Kurz und schmerzlos 24: ‚The Ordinary‘ (2016) – ganz normaler Drachentöter

9 Minuten dauert der dialogfreie Kurzfilm der Brüder Julien und Simon Dara. Ein wenig fühlt er sich wie ein Epilog an. Ein ganz normaler Garten, in einer ganz normalen Vorortsiedlung an einem ganz normalen Tag. Ein ganz normaler Typ hat offenbar soeben einen Drachen besiegt. Die Bestie wütet in Todesqualen, er ist blutüberströmt und erschöpft. Was in der zweiten Hälfte des Films geschieht ist überraschend genug um es nicht zu verraten.

Erklärungen für den Drachen liefert uns der Film auch keine. Und da wir als Zuschauer „zu spät gekommen sind“, um zu sehen was er wirklich ist, eröffnet er sich natürlich für allerlei Interpretation. Der Drache als monströses Wesen, das in tiefen Höhlen haust und dann in den Himmel fliegt, die offensichtliche Verbindung zwischen dem Unteren und dem Oberen, des Unterbewusstseins und des Bewusstseins. Vielleicht hat der Mann einen schweren Moment in seinem Leben überstanden, sich von einem schädlichen Einfluss befreit. Wir wissen es nicht, wir sehen nur, wie er damit umgeht.

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Kurz und schmerzlos 23: ‚Staycation‘ (2018)

Lehrerin Jill und Grafikdesigner Peter haben geheiratet. Und nun geht es in die Flitterwochen. Im Zelt. Im Wohnzimmer. Regisseur Tim Wilkime beweist das man alles, wirklich alles, was man im Urlaub erleben kann, auch während einer ‚Staycation‘ „genießen“ darf. Eine bodenständige, liebenswerte Erzählung, die die Darsteller Britt Lower und Avery Monsen um zwei glaubwürdige Charaktere ergänzen.

Vielleicht ein dringend benötigte, frische Impuls im reichlich formelhaften Genre der romantischen Komödie.

PS: Vimeo behauptet der Film sei „nicht jugendfrei“. Ich wäre schwer interessiert zu hören, was dafür verantwortlich sein könnte.

Kurz und schmerzlos 22: ‚Necktie‘ (2013)

Beinahe fühlt man sich in dem 90 Sekundenfilm von Yorgos Lanthimos (‚Dogtooth‘, ‚The Lobster‘, ‚The Killing of a Sacred Deer‘) wie in Stanley Kubricks ‚Barry Lyndon‘. Direkt von einem Bild aus dem 18. oder 19. Jahrhundert entsprungen, wirkt die Szenerie. Zwei Duellanten im Vordergrund, dahinter ein mächtiger Baum, durch dessen Zweige das morgendliche Sonnenlicht golden flittert. Die Sekundanten stehen aufmerksamer Pose daneben. Das Taschentuch des Schiedsrichters fällt, Rauch steigt fast romantisch auf, ein Mensch fällt zu Boden und haucht, ein Baudelaire-Zitat auf den Lippen, das Leben aus.

Doch etwas ist anders als auf diesen Bildern. Alle Beteiligten sind Kinder. Die Duellanten sind Duellantinnen, vielleicht 12 Jahre alt in Schuluniform, ebenso alle anderen. Dadurch erhält die Szenerie natürlich etwas gewollt inszeniertes, etwas surreales. Wird weniger Kubrick und mehr Wes Anderson. Und doch, weiß sicherlich auch Lanthimos, dass Kinder mit Schusswaffen als pure Karikatur kaum taugen, zu sehr haben wir alle die Gedanken an exzessive Schusswaffengewalt in  Schulen im Sinn, die durch die Uniformen höchstens noch verstärkt werden.

Was will er uns also damit sagen? Vielleicht hilft es zu wissen, dass der Film Teil einer Reihe über die Zukunft des Kinos war. Deutet Lanthimos also an, dass Kino inszeniert dieselben uralten Ideen, nur mit wechselnden Protagonisten, jetzt wo Hollywood langsam lernt, dass der Held nicht zwangsläufig ein weißer Mann sein muss? Ist es eine direkte Reaktion auf die 2013 so beliebten dystopischen Jugendfilme, allen voran ‚Die Tribute von Panem‘? Eine Vorhersage, dass auch dieses Genre verholzten Regeln erliegen wird? Letztlich starb es schneller, als viele gedacht hätten, womöglich genau an seiner Gleichförmigkeit. Oder ist es wieder nur ein weiterer Versuch mit „albernem Sadismus“ zu schockieren, wie ihm seine Kritiker öfter vorwerfen?

Am Ende entscheidet Ihr natürlich, was er für Euch bedeutet.

Kurz und schmerzlos 21: ‚The Katy Universe‘ (2018)

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant. Aber dann ist mir Patrick Muhlbergers Kurzfilm ‚The Katy Universe‘ über den Weg gelaufen und mir war klar, dass ich den so schnell wie möglich posten muss.

Katy (Mary Holland) ruft nach der Hochzeitsfeier einer Bekannten bei ihrer lange vergangenen High School Beziehung an. Irgendwo zwischen zu viel Alkohol und Koks und einer existenzialistischen Panikattacke entspinnt sie einen Monolog über den Abend und ihr Leben. Oh, und die Tatsache, dass sie während einer Bollywood-Tanznummer womöglich Superkräfte entwickelt haben könnte.

Holland legt zu gleichen Teilen Glaubwürdigkeit, Energie und Humor in ihre Darstellung und wird unterstützt von einer wahnsinnig kinetischen Kameraarbeit, die die vermutlich notwendige Choreografie zwischen Crew und Darstellern nur erahnen lässt. Muhlberger liefert hier einen unglaublich unterhaltsamen Film ab, der seine 10 Minuten wie im Flug vergehen lässt.

Kurz und schmerzlos 20: ‚In a Nutshell‘ (2017)

Dieses Jahr möchte ich die „kurz und schmerzlos“ Rubrik etwas mehr hegen und pflegen als in den letzten. Und was wäre da besser als das Jahr mit einem Kurzfilm zu beginnen, der schon einmal auf der Longlist für den Oscar gestanden hat. Wenn man ‚In a Nutshell‘ des Schweizers Fabio Friedli (der als Pablo Nouvelle auch Musik macht) das erste Mal schaut ist man vermutlich überfordert. Denn der Film will absichtlich in seinen wenigen Minuten Laufzeit so viel mehr vermitteln als man fähig ist aufzunehmen. Die unfassliche Objektvielfalt eines ausufernden Materialismus haut er uns um die Ohren, mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit einer unüberschaubaren Informationsgesellschaft. Anhand dieser Objekte erfasst er den Menschen und die Menschheit. Geburt, Hunger, Lust, Liebe und Tod. Religion, Fortschritt, Politik, Krieg und Apokalypse. Ein Hoch auf den Menschen und bittere Kritik. Präsentiert in einer ebenso eleganten wie hypnotisierenden Bilderflut. Ein beeindruckendes Stück Stop-Motion.

Kurz und schmerzlos 19: ‚An Island‘ (2018) und ‚Scrambled‘ (2018)

Weiter geht es mit Kurzfilmen, nach dem Halloween-Special sind wir heute aber weit von Horror entfernt. Unsere heutigen beiden Filme haben einiges gemeinsam und könnten doch kaum unterschiedlicher sein. Beide sind sehr schöne Animationsfilme und beide kommen vollständig ohne Dialoge aus. Und in beiden geht es um eine Art von Streben. Die Unterschiede liegen vor allem in der Bandbreite dessen, was sie abbilden wollen.

‚An Island‘

In ‚An Island‘ des Iren Rory Byrne geht es um die Überwindung von Trauer, symbolisiert durch die steilen Klippen „einer Insel“. Ein Mann macht sich daran sie zu ersteigen, was bald zu einer Art Visionssuche wird.

‚Scrambled‘

Der Ansatz von ‚Scrambled‘, der bei den Niederländern von Polder Animation unter Regie von Bastiaan Schravendeel entstanden ist, fällt deutlich kleiner aus. Es ist eine alltägliche Situation: eine junge Frau verpasst spät abends ihre Bahn und ein fortgeworfener Rubiks-Würfel setzt alles daran von ihr gelöst zu werden. Okay, so alltäglich ist das vielleicht doch nicht. Der Film ist in seinen Themen um analoges vs. digitales Spielen und Denken nicht zu aufdringlich und ist, trotz seiner fantastischen Prämisse mehr daran interessiert einen momentausschnitt eines gewöhnlichen Ereignisses zu zeigen. Besonders beachtenswert, mit wie wenig Animation es gelingt den Würfel zu einem sympathischen „Charakter“ zu machen.