Zum Tode David Warners

Der britische Darsteller David Warner starb am 24.07.2022, 5 Tage vor seinem 81sten Geburtstag, an den Folgen einer Krebserkrankung. Seine letzten Jahre verbrachte er in Denville Hall, einem Pflegeheim für Schauspielerinnen und Schauspieler in London.

Geboren wurde er am 29.07.1941 in Manchester. Mit 19 Jahren gab er sein professionelles Bühnendebüt, mit 21 trat er der Royal Shakespeare Company bei. Und mit 22 Jahren gab er sein Filmdebüt. Einem deutschen Publikum dürfte er spätestens 1969 aufgefallen sein, als Volker Schlöndorff ihn als seinen ‚Michael Kohlhaas‘ besetzte, Kleists „rechtschaffensten und entsetzlichsten Menschen“. Nach einer verrissenen Aufführung von ‚Ich, Claudius‘ 1973 entwickelte Warner Lampenfieber und wandte sich voll dem Film, Fernsehen und Hörspiel zu. Zum Theater würde er erst 2005 zurückkehren.

Ohne ihn auf diese reduzieren zu wollen, zeichnete sich Warner doch fraglos durch seine Schurkenrollen aus. In Nicholas Meyers ‚Flucht in die Zukunft‘ gab er 1979 einen zeitreisenden Jack The Ripper. In ‚Tron‘ war er das Master Control Program und in ‚Time Bandits‘ schlicht „das Böse“. Und ich oute mich mal wieder als Nerd, wenn ich erwähne, dass er mir als Stimme von Widersacher Joneleth Irenicus aus dem Computerrollenspiel ‚Baldurs Gate 2‘ in Erinnerung ist. Auch in seinem kommerziell wohl erfolgreichsten Film, James Camerons ‚Titanic‘ war er ein Bösewicht. Ein Handlanger von Billy Zanes Charakter mit dem wunderbaren Namen Spicer Lovejoy. Das war übrigens das zweite Mal, dass er mit dem berühmten Schiff unterging, nach ‚S.O.S. Titanic‘, einem Fernsehfilm von 1979.

1987 siedelte Warner für 15 Jahre nach Hollywood über. In der Zeit war er quasi überall zu sehen. Kaum eine Serie, die ohne ihn auskam. Das gilt auch für ‚Twin Peaks‘, wo er in der zweiten Staffel Thomas Eckhart gab. Aber bedeutender sind sicherlich seine Auftritte in ‚Star Trek‘. Seinen menschlichen Botschafter in ‚Star Trek V: Am Rande des Universums‘ muss man nicht unbedingt erwähnen. Aber bereits im nächsten Film, ‚Das unentdeckte Land‘ arbeitete er wieder mit Nicholas Meyer zusammen. Diesmal ganz und gar nicht als Bösewicht, sondern als klingonischer Kanzler Gorkon, der Friedensgespräche mit der Föderation sucht. Und dafür natürlich ermordet wird.

Aber unvergesslich ist für mich sein Auftritt in einer Doppelfolge ‚Star Trek: das nächste Jahrhundert‘. Hier gerät Captain Picard in die Gefangenschaft der Cardassianer. Warner gibt seinen Folterer Gul Madred. Der versucht mit allerlei Methoden den Willen des Captains zu brechen. Ihn dazu zu bringen statt vier Lichtern fünf zu sehen. Madred ist anders als die üblichen Cardassianer, die aufgeblasen und bombastisch sind. Madred drückt sich in die Finsternis, bleibt ein stiller Schatten, das macht ihn bedrohlich. Wenn nun Picard zeitgleich seinen Peiniger auf Schwachstellen absucht, dann ist das glänzendes Schauspiel und war und ist Fernsehen auf höchstem Niveau. Das ist tatsächlich eine dieser Folgen, die ich nie vergessen habe.

Aber wie erwähnt, Warner war in den 90ern gerade was Serien angeht extrem fleißig und hat hier eigentlich immer glänzende Arbeit abgeliefert. Mir ist erst Jahre später klargeworden, dass er im Original auch Ras al Ghul, jenen unsterblichen, bzw. steig wiederbelebten Widersacher Batmans im Original von ‚Batman The Animated Series‘ gespielt hat. Ebenfalls eine eindrucksvolle Rolle.

Tatsächlich ist auch seine letzte Rolle eine Sprechrolle. Denn die Veröffentlichung eines Hörspiels anlässlich des 60sten Geburtstages von ‚Doctor Who‘, an dem Warner beteiligt war, steht noch aus.

Warner war einer dieser Darsteller, die, zumindest in Film und Serie, selten im Mittelpunkt standen. Seine Kunst lag darin, bei jedem Projekt, unabhängig von seiner Qualität, exakt zu erfassen, was gewollt (oder gebraucht) ist und seine Darstellung darauf zu kalibrieren. Sei es Humor, Bedrohung oder schlicht die Art der Haltung. So bereicherte er tatsächlich jedes Projekt an dem er beteiligt war und ließ zumeist seine Mitdarsteller auch noch besser aussehen. Laut imdb kommt er auf 228 Film-/Fernseh-/Videospielrollen. Dazu kommen Hörspiele und natürlich das Theater. Das sind eine Menge Projekte, um sie in nur einem Leben besser zu machen.  

Hitzefrei!

Nachdem ich den Morgen damit verbracht habe, die derzeit herrschende Hitze fachgerecht zu verpacken, in diese Iso-Taschen aus dem Supermarkt, in denen man die Tiefkühlpizza nach Hause tragen soll, natürlich, um sie im Winter wieder hervorzuholen und so einem möglichen Mangel an Gas von Vorneherein ein Schnippchen zu schlagen, fühle ich, dass ich derzeit zu nur noch schwer entzifferbaren Endlossätzen neige, die, nicht zuletzt ob meiner oftmals kreativen Kommasetzung, keinem Lesegenuss förderlich sind. Daher gebe ich mir selbst Hitzefrei. Oh warte, das war ein kurzer Satz, ich kann es ja doch! Aber egal, der Entschluss steht. Ich lasse mich jetzt schockfrosten, wie ne Schachtel Rahmspinat!

PS: Seit der obige Text geschrieben wurde, ist es spürbar kühler geworden, aber natürlich konnte ich nichts Produktives mehr verfassen, wurde ich doch schockgefrostet „wie ne Schachtel Rahmspinat“. Und falls sich jetzt jemand fragt, wie ich dann jetzt das hier schreibe… Röntgenstrahlen… aus dem Weltraum. Genau, Röntgenstrahlen aus dem Weltraum, warum nicht? Blöde neue Zeit, wo alles ne Erklärung oder „Origin“ braucht.  

Wenn eine Neuverfilmung den alten Film besser macht

Remakes und Neuverfilmungen (die Übergänge sind bekanntlich fließend) haben, wie schon häufig festgestellt, nicht den besten Ruf. Manchmal aber sind sie wirklich gut. Und manchmal sind sie besser als das Original. Doch darum soll es heute nicht gehen, sondern um den sehr seltsamen Fall, in dem eine Neuverfilmung die erste für mich besser gemacht hat. Es geht um ‚Dune‘ (2021) und ‚Der Wüstenplanet‘ (1984).

Heute bin ich in der Lage, einen Roman und dessen Verfilmungen als zwei grundsätzlich unterschiedliche Medien zu betrachten. Solange die Verfilmung wenigstens einen Kern des Romans behält ist sie gelungen. Und selbst wenn sie das nicht tut, kann sie immer noch als Film gelungen sein. Als Teenager Mitte der 90er sah ich das anders. Ich hatte soeben Frank Herberts ‚Der Wüstenplanet‘ gelesen und war mir sicher, das beste Science Fiction Buch aller Zeiten gefunden zu haben. In der Bücherei-Ausgabe, die ich gelesen habe, waren in der Mitte Farbtafeln, sowohl von Darstellern des Lynch Films, als auch von H.R. Giger Entwürfen für die nie gedrehte Jodorowsky Version.

Wir reden hier über eine Zeit vor dem Internet und so musste ich aus dem Buch selbst erfahren, dass es einen Film von David Lynch gab. Von Lynch kannte ich damals vor allem ‚Twin Peaks‘ und erwartete demnach Großes. Und Captain Picard war auch noch im Film! Einen Videorekorder hatten wir damals nicht, also hieß es die Fernsehzeitungen im Blick zu behalten. Und endlich konnte ich ihn sehen und… war am Boden zerstört.

Ich hasste alles an dem Film! Das Groteske der Harkonnen, die seltsam müde Aristokratie der Atreiden, die stocksteifen Fremen, die annähernd erbärmlichen Corrinos. Die Kostüme, die Effekte, die darstellerischen Leistungen, vor allem aber das dauererklärende Buch, alles aber wirklich alles blieb unter meinen Erwartungen. SCHALLMODULE!? Und dann regnet es am Ende auch noch auf Arrakis?! Mann ey, haben die überhaupt das Buch gelesen und verstanden? Das war nicht mein ‚Dune‘! Das war Mist! Das war peinlich! Mann, war ich sauer. Zum Glück gab es noch keine Internetforen, in denen ich mich hätte auskotzen können.

David Lynch ging, für mich, aus der Sache unbeschadet heraus. Er wurde zu einem meiner liebsten Regisseure noch bevor ich zwanzig war. Und das Schöne war, wir waren uns sogar einig! Lynch fand auch, dass sein ‚Dune‘ furchtbar war. Die Dreharbeiten waren unschön, die Streitigkeiten mit den Produzenten anstrengend und dann wurde ihm der endgültige Schnitt genommen. Bei der ursprünglichen Fassung musste Lynch seinen Namen lassen, doch bei jeder auch nur leicht veränderten Fassung lässt er ihn durch das Pseudonym Alan Smithee ersetzen.

Irgendetwas muss an seinen ersten beiden Filmen gewesen sein, an ‚Eraserhead‘ und ‚Elephant Man‘, was die Produzenten von SciFi Blockbustern Anfang der 80er überzeugt hat, dass dieser seltsame Kerl, der kein Geheimnis daraus macht mit SciFi nix anfangen zu können, ein perfekter Regisseur für diese wäre. In der Rückschau fragt man sich ernsthaft was. Ich meine, er hat ‚Die Rückkehr der Jedi Ritter‘ abgelehnt, um stattdessen ‚Der Wüstenplanet‘ zu drehen! Könnt Ihr Euch Lynchs Ewoks vorstellen? Jabba!? Den Imperator?!?! Es gab Actionfiguren zu seinem ‚Wüstenplanet‘! Irgendwer dachte, Kinder würden diesen Film sehen und eine Wladimir Harkonnen Figur haben wollen! Ob die wohl mit richtig feuchtenden Ekzemen kam? Und einem Sexsklaven mit herausnehmbarem Herzstecker und echtem Blutspritzeffekt als Zubehör?!

Ich habe den Film noch einmal auf DVD gesehen, als ich Mitte 20 war. Aufregen konnte ich mich nichtmehr darüber, sah mich aber voll in meiner Meinung bestätigt, dass es ein trauriger Ausrutscher in Lynchs ansonsten recht unantastbarer Filmografie war. Aber er und das Blockbuster-Kino trennten sich danach, wohl wissend, dass sie nichts miteinander anzufangen wüssten.

Und dann kam Denis Villeneuve. Der kann viel mit SciFi anfangen. Und über seinen Film habe ich hier schon mehr als genug geschwärmt. Es ist nicht die perfekte ‚Dune‘ Verfilmung, aber die gibt es vermutlich auch gar nicht. Dennoch, plötzlich klickte etwas in meinem Hirn. ‚Der Wüstenplanet‘ war nun nicht mehr „der ‚Dune‘-Film“. Er war eine ‚Dune‘ Verfilmung. David Lynchs (und Dino de Laurentiis) ‚Dune‘-Verfilmung. Und plötzlich konnte ich ihn mit komplett neuen Augen sehen.

Plötzlich erfreute ich mich an Lynchs Sinn für das Groteske. Die Momente in denen sein Film lebt. Wenn der mutierte Gildennavigator auftritt. Giedi Prime, die widerwärtige Heimatwelt der noch widerwärtigeren Harkonnen war ein Alptraum, wie er nur Lynchs Hirn entspringen konnte. Thufir Hawat muss eine Katze melken, um zu überleben! Das ist eine Tartaros-Qual direkt aus den tiefsten Tiefen des Unterbewussten. Stings geflügelte Stahlwindel ist nichts weniger als brillanter Camp! Patrick Stewarts Gurney Halleck führt einen Angriff mit einem Mops in der Uniformjacke! Ja, der Film ist immer dann am besten, wenn ein Harkonnen im Bild ist. Es ist faszinierend zu sehen, wo Villeneuve das Design von Effektsequenzen annähernd übernimmt und wo er komplett abweicht. Tatsächlich sind einige der Miniatureneffekte sogar extrem beeindruckend. Und die Körperschildeffekte absolut peinlich. Und ja, er ist auch immer noch schlecht, wenn die arme Virginia Madsen unendliche Exposition vortragen muss, oder der viel zu alte Kyle MacLachlan als 15Jähriger durch den Film schlafwandelt. Ich werde hier demnächst einen ‚Ist der wirklich sooo schlecht?‘ zu dem Film veröffentlichen, wo ich ausführlich darlege, warum der Film, meiner heutigen Meinung nach, sehenswert ist. Kurz, „IT IS WORTH MORE TO ME THAN TEN LEGIONS OF SARDAUKAR!!!“

Hattet Ihr auch einmal so ein Erlebnis? Wo ein besseres Remake oder eine Neuverfilmung den früheren Film hat besser aussehen lassen? Sei es, weil er ihn von Erwartungen befreit hat, oder aus anderen Gründen.

Stan Lee und die Schwierigkeit der Neubesetzung

Nach langer Zeit geht es heute mal wieder um digitale Darsteller. Ja, ich gebe gern zu, das ist ein Thema, das mich vermutlich mehr beschäftigt als es sollte. Aber Film, also Realfilm im Gegensatz zu Animation, ist für mich die Interaktion zwischen Licht und echten Menschen. Menschen, Darstellern, die Entscheidungen im Moment treffen, die eine Textzeile anders interpretieren als erwartet, die mit einer Drehung ihres Kopfes mehr transportieren, als es der Text der Szene jemals könnte. Und das ist bevor wir über die moralischen Fragen hinter der CGI-Rekreierung verstorbener Darstellerinnen sprechen.

Es ist fraglich, inwieweit Comicautor Stan Lee sich selbst als „Darsteller“ hätte beschreiben mögen, allerdings ist fraglos, dass seine Cameo-Auftritte Marvel Filmen, auch wenn sie bei unterschiedlichen Studios erschienen, etwas Verbindendes gegeben haben. Und so erklärte Disneys Marvel Studios nach seinem Tod im November 2018 kategorisch, dass es keine weiteren Stan Lee Cameos mehr geben würde. Nun aber hat Marvel Studios von „Stan Lee Universe“, einer Marke kreiert von Genius Brands International und POW! Entertainment, zwei Firmen in die Lee und seine Nachkommen eng involviert sind, für 20 Jahre die Rechte an Lees Aussehen, Stimme und Unterschrift erworben. Mit dem Recht sie in TV- und Filmproduktionen, Themenpark“erlebnissen“ und auf Merchandise verwenden zu dürfen.

Das müsse nun nicht unbedingt bedeuten, dass Disney Lee digital „widerbeleben“ und als Cameo Figur in künftigen Filmen verwenden will, beeilten sich Experten zu versichern. Nein, natürlich bedeutet es das nicht zwangsläufig. Aber nun ist Disney auch nicht gerade berühmt dafür, Geld für Dinge auszugeben, mit denen sie nichts anfangen wollen. Sicherlich wird an die gigantische Marvel-Maschinerie nun ein kleiner Regler gesetzt, der mit „Stan Lee CGI“ beschriftet ist, und an dem in den nächsten Jahren sehr vorsichtig gedreht wird, bis exakt das Maß gefunden ist, das beim Publikum funktioniert. Denn so funktioniert die Maschinerie.

Es ist die Art von Nachricht, die perfekt maßgeschneidert ist, um mich zu ärgern. Aber nun versuche ich einmal einen Moment „objektiv“ zu betrachten, ob das wirklich moralisch verwerflich ist, oder ob das Problem nicht eher bei mir liegt. Nach allem was ich über Lee weiß, und das ist zugegeben nur sein öffentliches Bild, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass ihm selbst das gefallen würde. Der Mann war fraglos, wenn schon kein Darsteller, so sicherlich doch ein Selbstdarsteller. Jemand, dem Medienaufmerksamkeit gefallen hat. Manchmal sogar zum Schadens einer Kunst. So hat die Tatsache, dass er in Interviews nie der Behauptung widersprochen hat, der alleinige Erfinder allerlei ikonischer Charaktere zu sein, zum Bruch mit dem kongenialen Zeichner Jack Kirby geführt. Ich könnte mir also vorstellen, dass Lee die Idee gefällt, dass er Jahrzehnte nach seinem Tod an der Seite seiner Schöpfungen zu sehen sein wird. Aber ich weiß es natürlich nicht. Und fragen kann ihn weder ich, noch sonst irgendwer.

Für mich bekommt das Ganze aber einen furchtbar bitteren Beigeschmack, wenn man bedenkt, was in den letzten Monaten von Lees Leben, nach dem Tod seiner langjährigen Ehefrau Joan Boocock, geschehen ist. Da gab es mehrere Leute, die versucht haben versucht haben aus Lees Auftritten und seinem Bild Profit zu schlagen und ihn dafür auch physisch von seiner Familie abgesondert haben. „Elder abuse“ wie man das im Englischen nennt. „Skrupellose Geschäftsleute, Schmeichler und Opportunisten“ nannte Lee sie in einer Klage vom April 2018. Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: soweit ich weiß sind Lees Nachkommen in dieser Entscheidung voll involviert und sie ist in ihrem Sinne. Nur fällt es mir schwer die recht eklige Geldschneiderei auf dem Rücken eines sterbenden Witwers gänzlich auszublenden.

Ich hätte kein Problem mit der Verwendung von einem Bild von Lee im Hintergrund. Oder auch von filmischem Archivmaterial. Aber eine CGI-Version von ihm widerstrebt mir, so sehr mir damals CGI-Tarkin in ‚Rogue One‘ widerstrebt hat. Ich finde es geschmacklos und fast schon makaber. Und das mag nicht unbedingt „objektiv“ sein, aber ich tue mich sehr schwer damit, mich hier von etwas anderem überzeugen zu lassen.

Womit wir bei Star Wars wären. Kathleen Kennedy, Präsidentin von Lucasfilm, hat nämlich etwas aus dem (relativen) Misserfolg von ‚SOLO – A Star Wars Story‘ gelernt. Nicht etwa, dass ein später Wechsel der Regisseure schwierig ist. Nicht, dass ein Skript, das als Komödie gedacht war, kaum mehr funktioniert, wenn man einfach die Pointen rausschneidet und es als dramatisch verkauft. Nein, ihre Lehre aus dem Film ist, dass es unmöglich sei, die Figuren aus den ikonischen, ursprünglichen Star Wars Filmen neu zu besetzen. Und ja, damit hat Lucasfilm Alden Ehrenreich, den neuen Solo-Darsteller, zum zweiten Mal den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Das erste Mal war, als groß verkündet wurde, er bräuchte Schauspielunterricht. Das muss wohl so eine Art Rekord sein. Das wird besonders augenfällig, wenn man bedenkt, dass die Kenobi Serie bereits in den Startlöchern steckt. Soweit ich weiß, immer noch mit Ewan McGregor. Ist  der der einzige fähige moderne Darsteller, oder tritt man die doch noch einmal komplett in die Tonne und ersetzt ihn durch CGI Alec Guinness?

Aber was können wir aus Kennedys Aussage für die Zukunft folgern? Das man nun endlich mit der Nostalgie für die alten Filme durch ist und etwas komplett Neues versuchen will, da es ja einfach keine Darsteller (mit Ausnahme McGregors) gibt, die den alten das Wasser reichen können? Das wäre die positive Interpretation. Und die sehe ich hier nicht gegeben. Nein, ich fürchte eher, man wird eben ‚Rogue One‘ zum Vorbild nehmen. CGI-Leia und CGI-Tarkin sind die Zukunft. Die ikonischen Darsteller werden auf ewig die ikonischen Darsteller bleiben. Ikonen im wahrsten Sinne des Wortes. Unveränderlich für die Ewigkeit. Da passt Stan Lee doch in die Reihe.

Oh brave new world, that has such computeranimations in’t!

‚Synchronic‘ (2020)

Diesmal komme ich um Spoiler nicht wirklich herum und muss in der Besprechung ein zentrales Handlungselement verraten. Wer den Film also völlig unvoreingenommen sehen will, sei hiermit gewarnt.

Ich konnte nicht herausfinden, wie hoch das Budget für diesen Film tatsächlich war, doch es dauert nur Minuten und es wird deutlich, dass hier ein gewaltiger, finanzieller Sprung für Justin Benson und Aaron Moorhead stattgefunden hat. Es ist sicherlich immer noch ein „Low Budget“ Film, aber einer, der es sich leisten kann in New Orleans zu filmen und, nicht zuletzt, Anthony Mackie als Hauptdarsteller. Die Genre Zuordnung wird hier vermutlich noch einmal schwieriger als bei ihren anderen Filmen. Ein Neo Noir mit SciFi Elementen, wenn man es sich einfach machen will. Trotz einiger recht grausiger Tode ist das ihr erster Film, bei dem ich keinen Bezug zum Horror-Genre sehe (von einigen verstörenden Bildern mal abgesehen). In vielerlei anderer Hinsicht bleiben sie sich allerdings treu.

Steve (Mackie) und Dennis (Jamie Dornan) arbeiten als Paramedics in New Orleans. Dennis ist ein verheirateter Familienmensch mit einer 18jährigen Tochter, Brianna (Ally Ioannides) und einem frisch geborenen Baby. Steve ist ein Draufgänger mit ständig wechselnden Freundinnen. In letzter Zeit häufen sich Fälle verwirrter, seltsam verletzter Patienten und grotesk zugerichteter Leichen im Zusammenhang mit der synthetischen Droge Synchronic. Als Brianna nach Konsum der Droge verschwindet, beginnt Steve, der selbst eine medizinische Krise durchlebt, ebenfalls mit ihr zu experimentieren. Dabei macht er eine außergewöhnliche Entdeckung: unter den richtigen physiologischen Umständen transportiert Synchronic den Konsumenten durch die Zeit. Da er an einem Gehirntumor zu sterben droht, beschließt er seine letzten Tage zu nutzen, um die Tochter seines besten Freundes zu finden.

Sagen wir es, wie es ist: eine Zeitreise-Pille ist ein reichlich albernes Handlungselement. Eine Zeitreise-Pille, die nur im Zusammenhang mit einer nicht-verkalkten Zirbeldrüse (‚From Beyond‘ schickt schleimige Grüße!) funktioniert, also bei Teenagern und bei Mackies Charakter, aufgrund seines Tumors, und Dich in eine andere Zeit schickt, je nachdem an welchem Ort Du Dich gerade befindest, ist dann sogar noch ein erhebliches Stück alberner. Das große Kunststück von Moorhead und Benson ist hier, dass sie sich dessen durchaus bewusst waren, es aber dennoch funktionieren lassen, im Zusammenspiel mit dem deutlich ernsthafteren Thema rund um die Paramedics und ihre ständige Konfrontation mit den furchtbarsten Schicksalen, die ein Mensch erleiden kann und ihren unterschiedlichen Strategien damit umzugehen.

Dies verweben sie gekonnt mit der Örtlichkeit von New Orleans mit dessen Geschichte und Entwicklung sie gekonnt spielen, aber auch mit den Konstanten des Ortes, etwa dem Rassismus, dem sich Steve in unterschiedlichsten Epochen ausgesetzt sieht. Dabei verfallen die Filmemacher nicht auf die typischen Örtlichkeiten, die man mit New Orleans an sich, und dem gefilmten New Orleans im Besonderen verbindet, etwa das French Quarter. Stattdessen suchen sie immer wieder den sehnsüchtigen Blick von den Vororten hinüber zur leuchtenden Skyline, nur um dann wieder den Blick der Paramedics vom Fuße jener Skyline zu zeigen, wo unter dem Leuchten, gebrochene Menschen zu finden sind.

In den Zeitreise Szenen wird dann aber auch wieder ein wenig das begrenzte Budget des Films deutlich. Von einem ‚Tenet‘ ist der Film, in seinen finanziellen Möglichkeiten, offensichtlich weit entfernt. Und genau das wird ihm hier ein wenig zum Problem. Haben Benson und Moorhead bis hierhin gezeigt, dass sie absolut faszinierende Filme mit kaum dem Budget eines B-Movies schaffen können, fühlt sich ‚Synchronic‘ in seinen schwächeren Momenten eher an, wie ein B-Movie mit etwas mehr Budget.

Der größte Fehler des Films ist, was ich letzte Woche noch so hoch gelobt habe. Die Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Beide sind durchaus interessante Charaktere, allerdings ist Anthony Mackie der Hauptcharakter des Films. Und das bedeutet, dass Dornans Dennis für einen guten Teil des Films, vor allem natürlich die Zeitreisen, gar nicht da ist. Und wenn er dann doch seine Szenen hat, dann ist er allzu häufig Spiegel und Stichwortgeber für Steve. Mackie füllt die Rolle des Hauptcharakters absolut kompetent aus. Ihm gelingt der Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor, gar einer ‚Zurück in die Zukunft‘ Anspielung. Aber es waren bislang halt immer die komplexen Beziehungen der Hauptfiguren, die an den Filmen des Regie-Duos fasziniert haben. Und Dennis bleibt hier ziemlich flach. Das ist nicht unbedingt Jamie Dornans Schuld, er tut was er kann mit dem was ihm gegeben wird. Und was ihm gegeben wird ist immer noch eine Menge mehr, als was Katie Aselton als seine Frau in ihren 2,5 Szenen bekommt. Auch Ally Ioannides‘ Brianna wird nie mehr als „Person, die gerettet werden muss“. Wenn dann dazu noch eine ebenso bizarre wie überflüssige Szene mit dem Erfinder der Droge kommt, die wohl vor allem dazu dient den Film an das „cinematische Universum“ der Filmemacher anzuschließen, dann habe ich spätestens das Gefühl, das Drehbuch hätte noch eine weitere Überarbeitung vertragen.

Das liest sich jetzt vermutlich alles deutlich negativer als es gemeint ist. ‚Synchronic‘ ist ein guter Film, der mich in seinen schlanken 100 Minuten gut unterhalten hat. Moorheads Kameraarbeit ist nachwievor faszinierend, die Situation spannend genug. Wäre dies der erste Film der beiden, würde sich das Ganze hier vermutlich sogar begeistert lesen. Aber Erwartungshaltung ist nun einmal eine Sache und ich habe in diesem Moment ein bisschen mehr erwartet als „nur“ einen „guten“ Film. Was er aber vermutlich ist, ist ein gelungener Einstieg in die Filmografie der beiden Filmemacher. Ich jedenfalls bin sehr gespannt, was in Zukunft von ihnen zu erwarten sein wird.

Reden wir, mal wieder, über ‚Avatar‘

Ich betone ja immer mal wieder gern, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, worüber ich hier eigentlich schreibe. Vor etwa 10 Monaten meinte ich meine Gedanken zu ‚Avatar‘ kundtun zu müssen. Ich wunderte mich, wie wenig Fingerabdruck der (derzeit wieder) finanziell erfolgreichste Film aller Zeiten auf dem Gefüge der Popkultur hinterlassen hat. Fragte mich, wo die ganzen Avatar Fans seien, die es sinnvoll machen würden, gleich vier weitere Blue Man Group Filme anzukündigen. Und beleidigte Sam Worthington mehr als vielleicht notwendig gewesen wäre. In den Kommentaren erhielt ich immerhin weitgehend zustimmende Bemerkungen. Also zu den handfesten Dingen, nicht zu meiner irrationalen Abneigung gegen Sam Worthington. Auch Fans des ersten Films wunderten sich über den Optimismus hinter gleich vier Filmen. Insbesondere im Angesicht der damaligen Veröffentlichung eines Avatar Videospiels unter allgemeiner Apathie.

Und Disney sind schon eine ganze Weile wahrlich optimistisch was Avatar angeht. Das zeigen nicht nur die geplanten vier Filme, sondern auch „Pandora – The World of Avatar“, ein Avatar Themenbereich des Walt Disney World Ressorts in Florida. Der wurde 2017 unter durchaus einigem Hohn eröffnet. Der Themenbereich nimmt sich absolut ernst, spielt lange Zeit nach dem Film auf Pandora und sämtliche Angestellte müssen in ihrer Rolle bleiben. In der Rolle eines Anbieters für Ökotourismus auf Pandora. Denn hier hat sich eine Firma mit den Na’vi geeinigt ein Tal für Menschen-Tourismus freizugeben, wohl um die Mensch-Na’Vi Beziehungen zu verbessern. Herumlaufende Na’vi Charaktere findet man keine, denn die müssten ja gut drei Meter groß sein und das ist „realistisch“ nicht zu machen. Immerhin, ein paar animatronische Na’Vi gibt es. Vor allem aber erlaubt der Bereich, dank einiger beeindruckender Technik, taktile Interaktion mit Pandoras biolumineszenter Flora. Ich weiß nicht, wie erfolgreich dieser Bereich nun wirklich ist, es gibt zwei Fahrtattraktionen, von denen eine nicht sonderlich gut sein soll, die andere aber 5 Stunden Wartezeiten generiert. Ich werde mich jedenfalls hüten, hier erneut blinde Schätzungen abzugeben. Erst recht bei einem Thema, von dem ich null Ahnung habe, wie Themenparks.

Disneys erheblicher Optimismus zeigte sich erneut, als sie vor Kurzem sämtliche vier Sequels im Zweijahresrhythmus, beginnend diesen Winter ankündigten und kurz darauf einen Teaser für den zweiten Avatar ‚Avatar: The Way Of The Water‘ veröffentlichten. Und der hat in 24 Stunden online knapp 150 Millionen Views gesammelt (in Kinos waren es noch Millionen mehr, nur eben „unfreiwillig“) und damit sämtliche Disney Star Wars-Trailer nass gemacht und ausgestochen. Das ist natürlich nur ein sehr loser Indikator, beantwortet aber meine Frage, wo die Leute herkommen sollen, die die ganzen Avatars schauen. Es gibt sie offensichtlich. Wobei wir die Glocke nicht allzu hoch hängen wollen. Der Trailer zu ‚Fast & Furious 9‘ hat es in 24 Stunden auf knapp 202 Millionen Klicks gebracht. Und ist damit einsamer Spitzenreiter (vor dem neuen Avatar Teaser auf abgeschlagenem Platz 2). Aber F&F ist ein heißgeliebtes, wohlgepflegtes Franchise. ‚Avatar‘ ist ein Film von vor 13 Jahren mit coolem 3D. Und sticht mal eben all die Sternenkriege, Marvel-Capes und die „erinnert Ihr Euch noch an den schönen Zeichentrickfilm“-Disney Remakes aus.

Bei Disney dürfte man sich jedenfalls ordentlich High Fives geben, den heißen Wettbewerb mit sich selbst gewinnt man derzeit mal wieder elegant (und Vin Diesel, der im neuen Avatar auftauchen soll, versucht derzeit vermutlich eine Star Wars Rolle zu kriegen, um an sämtlichen erfolgreichsten Franchises beteiligt zu sein).

Wie kommt es, dass ich und viele andere, deutlich schlauere Leute uns so verschätzt haben, bei unserem Interesse für einen neuen Avatar? Herrscht schon Nostalgie für den ersten Film? Sind die Leute einfach glücklich etwas anderes zu sehen, als die üblichen Franchises? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht.

Ich weiß nur, dass ich einer der Millionen Klicks für den Teaser war. Und dass der kaum ein Schulterzucken bei mir ausgelöst hat. Er lässt einen Film erwarten wie den ersten Avatar. Einen, den man im technisch am besten ausgestatteten Kino schauen sollte, sich umhauen lässt und danach nicht unbedingt noch einmal braucht. Aber vielleicht irre ich mich. Denn, seien wir ehrlich, James Cameron kann eine Geschichte erzählen. Das hat er oft genug bewiesen. Und wenn er so viele Filme braucht, dann muss er doch irgendwas vorhaben. Vielleicht war der erste Film reines Worldbuilding und nun geht es richtig los. Vielleicht macht er hier ‚Dune‘ (der Buchserie) Konkurrenz und umfasst Millennien einer seltsamen und faszinierenden Geschichte. Ich hoffe es, denn auch wenn man einen anderen Eindruck gewinnen könnte, ich schaue lieber gute Filme, statt über schlechte zu motzen.

Ich wage mal wieder eine Voraussage: für die nähere Zukunft wird ‚Avatar‘ ‚Star Wars‘ als Disneys SciFi Kinofranchise ersetzen. ‚Star Wars‘ wird erst einmal nur als Serien auf Disney+ fortleben. So gut wie meine Voraussagen üblicherweise sind, werden zeitgleich mit diesem Artikel vermutlich fünf neue Film-Trilogien angekündigt. Unter tosendem Erfolg.

Diesmal wird es jedenfalls einen sichtbaren, blauen Fingerabdruck auf der Popkultur geben. Dafür wird Disney schon sorgen. Ein ‚John Carter‘ passiert ihnen heute nicht mehr. Und schon gar nicht vier.*

*Das schreibe ich hier so überzeugt, dann erinnere ich mich, dass ich über die Firma rede, die keinen durchgehenden Plan für ihre ‚Star Wars‘ Sequels hatte…