Gestern Gesehen: ‚Kubo – der tapfere Samurai‘; OT: ‚Kubo and the two strings‘ (2016)

Von einem neuen Film der Laika Studios erwarte ich nicht wenig. Mag ich doch ‚Coraline‘ sehr gerne und liebe geradezu ihre Hommage an den klassischen Horrorfilm, ‚ParaNorman‘. Mit Kubo begeben sie sich nun, sowohl thematisch, wie auch vom Setting her, in den Bereich des Samurai Films und des Anime. Man darf also erwarten, dass bei ‚Kubo‘ alles etwas epischer wird.

Anfangs lebt der einäugige Junge Kubo mit seiner tagsüber katatonischen Mutter in einer Höhle über einem kleinen Dorf. Hier verdingt er sich als Unterhalter, indem er mit seiner Shamisen, auf magische Weise, bunte Papiere zu Origami-Figuren formt und mit ihnen Geschichten erzählt. Vor allem die vom sagenhaften Samurai Hanzo. Nur mit deren Ende tut er sich schwer. Hanzo war nämlich sein Vater, der vom Mondkönig, dem Vater Kubos‘ Mutter, aus Eifersucht ermordet wurde. Der Mondkönig hat auch Kubos Auge gestohlen und will noch sein zweites. Deswegen muss Kubo jeden Abend vor Einbruch der Dunkelheit zurück in der Höhle sein. Als ihm dies einmal nicht gelingt wird er prompt von den Häschern des Mondkönigs gefunden, mit katastrophalen Folgen für seine Mutter. Ihm bleibt nichts anderes übrig als die Queste seines Vaters zu erfüllen. Gemeinsam mit einem Schneeaffen und einem Käfer-Samurai macht er sich auf die Suche nach einer legendären Rüstung, mit der er die himmlische Macht des Mondkönigs herausfordern kann.

Als Erstes komme ich nicht drumherum zu bemerken, was für ein wunderschöner Film ‚Kubo‘ ist. Damit meine ich nicht nur die brillant Stop-Motion Animation, auch das Figurendesign, die satte, brillante Farbgebung und das liebevolle, beinahe taktile Design der Schauplätze machen sowohl Szenen vor tiefroten Sonnenuntergängen, als auch in finsteren Gemäuern zu ästhetischen Prachtstücken. Laika haben die Stop-Motion auf ein Level gebracht, dass einerseits die physische „Greifbarkeit“ der Figuren bewahrt, andererseits qualitativ schwer von Computeranimation zu unterscheiden ist.

Die Queste auf die Kubo sich begeben muss erfindet sicherlich das Rad nicht neu und folgt sattsam bekannten Vorbildern, doch sind alle Charaktere  denen er begegnet so liebevoll umgesetzt, dass man sich sicherlich nie gelangweilt wird. Sei es die beschützerische aber leicht herrische Affendame, der Käfer-Samurai mit Amnesie oder auch die maskierten, unheimlichen Schwestern seiner Mutter. Selbst bei Charakteren, die keinerlei Dialog haben, wie einem gigantischen Skelett, schaffen es die Animationsmeister noch genug eigenes Profil zu verleihen, dass sie problemlos in Erinnerung bleiben.

Wie bei ihren anderen Filmen ist wieder einmal bemerkenswert, dass Laika, obwohl sie wissen, dass ihre Hauptzielgruppe Kinder sind, in keiner Weise Kompromisse bei ihrer Geschichte eingehen. Das zentrale Thema dieses Films ist Verlust und das wird, bei allem natürlich vorhandenen Humor, durchaus mit der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt. Der Film hat daher eine traurige Grundstimmung und schreckt nicht davor zurück auch einmal gruselig zu werden. Auch das Ende ist überraschend pointiert (und lässt mich ein wenig verwundert darüber zurück, wer sich den deutschen Titel ausgedacht hat).

Zu Beginn des Films fordert uns Kubo auf, nun ein letztes Mal zu blinzeln, damit wir im Folgenden nichts von der Handlung verpassen mögen. Dies tut er auch vor jeder seiner Vorstellungen im Dorf. Wenn Kubo also die Origami Figuren auf magische Weise ihre Geschichten austragen lässt, dann können wir davon ausgehen, dass Laika damit in gewisser Weise auch ihr Selbstverständnis präsentieren. Und tatsächlich gibt es wenige Studios, die auf ähnlich magische Weise eine animierte Welt lebendig werden lassen können, wie sie. Wenige aber eben nicht keine. Denn, ich habe es, an anderen Stellen, schon einige Male gesagt aber die Wiederholung lohnt sich, wir leben in einer absoluten Schlaraffenlandzeit für Animationsfreunde. Mit Aardman gibt es noch ein weiteres Studio, dass im Stop-Motion Bereich hervorragende (und gänzlich andere) Arbeiten abliefert, zusätzlich Filme wie ‚Mary Und Max‘ oder ‚Anomalisa‘, die Stop-Motion vornehmlich für Erwachsene liefern. Klassische Animation aus Japan und Europa, Computeranimiertes von überallher, die Auswahl ist riesig und die Qualität beinahe durchgängig hoch. Laika haben sich aber einen wiedererkennbaren, einzigartigen Stil geschaffen, an dem sie stetig weiter feilen und ihn verbessern. Ich erwarte mit Spannung, was sie als nächstes abliefern.

‚Kubo‘ ist absolut sehenswert. Nicht nur weil eine über 100 Jahre alte Technik auch heute noch optisch zu beeindrucken vermag, auch weil hier aus einer sattsam bekannten Handlung durch liebevolle Charakterzeichnung und thematische Stringenz das Beste herausgeholt wird. Sicherlich einer der besten Animationsfilme des letzten Jahres . Um zu sagen, ob es der Beste ist, müsste ich erst noch ‚Zootopia‘, öh, ich meine natürlich ‚Zoomania‘ und ‚Moana‘  Entschuldigung ‚Vaiana‘ schauen (alles in Ordnung bei Euch Disney? sind das geheime Botschaften? sollen wir Hilfe schicken?). Aber ich glaube erst mal hole ich ‚Die Boxtrolls‘ nach.

Gestern Gesehen: ‚Der Schamane und die Schlange‘ (OT: ‚El abrazo de la serpiente‘) (2015)

Der Kautschuk-Boom im Amazonasgebiet des frühen 20ten Jahrhunderts war für viele dort ansässige Indio-Stämme der grausige Schlussakkord einer Symphonie des Schereckens, die 500 Jahre zuvor mit der spanischen Eroberung begann. Durch perfide Schuldsklaverei wurden die Ureinwohner zu Tausenden in menschenunwürdige Arbeitsbedingungen gezwungen, die oftmals tödlich endeten. So verschwanden ganze Völker über deren genaue Lebensgewohnheiten wir nur sehr wenig wissen. Was wir wissen stammt aus den Aufzeichnungen von Forschungsreisenden, wie Theodor Koch-Grünberg oder Richard Evans Schultes, die auch den kolumbianischen Regisseur Ciro Guerra als Quelle der Inspiration für diesen Film gedient haben. Auch spielen fiktive Versionen beider Männer wichtige Rollen im Film, allerdings erleben wir ihn durch die Augen von Karamakate, einem Schamanen.

Am Ende der ersten Dekade des 20ten Jahrhunderts ist Karamakate (Nilbio Torres) ein zorniger, junger Mann. Er wähnt sich als den letzten seines Volkes und lebt in einer abgelegenen Hütte tief im Urwald. Eines Tages kommt Theodor von Martius (Jan Bijvoet) zu ihm, ein todkranker Naturforscher der Universität Tübingen. Er bittet um Hilfe bei der Suche nach der (fiktiven) Yakruna-Pflanze, von der er sich Rettung erhofft. Karamakate sieht zunächst keinen Grund ihm zu helfen, jedoch gelingt es Theo ihn zu überreden, indem er behauptet zu wissen, wo weitere Überlebende von Karamakates Stamm zu finden seien. Parallel erzählt der Film, wie in den frühen 40er Jahren Karamakates (Antonio Bolívar) Erinnerung erheblich nachlässt, er anscheinend seit Jahren an einer Zeichnung auf einem Stein arbeitet, an deren Ursprung er sich nicht mehr erinnern kann. Da kommt der US-Amerikaner Evan (Brionne Davis) zu ihm, der behauptet noch niemals geträumt zu haben. Er erhofft sich Abhilfe von der Yakruna Pflanze. Karamakate ist bereit ihn bei der Suche zu begleiten, auch wenn er den Weg nicht mehr weiß. In beiden Zeitlinien machen sich die Männer den Fluss hinauf auf den Weg.

Dualität spielt eine große Rolle in diesem Film. Jugend und Alter, Jaguar und Schlange, Vergänglichkeit des Menschen und Ewigkeit des Flusses, die Enthaltsamkeit Karamakates einerseits und die Gier der Kautschukbarone, die vernarbte Bäume und verstümmelte Menschen zurücklässt andererseits. In beiden Zeitlinien kommt die Gruppe in eine spanische Mission. In den 1910ern wird die von einem brutalen Mönch geleitet, der indianischen Kindern mit der Peitsche die „Wildheit“ austreiben will. In den 40ern ist daraus, nicht zuletzt durch das Eingreifen der ersten Gruppe, ein grausiger Totenkult rund um einen selbsternannten neuen Heiland und „Erlöser der Indianer“ geworden. Karamakate unterscheidet zwischen Menschen und „Chullachaqui“, die aussehen wie Menschen aber keine Erinnerung haben und keinen Weg die Welt zu verstehen.

Lieder und Geschichten können verschwinden, wenn jeder der sie kennt gestorben ist, Träume sind aber vielleicht ewig. Traum ist ein ganz wichtiges Wort, wenn man diesen Film begreifen möchte. Und so klischeehaft es klingt, er entwickelt eine traumhafte Atmosphäre. Vom ersten Moment an ist man als Zuschauer vom teilweise ohrenbetäubenden Geräusch des Dschungels umgeben, das durch die sparsame Musikuntermalung noch unterstützt wird. Auch die zunächst irrsinnig wirkende Idee den Urwald in schwarz-weißen Bildern einzufangen, ihn so seiner einmaligen, kräftigen Farben zu berauben unterstützt nur die Traumhaftigkeit. Alles bleibt immer ein wenig unklar. So sehen wir zwar, dass Karamakate seinen Körper bemalt hat, können jedoch nicht sicher sagen in welchen Farben. Bilder und Ton bilden gemeinsam eine Art allgegenwärtige Grundtextur vor der sich die Figuren bewegen, handeln, teilweise verschwimmen und einen umso tieferen Eindruck hinterlassen.

Auch wenn meine Beschreibung so klingen mag, ist der Film doch weit entfern von den Psychedelika eines Alejandro Jodorowsky. Er würde auch als ganz bodenständiger Abenteuerfilm funktionieren. Oder eher als Road-Movie bzw. dessen gemächlichere Variante, dem „River-Movie“ (den ich vielleicht gerade erfunden habe). Und genau hier ist es am ehesten möglich Verwandtschaften zu finden. Der Film erinnert sicherlich mehr als ein wenig an ‚Apocalypse Now‘ (eher noch die Buchvorlage ‚Heart of Darkness‘) und teilt die schwarz-weiße Ästhetik und einige Handlungselemente mit Jarmuschs ‚Dead Man‘. Allerdings ist es doch ein völlig anderer Film, da wir ihn aus der indigenen Perspektive Erleben, was vielleicht am ehesten mit Terrence Malicks ‚The New World‘ vergleichbar ist.

Bei allen Ähnlichkeiten bleibt ‚Der Schamane und die Schlange‘ aber etwas ganz eigenes, das die meisten Zuschauer so noch nicht gesehen haben dürften (ich hatte es jedenfalls nicht). Er ist zugleich surreal, unangenehm real in seiner Darstellung des Kautschuk-Booms und seiner Folgen und letztendlich unvergesslich. Ich kann kaum erwarten ihn noch einmal zu schauen. Die Oscar-Nominierung kann ich so zwar nachvollziehen aber ich denke, das ist nicht die Art von Film die ihn gewinnt. Ciro Guerra sagt der Film ist entstanden als er sich eine Karte seines Landes angesehen hat, die große Fläche, die das Amazonasgebiet darstellt und sich gefragt hat wie viele Völker mit ihrer Kultur, ihren Geschichten, ihren Ritualen hier verschwunden sind und ein großes Verlustgefühl gespürt hat. Dieses transportiert auch der Film, doch endet er mit einer mehr als hoffnungsvollen Note. Vielleicht finden wir nicht unbedingt immer das was wir wollen aber vielleicht ist es manchmal exakt was wir brauchen. Oder was ein anderer braucht.

Gestern Gesehen: ‚Wo die wilden Menschen jagen‘ (OT: ‚Hunt for the Wilderpeople‘) (2016)

Nachdem er vor 2 Jahren gemeinsam mit Jermaine Clement, einer Hälfte des Comedy-Duos „Flight of the Conchords“, die gelungene Vampir-Improvisations-Komödien-Pseudo-Dokumentation ‚5 Zimmer Küche Sarg‘ abgeliefert hat, meldet sich Taika Waititi nun mit dem erfolgreichsten, neuseeländischen Film aller Zeiten zurück. Nein, die späteren Peter Jackson Projekte zählen anscheinend nicht als neuseeländische Filme. Ja, ich habe mich das auch gefragt.

Der 12jährige Ricky Baker (Julian Dennison) ist ein mehrfach straffällig gewordener Fall für die Kinderfürsorge. Aus allen bisherigen Pflegefamilien ist er abgehauen, zumeist nach Sachbeschädigung, üblicherweise gegen Briefkästen. Am Anfang des Films nimmt ihn Bella (Rima Te Wiata) auf ihrer abgelegenen Farm als Pflegesohn auf. Sehr zum Unmut ihres mürrischen Ehemannes Hec (Sam Neill), einem introvertierten, schweigsamen Mann, der sich im Busch wohler als in der Zivilisation fühlt. Nach anfänglichen Problemen gelingt es Bella zu Ricky durchzudringen. Doch, in Folge eines katastrophalen Ereignisses soll Ricky wieder in die Obhut der Kinderfürsorge gegeben werden. Der täuscht daraufhin seinen Selbstmord vor und flieht in den Busch. Hec folgt ihm gezwungener Maßen. Durch einen Unfall müssen die beiden allerdings für mehrere Wochen im Urwald bleiben und finden sich daraufhin als Ziel einer nationalen Jagd wieder.

Vermutlich jeder, der mehr als 5 Filme in seinem Leben gesehen hat wird zumindest einen Teil der Handlung erahnen können. Zwei absolut unterschiedliche Menschen, beide mit ihren eigenen tiefliegenden Problemen sind gezwungen viel Zeit miteinander zu verbringen. Sicherlich kommen sie sich im Laufe der Ereignisse näher, doch Waititi umschifft geschickt einige der üblichen großen Tücken dieser Art von Geschichte. Er schafft es hier eine Geschichte zu erzählen, die zu gleichen Teilen lustig, dramatisch und traurig ist, ohne dass sich die Charaktere dafür verbiegen müssten. Sam Neill ist in Hochform und sein Hec ist ein kantiger, grantiger alter Mann, der trotz Settings und Hintergrunds, niemals an ‚Crocodile Dundee‘-Klischees erinnert. Deutlich bemerkenswerter noch ist aber Julian Dennison, dessen übergewichtiger, jugendlicher Möchtegerngangster, der irgendwo auf seinem Weg von einem Psychologen gelernt hat seine Gefühle in Haikus auszudrücken, trotz gelegentlicher Übertreibungen durchaus glaubwürdig daherkommt. Und ja, obwohl man sie sicher schon gesehen hat, ist die Annäherung zwischen diesem mürrischen, alten Mann und diesem „mir ist alles egal“ Problemkind sehenswert und anrührend. Selbst ein erstaunlich ausuferndes Action-Finale fühlt sich absolut verdient an.

Die Nebenfiguren hingegen sind oftmals völlig überzeichnet und damit ein steter Lieferant für den Humor des Films. Sei es die Beauftragte der Kinderfürsorge, die Ricky mit der Hartnäckigkeit eines Terminators verfolgt, ein Trio reichlich nutzloser Jäger, ein tief im Urwald lebender Verschwörungstheoretiker oder der Regisseur selbst als ausufernd salbadernder Priester.

Filmisch könnte man den Film als beinahe das genaue Gegenteil von ‚5 Zimmer Küche Sarg‘ beschreiben. Während der Film seine Handheld Aufnahmen völlig auf das Haus mit gelegentlichen, nächtlichen Ausflügen in enge Straßen beschränkt hat, ist hier die beeindruckende, neuseeländische Landschaft vom ersten Moment an ein zentrales Element. Die Verlorenheit des Menschen in dieser gigantischen Wildnis, insbesondere von jemandem, der so wenig darauf vorbereitet ist wie Ricky Baker, ist grundlegender Teil der Handlung, den Waititi hier in beeindruckende Landschaftsaufnahmen fasst.

Ich bin sicher man merkt es, aber es fällt mir bei diesem Film noch schwerer als sonst schon meine Begeisterung in Worte zu fassen. Wie es Waititi hier gelingt eine altbekannte Geschichte mit absurdistischen Elementen zusammenzubringen, die man wirklich nur noch als Farce bezeichnen kann, es ihm andererseits aber gelingt eine glaubwürdige Geschichte um zwei rund gezeichnete Charaktere zu erzählen ist ebenso beeindruckend, wie schwierig zu beschreiben. Nur ein Beispiel: klingt irgendetwas in meiner bisherigen Beschreibung danach, dass der Film eine verschneite Montage, zu Musik von Leonard Cohen enthält, die eindeutig eine Hommage an Robert Altmans revisionistischen Western ‚McCabe und Mrs. Miller‘ darstellt? Vermutlich nicht und dennoch ist sie da und fühlt sich nicht im geringsten deplaciert an. Das nebenbei die berühmt-berüchtigte „Chemie“ zwischen Dennison und Neill stimmt rundet den Film dann schließlich ab.

Ich mochte ‚5 Zimmer Küche Sarg‘ sehr, sehr gern. Und ich mag normalerweise keine Improvisations-Komödien. Ich fand diesen Film trotz oder gerade wegen seiner merkwürdigen, widerborstigen Zusammenstellung bekannter aber eigentlich inkompatibler Elemente ganz hervorragend. An diesem Punkt kann ich mich wohl als Fan von Taika Waititi bezeichnen, werde mich bemühen seine älteren Filme zu sehen und bin gespannt, ob ihm das scheinbar Unmögliche gelingt: einen Marvel-Thor-Film zu drehen, der auf mich nicht die Wirkung eines starken Schlafmittels hat. Das ist nämlich sein überraschendes nächstes Projekt: ‚Thor: Ragnarök‘. Ich frage mich, ob der dann auch einen dämlichen, deutschen Titel bekommt, wie es allen Waititi Filmen zu passieren scheint… ‚Thor: Riesenkloppe am Ende der Zeit‘ oder so.

Gestern Gesehen: ‚Hitchcock/Truffaut‘ (2015)

„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, das Interview-Buch (Erstauflage 1966) von Francois Truffaut über Hitchcocks gesamtes Schaffen ist vermutlich mein liebstes Buch über Film. Die beiden Filmemacher waren so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Truffauts Filme bildeten meist autobiographisch einen Teil seines Lebens ab, er war ein recht lockerer Stilist und ließ seinen Schauspielern gern größte Freiräume, schrieb sogar oft nachts seine Drehbücher nach ihren Vorstellungen um. Hitchcocks Themen waren niemals aus seinem Leben gegriffen, er plante jede Szene quasi mathematisch durch und betrachtete Schauspieler als zwar notwendiges, letztlich aber störendes, weil ihm gelegentlich widersprechendes, Element. Truffauts Buch ist vermutlich zu einem nicht unbedeutenden Teil dafür verantwortlich wie wir Hitchcock heute wahrnehmen. Eine Inspiration für das Buch war nämlich die ungläubige Reaktion, die Truffaut bei amerikanischen Filmkennern auslöste, als er auf die Frage nach seinem Lieblingsregisseur mit Hitchcock antwortete. Der mache doch nur plumpe, unrealistische Unterhaltung, ist kein „Auteur“, war die Antwort. Genau dies wollte Truffaut mit seinem Buch widerlegen. Hitchcocks katholisches Schuldverständnis, seine sadistischen und masochistischen Vorstellungen, all seine Obsessionen und Triebe sind für jeden erkennbar in jedem seiner Filme zu finden. Man muss nur genau hinschauen. Das er nebenbei auch noch ein geradezu genialer Innovator war, der die damals strengen Regeln des Films immer brutaler aufbrach weiß heute jeder zu berichten, ist aber in aller Ausführlichkeit zum ersten Mal in Truffauts Werk deutlich gemacht worden. Das bedeutendste Element des Buches ist aber wohl, dass es hier zwei absolute Experten geschafft haben ihre Ideen und Theorien in vollkommen verständlicher Weise, auch für den filmisch weitgehend unbelesenen Leser nachvollziehbar zu machen.

Was also bietet dieser Film, was das Buch nicht liefern würde? Nun das für mich Interessanteste war wohl einige der Aussagen Hitchcocks in seinem getragenen Duktus im Original, direkt von den Aufnahmen des tagelangen Interviews zu hören, unterlegt mit einer ganzen Reihe von Fotos, die während der Aufnahmen entstanden sind. Nebenbei hat der Film natürlich den Vorteil Erklärungen zu Szenen direkt mit den Szenen aus den jeweiligen Filmen unterlegen zu können anstatt mit Fotos arbeiten zu müssen. Andererseits kann der Film natürlich nur eine Handvoll der wichtigsten Filme abdecken. ‚Vertigo‘ und ‚Psycho‘ wird dabei der weitaus größte Raum gewährt. Dazu kommen dann noch die standardmäßigen „Talking Heads“ Interviews, wo man, neben den üblichen Verdächtigen für jede filmhistorische Doku (Martin Scorcese, Peter Bogdanovich, David Fincher) auch selten gesehenere Gäste findet, wie Olivier Assayas, Richard Linklater oder Kiyoshi Kurosawa. Dabei kommt, abseits des natürlich allgemeinen Respekts, der dem Altmeister gezollt wird teilweise wenig überraschendes (Wes Anderson ist von Hitchcocks minutiöser Planung angetan, wer hätt’s gedacht?) aber oftmals auch durchaus Spannendes zum Vorschein. Zum Beispiel, wie schwierig es in den 70ern war gewisse Hitchcock Filme zu sehen oder wie viel Anstrengung es viele Regisseure kostet Hitchcock nicht 1:1 zu zitieren. Spannend sind auch definitiv die Sequenzen, die das Augenmerk mehr auf Truffaut richten. Der hatte unter einem extrem strengen Vater zu leiden („Ich habe meine Kindheit als eine Zeit erlebt, die keine Fehler erlaubt“) und fühlte sich als Erwachsener oft zu älteren Künstlern hingezogen, wie Renoir, Rosselini oder eben schlussendlich Hitchcock. Eine Suche nach einer neuen Vaterfigur? Besonders spannend ist hier eine O-Ton Szene in der sich Hitchcock minutiös eine Szene aus ‚Sie küßten und sie schlugen ihn‘ schildern lässt und diese kritisiert. Daneben ist es sehr schön und vor allem sehr menschlich zu hören, wie viel Spaß die beiden Männer aber auch Übersetzerin Helen Scott bei dem Interview hatten, aus dem sich eine lebenslange Freundschaft zwischen den beiden Filmemachern entwickelte, die sogar soweit ging, dass sie sich ihre unfertigen Drehbücher gegenseitig schickten. So war es denn auch für Truffaut eine Herzensangelegenheit, nach dem Tode Hitchcocks 1980 eine erweiterte Version seines Buches zu veröffentlichen, die das Gesamtwerk des Meisters abdeckte. Es sollte ihm gelingen, bevor er 1984, mit nur 52 Jahren viel zu früh, verstarb.

Die größte Leistung, die der Film erbringt ist sicherlich die, dass er eine sehr große Lust auf das Buch macht. Andererseits weiß jemand, der mit dem Film überhaupt nichts anfangen konnte hinterher sicher, dass das Buch ebenfalls nicht überzeugen wird. Er ist zum Teil Verfilmung, zum Teil Hommage an das Buch, zum Teil aber auch ein eigener Zugang von Regisseur Kent Jones zu zwei Großen des Kinos des 20ten Jahrhunderts. Er kann (Und will!) das Buch nicht ersetzen, funktioniert aber als durchaus gelungene Ergänzung.

Erstaunlicherweise gibt es bisher keine deutsche Version der Dokumentation, die britische DVD kommt allerdings mit gutem Bild, 60 Minuten Bonus-Interviews und recht günstig daher (die UK-Bluray hingegen ist geradezu albern teuer).

Gestern Gesehen: ‚Shaun das Schaf – Der Film‘ (2015)

Shaun das Schaf – Der Film – die Besprechung – der erste Satz. Manchmal kann ich schon ein ziemlicher Idiot sein (auf allzu begeisterte Zustimmung darf gerne verzichtet werden). Ich mag die meisten Filme des Aardman Animations Studios. Ich mag Stop Motion Knetanimation und finde es recht sympathisch, dass sie nicht die Perfektion der Laika Studios erreichen, deren Produktionen, zumindest für mich, oft genug nicht mehr von Computeranimation unterscheidbar sind. Shaun hat seinen Ursprung natürlich im Klassiker ‚Wallace & Gromit unter Schafen‘ (1995) und hat seine eigene Fernsehserie. Und hier kommt meine Idiotie ins Spiel. Die Serie richtet sich an Zuschauer, die so viel jünger sind als ich, dass ich mir sicher war, der Film könne niemals meine Aufmerksamkeit für 80 Minuten in Anspruch nehmen. Es brauchte den Hinweis, dass es sich quasi um einen Stummfilm handelt, um mein Interesse zu wecken. So habe ich diesen unfassbar sympathischen Film erst jetzt mit 18 Monaten Verspätung gesehen. Selbst schuld, Trottel.

Shaun und seine Schafskollegen sind den ewigen Alltag auf der Farm leid. Einen Tag wollen sie frei haben. Shauns elaborierter Plan den Farmer abzulenken schlägt allerdings derart spektakulär fehl, dass der Farmer mit akuter Amnesie im Krankenhaus der entfernten Großstadt landet. Hütehund Bitzer macht sich eilig auf die Suche nach seinem Herrchen. Als die Situation auf der Farm immer mehr außer Kontrolle gerät, macht sich auch Shaun auf den Weg in die Stadt, alsbald gefolgt von allen anderen Schafen. Hier haben sie nicht nur Probleme mit der unbekannten Umgebung, sondern vor allem mit Tierfänger Trumper (huh), dessen erklärtes Ziel es ist illegale Tiere mit allen Mitteln aus der Stadt zu schaffen, ganz egal, was dann mit ihnen geschieht (huuuuh). Es ergeben sich eine Reihe großartiger Slapstick Momente.

Das dialogfreie Erzählen ist sicherlich eine der Königsklassen des visuellen Mediums Film. Charlie Chaplin und Buster Keaton trugen eine Zeitlang einen inoffiziellen Wettkampf aus, wer einen Film mit weniger Zwischentiteln drehen könnte. Kinetische Feuerwerke, wie ‚Fury Road‘ oder ‚Apocalypto‘ würden vermutlich auch ganz ohne Dialoge genauso gut funktionieren. Shaun erreicht nicht ganz die Königsklasse und geht einen etwas anderen Weg. Er verzichtet auf einen allzu stringenten Handlungsfaden (von „wir wollen den Farmer zurück“ abgesehen) und entwirft brillante Einzelszenen, die sicher auch für sich funktionieren würden unter Titeln wie „Im Krankenhaus“ oder „Im Restaurant“. Eine allzu große Entwicklung der Figuren darf man also nicht erwarten. Stattdessen konzentrieren sich Aardman und die Regisseure Mark Burton und Richard Starzak auf das, was sie am besten können: Slapstick.

Slapstick ist seit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts eine aussterbende Kunst. Die bereits erwähnten Chaplin und Keaton aber auch andere Vertreter, wie Laurel & Hardy oder die Stooges haben alle ihre Zeit vor den 50ern gehabt. Sicherlich, auch in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts gab es Filme, die Slapstick-Elemente nutzten (Bud Spencer-Filme z.B.) aber der einzig wirklich große Vertreter war Jackie Chan, der fernöstlichen Kampfsport perfekt mit Slapstick-Humor verband. Jetzt scheint der „Leiter auf der Schulter“ Humor seinen Platz endgültig nur noch in der Animation zu haben. Und hier funktioniert er für mich nirgendwo besser als bei Aardman. Das liegt vielleicht daran, dass ihre Knetmodelle noch ein gewisses Maß mehr an Greifbarkeit mitbringen, als das reine Animationscharaktere können.

So geizt der Film auch nicht mit Anspielungen auf die Altmeister des Slapstick. Aber auch die eigene Studiogeschichte erhält ihre Hommagen. So erinnert der Plan am Anfang, die Farm für einen Tag stillzulegen, an die Fluchtpläne der Hühner aus ‚Chicken Run‘ und die Beziehung zwischen dem Farmer und Hund Bitzer erinnert natürlich an ‚Wallace & Gromit‘ (der eine (hier im wahrsten Sinne des Wortes) ein Träumer, der andere rettet die Situation mit gesundem Hundeverstand) obwohl die eigentlichen Charaktere durchaus unterschiedlich sind. Auch allerlei andere mehr oder weniger offensichtliche Anspielungen sind im Film zu entdecken. Das z.B. nach dem Verschwinden des Farmers ausgerechnet die Schweine ins Farmhaus ziehen, dürfte nicht nur für Leser George Orwells‘ wenig überraschend kommen.

Die Darstellung Trumpers zwischen albernem Gernegroß und tödlicher Gefahr (mal wieder: huuuuuuh) ist recht effektiv und er wird zu einem ernstzunehmendem Widersacher für die doch sehr hilflosen Schafe. Der emotionale Kern des Films ist aber die Amnesie des Farmers und die Versuche seiner Tiere diese zu brechen. Aber, wie gesagt, meiner Meinung nach nimmt die Handlung eine weitaus weniger bedeutende Stellung ein als die wunderbaren Slapstick-Szenen. Shaun (und Wallace & Gromit) Erfinder Nick Park hat übrigens einen (Knet-)Cameoauftritt als Vogelbeobachter, der von einem Taubenpaar als Spanner fehlinterpretiert wird.

Für Freunde gelungener Claymation und hervorragenden Slapsticks unumwunden zu empfehlen.

Gestern Gesehen: ‚Matinee‘ (1993)

Joe Dante hat ja schon aufgrund der ‚Gremlins‘ Duologie einen dauerhaften Platz auf meiner Liste cooler Leute sicher. Da kam es für mich etwas überraschend, als ich vor einigen Wochen, in einem Nebensatz einer Besprechung eines anderen Films, von ‚Matinee‘ las. Dante hat Anfang der Neunziger eine Liebeserklärung an die Monsterfilme der 50er und 60er gedreht? Mit ebenfalls „coole Leute“ Listen Dauerbrenner John Goodman? Und die ist bis heute an mir vorbei gegangen? Okay, damals als der Film rauskam hätte ich mit dem Thema vermutlich nicht wahnsinnig viel anfangen können, doch dass er mir fast 25 Jahre entgangen ist wundert mich dann doch.

Gene Loomis (Simon Fenton) und sein kleiner Bruder Dennis (Jesse Lee) sind im Oktober 1962 mit ihren Eltern frisch auf die Navy Basis in Key West gezogen. Ihr Vater ist Besatzungsmitglied auf einem Schiff vor Kuba, als die Raktenkrise ausbricht. Wir begleiten Gene dabei, wie er neue Freunde findet, sich in die Freidenkerin Sandra (Lisa Jakub) verliebt und plant den neuen(!) sensationellen(!) Film von B-Movie König Lawrence Woolsey (John Goodman) zu sehen. ‚Mant!‘ („Half man, half ant, all Terror!“) wird von Woolsey persönlich im lokalen Kino präsentiert, in „Atomo-Vision!“ und „Rumble-Rama!“. Was die Jugendlichen nicht wissen, ist das Woolseys finanzielle Zukunft vom Erfolg dieses Films abhängt. Natürlich ist fraglich, ob es überhaupt eine Zukunft geben wird, scheint doch die nukleare Apokalypse beinahe sicher.

In der ersten Hälfte baut der Film eine ganze Menge Handlungsstränge auf. Gene, der neue Freundschaften schließt, unter anderem mit Woolsey, und sich verliebt. Sein Kumpel Stan, seinerseits verliebt in Sherry, die einen brutalen aber poetisch begabten bemühten Exfreund hat, den Woolsey später unwissend anheuert. Der goldfischliebende und paranoide Kinobesitzer Howard (Robert Picardo), der schon seinen ein-Mann-Bunker unter dem Kino vorbereitet hat. Und last but alles andere als least Lawrence Woolsey selbst. Der Film beginnt jedes Mal zu leuchten, wenn Goodman, dieses gigantische Bündel reinen Charismas, eine Szene betritt. Woolsey ist eine Hommage an eine ganze Reihe von B-Movie Produzenten, die ihre Filme für den berühmten Appel und ’n Ei gedreht haben und dann ihre Showman-Qualitäten genutzt haben, um sie zu verkaufen. Allen voran hier sicher William Castle, der bekannt dafür war seine Filme im Kino selbst mit allerlei Gimmicks aufzubessern. Darsteller, verkleidet als das Filmmonster, die durch die Reihen streunen sind da noch das Mindeste. Dies treibt Woolsey mit seinen gigantischen Apparaten, die ihrerseits aus einem Monsterfilm zu stammen scheinen und das ganze Kino zum Wanken bringen, auf die Spitze. In der zweiten Hälfte dann kommen sämtliche Handlungsstränge im Kino mit ‚Mant!‘ als Fokuspunkt zur Krise. Das Finale, sowohl des Films im Film, als auch des Films selbst mag dem einen oder anderen zu viel sein, ich fand es verdient und gut.

Der Film stellt den realen Schrecken der nuklearen Vernichtung und den fiktiven (aber ebenfalls nuklearen) Schrecken eines gigantischen Monsters gegenüber. Die Idee eines Atomschlags ist zwar einerseits real, doch andererseits so unvorstellbar irrwitzig, dass reale und fiktive Ideen verschwimmen. Filme, selbst ein billiger B-Movie, wie ‚Mant!‘, sind niemals reiner Eskapismus. Können nie reiner Eskapismus sein, denn, wie Woolsey im Film darlegt, jedem Kino-Schrecken muss immer eine Realität zugrunde liegen, am besten eine Realität, die für das Publikum bedeutsam ist, damit der Film seine größtmögliche Wirkung entfalten kann. Jenes Wochenende im Oktober 1962 wurde somit für Leute, die es erlebt haben, wie Joe Dante, zu einer ganz eigenen Art von halb realem, halb irrealen Erlebnis, an dessen Ende nur klar war, dass auf einmal das schon verloren geglaubte Leben wieder vollständig unbekannt vor ihnen liegt.

Der Film bringt mehrere sehr große Lacher mit und ich könnte mich an keinen Moment erinnern, in dem ich nicht zumindest ein kleines Grinsen im Gesicht gehabt hätte. Geschickt schafft es Dante hier teilweise doch sehr nostalgisch verbrämte Momente mit dem düsteren Grundthema der Kuba-Krise zu vereinen und schafft so einen Film, der sich tatsächlich anfühlt, wie eine persönliche Erinnerung an eine Zeit, die ich selbst nie erlebt habe. Nicht nur die Monster Filme, der 50er und 60er werden hier liebevoll auf den Arm genommen, auch die Disney Komödien der 60er, die erstaunlich oft einen besessenen Haushaltsgegenstand zum Thema hatten (der bekannteste Vertreter dürfte wohl Käfer „Herbie“ sein), bekommen eine Ladung wohlwollenden Spottes ab. ‚Gremlins‘ wird er zwar nicht vom Thron stürzen können aber ich bin mir sicher, dass ich die 60er Jahre in Key West noch das eine oder andere mal besuchen werde. bleibt nur die Frage, wie er es geschafft hat fast 25 Jahre lang meiner Aufmerksamkeit zu entgehen.