Kurz & schmerzlos 36: ‚The Elephant’s Song‘ (2018)

Denkt man an den Zirkus, was ist das erste Tier, das einem einfällt? Sicherlich der Elefant. In Europa sicherlich seit vielen hundert Jahren bekannt (man denke an „Hanno“ der Maler Raffael häufiger als Vorlage diente) kann man den ersten Elefanten in Amerika recht genau beziffern. 1796 traf eine Elefantin hier ein. Ob das dieselbe war, die Hachaliah Bailey 1808 kaufte und „Old Bet“ taufte, ist nicht ganz klar. Farmer Bailey nutzte seinen Kauf alsbald als Hauptattraktion in einer „Menagerie“. Regisseurin Lynn Tomlinson erzählt ihre tragische Geschichte hier auf ungewöhnliche Art. In dünnen Lehm- und Ölbildern auf Glasscheiben, die eine seltsam schöne Animation ergeben. Dazu in musikalischer Form, als folksigem Blues, vorgetragen von Old Bets Freund, einem Farmhund.

In gewisser Weise hat Old Bet den amerikanischen Zirkus begründet. PT Barnum schloss sich Jahrzehnte später mit einem Nachfahren Baileys zusammen, um Barnum & Baileys, einen der größten fahrenden Zirkusse der Welt zu gründen. 2017 musste der schließen. Wegen ausbleibendem Publikums und anhaltenden Protesten gegen die nicht artgerechte Haltung der Tiere, vor allem der Elefanten. Anders als Old Bets Geschichte hat die der Zirkuselefanten an sich also ein Happy End, wenn auch ein spätes, gefunden.

PS: sorry, aber der Biologie Nerd in mir sieht sich noch zu einer Anmerkung zur Songzeile „and the whole of Africa in her eye“ genötigt. Old Bet war eine indische Elefantin. Die meisten Nutzelefanten sind asiatische Elefanten. Die deutlich größeren, afrikanischen Dickhäuter sind weit schwerer zu zähmen. Wobei die berühmtesten Kriegselefanten der europäischen Geschichte, die mit denen Hannibal die Alpen überquert hat, wohl zum größten Teil afrikanische Elefanten waren.

Dies ist jedoch ein geografisch/biologischer Irrtum, den ich einem Farmhund des frühen 19ten Jahrhunderts nicht groß vorwerfen will.

[UPDATE] Regisseurin Lynn Tomlinson persönlich hat mich sehr freundlich darauf hingewiesen [siehe ihren Kommentar unten], dass meine Schlaumeierei bezüglich der Herkunft von Old Bet unangebracht war. Sie geht davon aus, dass die erste Elefantin in den USA und Old Bet eben nicht dieselbe sind. Weiterhin argumentiert sie, dass Old Bet mit Stoßzähnen dargestellt wird, die weibliche, indische Elefanten nicht aufweisen. Und das mein Argument, dass afrikanische Elefanten eben gerade nicht zum Nutztier taugen ebenfalls ein Argument für genau diese Herkunft Old Bets ist. Denn sie verweigert ja gerade die Feldarbeit. Ich gebe zu, das überzeugt mich. Und es ärgert mich, dass ich die Stoßzähne gar nicht bedacht habe, bevor ich meinen Kommentar geschrieben habe. Kurz, Frau Tomlinson hat sich hier keine künstlerische Freiheit erlaubt, sondern nach bester Recherche gehandelt. Ich hingegen nicht.

Kurz & schmerzlos 35: ‚The Wheel‘ (2018)

Emma Elizabeth Tillmans Film schafft eine Menge in kaum 13 Minuten. Mit Absicht gibt er sich anfangs kaum greifbar. Wir sehen eine Frau im Sand liegen. In der nächsten Szene sehen wir sie in einen holzvertäfelten Motelzimmer und ein Mann bedroht sie mit einer Waffe. Doch die Gewaltandrohung ist nur gespielt. Die beiden haben offensichtlich eine recht innige Beziehung. Das Gespräch kommt auf Nahtod-Erlebnisse, er erzählt eine fast schon prahlerische Geschichte über einen Rodeo-Unfall. Es ist die Geschichte der Frau, die die zweite Hälfte des Fils einnimmt und über die ich hier nicht viel verraten will.

Es ist ein schwer zu kategorisierender Film. In gewisser Weise ist es ein Thriller hängt doch die unausgesprochene Drohung von Gewalt, mal spielerisch, mal tödlich ernst, immer in der Luft. Doch geht es Tillman hier erkennbar um mehr als nur Suspense.

Rose und Clay sind sympathische Charaktere, von Susan Taylor und Craig Stark stark (sorry) verkörpert. Fast ist man, trotz der unangenehmen Thematik traurig sie schon so bald wieder verlassen zu müssen, sind sie einem über die kurze Laufzeit doch schon ans Herz gewachsen.

Tillman ist vor allem Fotografin, hat aber auch einige Musikvideos gedreht. Als Filmemacherin möchte sie sich selbst aber nicht bezeichnen. Ich hoffe das bedeutet nicht, dass sie zukünftig keine Filme mehr drehen will, denn ‚The Wheel‘ ist ehrlich gesagt ziemlich grandios.

Kurz und schmerzlos 34: ‚The Rule Of Three‘ (2021)

Aly (Hannah Barefoot) leidet an einer Zwangsstörung. Alles muss sie dreimal machen, damit es „richtig“ ist. Vor allem das Abschließen ihrer Tür. Doch was geschieht, wenn sie versucht dieses Ritual zu durchbrechen?

Die Idee zu dem Film kam Regisseur Elwood Quincy Walker selbst eine Zwangsstörung über das Verschließen seiner Tür entwickelte und über mögliche Eindringlinge sorgte. Der Kurzfilm ist eine, wenigstens in meinen Augen, gelungene Darstellung einer Zwangsstörung (OCD) mit den Mitteln des Slasher/Home Invasion-Films. Walker gibt Ari Aster als eines seiner großen Vorbilder an und wie er stellt er ein internes Problem durch eine äußere Gefahr dar.

Gelungen ist hier in meinen Augen, oder eher Ohren, vor allem das Sounddesign, das einen guten Teil der Faszination der 13 Minuten des Films trägt.

Kurz und schmerzlos 33: ‚Rebooted‘ (2020)

Altern, das ist für viele im Filmgeschäft immer noch der größte Alptraum. Bedeutet es doch oft genug, dass plötzlich die Rollen ausbleiben. Phil kann davon ein Lied singen. Phil war einmal ein gefürchtetes Kino-Monster, als Skelettkönig in einem alten Sandalenschinken (in direkter Anspielung auf Ray Harryhausens Stop-Motion-Skelette in ‚Jason und die Argonauten‘). Doch heute? Heute ist er nur noch ein veralteter Spezialeffekt, der niemanden mehr vom Hocker haut, geschweige denn Rollen bekommt. Doch als Phil bemerkt, dass SEIN Film ein Reboot bekommt, bei dem er durch einen Typen im Motion-Tracking-Suit ersetzt wird, da geht es zu weit. Irgendetwas muss Phil unternehmen!

Autor/Regisseur Michael Shanks präsentiert uns hier in 13 wortlosen, aber liebevoll animierten Minuten eine schöne Parabel nicht nur auf das Altern, sondern auch auf Hollywoods Reboot und Erneuerungswahn. Wunderbar spektakulär unspektakulär. Nicht nur für Fans von Stop-Motion. Die bekommen aber noch ein nettes Making Of oben drauf!

Kurz und schmerzlos 32: ‚Meet Jimmy‘ (2018)

Wenn es nach den Ideen des Horrors geht, dann sind uns die übernatürlichen Schrecken immer mindestens einen Schritt voraus. Auch im technologischen Rennen. Sie haben auf Tonbänder geflüstert, sich in den rauschig-faserigen Ecken des VHS-Bildes versteckt, geistern über Websites, soziale Medien und durch Zoom-Konferenzen und wenden die überkomplexe Elektronik moderner Autos gegen uns. Und als der erste Urmensch das erste Feuer anzündete, um den Schrecken der Finsternis zu vertreiben, da lauerten bereits die Ideen von grausigen Feuergeistern im trockenen Reisig.

In ‚Meet Jimmy‘ lassen uns Autor Tim Koomen und Regisseur David-Jan Bronsgeest uns nun dem Schrecken im ubiquitären Podcast begegnen. Genau genommen im durchaus seltsamen Genre des „True Crime“ Podcasts. Der spielte schon am Rande von ‚Halloween‘ (2018) eine kleine aber entscheidende Rolle, doch hier nun rückt er in den Mittelpunkt.

Die Idee ist originell, die Umsetzung hingegen lässt direkte Einflüsse, von ‚Ring‘ bis ‚Nightmare On Elmstreet‘ erkennen. Allerdings setzt Bronsgeest das hier ins einen kaum sieben Minuten derart stimmungsvoll um, alles bis runter zum Bildformat unterstützt die Klaustrophobie des Moments, den Hauptfigur Jennifer (Sem de Vlieger) hier erlebt. Ob Jimmy „Twofingers“ nun zum Spielfilmschurken taugt, wie sich Bronsgeest das wünscht, darüber kann man sicher streiten, doch hier im Kurzfilm funktioniert es sehr gut.

Kurz und schmerzlos 31: ‚Milk Teeth‘ (2020)

Ich muss gestehen, ich fand den modernen, anglophonen Mythos der Zahnfee (erste Erwähnungen tauchen erst am Anfang des 20ten Jahrhunderts auf) schon immer reichlich merkwürdig. Was ist das für eine Wesenheit, die nachts umgeht und tote Zähne gegen pekuniäre Belohnungen eintauscht? Und wichtiger, was will sie mit all den Beißern?! Ich bin direkt froh, als Kind nie davon gehört zu haben. So konnte ich mit meinen Milchzähnen ganz normal umgehen und eine Streichholzschachtel mit ihnen füllen. Das… das ist normal, oder?

Regisseur Felipe Vargas nimmt diesen an sich schon reichlich merkwürdigen Mythos und verdreht ihn für seine Abschlussarbeit an der University of Southern California noch ein wenig weiter. Man kann dem Film vermutlich einiges vorwerfen, das etwas müde Waisenhaus-Setting, den übermäßigen Einsatz von Filtern und ein eher vorhersehbares Ende. Das macht er aber wett mit einiger Atmosphäre und dem absoluten Willen, sein Publikum da zu treffen, wo es weh tut. So beginnt der Film mit der Nahaufnahme eines Jungen, der sich einen Milchzahn mit Zahnseide quasi heraussägt, mit einem derart effektiven Sounddesign, das vermutlich jedem ein „ughugh!“ entlockt. Insgesamt setzt der Film auf gelungene praktische Effekte und, für einen Film dieser Größenordnung, beeindruckende Produktionsqualitäten.