Kurz und schmerzlos 52: ‚King of the Sea‘ (2022)

Heute gibt es bei kurz 5 schmerzlos mal wieder ein Musikvideo. Ich bin maritimen Legenden ja grundsätzlich schon zugetan, aber die Animation von Stéphane Berla zur Musik der post-Rock Gruppe Kwoon hätte mich vermutlich auch so überzeugt. Ein Fischer vernimmt den Ruf des Meeres, fährt hinaus und kommt nicht wieder. Jahrzehnte später vernimmt sein Sohn, inzwischen selbst Vater, denselben Ruf und findet das groteske Schicksal seines Vaters heraus.

Basierend auf bretonischen Legenden um den Leuchtturm Phare de Tévennec, spinnen Kwoon und Berla hier ein angenehm gruseliges Seemannsgarn. Berlas Animation erdet den eher uneindeutigen Text des Songs, während die Musik dem Geschehen eine seltsam sehnsüchtige Gespenstigkeit verleiht.

Technisch wurde die Animation offenbar mit einem VR Tool namens Quill erstellt, kombiniert mit 3D Software. Ist also so cutting edge, wie es nur geht. Orientiert sich im Stil allerdings sehr an klassischer Stop-Motion Animation, die ich, genau wie maritime Legenden, auch immer zu schätzen weiß.

Kurz & schmerzlos 51: ‚12:01 PM‘ (1990)

Diesen Fernsehfilm habe ich vor langer Zeit schon einmal in meinem Artikel über Zeitschleifenfilme erwähnt. Kurtwood Smith gibt einen Durchschnittstypen, der dieselbe Stunde, zwischen 12 und 1 Uhr Mittags, immer wieder erlebt. Hierbei ist interessant zu beobachten, welche Aspekte sich die bekannteren Filme, allen voran natürlich ‚Täglich grüßt das Murmeltier‘, hier herausgreifen und welche nicht. So wissen wir hier nicht von Anfang an, was mit dem Hauptcharakter los ist. Wir erfahren es zusammen mit einer zufälligen Parkbekanntschaft, der er seine Situation schildert. Und dann zeigt uns der Film schnell, dass es wahr ist. Smiths Charakter tut vieles von dem was Murray tut, verzweifelt, hilft, aber anders als er findet er einen Wissenschaftler, von dem er hofft er könne ihn helfen. Doch der Film endet hier durchaus finster.Einige Jahre später wurde der Film, eine Umsetzung der gleichnamigen Kurzgeschichte von Richard Lupoff, als TV Spielfilm umgesetzt. Doch der wurde, im Gegensatz zu diesem Oscar-nominierten Werk, eher schlecht besprochen und schenkte dem Ganzen ein Happy End.Ich muss zugeben, meine größte Schwierigkeit an dem Film ist Kurtwood Smith. Nicht weil der ein schlechter Darsteller wäre, ganz und gar nicht, aber immer wenn ich ihn sehe, habe ich Boddicker aus ‚Robocop‘ im Kopf. Liegt also an mir und nicht an ihm…

Kurz & schmerzlos 50: ‚Samurai Frog Golf‘ (2022)

Was erwartet man, wenn man einen Titel wie ‚Samurai Frog Golf‘ liest? Naja, zunächst vermutlich einen Samurai Frosch, der Golf spielt. Sofern man noch nicht ausreichend von Namen wie ‚Teenage Mutant Ninja/Hero Turtles‘ verdorben ist, wird man sich allerdings sicherlich auch dem Absurden eines solchen Titels bewusst sein.
Nun, in der direkten Bedeutung des Namens, liefert der knapp vierminütige Film des japanischen CGI Animationsstudios Marza, exakt das ab, was er verspricht. Einen alternden Froschsamurai, der gern Golf spielen würde. Allerdings wird er durch Umstände in die Rolle des Beschützers eines Geleges junger Schildkröten (da sind sie wieder, die Turtles…) gezwungen.
In seiner kurzen Laufzeit erinnert der Film zumindest mich, durch die Gegenüberstellung des durch fraglos zahllose Schlachten gegangenen Samurai mit den jungen Kindern an ‚Lone Wolf & Cub‘. Den Manga und die Verfilmungen (deren westlichen Zusammenschnitt, ‚Shogun Assassin‘, habe ich hier mal besprochen).
Für viel Story ist in den Actiongeladenen Minuten aber wenig Raum und so fällt vor allem das Technische auf. Nämlich der , weitgehend gelungene, Versuch, 2D Animationstechniken auf 3D CGI zu übertragen.

Kurz & schmerzlos Halloween Special

Ja, ist denn heut scho Weihnachten? Nein. Auch wenn beim Supermarktbesuch ein anderer Eindruck entstehen könnte. Es ist noch nicht einmal Halloween. Und trotzdem gibt es heute nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei gruselige Kurzfilme!

‚Ghost Dogs‘ (2020)

Ein Animationsfilm von Joe Cappa. Ein frisch adoptierter Hund ist allein zuhause, abgesehen vom Staubsaugroboter. Da wird er von den Geistern früher Hunde des Hauses heimgesucht. Visuell einfallsreiche, ungewöhnliche 11 Minuten, ohne Dialoge (wohl aber mit einem Monolog). Fängt wunderbar den Geist dieser Dinge ein, die man früher spät abends beim Durchzappen sah und sich nie ganz sicher war, ob man das wirklich gerade gesehen hat.

‚Scary Car‘ (2022)

Vier ca. 30 Jahre alte Teenager sind von Aliens, Geistern und allerlei Verschwörungstheorien begeistert. Und nun sitzen sie mitten im Wald im Auto um eine außerdimensionale Wesenheit zu beschwören. Keiner rechnet damit, dass es wirklich funktioniert, doch plötzlich ist einer von ihnen… anders. ‚Blair Witch Project‘ als Stoner Komödie beschreibt diesen Short recht gut. Das klingt so als sollte es nicht funktionieren, tut es aber ganz wunderbar.

‚Those That Follow‘ (2022)

In Thailand haben zwei jugendliche Gangster einen Laden überfallen und die ältere Besitzerin dabei schwer verletzt. Nun verstecken sie sich in einer Hütte im Wald (immer die beste Idee im Horrorfilm!), in einer ländlichen Region, wo gerade das Phi Ta Khon Geisterfestival gefeiert wird. Das bedeutet zwar einerseits, dass mehr Leute als gewöhnlich auf den Straßen sind, andererseits aber auch, dass man sich hinter Masken verbergen kann. Doch die Probleme der beiden fangen erst an, als sie eine merkwürdige Maske finden. Parkpoom Wongpoom (einer der Ko-Regisseure hinter dem interessanten Kamerahorror ‚Shutter‘ von 2004) inszeniert in etwa 23 Minuten eine gelungene Mischung aus Folk-Horror, Geisterspuk und ungesühnter Schuld. Man sollte wohl dazusagen, dass es sich in gewisser Weise um einen Apple Werbespot handelt, da der Film sehr deutlich macht, dass er komplett auf einem iPhone 13 Pro entstanden ist. Aber solange die Werbung nur darin besteht die Leistungsfähigkeit der Kamera zu präsentieren, während Wongpoom dadurch gleichzeitig die finanziellen Mittel für Komparsen, Kostüme und den ein oder anderen Spezialeffekt hatte, habe ich damit ehrlich gesagt kein allzu großes Problem. 

Kurz & schmerzlos 49: ‚Captain Voyeur‘ (1969) – Carpenters Proto-Halloween

Es klingt eigentlich unwahrscheinlich, dass einer der ersten, wenn nicht gar der erste Film, eines Regisseurs wie John Carpenter verschwinden kann. Vor allem weil er sich schon mit studentischen Kurzfilmen einen Namen gemacht hat, so war er Cutter, Ko-Autor und Komponist für den Kurzfilm-Oscar-Gewinner ‚The Resurrection of Broncho Billy‘ von 1970. Aber offenbar ging das Gerücht an Carpenters Alma Mater, der University of Southern California, dass der Regisseur seine Kurzfilme aus dem Archiv gestohlen habe.

Wirklich nachgesehen hat aber offenbar niemand. Zumindest bis 2011, als Archivar Dino Everett die Gerüchte über Carpenters lange Finger – die Filme sind Eigentum der Universität – angezweifelt hat und tatsächlich ein hervorragend erhaltenes Master von ‚Captain Voyeur‘, wie passend, im Hugh M. Hefner Moving Image Archive fand.

In dem Film verkleidet sich der biedere Angestellte eines Computerlabors nachts als der titelgebende ‚Captain Voyeur‘ und macht sich auf die Suche nach der jungen Mitarbeiterin, auf die er sich fixiert hat. Und da sind wir direkt bei dem, was den Film interessant macht. Da ist viel, was Carpenter neun Jahre später bei ‚Halloween‘ erneut verwenden würde. Die hochmobile Kamera etwa. Oder eine Aufnahme aus Sicht des Spanners, in der nur sein Atmen zu hören ist. Oder wenn er sich die Brille über seine Maske zieht, wie Michael Myers das bei seiner Gespenster-Verkleidung tut. Auch wenn die aktuelle visuelle Assoziation hier vielleicht eher Paul Danos Riddler aus ‚The Batman‘ ist. Laut Everett sieht auch die Hauptdarstellerin Jamie Lee Curtis zum Verwechseln ähnlich. Das sehe ich selbst nun nicht so, dennoch ist sie hier zweifellos ein frühes „Final Girl“, auch wenn unklar ist, ob ‚Captain Voyeur‘ mörderische Absichten hatte.

Anders als bei ‚Halloween‘ behandelt Carpenter seinen Stalker hier allerdings als Witz. Sein Kostüm mit Maske und Umhang über Boxershorts, die Tatsache, dass er seine Brille tragen muss. Der Film eröffnet gar mit einem Zitat von der Wand einer öffentlichen Toilette. Nein, hier ist der Stalker noch nicht das Urböse, sondern eine recht erbärmliche Kreatur.

Kurz & schmerzlos 48: ‚L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat‘ (1895 oder 96 oder 97)

Falls Ihr auch nur das geringste Interesse am Medium Film habt, ist Euch sicherlich dieser Film der Brüder Auguste und Louis Lumière wenigstens dem Namen nach geläufig. Wir sehen in knapp 50 Sekunden ein Zug Einfahrt in den Bahnhof der Hafenstadt La Ciotat nahe Marseilles hält und Reisende ein- und aussteigen. Der Film wurde von den Lumières vor Ort gedreht. Das ist dann allerdings auch schon alles, was wir sicher über den Film wissen. Erstaunlich bei seiner zugemessenen Bedeutung.

Ich zumindest dachte immer, der Film wäre bei der ersten öffentlichen (mehrere „industrieinterne“ Vorführungen fanden früher im Jahr statt) Präsentation des Kinematographen der Gebrüder Lumière am 28. Dezember 1985 im Grand Café am Boulevard des Capucines in Paris gezeigt worden. Wurde er aber offenbar nicht. Die Liste der 10 gezeigten Filme, angeführt von ‚Arbeiter verlassen die Lumière Werke‘ ist bekannt und die Zugeinfahrt taucht dort nicht auf. Der Film wurde vermutlich Mitte Januar 1896 zum ersten Mal in Paris gezeigt. Laut Filmhistoriker Martin Loiperdinger wurde er gar erst Anfang 1896 gedreht. Doch damit nicht genug, die üblicherweise gezeigt Version, die Ihr auch oben findet ist vermutlich ein Remake, das die Lumières 1897 erstellt haben!

Und auch für den bekannten Mythos, dass der Film bei seiner Erstaufführung für Panik und Flucht des Publikums gesorgt hat, gibt es keine Belege. Aus heutiger Sicht möchte man sagen, dass kann man ja kaum glauben, dass das Panik auslöst, schließlich fährt die Dampflok ja nicht einmal direkt auf den Betrachter zu. Möglicherweise vermischen sich diese Geschichten um eine Panik aber auch mit einer späteren Version. Louis Lumière drehte fast 40 Jahre später ein weiteres Remake des Films mit einer stereoskopischen Kamera und präsentierte diesen und weitere kurze Filme in anaglyphen 3D vor der Akademie der Wissenschaften von Frankreich. Wobei anaglyphes 3D in verschiedenen Ansätzen seit den 20er Jahren bekannt war, sich allerdings nie großer Beliebtheit erfreute.

Könnte diese 3D Version Angst ausgelöst haben? Man kann es sich kaum vorstellen, zu allgegenwärtig und bekannt war der Film in den 30er Jahren bereits. Also muss ich als Horror-Freund wohl mit dem Gedanken leben, dass Schrecken vielleicht nicht eine der ersten Emotionen war, die der Film ausgelöst hat.

Aber hey, falls sich jemand allzu laut über Remakes und 3D beschwert, könnt Ihr jetzt auf die Brüder Lumière zeigen und sagen, dass war im Film schon immer so. Oder wenigstens nach 2 Jahren.