Jetzt akzeptiere ich keine Ausreden mehr!

Der ein oder andere mag sich vielleicht noch errinern: einer der ersten Filme über den ich auf der Filmlichtung schrieb war Jessica Hausners ‚Hotel‘. Den könnt ihr euch jetzt legal und kostenlos auf Youtube bei netzkino ansehen (und nein, ich sehe keinen nochsomüden Cent dafür, dass ich das schreibe). Also, siehe Überschrift:

Ich würde sagen, schaut ihn nicht aufm Telefon, da geht einiges verloren, aber wer bin ich euch Vorschriften zu machen. Außer natürlich der den Film zu schauen. Denn dieser Text ist verflucht. Wer das liest und nicht innerhalb einer Woche den Film ansieht wird barfuß auf einen Legostein treten! Ich habe euch gewarnt.

Das ist auf Youtube: Kanadische Experimente von Norman McLaren

Norman McLaren wurde 1914 in Strirling, Schottland geboren. Er studierte in Glasgow Design und begann früh sich für Film zu interessieren. Da er keine Kamera zur Verfügung hatte bemalte und verkratzte er Filmmaterial direkt. 1935 hatte er eine Kamera aufgetrieben und arbeitete mit einem System, dass Pixilation genannt wird. Dabei werden Schauspieler wie Stop-Motion Modelle verwendet: man nimmt einen Frame auf, der Schauspieler verändert leicht seine Position und der nächste Frame wird aufgenommen usw., was einen starken Abstraktionseffekt beim Zuschauer hervorruft. Für eine Weile arbeitete er als Kameramann für John Grierson, den „Vater“ des britischen Dokumentarfilms (und Begründer dieses Begriffs).

1939, kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs ging McLaren nach New York. Er erhielt Unterstützung von der Solomon Guggenheim Foundation und kehrte zurück zu seinen direkt auf den Film gemalten Animationen.

1941 lud ihn sein alter Arbeitgeber Grierson, der inzwischen für die kanadische Regierung das „National Film Board“ (NFB) gegründet hatte, als Lehrer für Animation nach Kanada ein. Für den Rest der Kriegszeit war McLaren damit beschäftigt Animationen für Propagandafilme (zum Beispiel Landkarten mit Grenzverläufen) herzustellen. Doch nach dem Krieg sollte er seine kreative Blütezeit erreichen.

In ‚Begone Dull Care‘ von 1949 kehrte er ein weiteres Mal zur Animation direkt auf dem Film zurück um Oscar Petersons Jazz Musik visuell darzustellen:

Als sein Meisterwerk gilt allgemein der Film ‚Neighbours‘ von 1952, in dem das oben beschriebene Pixiliationsverfahren zum Einsatz kam:

Was wie ein Cartoon mit menschlichen Darstellern beginnt nimmt einen zusehends verstörenderen und brutaleren Verlauf. Diese zutiefst schwarzhumorige Allegorie auf den Kalten Krieg, sowie die menschliche Natur an sich gewann 1952 den Oscar als beste Kurzdokumentation. Allerdings in gekürzter Form. Die Gewalt gegen Frauen und Kinder wurde geschnitten. Der Film wurde erst mit Ausbruch des Vietnamkrieges in seiner unveränderten Form gezeigt und von Kriegsgegnern begeistert aufgenommen. McLarens Förderer Grierson war dem Film gegenüber sehr kritisch und bezweifelt öffentlich McLarens Fähigkeit zum politischen Denken.

Älteren Videospielern und sonstigen Nerds dürften Musik und Soundeffekte in ‚Neighbours‘ aufgefallen sein, die eindeutig an die (viel spätere) 8-Bit Ära und Chiptune Musik erinnern. McLaren schaffte diese Töne indem er, wie in seinen Animationen, direkt den Film manipulierte. In den Film gekratzte Dreiecke, Vierecke und sonstige Formen konnten durch ein bestimmtes „graphisches Tonerzeugungs System“ ausgelesen und in Töne umgewandelt werden. Das System kam seit dem Durchbruch des „echten“ Tonfilms in den 30er Jahren eigentlich nicht mehr zum Einsatz doch kam es McLarens Vorliebe zur mechanischen Manipulation von Film natürlich sehr entgegen. In seinem Kurzfilm ‚Synchronomy‘ von 1956 sehen wir dementsprechend was wir hören:

 

Ein interessantes synästhetisches Experiment, das den silbernen Bären bei den 6. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gewann.

Kanadas NFB hat seinen großen Experimentator nie vergessen und hat nach mehreren DVD Veröffentlichungen 2013 eine iTunes-App herausgebracht, die es dem User ermöglicht eigene Werke im Stile von McLaren herzustellen. Eine Idee, die dem lebenslangen Lehrer und Vermittler gefallen hätte.

Das ist auf Youtube! No Small Parts

Jeder, der über die Jahre genug (manche würden sagen zu viele) Hollywoodfilme schaut kennt diesen Moment: ein Klempner namens Bill taucht für eine Szene auf, FBI Agent Johnson bedroht den Helden oder Gloxnark vom Planeten GliepGlorp VII kündet der Menschheit ihr bevorstehendes Ende an. Und als Zuschauer denkt man: „Hey, das ist doch dieser Typ. . . der war auch in, na, Dings, da hat er den fiesen Schläger vom Bösewicht gespielt, der ist echt gut.“

Charakterdarsteller nennt man sie, die aufgrund von Alter oder Aussehen niemals eine Hauptrolle spielen werden aber ihren Nebencharakteren eben immer jede Menge Charakter verleihen, was dafür sorgt, dass sie oftmals besser im Gedächtnis bleiben als die geleckten Helden. Doch ihre Namen weiß man oftmals eben nicht.

Youtuber Brandon Hardesty würde das gerne ändern. Er ist selber Charakterdarsteller und hat viele der Leute, die er in seinen halbstündigen Videos vorstellt getroffen. Okay, das kann er auch alles selbst erzählen, in diesem Video:

aber dann wäre ich ja völlig überflüssig und das will doch keiner. Ich jedenfalls nicht.

Hier ist Warwick Davis (und ja, Hardesty spricht seinen Namen falsch aus), am besten bekannt für seine Rolle als Ewok Wicket in ‚Rückkehr der Jedi-Ritter‘ und als der Leprechaun in ‚Leprechaun‘:

Harry Dean Stanton, der vielleicht fast etwas zu bekannt für diese Serie ist:

Oder Bond „Beißer“ Richard Kiel:

Ob man beim nächsten Filmabend als Besserwisser glänzen möchte oder sich einfach für ungewöhnliche Karrieregeschichten interessiert, die Kurzdokus sind es wert gesehen zu werden.

Und jetzt warte ich weiter auf die Folgen über Pete Postlethwaite und Stephen Tobolowksy, die „besten“ Charakterdarsteller. Habt ihr eure eigenen „Lieblinge“?

Das ist auf Youtube! Eine Handvoll Filme von Alice Guy-Blaché

Wenn man sich mit der Frühgeschichte des Kinos befasst landet man fraglos in Frankreich. Hier haben die Gebrüder Lumiere 1895 zum ersten Mal öffentlich einen Film vorgeführt. Aus dem Bereich der Fotografie kommend, sahen sie im Film eine neue Möglichkeit die Realität abzubilden. Im Gegensatz zu ihnen stand der Bühnenmagier Georges Méliès, der im Film die Möglichkeit sah die Realität zu verändern.

Doch im Publikum der ersten Filmvorführung der Lumieres, im Keller des Grand Café in Paris, befand sich eine weitere Pionierin des Films deren Arbeit häufig übersehen wird: die zu diesem Zeitpunkt 21jährige Sekretärin Alice Guy. Sie bestürmte ihren Chef, den Industriellen Léon Gaumont, ihr die Möglichkeit zu geben in ihrer Freizeit ihre eigenen Filme zu drehen. Gaumont war einverstanden, vermutlich vor allem deshalb weil er das finanzielle Potential des neuen Mediums noch nicht sah. So entstand 1896 Guys erster Film ‚La Fée aux Choux‘, in dem eine Fee Babies in Kohl heranzieht (ja, so hab ich auch geguckt) und der möglicherweise der erste fiktive Film überhaupt sein könnte.

Für die nächsten 10 Jahre wurde Guy die filmische Produktionschefin von Gaumont und war als Regisseurin oder Produzentin für 700 bis 1000 Filme verantwortlich. Dabei behandelte sie aktuelle Themen, z.B. Feminismus in ‚Les resultats du feminisme‘, in dem Männer sich schminken und Kaffekränzchen abhalten und von biertrinkenden Frauen belästigt werden (das mag nicht sehr progressiv scheinen, aber allein die Tatsache, dass 1906 eine Frau öffentlich in einem Film über das Thema sinnieren konnte ist außergewöhnlich):

Sie suchte aber auch nach Möglichkeiten den Film weiter zu entwickeln, z.B. mittels Handeinfärbung in ‚Le départ d’Arlequin et de Pierrette‘:

Und sie zeichnet definitiv verantwortlich für die ersten ‚Musikvideos‘ mittels Chronophone-Verfahrens, bei dem Schallplatten mit dem Film synchronisiert werden mussten. Hier Armand Dranem 1905 mit einem Lied über Jiu-Jitsu (22 Jahre vor ‚The Jazz Singer‘!):

Hier ‚Making of‘ Aufnahmen einer solchen Chronophone-Sitzung, Guy ist im Vordergrund/Mitte zu sehen:

Als eines ihrer Meisterwerke gilt die damalige Großproduktion ‚Le vie de Christ‘ von 1906, der – mit über 300 Statisten – Stationen aus dem Leben Jesus‘ von Nazareth zeigt:

1907 heiratete Guy den Kameramann Herbert Blaché, der bald eine leitende Position bei Gaumonts Niederlassung in New York erhielt. 1910 gründeten die Beiden ihre eigene Filmproduktion ‚Solax‘ und ließen ein großes, modernes Produktionsgelände in Fort Lee, New Jersey bauen. Herbert sollte die finanzielle Seite übernehmen, Alice die kreative. Nach anfänglichen finanziellen Erfolgen (‚Solax‘ war das größte Prä-Hollywood Studio der USA) gingen die Dinge nicht gut. 1918 produzierte Guy-Blaché ihren ersten Flop und Herbert Blaché war entweder nicht gut im Umgang mit Geld oder betrachtete seine Frau als Rivalin und wollte ihr schaden. Wie dem auch sei, als ein bankrott absehbar war setzte er sich mit einer Schauspielerin nach Hollywood ab. Guy-Blaché drehte 1920 ihren letzten Film ‚Tarnished Reputations‘, arbeitete dann 2 Jahre für William Randolph Hearst, ließ sich 1922 scheiden und kehrte nach Frankreich zurück.

Niemand wollte mehr eine Frau Filme drehen lassen. Gaumont veröffentlichte 1930 die Geschichte seiner Firma und erwähnte keine Filme vor 1907. Viele von Alices Filmen wurden männlichen Filmemachern angedichtet. Sie selbst zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

1952 veröffentlichte sie ihre Memoiren. Ein leicht beschämtes Frankreich nahm sie 1953 in die Ehrenlegion auf. Das Gefühl hielt nicht lange an. Als sie 1957 von der Cinématheque Française geehrt wurde, ignorierten Presse und Öffentlichkeit dies völlig. 1964 zog sie zu ihrer Tochter in die USA, wo sie 1968 94jährig in einem Altenheim starb. Ihre Karriere von 1896 bis 1920 war die längste aller Filmpioniere.

350 ihrer Filme sind erhalten, davon 22 Langfilme.

Das ist auf Youtube!: Sherlock Jr. (1924)

Joseph ‚Buster‘ Keaton wurde 1895 in eine Vaudeville-Künstlerfamilie geboren und trat seit frühester Kindheit mit ihnen auf. Schnell stellte sich heraus, dass Busters Talent darin lag zu stürzen oder Schläge einzustecken, ohne sich dabei zu verletzen. Kurz, er war ein Stuntman (ein Begriff, der tatsächlich im Vaudeville zum ersten Mal benutzt wurde). Er merkte bald, dass das Publikum besonders lachte, wenn er im Gesicht keinerlei Regung zeigte, egal was passierte. Das brachte ihm den Spitznamen ‚Old Stoneface‘ ein.

Mit Anfang 20 wurde er Nebendarsteller in den Filmen von Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle. Er fiel hierbei so positiv auf, dass er ab 1920 seine eigenen Filme drehen durfte.

Die originalen Dick und Doof? Keaton und Arbuckle (Arbuckles Karriere endete 1921 äußerst unlustig unter Vergewaltigungs- und Mordvorwürfen)

Die originalen Dick und Doof? Keaton und Arbuckle (Arbuckles Karriere endete 1921 äußerst unlustig unter Vergewaltigungs- und Mordvorwürfen)

So entstand 1924 der hier zu sehende ‚Sherlock Jr.‘ , welcher allgemein als sein erstes Meisterwerk gilt. Er spielt einen Filmvorführer und Möchtegerndetektiv, der sich in die Handlung eines Filmes hineinträumt. Er zeigt, dass er zum einen seine Lehren aus dem Vaudeville gelernt hat: der Film ist 45 Minuten lang, keine davon ist verschwendet, der Zuschauer hat gar keine Chance sich zu langweilen. Zum anderen hat er aber auch sein neues Medium absolut verstanden: er wechselt zwischen Film und Film-im-Film hin und her, arbeitet mit Kameratricks, die seinen Zeitgenossen Rätsel aufgaben und nutzte ein halbes Jahrzehnt bevor Salvador Dali und Luis Bunuel sie salonfähig machten, surreale Elemente, wenn sein Charakter zwischen den Szenenschnitten hin und her geschleudert wird. Der Film war ein kommerzieller Misserfolg.

Für die nächsten Jahre war Keaton bei ‚United Artists‘ unter Vertrag, wo er weiterhin kreative Freiheit genoss und 1926 sein größtes Meisterwerk schuf: ‚The General‘ in dem es um die Abenteuer eines Mannes und seiner Lokomotive während des Amerikanischen Bürgerkrieges geht (und der immer mal wieder mit Livemusik im Kino zu sehen ist – wenn man die Chance hat: unbedingt ansehen!).

Nachdem kaum einer von Keatons Filme Geld eingespielt hatte wurde ihm vom UA Management 1928 nahegelegt einen Vertrag bei MGM, die händeringend einen Komiker suchten, zu unterschreiben. Freunde und Kollegen warnten ihn, dass er alle Freiheiten verlieren würde. Charlie Chaplin sagte ihm: „Sie machen Dich kaputt, indem sie versuchen Dir zu helfen.“ Er sollte Recht behalten. An seinem ersten Film für MGM (quasi ein Werbefilm für William Randolph Hearst) arbeiteten (laut Keaton) 22 Autoren. Bald drehte er Filme, die er hasste. Doch und das war das Schlimmste für ihn, sie machten eine Menge Geld. Er begann an sich selbst zu zweifeln, litt an Depression und flüchtete sich in Alkohol und Affären bis er für MGM untragbar wurde.

Andere Zeiten, anderer Umgang mit Alkoholismus: Keaton in einer Werbeaufnahme für Smirnov Wodka

Andere Zeiten, anderer Umgang mit Alkoholismus: Keaton in einer Werbeaufnahme für Smirnoff Wodka 1957

Den Wechsel zu MGM bezeichnete er später in seiner Autobiographie als den größten Fehler seines Lebens.

Das ist auf Youtube!: Every Frame a Painting

Okay, heute kein ganzer Film, sondern ein ganzer Kanal, voll mit guten Sachen! In „Every Frame a Painting“ zeigt Film-Editor Tony Zhou seine großartigen Video-Essays zum Thema „visuelles Storytelling“.

Manchmal im großen Stil, wie im Fall von Bewegung im Werk von Akira Kurosawa:

Oder im Kleinen, wie die große Wirkung einfacher Cadrage in einer Szene aus Nicolas Refns „Drive“:

Oder, mein persönlicher Favorit, über den Gebrauch von Requisiten, in diesem Fall Stühlen: