Lasst uns über Filme klönen: Funktionieren Filme in der heutigen Zeit eigentlich noch?

Das ist natürlich eine absichtlich provokativ formulierte Überschriftenfrage, auf die man, gerade als Leser von Filmblogs, genervt „ja, natürlich“ antworten kann und sich die weitere Lektüre sparen. Dennoch glaube ich, dass die Frage fair ist, insbesondere wenn man Film mit „langlebigeren“, alternativen medialen Freizeitangeboten vergleicht, die jedem von uns zur Verfügung stehen. Und letztlich möchte ich ja, dass Ihr mir widersprecht. Wir wollen ja schließlich über Filme klönen.

Vorausschicken möchte ich, dass alles Folgende eigentlich nur für den Blockbusterfilm gilt. Den Film der von möglichst jedem gesehen werden möchte, um möglichst alles an Gewinn mitzunehmen. Der gebeutelte Mid-Budget Film, an dem Studios, zu Gunsten des Blockbusters, immer weniger Interesse zeigen und der kleine und Independent Film funktionieren durchaus anders und zumindest der Letztere hat heute sogar eine größere Nische als je zuvor. Und das ist sehr gut so.

Serien sind besser an das Überleben in Zeiten des Internets angepasst als der Film. Diese Aussage scheint fast trivial, bietet sich ihre regelmäßige Erscheinungsweise doch geradezu an, um immer wieder, mit jeder neuen Folge Diskussionen auszulösen. Und jede dieser Diskussionen, insbesondere wenn sie begeistert ausfallen, hat das Potential neue Zuschauer ins Boot zu holen. Das bringt zwar auch eigene Probleme mit sich, etwa dass die Macher der Serien von diesen Diskussionen genug eingeschüchtert werden, dass sie Plots ändern. Doch ist es erst einmal ein gigantischer Vorteil gegenüber dem Film, der einmal erscheint, besprochen wird und dann vermutlich schnell vergessen, weil das nächste filmische Großereignis ansteht. Ein Abfall von über 60% an Zuschauern von der ersten zur zweiten Woche eines Blockbusterfilms ist nichts Besonderes.

Filmstudios tun einiges um dem entgegenzuwirken. Das Auffälligste dabei ist natürlich das „Cinematic Universe“, was quasi das Prinzip der Serie auf das Kino überträgt. Jeder neue Film ist Teil eines Ganzen und wird als Teil dieses Ganzen wahrgenommen und besprochen. Das beflügelt „Hype“, Spekulation und Diskussion im Internet ganz erheblich. Weniger auffällig aber ähnlich wichtig, ist der Umgang mit Trailern. Für viele Filme gibt es schon gut zwei Jahre bevor sie erscheinen, einen oder mehrere kurze Teaser. Über die Jahre verteilt dann etwa drei richtige Trailer und kurz vor Erscheinen einen „Final Trailer“. Ist es ein Marvel oder DC Film darf natürlich auch ein spezieller ComicCon Trailer nicht fehlen. Da kann es schon mal sein, dass eine gute Viertelstunde inklusive vieler Schlüsselszenen des Films im Voraus verbraten werden. Doch auch hier wird der Effekt beflügelt, dass man immer neue Diskussionen anstoßen möchte.

Der Film imitiert hier also genau das, was die Serie erfolgreich macht, steht sich damit aber womöglich auch selbst im Weg. Kann ich den neuen Marvelfilm schauen, wenn ich die vorigen 12 nicht gesehen habe? Das ist eine durchaus berechtigte Frage, bei einer Serie würde ich ja eben auch nicht in Folge 4 von Staffel 2 einsteigen. Und genervtes Augenrollen aufgrund zu verräterischer Trailer ist inzwischen mindestens so verbreitet wie die Diskussionen über diese Trailer.

Die andere große Konkurrenz für den Film sind natürlich Videospiele. Und auch die haben in den letzten Jahren das Ziel langlebiger, wie eine Serie, zu werden. Insbesondere Spiele mit hohem Budget von großen Entwicklern mit umfangreichem Marketing (sogenannte „Triple A“ Spiele). Ihr Ziel ist weniger ein Spiel zu sein, als ein Service, bei dem man sich mit Freunden zum Spielen trifft und auf verschiedene Art und Weise immer wieder für neue (oder besser noch alte) Inhalte bezahlt.

Versucht sich der Film auch hier etwas abzuschauen? Ich habe in der letzten Zeit fast das Gefühl. Nicht zuletzt weil Universal zuletzt, in einem verzweifelten Versuch den Megaflop ‚Cats‘ zu retten, zum ersten Mal einen Film offiziell „gepatcht“, also nachträglich verbessert hat. Etwas das für Videospiele geradezu trivial üblich ist. War das der Versuch interessierte aber enttäuschte Zuschauer ein zweites Mal ins Kino zu locken, mit dem Versprechen, diesmal würden sie eine (zumindest optisch) bessere Version sehen? Etwas ganz ähnliches haben wir bei ‚Avengers: Endgame‘ gesehen. Hier wurde zwei Monate nach Veröffentlichung eine sieben Minuten längere Version in die Kinos gebracht, die nicht einmal ausschließlich neue Szenen umfasste, sondern auch einen Tribut an den verstorbenen Stan Lee und die Eröffnungsszene von ‚Spider-Man: Far From Home‘. Disney hat hier gezeigt, wie man noch vor Heimveröffentlichungen aus demselben Film erneut Geld machen kann. Das wird von der Industrie sicherlich nicht übersehen werden, nicht zuletzt, weil der Film durch diesen „Stunt“ zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten (nicht inflationsbereinigt, siehe unten) wurde. Aber auch weil es bei den Fans der Filme eine direkte Nachfrage nach solchen neuen Versions-Veröffentlichungen gibt. Bei ‚Justice League‘ etwa fordert eine sehr laute Minderheit seit Jahren die Veröffentlichung einer Version von Regisseur Zack Snyder, die sich deutlich von der von Joss Whedon vollendeten Kino-Version unterscheiden soll. Inzwischen hat sich Snyder selbst diesem Wunsch nach dem „Snyder-Cut“ angeschlossen und es scheint durchaus möglich, dass Warner den Film in dieser anderen Version erneut veröffentlicht.

Ein Blockbuster, mit dem sich mehrfach Geld verdienen lässt, ist sicherlich ein Traum für die großen Studios. Man läuft hier aber auch Gefahr nur eine sehr kleine Hardcore-Fangemeinde anzusprechen und insbesondere jene (potentiellen) Zuschauer, die sich schon jetzt beschweren, dass die Kinos mit Franchise Inhalten völlig verstopft sind, weiter zu vergrätzen. Mal ganz davon abgesehen, dass Zuschauer meist auch nicht ganz doof sind und bald verstanden haben werden, dass man zwei Monaten später eine längere Version sehen kann. Wozu dann erst die „unvollständige“ schauen?

Und wo wir gerade schon über Kinos reden, lasst mich erwähnen, dass die Lichtspielhäuser in keiner beneidenswerten Position sind. Nach zwei Jahrzehnten schmerzhaft teuren Aufrüstens mit Digital- und 3D-Technologie, die jedoch nicht eben zu einem extremen Zuwachs an Zuschauern geführt haben, sind vielerorts ohnehin nur noch die Multiplexe übrig. Und die befinden sich jetzt in einer Zwickmühle, in der zwei Seiten, die ihnen nicht allzu wohlgesonnen sind, immer mehr Bedeutung gewinnen. Einerseits der krakenhafte Disney-Konzern, der zumindest schon einmal in Nordamerika deutlich macht, dass er der Darth Vader-Schule der Marktwirtschaft („I have altered the deal! Pray that I do not alter it further!“) folgt, indem er immer höhere Anteile an Kartenerlösen fordert und scheinbar willkürlich den Verleih von Katalogtiteln aus dem eigenen Fundus aber nun auch dem umfangreichen FOX-Archiv untersagt. Andererseits der den Kinos oft genug in mehr oder weniger offener Feindseligkeit gegenüberstehende Streaming-Riese Netflix, der sogar die Datenerhebung zu Erfolg oder Misserfolg ihrer Filme im Kino untersagt. Da überrascht es kaum noch, wenn Kinos den Eindruck überteuerter Süßwarentheken mit angeschlossenem Lichtspielhaus erwecken.

Nun kann man aber auf eine Liste der erfolgreichsten Filme schauen und sehen, dass acht der zehn erfolgreichsten Filme aus den 2010ern stammen. Damit hat sich diese ganze Diskussion doch erübrigt, oder? Ich denke, nicht wirklich. Und zwar aus zwei Gründen. Nach einer Inflationsbereinigung bleiben davon nämlich nur noch zwei Filme übrig. ‚Avengers: Endgame‘ auf Platz 5 und ‚Das Erwachen der Macht‘ auf Platz 10. Und vor allem muss man sich vor Augen führen, dass die Milliardenerfolge der letzten Jahre keinesfalls damit erreicht wurden, dass in etablierten Märkten mehr Leute ins Kino gelockt wurden, sondern indem mit Russland und vor allem China neue Märkte erschlossen wurden. Das sind nicht eben die stabilsten Märkte für Filme. Gerade die chinesische Führung lässt es sich nicht nehmen, einen Film noch eine Woche vor dem geplanten Kinostart überraschend zu verbieten. Der Fairness halber sei aber erwähnt, dass der chinesische Markt auch schon im Alleingang westliche Filme finanziell gerettet hat. Bekanntestes Beispiel ist hier sicherlich der vielgescholtene ‚Warcraft‘.

Es ist nur eben ein stets schwer zu kalkulierendes Risiko, das die kreative Arbeit an Blockbustern noch einmal weiter einschränkt, als die üblichen marktwirtschaftlichen Erwägungen das ohnehin schon tun. Und auch diese übermäßige Vorsicht kann in der Zukunft zu einem ernsten Problem bei der Publikumsfindung werden, oder ist es möglicherweise schon.

Lasst mich noch einmal deutlich machen: ich meine nicht, dass Serien oder Videospiele „besser“ sind als Filme. Für meinen Geschmack ist genau das Gegenteil der Fall. Ich liebe Film und ich verstehe den Wert und auch die Notwendigkeit großer Studios für Blockbuster, selbst wenn ich sie nicht alle mag. Und doch werde ich eben das Gefühl nicht los, dass in den letzten Jahren der Blockbuster nicht mehr den Markt formt, sondern verzweifelt versucht sich ihm anzupassen. Das wird sicherlich auch noch verstärkt durch das verstörende Treiben Disneys in Richtung Monopolstellung, das Konkurrenten umso vorsichtiger macht und bei Disney ein pures „immer weiter so und bloß nichts Neues“-Gefühl ausgelöst zu haben scheint.

Seht Ihr das auch so? Oder habe ich völlig Unrecht? Ist insbesondere der Blockbusterfilm in einer kreativen Hochphase, die ich einfach nicht sehen kann?

Top 10 Filme von damals: 1980 Platz 5 bis 1

Nachdem wir letzte Woche die Plätze 10 bis 6 der westdeutschen Kinocharts von 1980 behandelt haben, wenden wir uns heute der oberen Hälfte der Top 10 zu.

 

  1. ‚Der letzte Countdown‘

Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich diesen Film je gesehen habe. In Don Taylors letzter Regiearbeit wird der (damals) moderne US-Flugzeugträger Nimitz durch ein mysteriöses Unwetter durch die Zeit zurückversetzt an den Tag vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor. Ich hätte hier nun ein moralisches Dilemma erwartet, ob man die Flotte warnen, oder gar selbst in den Konflikt eingreifen sollte mit der Aussicht die Geschichte auf unvorhersehbare Weise, aber sicherlich entscheidend, zu verändern. Anscheinend ist das aber wohl keine Frage die sich stellt, für die Kommandanten ist das Eingreifen fraglos und wird letztlich nur durch das Drehbuch verhindert. Kontemporäre Kritik lässt den Film nach einer puren Technik-Demonstration klingen. Nach einem Film von der Navy gesponsert. Einem Film wo moderne Tomcats 35 Jahre alte Zeros mal so richtig fertigmachen. Wie gesagt, ich kenne ihn nicht, klingt aber auch nach nichts, was ich unbedingt sehen müsste. Falls ich falsch liege, klärt mich gern in den Kommentaren auf.

  1. ‚Theo gegen den Rest der Welt‘

Und schon wieder muss ich Unkenntnis eingestehen. Den Vorgänger, ‚Aufforderung zum Tanz‘, in dem Marius Müller Westernhagens Theo und sein Kumpel Enno den Traum von einer eigenen Spedition träumen, habe ich vor langer, langer Zeit gesehen und der gilt als eines der frühesten Beispiele der Ruhrpott-Komödie. Es klingt so als wäre ‚Theo gegen den Rest der Welt‘ eher ein Roadmovie, in dem Westernhagens Charakter dem endlich eigenen Laster, der natürlich sofort geklaut wird, durch halb Europa hinterherjagt. Die Filme klingen durchaus interessant und scheinen einen gewissen Zeitgeist einzufangen, daher bin ich durchaus interessiert sie zu sehen. Wo mein Auge allerdings bei der Lektüre über den Film tatsächlich hängen blieb war, dass die Fernsehausstrahlung des Films erst sieben Jahre später erfolgte! Wann genau eine VHS-Auswertung erfolgte konnte ich nicht ermitteln, aber bei weitem nicht jeder hatte in den 80ern einen Videorekorder. Und wenn man keinen hatte, dann musste man nach dem Kinobesuch womöglich eben sieben lange Jahre warten, um einen Film wiederzusehen. Kein Wunder, dass Wiederaufführungen damals ein solcher Erfolg waren, wie wir später noch sehen werden.

  1. ‚Der Supercop‘

Diesmal schaffen es Bud Spencer und Terence Hill nicht gemeinsam in die Charts. Aber dafür hat auch Hill seinen eigenen Solo-Auftritt. Und wo Spencer in eine SciFi Richtung ging, wollte wohl auch Hill nicht hinterherstehen und versucht sich hiermit gar an der damals noch völlig unüblichen Superheldenthematik, vielleicht inspiriert vom Erfolg ‚Supermans‘. Hills Streifenpolizist soll tief in den Everglades einen Strafzettel zustellen, als zum einen eine mysteriöse Plutonium-beladene Rakete startet und er zum anderen von einem Krokodil angegangen wird. Um das Tier zu verscheuchen schießt er in die Luft und trifft natürlich die Rakete, die sofort explodiert. Und ihn mit allerlei Superkräften (Röntgenblick, Schnelligkeit, Unverwundbarkeit, Kraft…) ausstattet, die jedoch allesamt verpuffen, wenn er die Farbe Rot sieht. ‚Django‘-Regisseur Sergio Corbucci hinter der Kamera, Hill davor, Dreh an Originalschauplätzen und eine innovative Thematik, was soll da schief gehen? Einiges wie sich rausstellt. Spencer und Hill beziehen ihren Charme vor allem daraus, wie überraschend feste ihre Durchschnittstypen um sich hauen können. Liefert man dafür eine (absurde) Erklärung, dann geht eine ganze Menge von diesem Charme flöten. In Spencers Abenteuern mit dem Außerirdischen Charlie hat man darauf geachtet, dass er noch der Durchschnittstyp (mit einem Faustschlag wie ein Dampfhammer) in einer außergewöhnlichen Situation ist. Hier ist Hill das außergewöhnliche Element und zumindest für mich funktioniert das nicht. Da kann auch Hollywood-Urgestein Ernest Borgnine, spielfreudig wie immer, als Hills Vorgesetzter nichts mehr retten.

  1. ‚Aristocats‘

Und hier ist sie die diesjährige Disney-Klassiker Wiederveröffentlichung. Anders als im letzten Jahr mit ‚Das Dschungelbuch‘ reicht es diesmal nicht ganz für die Spitze der Charts, doch ein zweiter Platz ist für einen zehn Jahre alten Film immer noch sehr respektabel. Es war der erste abendfüllende Disney-Zeichentrickfilm, der nach dem Tode Walts erstellt wurde. Regie führte, wie auch schon beim Dschungelbuch und später bei ‚Robin Hood‘ der deutschstämmige Wolfgang Reitherman. Und während sich die Geschichte um eine Katzenfamilie, die von ihrer reichen Besitzerin im Paris der Wende vom 19ten zum 20sten Jahrhundert als Erben eingesetzt werden und dann vom eifersüchtigen Butler beseitigt werden sollen, gut in die Reihe der bisherigen Disneyfilme einfügt, hat der Film doch ein wenig das Problem des „business as usual“. Zu sehr blickte man zurück darauf, was Walt getan hat, was für ihn funktioniert hat, was dessen stetem Drang zur Innovation aber exakt zuwiderlief. Ein Problem, das Disney erst in den späten 80ern wirklich in den Griff bekam, um dann in den 90ern eine gewaltige Renaissance zu erleben. Dennoch ist ‚Aristocats‘ ein gelungener Film, der vor allem von seiner guten Beobachtung katzischer Verhaltensweisen lebt.

  1. ‚Das Imperium Schlägt Zurück‘

Mag der Erfolg des ersten ‚Krieg der Sterne‘ noch eine echte Überraschung gewesen sein, ist es der Erfolg der Fortsetzung keineswegs. George Lucas und Lucasfilm hatten die Weltraumsaga mit dem festen Plan begonnen nicht nur Filme zu veröffentlichen, sondern ein ganzes Universum darum herum. Und so waren es nicht nur Fanzines, die die Begeisterung über die nächsten Jahre am Laufen hielten, es waren auch die Macher selbst. Mit Comics, einem ersten Roman und jeder Menge Merchandise. Dabei hatte beim ersten Film niemand mit dem Erfolg gerechnet. Als Lucas dem Spielzeugriesen Mattel 1977 die Rechte für eine Figurenserie seines Films anbot, lehnte man dankend ab (später zeigte Mattel dann mit den ‚Masters of the Universe‘, dass es gar nicht mehr nötig war für Actionfiguren auf ein erfolgreiches Medienfranchise zu warten, man kann es einfach selbst erschaffen, eine Lektion die viele andere Hersteller aufmerksam verfolgten. Aber das ist eine andere Geschichte). Es war der relativ unbekannte Hersteller Kenner, der die Lizenz erwarb, dann selbst vom Erfolg überrascht wurde und kaum die Nachfrage befriedigen konnte. Spielberg mag mit ‚Der Weiße Hai‘ den Blockbuster begründet haben, Lucas hat gezeigt, wie man auch ohne einen Film die Hype-Maschine am Laufen hielt. Da wird es ihn vermutlich nicht allzu sehr grämen, dass er bei Irvin Kershners Film, der allgemein als der beste der originalen Trilogie gilt, das geringste kreative Input hatte. Der Film blieb dem Original in vielen Dingen treu, etwa den Mono-Biom-Planeten, erweiterte das Universum aber um beliebte Charaktere wie den weisen Muppet-Jedi-Meister Yoda, den eleganten Capeträger Lando und Fanfavorit und Kopfgeldjäger Boba Fett, der sich durch wahrlich beeindruckendes Herumstehen auszeichnet. Auch verkomplizierte er die allzu simple gut/böse Stellung durch gewisse Enthüllungen, die heute kaum noch Spoiler sind, die ich hier trotzdem nicht nenne. Vor allem aber lieferte er unglaubliche Schauwerte. Von der gigantischen Schlacht auf dem eisigen Planeten Hoth über riesige Weltraumtiere und Hans Pilotentricks bis zu einer Minenstadt, die über einem Gasriesen schwebt. Und so würde der Nachschub an neuen Geschichten und neuen Spielzeugen auch bis zum dritten Film und weit, weit darüber hinaus nicht abreißen, die Hype-Maschine quasi ein Perpetuum Mobile werden.

Und das waren sie, die Top Ten von 1980. Vier der Filme sind europäische Produktionen, wobei sowohl der Spencer als auch der Hill Film in den USA gedreht wurden und sich beide sehr um eine amerikanische Wirkung bemühen. Einer der vier ist eine deutsche Produktion. Dazu kommt mit ‚Mad Max‘ ein australischer Film. Die anderen fünf sind US-Produktionen. Das sind zwei europäische Produktionen weniger als im letzten Jahr. Lässt sich hier bereits ein Trend zur Amerikanisierung der Charts erkennen? Ich meine, dafür haben wir noch deutlich zu wenige Datenpunkte. Spannend ist, dass viele Filme, über die man heute weit mehr redet als viele von denen, die es in die Charts geschafft haben, weiter unten stehen. ‚Blues Brothers‘ etwa steht auf Platz 13. ‚Shining‘ auf Platz 14. ‚Das Leben des Brian‘ auf Platz 21. Der erste ‚Star Trek‘ Film gar nur auf Platz 26. Und ‚Freitag der 13te‘ auf Platz 39. Aber gut, da war auch noch Jasons Mutti der Mörder und Horror hatte es in Deutschland noch nie leicht und die Reihe würde, sofern nicht indiziert, ihr Publikum eh erst auf VHS finden. Positiv überrascht hat mich, wie erwähnt, die Platzierung von ‚Mad Max‘. Ansonsten war ich überrascht, wie viele Filme ich gar nicht kenne, oder ewig nicht gesehen habe. Ich kann jetzt schon versprechen, dass das im nächsten Jahr besser wird.

Mein Plan für diese Reihe ist momentan jeden Monat ein Jahr zu behandeln. Sollte das nicht klappen (was wahrscheinlich ist) würde ich dennoch gern zumindest die 80er in diesem Jahr behandeln. Wir werden sehen was passiert, aber das ist der augenblickliche Plan.

Top 10 Filme von damals: 1980 Platz 10 bis 6

Nachdem wir beim letzten Mal die meistbesuchten Kinofilme des Jahres 1979 betrachtet haben, lassen wir unsere Blicke ein weiteres Mal 40 Jahre zurückschweifen, auf die Top 10 der westdeutschen Kinocharts von 1980. Ein persönlicher Blick von mir, in dem ich auch gerne meine Ahnungslosigkeit zu bestimmten Filmen gestehen und mehr oder weniger unauffällig das Thema ändern werde. Als Grundlage dienen auch diesmal die entsprechenden Jahrescharts von Chartsurfer.de. Doch bevor wir dazu kommen, schauen wir mal kurz, was abseits vom Kino so los war am Anfang der achten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts.

Schon am zweiten Januar beginnt die Sowjetunion mit einer Großoffensive ihre Einmischung im afghanischen Bürgerkrieg, der im Vorjahr begann. US-Präsident Carter sagt daraufhin die Teilnahme der USA an den olympischen Spielen in Moskau ab. Die meisten westlichen Staaten schließen sich diesem Boykott nicht an. Ausnahmen sind Norwegen, die Türkei, Kanada und die Bundesrepublik Deutschland. Später im Jahr entbrennt der erste Golfkrieg zwischen dem Irak unter Diktator Saddam Hussein und dem postrevolutionären, isolierten Iran. Im April (aber nicht am ersten) wird die Sommerzeit im gesamten Deutschland wieder eingeführt, deren Verwendung zuletzt 1949 endete. Im September gibt Bob Marley sein letztes Konzert. Ein Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest tötet 12 Menschen und verletzt fast 270 weitere. Als Verantwortlicher gilt ein rechtsradikaler Student. Seine Einzeltäterschaft wird jedoch bis heute angezweifelt. Im Oktober bestätigt die Wahl zum neunten Bundestag die sozialliberale Koalition. Helmut Schmidt bleibt Bundeskanzler. Ein Jahr zuvor hatte Schmidt vom chinesischen Regierungschef zwei große Pandas geschenkt bekommen, die in diesem November im Berliner Zoo eintreffen. Sie sind bis heute die einzigen großen Pandas in einem deutschen Zoo. So, jetzt ist aber höchste Zeit fürs Kino!

  1. ‚Caligula‘

Ein Film über die extreme Dekadenz der julio-claudischen Kaiserfamilie Roms, personifiziert in der Figur des Widerlings Caligula. Das hatten sich wohl alle Beteiligten unter dem Film vorgestellt. Alle Beteiligten? Nein, denn ein Produzent namens Bob Guccione leistete Regisseur Tinto Brass erbitterten Widerstand. Allerdings nicht mit Zaubertrank, sondern indem er es für eine gute Idee hielt, in den fertigen Film pornografische Hardcore-Szenen einzufügen. Danach blieb Brass nichts übrig als sich von dem Film zu distanzieren. Was bis dahin auch schon der Drehbuchautor Gore Vidal und beinahe sämtliche Darsteller getan hatten. Kurz, der Film ‚Caligula‘ verprellte seine Gefolgsleute noch schneller als der Kaiser auf dem er basierte. Das ist aus meiner Sicht ein wenig schade. Denn, von den Porno-Szenen abgesehen, die aber in vielen Schnittfassungen eh nicht mehr drin sind, funktioniert der Film durchaus. Das italienische Kino der 70er (zu dem er trotz 80er Veröffentlichung zu rechnen ist) beherrschte die Darstellung von Exzess und Dekadenz wie sonst kaum eine Ära. Und der Film wirkt als aufrüttelnder Gegenpol gegen die sonst reichlich bieder-konservative Darstellung des antiken Roms im „Sandalenfilm“. Aber gut, der Film hat seinen Ruf weg als der Film mit dem keiner der Beteiligten  mehr etwas zu tun haben will (Ausnahmen Dame Helen Mirren und Sir John Gielgud). Und als der Film, in dem Peter O’Toole seine gesamte Rolle als Tiberius hindurch erkennbar besoffen ist. Womöglich würde sich ohne diesen Ruf aber auch einfach niemand mehr für den Film interessieren.

  1. ‚Die Blaue Lagune‘

Den Film habe ich vor annähernd zwei Jahrzehnten gesehen, kann hier also nicht mehr allzu viel dazu sagen. Außer, dass ich ihn als nicht sonderlich interessant in Erinnerung habe. Im Grunde ist er eine sehr romantisierte Darstellung eines Geschwisterpaares, das auf einer Südseeinsel schiffbrüchig wird. Zu beachten ist dabei, dass sämtliche Aufnahmen dabei „vor Ort“ also nicht im Studio stattfanden. Das war damals durchaus ungewöhnlich. Die zeitgenössische Kritik war sich jedoch weitgehend einig, dass der Film aber über einen „Naturbilderbogen“ nie hinauskommt. Erstaunlicher sind andere zeitgenössische Besprechungen, die enttäuscht scheinen, dass die Szenen um die Entdeckung der Sexualität zwischen den beiden Jugendlichen sehr zurückhaltend ausgefallen sind. Da wundere ich mich, was manche erwartet haben, schließlich war Hauptdarstellerin Brooke Shields zur Zeit der Dreharbeiten 14-15 Jahre alt. Aber wie gesagt, für persönliche Eindrücke ist der Film bei mir viel zu lange her und ich habe geringes Bedürfnis ihn wiederzusehen.

  1. ‚Kramer gegen Kramer‘

Auch dieses Drama um Scheidung und Sorgerecht habe ich seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Tatsächlich gilt er aber als ein gelungener Film, aus einer Zeit als eine Ehescheidung noch weit mehr Tabuthema war als heute. Wenn man heute über den Film liest, dann meist über das Fehlverhalten, das Hauptdarsteller Dustin Hoffman gegenüber der damaligen relativen Newcomerin Meryl Streep an den Tag gelegt hat. Er soll nicht nur während des Drehs aggressive Handlungenvorgenommen haben, die nicht mit ihr abgesprochen waren, etwa ein Glas neben ihr an die Wand zu werfen, sondern sie auch in Drehpausen beleidigt und, nach mancher Darstellung, gar körperlich angegangen sein. Dies wird üblicherweise durch sein „method acting“ erklärt, das ihn auch in Drehpausen nicht aus seiner Rolle und damit seinem Zorn auf die Darstellerin der Exfrau entlässt. Man mag das glauben oder nicht, mich bringt das aber zu einer Frage. Wenn man über „method actors“ liest, dann eigentlich immer nur, weil sie sich wie gigantische Arschlöcher am Set benommen haben. Wenn ein „method actor“ eine sehr positive, freundliche Rolle spielt, benimmt er sich dann auch in Drehpausen großzügig und freundlich? Warum hört man davon nie? Passiert es nicht, oder redet bloß keiner drüber?

  1. ‚Buddy haut den Lukas‘

Die direkte Fortsetzung des letztjährigen ‚Der Große Mit Seinem Außerirdischen Kleinen‘. Und das dortige Fazit lässt sich fast exakt für diesen wiederholen. Kein ganz großer Wurf, aber doch ein unterhaltsamer Bud Spencer Film. Buddys Sheriff Craft und sein außerirdischer Adoptivsohn Charlie leben in einer neuen Stadt, um sich vor der Armee zu verbergen. Die ist allerdings bald das kleinste Problem, wenn Aliens aus Charlies Nachbargalaxie die Welt mittels geistiger Kontrolle und einer Androidenarmee übernehmen wollen. Merkwürdigerweise habe ich diesen Film früher sehr oft gesehen. Vermutlich lief er einfach häufig, aber manche Dinge sind in meinem Gedächtnis eingebrannt. Etwa wenn sich Buddy und all die Gangs in distinkten Kostümen, die er zuvor verplättet hat, sich den Androiden auf einem Volksfest stellen. Und die Analyse eines der Androiden von Buddys Prügelfertigkeiten: „Faustschlag unmenschlich, gleicht Dampfhammer!“ Zum Glück hatte ich bislang wenig Gelegenheit dieses Zitat im Alltag anzubringen. Doch wenn ‚Der Große Mit Seinem Außerirdischen Kleinen‘ ‚E.T.‘ vorweggenommen hat, dann nimmt Buddy hier ‚Terminator‘ ganze vier Jahre voraus. Was mich zu einem großen „Was wäre wenn“ bringt: wäre es nicht großartig, wenn Arnold Schwarzenegger in einem Spencer/Hill Film den Bösewicht gegeben hätte, bevor der Hollywood-Durchbruch kam? Ich hätte ihn und Spencer zu gerne interagieren gesehen (wobei Thomas Dannenberg natürlich viel zu tun gehabt hätte, als Hill und Arnie).

  1. ‚Mad Max‘

So, hier haben wir den ersten Film dieser Liste, der wirklich Einzug in die Popkulturhistorie gehalten hat. Oder? Ist ‚Mad Max‘ nicht eher der Durchbruch mit dem zweiten Teil, dem ‚Road Warrior‘ gelungen und die meisten Leute waren überrascht, dass der erste Film gar nicht post-apokalyptisch angesiedelt war, sondern in der Zeit, als die Gesellschaft auseinanderbrach? Ich zumindest war etwas erstaunt den so hoch in den Charts zu sehen und dachte der wäre ziemlich untergegangen. Egal, verdient hat er den Platz allemal. Mit minimalem Budget inszeniert der australische Unfallarzt George Miller sein Regiedebüt und wer es gesehen hat, kann nur beeindruckt sein. Schon hier zeigt sich, wie viel es wert ist, dass Miller bereit ist für jede Szene exakte Storyboards anzufertigen, so dass er genau weiß, welche Einstellungen er benötigt. So stellt er etwa den Tod von Max‘ Frau und Kind ebenso zurückhaltend wie eindringlich dar (und eine Traumsequenz in ‚Fury Road‘ genau dieser Szene beweist übrigens, dass der Max derselbe wie hier ist). Mel Gibsons erste richtig große Rolle, der titelgebende Polizist Max Rockatansky, ist hier noch nicht der einsame Road Warrior, sondern eben ein Polizist, der versucht was von der Gesellschaft noch übrig ist gegen Bandenkriminalität zu schützen. Demgegenüber steht die brutale Gang von „Toecutter“ (Hugh Keays-Byrne, der in ‚Fury Road‘ nicht denselben Charakter spielt). Und sorgt dann dafür das Max „Mad“ wird, auf eine Art und Weise die wiederum den ersten ‚Saw‘ erstaunlich vorausnimmt, wenn Max ein an ein brennendes Auto gekettetes Gangmitglied informiert, dass man durch das Bein schneller sägt als durch die Kette. Alles in allem ein äußerst gelungener Auftakt für eine weitgehend gelungene und mindestens stets überraschende Filmreihe.

So, nächste Woche geht es mit den Top 5 weiter. Die meisten werden vermutlich schon ahnen, welche Fortsetzung auf dem ersten Platz steht. Aber es bleiben ja noch genug Fragen offen. Taucht Bud Spencer auch diesmal noch ein zweites Mal in den Charts auf? Kann Disney erneut mit einer Wiederveröffentlichung punkten? Und wo sind ‚Shining‘, ‚Blues Brothers‘ oder der ‚Muppet Film‘? Zumindest einige Fragen werden nächste Woche beantwortet.

„Alles auf Anfang!“ – Die besten Film-Einstiegsszenen

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres und einer neuen Dekade. Was könnte es für einen besseren Moment geben, um über den Anfang von Filmen zu sprechen. Wenn uns ein Film mit seiner Anfangsszene fesseln kann, dann hat er schon zur Hälfte gewonnen und muss sich beinahe bemühen um uns als Zuschauer wieder zu verlieren. Nicht selten ist es die faszinierende Anfangsszene mit ihren aufgestellten Fragen, die in der Erinnerung bleibt und nicht das Finale, das die Antworten auf diese Fragen liefert. Schauen wir uns mal einige der interessanteren Vertreter an.

Orson Welles revolutionierte 1941 mit ‚Citizen Kane‘ den Hollywoodfilm nicht nur technisch und erzählerisch, sondern auch was das Marketing anging. Nachdem sich Medienmogul William Randolph Hearst wenig begeistert davon zeigte, dass sein Leben als Vorbild für Kane diente und Kinos mehr oder weniger zwang den Film nicht zu zeigen, deklarierte Welles sein Werk kurzerhand als „THE MOVIE, THEY DON’T WANT YOU TO SEE!“. Und wenn man ihn dann allen Widerständen zum Trotz sah (anfangs in den USA vermutlich in Zelten, die RKO in Ermangelung von Kinos dafür aufstellen ließ), fesselte Welles mit einer Eingangsszene, die das Ende von Charles Foster Kane vorwegnahm. In dynamischen Einzelaufnahmen und extremen Nahaufnahmen sah man den schwerreichen Zeitungsmenschen einsam in seiner Villa sterben. Und mit seinem letzten Wort eröffnete er das Geheimnis des Films: was meint er mit „Rosebud“?

In ‚Im Zeichen des Bösen‘ liefert Welles 14 Jahre später übrigens noch eine beeindruckende Eröffnungssequenz ab. Eine beeindruckende, lange Einzelaufnahme, die einem Auto durch die Straßen einer Stadt bis an die mexikanische Grenze folgt, wo es explodiert.

Aber auch meinen persönlichen Favoriten unter den Einstiegsszenen muss ich erwähnen: in Billy Wilders großartigem ‚Boulevard der Dämmerung‘ von 1950 rasen Polizeiwagen und Pressereporter zu einer großen Villa. Ein alternder Filmstar, so informiert uns ein distanziert-ironischer Erzähler, ist an einem Mord beteiligt. Die Presse wird die Berichterstattung überziehen, aber er wird die Wahrheit erzählen. Das Opfer ist ein unbekannter Drehbuchautor mit 2 Kugeln im Rücken und einer im Bauch, der mit dem Gesicht nach unten im Pool treibt. Er ist aber auch der distanzierte Erzähler, wie wir durch eine plötzliche Benutzung von „ich“ in Bezug auf die Leiche feststellen. Es ist beinahe unmöglich dem Film nach diesem Kniff nicht mit Neugier zu begegnen. Das ist übrigens einer der (wenigen) Momente, wo Testvorführungen einen Film besser gemacht haben. Wilders ursprüngliche Szene zeigte den Toten im Leichenschauhaus unter einem Tuch. Das hat die Zuschauer allerdings verwirrt, so dass er stattdessen die grandiose Poolszene gedreht hat.

‚Vertigo‘ von Alfred Hitchcock beginnt 1958, thematisch passend, mit einer Verfolgung über Häuserdächer. Hier visualisiert Hitchcock den Schwindel/die Höhenangst perfekt mit einem Dollyzoom. Die Kamera fährt zurück und zoomt dabei heran, wodurch der Bildausschnitt etwa gleich bleibt, doch der Hintergrund auf den Betrachter zuzukommen scheint, was tatsächlich ein leichtes Schwindeln auslösen kann. Obwohl der Effekt auch Vertigo-Zoom genannt wird, hat Hitchcock in zuerst in ‚Ich kämpfe um Dich‘ von 1945 eingesetzt. Als tatsächlicher Erfinder gilt Kameramann Irmin Roberts.

Stanley Kubrick nimmt uns in der Eröffnungsszene von ‚2001: Odyssee im Weltraum‘ erst einmal zurück in der Zeit, zur „Werdung“ des Menschen. Hier gleichgesetzt mit dem ersten Einsatz von Waffengewalt. Erweckt wurde diese Fähigkeit zur Nutzung von Tötungswerkzeug offenbar durch einen merkwürdigen schwarzen Monolithen. Am Ende schleudert der frischgebackene Homo faber seine Knochenkeule gen Himmel. Die Kamera folgt ihrer Flugbahn und in einem der berühmtesten Schnitte der Filmgeschichte, blendet der Film über zu einem Satelliten und der Zeit, da der Mensch seinen Heimatplaneten verlassen hat.

Apropos Science Fiction: die Eröffnungsszene des ersten Star Wars Films ist immer noch eine der besten! Fast lässt sie den anfänglichen Einführungstext überflüssig erscheinen, zeigt doch die Aufnahme des kleinen, fliehenden Raumschiffs und des sich von oben ins Bild schiebenden, keilförmigen, gigantischen Verfolgers mit John Williams schmetterndem Soundtrack alles was wir thematisch wissen müssen. Eine ikonische Eröffnung, die sämtliche späteren Star Wars Filme ein wenig hilflos zu replizieren versuchen.

Noch ikonischer ist wohl die erste Szene des ersten ‚Indiana Jones‘ Film. Hört man den Namen denkt man nach Hut und Peitsche beinahe unweigerlich an die Falle mit dem großen rollenden Stein. Auch hier hat man nach der kurzen Eröffnung den Charakter vollumfänglich „begriffen“ und kann sich vollkommen auf die Geschichte einlassen.

Gehen wir noch einmal ein Stück zurück in der Zeit, zur ‚Nacht der Lebenden Toten‘ von 1968. George Romero erweckte hier den Horrorfilm zu neuem Unleben, indem er den modernen Zombie schuf (ohne ihn hier so zu nennen). Die Eröffnungsszene auf dem Friedhof )„They’re coming to get you, Barbra!“) zeigt dabei einen Zombie-Darsteller, der „Frankensteins Monster“ Darsteller Boris Karloff nicht ganz unähnlich sieht. Wohl kein reiner Zufall, dies war eine durchaus gewollte Übergabe des Staffelstabes von klassischem Horror an etwas Neues.

Im selben Jahr bekamen wir die Eröffnungsszene des Italowesterns. In Sergio Leones großartigem ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ warten drei Mörder an einem Bahnhof auf ihr Opfer (eine direkte Reminiszenz an ‚Zwölf Uhr Mittags‘). Ihr potentielles Opfer überrumpelt sie jedoch, indem er auf der anderen Seite des Zuges aussteigt, spielt eine Melodie auf einer Mundharmonika, bevor er sie nach kurzem Dialog über den Haufen schießt. Leone baut hier die Spannung der Szene absolut genial auf. Die Gleichförmigkeit des Wartens, ein quietschendes Windrad, eine summende Fliege, seine Kameraperspektiven, die ich nur als „opernhaft“ beschreiben kann, seine Dialoge, die jeden Äkschn-Oneliner alt aussehen lassen können. Und das alles noch bevor er Henry Fonda in seiner einzigen Schurkenrolle einführt. Und was für eine Rolle (und Einführung) das ist!

Wo wir gerade über Schurkeneinführung und Eröffnungsszenen sprechen, drehen wir die Uhr doch einmal auf 2008. In ‚The Dark Knight‘ überlässt Christopher Nolan die Eröffnung des Films gänzlich seinem Schurken, Heath Ledger als Joker. Das der wirklich anwesend ist merken wir allerdings erst am Ende der Szene. Doch bekommen wir schon hier einen Eindruck seiner anarchisch-zerstörerischen Einstellung. Zuvor sehen wir einen großartig inszenierten Bankraub, eine Anspielung auf die Batman-Serie von 1966 und einen Cameo-Auftritt von William Fichtner mit einer Shotgun! Was will man mehr?

Manchmal beginnen Filme mit einer sehr starken Szene und der Rest des Films hat scheinbare Mühe ihr gerecht zu werden ‚Scream‘ (1996) oder ‚Inglorious Basterds‘ (2009) wären Beispiele wo das (mMn, natürlich) gelingt. Doch ein Film wie ‚Lord of War‘ (2005) schafft es zu keinem Zeitpunkt auch nur in die Nähe der Qualität seiner Anfangssequenz zu kommen. Der Film dreht sich um Waffenhändler, die Eröffnung zeigt den „Lebenslauf“ einer Kugel und würde auch als eigenständiger Kurzfilm sehr gut funktionieren.

Und während Pixars ‚Oben‘ von 2009 sicherlich kein schwacher Film ist, schafft er es doch ebenfalls zu keiner Zeit die Qualität seiner ersten Minuten wieder einzuholen, in denen er in ausdrucksstarken Vignetten Glück und Tragik der Beziehung seines Hauptcharakters Carl zu seiner großen Liebe Ellie zeigt.

Das war natürlich nur ein ganz kurzer Überblick ohne irgendeinen Anspruch auf Vollständigkeit und endet daher mit einer Frage: was sind für Euch die stärksten Einstiegssequenzen in Filme, unabhängig davon, ob der Rest des Films diese Qualität beibehält?

 

Flop 2 der 2010er oder „ich schaue nicht genug Mist“

Wir befinden uns „Zwischen den Jahren“ jenem zeitlichen Limbo, in dem nie viel passiert. Es ist der letzte dieser Dekade und ich dachte, vielleicht wäre das ein guter Anlass eine Liste der schlechtesten Filme der letzten 10 Jahre, die ich gesehen habe, zu schreiben. Leider taten sich da ein paar Probleme auf. Erstens bin ich beim Filmeschauen inzwischen so wählerisch, dass ich nur noch selten richtig schlechte zu sehen bekomme. Enttäuschungen, natürlich. Aber selten Filme so schlecht, dass ich mich drei Wochen später noch darüber aufregen könnte, geschweige denn 10 Jahre später. ‚Das gibt Ärger‘ etwa habe ich in einer Überraschungspremiere, zu der ich mich habe überreden lassen gesehen. Der war schlecht. Schade, wenn Reese Witherspoon, Tom Hardy und Chris Pine agieren, aber vielleicht wenig überraschend, wenn hinter der Kamera der unerklärliche McG steht. Ich kann mich aber an quasi nix erinnern. Nur das beide Typen Geheimagenten waren und Til Schweiger auch noch irgendwo herumgeisterte. Das reicht doch nicht für einen Artikel. Und nochmal sehen wollte ich ihn sicher nicht.

Kann ich den Artikel also vergessen. Blöd, denn kreativ genug mir was Neues auszudenken bin ich auch nicht. Doch dann tauchten zum Glück aus dem londonesken Nebel meiner Erinnerung zwei Filme auf, die auch Jahre später noch einen gewissen Zorn hervorrufen können. Über den einen habe ich schon mal geschrieben, aber wisst ihr was? Der ist widerlich genug, dass er es noch einmal verdient!

Aber fangen wir erst mal mit dem anderen an. ‚Movie 43‘ von 2013. Eine Filmkomödie aus einer Reihe von Sketchen ist in Zeiten von Youtube ebenso schwierig wie letztlich sinnlos. Das scheinen die Macher auch selbst gewusst zu haben, betten sie das Ganze doch in eine Rahmenhandlung um Jugendliche ein, die nach diesem furchtbar verbotenen ‚Movie 43‘ im Internet suchen und dabei die verschiedenen Segmente des Films finden. Diese Segmente versuchen ihren Humor daraus zu beziehen, dass sie Hollywoodstars mit Gross-Out Humor und schockierenden Momenten konfrontieren. Beispiele: Kate Winslet und Hugh Jackman spielen ein Paar auf einem Date. Er nimmt den Schal ab und entblößt ein Skrotum samt Eiern an seinem Kinn. Keiner sagt was dazu, bis er sie auf die Stirn küssen will und die Eier vor ihrem Mund baumeln und sie die Flucht ergreift. Anna Faris möchte, dass Chris Pratt auf sie draufscheißt. Leider trinkt er eine ganze Flasche Abführmittel, wird vom Auto überfahren und scheißt die gesamte Straße voll. Richard Geres Firma veröffentlicht einen MP3 Spieler in Form einer nackten Frau. Im Schritt befindet sich ein Kühlventilator und eine Reihe junger Männer wurden bereits entmannt. Ein Cartoonkater pinkelt auf Elizabeth Banks und sorgt dafür, dass sie totgeschlagen wird. Und so weiter.

Wollte man ungewöhnlich großzügig sein und dem Film so etwas wie eine übergreifende Idee unterstellen, dann wäre es wohl, dass wir durch das Internet dazu neigen das Privateste öffentlich zu machen und es damit der Lächerlichkeit preisgeben. Wenn wir  ehrlicher sind, dann hat hier einfach nur Hollywood Produzent Charles Wessler (‚Green Book‘) seine Beziehungen spielen lassen um eine ganze Reihe Darsteller und Regisseure für ein Projekt einzuspannen, das keiner von ihnen wirklich mochte. Das wäre an und für sich ganz interessant, wenn denn der Film wenigstens in irgendeiner Art komisch wäre, anstatt nur bemüht. Weiter als Stars + Ekel = superkomisch scheint Wessler seine Idee nie gedacht zu haben und so geht sie nie ganz auf. „Jackass“ Johnny Knoxville verweigerte jede Pressearbeit, Richard Gere versuchte sich aus dem Film rauszuklagen, James Gunn sagt Elizabeth Banks sei „Schuld“ an seiner Teilnahme und er habe den Mist nie gesehen. Genau dieses „XY ist auch dabei“ scheint übrigens Wesslers Trick gewesen zu sein. Ein Film darüber wie Wessler Stars für sein merkwürdiges Projekt rekrutiert (einer der wenigen die direkt nein gesagt haben, war übrigens George Clooney) wäre vermutlich interessanter als der Film an sich. So bleibt das Komischste halt sich vorzustellen wie Hugh Jackman Stunden in der Maske sitzt, während jemand ein Paar Eier an sein Kinn modelliert. „Ich bin Wolverine, wissen Sie?“ sagt er, während der Maskenbildner geflissentlich jeden Augenkontakt vermeidet.

Nun zum vermutlich größten cinematischen Verbrechen der 2010er. ‚United Passions‘ von 2014. Propagandafilme sind ja grundsätzlich schon einmal suspekt. Wenn diese Propaganda dann auch noch im Namen einer der wohl offen korruptesten Organisationen der Welt, der FIFA, geschaffen wird und ihr korruptestes Mitglied, Joseph „Sepp“ Blatter, als eine Art segensreichen Heiligen darstellt, dann kommt mir das Frühstück von vor zwei Wochen noch einmal hoch. Blöd war für den Film vor allem, dass er zeitgleich mit der Aufdeckung des FIFA Korruptionsskandals erschien. Nicht, dass er sich ansonsten besser geschlagen hätte, mit seiner sabschigen Weichzeichneroptik und den schlafwandlerischen Darstellungen von Leuten wie Tim Roth, Sam Neill oder Gerard Depardieu, wäre er auch mit anderem Thema zu anderer Zeit durchgefallen. Nur eben weniger hart. Tim Roth sah sich genötigt sich für seine Teilnahme an dem Film zu entschuldigen. Auch Regisseur Frédéric Auburtin distanzierte sich von dem Werk, gab allerdings noch Preis, das man bei der FIFA gerne den Titel ‚Men of Legend‘ gesehen hätte, er diesen aber als absurd abgetan hatte. Ganz ehrlich, absurder als alles andere ist der auch nicht.

918 Dollar spielte das Ding in den, zugegeben ohnehin nicht eben fußballbegeisterten USA ein. Und ich habe das Gefühl, hierzulande haben den Film außer mir vielleicht noch zehn Leute gesehen. Hey, wir könnten eine Fußballmannschaft bilden! Aber bitte keine offizielle, ansonsten könnte nach ihrem neuen „Ethik“reglement das oben geschriebene wohl als „Verleumdung der FIFA“ angesehen werden und dann wär ich als Spieler dran.

Und das waren meine floppigen Flop 2 der 2010er. Welche Filme der letzten 10 Jahre fandet Ihr so richtig furchtbar? Furchtbar genug, dass Ihr Euch noch heute drüber ärgert!

Einige verschollene Filme, die ich gern sehen würde

Nimmt man einen ungefähren Mittelwert der Schätzungen von Organisationen, die sich damit beschäftigen, dann muss man davon ausgehen, dass ungefähr 80% aller Stummfilme verloren sind. Das lag vor allem daran, dass Studios Filme weitgehend als „Wegwerfartikel“ sahen. Wozu ein Archiv bewahren, wenn man jedes Jahr neue Filme dreht, die gesehen werden wollen? Und Fernsehen gab es noch nicht. Dazu kommt noch, dass Stummfilme auf, im wahrsten Sinne des Wortes, brandgefährlichem Nitratfilm gedreht und gelagert wurden. MGM war eines der wenigen Positivbeispiele für ihren Erhalt ihres Stummfilmkatalogs. Aber dann brach in ihrem Lager 1965 ein verheerendes Feuer aus. Daneben ist der Film für Langzeitlagerung nicht geeignet, da er sich irgendwann selbst zersetzt.

Und so spricht der Titel zwar von „verschollenen“ und nicht „verlorenen“ Filmen, da eine geringe Chance besteht, dass sie irgendwo noch in einem restaurationsfähigen Zustand gefunden werden, doch mache ich mir keine großen Hoffnungen irgendeinen der folgenden Filme je wirklich zu sehen.

Nun ist das was man nicht haben kann ja grundsätzlich spannender als das einfach verfügbare und so bekommen verschollene Filme oftmals diese Aura eines tragischen Meisterwerks. Die mag nicht immer verdient sein (wir werden‘s aber nicht erfahren), doch denke ich, dass die folgenden Filme zumindest eine gewisse Neugier rechtfertigen.

Beginnen wir mit einem Beispiel dafür, wie neue Medien direkten Einfluss auf den Lauf der Geschichte haben können. Pancho Villa war einer der wichtigsten Akteure der mexikanischen Revolution. Von Zeitgenossen und Historikern wurden ihm viele Titel zugedacht: Freiheitskämpfer, Warlord, Volksheld, Terrorist, General, Verbrecher und einer über den sich alle einig sind, Revolutionär. „Hollywood-Star“ hingegen ist ein Titel der selten Erwähnung findet. In Villas Leben war fast alles tumultartig. Nicht zuletzt seine Beziehung zu den USA. 1914 war die jedoch gut und Villa brauchte dringend Geld. Also unterschrieb er einen Filmvertrag bei der Mutual Film Corporation. Christy Cabanne würde einen Film über sein Leben drehen, mit Raoul Walsh als jugendlichem Pancho und Villa selbst würde sich als zeitgenössischer Erwachsener spielen. Die Filmcrew drehte reale Schlachten mit, die Villa austrug. Ob er dabei seine Taktik danach richtete, was Christy als cinematisch betrachtete, darf zumindest bezweifelt werden. Sicher ist, dass er während gedreht wurde eine Fantasie-Generalsuniform tragen musste. Nach Drehschluss musste er sie zurückgeben, schließlich gehörte sie dem Studio. Zurück in Hollywood erschien vieles, vor allem die Schlachtszenen als zu unglaubwürdig(!) und ganze Szenen wurden an Sets nachgedreht.

Zwei Jahre später attackierte Villa eine Stadt im amerikanischen New Mexico und führte die US-Armee auf der anschließenden, erfolglosen Strafexpedition vor. Das Verhältnis USA-Villa als „abgekühlt“ zu bezeichnen wäre eine fantastische Untertreibung. Daher war wohl niemand wirklich traurig, dass der Film in Vergessenheit geriet und verschwand. Doch aus heutiger Sicht ist es natürlich ein faszinierendes Artefakt.

‚Um Mitternacht‘ von 1927 gilt als so etwas wie der Heilige Gral unter Filmsammlern. Hier sammelte Tod Browning, vier Jahre bevor er ‚Dracula‘ für Universal drehen sollte, erste Erfahrungen mit dem Thema „Vampire“. Dabei arbeitete er als Hauptdarsteller mit Lon Chaney zusammen, dem „Mann der 1000 Gesichter“, bekannt für seine Arbeit mit Masken und seiner Fähigkeit grotesken Figuren eine erstaunliche Tiefe zu verleihen. In ‚Um Mitternacht‘ gibt Chaney den Detektiv Burke, der den Mord an Sir Roger Balfour aufklären soll. Aufgrund eines Abschiedsbriefes nimmt Burke scheinbar Suizid an. Doch fünf Jahre später zieht ein mysteriöser Fremder in das Herrenhaus Balfours. Schnell verbreiten sich Gerüchte, dass es sich um Balfour selbst handelt, der als Vampir wieder auferstanden ist. Tatsächlich inszeniert Burke jedoch den Vampirspuk, um den vermeintlichen Mörder endlich aus der Reserve zu locken.

Dies ist einer der Filme, die bei dem Feuer im MGM Archiv 1965 zerstört wurden. Daraus erklärt sich vielleicht, warum er bei Sammlern immer noch begehrt ist, anstatt abgeschrieben. Von allen Filmen in diesem Artikel, halte ich es bei diesem für am wahrscheinlichsten, dass es noch eine Kopie geben könnte. Einfach weil der Film fast 40 Jahre „existiert“ hat und in 11 Ländern aufgeführt wurde. Da muss es doch Kopien in irgendwelchen staubigen Archiven geben!

Thematisch finde ich ihn ohnehin interessant, habe ich doch erst letztens in einem Artikel darüber gesprochen, dass ich die Idee inszenierten Spuks im aktuellen Horror vermisse.

Das auch große Namen vor dem Verschwinden ihrer Filme nicht unbedingt sicher sind zeigt der Fall von Alfred Hitchcocks zweitem Film, ‚Der Bergadler‘ von 1926. Allerdings war Hitchcock über dessen Verschwinden nicht allzu traurig. Im Film stellt Pettigrew, ein Ladenbesitzer, der Dorfschullehrerin Beatrice (Nita Naldi) nach. Als die seine Liebe aber so gar nicht erwidert, behauptet Pettigrew sie habe seinen behinderten Sohn Edward belästigt. Beatrice flüchtet zu einem Eremiten in die Berge, in den sie sich verliebt und den sie heiratet. Der rachlüstige Pettigrew versteckt daraufhin seinen Sohn (oder er ist ohnehin verschwunden, Beschreibungen sind hier widersprüchlich) und beschuldigt den Eremiten Fuller ihn ermordet zu haben.

Trotz des Settings in Kentucky wurde der Film im tirolischen Obergurgl gedreht, mit den öztaler Alpen als Hintergrund. Das Wetter war furchtbar, was zu langen Drehpausen führte und die Beziehungen zu den Anwohnern wurden immer schlechter, weil die Filmcrew Häuser beschädigte und ein übellauniger Hitchcock seine durch Höhenkrankheit bedingte Übelkeit auf die „gutturalen Töne“ des örtlichen Tiroler Dialektes schob.

Auch später mochte Hitch den Film nicht. Er bezeichnet ihn als verzweifelten Versuch seiner britischen und deutschen Produzenten auf dem amerikanischen Markt zu landen und Naldi in einer völlig unpassenden Rolle zur neuen Theda Bara zu machen. Im Interviewbuch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ sagt er eindeutig „Ein schlechter Film.“ Eine weitere Nachfrage Truffauts beantwortet er einsilbig.

Tatsächlich wird sein dritter Film ‚Der Mieter‘ von 1927 oft als erster „richtiger“ Hitchcockfilm geführt. Dennoch macht dieses Frühwerk schon neugierig. Der negative Ruf, Hitchcocks Unzufriedenheit, die Schwierigkeiten beim Dreh und Obergurgl-als-Kentucky machen mich alle eher noch neugieriger auf den Film, als dass sie mich abschreckten.

Auch eine Oscar-Nominierung schützt nicht vor dem Verschwinden. Das zeigt Ernst Lubitschs ‚Der Patriot‘ von 1928. Autor Hanns Kräly zog für diesen semi-biografischen Film über das späte Leben des russischen Zaren Paul I. Motive mehrerer Bühnenstücke zusammen. Der paranoide Zar Paul (Emil Jannings) traut nur noch seinem engsten Berater Graf von der Prahlen. Doch eben der wird, aufgrund des immer grausamer werdenden Verhaltens des Monarchen, in eine Verschwörung gedrängt. Kronprinz Alexander bekommt Wind davon und warnt seinen Vater, der ihm jedoch aufgrund seiner Paranoia nicht glaubt, da ihm von der Prahlen seine Treue versichert. Der Film endet Shakespeare-esk mit einem Gutteil der Dramatis personae tot auf dem Fußboden.

Der Film klingt ungewöhnlich für Lubitsch. Nicht so sehr wegen des Settings, er war bekannt für seine „Salonkomödien“, die an allerlei Fürstenhäusern spielten, sondern vor allem deswegen, weil es so klingt als käme der Film gänzlich ohne Humor aus. Dass er auch finstere Töne durchaus beherrschte, bewies Lubitsch später ja mit seiner rabenschwarzen Anti-Nazi-Komödie ‚Sein oder nicht Sein‘. Doch das hier klingt nach einer unausweichlichen Tragödie. Insbesondere Jannings in der Rolle des wahnsinnigen Monarchen wirkt faszinierend. Nur ca. 6 Minuten des Films existieren noch.

‚Der Patriot‘ war 1928 der einzige Stummfilm (mit einigen nachträglichen Soundeffekten), der 1928 noch für einen Oscar nominiert wurde. Und er würde der Letzte bleiben bis 2012 ‚The Artist‘ nicht nur nominiert wurde, sondern sogar gewann.

 

Werden wir diese Filme jemals zu Gesicht bekommen? Vermutlich nicht. Noch weit tragischer ist die Frage, wie viele verschwundene Filme wir gar nicht kennen, weil eben nicht Hitchcock, Lubitsch oder Pancho Villa draufsteht? Filme die in ihrer Zeit vielleicht verkannt wurden, heute aber als ihrer Zeit voraus oder Meisterwerke erkannt werden könnten? Dank Streaming scheint uns die gesamte Welt des Films offenzustehen, wenn auch derzeit künstliche Grenzen eingefügt werden. Doch sollte uns das Beispiel des Stummfilms immer daran erinnern, dass die Erhaltung von Kunst sicherlich nicht von alleine geschieht. Und ob die Studios einen Bruchteil ihrer Milliardengewinne dahinein investieren wollen, hängt leider immer noch davon ab, ob sich mit dem alten Material noch Geld verdienen lässt.