenn sie es aber nicht tut, bei mir Assoziationen zum „Fat Bastard“ aus den ‚Austin Powers‘ Filmen weckt. Ich weiß nicht wie, aber Tom Hanks lässt es funktionieren. Tatsächlich ist der Film immer dann am besten, wenn Elvis und Parker interagieren. Ihre Beziehung wirkt komplex, kompliziert und nicht unbedingt gesund, aber auf jeden Fall spannend.

Ich gebe zu, meistens kann ich mit Baz Luhrmanns maximalistischen Stil nicht wahnsinnig viel anfangen. ‚Elvis‘ aber fand ich nichts weniger als grandios. Womöglich braucht es einen gewissen Maximalismus, um die Geschichte eines der größten Solokünstlers der Popkultur und seiner gewaltigen Ambitionen und seines gewaltigen Hungers zu erzählen. Vor allem aber wirkt es nicht wie ein nostalgisch verbrämter Rückblick, sondern zu jeder Zeit erstaunlich aktuell. Was für ein Film!