‚Tatis Schützenfest‘/‚Jour de fête‘ (1949)

Ich habe mich an dieser Stelle ja schon häufiger als großer Fan von Jacques Tati (‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘, ‚Tatis Herrliche Zeiten‘) zu erkennen gegeben. Doch seinen ersten Spielfilm, den bevor er die Figur des M. Hulot erdacht hatte, kannte ich nicht. Ein ziemliches Versäumnis und somit höchste Zeit aufs Schützenfest zu gehen (Hinweis: der deutsche Titel ist irreführend, das Fest im Film ist ein Dorffest, kein Schützenfest. Der Titel bezieht sich stattdessen auf die „Kunst“ von Tatis Charakter an der Wurfbude). Fein, dann eben Zeit aufs Dorffest zu gehen.

In Sainte-Sévère, einem kleinen Dörfchen mitten im Herzen Frankreichs, stehen große Dinge bevor: ein Dorffest findet statt. Schon kommen die Schausteller, bauen Karussell und Buden auf, treffen sich mit dem Bürgermeister. Der Café-Besitzer lackiert, etwas spät, seine Stühle und man gibt sich größte Mühe auf dem Dorfplatz einen großen Fahnenmast mit Drapeau Tricolore aufzustellen. Mittendrin ist Briefträger Francois (Tati). Ein etwas simpler, aber hilfsbereiter Mann. Nie einem Glas Wein oder einem Gespräch abgeneigt. Nicht unbeliebt aber sicherlich nicht respektiert. Doch als das fahrende Volk später im Kinozelt des Festes einen Film über die US-amerikanische Post zeigt, ihre hochmodernen, schnellen Methoden und voraussagt, dass bald jeder amerikanische Postbote seinen eigenen Helikopter haben wird, da fühlt sich Francois dann doch ins einer Ehre verletzt. Was die blöden Yankees und ihre Flugmaschinen können, dass können Francois und sein altes Klapperrad schon längst! Für Francois steht fest: jetzt wird er effizient. Zumindest sobald er wieder nüchtern ist.

Tati lernte den Ort Sainte-Sévère 1943 kennen. Der Kabarettist, Pantomime und gelegentliche Filmdarsteller wollte der deutschen Besatzungsmacht in Paris aus dem Weg gehen. Und so bestellte er für etwa 1 ½ Jahre, gemeinsam mit dem befreundeten Drehbuchautor Henri Marquet einen kleinen Bauernhof in der Nähe des Ortes. Und er verliebte sich in die traumhafte kleine Ortschaft, wo die Welt in Ordnung und der Krieg weit weg schien. Falls er jemals selbst einen Film drehen sollte, dann hier, nahm er sich vor. Schon zwei Jahre nach dem Krieg war es soweit. 1947 drehte er den Kurzfilm ‚Die Schule der Briefträger‘. Knapp ein Jahr später folgte der Spielfilm ‚Jour de fête‘, der eine Reihe Szenen des Kurzfilms direkt übernahm.

Falls Ihr den Originaltrailer oben geschaut habt, dann macht der eigentlich bereits unmissverständlich klar, worum es sich hier handelt. Um Heile-Welt-Kino als direkte Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Quasi die französische Variante eines Heimatfilms. Hier wie dort wird die traditionelle Landwirtschaft romantisiert. Mit Pferdegespannen, familiärer Feldarbeit und stetem Sonnenschein. Eine Lebensweise, die, nüchtern betrachtet, auch 1947 bereits im Verschwinden begriffen war. Und natürlich selten so schön wie hier gezeigt. Aber darum ging es gar nicht. Das war Eskapismus und der wurde dringend gebraucht.

Doch während der Heimatfilm die pure Idylle heraufbeschwört, ist Tatis Blick bereits hier ein ironischer. Er betont die kleinen Marotten der Bewohner, zeigt ihre Imperfektionen freudig auf. Unsere Erzählerin ist eine sehr alte, gebeugte Frau, die das Geschehen distanziert-amüsiert für ihre kleine Ziege kommentiert. Da spielt die Musik des Karussells gegen den dörflichen Spielmannszug bis eine pure Kakophonie daraus wird. Wir sehen ein Tableau bukolischer Idylle, einige Felder mit einem kleinen Weg dazwischen, auf dem jeder anwesende Mensch nacheinander von einer Wespe angegriffen wird und sie mit wild rudernden Armen zum nächsten scheucht.

Der Slapstick sitzt hier noch nicht so perfekt, wie es bei Tati später der Fall sein sollte. Sicher, wenn Francois sein Fahrrad unter der Ladefläche eines fahrenden Lasters einklemmt und dann beginnt auf ihr, wie auf einem Schreibtisch zu arbeiten, dann ist das sehr komisch. Aber man kann sich auch nicht des Gedankens erwehren bei Buster Keaton ganz ähnliches gesehen zu haben. Tatis Hollywood-Vorbilder, Keaton und Chaplin, sind noch allzu erkennbar. Er hat seinen ganz persönlichen Slapstick-Stil noch nicht gefunden. Später würde er seine langen, schlaksigen Gliedmaßen, die fast von allein Chaos auszulösen scheinen, perfekt nutzen. Einen Stil schaffen, der seinerseits kaum zu kopieren ist.

Doch absurde audio-visuelle Gags, die beherrschte er damals schon zur absoluten Perfektion. Wenn sich etwa ein Schausteller und eine Dorfbewohnerin, die offensichtlich Gefühle füreinander hegen, schweigend gegenüberstehen, während aus dem Kinozelt der leiernde Ton einer romantischen Szene eines Westerns herüberweht und der Schaustelle am Ende einen Schraubenschlüssel wie einen Colt wegsteckt, dann funktioniert das wunderbar. Mein Favorit ist ein Moment, wenn eine Schaustellerin aus ihrem Wohnwagen tritt, und einem anderen zuruft, ob der wisse, wo die Hunde seien. Der Schausteller pfeift auf seinen Fingern und aus dem winzigen Wohnwagen der Schaustellerin brechen ein halbes Dutzend großer, lauter Hunde. Sie kommentiert das mit „ah, da sind sie ja.“. Das ist dann wirklich perfekt Tati.

Auch seine Philosophie lässt sich in dem Film bereits erkennen. Seien Filme setzen häufig den Menschen gegen die Technik. Für Tati war der Mensch ein chaotisches Wesen, dass sich an allzu rigiden Systemen immer scheuern wird. Baut der Mensch um sich herum nun eine Welt der Technik, wie es im 20ten Jahrhundert im Westen fraglos geschehen ist, dann spannt er sich selbst in das rigideste mögliche System ein, eine Maschine. Und dort wird und muss er zwischen die Zahnräder geraten. Bei Tati waren es stets die Maschinen, die daran zerbrochen sind. Man sollte daraus übrigens nicht ableiten, dass Tati ein reaktionärer Technikhasser war. ‚Tatis Schützenfest‘ war der erste französische Spielfilm, der neben schwarz-weiß auch in Farbe gedreht wurde. Bloß gab es kaum Kinos, die darauf ausgelegt waren solche zu zeigen, weswegen nur die sw Fassung veröffentlicht wurde (die Farbfassung wurde 1994 fertiggestellt und liegt auf der dt. BluRay vor!).

Doch, wie erwähnt, ‚Tatis Schützenfest‘ ist ein Heile Welt-Film. Daher sind es hier nicht Mähdrescher und Traktoren, die die traditionelle Landwirtschaft aus den Angeln heben. Sondern es ist nur ein Postbote mit „komm ich heut nicht, komm ich morgen“-Philosophie, der sich von einem völlig überzogenen Film über amerikanische Effizienz herausgefordert fühlt. So beginnt er die schönen Hügel und Kurven mit geraden Linien zu durschneiden, schleppt sein Rad bergauf und überholt Rennfahrer. Und am Ende geht er, wortwörtlich, baden. Viel geringer könnten die Einsätze kaum sein.  Nein, es ist nicht die Handlung, die den Film treibt. Ähnlich wie in ‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘ erschafft Tati ein Panorama sympathisch-verschrobener Charaktere, die er vor wunderschöner Kulisse interagieren lässt. Und hier liegt in der Rückschau vielleicht eine der größten Stärken des Films. Tati schafft eine Chronik eines Momentes, in dem ein Dorf bereits ein Stück aus der Zeit gefallen scheint. Und 73 Jahre später können wir es immer noch besuchen. Das ist doch die Magie des Kinos. Das und Filme über Yankee-Postboten mit Hubschraubern, natürlich!

‚The Last Duel‘ (2021)

Dieser Film um das (reale) angeblich letzte gerichtlich angeordnete Duell zur Erlangung eines Gottesurteils im spätmittelalterlichen Frankreich war einer der seltenen wirtschaftlichen Fehlschläge in Ridley Scotts Karriere. Für Scott waren die Schuldigen, miese Millennials mit ihren Mobiltelefonen, die einfach nix lernen wollen, schnell gefunden. In der Realität hing es wohl eher mit der Pandemie und damit verbundener Unlust an einem derart düster-trostlosen Film, wie ihn die Trailer versprachen zusammen. Aber als ein, nach mancher Rechnung gerade eben noch, uralt-Millennial habe ich mich jetzt mal ganz ohne Handy hingesetzt und den Film geschaut.

Am Ende des Jahres 1386 fordert der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) in einem großen Volksspektakel Jacques Le Gris (Adam Driver) zu einem Duell heraus. Jacques soll Marguerite (Jodie Comer), die Ehefrau de Carrouges, vergewaltigt haben, streitet dies jedoch ab. Nun soll Gott ein Urteil fällen, indem er den Sieger des Turniers entscheidet. In drei Rückblenden sehen wir zunächst dreimal die Vorgeschichte des Turniers, jeweils aus der Sicht einer der beteiligten Personen. Den ungebildeten Jean, der aufgrund seines Familiennamens und seiner Tapferkeit und Kampfkunst hohe Ehren erwartet, jedoch immer wieder enttäuscht wird. Den hochintelligenten, aus einfacheren Verhältnissen stammenden Jacques, der sich bei seinem und Jeans Lehnsherren, dem Grafen Pierre d’Alencon (Ben Affleck) bald weit höherer Gunst erfreut als der „langweilige“ Jean. Und Marguerite selbst, die Jean nur aus zwei Gründen heiratet: um mit ihrer Mitgift Schulden zu tilgen und um einen Erben zu zeugen. Sie bemüht sich auf dem arg schmalen Pfad zu wandeln, den die Gesellschaft auch für eine adelige Frau des Spätmittelalters bereithält. Wenigstens so lange, bis ein grausiges Erlebnis dies nicht mehr zulässt.

Ridley Scott bedient sich hier des erzählerischen Elements aus Kurosawas ‚Rashomon‘, dieselben Geschehnisse aus mehreren verschiedenen Blickwinkeln zu schildern. Doch da er dabei einen längeren Zeitraum beschreibt als Kurosawa sind die Geschehnisse weniger widersprüchlich als dort (außer, offensichtlich, Kernelementen) und geben eher die Sicht der Protagonisten auf die Dinge wieder. Jeans Geschichte ist eine düstere, mittelalterliche Kriegersaga von großen persönlichen Niederlagen aber auch Siegen, die jedoch von einer korrupten, ehrlosen Obrigkeit untergraben werden. Für Jacques ist das Leben eher eine höfische Geschichte, voller Intrigen und jeder Menge Sex. Eine Geschichte, in der Marguerite vielleicht „nein“ gesagt hat, wie es sich für eine Dame gehört, aber das empfindet er als Teil des Spiels. Marguerites Wahrheit, von der Scott wenig subtil andeutet, dass sie „die“ Wahrheit ist, ist die einer unsäglich misogynen Gesellschaft. In der Frauen Handelsobjekt und Mittel zur Fortpflanzung sind. In der eine Vergewaltigung nicht etwa ein ungeheuerliches Verbrechen gegen die Frau, sondern ein Delikt gegen den Besitz des Mannes ist. Wo Staat und Kirche eine ganze erniedrigende Maschinerie auffahren, um derartige Vorwürfe zu unterdrücken. So muss sich Marguerite immer wieder öffentlichen Fragen stellen, ob sie „den kleinen Tod“, einen Orgasmus, während der Tat erfahren habe.

Hier ist es denn auch, wo Scott einen Bogen zur Moderne schlägt, uns vorführt, dass wir bei weitem noch nicht alle diese grausigen Vorurteile abgelegt haben. So rät Pierre etwa Jacques, dass der beste Umgang mit der Situation „abstreiten, abstreiten, abstreiten“ wäre. Und man versucht Marguerites Aussage unglaubwürdig zu machen, indem man belegt, dass sie vor Jahren einmal gesagt habe, Jacques sei „attraktiv“.

Am Ende aber ist die einzige Möglichkeit der Lösung dieser furchtbaren Situation Gewalt. Gewalt, die Jean eher aus eigener Kränkung als aus Fürsorge für seine Ehefrau anwenden will. Er klärt sie nicht einmal über die fatalen Folgen auf, die seine Niederlage für sie hätte.

Scott erzählt in eindrucksvollen Bildern, elegant fotografiert von Kameramann Dariusz Wolski. Er setzt dabei auf den aus seinen anderen historischen Filmen bekannten Kontrast aus schlammverkrusteter Pfeil-durchs-Auge-Brutalität und höfischer Opulenz. Obwohl Kämpfe hier vor allem Jeans Geschichte und das Finale des Films ausmachen bleibt doch zu jedem Zeitpunkt der elegant erzählerische Fluss eines erfahrenen Blockbuster-Machers erhalten. Gelegentlich kommt er allerdings verdächtig nahe an Monty Python-eskes Parodie-Material, vor allem, wenn König Charles VI. im Bild ist, den Alex Lawther aus irgendeinem Grund wie eine besessene Bauchrednerpuppe spielt.

Womit wir bei den weitgehend sehr guten Darstellerleistungen wären. Ganz vorne dabei ist hier fraglos Jodie Comer, die ihre Marguerite als eine Person darstellt, die so lange es ihr irgendwie möglich ist, aus einer schlechten Situation das Beste macht, doch wenn die Welt sie herausfordert unerwartete Stärke entwickelt. Die männliche Besetzung ist auch weitgehend gut, muss sich jedoch gegen einige… interessante Kostümentscheidungen durchsetzen.

Adam Driver hat Glück, der kommt mit seiner üblichen Rockstarmähne davon. Aber Matt Damon bekommt eine geradezu monströse Kombination aus Vokuhila und Bart verpasst. Ich weiß nicht, wie historisch korrekt für Frankreich 1386 die ist, aber in Deutschland so etwa 1990/91 hat jemand, der annähernd exakt so aussah, eine Bierflasche nach dem kleinen Filmlichter geworfen. Es spricht für Damons Spiel, dass er dieses Hindernis überwindet. Vielleicht hilft es auch, dass Affleck mit seiner blondierten Milhouse Van Houten Frisur und Kinnbart noch ein Stück blöder aussieht. Aber sein Charakter wird in sämtlichen Geschichten auch als etwas dümmlicher Geck gezeigt.

Was bleibt mir als Fazit? Der Text bis hierhin liest sich ja durchaus positiv. Der Film ist auch fraglos gut gespielt und gut inszeniert, daran gibt es nix zu rütteln. Es stört mich nur etwas, dass er zu seinem zentralen Thema, der Misogynie, am Ende reichlich wenig zu sagen hatte. Fast so wie Jean, der am Ende auch bloß mit dem Schwert draufhauen kann. Man fragt sich fast, ob eine intimere Inszenierung, ein kleinerer Film, hier nicht besser funktioniert hätte. Aber das ist vielleicht das Problem. Wenn man ein Schwert hat, sieht jedes Problem wie eine Schwachstelle in einer Rüstung aus. Und wenn man ein Blockbuster-Regisseur ist, sieht jedes Thema wie ein Stoff für einen Millionenfilm aus.

Wenn Ihr nur einen Film über spätmittelalterliche Misogynie von einem sehr alten Regisseur, bekannt für Spektakel, aus dem Jahr 2021 sehen wollt, dann rate ich Euch zu Verhoevens ‚Benedetta‘. Der ist für mich etwas besser gelungen. Aber ich vermute allein die Tatsache, dass wir aus zweien wählen können sagt was aus.

‚Kuan – der unerbittliche Rächer‘ (1970)

Ich habe an dieser Stelle ja schon häufiger geschrieben, über meine absolute Unfähigkeit an billigen Sammlungen von Honkong Kung Fu Filmen der 70er und 80er Jahre vorbeizugehen. ‚Kuan – der unerbittliche Rächer‘ kam aber tatsächlich nicht als Teil einer solchen Collection zu mir, sondern ich habe ihn aus einer Grabbelkiste des örtlichen Technikmarktes gezogen. Meine Erwartungen an den Film waren entsprechend. Andererseits weiß man halt, was man bekommt, wenn man eine Shaw Brothers Produktion aus dieser Zeit schaut. Insbesondere wenn Chang Cheh, der „Godfather of Hong Kong Cinema“ Regie führt. Unterhaltsame Kung Fu Action mit charismatischen Hauptdarstellern und einem Drehbuch, das mehr oder weniger halt da ist, um die physischen Auseinandersetzungen zu rechtfertigen. Und ja, genau das bekommt man auch hier. Aber auch noch entschieden mehr, weswegen ich recht begeistert über den Film bin und mich wundere, warum man von dem nicht mehr hört und liest!

Die Geschichte ist eine simple Rachestory. Sie spielt im Beijing der 30er Jahre. Der aufschneiderische Kung Fu Meister Feng Kai-Shan (Feng Ku) begehrt die Ehefrau (Yen-Ching Ou) von Kuan You-Lu (Ti Lung), einem Star der chinesischen Oper. Als er sich ihr allzu sehr nähert, statuiert You-Lu ein Exempel. Er vermöbelt Feng Kai-Shan und ein gutes Dutzend seiner Schüler, mit dem Aushängeschild von dessen Kung Fu Schule. Daraufhin lässt Feng Kai-Shan ihn in einem Teehaus ermorden. Doch alsbald taucht You-Lus jüngerer Bruder Kuan Hsiao-Lu (David Chiang) in der Stadt auf, um, man ahnt es, unerbittliche Rache zu nehmen. Doch Feng steckt nicht allein hinter der Sache. Auch die Triaden und gar ein korrupter General sind in den Mord verwickelt. Viel zu tun für Hsiao-Lu, der bald zum Werkzeug im Machtgerangel der Verschwörer wird.

 So weit, so erwartbar. Was macht den Film nun so besonders? Dafür müssen wir ein wenig in die Geschichte des Wuxia-Films eingehen. Wuxia beschreibt eine Jahrtausende alte chinesische Erzählform. Sie greift historische Szenen auf, reichert sie aber mit einem Heros, dem „xia“ an. Der Held im Wuxia ist ein grandioser Krieger mit fantastischen Fähigkeiten und Kampfkünsten. Er entstammt jedoch zumeist dem einfachen Volk und kämpft nicht nur etwa gegen Räuber, sondern auch korrupte Beamte oder Gewaltherrscher. Er stellt auf diese Weise Gerechtigkeit und ein Gleichgewicht im konfuzianischen Sinne wieder her. Ist aber, anders als etwa der japanische Samurai, dadurch ein subversiver, der Machtelite oft entgegenstehender Charakter. Die chinesische Oper, im Gegensatz zur europäischen Operntradition von Anfang an eine volksnahe Kunstform, griff diese Themen oft auf und so ist der Bühnenkampf ein wichtiger Bestandteil. Dieser zeigt allerdings weniger realistische Kämpfe, sondern setzt auf fließende Bewegungen, auf tänzerische Eleganz und komplexe Choreografie.

Und damit sind wir zurückbei unserem Film hier. Denn frühe Wuxia Filme übernahmen direkt die unrealistische, tänzerische Choreografie der Oper, die den Helden durch dutzende Widersacher wirbeln lässt. Chang Cheh nutzt hier nun einen interessanten Kunstgriff. Kuan You-Lus Können im Bühnen Kung Fu übersetzt sich 1:1 in „echtes“ Kung Fu, in der Realität des Films. Tatsächlich schneidet Chang Cheh in die Szenen, in der You-Lu es mit Dutzenden von Kung Fu Schülern aufnimmt, immer wieder Bühnenszenen hinein und betont die direkte Parallelität zwischen beidem. Und wir sind hier ganz beim klassischen Wuxia Helden, der es mit zahllosen Gegnern aufnehmen kann. Wenn er im Teehaus schließlich ermordet wird, fährt Feng fast eine Hundertschaft Mörder mit Messern und Äxten bewaffnet aus dem Hinterhalt gegen ihn auf. Und es wird trotzdem knapp. Selbst nachdem ihm die Augen ausgestochen werden (über die Gewalt des Films wird noch zu reden sein) macht You-Lu noch ein halbes Dutzend Gegner rund.

Doch nach seinem Tod geschieht etwas Erstaunliches. Sein ganz in schwarz gekleideter Bruder stakst aus der Finsternis, wie der Hauptdarsteller eines Italowesterns. Sein erster Akt ist einen schlafenden Mann im Bett zu erstechen. Er wälzt sich mit seinen Gegnern im Dreck einer öffentlichen Toilette, er würgt, mordet hinterrücks und ist mit zwei Gegnern gleichzeitig fast überfordert. Er wird mit einer allzu mondänen Fahrradkette attackiert. Er nutzt gar eine Pistole!

Wir haben den Wuxia Film verlassen und sind im „realistischen“ Kung Fu Film der 70er Jahre angekommen, den Bruce Lee wie kein zweiter verkörpern würde. In die ersten Actionszenen schneidet Chang Cheh hier erneut Szenen der chinesischen Oper, doch schnell erkennen wir, dass diese Gewalt kaum noch etwas Tänzerisches hat. Sie ist unromantisiert und blutig. Auch die Gegner tragen zu einem guten Teil keine klassisch chinesische Kleidung mehr, sondern westliche Anzüge oder Uniformen der Volksbefreiungsarmee.

Chang Cheh liefert hier einen klarsichtigen Meta-Kommentar auf den Status Quo des Hongkong Actionfilms Anfang der 70er Jahre ab. Der Wuxia Film würde selbstverständlich nicht verschwinden (und 30 Jahre später mit ‚Hidden Tiger, Crouching Dragon‘ ganz neue Höhen erreichen), aber der Geschmack neigte sich dem harten, kontemporären Kung Fu Film zu. Aber damit nicht genug! Mit dem absoluten Brecher eines Finales, das dieser Film auffährt nimmt er auch noch das Genre des „heroic bloodshed“ fast 20 Jahre vorweg. Wenn Hsiao-Lu, nun ganz in weiß, in seinen letzten Kampf zieht, dann erwarten ihn Zeitlupen und Blutfontänen und Tod. Das Tänzerische, das Elegante kommen auf eine pervertierte, zerstörerische Weise zurück.

Das ist nun natürlich kein bewusster Metakommentar mehr, Chang Cheh war, soweit mir bekannt, kein Hellseher. Aber ein Zufall ist es auch nicht wirklich. John Woo, wichtigster Regisseur des heroic bloodshed, mit Filmen wie ‚Hard Boiled‘ oder ‚Bullet in the Head‘, nennt Chang Cheh seinen wichtigsten cinematischen Einfluss. Er hat auch am Anfang seiner Karriere häufig als dessen Assistent gearbeitet (allerdings nicht hier).

Es ist diese Metaebene, die den Film für mich insbesondere interessant macht. Aber auch auf der rein erzählerischen Ebene ist es ein unterhaltsamer Film. Gerade wenn man sich darauf eingestellt hat, dass er nun in der Mitte etwas durchhängen wird, mordet sich Hsiao-Lu mit einem Messer durch ein Hotel der Triaden, mit einer Brutalität und Effizienz, die Michael Myers wohl ein beeindrucktes Kopf-zur-Seite-legen abringen würden.

Produktionstechnisch bekommt man exakt was man erwartet. Kostüme und Aufbauten sind durchaus liebevoll, die meisten „Außenaufnahmen“ sind im Studio bei künstlichem Licht entstanden und wenn man zu genau hinschaut sieht man halt die vier bis sechs Schatten, die jeder Passant zu jeder Zeit wirft. Wird man aber vermutlich nicht, denn Chang Chehs Framing ist meist interessant genug, dass man genau dahin schaut, wo er will. Das knallrote Kunstblut fließt hier, wie angedeutet,  gleich eimerweise. Es unterstreicht allerdings den Tod des Wuxia Helden und unterstreicht die Andersartigkeit der Gewalt seines Rächers. Es wird also keinesfalls sinnlos eingesetzt.

Bei der DVD bekomme ich die Qualität, die der Grabbelkistenpreis erwarten lässt. Das Bild ist, gerade beim Alter des Films, zumeist eigentlich durchaus gut, aber in manchen Szenen pumpt und ruckt es aber, dass es kein Vergnügen ist. Der Originalton liegt vor, allerdings gibt es nur reichlich miserable, englische Untertitel. Die deutsche Synchro kann sich aber hören lassen.

Empfehle ich den Film also? Ja, absolut! Wenn man irgendwas mit dem Hongkong Kino der 70er anfangen kann. Allerdings ist der Film auch sehr gut geeignet, um herauszufinden, ob das zutrifft. Und ob man eher dem Wuxia oder dem Kung Fu Film zugeneigt ist.

‚Malignant‘ (2021)

Vorbemerkung: manchmal ist es eindeutig, wenn ein Film um ein zentrales Bild herum konstruiert wurde. Bespricht man den Film, kommt man kaum umhin dieses Bild zu erwähnen. Blöderweise wäre genau das in diesem Fall ein ziemlicher Spoiler und der Film ist dafür noch etwas zu neu. Also werde ich jenes zentrale Bild nur in einem extra als SPOILER markiertem Absatz ansprechen und ansonsten drumherumreden.

James Wan ist ein Regisseur, den ich nach meiner eigenen Einschätzung eigentlich lieben müsste. Der Mann hat den Studio-Horror mit Budget wiederbelebt. Alles was er anfasst wird zu Gold, sei es ‚Saw‘, ‚Conjuring‘ oder ‚Insidious‘. Aber ich muss gestehen, ich mochte noch nie einen Film von ihm wirklich gern. Der erste ‚Saw‘ ist gelungen für das, was er ist. Aber die anschließende „torture porn“-Welle hat jegliches Wohlwollen für den Film bei mir ausgelöscht. ‚Conjuring‘ ist eine ziemlich widerliche Hagiografie auf zwei reichlich miese Betrüger. ‚Insidious‘ war nahe dran mir zu gefallen, allerdings knirschte der Film unter den Widersprüchen eines atmosphärischen Spukhaus-Films und dem Irrsinn einer Parallelwelt, bevölkert von Darth Mauls, die als Freddy Krüger verkleidet sind. Wenn Wan doch nur diesem Irrsinn einfach mal freien Lauf lassen könnte… Gute Nachricht, er tut genau das in ‚Malignant‘. Und wie!

Die schwangere Madison Lake-Mitchell (Annabelle Wallis) lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Derek (Jake Abel) in Seattle. Derek wirft Madison vor, für mehrere vorhergegangene Fehlgeburten verantwortlich zu sein und attackiert sie körperlich. In der darauffolgenden Nacht wird er von einem unbekannten Eindringling ermordet, laut Ermittlern mit einer Gewalteinwirkung, wie man sie sonst nur bei Verkehrsunfällen erlebt. Madison ist schockiert, erhält aber Unterstützung von ihrer Schwester Sydney (Maddy Hasson). Doch bald mordet der Unbekannte weiter, eine Reihe Ärzte fallen ihm zum Opfer. Doch damit nicht genug, Madison empfängt Visionen der Gewalttaten. Eine Tatsache, die sie für die ermittelnden Polizisten Regina Moss (Michole Briana White) und Kekoa Shaw (Goerge Young), beide eher Rationalisten als Fox Mulder,  zur Verdächtigen macht. Tatsächlich beginnt sich Madison an Dinge aus einer längst vergangenen Zeit zu erinnern. Dinge, die sie bald an sich selbst zweifeln lassen.

Meine obige Zusammenfassung gibt in keiner Weise die vollständig überdrehte Atmosphäre des Films wieder. Wan erzählt hier mit der Subtilität eines Vorschlaghammers auf den kleinen Zeh. Wir brauchen fünf Sekunden, um zu erkennen, dass Derek ein Dreckskerl ist. 20 weitere Sekunden später stufen wir ihn auf der Drecksack-Skala deutlich weiter nach oben. Zwei Minuten später ist er tot. Das ist ein Erzähltempo, das der Film natürlich nicht über seine ganze Laufzeit halten kann, aber er bleibt über lange Zeit erstaunlich atemlos für einen Horrorfilm.

Was natürlich bedeutet, dass Atmosphäre möglichst  unmittelbar aufgebaut werden muss. Und so dräuen unvermittelt gothische Gebäude im modernen Seattle, ist jede Nacht entweder von Nebel verhangen oder von Gewitter erhellt. Und wenn wir einen chirurgischen Preis in Form einer langen goldenen Klinge(!) auf einem Kaminsims sehen, nun, sagen wir Anton Tschechow wär vermutlich glücklich, wie schnell der seiner allzu offensichtlichen Bestimmung zugeführt wird.

Das klingt jetzt vermutlich wie ein Film, der überhaupt nicht funktioniert und das wird vermutlich für manche auch der Fall sein, doch für mich funktioniert es ganz wunderbar. Denn Wan erschafft hier eine Welt, die seltsam ihre eigene Künstlichkeit unterstreicht. Da sind Häuser, deren Äußeres offensichtlich nicht mit ihrem Innenleben übereinstimmt, wenn man ein Auto parkt, dann selbstverständlich am äußersten Rand einer Klippe, einfach weil sie da ist. Und wenn Madison festgenommen wird, dann ist die Wartezelle randvoll gefüllt mit Frauen, die wie Klischees aus 70er und 80er Jahren Exploitation Filmen aussehen, angeführt von Zoe Bell mit dem alpha und omega aller Vokuhilas.

Der Film fühlt sich an wie das gewollte Gegenteil von Horror eines großen Studios. Dort weiß man zumeist in welche Richtung es gehen wird und weiß, dass man in sicheren Händen ist. Wie bei einer Achterbahn in einem großen Freizeitpark. Dieser Film fühlt sich an, als wäre er von einem Frank Henenlotter erdacht, man weiß nie was als nächstes geschehen wird, eine Stunde in den Film hinein, weiß man immer noch nicht in welche Richtung es gehen wird. Das wirkt wie eine Achterbahn, die über Nacht von drei zumindest leicht angetrunkenen Handwerkern nach Augenmaß zusammengezimmert wurde. Daher ist nun Zeit für den oben erwähnten

SPOILER SPOILER SPOILER

Also, Gabriel ist Madisons craniopager, parasitischer Zwilling und ein zutiefst bösartiger Mörder. Und er kann, nachdem er ihre Föten getötet und deren Stärke übernommen hat(!), gelegentlich die Kontrolle über Madisons Körper übernehmen, allerdings ist sein Gesicht auf ihrem Hinterkopf, weswegen sie sich „rückwärts“ bewegt, wenn er sich vorwärts bewegt. Und für Madison wirkt das Geschehen später wie Visionen. Diese Idee, des sich rückwärts bewegenden Mörders im Frauenkörper, mit dem monströsen Gesicht hinter ihrer Frisur, war sicherlich das Urbild des Films, um das herum alles konstruiert wurde. Und wenn sich „Gabriel“ zum Ende hin durch eine Polizeistation mordet, wie vor ihm wohl zuletzt höchstens der Terminator, dann ist das nicht nur eine durch und durch irrsinnige Szene (mit dem besten filmischen Stuhlwurf seit der Fraser Mumie!!!), sondern vor allem auch, dank der Rückwärtsbewegung, eine beeindruckende Stuntleistung von Tänzerin Marina Mazepa, die die Rolle der „besessenen“ Madison übernimmt. Tatsächlich wird der Film so fast zu einer Variation auf Frank Henenlotters ‚Basket Case‘, denn wie Belial dort, will sich Gabriel vor allem den an Ärzten rächen, die eher nicht ganz ethisch gehandelt haben, als sie ihn „ausgeschaltet“ haben. Hier kommen wir denn auch zu meinem Problem mit dem Film, aber das kann und sollte man spoilerfrei besprechen, also

SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE

Ich habe oben den Vergleich zu Henenlotter gezogen, doch wo der billigste B-Movies produzierte, hat Wan New Line hierfür 40 Millionen Dollar aus dem Kreuz gelabert. Für einen absolut irrsinnigen Film, was die ganze Sache noch einmal ein ganzes Stück lustiger macht. Der Mann für absolut Sicherheit, der einst das ‚Conjuring‘ Fließband gestartet hat, von dem nun Gruselpuppen, Gruselnonnen oder Grusel-wasauchimmers laufen, hat einen komplett eigenwilligen Film gemacht. Einen, der, man glaubt es kaum, gar Verlust eingefahren hat. All das macht mir den Film hochsympathisch. Ein Problem habe ich allerdings dennoch.

Bei Henenlotter konnte man stets die Sympathie für das Groteske fühlen. Henenlotter war auf der Seite der Außenseiter, nicht zuletzt, weil er selbst ein Außenseiter war. Wans Sympathien liegen allzu eindeutig beim „Normalen“. Und dadurch geht er für mich ein Stück zu weit jenen Weg, den Horrorfilme nur allzu gern gehen. Im psychisch und physisch Kranken, im „Hässlichen“ das Böse entdecken zu wollen. Das betrifft nicht nur den zentralen Killer des Films, sondern auch die oben erwähnten grotesken Frauen in der Gefängniszelle, die sich sofort böswillig gegen die „normale“ Madison zusammenrotten.

Herr Wan und ich sind uns philosophisch also vermutlich immer noch nicht sonderlich nah. Allerdings ist das hier weniger zentral als etwa bei einem ‚Conjuring‘. Und vor allem ist sein Film derart unterhaltsam und derart wild, dass ich absolut bereit bin, darüber hinwegzusehen.

Ich empfehle den Film auf jeden Fall. Er wird nicht jedem gefallen, aber auf jeden Fall ist er ein Film, den man gesehen haben muss, um zu glauben, dass hierfür ein Studio 40 Millionen gezahlt hat, wohl mit der Hoffnung, das Geld wieder reinzukriegen. Ich habe oft Henenlotter erwähnt, aber die Inspiration hier waren nicht nur amerikanische B-Movies der 70er und 80er, sondern sicherlich auch italienischer Giallo. Man könnte sogar eine gewisse (gewollte) Selbstparodie Wans vermuten.

‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ (2021)

Das Nachfolgeprojekt von Sony Pictures Animation zu ‚Spider-Man: A New Universe‘ ist gefühlt ein wenig untergegangen. Dafür wird es wohl eine Reihe Gründe geben. Zum einen, natürlich, die Pandemie. Zum anderen die Tatsache, dass man sich für eine Veröffentlichung auf Netflix entschieden hat (wofür auch die Pandemie verantwortlich war). Tatsächlich war der Film für den Oscar für den besten animierten Film nominiert, genau wie ‚Spider-Man: A New Universe‘. Und wenn man mich fragen würde, macht sich Sony Pictures Animation damit langsam zu einem ernstzunehmenden Pixar-Konkurrenten, abseits von ihrer ‚Schlümpfe‘, ‚Angry Birds‘ und ‚Peter Rabbit‘ Stangenware oder möchtegern-trendigem Schrott wie dem ‚Emoji Movie‘. Natürlich fragt mich keiner. Aber ich labere hier selbstverständlich trotzdem.

Im Mittelpunkt des Films stehen Katie Mitchell (Abbi Jacobson) und ihr Vater Rick (Danny McBride). Katie war ihr Leben lang Technologie- und Filmbegeistert, dreht Filme für Youtube und nimmt die Welt durch ihr Smartphone war. Rick ist ein technophober Heimwerker und Naturbursche. Was dafür sorgt, dass zwischen beiden einiges Unverständnis herrscht. Als es am Abend vor Katies Abreise zum College fast zum Bruch kommt, beschließt Rick Katie mit dem Rest der Familie, Mutter Linda (Maya Rudolph), Katies Dinosaurier-begeisterten kleinen Bruder Aaron (Mike Rianda) und Mops Monchi, als Roadtrip selbst zum College zu fahren. Unterwegs stehen ihnen nicht nur die innerfamiliären Probleme im Weg, sondern Technologiefürst Mark Bowman löst versehentlich auch noch eine Roboterapokalypse, angeführt von der K.I. PAL (Olivia Coleman) aus. Durch Glück entgehen gerade die Mitchells der Festsetzung durch die Roboter und sind nun für die Rettung der Menschheit verantwortlich. Doch dabei steht ihnen alles im Weg, was einen PAL Chip ins einem Inneren hat. Und nicht zuletzt sie sich selbst.

Der Stil von ‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ ist nicht ganz einfach zu beschreiben. Wo ‚Spider-Man: A New Universe‘ Effekte von Comics übernommen hat, bis hinunter zur Maserung der „Zeichnungen“, wirkt ‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ als hätte man grobe 2D Karikaturen in einen CGI Film überführt. Verstärkt wird das noch mit echten 2D Effekten, die vor allem Katies Emotionen unterstreichen. Das Figurendesign mit seinen spitzen Nasen ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Minuten hätte ich die Figuren nicht anders haben wollen. Vor allem gelingt es dem Film in seiner visuellen Sprache, die Differenzen zwischen Vater und Tochter deutlich zu  machen. Auch im Soundtrack setzt sich dies fort, wo Ricks Thema etwa mit Holzblasinstrumenten arbeitet und Katies mit Synthesizern.

Dieser Konflikt und seine Lösung sind denn auch der warmherzige Mittelpunkt des Films. Man könnte kritisieren, dass Linda und Aaron etwas zu kurz kommen, aber auch sie bekommen beide ihre Momente. Wobei der vom Regisseur selbst gesprochene Aaron sicher der bizarrste Charakter des Films ist. Ein einsamer Junge, der das Telefonbuch abtelefoniert, in der Hoffnung irgendwer wolle mit ihm über Dinosaurier reden.

Der Humor sitzt zu einem guten Teil. Dass Olivia Coleman wunderbar einen gewissen Größenwahnsinn transportieren kann, hat sie ja spätestens in ‚The Favourite‘ wunderbar gezeigt. Und hier als K.I. im Smartphone gefangen, die es Leid ist, dass ihr die Menschen im Gesicht herumstochern und sie in den Müll geworfen wird, sobald es etwas Besseres gibt ist grandios. Auch Mops Monchi ist eine Quelle vor allem visuellen Humors. Humor, der sogar Plot-entscheidend wird, denn die Roboter überhitzen, wenn sie ihn sehen, da sie ihn nicht als Hund, Schwein oder Brotlaib kategorisieren können. Weit weniger funktioniert für mich der Einsatz zumeist alter Internet-Memes. Die dienen sowohl dem Humor, als auch eine Verbindung zwischen Vater und Tochter zu finden. Allerdings werden sie glücklicherweise weit weniger eingesetzt, als die ersten Minuten des Films das befürchten lassen. Filmanspielungen gibt es ebenfalls viele, allerdings sind die meist clever genug und nicht allzu sehr auf die Nase. Sol teilt etwa der Erfinder von PAL seinen Nachnamen, Bowman, mit Dave Bowman aus ‚2001‘.

Die wilde Prämisse des Films, quasi ‚Die schrillen Vier auf Achse‘ trifft ‚Terminator’ sorgt für eine Stimmung, in der fast alles passieren kann. Wenn die vermittelnde Mutter Linda später Roboter haufenweise zerlegt oder wenn Furbies mit PAL Chip quasi in einer Gruselsequenz eingesetzt werden, dann ist das auch eine zutiefst wilde Erzählung. Aber eine Erzählung, die durch die stringente und konsequent erzählte Familiengeschichte in ihrem Zentrum jederzeit auf Linie gehalten wird.

Ist es eine erzählerische Glanzleistung von der Qualität eines ‚Spider-Man: A New Universe‘? In meinen Augen nicht ganz, nein. Der Film ist unterhaltsam von vorne bis hinten und sicherlich für Kinder geeignet, aber er ist kein Erdbeben in der Welt der Computeranimation, mit der Aussicht, Pixar in die Seile zu boxen. Wobei man sicherlich argumentieren könnte, mit ‚Lightyear‘ hängen die da eh schon. Ich hoffe der Netflix-Deal bedeutet keinen Knick für Sony Animation. Denn wenn sie dieses Niveau weiter halten und festigen können, werden sie fraglos zu einem der großen Spieler im CGI Film Geschäft. Und vermutlich zu einem der ästhetisch mutigsten und erzählerisch versierten.

‚The Northman‘ (2022) – „You killed my father! Biiig mistake!“

Ich bin ja irgendwo auch lernfähig. Nach einigen Jahren des Filmrezensionen-Schreibens, habe ich etwa verstanden, dass das Fazit einer Besprechung natürlich an deren Ende gehört. Heute will ich mit dieser Konvention aber einmal brechen, nicht zuletzt deswegen, weil mich mein eigenes Fazit ziemlich überrascht. Robert Eggers Blut, Bärte und Bauchmuskeln Wikingerspektakel ‚The Northman‘ ist so nahe, wie wir der Verwirklichung der Arnold Schwarzenegger Hamlet Version aus ‚Last Action Hero‘ jemals kommen werden. Er ist, zugegeben, auch noch mehr als das, aber schon allein damit hätte er bei mir gewonnen. Aber nun ist vermutlich wirklich Zeit, zum Anfang zurückzukehren. Kommen wir zur Handlung.

Im späten 9ten Jahrhundert kehrt König Aurvandil (Ethan Hawke) von erfolgreichem Kriegszug heim, in sein nordatlantisches Inselkönigreich Hrafnsey. Im Kampf schwer verletzt, bereitet er sich darauf vor, den jungen Prinzen Amleth (Oscar Novak) zu seinem Nachfolger zu machen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Aurvandils Bruder Fjölnir (Claes Bang) ermordet ihn und verschleppt Königin Gudrun (Nicole Kidman). Einzig der kleine Amleth entgeht der feindlichen Übernahme und schwört Rache für den Vater und Rettung für die Mutter. Jahre später ist Amleth (Alexander Skarsgård) erwachsen und zieht als hünenhafter Berserker mit einer marodierenden Bande plündernd und mordend durch das Land der Rus. In einem zerstörten Dorf erinnert ihn endlich eine blinde Seherin (Björk) an seinen Schwur. Und so lässt er sich als Sklave nach Island verkaufen, wo Fjölnir inzwischen gelandet ist, nachdem er prompt das usurpierte Königreich verloren hatte. Unterwegs trifft er die Sklavin Olga vom Birkenwald (Anya Taylor-Joy), eine Hexe, die nur zu bereit ist, ihn bei seiner Rache zu unterstützen. Auf Island angekommen stellt sich jedoch heraus, dass die Dinge nicht immer so einfach sind wie sie scheinen.

Robert Eggers ist in seinen Filmen immer bemüht, uns die Welt zu präsentieren, wie seine Protagonisten sie wahrnehmen würden. Mit sämtlichem Aberglauben und Mythen der Zeit als Tatsachen präsentiert. Wenn also in ‚The Witch‘ eine fanatisch-christliche Familie im 17ten Jahrhundert in die Wildnis verbannt wird, dann lebt im Wald selbstverständlich eine Hexe, die für Missernten und verschwundene Kinder verantwortlich ist. Wenn in ‚Der Leuchtturm‘ zwei Männer wochenlang in einem Leuchtturm festsitzen und Terpentinöl mit Honig bis zum Irrsinn saufen, dann ist das Meer und womöglich sogar das Licht des Turms angefüllt von Geheimnissen, Mythen und tiefen Wesen. Eggers lässt diese Charaktere der daraus abgeleiteten Moral und den Prinzipien ihrer Zeit nach handeln und urteilt nicht über sie. Das überlässt er denen, die seinen Film schauen.

Genauso funktioniert auch ‚The Northman‘. Zum Gelingen dieser glaubhaften Darstellung einer übernatürlichen Welt gehört für ihn erst einmal aber eine glaubwürdige Darstellung der tatsächlichen Welt des 9ten Jahrhunderts. Und die präsentiert er uns hier als kalt und grau und unfassbar nihilistisch. Mit erheblichem Aufwand in Kulissen und Ausstattung versetzt er uns in eine Welt, in der der Starke den Schwachen zerstört. Wenn der Glück hat, denn dann kann er immer noch in Walhall einziehen. Hat er Pech wird er zum Sklaven und lebt und stirbt in Schande. In dieser Welt überrascht es denn tatsächlich nicht, dass Amleth eine draugr-Klinge findet. Ein magisches Schwert, das nur des Nachts oder an den Toren zu Hel gezogen werden kann, dann aber immer sein Ziel findet. Es ist eine Welt, in der das hellste Licht das einer kriegerischen Nachwelt ist.

Wo Shakespeares Hamlet ein ewiger Zweifler ist, kann dieser Amleth, der auf früheren Fassungen der Sage beruht, von seinem Ziel bestenfalls abgelenkt werden. Sei es durch ein Leben von grausigem Mord oder der Aussicht eine Familie zu gründen. Doch am Ende steht immer wieder das Ziel Rache zu üben und würdig in Odins Hallen einzuziehen. Dabei spielt Eggers aber auch immer wieder mit der Shakespearefassung. Sei es das Amleth auf den Schädel von Hofnarr Heimir (Willem Dafoe (übrigens, Eggers scheint der Meinung, wann immer Dafoe in einem Film zu sehen ist, sollte jemand furzen… wer bin ich, ihm da zu widersprechen) trifft und bemerkt er kannte ihn gut, oder sich der perfide Onkel eben nicht da versteckt, wo ihn Amleth (trotz Unkenntnis des Stücks) selbstverständlich vermutet.

Ich würde den Film dennoch als wahrscheinlich Eggers bislang schwächsten einordnen. Das klingt jetzt negativer als es gemeint ist. Ich finde ‚The Witch‘ und ‚Der Leuchtturm‘ nur zwei derart dichte, hochatmosphärische Filme, die eben genau von ihrem begrenzten Handlungsraum (umgeben von feindlicher Unendlichkeit) profitieren dass ich ‚The Northman‘ gerade im Mittelteil als etwas mäandernd wahrgenommen habe. Ob es z.B. den Ausflug zum Knattleikr, einer Art Proto-Hockey, bei dem der Schläger vor allem zum Brechen der gegnerischen Knochen verwendet wird, wirklich gebraucht hätte, weiß ich nicht. Aber das sind fraglos Wachstumsschmerzen, die mit einem plötzlich weit höheren Budget und weit größerem Rahmen einhergehen. David Lowery ist dieses Wachstum kürzlich mMn. mit ‚The Green Knight‘ besser gelungen. Aber der hatte ja auch schon Erfahrung dank ‚Elliot, der Drache‘.

Das ist aber alles freundliches Gemecker auf sehr hohem Niveau. Eggers gelingt immer noch ein zutiefst stimmungsvoller und sehr einmaliger Film. Als Vergleich würde mir höchstens Nicolas Winding Refns ‚Walhalla Rising‘ einfallen. Und der ist auch schon wieder 13 Jahre alt.

Die Darsteller machen ihre Sache durch die Bank sehr gut, ohne dass ich einzelne Leistungen besonders hervorheben möchte. Manches ist erstaunlich, etwa dass Nicole Kidmans Gudrun in der Zeit in der Amleth zum Riesen wächst und Fjölnir ergraut keinen Tag zu altern scheint. Aber das ist halt Hollywood-Konvention und sicher nicht Schuld der Darstellerin. Im Gegenteil, Kidman ist sehr gut aufgelegt. Ach ja, hier ist wieder einer dieser Fälle, wo alle amerikanischen/britischen Darsteller mit ihrer Idee eines norwegischen Akzents sprechen, was ich immer noch ziemlich anstrengend finde. Andere Darsteller haben ihre tatsächlichen dänischen, schwedischen oder isländischen Akzente, das ist natürlich völlig okay, nur damit wir uns nicht missverstehen!

Also, wie komme ich zu meinem eingänglichen Fazit? Nun, der Film betont Körperlichkeit, wirkt aufgrund seiner Kälte oft fast monochrom und das Finale sind zwei nackte Kerle, die sich am Rand eines Vulkans in Stücke hacken. „Let off some steam, Fjölnir!“ (sagt selbstverständlich niemand) Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich damit falsche Erwartungen wecke. Denn wer hier zwei Stunden pure Wikinger-Action erwartet wird sicherlich enttäuscht werden. Wer aber bereit ist sich auf Eggers Welt einzulassen und sich von ihr verstören zu lassen, bekommt hier einen ziemlich grandiosen Film geliefert.