Einige verschollene Filme, die ich gern sehen würde

Nimmt man einen ungefähren Mittelwert der Schätzungen von Organisationen, die sich damit beschäftigen, dann muss man davon ausgehen, dass ungefähr 80% aller Stummfilme verloren sind. Das lag vor allem daran, dass Studios Filme weitgehend als „Wegwerfartikel“ sahen. Wozu ein Archiv bewahren, wenn man jedes Jahr neue Filme dreht, die gesehen werden wollen? Und Fernsehen gab es noch nicht. Dazu kommt noch, dass Stummfilme auf, im wahrsten Sinne des Wortes, brandgefährlichem Nitratfilm gedreht und gelagert wurden. MGM war eines der wenigen Positivbeispiele für ihren Erhalt ihres Stummfilmkatalogs. Aber dann brach in ihrem Lager 1965 ein verheerendes Feuer aus. Daneben ist der Film für Langzeitlagerung nicht geeignet, da er sich irgendwann selbst zersetzt.

Und so spricht der Titel zwar von „verschollenen“ und nicht „verlorenen“ Filmen, da eine geringe Chance besteht, dass sie irgendwo noch in einem restaurationsfähigen Zustand gefunden werden, doch mache ich mir keine großen Hoffnungen irgendeinen der folgenden Filme je wirklich zu sehen.

Nun ist das was man nicht haben kann ja grundsätzlich spannender als das einfach verfügbare und so bekommen verschollene Filme oftmals diese Aura eines tragischen Meisterwerks. Die mag nicht immer verdient sein (wir werden‘s aber nicht erfahren), doch denke ich, dass die folgenden Filme zumindest eine gewisse Neugier rechtfertigen.

Beginnen wir mit einem Beispiel dafür, wie neue Medien direkten Einfluss auf den Lauf der Geschichte haben können. Pancho Villa war einer der wichtigsten Akteure der mexikanischen Revolution. Von Zeitgenossen und Historikern wurden ihm viele Titel zugedacht: Freiheitskämpfer, Warlord, Volksheld, Terrorist, General, Verbrecher und einer über den sich alle einig sind, Revolutionär. „Hollywood-Star“ hingegen ist ein Titel der selten Erwähnung findet. In Villas Leben war fast alles tumultartig. Nicht zuletzt seine Beziehung zu den USA. 1914 war die jedoch gut und Villa brauchte dringend Geld. Also unterschrieb er einen Filmvertrag bei der Mutual Film Corporation. Christy Cabanne würde einen Film über sein Leben drehen, mit Raoul Walsh als jugendlichem Pancho und Villa selbst würde sich als zeitgenössischer Erwachsener spielen. Die Filmcrew drehte reale Schlachten mit, die Villa austrug. Ob er dabei seine Taktik danach richtete, was Christy als cinematisch betrachtete, darf zumindest bezweifelt werden. Sicher ist, dass er während gedreht wurde eine Fantasie-Generalsuniform tragen musste. Nach Drehschluss musste er sie zurückgeben, schließlich gehörte sie dem Studio. Zurück in Hollywood erschien vieles, vor allem die Schlachtszenen als zu unglaubwürdig(!) und ganze Szenen wurden an Sets nachgedreht.

Zwei Jahre später attackierte Villa eine Stadt im amerikanischen New Mexico und führte die US-Armee auf der anschließenden, erfolglosen Strafexpedition vor. Das Verhältnis USA-Villa als „abgekühlt“ zu bezeichnen wäre eine fantastische Untertreibung. Daher war wohl niemand wirklich traurig, dass der Film in Vergessenheit geriet und verschwand. Doch aus heutiger Sicht ist es natürlich ein faszinierendes Artefakt.

‚Um Mitternacht‘ von 1927 gilt als so etwas wie der Heilige Gral unter Filmsammlern. Hier sammelte Tod Browning, vier Jahre bevor er ‚Dracula‘ für Universal drehen sollte, erste Erfahrungen mit dem Thema „Vampire“. Dabei arbeitete er als Hauptdarsteller mit Lon Chaney zusammen, dem „Mann der 1000 Gesichter“, bekannt für seine Arbeit mit Masken und seiner Fähigkeit grotesken Figuren eine erstaunliche Tiefe zu verleihen. In ‚Um Mitternacht‘ gibt Chaney den Detektiv Burke, der den Mord an Sir Roger Balfour aufklären soll. Aufgrund eines Abschiedsbriefes nimmt Burke scheinbar Suizid an. Doch fünf Jahre später zieht ein mysteriöser Fremder in das Herrenhaus Balfours. Schnell verbreiten sich Gerüchte, dass es sich um Balfour selbst handelt, der als Vampir wieder auferstanden ist. Tatsächlich inszeniert Burke jedoch den Vampirspuk, um den vermeintlichen Mörder endlich aus der Reserve zu locken.

Dies ist einer der Filme, die bei dem Feuer im MGM Archiv 1965 zerstört wurden. Daraus erklärt sich vielleicht, warum er bei Sammlern immer noch begehrt ist, anstatt abgeschrieben. Von allen Filmen in diesem Artikel, halte ich es bei diesem für am wahrscheinlichsten, dass es noch eine Kopie geben könnte. Einfach weil der Film fast 40 Jahre „existiert“ hat und in 11 Ländern aufgeführt wurde. Da muss es doch Kopien in irgendwelchen staubigen Archiven geben!

Thematisch finde ich ihn ohnehin interessant, habe ich doch erst letztens in einem Artikel darüber gesprochen, dass ich die Idee inszenierten Spuks im aktuellen Horror vermisse.

Das auch große Namen vor dem Verschwinden ihrer Filme nicht unbedingt sicher sind zeigt der Fall von Alfred Hitchcocks zweitem Film, ‚Der Bergadler‘ von 1926. Allerdings war Hitchcock über dessen Verschwinden nicht allzu traurig. Im Film stellt Pettigrew, ein Ladenbesitzer, der Dorfschullehrerin Beatrice (Nita Naldi) nach. Als die seine Liebe aber so gar nicht erwidert, behauptet Pettigrew sie habe seinen behinderten Sohn Edward belästigt. Beatrice flüchtet zu einem Eremiten in die Berge, in den sie sich verliebt und den sie heiratet. Der rachlüstige Pettigrew versteckt daraufhin seinen Sohn (oder er ist ohnehin verschwunden, Beschreibungen sind hier widersprüchlich) und beschuldigt den Eremiten Fuller ihn ermordet zu haben.

Trotz des Settings in Kentucky wurde der Film im tirolischen Obergurgl gedreht, mit den öztaler Alpen als Hintergrund. Das Wetter war furchtbar, was zu langen Drehpausen führte und die Beziehungen zu den Anwohnern wurden immer schlechter, weil die Filmcrew Häuser beschädigte und ein übellauniger Hitchcock seine durch Höhenkrankheit bedingte Übelkeit auf die „gutturalen Töne“ des örtlichen Tiroler Dialektes schob.

Auch später mochte Hitch den Film nicht. Er bezeichnet ihn als verzweifelten Versuch seiner britischen und deutschen Produzenten auf dem amerikanischen Markt zu landen und Naldi in einer völlig unpassenden Rolle zur neuen Theda Bara zu machen. Im Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ sagt er eindeutig „Ein schlechter Film.“ Eine weitere Nachfrage Truffauts beantwortet er einsilbig.

Tatsächlich wird sein dritter Film ‚Der Mieter‘ von 1927 oft als erster „richtiger“ Hitchcockfilm geführt. Dennoch macht dieses Frühwerk schon neugierig. Der negative Ruf, Hitchcocks Unzufriedenheit, die Schwierigkeiten beim Dreh und Obergurgl-als-Kentucky machen mich alle eher noch neugieriger auf den Film, als dass sie mich abschreckten.

Auch eine Oscar-Nominierung schützt nicht vor dem Verschwinden. Das zeigt Ernst Lubitschs ‚Der Patriot‘ von 1928. Autor Hanns Kräly zog für diesen semi-biografischen Film über das späte Leben des russischen Zaren Paul I. Motive mehrerer Bühnenstücke zusammen. Der paranoide Zar Paul (Emil Jannings) traut nur noch seinem engsten Berater Graf von der Prahlen. Doch eben der wird, aufgrund des immer grausamer werdenden Verhaltens des Monarchen, in eine Verschwörung gedrängt. Kronprinz Alexander bekommt Wind davon und warnt seinen Vater, der ihm jedoch aufgrund seiner Paranoia nicht glaubt, da ihm von der Prahlen seine Treue versichert. Der Film endet Shakespeare-esk mit einem Gutteil der Dramatis personae tot auf dem Fußboden.

Der Film klingt ungewöhnlich für Lubitsch. Nicht so sehr wegen des Settings, er war bekannt für seine „Salonkomödien“, die an allerlei Fürstenhäusern spielten, sondern vor allem deswegen, weil es so klingt als käme der Film gänzlich ohne Humor aus. Dass er auch finstere Töne durchaus beherrschte, bewies Lubitsch später ja mit seiner rabenschwarzen Anti-Nazi-Komödie ‚Sein oder nicht Sein‘. Doch das hier klingt nach einer unausweichlichen Tragödie. Insbesondere Jannings in der Rolle des wahnsinnigen Monarchen wirkt faszinierend. Nur ca. 6 Minuten des Films existieren noch.

‚Der Patriot‘ war 1928 der einzige Stummfilm (mit einigen nachträglichen Soundeffekten), der 1928 noch für einen Oscar nominiert wurde. Und er würde der Letzte bleiben bis 2012 ‚The Artist‘ nicht nur nominiert wurde, sondern sogar gewann.

 

Werden wir diese Filme jemals zu Gesicht bekommen? Vermutlich nicht. Noch weit tragischer ist die Frage, wie viele verschwundene Filme wir gar nicht kennen, weil eben nicht Hitchcock, Lubitsch oder Pancho Villa draufsteht? Filme die in ihrer Zeit vielleicht verkannt wurden, heute aber als ihrer Zeit voraus oder Meisterwerke erkannt werden könnten? Dank Streaming scheint uns die gesamte Welt des Films offenzustehen, wenn auch derzeit künstliche Grenzen eingefügt werden. Doch sollte uns das Beispiel des Stummfilms immer daran erinnern, dass die Erhaltung von Kunst sicherlich nicht von alleine geschieht. Und ob die Studios einen Bruchteil ihrer Milliardengewinne dahinein investieren wollen, hängt leider immer noch davon ab, ob sich mit dem alten Material noch Geld verdienen lässt.

Weihnachten als Hintergrund im Film

Heute mal ein etwas kürzerer Artikel, der auch noch in einer Frage endet. Mal sehen, ob Ihr meine Neugier befriedigen könnt!

Weihnachtsfilme. Der eine hasst sie, der andere liebt sie. Jeder mag vermutlich zumindest eine Handvoll von ihnen. Wenigstens irgendeine Filmversion von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte. Entweder die mit den Muppets, oder irgendeine falsche. Dass es unterschiedliche Level von Süßlichkeit für den typischen „am Ende haben sich alle lieb“ Weihnachtsfilm geben sollte, ist keine ganz neue Erfindung. ‚Ist das Leben nicht schön?‘ stellte immerhin schon 1946 Selbstmord als ein zentrales Element in seine Geschichte. Bei der Erstaufführung floppte er zwar, doch gilt er inzwischen zu Recht als Klassiker. Neuer ist die Idee eines Films, der den Gedanken der oft erzwungenen Weihnachtsharmonie direkt unterläuft. Sei es über Weihnachtshorror, ‚Black Christmas‘ (1974) bis ‚Krampus‘ (2015), oder über die Präsentation eines kinderhassenden, versoffenen, kriminellen Weihnachtsmanndarstellers in ‚Bad Santa‘ (2003).

Aber um wie auch immer geartete Weihnachtsfilme soll es heute gar nicht gehen. Sondern um Filme die um die Weihnachtszeit herum spielen und das Fest als Hintergrund verwenden. Als ironischen Kontrapunkt, oder um gewisse Themen zu untermauern. Das bekannteste Beispiel für diese Art von Film ist natürlich ‚Stirb Langsam‘ (1988). In diesem Actionklassiker muss Bruce Willis‘ John McLane die Mitarbeiter des Nakatomi Plaza Hochhauses aus der Hand von Terroristen befreien. Weihnachten ist hier der oftmals ironische Gegenton für die brutale Gewalt, der sich in Musik und Hintergrund äußert („Now I have a machine gun! HOHOHO!“). Er ist allerdings nicht der erste Film, der Weihnachten derart handhabt. Autor und Regisseur Shane Black scheint geradezu besessen von Weihnachten. Ein guter Teil seiner Filme von ‚Lethal Weapon‘ (1987) über ‚Tödliche Weihnachten‘ (1996), ‚Kiss Kiss Bang Bang‘ (2005), bis ‚The Nice Guys‘ (2016) spielt rund um das Fest und setzt die aufgesetzte Harmonie in Kontrast zu den handfesten Auseinandersetzungen.

Das tut auch ‚Kevin allein zu Haus‘ (1990) für seine Home Invasion-Komödie, allerdings macht hier die Tatsache, dass der Junge Kevin McAllister ausgerechnet an Weihnachten von seiner Familie vergessen wird, die ganze Sache noch einmal dramatischer. ‚Gremlins‘ (1984) könnte man vielleicht direkt als Weihnachtshorrorkomödie einordnen, aber dafür spielt das Fest dann doch eine zu kleine Rolle. Aus der Tatsache, dass sich der niedliche Gizmo alsbald in einen zerstörerischen Schrecken verwandelt, weil die Kinder sich nicht an die Pflegeregeln halten, ziehen Eltern jedoch hoffentlich Grund zum Nachdenken, bevor sie lebende Tiere zum Fest verschenken! Auch in ‚Ghostbusters 2‘ (1989) ist Weihnachten im Hintergrund, man muss allerdings schon genau hinschauen. Vermutlich ist hier der Gag, dass der Emotionsschleim, der Manhattan unterwandert, gerade zur Weihnachtszeit mit so viel Ärger und Hass aufgeladen wird, dass er die Geißel von Moldawien auferstehen lässt.

In ‚Batmans Rückkehr‘ (1992) nutzt Tim Burton das Weihnachtsfest um die Themen rund um zerrüttete Familien, Aussenseitertum und Einsamkeit zu unterstreichen. In ‚Edward mit den Scherenhänden‘ (1990) stellte es bei ihm noch die banale Normalität des Vorortes dar, in den Edward hineinstolpert. Stanley Kubrick nutze in seinem letzten Film, dem „elevated erotic thriller“ ‚Eyes Wide Shut‘ (1999) Weihnachten als hintergründiges Element des Verlangens. Als etwas, das immer mehr verspricht, als es am Ende halten kann. Martin McDonaghs nachwievor bester Film ‚Brügge sehen… und sterben?‘ nimmt die fröhliche Weihnachtszeit und verdreht sie mittels eines Gangsterfilms zur existentialistischen Frage: was wenn wir in der „season to be jolly“ eben nicht die notwendige Freude empfinden? Wenn die längsten Nächte des Jahres vielleicht doch etwas zu finster werden. Und schließt damit den Kreis zu ‚Ist das Leben nicht schön?‘. Nicht nur weil beide deutsche Titel ein Fragezeichen mitbringen.

Natürlich eignet sich die konsumorientierte Weihnachtszeit auch sehr gut dafür sozioökonomische Klassenunterschiede noch klarer herauszuarbeiten, als das zu anderen Zeiten der Fall ist. In Todd Haynes‘ wunderbarem ‚Carol‘ (2015) etwa, treffen sich Cate Blanchets titelgebende wohlhabende Frau und Rooney Maras Verkäuferin im Weihnachtsverkauf, wobei aber nicht nur Waren, sondern auch jede Menge Funken über die Ladentheke gehen. ‚Die Glücksritter‘ (1983) ist eine (inzwischen nicht mehr ganz) moderne Neuerzählung des „Prinz und Bettelmann“-Stoffes, in dem Dan Aykroyds  Commodity Broker und Eddie Murphys Kleinganove die Rollen tauschen.

Nun aber zu meiner Frage: bei meinen Überlegungen in welchen Filmen Weihnachten eine wichtige Hintergrundrolle spielt, war der älteste Film, der mir einfiel ‚Die drei Tage des Condor‘ von 1975. Hier symbolisiert Weihnachten die verlorene Normalität, als sich Robert Redfords CIA-Datenanalyst plötzlich von den eigenen Leuten gejagt sieht. Ich bin mir absolut sicher, dass es da frühere Beispiele geben muss. Wenn Ihr welche wisst, dann bitte her damit! Man könnte sicherlich argumentieren, dass der von mir bereits erwähnte ‚Ist das Leben nicht schön?‘ die Kriterien erfüllt. Der ist mir allerdings schon zu sehr Weihnachtsfilm. Wobei die Übergänge dabei natürlich fließend sind.

Und selbst wenn Ihr meine Frage nicht beantworten könnte wäre ich interessiert, Eure liebsten Weihnachtsfilme, alternativen Weihnachtsfilme, oder Filme mit Weihnachten als Hintergrund für diese Jahreszeit zu wissen. Selbst wenn es eine Version von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte ohne die Muppets (oder Michael Caine) sein sollte… warum auch immer.

Die 2010er und der Film: Cinematic Universe

Ich habe an dieser Stelle bereits mehrfach über das Verlangen der Hollywood-Studios nach einem funktionierenden cinematischen Universum geschrieben. Daher wird für Langzeitleser das eine oder andere redundant sein. Allerdings wird diese Idee des „Cinematic Universe“ vermutlich einer der Hauptpunkte sein, an die man sich beim Blockbusterkino der 2010er erinnern wird. Von daher verdient es hier behandelt zu werden.

In den 2000er war die neu entdeckte Cashcow der Studios noch klassisch und alt bekannt: Verfilmungen von Büchern. Von Buchserien am besten, denn so hat man gleich ein Publikum für mehrere Filme gesichert. Und wenn man ein Buch in mehrere Filme splitten kann, dann ist das auch in Ordnung. Der Grund dafür ist klar. Anfang der 2000er explodierten ‚Der Herr der Ringe‘ und die ‚Harry Potter‘ Reihe geradezu in den Kinos. Potter hatte wenigstens genug Anstand gleich genug Bücher mitzubringen, um damit eine ganze Dekade zu füllen, doch beim Herrn der Ringe war nach drei Filmen schon wieder Schluss. Es schloss sich für die Studios eine Zeit des Suchens nach dem nächsten Hit an. Neben vielen Fehlschlägen gab es einige Treffer. Mit der Vampirromanze ‚Twilight‘ etwa, oder der Young Adult Dystopie ‚Hunger Games‘. Vor allem Letztere rief eine ganze Reihe Epigonen auf den Plan, die alle kein großer Erfolg wurden. Vorbei ist dieser Trend auch in den 2010ern nicht gewesen, wie wir mit ‚Fifty Shades of Grey‘, dessen Buchvorlage ihren Ursprung als ‚Twilight‘ Fanfiction hatte, sehen konnten.

Daneben war natürlich der große Trend der 2000er die Superheldencomicverfilmung. Dabei fällt auf, wie wenige von denen es zu Serien schafften. ‚Spider-Man‘ und ‚X-Men‘ hatten es geschafft, lagen nach enttäuschenden dritten Teilen, jedoch beide auf Eis. Und Nolans Batman war eigentlich noch nicht einmal als Trilogie geplant. Bei den meisten anderen schien schon nach der Origin Story bereits wieder die Luft raus. In dieser Phase der späten 2000er fiel Marvel auf, dass sie zwar die meisten großen Namen an andere Studios lizensiert hatten, selbst aber immer noch die Charaktere der Avengers hielten. Captain America, Iron Man, Thor oder Hulk (wobei sie zu letzterem keine Einzelfilme produzieren dürfen, die Rechte liegen bei Paramount…) sind zwar keine Wolverines oder Spider-Mans, doch wollte Marvel Entertainment und insbesondere Produzent Kevin Feige etwas Neues ausprobieren. Er wollte Stan Lees Comic-Ansatz aus den 60ern ins Kino bringen. Die Idee, dass all diese Comiccharaktere in derselben Welt existieren. Das sie einander begegnen können und ihre Abenteuer Auswirkungen auf die Reihen der anderen haben.

Was tatsächlich beachtenswert ist, ist vor allem die Geduld mit der Feige diesen Ansatz umsetzte. Er wusste, er müsste erst einmal einen Status Quo schaffen, bevor er an ihm rütteln konnte. Und so war eine lange erste Zeit des Marveluniversums das Setzen dieses Status Quo. Die Filme waren formelhaft und selten visuell besonders interessant. Sie bezogen ihre Faszination vornehmlich aus ihrer Verbundenheit (mal ehrlich erinnert sich irgendwer an ‚Iron Man 2‘ oder ‚Thor 2‘?). Die Tatsache, dass Edgar Wright aus seiner Regisseursrolle von ‚Ant-Man‘ gefeuert wurde, schien zu bestätigen, dass Disney mit Marvel das Studiozeitalter Hollywoods wieder aufleben lassen wollte. Regisseure waren dazu da die korporatistische Vision eines Produzenten umzusetzen. Und ganz falsch ist diese Kritik nicht.

Doch nachdem der Status Quo einmal gesetzt war, konnten die Marvelfilme experimentierfreudiger werden. Unbekanntere Charaktere, wie die ‚Guardians of the Galaxy‘ wurden adaptiert, sogar ohne dass sie anfangs direkten Bezug zum übrigen Universum hätten. Regisseure wie Ryan Coogler und Taika Waititi konnten ihre eigenen Visionen umsetzen – wenn auch immer noch im vom Studio vorgegeben Rahmen, der sicherstellte, dass die Filme bloß niemandem in den Hauptabsatzmärkten auf die Füße treten. Letztlich gipfelte alles im „most ambitious crossover event in history“. Alle Helden und nicht wenige Schurken begegneten sich im Doppelfilm ‚Infinity War‘ und ‚Endgame‘, um Thanos aufzuhalten, der das halbe Universum auslöschen wollte. Ob Marvel nun so erfolgreich weiterläuft wird sich noch beweisen müssen. Im Moment ist es gerade in einer Ruhephase. Nächstes Jahr erscheinen „nur“ zwei Filme, bevor 2021 die Maschinerie wieder auf Hochtouren läuft.

Bei aller verdienten Kritik, die es gerade in den letzten Monaten erhält, muss man doch festhalten, dass das MCU prägend für die Filmindustrie, insbesondere Hollywood, in den 2010ern war. Bei Disney geht man davon aus, dass sich das Universum als Ganzes nie totlaufen wird, höchstens einzelne Aspekte. Sicher eine mutige Annahme, doch gehe auch ich davon aus, dass es uns noch lange begleiten wird. Wenn man es hier so beschreibt oder liest, dann klingt es eigentlich ganz simpel ein Cinematisches Universum zu etablieren. Bleibt die Frage, warum kein anderes Studio, selbst Disney an anderer Stelle, es nicht gelingt ihr eigenes mit Erfolg zu schaffen. Schauen wir mal woran es liegen könnte.

Da wäre zum einen der ewige Konkurrent zu Marvel, DC Comics, die schon lange von Warner aufgekauft wurden und mit ‚Superman‘ und ‚Batman‘ schon filmische Erfolge zu verbuchen hatten, als Marvel noch die ‚Punisher‘ Lizenz für Dolph Lundgren hergab. Als Marvel mit ‚Iron Man‘ anfingen ihr Universum aufzubauen, feierte man bei DC mit ‚The Dark Knight‘ gerade großen kritischen und Publikumserfolg. Man ignorierte also erst einmal ein „Extended Universe“, es ging ja ganz offensichtlich auch ohne. Und als man 2013, 5 Jahre später auf die Idee kam doch eines zu wollen, versuchte man sich an Abkürzungen. Abgesehen von Superman wurde kein Held wirklich etabliert, bevor direkt am Status Quo gerüttelt wurde und sich Superman und Batman bis zur Martha prügeln mussten. Die Helden der ‚Justice League‘ kamen fast alle aus dem Nichts, nur ‚Wonder Woman‘ durfte seine Protagonistin noch schnell etablieren. Am zugegeben langweiligen und langwierigen Prozess des Setzens des Status Quo schien kein Interesse vorhanden, oder man hatte Angst als im Hintertreffen zur Marvel-Konkurrenz wahrgenommen zu werden.

Ironie des Ganzen ist, dass DC, kaum dass sie die rigide Idee eines zusammenhängenden Universums aufgegeben hatten, Erfolge einfuhren. Einmal mit dem überdrehten ‚Aquaman‘, vor allem aber mit dem düsteren ‚Joker‘. Vielleicht zeigt das für die Zukunft auf, dass ein Cinematisches Universum zum Erfolg führen kann, aber sicher kein Garant dafür ist und manchmal das Streben danach sogar hinderlich.

Aber was meinte ich damit Disney schafft es selbst nicht immer ein Cinematisches Universum zu schaffen? Ich dachte dabei an ‚Star Wars‘. Und nein, ich habe kein Interesse hier noch einmal über die Qualität oder deren Mangel der Sequels zu sprechen. Die sind einfach nur Fortsetzungen und als solche nicht außergewöhnlich. Ich meine die ‚Star Wars Stories‘. ‚Star Wars‘ ist neben ‚Star Trek‘ sicherlich einer der Urväter eines Extended Universe. Allerdings breitete sich das meist in Romane, Comics, Videospiele, Trickserien oder Weihnachtsspecials aus. Nicht unbedingt in Realfilme abseits der Skywalker Saga. Von den Abenteuern der Ewoks mit Wilford Brimley einmal abgesehen… Und obwohl Disney all das für nicht länger „kanonisch“ erklärt hat, machten sie doch mit Romanen, Comics und Serien genau da weiter, wo vorher aufgehört wurde. Und es ist ja nur logisch. Star Wars lebt zu einem guten Teil davon, dass die Galaxie so viel größer scheint als das, was wir in den Filmen sehen.

Doch bei den ‚Star Wars Stories‘ zeigte Disney eine erstaunliche Angst sich von den etablierten Filmen zu lösen. Man hätte alles erzählen können was man wollte, stattdessen setzt sich ‚Rogue One‘ vorsichtig direkt vor Episode IV und schließt ein „Plothole“, das nie wirklich gestört hat. Und ‚Solo‘ erzählt die absolut überflüssige Vorgeschichte eines beliebten Charakters. Man schien zu fürchten, dass wenn man einen Schritt zu weit von den Skywalkers nimmt, dann würde der Name ‚Star Wars‘ plötzlich nicht mehr ziehen. Da stimmt es mich auch nicht sonderlich traurig, dass nach dem geringen Erfolg von ‚Solo‘ die Stories erst mal auf Eis gelegt wurden. Letztlich ein Scheitern am eigenen Mangel an erzählerischem Mut. Was aber auch zeigt, dass man Kevin Feige zwar zu Recht kritisieren kann, seine Leistung, sowohl planerisch als auch erzählerisch, durchaus anerkennen muss. Aber hey, immerhin scheint man jetzt mit ‚The Mandalorian‘ eine zumindest interessantere Erzählrichtung bei Star Wars gefunden zu haben und ist endlich dem Nichtschwimmerbecken der ewigen Vorgeschichte der originalen Trilogie entronnen.

Und dann war da noch das Dark Universe. Oder eben nicht. Zweimal hat Universal versucht seine klassischen Monster aus den 30er und 40er Jahren als coole, moderne Filme mit Action- und Gruselanteilen zu etablieren und zweimal fiel es flach. ‚Dracula Untold‘ (blöde Frage, aber den Film gibt es doch wäre es damit nicht automatisch ‚Dracula Told‘?) löste einzig weitgehendes Schulterzucken aus und Tom Cruise in Tom Cruises ‚Die Mumie‘ (mit Tom Cruise!) wurde ziemlich brutal verrissen. Beide Male warfen Universal die Hände in die Luft und gaben direkt sämtliche weiteren Pläne auf. Man hat den Eindruck so richtig steckte ihr Herz da nie drin. Der Grund warum sie ein Stück vom Cinematic Universe Kuchen wollten ist womöglich, weil sie das ursprüngliche Rezept geschrieben haben. Sämtliche Universal-Monster begegneten sich damals in den Filmen. Allerdings muss gesagt werden, erst als die Monster schon auf dem absteigenden Ast waren. Als Dracula allein nicht mehr genug Leute ins Publikum lockte und sich deshalb mit dem Wolfman kloppen musste. Vielleicht war daher die Idee eine frühere Not nun zur Tugend zu machen von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Was bleibt als Fazit? Das „Cinematic Universe“ in aller Munde war, obwohl nur eines in den 2010er wirklich wie gewollt funktioniert hat. Womöglich ändert sich das in der nächsten Dekade. Vielleicht lernen die anderen Studios von Disney und etablieren ihr eigenes Universum. Oder vielleicht kauft Disney sie einfach auf und tut es für sie. Und wir sind für den Rest unseres Lebens von unsterblichen Franchises umgeben, die rebootet werden, sobald sich die Fortsetzungen einmal totgelaufen haben. Ist das nicht vielleicht das wahre Dark Universe?

Die 2010er und der Film: 3D und Celluloid

Anderthalb Monate sind noch übrig, dann ist sie vorbei, die zweite Dekade des 21ten Jahrhunderts. Für den Film war es eine Zeit der versuchten Revolutionen, von denen bei weitem nicht jede gelang. Es war aber auch eine Zeit der Reaktion, eine Rückkehr alter Strukturen und ein Offenlegen von fehlgeleiteten Strukturen. Vieles hat sich geändert, manches zum Besseren, manches zum Schlechteren. Grund genug auf einige Trends der 2010er zurückzublicken. Eine Zeit in der Begriffe wie Streaming oder Cinematic Universe mit Bedeutung gefüllt wurden. Eine Zeit, in der Disney die Popkultur aufgekauft hat. Doch wir wollen nicht zu weit vorgreifen. Beginnen wir mit etwas, das für die darbenden Kinos des letzten Dekadenwechsels als Heilsbringer gehandelt wurde: die 3D Technologie. Weiterlesen

Top 10 Filme von damals: 1979 Platz 5 bis 1

Ohne lange Vorrede machen wir genau da weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben: bei Platz 5 der Kinocharts von 1979!

  1. ‚Superman‘

Oha, ein Superheldenfilm. Heute löst das wenig mehr als ein Schulterzucken der Gewohnheit aus, damals war es etwas durchaus Besonderes. Man möchte fast annehmen Superman wäre erst durch den Erfolg von ‚Star Wars‘ und dem dadurch neu erweckten Hunger auf Filme mit fantastischen SciFi Elementen möglich geworden, allerdings war der Film schon vor Erscheinen von George Lucas‘  Überraschungserfolg in Produktion. Der Film hat einen Tonfall, der aus heutiger Sicht etwas merkwürdig wirkt. Er gibt sich gleichzeitig naiv und augenzwinkernd. Man nehme nur den Plan von Bösewicht Lex Luthor (Gene Hackman), der billiges Land östlich der St. Andreas-Spalte in Kalifornien kaufen will, dann in der Spalte ein künstliches Erdbeben auslösen, wodurch alles Land westlich davon im Meer versinkt, um dann sein billiges Land als teure Küstengrundstücke zu verkaufen. Das ist gleichzeitig albern und ein Massenmord unfassbaren Ausmaßes. Dennoch funktioniert der Film vor allem aufgrund der Stärke seiner Darsteller auch heute noch recht gut. Ein mäßig motivierter Marlon Brando brachte es als Jor-El, Vater von Superman, ins Guinness Buch als damals bestbezahlter Nebendarsteller. 3,7 Millionen Dollar und 11,75% der Einnahmen sollte er bekommen. Er sah sich später übervorteilt, was die Beteiligung anging und klagte auf weitere 50 Millionen Dollar. Recht üppig für einen langwierigen Monolog über Krypton. Christopher Reeve war als Superman bei weitem nicht erste Wahl. Robert Redford und Burt Reynolds (hier kann nun wirklich jeder einen beliebigen Superman-mit-Schnauz-Henry Cavill-Justice League-Witz der eigenen Wahl einbauen) standen ganz oben, wollten aber nicht. James Caan, Christopher Walken(!!) und Nick Nolte waren zwischenzeitlich ebenfalls angedacht. Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger bewarben sich, wurden aber ignoriert. Schließlich wurde es der zuvor als „zu dürr“ abgelehnte Reeve. Er musste sich einem harten Trainingsprogramm unterziehen, unter Leitung von David Prowse, dem körperlichen Darsteller von Darth Vader. Wenn das nicht motiviert, weiß ich auch nicht…

 

  1. ‚James Bond 007 – Moonraker – Streng Geheim‘

Hier haben wir einen Bondfilm, der aber wirklich jedem Trend hinterher eilt. SciFi und Weltraum sind erfolgreich, dank ‚Star Wars‘? Okay, das können wir auch, mit einem verschwundenen Raumgleiter und einem Finale auf einer Weltraumstation (tatsächlich kündigte der vorherige Film Bonds Rückkehr in ‚In Tödlicher Mission‘ an, doch aufgrund des ‚Star Wars‘ Erfolgs wurde ‚Moonraker‘ vorgezogen). Die Leute mögen einen albernen Ton bei ihren Actionfilmen? Können wir auch! Roger Moore kann albern eh am besten und der Beißer kriegt ne Freundin, oder so. Der Film ist umstritten und ich habe mit der Einleitung meine Meinung wahrscheinlich schon deutlich gemacht: ich mag ihn nicht. Er ist dämlich, ohne dabei besonders unterhaltsam zu sein. Die Moore Masche hat sich für mich hier schon ein wenig totgelaufen. Aber was weiß ich schon, der Erfolg gibt dem Film Recht. Er wurde weltweit zum finanziell erfolgreichsten Film des Jahres und blieb der finanziell erfolgreichste der Bond-Reihe bis 1995 ‚Golden Eye‘ ihn ablöste.

 

  1. ‚Das Krokodil und sein Nilpferd‘

Apropos alberner Ton in Action Filmen, hier haben wir das Duo Bud Spencer und Terrence Hill endlich komplett! Und in einem der, wie ich finde, quintessentiellen Spencer/Hill Filme. Wir haben die Rivalität zwischen Hills tierliebem Globetrotter (der nicht gern ungefragt geduzt wird) und Spencers brummeligem Jagd-Safaribetreiber (mit Platzpatronen). Wir haben Faustkampf-Klamauk quasi am laufenden Band, letztlich der Hauptgrund, warum man die Filme schaut. Wir haben Rainer Brandt Zitate noch und nöcher, darunter das von mir bis heute bei passenden und unpassenden Anlässen verwendete „Mmmmh, schmeckt gar nicht mal so gut!“. Dazu eine geradezu legendäre Fressszene („Das klingt als wenn Du ne Dachrinne frisst!“) und recht gelungene Musik von Walter Rizzati. Dass sich bei der inzwischen dreizehnten Zusammenarbeit des Duos nicht mehr alles ganz frisch anfühlt mag nicht überraschen, doch funktioniert das Prinzip der Filme hier immer noch großartig. Sicherlich, die Darstellung von schwarzen Afrikanern ist, mindestens aus heutiger Sicht, teilweise fragwürdig, die Dreharbeiten im Apartheid-Südafrika sowieso. Die klare Stellungnahme gegen Großwildjagd hingegen hat auch bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Wie auch immer, der Dampfhammer- und der Backpfeifenkönig sind hier in Höchstform und darauf kommt es vor allem an.

 

  1. ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘

(Nicht zu verwechseln mit ‚Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe‘ von 1981)

Louis de Funès feierte seine größten Erfolge als Komiker meist in der Rolle des Choleropanikers, der durch seine übertrieben impulsiven Reaktionen jede Situation zur Farce werden lassen konnte. Mitte der 60er wurde er damit zum erfolgreichsten Komiker Frankreichs und bald ganz Europas. Doch in den späten 70ern drohte ihm in Frankreich das Duo Richard/Depardieu den Rang abzulaufen und in Europa war der „handfestere“ Klamauk von Spencer/Hill inzwischen weit beliebter als seine atemlose Hitzköpfigkeit. Für seine letzten beiden großen Erfolge, vor seinem tragisch frühen Tod 1983 mit nur 68 Jahren, belebte er daher nach fast 10 Jahren eine seiner alten Erfolgsfiguren wieder, die er zuvor schon in vier Filmen verkörpert hatte: den Gendarmen von Saint Tropez. Vornehmlich beschäftigt mit der cholerischen Jagd auf Nudisten, „löste“ der Charakter nebenbei auch immer mal schwerere Verbrechen. Und weil dem langen, langen Schatten von ‚Star Wars‘ nun auch wirklich niemand entkommen konnte, bekommt er es diesmal mit Außerirdischen zu tun. Mit mechanischen Außerirdischen, die Öl statt Wein trinken, das geht ja mal gar nicht! Zum Glück reagieren sie mit akutem Tod auf Wasser, was die ganze Sache erheblich vereinfacht. Mit de Funès‘ „Stammregisseur“ Jean Girault hinter der Kamera und typischer Rainer Brandt Synchronisation weiß man hier exakt was man bekommt. Und das unterhält durchaus, wenn es auch vielleicht nicht unbedingt im Gedächtnis bleibt.

 

  1. ‚Das Dschungelbuch‘ (Wiederaufführung)

In den späten 70er Jahren steckte Disney tief in einer kreativen und finanziellen Krise. Gerade 1979 hatten sie einen Haufen Geld, das sie eigentlich nicht hatten, in ‚Das Schwarze Loch‘ geschaufelt, in der Hoffnung auf der ‚Star Wars‘ Welle zu reiten. Das ging schief. Was zumindest in Deutschland selten schief ging, waren allerdings ihre klassischen Zeichentrickfilme. Und so wurde der im Dezember zur Weihnachtszeit erneut in die Kinos gebrachte ‚Das Dschungelbuch‘ zum erfolgreichsten Film des Jahres 1979, zumindest in West-Deutschland. Wirklich erstaunlich wird es, wenn man sich die Dimensionen klarmacht: ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘ auf Platz 2 hatte ungefähr 5,6 Millionen Besucher ins Kino gelockt. ‚Das Dschungelbuch‘ brachte es auf etwa 9,1 Millionen. Erklären kann man diesen Ansturm wohl nur dadurch, dass es Heimkino noch nicht gab. Wer Nostalgie nach diesen Filmen verspürte, oder sie mit den eigenen Kindern teilen wollte, war geradezu auf das Kino (oder seltene Fernsehübertragungen) angewiesen. Später würden die Filme zu Verkaufsschlagern auf VHS und damit nahmen die Wiederaufführungen ab. Dazu sah es 1979, wenn ich mal die Chartliste weiter herunterscrolle, verdammt mau aus, was Kinderfilme angeht. Eine Wiederaufführung vom Herbie-Film ‚Ein toller Käfer‘ finde ich da und eine Wiederaufführung von ‚Die Hexe und der Zauberer‘ (beides Disney!). Aber Aktuelles springt mir nicht ins Auge.

Aber tatsächlich war das Dschungelbuch in Deutschland lange der erfolgreichste Disneyfilm überhaupt. Als Grund dafür gilt unter anderem die Synchronisation von Heinrich Riethmüller, insbesondere die der Songs. Gebt es zu, Ihr habt alle „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ im Kopf, seit Ihr die Überschrift gelesen habt! Zum Film selbst muss ich wohl nicht mehr wirklich viel sagen, statistisch gesprochen kennt Ihr ihn eh alle.

 

So, was können wir nun aus diesen Charts lernen? Ein Bondfilm, ein Superheldenfilm und Disney an der Spitze der Charts, also alles genau wie heute? Nicht wirklich. Disney war wie erwähnt eine arg kränkelnde Firma, die sich mit Wiederaufführungen über Wasser hielt, was in West-Deutschland auch sehr gut funktionierte. Der Superheldenfilm war etwas absolut Besonderes und würde, von Fortsetzungen abgesehen, auch nicht sobald repliziert werden. Tatsächlich tat sich Hollywood über Jahrzehnte schwer damit zu verstehen, dass ein Publikumshunger nach Superhelden/Comicfilmen bestand. Dazu werde ich „in zehn Jahren“ mehr zu sagen haben, wenn wir über ‚Batman‘ sprechen. Bond geht in der Tat halt irgendwie immer, was sich an der Langlebigkeit der Reihe zeigt. Aber absolut und vollkommen unübersehbar, schon allein daran, wie oft er erwähnt wurde, ist der Einfluss von ‚Star Wars‘. Auf Biegen und Brechen mussten Filme in Richtung Science Fiction verbogen werden und wenn es der Gendarm von St. Tropez ist. Auffällig an den Charts ist natürlich auch die doppelte Bud Spencer Faust. Spencer und Hill waren hier auf der absoluten Spitze ihres Erfolges und werden auch in zukünftigen Charts noch zu finden sein. Dazu spielen sie in die Zahl europäischer Produktionen in den Charts hinein. Sechs von zehn Filmen sind europäische Produktionen, eine davon ist deutsch, die anderen vier US Produktionen. Vergleicht man das mit den Charts von 2018 findet man dort eine deutsche und neun US Produktionen. 2017 zwei deutsche (und mit ‚Fack Ju Göthe 3‘ auch die Nummer 1) und acht US-Produktionen. Das hat natürlich statistisch im Moment überhaupt keine Haltbarkeit, aber ich bin mir fast sicher, wir werden eine Verschiebung in Richtung US-Produktionen sehen, wenn wir die Jahresbestlisten nach und nach durchgehen. Aber um noch einmal den Erfolg des Dschungelbuches hervorzuheben: der Topfilm 2018 ‚Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen‘ hatte knapp 3,9 Millionen Zuschauer. ‚Fack ju Göthe 3‘ 2017 gut 6,1. Nimmt man alle Aufführungen des Dschungelbuches zusammen, kommt man auf über 23 Millionen Besucher.

Was mir persönlich an den Charts noch auffällt ist natürlich die Abwesenheit von ‚Alien‘. Der schaffte es nur auf Platz 14. ‚Halloween‘ dümpelt gar irgendwo auf Platz 38 herum. Und auf Platz 17 habe ich einen Film namens ‚Liebe auf den ersten Biss‘ entdeckt, in dem Dracula von kommunistischen Parteifunktionären aus seinem Schloss vertrieben wird. Von dem habe ich vorher noch nie gehört, er klingt aber unterhaltsam…

Und wo ich Euch gerade hier habe: könntet Ihr mir kurz beantworten, wie Euch eine Zukunft dieser Artikel am besten gefallen würde? Ich verspreche nicht, dass ich mich nach dem Ergebnis der Umfrage richte, aber interessieren tut es mich auf jeden Fall!

Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.