Kurz und schmerzlos 27: ‚Hot Dog‘ (2020)

Oha, der letzte „kurz und schmerzlos“ Beitrag war auch schon wieder im Februar. Ich glaube davon wollte ich dieses Jahr eigentlich mehr bringen. Klappt ja wieder mal toll mit den Vorsätzen…

Wurscht, hier ist jedenfalls mal wieder ein schöner Kurzfilm. Von Patrick Muhlberger, den Aufmerksame mit geradezu erschreckend gutem Gedächtnis aus dem 21sten „Kurz und schmerzlos“ mit dem grandiosen ‚The Katy Universe‘ kennen könnten. ‚Hot Dog‘ ist deutlich bodenständiger als der Film, aber immer noch ziemlich abgefahren. Eine Gruppe Kollegen entdeckt auf dem Weg von der Mittagspause zurück ins Büro einen bei großer Hitze im Auto eingesperrten Hund. Der frisch beförderte Vorgesetzte Patrick ist der Meinung er sollte die Lage unter Kontrolle haben. Hat er aber nicht und sie eskaliert in den 9 Minuten des Films erheblich und unterhaltsam.

Muhlberger inszeniert diese Minuten als One-Shot und die mehr und mehr herumwirbelnde Kamera unterstreicht Patricks steigenden Stresslevel. Dabei ist es erstaunlich wie gut hier ohne Schnitte das wichtigste einer komischen Situation gelingt: das Timing. Ich frage mich, wie oft die Szene gedreht wurde, da den Schauspielern durchaus einige Energie abverlangt wird.

Hier jedenfalls ist ‚Hot Dog‘:

Kurz und schmerzlos 26: ‚Sew Torn‘ (2019)

Zeit mal wieder einen Kurzfilm vorzustellen. Zum heutigen Film ‚Sew Torn‘ habe ich ehrlich gesagt nicht viel zu sagen. Es ist kein wahnsinnig tiefer Film, aber für seine knapp 6 Minuten durchweg unterhaltsam. Eine Näherin (in ihrem Nähmobil) stößt auf die Überreste einer wilden Actionszene aus einem anderen Film. Blutige Leichen und kaputte Motorräder liegen am Straßenrand. Zwei Männer leben schwer verletzt noch und scheinen hinter einem Koffer her. Was ist zu tun? Die Antwort kommt definitiv überraschend.

Noch überraschender ist vielleicht nur, dass Freddy MacDonald, der Autor/Regisseur hinter dem Film gerade einmal 19 Jahre alt ist. Wenn ich so überlege, was ich mit 19 zu Wege gebracht habe, dann wirkt der Film nur umso beeindruckender…

Kurz und schmerzlos 25: ‚We Summoned A Demon‘ und ‚Luisa and Anna’s First Fight‘

Es ist endlich mal wieder Zeit für Kurzfilme. Und weil es so lange keine gab, gibt es heute gleich zwei. Fangen wir mit Chris McInroys ‚We Summoned A Demon‘ von 2017 an. Zwei Typen versuchen sich an einem finsteren Ritual, das sie cooler machen soll. Das schlägt spektakulär fehl, wenn sie stattdessen, der Titel lässt es ahnen, einen Dämon beschwören. Der Film bietet 80er Jahre Atmosphäre mit praktischen Effekten, etwas zu viel Kunstblut, einem Dreh, der sich, wie es sich für eine billige direct to video Produktion gehört, vollständig in einem Lagerhaus abspielt. Dazu diese Purpur/Pink/Blau Beleuchtung (gibt es dafür eigentlich einen Fachbegriff?), die nach 80ern aussieht, aber ehrlich gesagt ziemlich modern ist (siehe etwa ‚Neon Demon‘ oder ‚Mandy‘). Daraus macht McInroy fünf durchaus unterhaltsame Minuten.

 

Als nächstes haben wir Lena Tsodykovskayas ‚Luisa and Anna’s First Fight‘ von 2019. Luisa und Anna sind zwei Teenagerinnen auf der Suche nach einem Kampf, den es womöglich gar nicht gibt. Aber wenn es ihn nicht gibt, dann muss man ihn halt erfinden. Denn genau wie die beiden Typen aus dem ersten Film wären Luisa und Anna gern cool. Beschwören dafür zwar keinen Dämon, richten aber durchaus auch Unheil an. Auch der Film kommt mit einer nostalgischen Retrostimmung daher (man beachte die Abwesenheit von Smartphones) und lebt vor allem von seiner montageartigen Inszenierung, der Musik und vor allem der Chemie der beiden Hauptdarstellerinnen Olivia Taylor Cruz und Allison Moses.

 

Ich hoffe es war etwas für Euch dabei und, dass es nicht wieder so lange bis zum nächsten kurz & schmerzlos dauert. Ich meine, letztlich habe ich da die volle Kontrolle drüber und müsste nicht hoffen, sondern könnte morgen den nächsten posten, aber Ihr wisst was ich meine. Und falls nicht ist das auch in Ordnung. Vermutlich sogar besser.

Kurz und schmerzlos 24: ‚The Ordinary‘ (2016) – ganz normaler Drachentöter

9 Minuten dauert der dialogfreie Kurzfilm der Brüder Julien und Simon Dara. Ein wenig fühlt er sich wie ein Epilog an. Ein ganz normaler Garten, in einer ganz normalen Vorortsiedlung an einem ganz normalen Tag. Ein ganz normaler Typ hat offenbar soeben einen Drachen besiegt. Die Bestie wütet in Todesqualen, er ist blutüberströmt und erschöpft. Was in der zweiten Hälfte des Films geschieht ist überraschend genug um es nicht zu verraten.

Erklärungen für den Drachen liefert uns der Film auch keine. Und da wir als Zuschauer „zu spät gekommen sind“, um zu sehen was er wirklich ist, eröffnet er sich natürlich für allerlei Interpretation. Der Drache als monströses Wesen, das in tiefen Höhlen haust und dann in den Himmel fliegt, die offensichtliche Verbindung zwischen dem Unteren und dem Oberen, des Unterbewusstseins und des Bewusstseins. Vielleicht hat der Mann einen schweren Moment in seinem Leben überstanden, sich von einem schädlichen Einfluss befreit. Wir wissen es nicht, wir sehen nur, wie er damit umgeht.

Kurz und schmerzlos 23: ‚Staycation‘ (2018)

Lehrerin Jill und Grafikdesigner Peter haben geheiratet. Und nun geht es in die Flitterwochen. Im Zelt. Im Wohnzimmer. Regisseur Tim Wilkime beweist das man alles, wirklich alles, was man im Urlaub erleben kann, auch während einer ‚Staycation‘ „genießen“ darf. Eine bodenständige, liebenswerte Erzählung, die die Darsteller Britt Lower und Avery Monsen um zwei glaubwürdige Charaktere ergänzen.

Vielleicht ein dringend benötigte, frische Impuls im reichlich formelhaften Genre der romantischen Komödie.

PS: Vimeo behauptet der Film sei „nicht jugendfrei“. Ich wäre schwer interessiert zu hören, was dafür verantwortlich sein könnte.

Kurz und schmerzlos 22: ‚Necktie‘ (2013)

Beinahe fühlt man sich in dem 90 Sekundenfilm von Yorgos Lanthimos (‚Dogtooth‘, ‚The Lobster‘, ‚The Killing of a Sacred Deer‘) wie in Stanley Kubricks ‚Barry Lyndon‘. Direkt von einem Bild aus dem 18. oder 19. Jahrhundert entsprungen, wirkt die Szenerie. Zwei Duellanten im Vordergrund, dahinter ein mächtiger Baum, durch dessen Zweige das morgendliche Sonnenlicht golden flittert. Die Sekundanten stehen aufmerksamer Pose daneben. Das Taschentuch des Schiedsrichters fällt, Rauch steigt fast romantisch auf, ein Mensch fällt zu Boden und haucht, ein Baudelaire-Zitat auf den Lippen, das Leben aus.

Doch etwas ist anders als auf diesen Bildern. Alle Beteiligten sind Kinder. Die Duellanten sind Duellantinnen, vielleicht 12 Jahre alt in Schuluniform, ebenso alle anderen. Dadurch erhält die Szenerie natürlich etwas gewollt inszeniertes, etwas surreales. Wird weniger Kubrick und mehr Wes Anderson. Und doch, weiß sicherlich auch Lanthimos, dass Kinder mit Schusswaffen als pure Karikatur kaum taugen, zu sehr haben wir alle die Gedanken an exzessive Schusswaffengewalt in  Schulen im Sinn, die durch die Uniformen höchstens noch verstärkt werden.

Was will er uns also damit sagen? Vielleicht hilft es zu wissen, dass der Film Teil einer Reihe über die Zukunft des Kinos war. Deutet Lanthimos also an, dass Kino inszeniert dieselben uralten Ideen, nur mit wechselnden Protagonisten, jetzt wo Hollywood langsam lernt, dass der Held nicht zwangsläufig ein weißer Mann sein muss? Ist es eine direkte Reaktion auf die 2013 so beliebten dystopischen Jugendfilme, allen voran ‚Die Tribute von Panem‘? Eine Vorhersage, dass auch dieses Genre verholzten Regeln erliegen wird? Letztlich starb es schneller, als viele gedacht hätten, womöglich genau an seiner Gleichförmigkeit. Oder ist es wieder nur ein weiterer Versuch mit „albernem Sadismus“ zu schockieren, wie ihm seine Kritiker öfter vorwerfen?

Am Ende entscheidet Ihr natürlich, was er für Euch bedeutet.