‚Zurück in die Zukunft II‘ und ein seltsam hellsichtiges Problem

Die ‚Zurück in die Zukunft‘ Trilogie erfreut sich seit bald 40 Jahren großer Beliebtheit. Während der erste Film als absoluter Klassiker gilt, werden die beiden Sequels vom Zeitgeist regelmäßig neu bewertet. Hinter den Kulissen der Filme gab es aber auch durchaus einiges Drama, welches man zumindest erahnen kann. So wurde für den ersten Film fast drei Wochen lang mit Eric Stoltz in der Rolle des Marty McFly gedreht (den man auch im fertigen Film noch teilweise hinter dem Steuer des DeLorean ausmachen kann). Danach wurde er entlassen und durch Michael J. Fox ersetzt. Mit Stoltz musste aber auch Melora Hardin als Martys Freundin Jennifer Parker die Produktion verlassen, weil sie laut den Produzenten neben Fox „zu groß“ wirkte. Sie wurde durch Claudia Wells ersetzt. Doch Wells gab kurz nach dem ersten Film, aufgrund nicht näher benannter persönlicher Probleme, die Schauspielerei auf. Sie wurde im zweiten Teil durch Elisabeth Shue ersetzt. Doch heute soll es um eine andere, weit schwierigere Ersetzung eines Darstellers gehen, die auf merkwürdige Weise ein damals weit in der Zukunft liegendes Problem vorwegnahm.

Crispin Glover, Darsteller von Martys Vater George McFly, war vom Drehbuch des zweiten Films (und vom Ende des ersten) ganz und gar nicht begeistert. Daher stellte er für seine Rückkehr eine absurde Gagenforderung von einer Million US-Dollar in den Raum. Die wurde natürlich abgelehnt und Glover durch Jeffrey Weissman ersetzt. Hier könnte die Geschichte eigentlich enden, doch genau hier wird es schwierig. Denn ‚Zurück in die Zukunft II‘ spielt zu großen Teilen innerhalb der Handlung des ersten Films. Und hier spielt George McFly eine große Rolle. Es war nicht realistisch machbar, einen guten Teil des ersten Films mit dem neuen Darsteller nachzudrehen, es wäre aber auch schwierig und verwirrend zwischen „alten“ und „neuen“ George McFly Szenen einen ständigen, offensichtlichen Darstellerwechsel zu haben. Daher entschlossen sich die Produzenten und Regisseur Robert Zemeckis auf einen Gesichtsabdruck Glovers zurückzugreifen, der für den ersten Film erstellt wurde und Weissman mittels prothetischem Makeup möglichst exakt wie Glover aussehen zu lassen. Eine falsche Nase, ein falsches Kinn usw. Dies gelang gut genug, dass offenbar ein guter Teil des Publikums getäuscht wurde.

Laut Glover und seinem damaligen Anwalt Doug Kari war man über diese Benutzung von Glovers exaktem Aussehen entsetzt. Umso mehr als, wiederrum laut Glover und Kari, Darsteller Weissman zu ihnen kam und ihnen berichtete am Set vielfach als „Crispin“ angesprochen worden zu sein. Als Beispiel wird hier Produzent Steven Spielberg angeführt, der lautstark zu Weissman gesagt haben soll „Na Crispin, hast du doch deine Million bekommen?“ Was sich für mich eher nach einem, zugegeben fiesen Scherz auf Kosten Glovers anhört, als nach einer bewusst verwendeten, falschen Persönlichkeit. Aber das Problem mit Witzen ist halt, dass sie vor Gericht nie witzig sind. Und vor Gericht würde es gehen, denn Glover verklagte Universal aufgrund unrechtmäßiger Verwendung seines Aussehens, an dem Universal keine Rechte besitze und wofür er keine Erlaubnis erteilt hätte. Universal antwortete mit einem Rechtseinwand, man habe ja nur den Charakter George McFly (an dem man sämtliche Rechte halte) weiterverwenden wollen und das wäre (wie oben beschrieben) nur auf diese Weise möglich gewesen. Die Klage sei daher abzuweisen.

Die Richterin schloss sich dieser Sichtweise nicht an und erlaubte Kari Zemeckis, Fox und Autor Bob Gale für eine anstehende Verhandlung vorzuladen. Allerdings riet sie auch dringend zu einem Vergleich. Und auf einen solchen einigte man sich, nachdem sich Universal zur Zahlung einer größeren Summe an Glover (eine dreiviertel Million US-Dollar steht gerüchteweise im Raum) bereiterklärte.

Ich kann natürlich nicht nachvollziehen, ob für Glover finanzielle Interessen im Mittelpunkt seines Handelns standen (allerdings wäre das ironisch, denn er betont gerade, dass er mit der materiellen Ausrichtung der Filme auf monetären Gewinn große Probleme hatte). Ich glaube ihm aber durchaus, dass ihn diese unrechtmäßige Verwendung seines Aussehens verletzt hat. Schließlich ist die physische Erscheinung ein wichtiger Teil des Handwerkszeugs für Schauspieler. Seiner Karriere in Hollywood zuträglich war die Klage des exzentrischen Darstellers sicher nicht.

Dadurch, dass es keinen direkten Richterspruch gab, sind aber auch keine klaren Richtlinien geschaffen. Dass ein Studio einen Darsteller für denselben Charakter durch einen anderen ersetzen darf ist etabliert und logisch. Und ist ja auch exakt so in ‚Zurück in die Zukunft II‘ mit Jennifer passiert. Hier hat man übrigens die finale Szene des ersten Films/erste Szene des zweiten Films mit Shue statt Wells nachgedreht. Auch Glover macht ganz deutlich, dass er gar kein Problem damit gehabt hätte, wäre er schlicht durch einen neuen Darsteller ersetzt worden. Das man dafür jemandem nimmt, der dem originalen Darsteller ähnlich sieht ist nur logisch. Das Problem erwächst hier aus der Verwendung von Prothesen, um den Eindruck zu erwecken, es handle sich um denselben Darsteller.

Heute wären es eben keine Prothesen, sondern ein digitales Abbild, das verwendet wird. Und dafür bedarf es der Erlaubnis der originalen Darstellerinnen (oder heute oft genug ihrer Nachfahren). Glover behauptet, es sei seine Klage gewesen, die dafür gesorgt habe, dass die einflussreiche Schauspielergewerkschaft SAG ihre Regeln in dieser Hinsicht verschärfte. SAG bestreitet das. Aber dennoch war das ein Fall, der Wesentliches vorausgegriffen hat. Digitale Darsteller werden ein Teil der Zukunft des Kinos sein, ob ich das mag oder nicht. Sie werden echte Schauspieler nie ersetzen, aber sie werden auch nicht verschwinden. Wesentlicher für diese Entwicklung waren sicherlich spätere Vorgänge. Etwa als Sängerin Gwen Stefani vor gut 10 Jahren Spieleentwickler Activision verklagte, weil man mit Stefani als Avatar sämtliche Songs in dem Spiel bestreiten konnte. Auch solche, die Stefani, laut ihrer Klage, nie singen würde. Auch hier endete es nach einer hohen Zahlung in einem Vergleich. Keine klare Richtlinie, aber es ist eindeutig, dass bei (selbst nicht photorealistischen) Abbildungen von Künstlern eben nicht gilt „anything goes“.

Spielberg macht nicht nur fiese Witze, er will auch eine Fortsetzung zu ‚Bullitt‘ drehen. Kann es einen ‚Bullitt‘ ohne Steve McQueen geben? Die Tatsache, dass er sich mit dessen Nachkommen „geeinigt“ hat, lässt vermuten, dass ein digitaler McQueen durchaus zum Einsatz kommen wird. Wird Disney seine lukrativen Helden alt werden lassen? Muss man wirklich auf Luke Skywalker verzichten, wenn Mark Hamill (in weit, weit entfernter Zukunft) einmal nicht mehr ist? Ich kann die Antworten darauf ahnen, auch wenn ich sie nicht mag. Moralisch kann man wohl wenig dagegen sagen, wenn die Darstellerinnen selbst ihr Einverständnis geben. Schwieriger finde ich es immer, wenn es die Nachkommen sind. Gerade wenn die originalen Darsteller in einer Zeit verstorben sind, in der sie mit einer solchen zukünftigen Verwendung nie rechnen mussten.

Aber vielleicht sind es für mich auch gar keine „moralischen“ Bedenken. Da ist etwas Seltsames an Film. Wenn man einen Film aus den 30ern schaut und sich bewusst macht, dass die quicklebendigen Menschen, die man dort sieht inzwischen allesamt tot sind. Die digitale Verwendung eines verstorbenen Darstellers holt für mich diese gespenstische Empfindung auf unangenehme Weise in aktuelle Filme. Aber all das sind Fragen, die ohnehin die Zukunft klären muss. Heute sollte es nur darum gehen, dass all das mit einem angeklebten Kinn begonnen hat. Und das ist immerhin absurd genug, um unterhaltsam zu sein.

PS: hm, hätten Kennedys Nachkommen auch Zemeckis verklagen können, weil JFK niemals einem Mann namens ‚Forrest Gump‘ die Hand geschüttelt hat (sofern das ohne Absprachen geschehen ist)? Also mit Erfolgsaussichten, meine ich. Ernst gemeinte Frage, ich weiß es nicht!

Quellen:

Crispin Glover on ‚Back to The Future II‘

Crispin Glover Back To The Future Controversy

Crispin Glover: „Zemeckis got really mad at me“

https://www.theverge.com/2019/10/22/20927032/cgi-digital-actor-replacement-cinema-gemini-man-the-congress-rogue-one-legality

https://www.hollywoodreporter.com/business/business-news/back-future-ii-a-legal-833705/

Cinematische Feiglinge

Egal ob es zwei kleine Typen mit haarigen Füßen sind, die ein Stück bösartigen Modeschmucks in einen Vulkan schmeißen, oder ein Feuchtigkeitsfarmer, der ein galaktisches Imperium stürzt, das Kino liebt seine Helden. In den letzten Jahrzehnten, so kann man argumentieren, ist das sogar ein wenig eskaliert und nun reicht nicht mehr der „normale“ Held, nein dieser Tage muss es der Super-Held sein. Aber was ist mit der Kehrseite der Medaille? Was ist mit dem Feigling? Sicherlich, er wird aus offensichtlichen Gründen wohl nie denselben Respekt erhalten wie der Held, aber kann nicht auch er für grandioses Kino sorgen? Gibt es womöglich so etwas wie den Super-Feigling? Schauen wir lieber schnell nach, bevor sie sich alle versteckt haben!

Was macht einen außergewöhnlichen Feigling aus? Er muss natürlich aus der Masse hervorstechen. Damit wären etwa sämtliche Einwohner von Hadleyville aus Fred Zinnemanns ‚Zwölf Uhr Mittags‘ disqualifiziert. Da wollte schließlich keiner Gary Coopers Marshall zur Seite stehen. Also alles eine feige Masse. Der außergewöhnliche Feigling muss außerdem bis zuletzt zu seiner Feigheit stehen. Damit wäre George McFly disqualifiziert, der in ‚Zurück in die Zukunft‘, nicht zuletzt dank der Ermutigung seines zukünftigen Sohnes, im entscheidenden Moment über seine Feigheit hinauswächst. Gut für ihn, gut für Lorraine, gut für den Film, aber hier kann er damit eben nicht punkten.

Na schön, aber ein Feigling, dessen Feigheit es in den Filmtitel schafft, der muss doch wohl ein außergewöhnlicher Feigling sein, oder? ‚Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford‘ sollte Mr. Ford doch einen Platz hier einbringen (und ich spreche hier ausdrücklich vom fiktiven Ford des Films, über die historische Person kann ich mir aufgrund vollständiger Unkenntnis kein Urteil erlauben). Vielleicht. Aber es spricht einiges dagegen. Man könnte die Feigheit auch als kalten Pragmatismus auslegen. Will man einen der schnellsten Schützen umbringen, kann essich lohnen zu warten, bis er, ohne Knarre, auf einem Stuhl steht und ein Bild abstaubt. Klar ist das feige, aber eben auch pragmatisch. Es vergisst auch Roberts Bruder Charley, der ebenfalls am Komplott beteiligt war und es nicht einmal in den Titel geschafft hat. Die Tatsache, dass der Film nahelegt, dass James weiß, was geschehen wird, nimmt allerdings keinen Einfluss. Aber nee, am Ende ist mir der Feigling Robert Ford nicht außergewöhnlich genug.

Vielleicht sollten wir nach Feiglingen wirklich mehr auf der Antagonisten-Seite des Films suchen. Ein Gutteil der Schurken aus ‚Die Braut des Prinzen‘ würde sich hier sicherlich qualifizieren. Ale außer, ausgerechnet, Wallace Shawns Vizzini, der allzu sehr von sich selbst eingenommen ist, um feige zu sein. Als Beispiel sei hier aber Christopher Guests Graf Rugen erwähnt:

Ganz schön feige und ein Niveau, das er bis zum bitteren Ende hält!

Für mich in der absoluten Oberliga der Feiglinge spielt Kevin J. O’Connors Beni Gabor aus ‚Die Mumie‘ von 1999. Es gibt keine Gefahr, vor der er nicht fliehen würde und, wichtiger noch, andere ihr willentlich ausliefern würde. Da verwundert es nicht, dass er zum willigen Renfield zu Imhoteps Dracula wird. Was zu dieser wunderbaren Szene führt.

Ich könnte mir stundenlang ansehen, wie Brendan Fraser ihm einen Stuhl ins Kreuz schmeißt und es wird nie nicht lustig sein! Und ohne Benis Feigheit gäb‘s die Szene nicht! Sein Ende ist dann hingegen deutlich düsterer, aber er ist immer noch feige!

Das ernsthaftere Pendant zu Benis Feigheit wäre wohl Kim Ui-seongs Yon-suk aus ‚Train To Busan‘, der über dutzende Leichen geht, um sein eigenes Leben vor den Zombies zu retten. Den mag wohl zum Ende des Films hin absolut niemand mehr.

Na schön, unter Schurken gibt es also außergewöhnliche Feiglinge, das haben wir geklärt. Und bei den „Guten“? Wirklich niemanden? Naja, es gibt natürlich den „liebenswerten Feigling“. Das wäre eine ziemlich lange Liste von Scooby Doo und Shaggy über C3PO, den ängstlichen Löwen, Jonathan aus dem oben erwähnten ‚The Mummy‘ und zahllose weitere. Aber weil die eben ein solches Klischee sind, sind sie doch kaum mehr außergewöhnlich.

Aber es gibt Charaktere wie Donald Genarro aus ‚Jurassic Park‘. Der ist erst mal ziemlich neutral. Doch als dann der T. Rex auftaucht, da nimmt er die Beine in die Hand. Das allein kann man ihm kaum vorwerfen, doch die Tatsache, dass er dabei zwei Kinder sich selbst überlässt, macht ihn absolut zum Feigling. Und die Tatsache, dass er sich daraufhin in einem Leichtbauweise Klo versteckt und so zu einem der denkwürdigeren Tode des Films führt, das macht ihn, in meinen Augen, zu einem außergewöhnlichen Feigling!

Wenn man die Buchvorlage kennt, grenzt das zwar schon ein wenig an Rufmord, aber Darsteller Martin Ferrero sagt, er wird noch bis heute als der Typ erkannt, den der T. Rex vom Klo mampft. Wenn das nicht außergewöhnlich ist, weiß ich auch nicht!

Schließen möchte ich mit einem der vielleicht übelsten Feiglinge der Filmgeschichte. William H. Macys Jerry Lundegaard aus ‚Fargo‘ heuert nicht nur zwei Gauner, um seine Frau entführen zu lassen und Lösegeld zu erpressen, er ist auch als die Situation mehr und mehr eskaliert in jedem Moment ein absolut schmieriger Feigling. Selten sieht man einen Charakter derart bar jeglicher rettenden Eigenschaften, für den man höchsten in kurzen Momenten einmal Mitleid empfindet, weil er derart kläglich ist. Und so muss diesen Artikel über außergewöhnliche Feiglinge natürlich sein erbärmlichster Moment schlechthin beschließen.

Wahrlich ein Feigling, wie er im Buche steht. Oder eher im Filme zu sehen ist.

Natürlich sind das nicht einmal annähernd alle Feiglinge, die es so gibt. Ich will auch von Euch Eure geliebten oder gehassten Filmfeiglinge wissen! Ganz egal, ob außergewöhnlich, liebenswert, oder einfach bloß feige. Also, seid nicht feige, schreibt sie einfach in die Kommentare!

„Den kenn ich, der ist gut!“ – Filme, die man mehrmals schaut

Im Internet erfährt man gerne mal etwas über die Sehgewohnheiten anderer Leute. Spätestens seit der Einführung der DVD gibt es etwa langwierige Diskussionen über das Für und Wider von Originalton und Synchronisation. Neu für mich war jedoch, dass es offenbar Menschen gibt, deren Zeit so knapp bemessen ist, dass sie Filme mit anderthalbfacher Geschwindigkeit schauen. Falls Du dazu gehörst, fass das bitte nicht als Beleidigung auf, aber nee. Echt nicht. Also wirklich nicht. Dann lieber den Film auf zwei Abende aufteilen. Ich sag ja selbst gerne, dass (Blockbuster-)Laufzeiten heutzutage viel zu lang sind, aber schneller ablaufen lassen ist dafür eine geradezu irrsinnige Lösung. Aber heute soll es hier um das genaue Gegenteil gehen. Die ultimative „Zeitverschwendung“ des Medienkonsums (ich mag das Wort nicht…). Nämlich Filme, die man mehrmals schaut. Medienwiederkäuerei, sozusagen. Irgendwo lauert hier eine Pointe mit dem Wort „Käse“, aber ich kann sie nicht recht melken.

Als ich ein Kind war hatten wir keinen Videorekorder. Und das Wort „Videorekorder“ verrät, dass das eine Zeit vor dem Internet war. Sprich, damals war ich auf das Fernsehen oder Freunde angewiesen, um Filme mehrmals zu sehen. Das kam daher nicht häufig vor. Dafür hatte ich Hörspielkassetten, die ich quasi mitsprechen konnte. Meine Filmleidenschaft begann eigentlich so richtig erst mit der DVD. Und um als Schüler/Student den (damals durchaus noch erheblichen) Preis einer solchen zu rechtfertigen muss sie natürlich mehrfach geschaut werden. ‚Die Mumie‘ von 1999 avancierte so als eine meiner frühesten DVDs zu einem vielgesehenen Film. Zu Recht, wie ich finde. Natürlich ist da ‚Ghostbusters‘ als einer meiner meistgesehenen Filme. Und immer noch mindestens alle paar Jahre heißt es sich viel Zeit nehmen, um die Extended Editions der ‚Herr der Ringe‘ Filme zu schauen.

Manche Filme erwarten, oder belohnen wenigstens auch mehrfaches Ansehen. Bei fast jedem Film der Coen Brüder lerne ich das Drehbuch bei wiederholtem Ansehen noch mehr zu schätzen. David Lynch lädt zu immer neuen Entdeckungen in seinen Filmen ein. Edgar Wrights Filme werden durch Wiederholung immer noch besser. Manchmal entdeckt man einen Film, den man seit Jahren nicht gesehen hat neu und findet völlig neuen, völlig anderen Zugang zu ihm. Natürlich, weil man selbst sich verändert hat. Der Film ist ja immer noch der gleiche. Es kann aber auch ein ganz simples Vergnügen sein, einen whodunnit mit dem Wissen darum zu sehen „who dunn it“ und dann, wie etwa bei ‚Knives Out‘ festzustellen, dass die Macher absolut fair gespielt haben und man alle Hinweise bei der Hand hatte. Siehe auch frühe M Night Shyamalan-Filme und ihre, später zur ärgerlichen Pflicht werdenden, Twists.

Oder man will einfach einen Film sehen, bei dem man schon vorher ganz genau weiß, dass er in eine ganz bestimmte Stimmung versetzt. Meist in eine bessere, vermutlich. Deswegen ist ja gerade jetzt zur Weihnachtszeit Kevin so oft allein zu Haus. Oder man fragt sich, ob das Leben nicht schön ist. Oder, in meinem Fall, schaut die wunderbare Muppet Weihnachtsgeschichte.

Bei manchen Filmen kann ich aber schlicht selbst nicht erklären, warum ich so oft und so gern zu ihnen zurückkehre. Fragt man mich nach meinen liebsten Filmen von John Carpenter, dann gebe ich die ebenso unkreativen wie korrekten Antworten ‚The Thing‘ und ‚Halloween‘. Warum schaue ich dann immer wieder und viel häufiger ‚The Fog‘? Weil der Film für mich zu einer Art Komfort geworden  ist. Er hat längst jeden Schrecken eingebüßt und Antonio Bay ist für mich einfach ein wunderschöner Ort, selbst wenn gelegentlich in ihrem Rachedurst völlig berechtigte Geisterseemänner auftauchen, die vor Jahrhunderten auf ein Riff gelockt wurden.

Aber so ziemlich jeden Film, den ich mag, schaue ich gerne noch einmal, mit Leuten, die ihn noch nicht kennen. Denn deren Reaktion ist so nahe dran, wie es möglich ist, einen Film noch einmal zum allerersten Mal zu erleben.

Wie ist das bei Euch? Schaut Ihr Filme häufiger? (Gibt es jemanden, der die vorige Frage mit kategorischem Nein beantworten kann?) Welches sind Eure meistgesehenen? Und gibt es bestimmte Anlässe, die ohne den dazugehörigen Film nur halb so schön sind? Ich schätze Ihr könnt mir auch in die Kommentare schreiben, wenn Ihr zu der Gruppe gehört, die Filme mit erhöhter Geschwindigkeit schaut. Ich versuche ja grundsätzlich erst mal alles zu verstehen.

Unerwarteter Horror oder: von Rollerern und schreienden Köpfen

Ich mag Horrorfilme. Das ist für regelmäßige Leser keine neue Information. Ich habe hier auch schon mal geschildert, wie ich ‚Alien‘ allzu früh gesehen habe, und dass das etwas mit meinen heutigen Vorlieben zu tun haben könnte. Auch von meiner übertriebenen Panikreaktion als Vorschul-Steppke auf ‚E.T.‘ habe ich hier schon mehrfach geschrieben. Heute soll es aber um einen Film gehen, bei dem weder ich noch sonst irgendjemand damit rechnen musste, dass er irgendwem Angst machen würde und trotzdem saß ich (und nicht nur ich) quasi gelähmt auf meinem Platz.

Der Film von dem ich spreche, trägt den harmlosen Titel ‚Oz – Eine fantastische Welt‘ und stammt von 1985. Der Film versteht sich als Fortsetzung von ‚Der Zauberer von Oz‘ und basiert auf zwei weiteren Büchern von Frank L. Baum. Klingt doch nett, oder? Das dachten wohl auch die Eltern von einem Freund, dessen Kindergeburtstag ich vermutlich so 1987 besucht habe. Vermutlich habe ich ihm ein kleines LEGO Set geschenkt. So ein Weltraumset. Damit konnte man ja quasi nix falsch machen. Worüber reden wir? Ach ja: jedenfalls haben wir dort den Film auf VHS geschaut.

Dass der Ton hier ein anderer wäre als bei dem alten Judy Garland Musical (bei dem einige Szenen durchaus auch gruselig sind, versteht mich nicht falsch!) wurde sehr schnell klar, als die Szenen in der echten Welt in einer düsteren Nervenheilanstalt spielen, in die Dorothy (hier Fairuza Balk) nach ihrem ersten Ausflug nach Oz eingewiesen wurde. Alsbald gelangt sie zurück nach Oz, doch dessen Bewohner sind seit dem letzten Mal ein wenig heruntergekommen. Ein Huhn, das Dorothy trifft ist ja noch freundlich, aber die Smaragdstadt liegt in Trümmern, ihre Bewohner sind versteinert. Und dann… dann tauchen die „Rollerer“ auf. Seht selbst.

Hier wurde Mini-Filmlichter klar, dass diesem Film nicht zu trauen ist. Der meint es ernst! Die böse Hexe Mombi und der Zwergenkönig sind jedenfalls für die Zerstörung in Oz verantwortlich. Und damit kommen wir auch schon zu Mombi. Die sammelt die (lebenden und bewussten) Köpfe schöner Mädchen und Frauen und trägt sie abwechselnd.

Ich mein, klar, die schreienden Köpfe in ihren Glaskästen wären vermutlich schon genug, um aus der Szene Horror zu machen, aber warum nicht noch die kopflose Mombi dazu, die aggressiv aber blind durch die Gegend zuckt, wie ein frisch geköpfter Deadite. Groovy! Ich vermute hier war der Punkt erreicht, wo die Eltern von meinem Freund bemerkt haben, dass sie einen recht großen Fehler gemacht haben. Ich kann nicht mehr sagen, ob irgendwer angefangen hat zu heulen. Ich kann nicht mehr sagen, ob ich angefangen hab zu heulen.

Natürlich will Mombi auch Dorothys Kopf haben. Doch die flieht mit Roboter TikTok, Kürbiskopf Jack und einem fliegenden Sofa mit Elchkopf (für das sie das Lebenspuder aus dem Clip oben brauchte). In anderen („normalen“) Kinderfilmen wäre vermutlich jeder der drei gruselig, hier wirken sie ziemlich beruhigend. Der Rest des Films ist dann aber auch insgesamt weniger gruselig, natürlich werden Mombi und der Zwergenkönig (der deutlich weniger gruselig ist) besiegt, die Vogelscheuche hat einen Auftritt, am Ende ist in Oz alles wieder im Lot und die Nervenklinik ist abgebrannt (und Dorothys behandelnder Arzt (der sich einen Darsteller mit dem Zwergenkönig teilt) tot, die fiese Krankenschwester (selbe Darstellerin wie Mombi) kommt in den Knast.

Ob ich irgendetwas davon bei meiner ersten Sichtung mitbekommen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Ich glaube ich habe ungefähr bei Mombi aufgehört überhaupt in Richtung Fernseher zu schauen, höchstens durch die Finger. Den Film selbst habe ich bald vergessen oder verdrängt. Es redete auch kaum jemand drüber. Erst Jahrzehnte später, als ich das Cover der DVD in einem Regal sah, kam die Erinnerung zurück. Natürlich musste ich überprüfen, ob der wirklich so gruselig ist. Einen guten Teil seiner Wirkung hat er für einen Mittzwanziger natürlich eingebüßt, aber ich kann bis heute problemlos nachvollziehen, warum ich den Film damals so gruselig fand. Kindern würd ich ihn vermutlich nicht zeigen. Dabei ist der Film durchaus gut und aufwändig gemacht. Es ist die einzige Regiearbeit von Cutter und Sounddesigner Walter Murch. Als Cutter gehört er zu den respektiertesten seiner Zunft mit drei Oscars und jeder Menge Nominierungen.

‚Oz – eine wunderbare Welt‘ aber floppte, vermutlich eben weil der Film Kinder ziemlich verstörte, und Murch drehte nie einen weiteren Film (wohl aber exakt eine Folge der Serie ‚Star Wars: The Clone Wars‘, wobei ich nicht weiß, ob die gruselig ist). ‚Oz‘ erschien bei Disney, die in den 50ern die Filmrechte an den Büchern erwarben, ohne je viel damit anzufangen. Heutzutage wirkt ein Film wie ‚Oz‘ aus der Erfolgsschmiede der Maus geradezu unvorstellbar. Mitte der 80er war die Situation aber für das Studio selbst düster genug, dass man gewillt und gezwungen war Experimente zu machen.

Bei genauerem Hinsehen sind gruselige Momente aber gar nichts so Ungewöhnliches für Disney. Der Tod von Bambis Mutter ist vor allem traurig, aber auch unheimlich inszeniert. Schneewittchen läuft durch einen Gruselwald, kaum dass der Mann der Königin sie verschont hat. Dumbos rosa Elefanten! Die Esel der Vergnügungsinsel in ‚Pinocchio‘! Selbst der Beginn der Disney Rennaissance wusste durchaus noch zu gruseln. Ursula wird in einigen Szenen ordentlich bedrohlich inszeniert. Das war also bei Disney etwas durchaus akzeptiertes. Und es macht den meisten Kindern ja auch durchaus Spaß. ‚Oz‘ treibt das Ganze aber vielleicht ein Stück zu weit. Wobei ich es auch traurig finde, dass solche gruseligen Szenen zu den Ecken und Kanten gehören, die heutigen Disneyfilmen sorgfältig abgeschliffen werden.

Welche Filme haben Euch als Kinder erschreckt? Und ich meine nicht unbedingt Filme wie ‚Gremlins‘ oder ‚Ghostbusters‘, wo man aufgrund der Thematik schon mit ein wenig Schauder rechnen muss, sondern Filme, die sich als erheblich verstörender herausstellen als (womöglich auch von den Eltern) erwartet.

Patty Jenkins und die „Fake Movies“

Regisseurin Patty Jenkins hat sich mit einer Aussage in einer Panel Diskussion bei der CinemaCon dieses Jahr recht unbeliebt gemacht. Es geht, wieder einmal, um die Rivalität zwischen Streaming und Kino. Jenkins war zutiefst unglücklich, dass ihr ‚Wonder Woman 1984‘ letztes Jahr gleichzeitig in Kino und Streaming veröffentlicht wurde. Hierin sieht sie den Grund, warum der Film nicht einmal sein Budget wieder eingespielt habe. Das ist sicherlich mehr als diskutabel. Eher mäßige Kritiken und, ach ja, eine globale Pandemie könnten dabei durchaus auch ihren Anteil gehabt haben.

Jedenfalls ist Frau Jenkins noch nicht fertig mit ihrem Unmut über Streaming. Bei der CinemaCon sagte sie: „Sehen Sie das denn nicht? All diese Filme, die Streaming Dienste veröffentlichen, tut mir leid, die sehen für mich nicht wie echte Filme aus („look like fake movies to me“). Ich höre nichts über die, ich lese nichts über die. Das funktioniert doch nicht als Modell, um legendäre Großartigkeit zu schaffen.“*

Natürlich erntet sie für diese Aussage in Folge von ‚WW84‘ vor allem Häme. Ich habe ‚WW84‘ nicht gesehen und damit keine Grundlage für Häme, also warum schauen wir uns ihre Aussage nicht einmal genauer an. Hat sie womöglich doch ein bisschen Recht?

Mein Bauchgefühl sagt erst einmal, nein. Wenn Du Deinen Film auf Netflix oder Amazon Prime kriegst, dann hast Du doch quasi schon ein eingebautes Publikum. Ein Publikum, das Du nicht mehr überzeugen musst überhaupt eine Karte zu kaufen. Ein Publikum, das nicht einmal vom Sofa aufstehen muss! Ein Publikum, das nur noch auf Deinen Film klicken muss, um Deine „legendäre Großartigkeit“ zu entdecken. Oder wenigstens Dein gesundes Selbstbewusstsein.

Aber genau das ist wohl gar nicht so leicht, oder? Jemanden dazu zu bekommen auf Deinen Film zu klicken. Dafür muss diejenige ihn ja erst einmal finden können. Oder wissen, dass er existiert. Und ich bin mir als langjähriger Prime Abonnent sicher, dass mir in der Zeit dutzende Filme entgangen sind, die mich interessiert hätten, von denen ich aber schlicht nichts wusste. Streaming Dienste, so scheint es mir wenigstens, machen nicht häufig Werbung für ihre Filme. Und wenn dann nicht sonderlich effektive. Die einzigen Filme, die „echte“ Promo-Kampagnen bekommen, scheinen die von im Kino etablierten Regisseuren zu sein. Finchers ‚Mank‘, Scorseses ‚The Irishman‘ oder Snyders ‚Army of the Dead‘ etwa. Sollte man etwa annehmen, dass die Streaming Anbieter einen Gutteil ihrer Filme selbst für „fake movies“ halten? Oder ist es in der Content-Schwemme schlicht nicht möglich oder sinnvoll jeden Film großartig zu bewerben? Was natürlich die Frage nach sich zieht, ob das im Kino immer grundsätzlich anders ist. Auch hier hört man ohne eigenes Zutun nicht zwangsläufig von jedem Film. Oft genug vielleicht gerade von den besonders interessanten nicht.

Eine andere Sache ist, dass Film quasi grundsätzlich eine Mischung aus Kunst und Kommerz ist. Teil der „legendären Großartigkeit“ von Filmen ist, zum Guten wie zum Schlechten, immer auch ihr finanzieller Erfolg. ‚Der Weiße Hai‘ ist nicht einfach nur ein grandioser Film, er ist auch der „Erfinder“ des Sommer-Blockbusters. Der finanzielle Erfolg, die Nummer 1 in den Charts zu sein ist dann natürlich noch einmal eigene, kostenfreie Werbung. Im Kino ist diese Erfolgsmessung relativ simpel. Wie viel der Film eingespielt (abzüglich versch. Kostenfaktoren) hat, aufgerechnet gegen sein Budget.

Netflix hat zwei ‚Knives Out‘ Sequels für über 400 Millionen Dollar gekauft. Wie viele neue Kunden müssen die anlocken, wie viele Kunden für ein weiteres Jahresabo halten, damit sich das rechnet? Und wie misst Netflix das überhaupt? Derartige Interna erfahren wir natürlich nicht. Die Kinos hingegen haben großes Interesse daran, dass öffentlich wird, welcher Film wie gut läuft, damit sie ihren begrenzten Raum möglichst ökonomisch nutzen können.

Jetzt kann man sagen, pah, wen interessieren denn heute noch klassische Werbekampagnen? Werbemails liest außerdem eh keiner. Wer guckt denn noch auf Charts, außer Langweiler mit Statistik-Fetisch? Steht ja eh ein Disneyfilm auf Platz 1. Wir leben im Zeitalter der sozialen Medien. Hier musst Du die Durchdringung schaffen. Hier kann es Dir gelingen „viral“ zu werden. Und weil es dafür kein Patentrezept gibt, demokratisiert das den Werbeprozess sogar. Eine etablierte Marketingfirma kann hier problemlos gegen ein glücklich platziertes Meme verlieren. Das kann alles sein. Allerdings ist das große Problem der sozialen Medien ihre Fragmentierung und ihre Volatilität. Nicht nur das man hier die scharf voneinander abgegrenzten Meinungsblasen hat, die sich oft genug nur begegnen um einander zu „flamen“, ein erfolgreiches Meme aus einem Film hat keineswegs die logische Folge, dass dadurch mehr Leute in den Film strömen. Beides ist ebenfalls scharf voneinander abgegrenzt. Und mit etwas Pech morgen ohnehin vergessen, wenn ein Video von einem Molinasittich auftaucht, der zum „Wellerman“ tanzt.

Was bleibt? Frau Jenkins Aussage zu „fake movies“ ist sicher eine reichlich dreiste und bewusst provozierende. Aber Tatsache bleibt auch, dass in der Content-Schwemme sicherlich eine ganze Menge hinten runter fällt. Unser kulturelles Gedächtnis scheint sich, nicht zuletzt aufgrund des Überangebots, immer mehr zu verkürzen. Der Entdeckerdrang die wirklich interessanten Dinge zu finden ist nicht mehr gegeben, einfach weil uns bereits so viel Adäquates automatisch vorgesetzt wird. Ich weiß nicht wie die Zukunft des Kinos aussieht. Ich weiß aber genauso wenig wie die Zukunft des Streamings aussieht. Wenn ich mir ansehe, wie Netflix mit Geld umgeht, frage ich mich manchmal, ob es überhaupt eine Zukunft hat. Oder ob die Zukunft von beidem nicht einfach Disney heißt.

* „Aren’t you seeing it? All of the films that streaming services are putting out, I’m sorry, they look like fake movies to me. I don’t hear about them, I don’t read about them. It’s not working as a model for establishing legendary greatness.“

Die Lebenserwartung von Franchises Teil 4 – Finale! (bis zum Reboot)

Nun also zu den modernen Franchises. Gibt es hier Beispiele für „tote“ Reihen? Muss es ja geben, oder? Schauen wir zunächst doch mal in die 80er, die immer noch für Remakes hergenommen werden. Irgendwas muss da doch durch die Lappen gegangen sein, oder?

Ich dachte, ich könnte ganz elegant mit einer Parallele zur letzten Woche eröffnen. Da ging es um den belendenschurzten Pulphelden Tarzan. Und diese Woche? Conan! ‚Conan der Barbar‘ war nicht nur der Durchbruch für Arnold Schwarzenegger, er ist, wenigstens in meinen Augen, auch heute noch ein gelungener Film. Und sei es nur für Basil Pouledouris brachialen Soundtrack. Danach wurde die Reihe mit ‚Conan der Zerstörer‘ und ‚Red Sonya‘, den Schwarzenegger nutzte, um sich von weiteren Conan-Verpflichtungen zu befreien, direkt aufs Trash-Gleis gelenkt. Eine Serie mit Ralf Möller in den 90ern blieb denn auch genau da. Gleich zwei Zeichentrickserien für Kinder gab‘s in den 90ern auch. Keine Ahnung wie das funktioniert, bei einem Charakter, der dadurch definiert ist, dass er mit einem Breitschwert ordentlich hinlangt. Und das Reboot mit Jason Momoa darf wohl als umfassend gescheitert beurteilt werden. Seit fast 10 Jahren versucht Arnie nun erfolglos einen Film aus Conans späten Jahren, als König, auf den Weg zu bringen. Perfektes Beispiel also, dachte ich. Aber nö. Netflix arbeitet derzeit sowohl an einer Conan als auch einer Red Sonya Serie. Also überhaupt nicht tot.

Nein, ein besserer Ansatz wäre der Humor. ‚Police Academy‘ ist nämlich „tot“. Sieben Filme in zehn Jahren, eine Zeichentrickserie und eine Realserie. Keine schlechte Bilanz für die unfähigen Polizisten. In den frühen 2000ern hielten sich denn auch Gerüchte um eine Fortsetzung. Die wurden zu Gerüchten um ein Reboot. Aber ganz ehrlich, wenn Steve Guttenberg noch 2018 behauptet, das Reboot käme jeden Moment raus, dann scheint da inzwischen eher der Wunsch Vater des Gedanken.

Und wenn wir bei 80ern und Humor sind, landen wir schnell bei ZAZ. Zucker/Abrahams/Zucker nämlich, die verantwortlich sind für die damalige Welle der Parodiefilme. Das größte Franchise hier ist fraglos ‚Die Nackte Kanone‘. Und ich nehme an, die ist in der Tat „tot“, denn ich kann mir keine Welt vorstellen, in der eine nackte Kanone ohne das komische Talent von Leslie Nielsen funktionieren könnte. Aber warum ist zum Beispiel ‚Hot Shots!‘ eine Duologie geblieben? Alberne Actionfilmklischees hätte es sicherlich noch genug gegeben. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Filmschaffenden diese Art von Film unterschätzt haben. In den 2000ern gab es durchaus immer noch Beispiele für den Parodiefilm, jedoch haben diese eine eigene Geschichte weitgehend aufgegeben und sich rein auf die „Verarsche“ bestimmter bekannter Szenen konzentriert. Heraus kam eine Ansammlung alsbald veralteter und schon anfangs selten komischer Sketche. Und so holte man für die späteren Teile von ‚Scary Movie‘ David Zucker zurück, der wohl mit Teil 4 und 5 wohl durchaus wieder Qualität schaffte. So weit bin ich in der Reihe aber nie gekommen. Und ‚Scary Movie‘ ist übrigens ebenfalls „tot“. Aber womöglich ist die Lebenserwartung dieser Parodiefilme einfach immer eng an das geknüpft, was sie parodieren.

Aber was ist mit „ernsthaften“ Franchises? Hier habe ich mich wirklich schwergetan, bis ich in den 2010ern angekommen bin. ‚Die Tribute von Panem‘ löste hier eine ganze Welle von „Young Adult“-Dystopie-Verfilmungen aus. Und während ‚Die Tribute von Panem‘ keineswegs „tot“ ist, ein Spin Off/Prequel-Film ist in Arbeit, sieht das für viele der Epigonen anders aus. Zwar haben auch ‚Maze Runner‘ oder ‚Divergent‘ ihre obligatorische Trilogie vollbekommen, aber ein ‚Chroniken der Unterwelt‘ oder ‚Die 5. Welle‘ scheiterten bereits nach dem ersten Film. Und für ‚Maze Runner‘ sieht es mit weiteren Fortsetzungen ebenfalls düster aus. Sowohl ein vierter Film als auch eine TV Serie sind noch in der Planungsphase wieder eingestellt worden.

Sind wir hier womöglich etwas auf der Spur? Sind „Mitläuferfranchises“ grundsätzlich gefährdeter als andere? Was meine ich mit Mitläuferfranchise? Nun, ein Parodiefilm braucht, notwendigerweise, etwas, das er parodieren kann. Ohne das kann er nicht existieren. Und die Hunger Games Epigonen sind schlicht Mitläufer im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Ein Divergent wäre ohne den Erfolg der Tribute vermutlich nie verfilmt worden. Tatsächlich funktioniert das auch, wenn wir uns die Versuche anschauen, dem Marvel Cinematic Universe nachzueifern. Sei es ein ‚Amazing Spider-Man‘, der sich mehr in Worldbuilding verliert, als darin eine Geschichte zu erzählen. Oder natürlich das längst zur Pointe gewordene „Dark Universe“. Oder ist das Scheitern schlicht sichtbarer, wenn man sich von Anfang an an einen Erfolg dranhängt? Wenn eine originelle Idee floppt kriegt es vermutlich niemand mit, aber wenn „der neue [etablierten Erfolg hier einsetzen]“ baden geht, dann sind da viele die vermutlich mit dem Finger zeigen und lachen.

Ich denke, um nach langer, langer Zeit einmal die Frage aus dem ersten Teil zu beantworten, dass meine Behauptung, dass kein Franchise mehr sterben darf falsch ist. Es ist immer noch möglich ein Franchise derart auf Grund zu setzen, dass es abgewrackt werden muss. Was jedoch nicht mehr (oder wenigstens deutlich weniger) passiert, ist dass ein Franchise, in dem noch ein Funken Leben steckt, enden darf. Solange noch genug Leute den Namen erkennen ist ein Reboot oder eine neue Auflage als Serie nur eine Frage der Zeit. Meine Phrase werde ich dementsprechend in „kein Franchise wird je wieder enden dürfen“ ändern. Aber viel wichtiger ist doch die Frage, woran das liegt. Sind die Studios heute einfach grundsätzlich gieriger als früher? Daran zweifle ich mal stark.

Ich würde vermuten, die Langlebigkeit von Franchises hängt zu einem guten Teil von ihrer Verfügbarkeit ab. Bis in die 50er lief ein Film im Kino, dann war er weg, wenn er nicht wiederaufgeführt wurde. Mit dem Fernsehen begannen die Archive der Studios sichtbar zu werden. Und mit der VHS war ab den 80ern zum ersten Mal ein großer Teil der Filme für Interessierte  auf Abruf verfügbar. Aber auch ein neuer Absatzmarkt geschaffen. Plötzlich konnte man ein mögliches Sequel, dass sich im Kino nicht gerechnet hätte mit ein paar Abstrichen als Heimvideo herausbringen. Disney etwa, die sich durch Wiederaufführungen der Zugkraft ihrer Zeichentrickklassiker bewusst waren, begannen günstige VHS Fortsetzungen zu produzieren, quasi ein gleichzeitig Gegenteil und Vorläufer der gigantisch produzierten Realfilm-Neuauflagen. Beides dient dazu den bekannten Namen zu bedienen. Und nicht nur die Studios selber versuchen die bekannten Namen zu nutzen. Mit dem Heimkino kam auch der Mockbuster, der sich dem Blockbuster in Titel und Aufmachung anlehnt und versucht über unaufmerksame Eltern eine Verbreitung zu finden.

Heute haben wir die Ära der Heimmedien fast schon wieder hinter uns gelassen. Mit Streaming ist die Verfügbarkeit von Filmen und Serien annähernd trivial geworden. Doch ist mit Streaming auch der Bedarf nach immer neuem „Content“ entstanden. Streamingdienste müssen bestehenden Kunden Neues bieten um sie zu halten, aber auch neue Kunden locken. Von Netflix wissen wir, dass es für sie lohnender ist, eine neue Staffel eins einer Serie zu produzieren als eine Staffel drei oder vier einer erfolgreichen. Weil eine erste Staffel immer die meisten Zuschauer hat. Und um diesen beständigen Hunger nach ewig „Neuem“ zu stillen, ist es fast schon offensichtlich auf Bekanntes zurückzugreifen. Warum nicht eine dem Namen nach noch vage bekannte Filmreihe als Serie umsetzen? Wird es ein Erfolg, super, wenn nicht gibt’s eine neue Staffel 1 von was anderem.

Im Kino hingegen regiert der Blockbuster. Und der ist nicht experimentierfreudig, weil er ein gigantisches Budget wieder einspielen muss und am besten hunderttausende Dollar Gewinn. Da hält man sich von vornherein an Altbekanntes. Und wenn etwas wie ‚Star Wars‘ seit bald 45 Jahren funktioniert, dann wird es das ja auch noch nächstes Jahr.

Und so führen beide der derzeit größten Vertriebswege für Filme auf unterschiedlichen Wegen, über unstillbaren Bedarf und über erbsenzählerische Vorsicht, zum Rückgriff auf bewährte Namen und Inhalte. Jedenfalls meiner Meinung nach. Und was die wert ist zeigt ja der Satz „kein Franchise wird jemals wieder sterben dürfen“.