‚Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead‘ (2007)

Wie letzte Woche bin ich immer noch dabei mir bislang unbekannte Filme mit Philip Seymour Hoffman nachzuholen. Das führt mich heute zum letzten Film einer anderen Größe des Kinos: Sidney Lumet. Ich kann nicht behaupten mich in seiner annähernd 6 Jahrzehnte umfassenden Filmografie besonders gut auszukennen, doch was ich gesehen habe, hat mich sehr beeindruckt, insbesondere ‚Die zwölf Geschworenen‘ (1957) oder ‚Serpico‘ (1973). Ob das seinem letzten Film, den er mit 83 Jahren, vier Jahre vor seinem Tod gedreht hat auch gelingt, lest Ihr hier. Und dann rupfe ich ein paar Hühnchen mit der deutschen Version…

Der beruflich erfolgreiche New Yorker Andy Hanson (Philip Seymour Hoffman) braucht (mehr) Geld. Nicht nur glaubt er, ein Umzug nach Rio de Janeiro würde seine, mit der Ehe unzufriedene, Frau Gina (Marisa Tomei) glücklicher stimmen, er hat auch ein Heroinproblem. Außerdem unterschlägt er Geld in seiner Firma, was herauszukommen droht. Sein jüngerer und weit weniger erfolgreicher Bruder Hank (Ethan Hawke) braucht ebenfalls Geld. Vor allem weil er mit den Alimenten bereits ein paar Monate im Rückstand ist. Und selbst für den Ausflug der Tochter zum „König der Löwen“ Musical kann er nicht bezahlen. Deshalb sagt er nicht sofort nein, als Andy mit einem Vorschlag zu ihm kommt: einen „Mom & Pop“ Juwelierladen zu überfallen. Die Mom & Pop in diesem Fall sind allerdings ihre eigenen Eltern. Hank soll den Überfall allein durchziehen, da Andy in der Gegend zu bekannt sei. Hank bekommt es mit der Angst und zieht den Ganoven Bobby in die Sache mit hinein. Der bringt, entgegen der Abmachung, eine echte Waffe mit. Als sie im Laden statt auf eine alternde Angestellte auf die resolute Mutter Nanette Hanson (Rosemary Harris) treffen, kommt es zur Katastrophe. Während Andy und Hank versuchen ihre Spuren zu verwischen, beginnt ihr verzweifelter Vater Charles (Albert Finney) eigene Untersuchungen anzustellen.

Auch wenn sich diese Inhaltsangabe umfassend liest, habe ich hier doch nur den auslösenden Moment beschrieben. Kelly Mastersons Drehbuch nutzt den Thriller oder Heist-Movie, um eine verwinkelte Familientragödie zu erzählen. Und Lumet macht einen Neo-Noir daraus, der die zerstörerische Kraft des Verbrechens verwendet, um ein Charakterdrama auszulösen. Die beiden zentralen Charaktere der Brüder sind letztlich klassische Noir Archetypen. Andy ist der Schmied zahlloser „todsicherer“ Pläne, die natürlich stets nur an der Unfähigkeit Anderer scheitern. Und Hank ist zu naiv, zu gutmütig und letztlich zu verzweifelt um im richtigen Moment nein zu sagen. Es ist keine einfache oder leicht verdauliche Geschichte, die Lumet hier in desaturierten Bildern erzählt und sie dreht sich nicht eben um sympathische Charaktere. Allerdings zeigt er in seiner Erzählweise so viel Mitgefühl, dass wir als Zuschauer den Figuren nicht entziehen können und doch wissen wollen, was passiert, auch wenn wir die handelnden Personen nicht unbedingt mögen. Und hier weiß er bis tatsächlich in die letzte Szene noch zu überraschen. Überhaupt ist der ganze dramatische dritte Akt eine Folge von gezielten Schlägen in die Nierengegend.

Der Film ist derart energetisch, dass ich niemals angenommen hätte, dass er von einem Mann in seinen 80ern stammt. Gelegentlich merkt man aber doch, dass Lumet einer älteren Generation des Filmemachens entstammt. Da ist zum einen sein sehr offener Umgang mit Nacktheit, was im neueren Hollywood Kino ja schon fast wie ein Fremdkörper wirkt. Auch neigt er dazu Szenen mit Carter Burwells etwas aufdringlichem Score zu unterlegen, die ein modernerer Filmemacher wohl still gelassen hätte. Dass sein New York mehr an das filmische New York der 70er und 80er erinnert, mit seinem Ruß und Dreck, der sich mehr auf die Seelen der Menschen als auf die Gebäude legt und den kein noch so elegantes Apartment verbergen kann ist hingegen wohl mehr der Erzählung als seinem Alter geschuldet. Ob die nichtlineare Erzählweise in verwinkelten Rückblenden nun ein Tribut an die Moderne oder ein Versuch war zu beweisen, dass Lumet keinesfalls alt sei, weiß ich nicht. Nötig ist ein solcher Beweis nicht, allzu viel beitragen tut die Nichtlinearität meiner Meinung nach aber nicht und wird im dritten Akt denn auch unzeremoniell aufgegeben.

Was ‚Tödliche Entscheidung‘ aber vor allem ist, ist ein Schauspieler-Film. Hoffman ist perfekt besetzt als Andy, der seine Verzweiflung hinter einer ebenso schmierigen wie hauchdünnen Fassade geschäftstüchtiger Professionalität verbirgt. Ethan Hawke ist demgegenüber verletzlich, als Hank, der seine Verzweiflung überhaupt nicht verbergen kann. Es ist erstaunlich, wie glaubwürdig die beiden als Brüder wirken. Schon in ihrer ersten Szene wirken sie, wie zwei Männer, die sich seit Kindheitstagen kennen, der eine herrschsüchtig, der andere konfliktscheu, doch hinter den Fassaden ist die Beziehung weit komplexer. Ein wenig die Schau stiehlt in seinen Szenen Albert Finney, der als liebender und trauernder Ehemann einerseits, als völlig abwesender Vater andererseits überzeugt. Und Marisa Tomei gelingt es, in dem ansonsten sehr männlich geprägten Film, mit einer geradezu magnetischen Darstellung die zerbrechliche Gina zu einem zentralen Element der Handlung zu machen.

So ist ‚Tödliche Entscheidung‘ ein nicht ganz einfacher, teilweise sogar unangenehmer aber wahrhaftiger Film. Der Schwanengesang eines Künstlers, der weder sich selbst noch irgendjemand anderem noch etwas beweisen musste. Ein gelungener Neo-Noir, ein New York Film abseits des Glamours. Der Originaltitel ‚Before Te Devil Knows You’re Dead‘ bezieht sich übrigens auf einen irischen Trinkspruch: „May your glass be ever full. May the roof over your head be always strong. And may you be in heaven half an hour before the devil knows you’re dead“ In diesem Film ist der Teufel allen Charakteren allerdings um mindestens zwei Stunden voraus.

Das bringt mich zu den zu rupfenden Hühnern mit der deutschen Version. Ich habe mich hier ja schon einmal über dämliche, deutsche Titel ausgelassen aber warum bekommt dieser Film im Deutschen einen Titel, der an einen Steven Seagal Direct-to-Video Film denken lässt? Natürlich kennt hier kaum jemand den Trinkspruch, das dürfte in den USA aber nicht anders sein und der Titel evoziert doch auch so schon bestimmte Vorstellungen und das Englisch ist auch mit reinen Schulkentnissen verständlich. Damit aber nicht genug: auf dem Cover der Blu-Ray prangt ein Sticker, der den Film als Feierabend Filmtipp deklariert. Vielleicht verstehe ich da was falsch, unter einem Feierabendfilm verstehe ich einen, von dem ich mich nach einem harten Arbeitstag ein wenig leicht unterhalten lassen kann. ‚Tödliche Entscheidung‘ braucht nicht nur einiges an Aufmerksamkeit, er ist auch eine emotionale Achterbahnfahrt (mit allen Teilen der Achterbahn, die Aufwärts führen herausgenommen), somit für den Zweck völlig ungeeignet. Vielleicht liegt es an dieser merkwürdigen Vermarktung, dass mir dieser tolle Film 10 Jahre lang entgangen ist.

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Und jetzt: viel zu viele Worte über Batman Filme

Manchmal kommen Leute zu mir und fragen: „Herr Lichter, was ist Ihr liebster Batman Film?“ und von nun an kann ich… ach, wem mache ich was vor? Niemand hat mich das je gefragt und niemand wird es je fragen, hier ist dennoch eine Auflistung aller Batman Filme vom Schlechtesten zum Besten. Aller Batman Filme? Nein, zwei Kriterien gibt es: 1. sie müssen im Kino gelaufen sein und 2. ich muss sie gesehen haben. Aufgrund Kriterium 1 fallen die meisten (aber nicht alle!) animierten Filme weg und dank Kriterium 2 fallen alle Filme mit Ben Affleck raus. Es tut mir leid, falls das jemandes Gefühle verletzt.

hello

Legen wir trotzdem los. Und zwar mit dem Schlechtesten (Anm.: die Wertung ist natürlich meine. Eure dürft Ihr gerne in den Kommentaren kundtun): Weiterlesen

Reisetagebuch: ‚Capote‘ (2005)

Reiseziel #56: Schaue ein Biopic über eine männliche Person

Es wird langsam mal wieder Zeit für eine weitere Etappe auf der Filmreise Challenge. Und da ich gerade dabei bin mir noch unbekannte Filme mit Philip Seymour Hoffman nachzuholen, passt es doch, dass meine größte Hoffmann-Lücke, sein Oscar-Gewinn für die Darstellung Truman Capotes, sich gut mit der Filmreise Challenge ergänzt.

Ich schreibe hier ja gerne darüber, dass ich Filmbiographien bevorzuge, die sich auf eine bestimmte Zeit im Leben ihres Protagonisten beschränken und uns anhand seines Umgangs mit einer gegebenen Situation mehr über ihn verraten, anstatt den aussichtslosen Versuch zu unternehmen ein Leben oder auch nur eine Karriere in zwei Stunden unterzubringen. Insofern kam mir ‚Capote‘ von Anfang an entgegen, beschreibt der Film doch „nur“ Truman Capotes Recherche für seinen Tatsachenroman ‚Kaltblütig‘, der ihn einerseits zu Weltruhm führen sollte, andererseits das letzte Buch bleiben würde, dass er je vollendet hat.

Der Film führt in seinem ersten Drittel auf eine etwas falsche Fährte. Schnell meint man seine Erzählweise durchschaut zu haben. Truman Capote liest in der Zeitung vom brutalen Mord an der vierköpfigen Farmerfamilie Clutter. Er ist von dem Fall fasziniert und bietet dem „New Yorker“ an darüber zu schreiben. Im hell erleuchteten, modernen New York des Jahres 1959 ist Capote das magnetische Zentrum jeder Literatenparty, ein wegen seines Charmes und seines Humors gern gesehener Gast. Als er aber zu Recherche in das ländliche Kansas reist, dass hier mit bleigrauen Himmeln und kahlen Bäumen weit von der Idee der goldenen, endlosen Weizenfelder entfernt ist, muss er schnell feststellen, dass er hier der absolute Außenseiter ist. Seine lispelnde Fistelstimme, seine zahllosen Manierismen, seine gelegentlich offen zu Schau getragene, städtische Überheblichkeit, seine Direktheit und nicht zuletzt seine (für 1959) recht offen ausgelebte Homosexualität machen die Interaktion mit der Bevölkerung schwierig. Neben seinem Charme hilft ihm aber auch die weit bodenständigere Harper Lee (Catherine Keener), die ein wenig einfühlsamer mit der Situation umgeht und mit den betroffenen Menschen auf Augenhöhe spricht. Der örtliche Untersuchungsbeamte Alvin Dewey (Chris Cooper) beginnt bald sogar Capotes Bücher zu lesen, obwohl die Dorfbibliothek ‚Frühstück bei Tiffanys‘ verboten hat. Der Film scheint ‚Kaltblütig‘ also ein Stück weit umzudrehen. Anstatt zu beschreiben, wie die Stadt und die Betroffenen mit den Morden umgehen, zeigt er wie Capote es tut.

Dann allerdings ändert sich die Erzählung spürbar, wenn die beiden Täter, Dick Hickok (Mark Pellegrino) und Perry Smith (Clifton Collins Jr.) in Las Vegas gefasst werden. Capote interviewt beide umfangreich. Seine Beziehung zu Hickok bleibt dabei distanziert, er bringt ihm Bücher und das gelegentliche Pornoheft ins Gefängnis, im Ausgleich für Informationen. Zu Perry Smith entwickelt er hingegen eine weitaus engere Beziehung. Ob das Freundschaft ist, wie Dewey ihm unterstellt, oder Verliebtheit wie sein Lebensgefährte Jack Dunphy (Bruce Greenwood) ihm vorwirft, oder ob er sich in dem Mann mit der schweren Kindheit, der sich sein Leben lang nach Respekt gesehnt hat ein Stück weit wiedererkennt, bleibt weitgehend offen. Was immer es ist, es hält Capote nicht davon ab Smith für sein Buch auszunutzen. Mit zahlreichen Lügen und Fehlinformationen gelingt es ihm eine genaue Beschreibung der Mordnacht aus dem jungen Mann herauszuholen. Die  Brutalität dieser Szenen entfaltet im ansonsten sehr ruhigen Film eine erschreckende Wirkung. Als ihm dies gelungen ist, informiert er Smith, dass er leider keinen Anwalt für ein Gnadengesuch auftreiben konnte und lässt ab dann dessen zahllose Briefe unbeantwortet.

Spätestens jetzt ist es an der Zeit über die Darstellung Philip Seymour Hoffmans zu sprechen. Er imitiert Capote nicht einfach (was bei einem derart exaltierten Charakter auch schnell zu Karikatur verkommen könnte), er kanalisiert ihn geradezu. Sein Capote ist in jedem Moment gleichzeitig involviert und distanziert. Wenn er Smalltak mit Dewey und dessen Frau betreibt, dann merkt man, dass er gleichzeitig mit dem wissenschaftlichen Auge des Anthropologen dessen Haus analysiert. In der Beziehung zu Smith wird diese Mischung aus Empathie und Apathie dann aber zu einem Problem. Wenn er dem Mörder, den er einerseits sehr mag, andererseits ins Gesicht lügt, sich später gar endlich dessen Tod wünscht dann nagt das nicht einfach nur an ihm, Hoffman spielt es so, dass man das Gefühl haben muss er weiß, dass er seine eigene moralische Grundfesten zerstört. Und er ist bereit das zu tun für sein Buch. Das Buch wird für ihn zum absolut wichtigsten Lebensinhalt, dem alles andere geopfert werden muss. Wenn Capote sagt, dass es das wichtigste Buch aller Zeiten würde, dann ist das nicht nur Egozentrik (von der er einiges mitbringt), er meint das absolut ernst. Und der Rest der literarischen Welt scheint ihm Recht zu geben. Als gegen Ende Harper Lee zur Stimme seines Gewissens wird, dann ist es zu spät, sein Absturz in den Alkoholismus ist nicht mehr aufzuhalten. Letztlich stellt der Film also die Frage, ob Kunst (oder eher deren Erschaffung) über der Moral stehen kann.

‚Capote‘ ist zu jedem Moment Hoffmans Film. Keine Szene ohne ihn und doch sieht man ihn in keiner Szene, sondern nur Capote. War ich bisher beeindruckt von ihm als Darsteller, bin ich jetzt überwältigt. Das dürfte seine beste Rolle und ein absolut verdienter Oscar sein. Daneben gehen andere Figuren leider etwas unter. Von Catherine Keeners faszinierender Harper Lee hätte ich gerne mehr gesehen und besonders Bruce Greenwood, als Capotes Partner bleibt eine Nebenrolle mit kaum mehr als 5 Sätzen Text. Die zweite Nebenrolle hat eindeutig Clifton Collins Jr., dem der Spagat seiner Rolle zwischen waidwundem Reh, einem verletzten Mann auf der ehrlichen Suche nach Freundschaft und tatsächlich kaltblütigen Mörder sehr gut gelingt.

Auch abseits des Schauspiels ist der Film gelungen. Obwohl ein Erstlingswerk, gelingt es dem routinierten Werbefilmer Bennet Miller und Kameramann Adam Kimmel den Film nicht zur Hoffman-One-Man-Show zu machen, sondern durchaus auch durch ihre Bilder zu sprechen. Es wäre faszinierend zu analysieren, wie unterschiedlich New York, Kansas und die Cost Brava hier ins Bild gesetzt werden. Aber ich bin eh schon wieder viel zu lange am Schreiben…

Ein absolut sehenswerter Film, der sich ganz hervorragend mit Capotes Buch ergänzt. Eine Glanzleistung von Hoffman und ein großartiger Erstling von Miller, der dieser Art der Erzählung über reale Personen anhand eines Geschehnisses in ‚Moneyball‘ und ‚Foxcatcher‘ treu bleiben sollte.

Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Speed Racer‘ (2008)

Zehn Jahre alt wird der berüchtigte Flop der Wachowski Geschwister diesen Sommer. Kann es einen besseren Moment geben, um den Blick zurückzuwenden und die Frage zu stellen, ob die Verfilmung eines 60er Jahre Manga von Tatsuo Yoshida (bzw. der etwas späteren Anime-Serie) wirklich derart misslungen ist, wie ihr Ruf vermuten lässt? Kurz: Ist der wirklich sooo schlecht?

Allerdings spiele ich heute nicht nach meinen eigenen Regeln und verrate meine Antwort im Voraus: um Himmels Willen, nein! ‚Speed Racer‘ ist in keiner Hinsicht ein schlechter Film. Er ist ein ungewöhnlicher Film. Für den Mainstream von 2008 ist er sogar ein zu ungewöhnlicher Film, der dazu noch das Pech hatte gegen den schlimmstmöglichen Rivalen antreten zu müssen. In einem Duell, das womöglich den Hollywood Popcorn Mainstream der letzten 10 Jahre entscheidend beeinflusst hat. Falls Euch das noch nicht neugierig genug auf den Artikel gemacht hat, lasst Euch sagen, dass Batman auch noch auftaucht! Verlieren wir also bloß keine Zeit! Weiterlesen

‚Crimson Peak‘ (2015) – Tonförderung geht auf den Geist

Ich mag Guillermo Del Toro. Er hat mit ‚Pans Labyrinth‘ für mich einen der besten Filme des noch jungen Jahrtausends abgeliefert. Letztlich merkt man aber jedem seiner Filme die tiefe Liebe zum Medium und den gewählten Themen an. Selbst den Filmen, die er eindeutig mehr für das Studio gedreht hat. In den beiden ‚Hellboys‘ und im ersten ‚Pacific Rim‘ steckt mehr Vision, mehr Detail und mehr Herz als in vielen anderen Blockbustern. Kurz: ich kann mir kaum einen würdigeren Oscar-Gewinner vorstellen. Mal ganz davon abgesehen, dass es sich irgendwie angefühlt hat, als hätte ein guter Kumpel was gewonnen.

Da ich Del Toro also sehr schätze, hätte ich ‚Crimson Peak‘ eigentlich lieben müssen, fühlt er sich doch ein bisschen so an, als wäre er speziell für mich gemacht. Er wirkt, als wäre er aus einer Liebesbeziehung der Filme der Hammer Studios und Roger Cormans Poe-Verfilmungen entstanden, hätte Mario Bava zum Taufpaten gehabt, sehr viel Shirley Jackson und Daphne Du Maurier gelesen und es dann irgendwie zu einem Millionen-Budget gebracht. Und doch mag ich den Film nur sehr, eine richtige Liebe will sich nicht recht entwickeln. Im Folgenden versuche ich zu ergründen warum.

Edith Cushing (Mia Wasikowska) ist eine intelligent aber naive, junge Autorin im Buffalo des späten 19ten Jahrhunderts. Eines Tages taucht der verarmte, britische Aristokrat Sir Thomas Sharp (Tom Hiddleston) in Buffalo auf und versucht Geld für eine neue Förderanlage für den roten Ton auf seinem Familiensitz Allerdale Hall von Ediths Vater (Jim Beaver) zu erbitten. Der hat für den eleganten Engländer wenig mehr als Verachtung übrig. Bald sind Edith und Thomas einander aber romantisch zugetan, sehr zum Unmut des Vaters und ihres Jugendfreundes Dr. Allan Michael (Charlie Hunnam). Doch als ihr Vater – plötzlich und unerwartet und zumindest ein wenig verdächtig – zu Tode kommt, hält sie Nichts und Niemand davon ab Thomas zu heiraten und ihn und seine Schwester Lucille (Jessica Chastain) nach Allerdale Hall zu begleiten. Das verfallende Haus erweist sich für Edith bald als Alptraum, als ihr sowohl Geister als auch eigene Nachforschungen die grausame Geschichte des ‚Crimson Peak‘ aber auch des Geschwisterpaares eröffnen.

Was die Ausstattung angeht ist der Film beinahe unglaublich. Produktionsdesign und Kostüme sind schlicht meisterhaft. In Allerdale Hall meint man Feuchtigkeit, Schwarzschimmel und Verfall beinahe riechen zu können, die kalte Zugluft der löchrigen Wände auf der eigenen Haut zu spüren. Und Del Toro sieht das nicht als Selbstzweck, er bindet es perfekt in seine Geschichte ein. Wenn Edith in einem gelben Kleid im Gitterfahrstuhl in die Mine herabfährt, denkt man unwillkürlich an den Kanarienvogel und seine tödliche Mission in alten Bergbauzeiten. Lucille hingegen scheint quasi ein Teil des Hauses zu sein und gelegentlich aus ihm hervorzuwachsen, Kleid und Haltung machen klar, dass auch wenn das Haus zusammenfällt, sie das Alte aufrechterhalten will. Del Toro bildet die Zeit seiner Erzählung ab, gleichzeitig aber gemahnt auch alles an diese sehr spezifische Zeit des 60er Jahre Horrors, besessen vom 19ten Jahrhundert. Kameramann Dan Laustsen und Del Toro verlieren sich aber nie in direkten Hommagen (oder gar Parodien) sondern schaffen etwas sehr Eigenständiges.

Vielleicht ist diese glaubwürdige Rückschau aber auch einer der Gründe, warum die Geister sich ein wenig wie Fremdkörper anfühlen. Und das meine ich nicht im positiven Sinne. In die Erscheinungen ist fast etwas zu viel CGI geflossen, ein paar zu viele schwarze Rauchwolken steigen auf, etwas zu viel Computerblut verblubbert ins Nichts. Dass sie nicht unheimlich sind ist hingegen nicht das Problem. Die Geister sollen hier nicht die Quelle des Schreckens sein, das ist was die lebenden Menschen einander antun.

Und hier sind wir vermutlich bei einem der zentralen Probleme des Films angekommen. Das Drehbuch von Matthew Robinson, der auch für das Buch des schwachen Del Toro Films ‚Mimic‘ verantwortlich zeichnet, ist ebenso oft offensichtlich, wie redundant. Ihm scheint sehr daran gelegen, dass jeder aber wirklich jeder mitbekommt worum es geht. Sei es, dass er Edith über eine ihrer Geschichten sagen lässt „die Geister sind eine Metapher für die Vergangenheit“, damit wir auch ja wissen, wie wir die Geister hier einzuschätzen haben. Ediths Nachforschungen über Thomas‘ frühere Ehen und die Geistererscheinungen wiederholen Eindeutiges mehrfach bis zum Augenrollen. Die Charaktere sind immer einen kleinen Schritt hinter dem Zuschauer zurück aber oft auf eine Weise, die weniger Spannung erzeugt, als frustriert. Und Charlie Hunnams Charakter ist in etwa Scatman Crothers aus ‚Shining‘, nur noch ein Stück weniger effektiv.

Das soll nicht heißen, das Buch habe keine Stärken. Ich fand es zum Beispiel interessant, dass Ediths Vater, der vorgeblich ihre Unabhängigkeit und ihren – für eine Frau im 19ten Jahrhundert ungewöhnlichen – Lebensstil unterstützt, ihr  eben nicht die Wahrheit sagt, als er diese über Thomas herausfindet, sondern Thomas zwingt eine Geschichte zu erfinden, weil er meint Edith könne mit der Wahrheit nicht umgehen. So ist er – nachdem sein Kopf eine ebenso unangenehme wie fatale Begegnung mit einem Waschbecken hatte – ein Stück weit verantwortlich für das was seiner Tochter passiert. Und auch mit den Schwächen des Buches weiß Del Toro zu spielen. Jessica Chastains Blick, als Edith die Wahrheit über Thomas und Lucille Beziehung klar wird und sie messerscharf aber völlig falsch schlussfolgert „ihr seid gar keine Geschwister“, ist einer der am besten gespielten Momente des Films.

Überhaupt genießen sowohl Chastain als auch Tom Hiddleston ihre Rollen als mörderische Bösewichte sichtlich. Stimmen, die Chastain hier fehlbesetzt sehen wollen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, sie ist annähernd perfekt. Und sicherlich merkt man als Zuschauer sofort, wenn Tom Hiddlestons Charakter ins Bild tritt, das mit ihm so einiges nicht stimmt, doch gelingt Mia Wasikowska das Kunststück ihre Rolle naiv (aber dabei nicht dumm!) genug wirken zu lassen, um auf Loki hereinzufallen.

Ob man den Film nun als Horror oder, wie Del Toro, als „Gothische Romanze“ sehen möchte sei jedem überlassen, relativ unangenehme Themen behandelt er dennoch, von Inzest, über alle Formen innerfamiliärer Schrecken, bis zu grafischer und oft erschreckend brutaler Gewalt.

Ich habe den Film jetzt drei Mal gesehen. Bei jedem Ansehen gefiel er mir ein klein wenig mehr. Was fehlt also noch zu echter Liebe? Vielleicht hätte man das Buch noch ein wenig mehr bändigen müssen oder bei den Geistern ein wenig mehr dem vertrauen können, was vor der Kamera ist. Letztlich ist der Film ein wunderschönes Gefäß, in dem aber nicht wirklich viel drin ist. Aber wer weiß, vielleicht muss ich ihn auch nur noch drei weitere Male sehen, bis ich selbst etwas in das Gefäß lege und dann ist die Liebe da. Obwohl man die ja nicht heraufzwingen kann, wie Ton aus dem Erdboden.

‚Rivalen unter roter Sonne‘ (1971) – ‚Avengers‘ im Wilden Westen?

Disney haben ihren ‚Infinity War‘ ja vor kurzem als das „größte Crossover aller Zeiten“ angekündigt. Daran möchte ich auch gar nicht zweifeln, richte an Filmfreunde aber die Frage, wie dieses Crossover für Euch klingt: einer der ‚Sieben Samurai‘, einer der ‚Glorreichen Sieben‘, ‚Le Samourai‘ und das erste „Bondgirl“ in einem Film des Regisseurs der ersten paar Bond-Filme, geschrieben unter anderem vom Drehbuchautoren der ‚Glorreichen Sieben‘ mit der Musik des ‚Lawrence Von Arabien‘ Komponisten. Bei einem solchen Personal war zumindest meine erste Reaktion, als ich von dem Film hörte die Frage, warum den nicht jeder kennt. Ist er so gut, wie die Beteiligten vermuten lassen oder letztlich nur ein merkwürdiges, zu Recht halb vergessenes Kuriosum?

1870 bringt der frisch ernannte japanische Botschafter in den USA ein wertvolles Schwert nach Washington zum Präsidenten. Dafür muss natürlich auch der noch reichlich gesetzlose Westen per Zug durchquert werden. Prompt wird der schwerbewachte Zug von einer Gangsterbande unter Pistolenheld Link (Charles Bronson) und dem Franzosen Gauche (Alain Delon) überfallen. Gauche nutzt die Gelegenheit, um nicht nur das wertvolle Schwert zu stehlen, sondern auch seinen Konkurrenten Link zu ermorden. Letzteres schlägt allerdings fehl. Der zurückgelassene Link wird von den Japanern zwangsrekrutiert den überlebenden Samurai-Wächter Kuroda (Toshiro Mifune) zu Gauche zu führen. Link ist davon nicht eben begeistert, ist sich aber sicher, dass sich Gauche auf direktem Weg zu seiner Freundin Christina (Ursula Andress) machen wird. Die beiden ungleichen Männer werden sich zusammentun müssen, wenn sie den Schurken erreichen wollen.

Ich war gespannt, wie unterschiedlich die Charaktere wirklich wären. Schließlich haben Westernheld und Samurai einige Klischees voneinander abgeschaut. Beide sind üblicherweise schweigsame Stoiker, die kein Problem mit Gewalt haben. Drehbuchautor William Roberts gelingt es aber beiden hier interessante Seiten abzugewinnen. Bronsons Link ist, wenn er denn spricht, ein unzuverlässiges Großmaul, den kaum jemand wirklich zu mögen scheint. Mifunes Kuroda hingegen, erhält, neben seiner „Fish-Out-Of-Water-Position“, ein wenig Pathos aus der Tatsache, dass er sich bewusst ist, dass die Zeit der Samurai vorüber ist. Das dies vermutlich der letzte und einzige Moment sein wird indem er eine Chance bekommt sich zu beweisen. Bronson ist willens seine Rolle deutlich augenzwinkernder anzulegen, als ich das von ihm erwartet hätte. Einer der lustigsten Momente (von denen der Film tatsächlich einige hat) ist wenn er Kuroda zu einer Schlägerei herausfordert und Mifune ihn minutenlang mit Judowürfen wie einen Mehlsack durch die Gegend schleudert, bevor Bronson einlenkt mit „fein, einigen wir uns auf unentschieden“. Von Delons Bösewicht Gauche (den der Trailer zu „Gotch“ macht, warum auch immer) hätte ich sehr gern mehr gesehen. Delon ist immer gut aber hier, als ebenso schmieriger wie eleganter Gangster merkt man ihm richtig an, wie viel Spaß er am Cowboy und Samurai-Spiel hatte. Ursula Andress Christina bekommt vom Drehbuch nicht eben viel geliefert und Andress war eher als Model, denn als Schauspielerin bekannt, was man, diplomatisch ausgedrückt, auch merkt. Letztlich bleibt sie ohnehin eine Nebenrolle.

Die beiden gelungenen Charaktere im Zentrum sind denn auch eine der beiden Stärken des Films. Terence Youngs Regie ist kompetent aber nicht unbedingt aufregend. Die typischen Italo-Western Regionen Spaniens kauft man ihm allerdings problemlos für den Wilden Westen ab. Man hat aber das Gefühl, der Bond-Regisseur ist nicht wahnsinnig daran interessiert dreckige Cowboys zu inszenieren und lebt immer richtig auf, wenn er mal wieder die Maßanzüge von Gauche zeigen darf. Wo er ebenfalls positiv auffällt sind die zahlreichen Actionszenen. Die reichen von großen Gefechten, in denen kiloweise Dynamit hochgeht, zu persönlichen Duellen. Insbesondere einige Szenen in übermannshohem Präriegras sind spannend inszeniert und helfen Mifune zum Einsatz zu bringen, der sonst mit seinem Katana gegen Schießeisen immer ein bisschen den Kürzeren zieht (und Kugeln auszuweichen würden in der Filmgeschichte ja erst 10 Jahre später die Ninja lernen). Auch hat mich überrascht wie blutig es teilweise wurde. hier war definitiv mehr der Samurai-Film als der Western Vorbild. Nicht zuletzt dank einer etwas unmotiviert wirkenden Nebenhandlung um eine Gruppe Commanche, wird der Film fast zwei Stunden lang und damit ein wenig länger als ihm gut täte.

Obwohl ein europäischer Western (der manchmal sogar fälschlicherweise in Italo-Western-Listen auftaucht) sind Youngs Vorbild offensichtlich klassische, amerikanische Western, in die er dann das ungewöhnliche Element des Samurai einfügt. Sergio Corbucci würde allerdings, für seine letzte Westernarbeit ‚Stetson – Drei Halunken erster Klasse‘ (1975) eine ganz ähnliche Idee umsetzen. Auch Maurice Jarres Musik schaut weniger zu Morricone, denn zu klassischen Hollywood-Themen, mit gelegentlich eingestreuten, klischeehaft fernöstlich klingenden Melodien. Eine wirklich erinnerungswürdige Melodie konnte ich aber nicht ausmachen. Da beeindrucken seine Soundtracks zu David Lean Filmen weit mehr.

Eine wirklich neue Geschichte erzählte der Film, um zwei Männer, die sich nicht mögen, Respekt füreinander entdecken und schließlich Freunde werden wohl auch vor 45 Jahren nicht wirklich, doch macht es einiges an Spaß Mifune und Bronson (den ich aufgrund seiner arg hölzernen, späten Rollen gern unterschätze aber letztlich scheint er geboren Cowboys zu spielen) in lustigen und ernsten Szenen zuzusehen. Die Chemie zwischen beiden und Delon sorgen dafür, dass der Film immer einen leicht ironischen Unterton behält, ohne dabei je zur Parodie zu werden. Den Actionszenen merkt man ihr Alter sicherlich an, allerdings sind sie gut genug inszeniert, um auch heute noch zu wirken. So ganz der Überflieger, den die Beteiligten erwarten lassen ist ‚Rivalen unter Roter Sonne‘ nicht geworden aber immerhin ein sehr gelungener Western. Nun muss sich zeigen, ob ‚Infinity War‘ das auch wird. Also gelungen meine ich. Nicht ein Western. Wenn ‚Infinity War‘ ein Western wird, fresse ich einen Cowboyhut. Den ich extra dafür anschaffen müsste.