Kurz und schmerzlos 33: ‚Rebooted‘ (2020)

Altern, das ist für viele im Filmgeschäft immer noch der größte Alptraum. Bedeutet es doch oft genug, dass plötzlich die Rollen ausbleiben. Phil kann davon ein Lied singen. Phil war einmal ein gefürchtetes Kino-Monster, als Skelettkönig in einem alten Sandalenschinken (in direkter Anspielung auf Ray Harryhausens Stop-Motion-Skelette in ‚Jason und die Argonauten‘). Doch heute? Heute ist er nur noch ein veralteter Spezialeffekt, der niemanden mehr vom Hocker haut, geschweige denn Rollen bekommt. Doch als Phil bemerkt, dass SEIN Film ein Reboot bekommt, bei dem er durch einen Typen im Motion-Tracking-Suit ersetzt wird, da geht es zu weit. Irgendetwas muss Phil unternehmen!

Autor/Regisseur Michael Shanks präsentiert uns hier in 13 wortlosen, aber liebevoll animierten Minuten eine schöne Parabel nicht nur auf das Altern, sondern auch auf Hollywoods Reboot und Erneuerungswahn. Wunderbar spektakulär unspektakulär. Nicht nur für Fans von Stop-Motion. Die bekommen aber noch ein nettes Making Of oben drauf!

Kurz und schmerzlos 32: ‚Meet Jimmy‘ (2018)

Wenn es nach den Ideen des Horrors geht, dann sind uns die übernatürlichen Schrecken immer mindestens einen Schritt voraus. Auch im technologischen Rennen. Sie haben auf Tonbänder geflüstert, sich in den rauschig-faserigen Ecken des VHS-Bildes versteckt, geistern über Websites, soziale Medien und durch Zoom-Konferenzen und wenden die überkomplexe Elektronik moderner Autos gegen uns. Und als der erste Urmensch das erste Feuer anzündete, um den Schrecken der Finsternis zu vertreiben, da lauerten bereits die Ideen von grausigen Feuergeistern im trockenen Reisig.

In ‚Meet Jimmy‘ lassen uns Autor Tim Koomen und Regisseur David-Jan Bronsgeest uns nun dem Schrecken im ubiquitären Podcast begegnen. Genau genommen im durchaus seltsamen Genre des „True Crime“ Podcasts. Der spielte schon am Rande von ‚Halloween‘ (2018) eine kleine aber entscheidende Rolle, doch hier nun rückt er in den Mittelpunkt.

Die Idee ist originell, die Umsetzung hingegen lässt direkte Einflüsse, von ‚Ring‘ bis ‚Nightmare On Elmstreet‘ erkennen. Allerdings setzt Bronsgeest das hier ins einen kaum sieben Minuten derart stimmungsvoll um, alles bis runter zum Bildformat unterstützt die Klaustrophobie des Moments, den Hauptfigur Jennifer (Sem de Vlieger) hier erlebt. Ob Jimmy „Twofingers“ nun zum Spielfilmschurken taugt, wie sich Bronsgeest das wünscht, darüber kann man sicher streiten, doch hier im Kurzfilm funktioniert es sehr gut.

Kurz und schmerzlos 31: ‚Milk Teeth‘ (2020)

Ich muss gestehen, ich fand den modernen, anglophonen Mythos der Zahnfee (erste Erwähnungen tauchen erst am Anfang des 20ten Jahrhunderts auf) schon immer reichlich merkwürdig. Was ist das für eine Wesenheit, die nachts umgeht und tote Zähne gegen pekuniäre Belohnungen eintauscht? Und wichtiger, was will sie mit all den Beißern?! Ich bin direkt froh, als Kind nie davon gehört zu haben. So konnte ich mit meinen Milchzähnen ganz normal umgehen und eine Streichholzschachtel mit ihnen füllen. Das… das ist normal, oder?

Regisseur Felipe Vargas nimmt diesen an sich schon reichlich merkwürdigen Mythos und verdreht ihn für seine Abschlussarbeit an der University of Southern California noch ein wenig weiter. Man kann dem Film vermutlich einiges vorwerfen, das etwas müde Waisenhaus-Setting, den übermäßigen Einsatz von Filtern und ein eher vorhersehbares Ende. Das macht er aber wett mit einiger Atmosphäre und dem absoluten Willen, sein Publikum da zu treffen, wo es weh tut. So beginnt der Film mit der Nahaufnahme eines Jungen, der sich einen Milchzahn mit Zahnseide quasi heraussägt, mit einem derart effektiven Sounddesign, das vermutlich jedem ein „ughugh!“ entlockt. Insgesamt setzt der Film auf gelungene praktische Effekte und, für einen Film dieser Größenordnung, beeindruckende Produktionsqualitäten.

Kurz und schmerzlos 30: ‚Patty Are You Bringing Weed In From Jamaica?‘ (2020)

Die Frage im Titel von Matthew Saltons ungewöhnlicher Kurzdoku kann man mit einem definitiven Ja beantworten. Patty ist heute Ende 70, 1968 hat sie gut 400 Kilo Gras von Jamaica nach Florida geschmuggelt und darf somit wohl als eine der ersten weiblichen Großschmugglerinnen gelten. Denn damals war das Cannabisgeschäft alles andere als organisiert und „Amateur“-Schmuggel nicht ungewöhnlich. Patty erzählt ihre sympathische Geschichte, wie sie mehr oder weniger aus Zufall den Deal aushandelte, sogar hinter dem Rücken ihres Freundes, der eigentlich selbst Gras besorgen wollte.

Zu dieser allein schon interessanten Geschichte kommt die im typisch psychedelischen Stil der späten 60er gehaltene Animation, die sie unterlegt. 10 unterhaltsam verbrachte Minuten. Aber nicht nachmachen!

Kurz und schmerzlos 29: ‚Alma‘ (2009) und ‚Knick Knack‘ (1989)

Beginnen wir heute mit ‚Alma‘ von Rodrigo Blaas. Der Spanier begann als Animator bei ‚Ice Age‘ 2002, bevor er zu Pixar wechselte und an Filmen wie ‚Wall-E‘ und ‚Oben‘ mitgearbeitet hat. 2009 veröffentlichte er seinen, quasi im Alleingang geschaffenen, animierten Kurzfilm ‚Alma‘. Eine nette Wintergeschichte mit einem doch recht finsteren Twist, in dem ein kleines Mädchen in einem Laden eine Puppe entdeckt, die genau so aussieht wie sie selbst. Natürlich muss sie die haben. Doch das gestaltet sich schwierig.

Wem das jetzt in der Vorweihnachtszeit zu finster ist, für den habe ich noch ‚Knick Knack‘ mitgebracht. Der sechste Kurzfilm von ‚Pixar‘, sechs Jahre bevor sie mit ‚Toy Story‘ den animierten Spielfilm revolutionierten. Tatsächlich fühlt sich ‚Knick Knack‘ ein wenig wie ein „proof of concept“ für ‚Toy Story‘ an (und wer wirklich will, kann vielleicht auch schon die Idee für ‚Findet Nemo‘ sehen). Sowohl was das Technische als auch den Einsatz von Plastikfiguren als Charaktere angeht. Die Handlung ist simpel, allerlei Touri-Nippes feiert eine Party, nur ein Schneemann kann nicht dabei sein, weil er in seine Schneekugel eingesperrt ist. Seine Ausbruchsversuche sind eindeutig von Looney Tunes inspiriert. Die Technik wirkt heute natürlich krude (dabei handelt es sich schon um eine „remastered“-Version), 1989 hätte sie mich aber vermutlich nicht nur vom Hocker, sondern aus dem Ohrensessel gehauen.

Kurz und schmerzlos 28: ‚Quiet Carriage‘ (2019)

Wir waren vermutlich alle schon mal in der Situation. Im Zug, ob nun im Ruhebereich oder nicht, telefoniert jemand enervierend laut, hört seine Mucke über noisecancelling headphones, die alles canceln nur nicht das noise, im schlimmsten Fall muss gar ein Influencer sein Vlog aufnehmen. Nun, in Ben Hydlands Kurzfilm ist es das Telefongespräch von Emma Sidis Misha, das Protagonist Derek (Amit Shah) fast verrückt macht. Aus dieser alltäglichen Situation entwirft der, während er überlegt, ob er etwas sagen soll oder nicht, eine Vision über den zukünftigen Verlauf seines Lebens. Und auch wenn die mit Applaus endet ist sie für ihn nicht schön. Für uns als Zuschauer aber umso unterhaltsamer.