Kurz & schmerzlos 46: ‚Catopolis‘ (2022)

Eines ist mir an meiner kurz & schmerzlos Serie zuletzt aufgefallen. Ich stelle hier zumeist Kurzfilme von Leuten vor, die in irgendeiner Weise mit der klassischen Filmindustrie verbandelt sind. Dabei bieten die neuen Internet Medien doch gerade auch Raum für Leute, die diese Verbindungen nicht haben, oder vielleicht auch gar nicht haben wollen. In dieser Ausgabe soll dafür beispielhaft Vewn alias Victoria Vincent stehen. Die finanziert ihre Animationsfilme über die social payment Plattform Patreon und erreicht mit ihren Veröffentlichungen auf Youtube regelmäßig ein recht eindrucksvolles Millionenpublikum.

In ‚Catopolis‘ verliert die junge Penny ihren Job, weil sie sich mit einem Kollegen geschlagen hat. Kurz darauf bekommt sie ein dubioses Angebot „richtiges Geld“ zu verdienen. Selbstverständlich steckt hier etwas reichlich finsteres dahinter. Vewn schafft hier eine zutiefst seltsame Atmosphäre. Dystopisch, verzerrt und doch in seltsam nostalgischer 90er Jahre Animation. Ihre Charaktere sind Cartoonkatzen, wobei es eine Art Miliz zu geben scheint, die Menschenmasken trägt. Überhaupt sind Masken, das Auftreten in der Öffentlichkeit und die Verschmelzung von Öffentlichem und Privaten zentrale Themen in diesem 13 Minuten langen Filme, der sich, auf gute Art, deutlich länger, deutlich voller anfühlt. Auf gewisse Weise bringt mich dieser Film zurück in eine Zeit, in der man spät des Nachts durch die Sender gezappt hat und dort zutiefst seltsames und faszinierendes finden konnte.

Kurz & schmerzlos 45: ‚Cottonmouth‘ (2020)

Heather Langenkamp ist ein Name, den man als Horrorfan vermutlich kennt. Sie war Nancy Thompson in Wes Cravens ‚Nightmare on Elm Street‘ und übernahm die Rolle noch einmal für ‚Freddy Krüger lebt‘, den dritten Film der Reihe. In Cravens Rückkehr zum Franchise 1994, mit ‚Freddys New Nightmare‘, spielte sie schließlich eine fiktionale Version von sich selbst. Nancy war, in gewisser Weise, der Prototyp zu Cravens ultimativem „Final Girl“ Sidney Prescott.

Ab Mitte der  90er wurden Langenkamps Auftritte in Filmen seltener. Das mag einerseits damit zusammenhangen, dass sie über 30 war und damit, für eine Hollywood-Darstellerin, „alt“. Mehr noch dürfte es aber damit zu tun haben, dass sie 1989 den Effekt-Make Up Künstler und zweifachen Oscar Gewinner (‚Der Verrückte Professor‘ und ‚Men In Black‘) David LeRoy Anderson geheiratet hat und seither ins einer Firma AFX Studio mitarbeitet. Gelegentlich bestreitet sie Cameo Auftritte in Projekten, an den AFX arbeitet, wie etwa ‚Star Trek Into Darkness‘. Irgendwie ist sie 2018 auch in ‚Hellraiser: Judgement‘ gelandet, dem neunten ‚Hellraiser‘ Sequel, das von vermutlich exakt neun Leuten geschaut wurde.

Zach Wincik, einer der beiden Regisseure unseres heutigen Kurzfilms, kannte jedenfalls ein paar Leute bei dieser Produktion und nutzte die Chance, um Langenkamp eine Rolle in seinem Kurzfilm vorzuschlagen. Sie erklärte sich einverstanden und so entstand mit Ko-Regisseur Danny Salemme, in einem einzigen Nachtdreh unter Pandemie-Bedingungen, dieser Ein-Frau-Film.

Langenkamp spielt hier eine Frau, die überzeugt ist, irgendjemand oder etwas schleiche in ihr Schlafzimmer und trinkt aus ihrem Wasserglas, während sie schläft. Wir als Zuschauer denken natürlich zunächst „Verdunstung“. Deswegen rückt sie der Frage mit Timer und Klebeband zur Wasserstandsmessung zu Leibe.

Der Film ist ein recht typischer „Youtube Horror Short“, die alle dem recht ähnlichen Schema folgen, aus einer eigentlich mondänen Situation Horror zu ziehen und mit einem gewissen Effektfinale aufzuwarten. ‚Cottonmouth‘ hat aber den Vorteil, dass Heather Langenkamp mitspielt. Auch wenn sie keinerlei Text hat.

Kurz & schmerzlos 44: ‚Wrecked‘ (2012)

Anlässlich der Benson & Moorhead Wochen hier auf dem Blog hier ein Kurzfilm von ihnen. ‚Wrecked‘ entstand aus einer Zusammenarbeit von Tribeca Enterprises und Youtube Multi Channel Network Maker Studios (2017 gekauft von, man ahnt es, Disney). Der Film dürfte etwa parallel mit ‚Resolution‘ entstanden sein. Die Hauptrolle spielt der, mir gänzlich unbekannte, Youtuber Kassem Gharaibeh, der hier aber einen sehr guten Job abliefert. Er gibt einen in der Wüste abgestürzten US-Piloten, der am anderen Ende seiner Funkverbindung nicht die erwartete Professionalität vorfindet.

Mehr über den Film zu verraten wäre unfair. Er eignet sich allerdings sehr gut, um in die Arbeit von Benson und Moorhead reinzuschnuppern, kann man doch ihren typischen Ton und vor allem ihren Humor hier deutlich erkennen.

Kurz & schmerzlos 43: ‚Latitude Du Printemps‘ (2020)

‚Latitude Du Printemps‘, entwickelt von sechs Studenten der französischen Animationsschule Rubika, ist angesiedelt in einer farbenfrohen, kleinen Spielzeugwelt. Ein Hund wird ausgesetzt, ein junger Möchtergern-Astronaut findet ihn, und am Ende rettet dessen Nachbarin, eine kompetitive Rennradfahrerin den Tag. Die Erzählung des Films bleibt relativ simpel, die Inspiration ‚Toy Story‘ ist eindeutig, was aber vollkommen okay ist, denn der wunderschöne Stil unterhält problemlos für acht Minuten. Auffällig ist die Arbeit mit Split Screens und Piktogrammen, die jedoch nicht pure ästhetische Spielerei sind, sondern immer im Sinne der Charakterentwicklung funktionieren.

Ich bin mir nicht sicher, ob das eine Premiere ist, aber es ist einer der wenigen „Kurz & schmerzlos“ Filme, den Ihr fraglos mit Euren Kindern schauen könnt. Und sie vermutlich nicht einmal langweilt!

Kurz & schmerzlos 42: ‚How A Mosquito Operates‘ (1912)

Winsor McKay war Anfang des letzten Jahrhunderts ein erfolgreicher Karikaturist und Comiczeichner in den USA. Seinen größten Erfolg feierte er ab 1905 mit der Zeitungscomicserie ‚Little Nemo in Slumberland‘. Nebenbei trat McKay, der sich selbst, vielleicht nicht zu Unrecht aber definitiv selbstbewusst, den Titel „Amerikas größter Cartoonist“ verliehen hatte, auch als Schnellzeichner und Karikaturist auf Vaudeville-Bühnen auf. Inspiriert von Daumenkinos seines Sohnes, kam ihm die Idee einer Filmanimation. 1911 schuf er einen zweiminütigen Film, basierend auf seinen Little Nemo Geschichten, den er im Rahmen seines Bühnenprogramms zeigte. Jedes Einzelbild zeichnete er auf Reispapier und fotografierte es ab. Cel Animation sollte erst deutlich später erfunden werden. Er galt lange als der erste Animationsfilmer, allerdings sind ihm James Stuart Blackton und der Franzose Émile Cole beide zuvorgekommen. 1914 würde McKay seinen bekanntesten Zeichentrick ‚Gertie The Dinosaur‘ erschaffen und damit zum ersten Mal Dinosaurier im Medium Film abbilden. Von seinen üblichen, lustigen Filmen hebt sich ‚The Sinking of the Lusitania‘ von 1918 deutlich ab. Ein dokumentarisches Propagandawerk über die Versenkung des britischen Passagierschiffs durch ein deutsches U-Boot, das die USA zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg bewegen sollte.

Doch heute soll es um den Film zwischen seinem Erstling und Gertie gehen. In ‚How A Mosquito Operates‘ nimmt sich McKay eines Szenarios an, das absolut jeder nachvollziehen kann. Ein Mann wird des Nachts von einer Mücke geplagt. McKay führt das hier zu einem explosiven Ende, das deutlich zeigt, dass seine comichafte Fantasie entscheidende Pionierarbeit für den amerikanischen Zeichentrickfilm geleistet hat. Mit seinen weichen Animationen war ‚How A Mosquito Operates‘ seiner Konkurrenz sicherlich um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus.

Kurz & schmerzlos 41: ‚Night Bus‘ (2020) und ‚22:47 Linie 34‘ (2019)

Heute ist Nachtbus-Tag (oder doch eher Nacht?) auf der Filmlichtung. Wo wir versuchen, die Frage zu beantworten, was schlimmer ist, im Nachtbus. Teenager oder Geister.

Michael Karrer macht in ‚22:47 Linie 34‘ die Kamera und damit den Zuschauer zu einem passiven Beobachter einer vermutlich nicht allzu unwahrscheinlichen Begegnung. Der Film baut Spannung auf, aber nicht die Spannung eines Thrillers, sondern die zutiefst unangenehme Spannung einer stetig eskalierenden, sozialen Situation. Selbst die Befriedigung einer echten Auflösung hält er uns vor.

Im ziemlichen Gegensatz zu Karrers striktem Wahrhaftigkeitsanspruch steht ‚Night Bus‘ der Schwestern Henrietta und Jessica Ashworth. Busfahrerin Natasha (Susan Wokoma) übernimmt spät in der Nacht ihre Schicht in einem Londoner Doppeldeckerbus. Es ist ihr Geburtstag, doch ist Natasha in dieser Phase, wo aus dem freudigen Ereignis plötzlich eine erschreckend hohe Zahl wird. Damit nicht genug ereignen sich allerlei seltsame Ereignisse in dem Vehikel. Ich mag Horror, der an typisch mondänen Orten spielt. ‚Night Bus‘ folgt dabei bekannten Schemata, spielt diese aber durchaus elegant aus.

Wisst Ihr was? Ich geh lieber zu Fuß!