‚Leave No Trace‘ (2018)

Mit ‚Winter’s Bone‘ gelang Debra Granik vor inzwischen neun Jahren ein entlarvender Blick vom ausgefransten Rand der Gesellschaft tief ins Herz der, medial scheinbar so vertrauten, für uns Mitteleuropäer aber doch immer wieder erstaunlich unverständlichen, USA. Der Film war nicht nur der Startschuss für Jennifer Lawrences Karriere als Star, er erhielt auch vier Oscar-Nominierungen. Für ihren neuen Film ‚Leave No Trace‘ wählt Granik eine Perspektive nicht einfach am Rande der Gesellschaft, sondern eine, die am liebsten komplett aus ihr verschwinden würde. Anders als ‚Winter’s Bone‘ wurde ihr neues Werk von den wichtigen Filmpreisen allerdings weitgehend ignoriert und wird vom Verleih Sony äußerst stiefmütterlich behandelt. Liegt es an der Qualität? Ich meine, ganz und gar nicht und lege das im Folgenden hoffentlich nachvollziehbar dar.

Will (Ben Foster), ein Veteran des Irak-Krieges, der an schwerem posttraumatischen Stress leidet, lebt mit seiner 13jährigen Tochter Tom (Thomasin McKenzie) im Forest Park, einem großen, urbanen Waldgebiet der Stadt Portland. In selbstgewählter Isolation leben sie in einem selbstgebauten Zelt weitgehend von dem was der Wald ihnen bietet, von gelegentlichen Trips in die Stadt, wo Will seine Medikamente auf dem Schwarzmarkt verkauft und gewisse Notwendigkeiten besorgt, abgesehen. Durch einen Zufall werden sie entdeckt, von der Polizei verhaftet und landen im System des Sozialdienstes. Dort stellt sich heraus, dass zwischen Tom und Will nicht nur sehr starke familiäre Bande bestehen, sondern, dass Tom schulisch für ihr Alter weiter ist, als sie sein müsste. Bald stellt ihnen ein Farmer, der ihre Geschichte im Fernsehen gesehen hat, ein kleines Haus in seiner Weihnachtsbaum-Zucht zur Verfügung, in der Will als Gegenleistung arbeitet. Tom lebt sich sehr schnell und glücklich in die wiedergefundene Zivilisation ein, doch für Will wird sie schon bald wieder unerträglich.

Die wichtigste Qualität des Films, die aus der sich alles andere ergibt, ist sein Understatement. Ein Thema, dass man problemlos mit einigem Sensationalismus angehen könnte, behandelt Granik hier mit vollkommener Ruhe. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Im ersten Akt, der weitgehend Will und Toms Leben im Wald zeigt, ist nur ein absolutes Minimum an Dialogen zu vernehmen. Sie reden über anstehende Arbeit, oder die Qualität des Essens und doch wird in diesen stillen (in jeder Hinsicht) Momenten klar, wie sehr die beiden einander lieben. Charakter ist Handlung und Handlung ist Charakter. Dieser erste Akt allein wäre bereits ein Meisterwerk in visuellem Erzählen. Doch es hört hier nicht auf. Schauspielerisch gelingt es Ben Foster ohne „große Momente“ zu vermitteln wie viel Anstrengung  die einfache Tatsache seiner fortgesetzten Existenz seinen Charakter Will kostet. Und wenn Toms unausweichlicher Moment der Rebellion erfolgt, dann spielen der Film und Thomasin McKenzie das nicht dramatisch aus, sondern in klaren, liebevollen, herzzerreißenden Worten.

Visuell arbeitet Granik sehr viel mit der Metapher des Waldes als Sehnsuchtsort. Für Will (und anfangs Tom) ganz direkt. Aber auch im Sozialdienst-Gebäude gibt es beinahe ironische Echos des Waldes, der hier auf Fototapeten und als Bildschirmhintergrund auftaucht. Kontrastiert wird das mit dem „falschen“ Wald der Weihnachtsbaum-Farm, wo die sorgfältig beschnittenen Tannen in Reih und Glied stehen. Allerdings verherrlicht Granik hierbei das harte Leben im Wald nicht. Ihr pazifischer Nordwesten ist nass, kalt und matschig und selbst wenn das Sonnenlicht malerisch durch die Bäume fällt, gefriert Will und Tom doch der Atem. Auch hütet sie sich die Zivilisation (oder zumindest ihr Bewohner) zu verdammen. Ihre Sozialarbeiter sind motiviert und willens zu helfen, doch entscheiden immer wieder automatisierte Tests über das Schicksal ihrer Schützlinge. Womöglich im direkten Kontrast zu ‚Winter’s Bone’s sehr rauer Welt begegnen beinahe alle, auf die Will und Tom treffen ihnen mit Anstand und Hilfsbereitschaft. Vom oben erwähnten Weihnachtsbaumfarmer bis zum Truckfahrer, der, bevor er die beiden mitnimmt, Tom zu Seite nimmt und sie fragt, ob sie wirklich Wills Tochter und alles in Ordnung sei. Granik findet menschliche Wärme und Herzlichkeit an Orten, an denen man sie, vielleicht gerade in Trumps Amerika, nicht unbedingt erwarten würde.

Das Understatement setzt sich fort im unaufdringlichen aber atmosphärischen Sounddesign, von Blätterrauschen und Bienenschwärmen bis hin zu Will schlimmstem PTSD-Trigger, dem Rattern von Helikopterrotoren. Ebenso bei Dickon Hinchliffes reichlich unauffälligem (im positivem Sinne) Soundtrack.

Die Schauspieler habe ich ja bereits lobend erwähnt, das hält mich aber nicht davon ab, es noch einmal zu tun. Ben Foster ist hier in zurückhaltender Großartigkeit zu sehen, in einer Rolle die seiner in ‚Hell or High Water‘ zwar einerseits ähnlich, andererseits aber doch gänzlich anders ist. Doch ist der wirkliche Star des Films fraglos Thomasin McKenzie, mit der Debra Granik einmal mehr ihr Talent beweist Nachwuchsschauspierinnen zu entdecken. Dies ist der erste Film der jungen Neuseeländerin, von einem Kurzauftritt in einem von Peter Jacksons Mittelerde-Filmen abgesehen (aber das trifft wohl auf 5-10% der neuseeländischen Bevölkerung zu). Und gerade dafür spielt sie ihre Tom mit einer für ihr Alter zutiefst ungewöhnlichen Selbstsicherheit, die sich in allem, von ihrer Körperhaltung bis zu ihrer Sprache ausdrückt. Es ist eine beeindruckende Darstellung die, fehlende Nominierungen hin oder her, im Gedächtnis bleiben wird. Erwähnen möchte ich noch Dale Hickey, die bereits in ‚Winter’s Bone‘ zu sehen war und deren Rolle hier, als milde Vermieterin einer Wohnwagensiedlung, den Unterschied zwischen den beiden Filmen sehr deutlich macht.

Ich glaube genau im Understatement des Films liegt der Grund dafür, dass der Film ein wenig ignoriert wurde. Nicht von der Kritik, die ihn begeistert aufgenommen hat, aber von Preisen und vor allem vom Studio Sony selbst. Dabei gelingt es Granik hier uns eine nicht einfach nur zerbrochene, sondern zersplitterte Gesellschaft zu zeigen. Themen wie Krieg, Trauma, Isolation und Einsamkeit zu behandeln, allerdings eben mit einer so selbstsicheren Reife und Ruhe, dass sie nicht auf Meth-produzierende Gangster und abgesägte Hände zurückgreifen muss (das soll keine Kritik an ‚Winter’s Bone‘ sein!). Aber im beständigen Gepolter der Filmindustrie, und gerade der amerikanischen, geht ein solcher Film dann eben auch mal unter.

Ich hoffe es ist klar geworden, dass ich den Film für einen der besten des letzten Jahres halte und der Meinung bin, jeder sollte ihn sehen. Da kommen wir dann aber leider zum Problem des Desinteresses von Sony. In Deutschland gibt es derzeit exakt zwei Möglichkeiten den Film zu sehen: als ziemlich teure digitale Kaufversion bei Amazon Prime (und einigen anderen Anbietern) und als völlig lieblose DVD. Von einer Leih/Streamingversion ist nichts zu sehen, (zumindest für mich) schlimmer noch, von einer BluRay auch nichts. Was zur Hölle Sony? Nur weil der Film so heißt, bedeutet das nicht, dass ihr euch bemühen sollt, dass man keine Spur von ihm findet!

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‚The Villainess‘ (2017) – Jane Wick?

Es gibt gewisse Phänomene, die treten nur sehr selten auf. Totale Sonnenfinsternissen etwa. Oder die Blüte des Titanenwurzes. In die Reihe dieser seltenen Phänomene kann man sicher auch Actionfilme einsortieren, die bei den Filmfestspielen von Cannes beinahe 5 Minuten stehende Ovationen bekommen. Einer dieser seltenen Vertreter ist der südkoreanische Film ‚The Villainess‘ von Jung Byung-gil. Und das allein wäre schon Grund genug ihn sich einmal genauer anzusehen.

Eine junge Frau (Kim Ok-vin) mordet sich durch ein Gangsterversteck mit angeschlossenem Drogenlabor. Nachdem sie von der Polizei festgenommen wurde, erwacht sie aber nicht etwa im Gefängnis, sondern in einem geheimen Trainingslager, wo sie von der Leiterin Kwoon-sook (Kim Seo-hyung) vor eine Wahl gestellt wird: dem koreanischen Geheimdienst 10 Jahre lang in neuer Identität als Schläferin für gelegentliche (Mord-)Aufträge dienen und danach ein Leben lang sicheres Gehalt kassieren, oder gleich hier sterben. Der jungen Frau, die nicht am Leben hängt fällt die Antwort zunächst leicht, doch als Kwoon-sook ihr eröffnet, dass sie schwanger sei, nimmt sie das Angebot doch an. Als ihre, geradezu schmerzhaft niedliche, Tochter geboren ist, wird ihr eine Wohnung in Seoul gestellt, in der sie in der Identität der Theaterschauspielerin Chae Yeon-soo leben wird. Zum Wohle aller hätte der Geheimdienst aber gut daran getan, die Vergangenheit der jungen Frau etwas genauer zu durchleuchten…

Der Film beginnt in medias res (oder eher in mordias res). Wir sehen aus der Ich-Perspektive der jungen Frau, wie sie sich durch das Haus kämpft und mordet. Ihr Gesicht sehen wir zum ersten Mal in einem Spiegel, als einer ihrer Widersachen ihren Kopf hindurch schmettert. Dadurch scheint der Zauber aufgehoben, die Kamera, von der subjektiven Sicht der jungen Frau befreit. Doch scheint sie dennoch eine gewisse Subjektivität zu behalten, wenn sie durch den Raum fliegt, Kämpfenden, jetzt in einem Fitnessstudio, wo Hanteln und Springseile zweckentfremdet werden, ausweicht und bemüht scheint, die Situation im Blick zu behalten. Schließlich folgt sie der jungen Frau durch ein Fenster nach draußen.

Das ist ein Auftakt, dem man sich nur schwer entziehen kann. Während der folgenden Ausbildungssequenz behält der Film seine subjektive Sicht aus Yeon-soos Perspektive mit wenigen Ausnahmen bei, demarkiert aber in keiner Weise, wenn er aus der Gegenwart in eine Rückblende wechselt. Damit verwirrt er absichtlich und zeigt uns hier bereits, dass es Aspekte von Yeon-soo gibt, die wir nicht kennen. Hier mehr darüber zu sagen wäre nicht in Ordnung, weil das Heraustüfteln, was nun was ist, Teil des Vergnügens ist.

Der folgende Mittelteil ist in meinen Augen leider der Schwächste. Es ist zwar visuell sehr interessant, auf der einen Seite die sehr naturalistisch ausgeleuchteten Alltagsszenen aus Yeon-soos Leben zu haben. Inklusive romantischer Begegnung mit dem Nachbarn, von der wir als Zuschauer wissen, dass sie nicht so unschuldig oder zufällig ist, denn der freundliche Hyun-soo (Sung Joon) ist in Wirklichkeit Yeon-soos vom Geheimdienst gestellter Aufpasser.  Auf der anderen Seite haben wir die Aufträge, die in einem Licht inszeniert sind, das an den Glanz von Neon-Reklamen auf regennassem Asphalt um Mitternacht erinnert. Alles ist etwas „Larger Than Life“, selbst das Blut, das, nicht eben selten, auf Yeon soons Gesicht spritzt scheint zu leuchten.

Dennoch hat der Film hier gewisse Längen, wenn man darauf wartet in wie fern sich Autor/Regisseur Jung Byung-gil sich nun vom bis hierher allzu offensichtlichen Vorbild von Luc Bessons ‚Nikita‘ lösen wird (er tut es!). Dass eine der Auftragssequenzen dann auch noch ziemlich direkt ‚Kill Bill‘ zitiert hilft auch nicht wirklich. Dennoch, der Film belohnt diese kleinen Geduldsproben mit einem wahrlich explosiven Finale, samt liebevoller Hommage an Jackie Chan.

Neben gelungenen Actionszenen bietet der Film optisch ohnehin einiges auf. Neben der oben beschriebenen stilisierten Gewalt, geht das bis hin zu kleinen, unauffällig trockenen, visuellen Gags. Wenn sich Yeon-soo eine Schießerei mit einigen Gangstern in einer Küche liefert, schwenkt die Kamera ein ganz klein wenig, um eine Reihe sorgfältig gerupfter und zubereitungsfertiger Hühner ins Bild zu bekommen und liefert so ein wenig überraschendes und staubtrockenes Orakel zu den Überlebenschancen der Handlanger.

Hauptdarstellerin Kim Ok-vin ist mir zum ersten Mal in Park Chan-wooks ‚Durst‘ aufgefallen. Hier muss sie sich einer nicht ganz leichten Doppelaufgabe stellen: einerseits die emotionalen Aspekte (oder in einigen Fällen, die nicht vorhandene Emotionalität) ihrer Figur überzeugend herüberbringen, gleichzeitig den körperlichen Anforderungen der Stuntsequenzen gerecht werden. Dass sie den ersten Part überzeugend meistert, überrascht nicht, falls man ‚Durst‘ kennt. Selbst wenn das Drehbuch im Mittelteil gelegentlich in Melodramatische abrutscht, bleibt sie zumindest überzeugend. Auch den anderen Aspekt trägt sie gut, was nicht zuletzt damit zu tun haben dürfte, dass sie Erfahrung in Hapkido und Taekwondo mitbringt (behauptet zumindest Wikipedia). Die anderen Darsteller sind durch die Bank gut, aber keiner der herausragend wäre.

Hat man in Cannes also zu recht applaudiert? Nach dem Finale auf jeden Fall. Aber vielleicht sind gerade der starke Anfang und das starke Ende in gewisser Weise auch das „Problem“ des Films, weil sie den etwas schwächeren, wie erwähnt leicht melodramatischen, Mittelteil umso offensichtlicher machen. Obwohl sich auch die kinetischen Actionsequenzen in diesem Mittelteil nicht vor westlicher Action a la ‚John Wick‘ verstecken müssen. So oder so, von mir gibt es eine glasklare Empfehlung!

 

‚Phantom Kommando‘ (1985) – destillierte 80er Action

Wir alle haben ein Bild im Kopf, wenn wir an 80er Jahre Action aus Hollywood denken. Der muskelbepackte Überpatriot, der sein gigantisches Maschinengewehr in Horden und Horden von „unamerikanischen“ Feinden entlädt, ohne sich jemals um so mondäne Ideen wie „Nachladen“ oder „Deckung“ scheren zu müssen. Die wilde Actionszene endet dann mit mindestens einer, besser aber einer Reihe gigantischer Explosionen, die jeweils mindestens zwei Stuntleute durch die Luft fliegen lassen. Welcher Film trifft das Herz dieser Art von Action am besten? Viele werden sagen ‚Rambo 2‘ und die haben sicher nicht ganz unrecht. Ich meine, am besten trifft es ‚Phantom Kommando‘, denn der weiß exakt wie ernst er sich nehmen muss.

John Matrix (Arnold Schwarzenegger) ist ehemaliger Offizier einer US Spezialeinheit. Nun ist er im (Früh)Ruhestand, wo er mit seiner Tochter Jenny (Alyssa Milano) Angeln geht, Eis isst und Rehe füttert, was man eben so macht. Doch dann werden seine Männer nach und nach von einer unbekannten Gruppe ermordet. Bald tauchen sie auch bei Matrix auf. Es stellt sich heraus, dass sie unter Bennet (Vernon Wells) agieren, einem Mann, den Matrix wegen übertriebener Gewalt gefeuert hatte. Im Moment stehen sie im Sold von Arius (Dan Hedaya), dem ehemaligen Presidente des südamerikanischen Staates Val Verde. Der wurde mit Hilfe von Matrix‘ Einheit gestürzt. Nun haben Arius und Bennet Jenny in ihrer Gewalt und zwingen Matrix den amtierenden Staatschef von Val Verde zu ermorden, um Arius die Rückkehr zu erlauben. Zum Glück braucht Matrix nur etwa 5 Minuten, um seinen Aufpassern zu entwischen und macht dann Jagd auf Bennet und seine Männer, um Jenny zu befreien. Hilfe bekommt er dabei von Stewardess Cindy (Rae Dawn Chong).

Als dieser Film ins Kino kam, war Arnold bislang für zwei Rollen bekannt: Conan und den (bösen) Terminator. Dieses ist der Film, wo er einen großen Teil seiner Actionfilm Persona des hyperkompetenten Armeespezialisten entwickelt, die er bis etwa 2000 nutzt. Ich traue Arnold Schwarzenegger zu, dass ihm bewusst ist, dass er kein großer Darsteller ist. Dennoch hat er zwei große Pfunde, mit denen er wuchern kann. Da ist zum einen sein natürliches Charisma, er ist einfach jemand, den man gern auf der Leinwand/im Fernsehen sieht. Zum anderen ist er sehr gut darin, Aspekte von Figuren beizubehalten, die für ihn gut funktionieren. Hier riecht er den Gegner, bevor andere wissen, dass er überhaupt da ist, wie Conan. Und er ist unzerstörbar wie der Terminator. Was er hier neu für sich entdeckt ist vor allem der Humor. Und das ist etwas, was er den Norrises, Bronsons, Lundgrens und Stallones voraushatte: das Bewusstsein, dass man einen solchen Film nicht ganz ernst nehmen muss, vielleicht sogar nicht ganz ernst nehmen sollte. Das der Oneliner danach, egal wie doof, mindestens so wichtig ist, wie der brutale Kill vorher.

Das soll nicht bedeuten, dass Regisseur Mark L. Lester hier auf die übliche hypermaskuline Inszenierung verzichtet, im Gegenteil. Das Erste was wir von Col. a.D. John Matrix (was ein Name!) zu sehen bekommen, ist sein schweißglänzender Bizeps. Aber es ist eben auch der Film in dem Arnie aus „I’ll be back!“ einem Satz, der in ‚Terminator‘ vor der finstersten Szene (dem Massaker in der Polizeistation) fällt, eine liebenswerte Catchphrase und einen Running Gag macht. Wenn Matrix jemanden vom Telefonieren abhalten will, zieht er ihn nicht etwa aus der Telefonzelle, nein, er reißt die Zelle aus ihrer Verankerung UND DANN WIRFT ER DAMIT! Bevor er an einer Luftballonkette durch die Shoppingmall schwingt wie ein konsumorientierter Tarzan. Das ist glorreich, wunderbar albern und annähernd unvergesslich.

Darüber sollte aber auch nicht vergessen werden, dass Lester einen guten Teil der Action sehr zeittypisch und damit ein wenig statisch inszeniert. Oft genug sieht man den Standard „Matrix ballert in Richtung Kamera“ Schnitt „drei Fieslinge kippen um“. Aber irgendwie muss Arnie ja auf seinen Bodycount (den höchsten seiner Karriere) kommen, bei einem Budget, dass mit 10 Millionen, für einen Actionfilm dieser Größe, recht mager ausfällt. Und als Entschädigung folgen genug Momente wie der, in dem Arnie Gartenwerkzeuge zum Zwecke des Mordens missbraucht.

Die Handlung* ist nicht wahnsinnig erwähnenswert, aber sie überrascht doch immer mal wieder. So erreicht niemand im Film jemals lebend (nur „dähd teierd“) das fiktive Land Val Verde. Und Rae Dawn Chongs Cindy ist nicht etwa nur ein Love Interest, den Matrix dann noch zusätzlich zu Jenny retten muss, im Gegenteil. Cindy rettet Matrix den Hintern in einer der lustigsten Szenen des Films („I read the manual!“) und ist ihm auch später noch eine ganz wesentliche Hilfe. Wenn man aber anfängt das Drehbuch auf Fragen wie „warum kann ein, mit Hilfe der USA gestürzter, Diktator sich auf eine Insel vor der US Küste zurückziehen, nicht nur mit einem Gutteil seiner Armee, sondern dort auch noch neue Söldner anheuern?“ abzuklopfen, tut man weder dem Film, noch sich selbst einen großen Gefallen.

Bei den Fieslingen ist natürlich allen voran Vernon Wells als Bennet zu erwähnen. Der hat erst einmal das Problem, dass ein Name wie „Bennet“ nun eher keine Furcht in den Herzen seiner Gegner sät. Dem wirkt er entgegen, indem er zu seiner Lederweste Kettenhemd trägt, auch in den 80ern ein mutiges Fashion-Statement. Vielleicht sollte er wirklich mal Dampf ablassen. David Patrick Kelly gibt den wieselig-widerlichen Sully, der den fiesesten Abgang des Films bekommt („Ei ledd him go.“) und ein stets bedrohlicher Bill Duke mit Cooke den wahrscheinlich kompetentesten der Bösewichter, der Arnie dennoch nichts entgegenzusetzen hat. Am Ende isst Matrix eben auch Green Berets zum Frühstück…

Ist ‚Phantom Kommando‘ also der beste Actionfilm der 80er? Nein, das ist natürlich ‚Stirb Langsam‘. Der ist aber schon ein Übergangsfilm, der explizit weg möchte vom unzerstörbaren 80er Jahre Helden. McClane ist sehr verwundbar, während Matrix überfahren, angeschossen, in die Luft gejagt (2 mal) und von Dutzenden Mallcops vermöbelt wird. Oh und in zwei schwere Autounfälle ist er auch noch verwickelt, ohne dass es ihn irgendwie aufhalten würde. Was ‚Stirb Langsam‘ allerdings von ‚Phantom Kommando‘ übernimmt, ist der Humor, wenn er dort auch zum Galgenhumor wird. Aber wenn wir den unzerstörbaren 80er Actionhelden wollen, dann würde ich John Matrix zumindest als seinen unterhaltsamsten Vertreter bezeichnen.

 

 

*Fun Fact: Drehbuchautor Steven de Souza zeichnet auch für das Drehbuch zu ‚Stirb Langsam‘ verantwortlich. Ein Buch, das er als Sequel zu ‚Phantom Kommando‘ geplant hatte, wurde später zu ‚Stirb Langsam 2‘. Daher kommt General Esperanza dort aus Val Verde. Folglich spielen ‚Stirb Langsam‘ und ‚Phantom Kommando‘ im selben Universum.

‚Spider-Man: A New Universe‘ (2018)

Chris Miller und Phil Lord scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, oftmals zynische Produkte Hollywoods, die rein der Geldschneiderei dienen, mit einer überraschenden Kreativität zu unterfüttern, die man dort sonst selten sieht und ihnen gar eine Aussage mit auf den Weg zu geben. Zuerst nahmen sie sich das Remake vor. In ‚21 Jump Street‘ durchbrachen sie freudig die vierte Wand und teilten dem Zuschauer mit, dass sie wüssten was von Remakes zu halten ist, man aber doch trotz allem gemeinsam Spaß haben könnte. Den „Produktfilm“ bearbeiteten sie mit dem ‚LEGO Movie‘, der allerlei Anwürfe gegen blinden Konsumismus und Korporatismus enthielt und sich für Kreativität, und zwar nicht die individuelle sondern die der Gruppe, aussprach. Gut, was sie aus ‚Star Wars‘ gemacht hätten werden wir nicht erfahren, denn Disney bekam kalte Füße und ersetzte sie bei ‚SOLO‘ um fünf vor zwölf durch das Mensch gewordene „Im Winter besteht Räum- und Streupflicht!“-Schild Ron Howard. Und nun? Nun haben sie den Superheldenfilm beim (nicht vorhandenen) Cape gepackt, zumindest als Autoren und kreativ involvierte Produzenten.

Teenager Miles Morales (Shameik Moore) hat relativ normale Teenager-Probleme. Er hat zwar eine liebevolle Familie, doch seit er sich einen Platz an einer Elite-Highschool erarbeitet hat, kämpft er mit den damit verbundenen Erwartungen. Eines Nachts, als er zusammen mit seinem Onkel Aaron (Mahershala Ali) ein Graffiti in einem verlassenen U-Bahn Seitentunnel sprüht, wird er von einer seltsamen Spinne gebissen. Plötzlich entwickelt er dieselben Fähigkeiten, wie der berühmte Spider-Man. Als er an den Ort seines Bisses zurückkehrt, entdeckt er einen Zugang zu einem unterirdischen Labor. Hier kämpft Spider-Man gegen allerlei Schurken des „Kingpin“, der hier einen Teilchenbeschleuniger betreibt. ‚Spider-Man‘ gerät in den Strahl der Maschine, wird schwer verletzt und vom Kingpin getötet. Es stellt sich heraus, dass er ein junger Mann namens Peter Parker war. Wird Miles, der nun vom unheimlichen Kingpin-Handlanger Prowler verfolgt wird, Peters letzte Bitte, die Maschine stillzulegen, erfüllen können? Wird er ein würdiger Nachfolger von ‚Spider-Man‘ werden? Und wird er dabei recht unerwartete Hilfe erhalten?

Es ist merkwürdig. Ich werde kaum müde immer wieder zu erwähnen, wie satt ich die Superhelden-Origin-Story habe. Und dann kommt dieser Film daher, der zu gut 80% Origin-Story ist und ich empfinde ihn, als einend er erfrischendsten und besten Superheldenfilme der letzten Jahre. Kurz, ich habe vermutlich keine Ahnung was ich eigentlich will. Vermutlich braucht es einfach einen leichten Perspektivwechsel und den bringt der Film mit. Der Teilchenbeschleuniger zieht alles aus Paralleluniversen an, was mit Spider-Man zu tun hat, weil eben der in den Strahl geraten ist. Da ist Peter B. Parker (Jake Johnson), ein Spider-Man um die 40 von Jahrzehnten des Lebens und Fast Foods gezeichnet und der unwillige Mentor von Miles. Spider-Gwen (Hailee Steinfeld), aus einer Welt, in der Gwen Stacy statt Peter von der Spinne gebissen wird. Peter Porker, Spider-Ham (John Mulaney), eine Spinne, die von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde, quasi ein Looney Toon. Peni Parker (Kimiko Glen), ein Mädchen aus einer fernen Zukunft, mit Handteller-großen Augen und einem Spinnengesteuerten Roboter namens Sp//der, kurz, direkt einem Anime entsprungen. Und Spider-Man noir (Nicolas Cage), der Name spricht wohl für sich.

Nicht nur unterstreicht diese Vielfalt der Charaktere die Tatsache, dass jeder Spider-Man sein kann, er (oder sie) ist schließlich ein ganz normaler Mensch, kein Genie, kein Billionär, kein Gott, Monster oder Supersoldat. Es eröffnet dem Film auch die Möglichkeit eine Vielfalt von Stilen zu benutzen. Überhaupt wirkt der grundlegende Stil des Films wie direkt einem Comic entsprungen. Über subtile Dinge, die manche Oberflächen wie gedruckt wirken lässt und durch absichtliche „dropped frames“ eine Art Einzelbild-Charakter erreicht, bis hin zu eingeblendeten Gedankenblasen und Textboxen, wie im Comic. Darin perfekt eingepasst sind charakterspezifische Animationsstile. Bei Peni sieht etwa alles animehafter aus, bei Noir wird es schwarz-weiß. Dass all das wie aus einem Guss wirkt und die Erzählung sogar noch unterstützt anstatt sie zu behindern, ist eine außergewöhnliche Leistung, während ich schon daran scheitere es hier einigermaßen adäquat zu beschreiben.

‚A New Universe‘ mag in meinen Augen der beste ‚Spider-Man‘ Film sein (um das schon mal vorweg zu nehmen), aber er hätte niemals der erste sein können. Die Macher spielen damit, dass ihre Charaktere genauso popkulturell gebildet sind, wie ihre Zuschauer. Miles versteht quasi sofort, dass die anderen aus Paralleluniversen stammen, ohne dass dies lang erklärt werden müsste. Das hätte für ein Publikum vor 20 Jahren, ohne Superhelden-“Bildung“ vermutlich nicht funktioniert. Heute weiß aber auch ein mäßig aufmerksamer Kinogänger, dass es in den letzten zwei Jahrzehnten 3 verschiedene Spinnenmänner gegeben hat. Das macht es ein wenig schade, dass der Films seinen ursprünglichen Plan, Peter B. Parker mit Tobey Maguire zu besetzen, nicht erfüllen durfte, weil es „den Zuschauer verwirrt hätte“. Im Gegenteil, es hätte die Metatextualität des Films noch unterstrichen.

Jeder kann zwar Spider-Man sein, dennoch gehört mehr dazu als nur die Fähigkeiten zu besitzen und ein Kostüm zu kaufen (im Film von Stan Lee, natürlich). Ich habe erst gegen Ende des Films wirklich gemerkt, wie geschickt der Film seine drei zentralen Figuren, Miles, Gwen und Peter B. charakterisiert, weil ich derart im Film gefangen war, dass mir kaum auffiel, wie sie mir ans Herz wuchsen. Ihre Sorgen und Ängste sind zentral und glaubwürdig für ihr Handeln. Selbst Kingpin bekommt ein äußerst glaubwürdiges Motiv dafür, dass er an den Grundfesten des Multiversums rüttelt. Auch wird sehr deutlich wie gut sich die Macher im „Spiderverse“ auskennen, schon allein dadurch, dass sie einen klassischen, aber ziemlich unbekannten Gegner wie Prowler nutzen und, vor allem via Sounddesign (was ist dieses Geräusch? Heftig bearbeitetes Elefantentrompeten, ist meine Vermutung), zu einem wahrlich gruseligen Gegenspieler machen. Zum Glück verlassen sie sich aber nicht auf sinnlose Anspielungen, sondern auf Humor, der direkt aus den Charakteren, allen voran Porker, Peni und noir erwächst. Das liebevolle Design des Films hier auch nur ansatzweise zu erfassen ist geradezu unmöglich und ich bin mir sicher, bei meinem einen Durchgang nur einen Bruchteil gesehen zu haben. Als Beispiel sei aber mein breites Grinsen genannt, als ich gesehen habe, dass die Hochsteckfrisur von Olivia Octavius (dieser Version von Doc Octopus) im Profil wie der Hinterleib eines Tintenfisches aussieht.

Von Shameik Moore hatte ich vor dem Film noch nie gehört, allerdings ist er als Miles großartig. Er spielt ihn mit einer solchen Offenheit, dass man gar nicht anders kann als ihn zu mögen. Und auch Jake Johnson ist toll als Parker, der weit vom Archetyp des weisen Lehrmeisters entfernt ist. Ein wenig selbstverliebt und von seinen unausgesprochenen Versagensängsten getrieben. Überhaupt liefern alle Sprecher hier das Bestmögliche ab. Kurz erwähnt sei nur noch die Besetzung von Tante May mit Lily Tomlin, die rückblickend so offensichtlich wirkt, dass man sich fragt, wie da noch vorher keiner drauf gekommen ist. Zur deutschen Snychro kann ich nichts sagen, wenn ich allerdings lese, dass der Kingpin mit einem „Youtubestar“ besetzt ist, schrillt zumindest mein Spinnensinn.

Wie erwähnt, ist ‚A New Universe‘ mein liebster ‚Spider-Man‘ Film. Und vermutlich einer der besten Superheldenfilme der letzten Jahre und ein völlig berechtigter Oscar-Gewinner. Er hat sogar etwas geschafft, was keinem Film aus diesem Genre gelungen ist: ich würde gern wieder einen Spider-Man Comic lesen. Falls jemand Vorschläge für aktuellere Storybögen hat, die inhaltlich und qualitativ an den Film herankommen hat, gerne in die Kommentare damit.

PS: oh wow, ich habe nichts zur Musik gesagt. Sie ist hervorragend gewählt, teilweise clever in die Handlung integriert und „What’s up Danger“ ist ein Brett!

‚Suspiria‘ (2018) – Nochmal mit Gefühl

Ich habe es ja schon in der letzten Woche, bei der Besprechung des originalen ‚Suspiria‘ angedeutet: ich war mindestens überrascht, dass jemand diesen doch sehr typischen Argento-Film neu drehen würde. Bedingen sich Form und Inhalt doch ziemlich extrem gegenseitig. Und obwohl Luca Guadagnino sein Remake als „Coverversion“ bezeichnet blieb ich zumindest skeptisch. Die Tatsache, dass der Film mit seinen 2 1/2 Stunden fast doppelt so lang ist wie das Original hat meine Erwartung nicht eben gesteigert. Nun habe ich das Remake gesehen und war erneut überrascht.

1977 kommt die junge, streng mennonitisch erzogene Amerikanerin Susie Bannon (Dakota Johnson) nach Berlin, um sich an der renommierten Tanzakademie Helena Markos unter der Leitung von Mme. Blanc (Tilda Swinton) einzuschreiben. Hier taucht alsbald der alternde Psychologe Dr. Klemperer (Lutz Ebersdorf) auf, der Erkundigungen nach der verschwundenen Schülerin Patricia (Chloë Grace Moretz), die in ihren letzten Sitzungen bei ihm wilde Anschuldigungen gegen die Lehrerschaft der Schule ausgestoßen hat. Unter anderem sie seien Hexen. Ähnliches äußert die Schülerin Olga (Elena Fokina). Hat sie kurz darauf wirklich die Akademie verlassen, oder ist etwas Finstereres geschehen? Für Susie hat all dies erst einmal Vorteile. Als Naturtalent wird sie schnell zum Protégé von Blanc und aufgrund des Verschwindens der anderen Schülerinnen erhält sie die Hauptrolle in der neuen Choreografie „Volk“. Allerdings bestehen in der Akademie tatsächlich ganz andere Pläne für sie.

Man könnte vermutlich argumentieren, jedes Remake befände sich in einem Dialog mit seinem Original. Was lässt es weg, was behält es, was ändert es, was fügt es hinzu? Wenn das so ist, dann ist Guadagninos ‚Suspiria‘ der Teenager, der schreit: „Nein Mutter (Suspiriorum), ich mache alles anders als DU!“ die Zimmertür zuknallt und Radiohead voll aufdreht. Das ist nicht nur die Motivation von Susie Bannon, Rückblenden stellen das einsame Leben auf der elterlichen Farm in Kontrast zur berliner Großstadt, es ist definitiv auch die von Guadagnino. Alle diese Unterschiede hier aufzuführen erlaubt der Platz nicht, deswegen nehme ich mir erst mal das wichtigste Merkmal vor. In der Besprechung zum Original habe ich festgestellt, dass die Handlung an keinem real zu greifenden Ort spielt. Einem Märchenkönigreich mit eigenen Regeln. ‚Suspiria‘ (2018) ist so fest im Berlin des Jahres 1977 verankert wie es nur geht. Der Film spielt vor dem Hintergrund des deutschen Herbstes. Die Entführung von Schleyer und der Lufthansamaschine Landshut, Proteste für die Freilassung der in Stammheim inhaftierten RAF Terroristen und schließlich deren Selbstmord.

Guadagnino nutzt dieses Setting um seine Themen zu erforschen. Eines davon ist Spaltung: die Schule ist geteilt, die Lehrer in ein Lager Markos und eines Blanc, die Schülerinnen zwischen solchen, die den Lehrern vertrauen und denen die es nicht tun. Deutschland ist geteilt, einerseits ganz sichtbar durch die innerdeutsche Grenze, die Mauer verläuft exakt vor der Schule, andererseits ist die westdeutsche Gesellschaft noch einmal gespalten in diejenigen, die fürchten, aus der Antwort auf den Terror könnte ein Polizeistaat entstehen, andererseits denen die darin bereits Sympathie für den Terror wittern. Diese Spaltungen auf allen Ebenen, so stellt Guadagnino es dar, entstehen aus Schuld und aus Machtmissbrauch. Der RAF Terror ist ein Ausdruck der deutschen Vergangenheitsbewältigung, der Auseinandersetzung mit der Schuld der NS Zeit. Auch Klemperer wird von Schuld getrieben, der Schuld die Verfolgung durch die Nazis überlebt zu haben, während seine Frau Anke das nicht geschafft hat. Ebenso fühlt er Schuld dafür, dass er Patricias Ängste nicht ernst genug genommen hat und nun ist sie verschwunden. So versucht er das eine zu lösen, als Sühne für das andere. Die Lehrerschaft der Schule missbraucht hingegen ihre Macht. Anstatt die Schülerinnen anzuleiten und zu schützen, betrachten sie sie mehr wie Schlachtvieh.

Ein weiterer Aspekt, den Guadagnino völlig anders löst als Argento ist der der Tanzschule an sich. Bei Argento war es nie klar, warum Markos die Schule überhaupt betrieb, schienen ihr aus neugierigen Schülerinnen doch nur Probleme zu erwachsen. Hier ist der Tanz Ausdruck und Demonstration der Macht der Hexen. Das, was ich über Tanz weiß, könnte man sicherlich in großzügigen Buchstaben im Unterschriftsfeld einer Kreditkarte darlegen, doch der Tanz hier ist ungewöhnlich, weil er, anders als etwa Ballett, die schwere des Körpers der Tänzerinnen zu unterstreichen scheint, anstatt sie aufheben zu wollen. Dadurch bekommt der Tanz etwas aggressives, fast brutales. Was bei einem Stück namens „Volk“, das „in den 40er Jahren entstanden ist“ auch nicht völlig überrascht. In einer Szene ist diese Brutalität des Tanzes wörtlich zu nehmen. Ohne zu viel verraten zu wollen, ist es wohl eine der fürchterlichsten Todesszenen, die ich je gesehen habe und das obwohl (oder gerade weil) sie völlig unblutig ist.

Auch in der Bildsprache widerspricht Guadagnino Argento vollkommen. Verschwunden sind die leuchtenden Primärfarben, ersetzt durch kalt-düster-grauen verregneten Beton. Die Bildsprache erinnert sehr an das deutsche Kino der 70er, allen voran Rainer Werner Fassbinder. Am besten zeigt das die Fassade der Tanzschule selbst. Verschwunden ist das schreiend rote, romantische „Haus zum Walfisch“ Argentos, ersetzt durch eine brutalistische Front aus nacktem Beton und Glas. Was Guadagnino hingegen beibehalten und sogar noch verstärkt hat, ist die Beweglichkeit der Kamera. In oftmals überraschenden Bewegungen zieht sie tänzerisch ihre Bahnen durch den Raum und betont so noch das desorientierende, labyrinthische Wesen der Akademie.

Der Soundtrack von Radiohead Sänger Thom Yorke fühlt sich weniger wie eine direkte Antwort auf Goblin an und mehr nach einer völlig vom Original unabhängig entstandenen Arbeit. Neben erstaunlich vielen Stücken mit gesungenen Texten, anders als bei Goblin keine Fantasiesprache, sondern englisch, aber, laut Yorke mit Texten, die nicht viel mit der Handlung zu tun haben, liefert er hier eine reiche Bandbreite ab. Von Keyboard getragenen atmosphärischen Stücken, die etwas an Vangelis erinnern, zu Stücken mit einer erkennbareren Basslinie bis zur merkwürdig rauschenden Kakophonie, die „Volk“ unterlegt.

Hauptdarstellerin Dakota Johnson habe ich vorher noch nie in einer größeren Rolle gesehen (die fuffzig Shades habe ich mir gespart), hier ist sie allerdings großartig. Einerseits spielt sie dieselbe großäuigig erstaunte, naive Schülerin in der ungewohnten neuen Stadt (wo auf der Straße ordentlich demonstriert wird) wie Jessica Harper im Original, andererseits wird diese scheinbare Naivität immer wieder durch kleine Reaktionen gebrochen, die nicht recht dazu passen wollen und die dafür sorgen, dass wir als Zuschauer uns etwas entfremdet von ihr fühlen. Tilda Swinton hingegen spielt ihre Mme. Blanc mit echter Sympathie, oder vielleicht sogar mehr für Susie. Sie ist hin und hergerissen zwischen ihren Gefühlen und der Pflicht gegenüber Mutter Markos, deren Autorität sie, ohne Erfolg, früh im Film in Zweifel zu stellen versucht. Zum wahren emotionalen Zentrum des Films wird allerdings Dr. Josef Klemperer. Tief gebeugt, mit dünner Fistelstimme scheint er weniger unter der Last der Jahre als unter der Last einer nicht immer rational zu begründenden Schuld zu leiden. Lutz Ebersdorf spielt diese Rolle stets am Rande eines Zusammenbruchs aber doch mit einer tief verborgenen Stärke. Wem mache ich was vor, außer mir wusste das eh jeder, oder? „Lutz Ebersdorf“ ist ebenfalls Tilda Swinton. Man merkt es am gelegentlich etwas holprigen Deutsch und letztlich der Stimme. Dennoch ist die Leistung Swintons und der Maskenbildner ziemlich beeindruckend. Jessica Harper hat übrigens einen Cameoauftritt im Zusammenhang mit Klemperer. Eine wunderschöne Szene, die in einem, vielleicht nicht überraschendem aber dennoch schmerzhaften Schlag ins Gesicht endet.

Wenn es nicht klar geworden sein sollte: ich fand den Film absolut großartig. Guadagnino nimmt die Figuren und die Handlung des Originals und verleiht ihnen eine Tiefe, die sie dort nicht hatten (aber auch nicht brauchten!). Allerdings tue ich mich erstaunlich schwer damit den Film zu empfehlen. Superfans des Originals werden vermutlich enttäuscht sein, denn es befinden sich zwar absolut gelungene Horrorszenen im Film, allerdings sind diese in eine oftmals sehr politische Handlung eingebunden, ein Charakterdrama, das den Großteil des Films ausmacht. Und ja, gelegentlich ist der Film extrem nahe dran an seiner eigenen Bedeutsamkeit zu ersticken. Auch bin ich mir nicht sicher wie gut eine  bestimmte Eröffnung gegen Ende funktioniert. Die ist beeindruckend genug inszeniert, dass sie mich beim ersten Mal voll mitgenommen hat, doch hier bin ich gespannt, ob sich das bei zukünftigem Ansehen ändert. Also ein toller Film, der sicherlich nicht für jeden funktioniert. Vielleicht wären ein anderer Titel und ein „inspiriert von ‚Suspiria‘“ angebrachter gewesen.

 

PS: obwohl ein Kommissar Glockner im Film vorkommt, tauchen TKKG nicht auf. Aber die gibt es ja auch erst seit 1979. Damit wäre das hier wohl ein Prequel. „Most ambitious Crossover“ und so…

‚Suspiria‘ (1977)

Da ich hier bestimmt demnächst das Remake von ‚Suspiria‘ besprechen werde, sollte ich auch das Original mal eines durchaus verdienten Blickes würdigen. Ich sage es lieber gleich: ich bin nicht der größte Fan von Dario Argento. Während er ein durchaus bildgewaltiger Regisseur ist, hapert es bei mir oft, was seine Erzählweise angeht. ‚Suspiria‘ ist vermutlich der Film, bei dem sich sein Stil und mein Geschmack am nächsten gekommen sind. Aber fangen wir am Anfang an. Vorher noch eine Warnung, ich werde einiges über die Handlung verraten. Aber die Handlung ist auch nicht unbedingt der Grund warum man den Film schaut, von daher verdirbt es wenig. Wer aber vorher nichts darüber wissen will, sollte hier mit dem lesen aufhören und den Film schauen. Und dann weiterlesen, natürlich…

Die US Amerikanerin Suzy Banyon (Jessica Harper) kommt nach Freiburg im Breisgau, um an der dortigen renommierten Balletschule unter der Leitung von Mme. Blanc (Joan Bennet) zu studieren. Angekommen bereiten ihr nicht nur furchtbares Wetter und ein grummeliger Taxifahrer, sondern auch die unfreundliche Dozentin Miss Tanner (Alida Valli) einen recht unangenehmen Empfang. Auch häufen sich bald merkwürdige Vorkommnisse. Mitschülerinnen verschwinden, es regnet Maden von der Decke und der Klavierspieler der Schule wird von seinem treuen Blindenhund zerrissen. Ist Suzys Essen mit Schlafmitteln versetzt? Gehen die Lehrerinnen abends wirklich nach Hause, oder woanders hin? Suzy und ihre Zimmernachbarin Sara (Stefania Cassini) haben einiges zu untersuchen, falls sie es denn überleben.

Wer auf der Suche nach einer „realistischen“ Erzählung ist, der ist bei Argento nie gut aufgehoben und hier so falsch, wie man nur sein kann. Argento entlässt seine Figur am Anfang in eine märchenhafte Alptraumwelt und macht das auch ganz deutlich. Während Suzy den Flughafen verlässt, weht jedes Mal, wenn sich die Automatiktüren öffnen, nicht nur Regen und Finsternis hinein, sondern auch die Musik der Progrocker von „Goblin“. Und damit wird schon deutlich, dass da vor der Tür nicht das baden-württembergische Freiburg liegt, auch nicht München, wo die meisten Außenaufnahmen entstanden sind, sondern ein weit, weit entferntes Königreich, in dem ganz eigene Regeln gelten. In dem ein Hexenkonvent in einer Tanzschule uneingeschränkte Macht zu besitzen scheint. Und damit entledigt sich Argento gleich einer Menge lästiger Fragen. Wem gehört der messerbewerte Männerarm, der am Anfang einer jungen Frau (im wahrsten Sinne des Wortes) ins Herz sticht? Egal! Hexen waren‘s! Warum hat die Schule einen Raum, in dem mehr Stacheldraht aufbewahrt wird als im typischen Niemandsland zwischen den Gräben im Ersten Weltkrieg? Hexen!

Und das Erstaunlichste: es funktioniert! Argento nutzt hier das Vokabular des Alptraums mit solcher Sicherheit, dass man gewisse erzählerische Entscheidungen gar nicht hinterfragt. Warum verlassen wir unsere Hauptperson mehrfach, um in kurzen Sequenzen das Ableben anderer Charaktere zu erleben? Egal, wenn es so atmosphärisch dicht inszeniert ist, wie der tödliche Heimweg des blinden Klavierspielers (dem alle, Passanten, Polizisten, die Insassen eines Autos an der Ampel, hinterher starren), oder Saras nächtliche Suche in der Schule mit einem ungesehenen Verfolger. Manches fällt dennoch auf. Etwa wenn mit Olga (Barbra Magnolfi) ein weiterer Schülerinnencharakter eingeführt wird, für sie sogar Konflikte aufgebaut werden, sie nach zwei Szenen aber einfach kommentarlos aus dem Film verschwindet.

Das stört die Atmosphäre aber kaum, weil Argentos wunderbar bewegliche Kamera und die wohlpalzierten Schockmomente einem kaum die Zeit zum Atmen, weniger noch für große Überlegungen lassen. Dazu kommt die Bildsprache des Films. Jeder, der den Film gesehen hat, wird vermutlich als allererstes die Farben erwähnen. Unfassbar satte Primärfarben, allen voran natürlich rot, danach blau und nur gelegentliches, aber umso effektiveres gelb, setzt Argento hier als ganz bewusstes Stilmittel ein. Dafür griff er auf ein damals bereits veraltetes Technicolor System zurück, für das er die letzten Filmreserven aufkaufte und einen der letzten Drucker verwendete. Hier konnte er frei die Intensität der einzelnen Primärfarben nach Belieben anpassen. Als Vorbild gab er die Disneyverfilmung von Schneewittchen an, die ebenfalls ähnlich intensive Farben verwendete. In ‚Suspiria‘ schafft er so die andersweltliche Atmosphäre, von der zeitlos plüschig-gotischen Innenausstattung der Tanzschule bis zu den leeren Plätzen der umgebenden Stadt. Eine Atmosphäre die nur im anfänglichen Flughafen und bei einer späteren Sequenz bei einem Psychologenkongress durch typisches Stadtgrau gewollt gebrochen wird. Alles in allem ist dieser Stil mit „visuellem Exzess“ sehr gut umschrieben.

Das Zweite, was jeder, der ‚Suspiria‘ gesehen hat erwähnen wird, ist die Musik von „Goblin“. Die haucht, schnauft, stampft und wütet nicht eben subtil aber ungeheuer effektiv durch den Film. Bruchstückhaft, verschlungen, mit einer Vielzahl von Instrumenten vom Glockenspiel bis zu indischen Tabla Kesseltrommeln und natürlich einer Menge Synthesizer-Klang, unterlegt mit gesprochenen Elementen, von Goblin Frontmann Claudio Simonetti selbst eingesprochen und Großteils Kauderwelsch.  Allerdings verrät er uns bereits nach gut 4 Minuten das Geheimnis des Films: „Witch!“ zischt es da aus dem Soundtrack durch den finsteren Wald, eine gute Stunde, bevor Suzy drauf kommt. Insgesamt ein hochorigineller Terrorklang, von dem ich mir wünschen würde, mehr aktuelle Horrorfilme würden sich daran orientieren, anstatt zum achtunddrölfzigsten Mal John Carpenters (für sich natürlich großartige!) pure Synthies nachzuahmen.

Schauspielerisch ist natürlich vor allem Hauptdarstellerin Jessica Harper hervorzuheben, der es gelingt ihre Suzy mit einer Mischung aus großäuigiger Scheu, die sie gelegentlich wie ein kleines Mädchen wirken lässt und einer tiefen Entschlossenheit zu spielen, ohne dass das widersprüchlich wirken würde. Tatsächlich bemerkt die unangenehme Miss Tanner diese Willensstärke noch lange vor dem Zuschauer und stellt sie in einer Art fest, als ahne sie bereits, dass da Schwierigkeiten auf die verborgenen, finsteren Geheimnisse der Schule zukommen. Miss Tanner wird von Alida Valli verkörpert, die die Schüler mit einer Kälte behandelt, die nur knapp unter einer Schicht falscher Freundlichkeit verborgen liegt, während sie für die Angestellten nur Verachtung oder gar Sadismus übrig hat. Die anderen machen ihre Sache ordentlich, aber nicht besonders bemerkenswert. Am Rande erwähnt seien noch Horrorgenre Dauergast Udo Kier und Edgar Wallace Veteran Rudolf Schündler, die hier Nebenrollen als zwei Psychologen haben und als solche einen Gutteil der Exposition von sich geben. Nicht die dankbarste Aufgabe, aber sie erledigen sie elegant. Schündler darf dabei sogar so etwas wie das Motto des Films aussprechen: Magie ist überall. Kiers Charakter hingegen ist skeptischer und setzt sie mit Geisteskrankheit gleich. Am Ende scheint es so als hätten beide ein wenig Recht.

Auch bei dieser Sichtung war ich wieder sehr angetan von Argentos Film. Und ich frage mich, wie man gerade auf die Idee kommt hiervon ein Remake zu drehen, schließlich ist das ein so von der Handschrift seines Machers gezeichneter Film, dass man ihn sich kaum im Werk eines anderen vorstellen kann. Aber womöglich genau deshalb bezeichnet Regisseur Luca Guadigno sein Werk ja auch als „Coverversion“. Das Original ist jedenfalls großartig.