‚Eraser‘ (1996) – Aus dem Gedächtnis gelöscht?

Sagt mal, irre ich mich, oder ist ‚Eraser‘ so etwas wie der vergessene Arnie-Film? Ich wollte ihn eigentlich im Rahmen meiner „Ist der wirklich so schlecht?“ Reihe besprechen, doch dann fiel mir auf, dass er nicht wirklich einen schlechten Ruf hat, er hat gar keinen. Er scheint quasi vergessen. Selbst meine alte DVD (sie hat noch die ganz alte Warner Papp-Verpackung) hat ein liebloses, schlecht aufgelöstes, verpixeltes Bild auf dem Cover. Und auch wenn es nicht Schwarzeneggers bester Film ist, ich finde das hat er nicht verdient, ist er doch quasi der letzte „klassische“ Schwarzenegger-Äkschn-Fuim. ‚Eraser‘ ist mehr als ein paar schlechte CGI-Krokodile, die als einziges im allgemeinen Bewusstsein hängengeblieben scheinen!

Schwarzenegger gibt hier den US-Marshall John Kruger, der im Zeugenschutzprogramm als „Eraser“ arbeitet. Sprich er lässt wichtige, gefährdete Zeugen unauffindbar für ihre potentiellen Mörder verschwinden. Als der regierungsnahe Waffenkonzern Cyrez hochmoderne „Railguns“ entwickelt, besteht der Verdacht, dass eine Gruppe innerhalb des Konzerns und der Regierung diese Waffen meistbietend auf dem Schwarzmarkt verkaufen will. Eine wichtige Zeugin dafür, ist die Cyrez Mitarbeiterin Lee Cullen (Vanessa Williams). Kruger nimmt sie unter seinen Schutz, allerdings scheint es auch im Zeugenschutz selbst Verräter zu geben.

Die Story ist eine von diesen, über die man besser nicht zu genau nachdenken sollte. Sie ist kein Kartenhaus, sie ist ein Modell des Taj Mahal aus Papiertaschentüchern, hält also nicht mal dem kleinsten Lüftchen stand. Stört das? Sicher nicht während der gut inszenierten Action Szenen, allerdings ist der Film mit fast 2 Stunden mindestens 20 Minuten zu lang und einen Großteil dieser Zeit verbringt er mit dem viel zu umfänglichen Erzählen seiner nicht sonderlich spannenden und eben reichlich blöden Geschichte. Weiterhin fällt auf, dass die Autoren ein sehr negatives Bild vom FBI haben, die hier mit „bösartige Trottel“ noch positiv umschrieben wären. Dafür kommt die italienische Mafia verdammt gut weg… Das alles nimmt den eigentlich durchweg spaßigen Actionszenen gelegentlich ein wenig die Luft aus den Segeln, verdirbt aber sicher nicht den Film als Ganzes.

Überhaupt, die Actionszenen. Hier gibt sich ‚Eraser‘ alles nur nicht bodenständig. Alles was in die Luft fliegen kann, tut dies auch spektakulär. Und spätestens wenn die futuristisch wirkenden Railguns zum Einsatz kommen, wähnt man sich in einem 90er Jahre Shooter Videospiel. Gelegentlich verlässt sich der Film dabei zu sehr auf eher mäßige CGI Effekte. Eben die oben erwähnten Krokodile, zum Beispiel. Aber wenn Arnie eines davon erschießt und ihm mitteilt „You are luggage!“, stören schwache Effekte dann wirklich? Drei Jahre nachdem ‚Last Action Hero‘ seine Selbstironie etwas zu laut für das damalige Publikum mittgeteilt hat, hat man bei ‚Eraser‘ gelegentlich das Gefühl, er würde auf leisere Ironie setzen. So er denn irgendwas leise macht. Wenn etwa Kruger aus einem Flugzeug springt und einen Weg zum Erdboden hinter sich bringt, der ihn etwa acht Mal auf verschiedene Weisen umbringen müsste, schließlich unten auf einem Auto landet, ein kleines Mädchen fragt, wo er überhaupt ist und sie antwortet mit tiefem Ernst: „Earth! Welcome!“ dann hat man das Gefühl der Film weiß ganz genau, was er da erzählt und lacht mit uns.

Zu den Schauspielern. Arnie ist Arnie ist Arnie und macht Arnie Dinge. Die macht er sehr gut. Eine Szene lang scheint der Film zu überlegen eine Romanze zwischen seinem Charakter und dem von Vanessa Williams einzuführen, überlegt es sich dann aber anders und jagt lieber was in die Luft. Wie es sich gehört, besteht Arnolds Text zu etwa 55% aus One-Linern. Die meisten davon sind tatsächlich lustig. Vanessa Williams scheint die einzige im Film, die wirklich schauspielert. In einer Szene etwa, in der sie unter Zeitdruck Daten kopiert (absolut notwendig für jeden 90er Jahre Thriller!) kauft man ihr ihre Furcht tatsächlich ab. James Caan, als Krugers Vorgesetzter DeGuerin und mieser Verräter hat erkennbaren Spaß an seiner Rolle als Bösewicht. So viel Spaß, dass ich es nicht einmal als Spoiler betrachte, dass er der Verräter ist. Das kommt zwar erst nach etwa 40 Minuten raus, allerdings könnte er auch in seinen ersten Szenen ein Namensschild mit „Bad Guy“ drauf tragen, so „subtil“ spielt er. James Coburn ist auch da. Für etwa 2 Szenen.

‚Eraser‘ ist exakt das, was ich von einem klassischen Arnie-Film erwarte: doofer, lauter Äkschn-Spass. Ja, er ist zu lang und könnte problemlos zusammengekürzt werden. Nein, man verpasst nichts, wenn man während der Story-Sequenzen nicht aufpasst. Es ist die Art Film, die man nach einem harten Tag einlegt und die absolut nichts von einem erwartet. Und das ist völlig in Ordnung.

Advertisements

‚Die rote Schildkröte‘ (2016) – Von Menschen und Inseln

Die Entstehungsgeschichte dieses ungewöhnlichen Animationsfilms ist einen Blick wert: Vincent Maraval, der Chef des französischen Filmverleihers und -produzenten Wild Bunch* war 2008 auf einem Geschäftsbesuch bei Studio Ghibli. Dort nahm ihn Hayao Miyazaki beiseite, zeigte ihm den Kurzfilm ‚Father & Daughter‘ und bat den Franzosen dessen Regisseur ausfindig zu machen und ihm eine Kooperation mit dem Anime-Studio für einen animierten Spielfilm anzubieten. Maraval kontaktierte jenen Regisseur, den Niederländer Michael Dudok De Wit, den er in London traf und überzeugte ihn von dem Projekt, für das De Wit zusammen mit dem Franzosen Pascale Ferran das Drehbuch schrieb.

Was macht diese Entstehung des Projekts interessant? ‚Die rote Schildkröte‘ ist ein Film, der ohne Dialoge auskommt. Vor kurzem habe ich in einem Artikel darüber geschrieben, dass das weitgehende Fehlen von Dialogen Stummfilme universell gemacht habe. Erst die Einführung von Ton und damit ausführlichen Dialogen machte Filme kulturspezifisch. Nun ist ‚Die rote Schildkröte‘ definitiv kein Stummfilm, doch der Verzicht auf Dialoge ein gezielter Versuch eine allgemeingültige, eine archetypische Geschichte zu erzählen, wozu diese sehr internationale Entstehung hervorragend passt und diese Idee womöglich sogar beflügelt hat.

Der Film beginnt wie eine typische Robinson Crusoe Geschichte. Ein junger Mann und ein Boot in Sturmwellen, deren Darstellung Hokusai stolz gemacht hätte. Der junge Mann wird an einer einsamen Insel angespült und tut was jeder Protagonist einer solchen Geschichte tut. Er orientiert sich, sucht nach Nahrung und versucht schließlich von der Insel zu entkommen. Bereits in dieser Phase der Erzählung fließen Traumbilder nahtlos in die Handlung ein. Der Mann träumt vom Fliegen, von Musik und anderen Menschen. Seine Fluchtversuche von der Insel, auf einem Bambusfloß, werden mehrfach verhindert. Ein ungesehener Antagonist zertrümmert das fragile Gebilde immer wieder von unter der Wasseroberfläche. Schließlich entdeckt der Mann den Übeltäter: eine große, rote Schildkröte, die ihm allerdings, abgesehen von der Zerstörung des Floßes, nichts Böses will. Am folgenden Tag entdeckt der Mann die Schildkröte am Strand und dreht sie in einem Moment des Zornes auf den Rücken. Als er später von Reue getrieben zurückkehrt scheint es zu spät. Die Schildkröte ist tot. Doch in der Nacht geschieht Erstaunliches: das Tier verwandelt sich in eine Frau mit langen, roten Haaren. Damit ist der Grundstein gelegt, dass der Mann die Insel nicht als Ort begreift, von dem es zu entkommen gilt, sondern als Heimat. Der Film wird von einer Crusoe Erzählung zu etwas ganz anderem, ohne dass man es als Zuschauer sofort merkt.

Auch wenn es sich um einen Studio Ghibli Film handelt, erinnert die Darstellung eher an die franko-belgische Comictradition der „Ligne Claire“, deren wichtigster Vertreter „Tim & Struppi“ Erfinder Hergé war. Die Figuren sind mit dünnen, klaren Linien, die großflächige Farbräume umschließen dargestellt, die Gesichter mit wenigen Strichen skizziert, die Augen nur durch schwarze Punkte angedeutet. Dementsprechend zeichnen sich die Gefühle der Charaktere auch weniger auf ihren Gesichtern an, sie fühlen, leiden und lieben mit dem ganzen Körper. Die einfache Darstellung der Figuren ist nur folgerichtig, sind sie doch weniger Charaktere, als Archetypen, die zur Identifikation einladen sollen. Tiere hingegen sind deutlich realistischer dargestellt und verhalten sich wie normale Tiere. Abgesehen natürlich von der Schildkröte und ein paar Strandkrabben, die beinahe so etwas wie den Comic Relief des Films darstellen (aber dennoch nicht davor gefeit sind von Möwen gefressen zu werden).

Die Hintergründe sind, entsprechend der Tradition der Ligne claire, hochdetailliert und beinahe verschwenderisch gestaltet. Teilweise scheinen die Künstler das Filmkorn zu nutzen um dem Hintergrund noch mehr Textur zu geben, wie der klassische japanische Farbholzdruck es mit der Maserung des Holzes tut. Die Insel wird dadurch zu einer Art Paradies, das aber immer auch schreckliche Seiten aufweist, mit schönen Stränden und sattgrünen Bambuswäldern aber auch rottenden Kadavern und tiefen Kavernen.

Die tonale Untermalung unterstützt das noch. Von den realistischen Geräuschen der Insel, dem Brüllen von Robben, dem Kreischen der Möwen, dem Rauschen des Meeres bis zum Donnern eines Sturms. Sie sind umso auffälliger, da es keine Dialoge gibt, die von ihnen ablenken würden, die Menschen sind auf leise Geräusche und ein gelegentliches „Hey!“ beschränkt. Die Naturgeräusche gehen geradezu nahtlos in den wunderbar unauffälligen aber dennoch eindringlichen Soundtrack von Laurent Perez Del Mar über (der Trailer mit der sehr vordergründigen Musik gibt ein leicht falsches Bild).

Der Film wird weniger von einer packenden Handlung getragen oder Charakteren getrieben, als das er Stimmungen vermittelt. Interpretationen des Gesehen drängen sich daher nicht so sehr auf, sondern bieten sich eher an. Das typische Ghibli-Motiv des Lebens mit der Natur statt gegen sie ist sicherlich zentral, auch wenn man merkt, dass De Wit aus einer ganz anderen Erzähltradition stammt als Miyazaki. Der Film präsentiert uns ein ganzes Leben in 80 Minuten, ein Leben mit schönen mit wehmütigen und tragischen Momenten, aus dem wir unsere eigenen Schlüsse ziehen können und sollen.

‚Die rote Schildkröte‘ ist ein wunderschöner Film. Ein wirklich universeller Film, der sich keiner Tradition verhaftet fühlt und dennoch hochvertraut wirkt. Er ist Anime, er ist Bande dessinée und magischer Realismus, ohne dabei beliebig zu wirken. So sehr ich den typischen Ghibli „Haus-Stil“ der Animation auch mag, so bin ich dennoch froh, dass sie bei einigen ihrer letzten Produktionen, eben hier und beim hervorragenden ‚Die Legende der Prinzessin Kaguya‘, der sich an japanischer Tuschezeichnung orientierte, gezeigt haben, dass sie auch andere Stile perfekt beherrschen.

Der Film ist jedenfalls eine dicke Empfehlung für jeden der Animation und dialoglosem Erzählen nicht völlig abgeneigt ist. Auch für Kinder ist er geeignet, trotz der Freigabe ab 0 allerdings vielleicht eher für ein Ansehen mit den Eltern, die sich auf einige Fragen einstellen sollten.

*Wild Bunch wurde 2015 von Senator Entertainment aufgekauft, die ihren Namen in Wild Bunch änderten, heute ist es also ein deutscher Verleih

Streiflichter 5: Sommerprogramm?

Da es bei mir mit aktuellen Filmsichtungen derzeit, nicht zuletzt dank der Fußball-WM, ein wenig dünn ist, will ich die Gelegenheit nutzen Euch ein paar Kurzrezensionen, die sich über längere Zeit angesammelt haben zu präsentieren. Heute schicken wir die Kinder ins Ferienlager, gehen in die Sauna und schauen eine romantische Komödie! Wenn das kein Wellness-Tag* ist, dann weiß ich auch nicht.

 

‚Stage Fright‘ (2013)

Horrorkomödien gibt es wie Sand am Meer, manche mehr, manche weniger gelungen. Aber Horrormusicals? Klar, auf ‚Rocky Horror Picture Show‘ passt die Beschreibung, auch auf ‚Little Shop of Horrors‘, Sweeney Todd oder Brian de Palmas ‚Phantom of the Paradise‘. Dennoch, es ist ein Genre, bei dem man wohl nicht beide Hände benötigt, um die Vertreter aufzuzählen. Mit ‚Stage Fright‘ kommt ein weiterer dazu.

Ein Broadway Star (Minnie Driver) wird während der Premiere der Show The Haunting of the Opera brutal ermordet. 10 Jahre später leben ihre Tochter Camilla (Allie MacDonald) und deren Bruder Buddy (Douglas Smith) beim ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter Roger (Meat Loaf) und verdingen sich als Mitarbeiter in seinem Sommercamp für Musiktheater-interessierte Schüler. In diesem Sommer aber überschlagen sich die Ereignisse. Nicht nur will Roger das Stück, bei dem Camillas Mutter starb, neu aufführen lassen, Camilla wird auch noch in die Hauptrolle gecastet. Und prompt steht wieder ein maskierter Mörder auf der Matte.

Der Anfang des Films ist großartig! Die Eröffnungsszene mit der Mutter ist Giallo-inspiriert und hochatmosphärisch gefilmt. Das Ankommen der Schüler im Lager ist mit einer der unterhaltsamsten Musiknummern verbunden. Aber dann schien der Musical Ansatz wohl zu aufwändig zu werden. Die meisten weiteren Lieder finden nur noch im Rahmen der Proben für das Stück und ohne besondere Inszenierung statt. Die Charaktere brechen nicht, wie für Musicals üblich, plötzlich in Gesang aus. Abgesehen vom Mörder, der immer von jaulenden Gitarren und Metal-Melodien umgeben scheint, die dem Musiktheater wunderbar entgegen laufen. Die Protagonisten werden als sympathisch dargestellt, obwohl (oder weil) sie, abgesehen von Camilla, weitgehend untalentiert, aber mit sehr viel Begeisterung bei ihrem Stück dabei sind. Allie MacDonald trägt den Film problemlos.

Am Ende passt es leider nicht ganz zusammen, Musical und Horror(Komödie) werden nicht zu einer untrennbaren Einheit. Der Film ist aber ungewöhnlich genug, dass allein dafür ein Ansehen lohnt. Und Meat Loaf sehe ich eh gerne, selbst wenn der Film seine anfänglichen Versprechen nicht zur Gänze einlösen kann.

 

‚Es ist kompliziert…!‘ (2015)

Der Aufbau dieser romantischen Komödie ist gar nicht mal so kompliziert: die Mittdreißigerin Nancy ist schon eine ganze Weile Single. Die Kupplungsversuche ihrer Schwester wenig hilfreich. Im Zug nach London trifft sie die leicht anstrengende Jessica. Die ist auf dem Weg zu einem Blind Date, Erkennungsmerkmal: ein Selbsthilfebuch. Da Nancy sich unfreundlich verhält, überlässt Jessica ihr das Selbsthilfebuch. In London angekommen landet Nancy ausgerechnet unter der Bahnhofsuhr, die der Treffpunkt für das Blind Date sein sollte und Jack (Simon Pegg) taucht auf. Spontan beschließt Nancy sich als Jessica auszugeben.

Das wichtigste für eine romantische Komödie zuerst: Bell und Pegg sind charismatische Darsteller, die hier sehr sympathische Rollen spielen und das allerwichtigste, diese undefinierbare Magie, die wir als „Chemie“ bezeichnen stimmt. Sie sind beide sehr, sehr gut darin die Verlegenheit und Nervosität (in Bells Fall die doppelte Nervosität, weil sie sich als jemand anderes ausgibt) eines Blind Dates einzufangen und das (gut geschriebene) hyperaktive Gequassel, das mit dem Versuch einhergeht diese Nervosität zu überspielen. Das sich aus der Ausgangsituation gewisse Verwicklungen ergeben ist klar und im Laufe des Films schleichen sich einige typische RomCom Klischees ein, die der Film auch gar nicht zu umschiffen versucht. Dennoch trägt für mich die zentrale Beziehung problemlos über die gesamte Laufzeit und ich sage das als nicht eben der größte RomCom Fan. Der starke Supporting Cast trägt seinen Teil bei und schafft einige wirklich komische Szenen. Empfehlung!

 

‚Sauna – Wash Your Sins‘ (2008)

1595, der schwedisch-russische Krieg ist vorüber. Die Brüder Knut (Tommi Eeronen) und Eerik (Ville Virtanen) sind Teil einer schwedisch-russischen Kommission, die die neue Grenze, tief in der finnischen Wildnis vermessen soll. Im Zuge dieser Arbeit ermordet Eerik einen Mann in einem abgelegenen Bauernhaus, von dem er behauptet er wollte sie umbringen und Knut sperrt dessen junge Tochter in den Keller, wo sie vermutlich zu Tode kommt. Knut, der den Krieg nicht miterlebt hat ist schockiert, doch Eerik sagt, dass sei nichts im Vergleich zu dem was er im Krieg getan und erlebt habe. Bald sehen sich die Brüder von einer Erscheinung die unaufhörlich schwarzen Unrat ausspeit verfolgt. In einem nicht kartographierten Sumpfgebiet stößt die Kommission auf ein mysteriöses Dorf, in dem sich eine noch mysteriösere Sauna befindet, in der man angeblich alle seine Sünden abwaschen kann. Doch die Konflikte zwischen den Kommissionsmitgliedern brechen hier noch weiter auf als zuvor.

Das klingt alles etwas vage? Gut, das soll es auch. ‚Sauna‘ gibt sich nicht nur selbst vage, er hat es auch verdient, dass man ihn komplett frisch sieht. Der finnische Regisseur Antti-Jussi Annila zeigt hier eine raue, karge Landschaft mit dürren Birkenwäldchen und schnellen Gewässern, die schon beim Ansehen kalt sind. Die Charaktere die sich in dieser düster und blass ausgeleuchteten Landschaft bewegen sind mindestens ebenso rau, geschliffen, nicht nur vom Krieg auch von der gnadenlosen Gegend. In diese stillen, abweisenden Bilder webt der Regisseur dann noch eine reichhaltige Symbolik ein, das beginnt schon in den ersten Sekunden, wenn sich der weiße Schaum einer Stromschnelle im Fluss blutrot färbt.

Die kargen aber beeindruckenden Aufnahmen, der hohe Symbolgehalt, die sparsamen Dialoge und die spürbare Tiefe des Films erinnern nicht nur unweigerlich an die Filme von Andrei Tarkowski, sie machen mir auch sehr deutlich, dass ich beim ersten Ansehen wohl kaum alles mitgenommen habe, was der Film zu bieten hat. Sicher, das zentrale Thema um Schuld und Erlösung ist zwar für sich genommen deutlich und allein schon das Ansehen wert, allerdings nehme ich an, dass der russisch-schwedische Krieg für ein Publikum in Finnland, diesem Land, das so lange ein Spielball zwischen den beiden Mächten war, eine ganz andere Bedeutung entfaltet. Ich habe zumindest vor mich vor dem nächsten Ansehen in der Richtung etwas weiterzubilden, was ich ohne den Film wohl nicht getan hätte.

Falls es nicht klar genug geworden sein sollte: der Film bekommt eine ganz dicke Empfehlung von mir! Ich bin mir sicher, würde er heute, in Zeiten von ‚The Witch‘ und anderen, erscheinen würde er einen ganz anderen Eindruck machen. 2008 erwartete man bei dem Wort „Horrorfilm“ etwas anderes, hier gibt es keine Jumpscares oder übermäßigen Gore. Sicher ist er nicht gerade massentauglich, aber wenn irgendwas in meinem Text interessant klang, dann gebt ihm eine Chance.

*Wellness nicht garantiert!

‚Jurassic Park‘ (1993) – Dino-Krise im Dino-Park

Du hast Dich also entschlossen eine Kritik zu ‚Jurassic Park‘ zu lesen. Es ist sicherlich nicht die erste, die Du liest und Du fragst Dich, was dieser Filmlichter über den Film sagen könnte, was nicht längst gesagt ist. Aber wer weiß unter welchen Umständen Du das hier liest. Vielleicht sitzt Du gemütlich auf dem Sofa mit Deinem Tablet. Oder Du liest es am Rechner, während Du eigentlich arbeiten solltest (ich petze nicht). Vielleicht aber liest Du es auch im Bus und um Dich vom Achselaroma des Mannes im Muscleshirt, der sich neben Dir festhält, abzulenken, ist sogar Altbekanntes über Filmsaurier willkommen. Oder Du liest es auf der Toilette, das geht dann aber wirklich nur Dich etwas an (es sei denn Du bist ein Anwalt in einem Klohäuschen. Dann würde ich die Ohren nach schweren Schritten offen halten, nur falls es da draußen doch eine höhere Macht mit dunklem Sinn für Ironie gibt). Womöglich bist Du durch Zufall auf diese Besprechung gestoßen, dann fragst Du Dich spätestens hier, ob das ein verschwendeter Klick war. Oder Du liest den Filmlichter regelmäßig. Dann weißt Du, dass seine Besprechungen selten überraschend aufgebaut sind. Zunächst eine kurze Einleitung, die um so weiter hergeholt ist, je schwerer sie zu schreiben war, dann ein Absatz, der die Handlung des Films zusammenfasst.

Den wirst Du diesmal aber nur überfliegen, denn die Handlung zu ‚Jurassic Park‘ kennt ja nun wirklich jeder. Genetikfirma InGen ist es gelungen Dinosaurier zu klonen. CEO John Hammond (Richard Attenborough) nutzt diesen Durchbruch, um einen Vergnügungspark auf einer Insel vor Costa Rica zu eröffnen. Um sich dessen  Sicherheit bestätigen zu lassen, lädt er eine Gruppe Experten vor der Eröffnung ein. Den Paläontologen Alan Grant (Sam Neill), Paläobotanikerin Ellie Sattler (Laura Dern), Chaosmathematiker Ian Malcolm (Jeff Goldblum), den Anwalt der Investoren und seine Enkelkinder (die sind keine Experten, naja, doch schon, aber das weiß noch keiner). Doch während die sich auf der Tour durch den Park befinden, zieht ein Tropensturm auf. Diesen Moment nutzt Park-IT-Mann Nedry (Wayne Knight) um den Park lahmzulegen und sich mit einigen Dino-Embryos abzusetzen.

Das ist natürlich eine gezielt unehrliche Zusammenfassung, spart sie doch das faszinierendste Element des Films aus: die Dinosaurier. Die sind Zähne- und Klauenbewehrte Antagonisten. Im Falle des Tyrannosaurus Rex quasi unaufhaltsam, im Falle der Raptoren, gerissen, unauffällig und zu Teamwork fähig („Clever Girl!“). Doch zeigt Spielberg sie nicht als reine Monster. Die Pflanzenfresser werden ohnehin nur mit tiefer Faszination und Respekt betrachtet, aber der wird auch den gefährlichen Jägern gegenüber gezeigt. Vergleicht man es mit Spielbergs anderem menschenfressenden Tier, ‚Der Weiße Hai‘, dann  wird der Unterschied umso deutlicher. Hai Bruce wird am Ende, mittels einer Gasflasche und eines gezielten Schusses, in mundgerechtes Sushi verwandelt. Den Dinosauriern tut keiner der Charaktere in ‚Jurassic Park‘ Gewalt an. Der einzige der es versucht, Tierhüter Muldoon, scheitert spektakulär (nochmal, „Clever Girl!“). Die Saurier sind beinahe eine Naturgewalt, nach 65 Millionen Jahren erneut heraufbeschworen und zu einer Parkattraktion gemacht. Das klingt als wolle man einen Tsunami in einem Wellenbad loslassen.

Und da sind wir bei dem anderen Thema des Films. Dem „Gott spielen“ der Wissenschaftler und der finanziellen Ausbeutung des Ergebnisses. Tatsächlich ist die Figur, die sich im Vergleich zum Buch am meisten geändert hat der (im wahrsten Sinne des Wortes) Risikokapitalist John Hammond. Ist seine Gier im Buch eines der zentralen Elemente, die zur Katastrophe führen, ist er im Film, nicht zuletzt dank der Besetzung mit Richard Attenborough, ein liebenswerter Großvater, den der Betrug seines Angestellten völlig unvorbereitet trifft. Schaut man genauer hin, sind dennoch Elemente des Buchcharakters zu finden: er habe keine Kosten und Mühen gescheut, teilt Hammond stolz Dr. Grant mit. Im Park angekommen stellen wir dann fest, dass er keine Notstromaggregate installiert hat und seinen inselweiten Park offenbar mit fünf Leuten überwachen wollte. Jemandem wie Nedry dann die alleinige Kontrolle über die lebenswichtige IT zu überlassen fällt da kaum noch ins Gewicht. Er meinte wohl keine Kosten und Mühen in Bezug auf die Saurier.

Das die auch heute noch großartig aussehen, dank geschicktem Einsatz von animatronischen Modellen, CGI, aber vor allem cleverer Beleuchtung ist bekannt. Die Tatsache, dass die CGI noch nicht so weit war, den Film allein bestreiten zu können, ist vermutlich von Vorteil. Spielberg ist immer dann am besten, wenn er um Limitationen herum arbeiten muss, siehe auch den nicht funktionierenden Hairoboter in ‚Der Weiße Hai‘. T. Rex, Raptoren, aber auch der giftspuckende Dilophosaurus haben bis heute nichts von ihrer Faszination, oder ihrem Schrecken eingebüßt.

Ebenso wichtig wie die Effekte sind aber ebenfalls die Schauspieler und die Charaktere, die sie verkörpern. Kinderhasser Grant, der im Laufe des Films merkt, dass er Kinder doch ganz gern hat ist schon ein sehr spielbergscher Charakter, doch gibt Sam Neill ihm eine so tiefe Faszination für sein Fach und so eine menschliche Begeisterung, dass er zum Herzen des Films wird. Ebenso tut Laura Dern dies mit ihrer Paläobotanikerin, die dazu noch in einer der gruseligsten Szenen des Films die Hauptrolle hat, wenn sie in einem Bunker auf den Arm von Sam Jacksons Charakter trifft. Jeff Goldblum gibt seinen „Superstar“-Wissenschaftler mit typischer ironischer Distanz und einer Ladung Charisma, die schwerlich aufzuwiegen ist. Attenborough habe ich ja schon erwähnt, dem es gelingt seinem Millionär ein sehr menschliches Antlitz zu verpassen. Und die Kinder sind immerhin nicht so anstrengend, wie sie sein könnten.

Hauptrolle Numero drei spielt der Soundtrack von John Williams, der bereits bombastisch beginnt, sich dann aber noch in immer neue Höhen emporschwingt. Er unterstreicht den Horror von Szenen, aber auch die überwältigende Faszination. Und es liegt wohl nur an Spielbergs Bildern, dass dieser Soundtrack den Film nicht unter sich begräbt, sondern eine perfekte Ergänzung darstellt.

Und damit bist Du am Ende des Textes angekommen. Genau genommen nicht ganz, denn der Filmlichter schreibt jetzt noch ein wenig darüber, dass er der Meinung ist, der Film hätte für sich allein stehend bleiben sollen und ihn zu einem Franchise zu machen war ein großer Fehler. Natürlich hat er die Dinomanie der frühen 90er noch einmal beflügelt und natürlich steckte viel zu viel Geld in dem Konzept, um es einfach liegen zu lassen. Doch ist es eine dieser Filmreihen, die quasi nur von der Zuneigung der Zuschauer für den ersten lebt, wie der Milliardenmaschine ‚Jurassic World‘ durchaus klar war, die direkt mal eine ganze Garage voll mit Nostalgie gepackt hat. Du bist Dir zwar nicht ganz sicher, ob Du diese Meinung teilst, aber die Bahn ist angekommen/das Essen fertig/die Arbeit wartet jetzt wirklich. Oder ist es doch noch nicht soweit? Naja, dann kannst Du Deine Meinung auch in die Kommentare schreiben und ich muss Dir nix mehr in den Mund legen!

‚Flash Gordon‘ (1980) – „Aaahhh Aaahhh, He Saved Everyone Of Us!“

‚Flash Gordon‘ ist ein Film, den es ohne ‚Star Wars‘ vermutlich nie gegeben hätte, ebenso wie es ‚Star Wars‘ ohne ‚Flash Gordon‘ nicht gegeben hätte. In den 70er Jahren hielt der umtriebige Produzent Dino De Laurentiis die Filmrechte an dem Science Fiction Comic-Strip aus den 30ern. 1977 (oder eher früher) wollte ein relativ unbekannter Filmemacher namens George Lucas einen Gordon Film drehen und kam auf De Laurentiis zu. Der lehnte dankend ab, Lucas schuf seine eigene weit entfernte Galaxie und veränderte mal eben die gesamte Filmwelt. Nun schien die Zeit auch für einen ‚Flash Gordon‘ Film gekommen. Doch die Macher würden einen anderen Ansatz wählen.

Football Quarterback Flash Gordon (Sam J. Jones) und Reiseleiterin Dale Arden (Melody Anderson) kehren in einem kleinen Flugzeug aus dem Urlaub zurück. Da zieht plötzlich nicht nur ein Sturm auf und eine rote Wolke vor die Sonne, sondern auch die Piloten werden aus dem Flugzeug gerissen. Flash gelingt es die Maschine notzulanden. Leider genau auf dem Assistenten des verrückten(?) Wissenschaftlers Hans Zarkov (Chaim Topol). Der braucht nun neue Begleiter für seinen Raumflug. Denn er ist überzeugt die meteorologischen Phänomene überall auf der Welt (darunter „heißer Hagel“!!) und das Lösen des Mondes aus seiner Umlaufbahn sind ein außerirdischer Angriff. Und tatsächlich steckt der fiese Weltraumkaiser Ming (Max von Sydow) dahinter, an dessen Hof sich die drei Erdlinge alsbald wiederfinden. Hier geraten sie in die Intrigen von Ming, seiner Tochter Aura (Ornella Muti) und Berater Klytus (Peter Wyngarde). Können sie sich mit den anderen geknechteten Völkern des Gewaltherrschers, den Waldmenschen unter Prinz Barin (Timothy Dalton) und Falkenmännern unter Vultan (BRIAN BLESSED) zusammentun und Ming stürzen, bevor der die Erde zerstört?

Die wichtigste Information, um zu wissen in welche Richtung es geht erhält man im Vorspann. Das Drehbuch stammt von Lorenzo Semple Jr., dem Schöpfer und Hauptautoren der 66er ‚Batman‘ Serie. Der ironische Unterton des Films ist folglich so laut, dass er quasi schon der Ton ist. Für Puristen des 30er Jahre Comicstrips mag das ein Problem darstellen, doch dürften die deutlich seltener sein als Batman-Puristen. Kritik und Publikum wussten 1980 nicht so genau, wie sie mit dem Film umgehen sollten. Er hatte nichts von der utopischen Ernsthaftigkeit eines ‚Star Trek‘ oder der mystischen, galaktischen Weite von ‚Star Wars‘. Stattdessen zwinkerte er dem Zuschauer so heftig zu, dass man beinahe ein nervöses Lidzucken annehmen könnte.

Aber erst einmal zu dem, was abseits jeder Ironie funktioniert, oder eben nicht. Die Kostüme, Masken und Effekte decken nämlich eine erhebliche Bandbreite ab. Die Kostüme der menschenähnlichen Charaktere sind durch die Bank ebenso überladen wie großartig. Von Mings gigantischen, goldenen Krägen, über Klytus Doktor-Doom-Metallmaske, das paillettenbesetzte Robin Hood-grün der Waldleute zu den glitzernden Tiaren der weiblichen Helden. Auch Kreatureffekte, wie ein giftiges Monster in einem Baumstamm oder ein gigantischer, unterirdischer Jäger besitzen zwar eine gewisse „Gummihaftigkeit“, funktionieren aber dennoch sehr gut. Aber dann sind da die Kostüme der Echsenmenschen, die funktionieren mögen, solange sie im Hintergrund sind, aber bei gelegentlichen Nahaufnahmen, bei aller Ironie, schon an Kindergeburtstag denken lassen. Gebäude, Raumschiffe und vor allem die wirbelnden Hintergründe des beeindruckenden Himmels von Mings Thronwelt sind toll, leiden höchstens gelegentlich, BluRay-Auflösung sei Dank, an etwas auffälligem Bluescreening. Wenn sich aber in der letzten Schlacht („HAWKMEN, DIIIIIIIIIIVE!!!“) mehr Lasereffekte als je zuvor im Auge des Betrachters spiegeln, dann funktioniert das, zumindest für mich, auch heute noch ganz großartig.

Und dann ist da natürlich noch die Musik von Queen. Wer sie kennt, hat sie seit der Lektüre des Filmtitels ohnehin im Kopf und kann sich diesen Absatz sparen. Die Musik ist alles was der Film auch ist: bombastisch, over the top, augenzwinkernd bis albern. Sie ist treibend, hat Ohrwurmqualität, insofern man jedes Mal, wenn im Film der Name Flash fällt man instinktiv mit „Aaahhh Aaahhh“ antworten möchte. Auch finden wir heraus, dass man auf Mings Welt offenbar den Hochzeitsmarsch kennt. Allerdings von Brian May wunderbar auf der E-Gitarre genudelt. Persönlich mag ich Queens ‚Highlander‘ Soundtrack noch ein Stück lieber, aber der hier ist schon sehr großartig und ein Highlight des Films.

Kommen wir zu den Schauspielern. Schon die ‚Batman‘ Serie lebte von ihren großartig überspielten Schurken. Und da hat man hier mit Max von Sydow, der die Darstellung seines Ming irgendwo zwischen sadistischem Kind und ebenso sadistischem Erwachsenen, mit den unterschiedlichen Arten von Brutalität, die damit einhergehen, verortet, eine perfekte Wahl getroffen. Er weiß genau, wie er das Material zu behandeln hat und geht mit sichtbarem Spaß an die Sache heran. Fast noch besser gefiel mir Peter Wyngarde als Klytus, eine der ersten Stimmen, die wir im Film hören und der so viel Verachtung in das Wort „Earth“ legt, dass man fast spontan applaudieren möchte, ob der verbalen Fähigkeiten. Aber auch die nichtschurkischen Charaktere sind zu einem guten Teil überzogen. Da ist Dr. Zarkov, der eine elektronische Indoktrination dank Erinnerungen an die Beatles übersteht und natürlich BRIAN BLESSED als Falkenmann Vultan, der vermutlich noch nie eine Szene leiser als 110% gespielt hat. Ornella Muti in der Rolle der verführerisch-intriganten Aura scheint zunächst recht erwartet, wenn man allerdings die schiere Größe des Netzes ihrer Beziehungen und ihre spätere Wandlung bedenkt, ist sie ein durchaus interessanter Charakter. Etwas merkwürdig ist Timothy Dalton, der seinen Bazin vielleicht zu zurückhaltend als exakt das spielt was er scheint: einen Robin Hood ohne Bogen, dafür mit mehr Blutdurst. Man merkt seinen Dialogen teilweise an, dass sie für ein überzogeneres Spiel geschrieben wurden und seine Bodenständigkeit kämpft gelegentlich damit.

Die Batman Serie lebte aber natürlich mindestens genau so sehr vom völlig ernsthaften Spiel von Adam West, der seinem Batman eine liebenswerte Oberlehrerhaftigkeit verpasste. Melody Andersons Dale Arden scheint anfangs, genau die stets zu rettende Damsel in Distress, die man von der Umsetzung eines 30er Jahre Comics erwarten würde. Tatsächlich kontrollieren sie und Aura den Fortgang der Handlung aber weit mehr, als das für weibliche Charaktere in den 30ern (oder womöglich sogar den 80ern) typisch wäre. Sam Jones Flash bleibt leider deutlich blasser. Er ist ein vage sympathischer, gutmütiger Proto-He-Man (ich fresse einen  Laserbesen, wenn die Macher der Spielzeugserie diesen Film nicht zumindest im Hinterkopf hatten), der bis zum Ende hin eher von den Geschehnissen um ihn herum getrieben wird, als selbst aktiv zu werden. Jones vertrug sich offenbar nicht mit Regisseur Mike Hodges und verließ das Projekt, bevor es vollständig war, worin einer der Gründe für Flashes relative Blässe liegen könnte. Das soll aber nicht heißen, dass er nicht seine Momente hätte.

Diese Szene, in der sich herausstellt, das Quarterback Flash nur dann wirklich kämpfen kann, wenn er sich in einer Football-artigen Situation befindet, darf stellvertretend für den gesamten Film stehen und bildet quasi alles bisher Geschriebene ab. Diese Szene dürfte auch am nächsten an der ‚Batman‘ Serie sein. Genaugenommen ist sie nur ein paar „Zock“, „Biff“ und „Pow“ Soundword-Einblendungen entfernt.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass ‚Flash Gordon‘ quasi das Idealbild eines Kultfilms ist. Bei seinem Erscheinen nicht wirklich geschätzt oder verstanden, hat er über die Jahre eine überzeugte, begeisterte Gefolgschaft unter Filmemachern, wie Edgar Wright und Filmfreunden aufgebaut, zu der ich mich, bei all seinen fraglosen Fehlern (oder vielleicht gerade deswegen), gerne zähle.

‚Kikujiros Sommer‘ (1999) – der Junge und der Kleinganove

Takeshi Kitanos Werke verbinden fast immer einen poetischen Grundton mit explosiver Gewalt. Für ‚Kikujiros Sommer‘, seinem Versuch an einem Familienfilm (ob das gelungen ist, darüber kann man streiten, siehe unten) verzichtet er auf die Gewalteinlagen und ersetzt sie stattdessen durch Slapstick-Momente. Herausgekommen ist ein gleichzeitig typsich, wie untypischer Film von Beat Takeshi und vielleicht der mit dem besten Soundtrack.

Es sind Sommerferien. Der bei seiner Großmutter lebende Masao (Yusuke Sekiguchi) ist einsam. Seine Freunde sind alle im Urlaub und das Fußballtraining fällt aus. Da findet er ein Foto und die Adresse seiner Mutter, die, laut Aussagen der Großmutter, weit weg lebt und hart für ihn arbeitet. Er schleicht sich davon, um seine Mutter zu besuchen, doch wird ihm gleich an der nächsten Straßenecke das Taschengeld von ein paar Bullies abgenommen. Eine Nachbarin beauftragt ihren Mann Kikujiro (Kitano) den Jungen zu seiner Mutter zu begleiten, während sie der Großmutter erzählt, die beiden führen zum Strand. Kikujiro ist die denkbar schlechteste Wahl für einen Begleiter. Der Kleinganove macht zunächst an einer Radrennbahn halt, wo er den Großteil ihres gemeinsamen Reisegeldes verjubelt. Erst als Masao, aufgrund Kikujiros Unachtsamkeit,  von einem Kinderschänder im Park bedrängt wird und Kikujiro im letzten Moment eingreift (und dem Kerl die Brieftasche klaut), machen sie sich ernsthaft auf den Weg. Es folgen gestohlene Taxis, ein Aufenthalt in einem Luxushotel, Streit mit Truckern  und zahlreiche, teilweise erzwungene, Mitnahmen per Anhalter. Doch verläuft der Besuch bei der Mutter nicht wie erwartet, was aber dafür sorgt, dass Masao und Kikujiro ein wenig näher zueinander finden.

Geschichten um Außenseiter, die aufgrund der Geschehnisse zueinander finden ist kein untypisches Motiv für einen Film und das Road Movie sogar ein recht typisches Setting dafür. Doch umschifft Kitano die typischen, sentimentalen Momente, die für gewöhnlich eine solche brüchige Vater-Sohn Beziehung ausmachen würden. Masao ist ein untypischer Film-Achtjähriger, insofern das er nicht eben tonnenweise Persönlichkeit mitbringt. Er ist sehr introvertiert und sehr still und bleibt es fast den ganzen Film. Und doch merkt man, wie aus dem anfänglichen stoischen Ertragen Kikujiros Eigenarten langsam eine Art Vertrauen wird. Wirkliche Einblicke in Masao bekommen wir mehr über das Rahmenelement eines Bilderbuches, dass er darüber führt, was er im Sommer erlebt hat, sowie seine (Alp-)Träume. In denen kann sich Kitanos Regie voll ausleben und es wimmelt von überzogenen Schurken und finsteren Dämonen.

Kikujiro hingegen bringt schon fast zu viel Persönlichkeit mit. Kitano spielt ihn wie eine Karikatur seiner üblichen Gangsterrollen. Laut und aufbrausend begegnet er jedem anderen Charakter im Film, anscheinend stets auf der Suche nach Streit, wichtiger aber noch, nach Gelegenheiten einfach Geld zu machen. Letztlich wirkt er aber immer nur wie ein polternder Clown, seine Drohungen und Posen sind leer, sein Zorn eine ähnliche Flucht nach innen, wie Masaos stille Traurigkeit. Kikujiro war der Name von Kitanos Vater, zu dem er kein gutes Verhältnis gehabt hat, was die Vermutung nahe legt, der Film präsentiere den Wunsch nach einer, zwar unwesentlichen aber entscheidenden Veränderung im Wesen der Vaterfigur. Kitano hat zwar anfangs bestritten die Figur habe irgendetwas mit seinem Vater zu tun, sagte später jedoch, womöglich sei es seine Art ihm Respekt zu zollen, statt sein Grab zu besuchen.

Viele der Charaktere, denen sie unterwegs begegnen sind ähnlich exzentrisch, doch da vor allem die zentralen Charaktere hervorragend geschrieben sind, fühlen sich die Begegnungen nie forciert an. Sei es der in seinem Auto lebende Mais stehlende Obdachlose/Autor, die vielleicht friedfertigsten Biker, die je im Film zu sehen waren oder der hilfreiche aber auf Regeln bestehende Hotelangestellte. Insbesondere in der zweiten Hälfte, wenn eine ganze Gruppe von Charakteren zusammenkommt (teilweise von Kikujiro gezwungen) um Masao ein unvergessliches Sommererlebnis zu bescheren, können auch diese Randfiguren glänzen.

Erzählerisch gibt es überdeutliche und unauffälligere Anspielungen auf das alte Hollywood. Eine längere Sequenz an einer Bushaltestelle ist nicht nur sehr komisch, sie könnte auch eins zu eins genauso in einem Charlie Chaplin Film vorkommen. Die Grundstruktur des Films hingegen folgt ein wenig dem ‚Zauberer von Oz‘. Kikujiro ist für Masao anfangs sicherlich ein herz-, hirn- und mutloser Begleiter, doch nachdem der Besuch beim Zauberer (der Mutter) sich als enttäuschend herausstellt, merken sie, dass sie alles was sie brauchen bereits in sich tragen. Gleichzeitig ist der Film mit seinem ironisch-distanzierten Tonfall, seiner Unsentimentalität und der Tatsache, dass Kikujiro anfangs ein wirklich unangenehmer Charakter ist weit von Hollywood entfernt. Die Tatsache, dass einer der handlungsauslösenden Momente sich um einen, völlig unsubtil gespielten Kinderschänder dreht, dürfte ihn als Familienfilm wohl ohnehin für die meisten disqualifizieren. Die Tatsache, dass ein anderer Charakter dazu neigt vollkommen nackt herumzulaufen (sehr lustig „zensiert“ im Film) dürfte ein Übriges tun.

Filmisch allerdings ist das durch und durch Kitano, was vermutlich dazu beiträgt, dass nicht die übliche Sentimentalität einsetzt. Seine Kamera ist oft genug distanziert und ironisiert dadurch Momente noch weiter, als der Ton des Films es ohnehin schon tut. Er erzählt seine Geschichte in statischen Szenen und mit bewussten Auslassungen, lässt aber gelegentlich die Kamera etwas länger als nötig auf einer Szene verweilen, um bizarre Momente herbeizuführen. Ein Moment mit einem Nagel und einem Auto auf einem Deich würde ich gar in die Riege der großen visuellen Komik aufnehmen wollen. Auch Kitano-typische Elemente wie Engel oder natürlich der Strand finden ihren Platz.

Und dann ist da noch Joe Hisaishis Musik. Den Hauskomponisten des Studio Ghibli und langjährigen Mitarbeiter Kitanos muss ich wohl nicht großartig vorstellen, jeder, der sich ein wenig mit japanischem Film beschäftigt wird früher oder später aufhorchen, wenn er seinen typischen Stil hört. Und doch hat er mit „Summer“ in ‚Kikujiros Sommer‘ vielleicht meinen persönlichen liebsten Track geschaffen. Seine Musik beschwört sofort die unbeschwerlichen Tage der scheinbar endlosen Sommerferien der Kindheit herauf, doch bevor ich versuche Musik zu beschreiben, hört einfach selbst rein:

Das Bild hat übrigens nix mit dem Film zu tun…

Masaos und Kikujiros Reise wird die Welt nicht grundlegend verändern und genau dasselbe könnte man wohl auch über den Film sagen, der bei der Kritik denn auch nur mittelmäßig ankam. Dennoch finde ich diesen, für den Beat Takeshi der 90er, sehr milden, sehr liebevollen Film absolut sehenswert und es ist einer, der das Gefühl des kindlichen Sommers  und seiner unbegrenzten Möglichkeiten besser trifft als viele andere.