Kurz und schmerzlos 22: ‚Necktie‘ (2013)

Beinahe fühlt man sich in dem 90 Sekundenfilm von Yorgos Lanthimos (‚Dogtooth‘, ‚The Lobster‘, ‚The Killing of a Sacred Deer‘) wie in Stanley Kubricks ‚Barry Lyndon‘. Direkt von einem Bild aus dem 18. oder 19. Jahrhundert entsprungen, wirkt die Szenerie. Zwei Duellanten im Vordergrund, dahinter ein mächtiger Baum, durch dessen Zweige das morgendliche Sonnenlicht golden flittert. Die Sekundanten stehen aufmerksamer Pose daneben. Das Taschentuch des Schiedsrichters fällt, Rauch steigt fast romantisch auf, ein Mensch fällt zu Boden und haucht, ein Baudelaire-Zitat auf den Lippen, das Leben aus.

Doch etwas ist anders als auf diesen Bildern. Alle Beteiligten sind Kinder. Die Duellanten sind Duellantinnen, vielleicht 12 Jahre alt in Schuluniform, ebenso alle anderen. Dadurch erhält die Szenerie natürlich etwas gewollt inszeniertes, etwas surreales. Wird weniger Kubrick und mehr Wes Anderson. Und doch, weiß sicherlich auch Lanthimos, dass Kinder mit Schusswaffen als pure Karikatur kaum taugen, zu sehr haben wir alle die Gedanken an exzessive Schusswaffengewalt in  Schulen im Sinn, die durch die Uniformen höchstens noch verstärkt werden.

Was will er uns also damit sagen? Vielleicht hilft es zu wissen, dass der Film Teil einer Reihe über die Zukunft des Kinos war. Deutet Lanthimos also an, dass Kino inszeniert dieselben uralten Ideen, nur mit wechselnden Protagonisten, jetzt wo Hollywood langsam lernt, dass der Held nicht zwangsläufig ein weißer Mann sein muss? Ist es eine direkte Reaktion auf die 2013 so beliebten dystopischen Jugendfilme, allen voran ‚Die Tribute von Panem‘? Eine Vorhersage, dass auch dieses Genre verholzten Regeln erliegen wird? Letztlich starb es schneller, als viele gedacht hätten, womöglich genau an seiner Gleichförmigkeit. Oder ist es wieder nur ein weiterer Versuch mit „albernem Sadismus“ zu schockieren, wie ihm seine Kritiker öfter vorwerfen?

Am Ende entscheidet Ihr natürlich, was er für Euch bedeutet.

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Kurz und schmerzlos 21: ‚The Katy Universe‘ (2018)

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant. Aber dann ist mir Patrick Muhlbergers Kurzfilm ‚The Katy Universe‘ über den Weg gelaufen und mir war klar, dass ich den so schnell wie möglich posten muss.

Katy (Mary Holland) ruft nach der Hochzeitsfeier einer Bekannten bei ihrer lange vergangenen High School Beziehung an. Irgendwo zwischen zu viel Alkohol und Koks und einer existenzialistischen Panikattacke entspinnt sie einen Monolog über den Abend und ihr Leben. Oh, und die Tatsache, dass sie während einer Bollywood-Tanznummer womöglich Superkräfte entwickelt haben könnte.

Holland legt zu gleichen Teilen Glaubwürdigkeit, Energie und Humor in ihre Darstellung und wird unterstützt von einer wahnsinnig kinetischen Kameraarbeit, die die vermutlich notwendige Choreografie zwischen Crew und Darstellern nur erahnen lässt. Muhlberger liefert hier einen unglaublich unterhaltsamen Film ab, der seine 10 Minuten wie im Flug vergehen lässt.

Kurz und schmerzlos 20: ‚In a Nutshell‘ (2017)

Dieses Jahr möchte ich die „kurz und schmerzlos“ Rubrik etwas mehr hegen und pflegen als in den letzten. Und was wäre da besser als das Jahr mit einem Kurzfilm zu beginnen, der schon einmal auf der Longlist für den Oscar gestanden hat. Wenn man ‚In a Nutshell‘ des Schweizers Fabio Friedli (der als Pablo Nouvelle auch Musik macht) das erste Mal schaut ist man vermutlich überfordert. Denn der Film will absichtlich in seinen wenigen Minuten Laufzeit so viel mehr vermitteln als man fähig ist aufzunehmen. Die unfassliche Objektvielfalt eines ausufernden Materialismus haut er uns um die Ohren, mit der halsbrecherischen Geschwindigkeit einer unüberschaubaren Informationsgesellschaft. Anhand dieser Objekte erfasst er den Menschen und die Menschheit. Geburt, Hunger, Lust, Liebe und Tod. Religion, Fortschritt, Politik, Krieg und Apokalypse. Ein Hoch auf den Menschen und bittere Kritik. Präsentiert in einer ebenso eleganten wie hypnotisierenden Bilderflut. Ein beeindruckendes Stück Stop-Motion.

Kurz und schmerzlos 19: ‚An Island‘ (2018) und ‚Scrambled‘ (2018)

Weiter geht es mit Kurzfilmen, nach dem Halloween-Special sind wir heute aber weit von Horror entfernt. Unsere heutigen beiden Filme haben einiges gemeinsam und könnten doch kaum unterschiedlicher sein. Beide sind sehr schöne Animationsfilme und beide kommen vollständig ohne Dialoge aus. Und in beiden geht es um eine Art von Streben. Die Unterschiede liegen vor allem in der Bandbreite dessen, was sie abbilden wollen.

‚An Island‘

In ‚An Island‘ des Iren Rory Byrne geht es um die Überwindung von Trauer, symbolisiert durch die steilen Klippen „einer Insel“. Ein Mann macht sich daran sie zu ersteigen, was bald zu einer Art Visionssuche wird.

‚Scrambled‘

Der Ansatz von ‚Scrambled‘, der bei den Niederländern von Polder Animation unter Regie von Bastiaan Schravendeel entstanden ist, fällt deutlich kleiner aus. Es ist eine alltägliche Situation: eine junge Frau verpasst spät abends ihre Bahn und ein fortgeworfener Rubiks-Würfel setzt alles daran von ihr gelöst zu werden. Okay, so alltäglich ist das vielleicht doch nicht. Der Film ist in seinen Themen um analoges vs. digitales Spielen und Denken nicht zu aufdringlich und ist, trotz seiner fantastischen Prämisse mehr daran interessiert einen momentausschnitt eines gewöhnlichen Ereignisses zu zeigen. Besonders beachtenswert, mit wie wenig Animation es gelingt den Würfel zu einem sympathischen „Charakter“ zu machen.

 

Entspannter Einstieg in den Jahresendspurt

Heute bin ich mal faul und schreibe keinen Artikel. Ich finde, das habe ich mir nach dem reichlich gefüllten Oktober verdient. Es hat mich sehr gefreut, mit welchem Interesse Ihr die Kurzfilmreihe angenommen habt, ich war mir nicht sicher, ob die nicht zu Übersättigung führen würde. Auch bin ich froh darüber, meine „Spuktakulären Filmmonster“ (irgendwer sollte mir wirklich verbieten Titel auszudenken) beinahe bis zum gewünschten Ende gebracht zu haben. Auch wenn die letzten beiden Artikel über „Slasher“ und „Aliens“ durchaus etwas anstrengend zu schreiben waren. Dann war da noch der Gastbeitrag von Herrn Legosi, aber je weniger wir über den sagen, umso besser… Als Vorsatz für den nächsten Oktober, bleibt mir wie bei so vielem nur, dass ich das Ganze vermutlich ein wenig besser vorbereiten sollte.

Für die kommenden Samstage habe ich schon eine Reihe Ideen, bei denen ich mich darauf freue sie hier mit Euch zu bequatschen. Und alle Horrormuffel unter den Lesern können sich freuen: das Thema steht jetzt erst einmal nicht mehr auf dem Programm. Natürlich kann es aber jederzeit unerwartet aus einer finsteren Ecke springen, das liegt nun mal in seiner Natur.

So, bevor noch jemand zu Recht darauf hinweist, dass das jetzt schon erstaunlich viele Worte dafür sind, dass Ihr hier heute eigentlich nichts lest, höre ich an dieser Stelle lieber auf und wünsche einfach ein schönes Wochenende!

Ach, wisst Ihr was? Wenn Ihr eh hier seid, kann ich Euch auch noch einen Kurzfilm mit auf den Weg geben. In ‚The Heist‘ stellen zwei gutaussehende Hochstapler ein Team aus wirklich sämtlichen Klischees für den „großen Raub“ zusammen.

Kurz und schmerzlos Halloween Finale: ‚Welcome to Bushwick‘ (2018)

Ich hoffe Ihr hattet Spaß an meiner kleinen Kurzfilmreihe durch den Oktober. Mein Ziel war es ein möglichst großes Spektrum an Horrorshorts zu präsentieren. Ich glaube das ist mir auch weitgehend gelungen. Mich würde allerdings noch interessieren, welcher Film Euch am besten gefallen hat.

Doch kommen wir zu heutigen Kandidaten. Der ist, wenn Ihr ihn direkt an Halloween schaut, gerade einmal seit 2 Tagen im Netz. Eine solche brandheiße Präsentation wird natürlich nur möglich, wenn man so verplant ist wie ich und der finale Film nicht schon seit einem Monat feststand… Wie dem auch sei, Regisseur Henry Jennings gelingt es hier typische soziale Ängste, etwa die bei einem ersten Date, zu einem echten Horrorerlebnis zu verdichten. Viel Spaß und Happy Halloween, oder schönen Reformationstag, wenn Euch das lieber ist.