‚Aniara‘ (2018)

Mitte der 50er Jahre schuf der schwedische Autor Harry Martinson ein Versepos mit dem Titel „Aniara“. Unter dem Eindruck der Nachkriegsjahre und des kalten Krieges ersann er das Ende der Menschheit in der Miniatur eines ruderlos gewordenen Raumschiffs. 1974 erhielt Martinson vor allem für dieses Werk den Nobelpreis für Literatur, eine damals alles andere als unumstrittene Entscheidung. Das Werk hat mehrere Opern inspiriert, dank seiner schwedischen Herkunft selbstverständlich auch Metal und eine schwedische TV-Adaption von 1960. Nun brachten Pella Kagerman und Hugo Lilja den Stoff auf die Leinwand.

Die Erde ist verwüstet. Wer es sich leisten kann unternimmt mit großen Raumern die dreiwöchige Reise zum kolonisierten Mars. Eines dieser Schiffe ist die Aniara. An Bord ist auch die MIMA. Eine künstliche Intelligenz, die auf die Erinnerungen ihrer Benutzer zugreifen kann die so angenehme Erinnerungen an die alte Erde wieder lebendig werden lassen kann. Überwacht wird das von der Mimarobe (Emelie Jonsson), einer freundlichen, empathischen Mitarbeiterin von niedrigem Rang auf dem Schiff, die heimlich in Pilotin Isagel (Bianca Cruzero) verliebt ist. Nur wenige Passagiere zeigen Interesse an MIMA, nutzen lieber die Einkaufsmöglichkeiten oder andere Unterhaltungsangebote. Dann kommt es bei einem Ausweichmanöver zur Katastrophe. Durch eine Kollision verliert die Aniara allen Treibstoff und Steuermöglichkeiten und treibt vom Kurs ab. Kapitän Cheffone (Arvin Kananian) teilt mit, dass man den ersten Himmelskörper nutzen wird, um sich zurück zu schleudern, wobei das Jahre dauern wird. Doch die Mimarobe erfährt von ihrer Kabinengenossin, einer Navigatorin, dass das gelogen ist. Man wird auf absehbare Zeit nicht in das Gravitationsfeld irgendeines Himmelskörpers geraten. Plötzlich ist die MIMA vollkommen überlaufen, die K.I. von den traumatischen Erinnerungen der Passagiere an die Erde überwältigt. Die jahrelange Reise in die Finsternis des Äußeren wird zwangsläufig auch zu einem Blick nach innen.

‚Aniara‘ ist was dabei herauskommen könnte, wenn Andrei Tarkowski ein Remake von ‚Wall-E‘ machen würde. Der niedliche Roboter wird durch eine nicht greifbare K.I., die später suizidal wird, ersetzt. Interessanter ist das Schicksal der Menschen, die auf ihrer neuen Zwangsheimat einem unausweichlichen Ende entgegenschleudern. Gesteigerte Algenproduktion und Wasseraufbereitung sorgen zwar dafür, dass das Leben weitergehen kann, allerdings zerbrechen alsbald die proper schwedischen, sozialen Strukturen. Merkwürdige Kulte bilden sich aus (‚Midsommar‘ lässt grüßen), Selbstmorde nehmen überhand, der Kapitän wird erst zum Westentaschendiktator, dann zum Witz. Hedonistisches Feiern, Drogen und matschiger Algenschnaps werden zur neuen Normalität. Der Film drückt das in immer größeren Zeitsprüngen zwischen seinen betitelten Kapiteln aus. Erst Tage, dann Wochen, Monate und Jahre springen wir in die Zukunft. Einer Zukunft in der sich Hoffnung immer mehr falsch und fast schädlicher als Fatalismus anfühlt.

Was den Film funktionieren lässt ist vor allem seine merkwürdige Bodenständigkeit. Von außen durchaus effektive Science Fiction Spezialeffekte, wirkt das Innere der Aniara durchaus vertraut. Irgendwo zwischen nordischer Fähre und plüschigem Kreuzfahrtschiff wirkt es absolut glaubwürdig mit seinen Konsumtempeln, Arkaden und Kinos. Diese verfallen zu sehen holt den Film aus der abstrakten SciFi, auf eine nachvollziehbare Ebene. Auch sagt der Film nie was nun wirklich genau auf der Erde geschehen ist, wir sehen nur Erinnerungsfetzen durch die Brille der MIMA. Allerdings haben zahlreiche Passagiere des Schiffes mehr oder weniger starke Verbrennungen, ein gelungenes Beispiel für visuelles Erzählen. Der Fatalismus der Erzählung geht auch über das Schicksal der Aniara hinaus. So fragt die Mimarobe (im Film wird das wie ihr Name behandelt, ist aber offensichtlich ein Titel. Nur die Brückenbesatzung bekommt Namen) einen verzweifelten Passagier, warum der denn der Meinung sei auf dem Mars wäre es so viel besser als hier auf dem Schiff. Eiskalt sei es da und es wächst nur eine winzige Pflanze, die das Einzige sei, was es dort zu essen gibt.

Der Film enthält so eine überdeutliche, wenn auch nie ausgesprochene Aussage. Das Glück der Menschheit, so macht der Film deutlich, ist unausweichliche mit der Erde verbunden. Die Zerstörung unserer Erde führt zwangsläufig zu einem Ende der Menschheit. Zunächst zu einem Ende der Menschheit wie wir es kennen und dann zur großen Finsternis. In gewisser Weise erzählt der Film also die Handlung von Douglas Trumbulls ‚Lautlos im Weltraum‘ mit den Mitteln von Tarkowskis ‚Solaris‘. Ich hoffe ich habe deutlich genug gemacht, dass es sich um keinen fröhlichen Film handelt…

Emelie Jonsson trägt einen Großteil des Films. Dialoge werden nur sehr zurückgenommen verwendet, weswegen wir auf ihre Reaktionen angewiesen sind, um den menschlichen Zugang zur Handlung zu bekommen. An ihrem ausdrucksstarken Gesicht lesen wir ab, wo wir uns befinden. Demgegenüber steht Bianca Cruzeros anfangs völlig zurückgenommene, scheinbar emotionslose Pilotin (Raumpiloten müssen so sein, wie wir erfahren). Später lernen wir, dass unter der scheinbar unbewegten Oberfläche nur umso stärkere Emotionen wüten.

‚Aniara‘ ist Science Fiction wie ich sie mir wünsche. Clever erzählt, mit einer klaren Aussage, fesselnd und faszinierend. Nur lohnt es sich noch einmal daran zu erinnern, dass ‚Aniara‘ ein wirklich deprimierender Film über Hoffnungslosigkeit ist. Aber skandinavisches Kino hat ja auch eher selten den Ruf fröhliche Schenkelklopfer zu produzieren. Ob man das derzeit braucht, muss jeder selbst entscheiden. Sehenswert ist der Film allemal.

‚Tomb Raider‘ (2018)

Videospiele sind in den letzten 2 Jahrzehnten mehr und mehr integraler Teil des Mainstreams und der Unterhaltungsindustrie geworden. Und doch würde ich behaupten, kein Videospielheld hat je wieder eine Durchdringung des Zeitgeistes geschafft, wie ‚Tomb Raider‘ Lara Croft in den späten 90ern. Die frühen Spiele mit ihr brachten erforschendes Herumhüpfen, Rätseln und Ballern auf recht elegante Weise zusammen, doch das allein erklärt den Erfolg der Figur nicht. Lara machte Werbung für alles, von der Automarke SEAT bis zur Zeitschrift Brigitte. Sie kloppte sich als Renderfigur mit den „Die Ärzte“ im Video zu „Männer sind Schweine“, ging als CGi-Filmchen mit U2 auf Tour. Sie zierte zahllose Zeitschriftencover und in Derby, Sitz der Firma Core, wo die Figur erfunden und die ersten Spiele entwickelt wurden, ist gar eine Straße nach ihr benannt. Kann selbst ein Mario das von sich behaupten? Anfang der 2000er kamen dann die unausweichlichen Filme. Mit Angelina Jolie hat man eine fähige Darstellerin an Bord gehabt, dennoch funktionieren beide Filme für mich überhaupt nicht. Hier wurde zum Problem, was bis dato den Erfolg der Figur ausmachte: das Lara als Charakter eine leere Leinwand war, auf die man von der Männerfantasie bis zur feministischen Ikone alles draufprojizieren konnte. Der Hype endete, die Spiele wurden in den 2000ern rebootet und noch einmal in den 2010ern. Das erste dieser neuen Reihe von 2013 liefert die grundlegende Story des neuen Films. Kein Wunder, erzählt es doch den 2010erigtsen aller 2010erigen Blockbuster-Plots: eine Origin-Story. Aber gelingt es ihm auch aus Lara Croft mehr als ein Symbol für was auch immer zu machen?

Die junge Lara Croft (Alicia Vikander) arbeitet als Fahrradkurierin in London. Sie könnte das Erbe des gigantischen Finanzimperiums ihres Vaters Richard (Dominic West) antreten, der vor sieben Jahren verschwunden ist. Doch dafür müsste sie anerkennen, dass er verstorben ist, was sie verweigert. Allerdings kommt sie auf die Spur wo er verschwunden ist: auf der Suche nach dem Grab von Himiko, der ersten Königin in Japan, die auf der Insel Yamatai beerdigt sein soll. Gemeinsam mit Lu Ren (Daniel Wu), dem Sohn des Kapitäns, der ihren Vater nach Yamatai gebracht hat, macht sie sich auf die Suche nach der Insel. Nach erfolgreichem Schiffbruch an deren Küste treffen sie auf Agenten der finsteren Organisation Trinity unter Mathias Vogel (Walton Goggins), dessen Auftraggeber sich finstere Kräfte aus dem Grabmal versprechen. Mit den Unterlagen ihres Vaters hat Lara Vogel nun genau das geliefert, was zur Entdeckung des Grabes noch fehlte. Für sie und Lu Ren entbrennt bald ein Kampf gegen Trinity und einige überraschende Entdeckungen erwarten sie.

Regisseur Roar Uthaug, der mit diesem Namen eigentlich Sänger einer Black Metal band sein müsste, war mir bislang nur von seinem Slasher ‚Cold Prey‘ bekannt. Der fühlte sich derart formelhaft an, dass er mir wenig mehr als ein Schulterzucken entlocken konnte. Auch ‚Tomb Raider‘ kann seine Vorbilder kaum verbergen. Von der Küste Yamatais aus, kann man vermutlich ohne Fernglas Skull Island erspähen, wenn auch die akromegale Fauna auf dem Schädeleiland bleibt. Größtes Vorbild sind, wenig überraschend, natürlich die ‚Indiana Jones‘-Filme. Die Dynamik von einem von diesen übernimmt der Film sogar recht direkt für seine zweite Hälfte. Und auch der Superheldenfilm trägt seinen unvermeidlichen Teil bei, wenn Lara sich bewusst wird, wer ihr Vater wirklich ist und was das für sie bedeutet.

Allerdings ist es zu einem guten Teil gerade die Figur der Lara, die den Film funktionieren lässt. Nicht zuletzt die Darstellung Alicia Vikanders „erdet“ die Figur. So seltsam das auch klingt, für eine junge Frau, die es mit Pfeil und Bogen bewaffnet mit einer Söldnergruppe aufnimmt, bevor sie ein halbmythologisches Grab voller Videospiel-hafter Fallen eröffnet. Laras Entwicklung von einer reagierenden zu einer agierenden Person ist der Leim, der den Film, gerade so, zusammenhält.

Apropos Videospiel-haft: eine wirklich interessante, ästhetische Entscheidung trifft der Film, indem er zahlreiche Actionsequenzen direkt an Videospiel-Herausforderungen erinnern lässt. Sei es das Lara blanke Wände erklimmt, wieder und wieder einhändig von Klippen baumelt, oder durch ein zerbrechendes Flugzeugwrack kraxelt, ich musste feststellen, dass ich geradezu instinktiv auf einen imaginären Controller einhämmerte. Das ist ehrlich gesagt nicht das Schlechteste, was eine Videospielverfilmung auslösen kann. Wohl nicht unbedingt um dem Videospiel näher zu kommen, aber doch schwer zu übersehen, waren gelegentliche, arge Schwächen im CGI. Darunter Totalaussetzer, wie man sie im modernen Blockbuster eigentlich kaum noch zu sehen bekommt.

Alicia Vikander habe ich ja bereits lobend erwähnt. Sie mag schauspielerisch hier etwas unterfordert sein, allerdings wird deutlich, dass sie sich ziemlich in diese Rolle reingehängt hat, nicht zuletzt durch körperliches Training. Doch gelingt es ihr die Wandlung von der normalen Frau in außergewöhnlicher Situation hin zu „Lara Croft: Tomb Raider“ glaubhaft zu vollziehen. So glaubhaft ein Charakter, der sich ein etwa 30 cm langes Metallschrappnell aus dem Torso zieht und kurz darauf eine Klippe erklimmt halt sein kann. Videospiele! Daniel Wus Figur des Lu Ren wird vom Film ein wenig verschwendet. Lara und Lu haben eine funktionierende Chemie, die sie zu einem unterhaltsamen Duo werden lässt, doch dann befreit Lu Trinitys Zwangsarbeiter auf der Insel und marschiert, von einem paar Szenen abgesehen, aus dem Film. Mathias Vogel scheint als Figur irgendwo zwischen Belloq und Col. Kurtz gedacht. Und funktioniert als beides nicht. Ich weiß nicht wie sehr ich das Walton Goggins vorwerfen kann, aber mehr als aus irren Augen in die Welt zu blicken und gelegentlich Superschurken-Kram zu murmeln, kommt da nicht rüber.

Wie eine zutiefst begeisterte Empfehlung liest sich das vermutlich nicht, soll es auch nicht sein. Zwei Stunden ist der Film lang, in denen er zu unterhalten, aber auch ordentlich zu langweilen weiß. Die Unterhaltung überwiegt zwar für mich, doch ob ich mich in sechs Monaten noch an den Film erinnern kann, darf immerhin bezweifelt werden. Für eine Videospielverfilmung spielt der Film aber fraglos in der oberen Liga. Ich weiß, ich weiß, mit schwachem Lob verdammt.

Immerhin, finanziell war der Film ähnlich erfolgreich wie der allererste ‚Tomb Raider‘. Was natürlich bedeutet, dass es eine Fortsetzung geben wird. Und der sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Denn schreiben wird sie Amy Jump und Regie führen wird Ben Wheatley. Konnten sich also auch die beiden den Verlockungen des Blockbusters nicht mehr entziehen. Aber wenn sie dürfen wie sie wollen, dann bin ich mir sicher, dass die beiden eine wirklich interessante Geschichte mit dieser Lara Croft zu erzählen wissen. Ja, wenn sie dürfen wie sie wollen…

‚Systemsprenger‘ (2019)

Aus den inoffiziellen Begriffen einer bestimmten Sparte kann man häufig viel lernen. Weil sie oftmals Umstände oder Personen beschreiben, die diese Sparte insbesondere umtreiben und mit denen noch kein geeigneter Umgang gefunden ist. „Systemsprenger“ macht aus diesem Umstand gar keinen Hehl. In der Jugendhilfe beschreibt der Begriff Kinder, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten, oftmals aufgrund früherer Gewalterfahrung, von Hilfsangeboten zu Zwangsmaßnahmen und zurück durchgereicht werden, weil niemand mit ihnen umzugehen weiß. Das hinterlässt Schäden in den Institutionen, doch auch bei den „Systemsprengern“ selbst, die meist irgendwann komplett aus dem System herausfallen, kriminell oder obdachlos werden. Während des Drehs einer Dokumentation begegnete Autorin und Regisseurin Nora Fingscheidt einer solchen Systemsprengerin. Es folgten etwa vier Jahre Recherche, in denen sie in Betreuungsstationen oder der Kinderpsychatrie mitgearbeitet und das Drehbuch verfasst hat. Herausgekommen ist eines der beeindruckenderen, deutschen Spielfilmdebüts der letzten Jahre.

Bernadette, genannt Benni (Helena Zengel), ist 9 Jahre alt und würde am liebsten bei ihrer Mutter leben. Allerdings neigt sie zu aggressiven Ausbrüchen, zum Weglaufen und ist allgemein unberechenbar, weswegen ihre Mutter mit ihr überfordert ist und nicht zuletzt sogar Angst vor ihr hat. Vor allem darf, aufgrund eines frühkindlichen Traumas, niemand Benni ins Gesicht fassen. So wird sie auch von Pflegefamilien zu Wohnstätten zu Notauffangstationen durchgereicht, ohne dass man ihr helfen könnte. Die engagierte Jugendamtsmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) ist zwar warmherzig und hilfsbereit, muss jedoch einsehen, dass ihr die Möglichkeiten auszugehen drohen. Eine neue tut sich auf, als Benni der Anti-Aggressionstrainer Micha (Albrecht Schuch) als Schulbegleiter zugeteilt wird, der dort ihre Ausbrüche kontrollieren soll. Der Mann, der sonst mit straffälligen Jugendlichen arbeitet, glaubt Benni helfen zu können, wenn sie drei Wochen als Erlebnispädagogik in einer Hütte im Wald verbringen, die er ansonsten mit seinen Jugendlichen besucht. Obwohl er gewissen Zugang zu Benni findet, stößt auch er an seine Grenzen und macht einen großen Fehler, indem er selbst aus den Grenzen des Systems tritt.

Drei Dinge fallen einem an ‚Systemsprenger‘ unweigerlich auf. Da ist zum ersten seine geradezu kinetische Energie. Das wird schon in den ersten beiden Szenen deutlich. In der ersten wird Benni von einer Ärztin untersucht, gibt kurzgefasste und präzise Antworten auf Fragen. Auf die Frage, was sie einmal werden möchte, antwortet sie „Erzieherin“.  Schnitt und zwei eben solche Erzieher verstecken sich hinter Sicherheitsglas vor einem ihrer Wutausbrüche. Benni bringt es zum splittern. Derart aufgeladen bleibt der Rest des Films. Die Aufnahmen wirken oft genug pseudodokumentarisch, so wackelt die Kamera etwa, wenn sie Benni hinterher eilt, oder eine Szene mit ihr im fließenden Straßenverkehr, die die Haare zu Berge stehen lässt. Das sorgt für ein „Mittendringefühl“. Dabei leistet Fingscheidt einiges, um uns in die durchaus schwierige Perspektive des Mädchens zu bringen. Sie nicht zu einem Problem zu erklären, das gelöst werden muss, sondern uns ihre Erfahrung nachempfinden zu lassen. Dabei fühlen sich oftmals gerade die Momente von Bennis Gewalttätigkeit gelebt und nicht gespielt an.

Das Zweite ist, dass Fingscheidt alles tut, um typische Klischees zu vermeiden. Keiner der Charaktere, allen voran Benni, ist einfach nur gut oder schlecht, mit vielleicht einer Ausnahme und der kommt nur in einer Szene vor. Die Reaktion der Erwachsenen auf Benni ist nachvollziehbar. Natürlich sind einige ausgebrannt und wollen sie einfach nur loswerden, wer könnte es ihnen ernstlich vorwerfen? Die Jugendhilfe wird als ein in sich funktionierendes System dargestellt, das hier einfach an die Grenze seiner Möglichkeiten geführt wird. Ja, der stille aber siedende Zorn der Erzieher auf Bennis Mutter, die mit ihrem mäandernden hin- und her, ihren leeren Versprechungen an das Kind nur immer mehr Schaden anrichtet, ist verständlich, doch letztlich ist auch sie gefangen in ihrem eigenen System. Manche Systeme sollten womöglich gar gesprengt werden. Auch stammt Benni nicht aus prekären Verhältnissen und ist noch weit von der Pubertät entfernt, was typische, einfache Antworten von vornherein unmöglich macht.

Das dritte und absolut wesentliche Element für das Gelingend es Films ist aber Helena Zengel. Ihre Benni ist extrem verletzlich, begeisterungsfähig, vor allem aber wahnsinnig zornig. Diesem Zorn mischt Zengels Spiel aber immer auch eine Not, eine Verzweiflung bei, die ganz wesentlich ist. Denn ohne dieses Element würde diese geballte Wut vermutlich früher oder später so abstoßend auf den Zuschauer wirken müssen, wie sie es auf viele Charaktere des Films tut. So aber hoffen wir zwei Stunden lang, dass für das Mädchen, das jederzeit zur neonpinken Naturgewalt werden kann, irgendeine Art von Lösung gefunden werden kann. Zengel war in der Auswahl der übrigen Schauspieler stets wesentlich involviert und ihre Angabe, ob sie sich wohlfühlen würde, mit ihnen zu arbeiten ausschlaggebend. Eine herausragende Leistung, die dafür gesorgt hat, dass sie nun für den neuen Film von Paul Greengrass mit Tom Hanks arbeitet. Nicht übel!

Der restliche Cast setzt sich aus professionellen Darstellern aber auch echten Mitarbeitern der Jugendhilfe zusammen. Allesamt machen ihren Job sehr gut, allen voran Albrecht Schuch als Micha. Anfangs nimmt Micha, der sonst mit gewalttätigen Jugendlichen arbeitet, Benni nicht so recht ernst. Auf ihre Frage, ob sie die schlimmste Person sei, mit der er je gearbeitet hat, antwortet er „natürlich nicht!“ Sein Problem ist, dass er alsbald die Distanz verliert, sich, wie er selbst sagt, in Rettungsfantasien verliert. Das System schreibt vor, dass er dann den Fall abgeben muss. Ein weiterer Magenhieb für das Kind.

Es ist, das sollte nach der Beschreibung ziemlich deutlich sein, kein sonderlich fröhlicher Film. Es ist aber vor allem auch keiner, der sich in einfachen Anschuldigungen, oder schlimmer noch in einfachen Antworten gefällt. Ich würde ihn grob als „Antifamilienfilm“ bezeichnen. Auch ist sich ‚Systemsprenger‘ natürlich der Sprengkraft (he) seines Titels bewusst. Schiebt der doch in gewisser Weise den schwarzen Peter zu den Menschen, die nicht ins System passen und nicht zu einem System, das eben nicht auf alle Menschen passt. Doch was, wenn am Ende alle Systeme gesprengt sind?

‚Die Farbe aus dem All‘ (2019)

Die Farbe aus dem All ist meine liebste Kurzgeschichte von H.P. Lovecraft. Ich war also ziemlich gespannt, als Regisseur Richard Stanley, dem Val Kilmers und Marlon Brandos monströse Egos beim Dreh von ‚DNA – Die Insel des Dr. Moreau‘ die Karriere zerschossen haben, nach fast 25 Jahren für sein Comeback zum narrativen Film eine Adaption des Stoffes gewählt hatte. Ich bin sehr froh sagen zu können, es ist die beste Lovecraft-Adaption seit dem wunderbar grotesken ‚From Beyond‘, hält sich jedoch weit näher an Lovecrafts Text. Und Nicolas Cage melkt ein Alpaka. Wer das auf Film gebannt sehen möchte, nun, der hat gar keine andere Wahl.

Familie Gardner zieht auf den abgelegenen Bauernhof, den Nathan (Cage) von seinem Vater geerbt hat. Während er sich als Alpaka-Farmer versucht, arbeitet seine Ehefrau Theresa (Joely Richardson) aus dem Homeoffice weiter als Fonds-Managerin, trotz ihrer Krebserkrankung. Teenager-Tochter Lavinia (Madeleine Arthur) versucht sich in Hexerei, vor allem aus dem hilflosen Versuch heraus, der Mutter zu helfen. Sohn Benny (Brendan Meyer) kifft derweil mit dem Althippie Ezra (Tommy Chong), der in einer nahen Hütte im Wald lebt. Der kleine Jack (Julian Hilliard) scheint der einzige, der mit dem Farm-Leben wirklich glücklich ist. Die Dinge nehmen eine merkwürdige Wende, als ein Meteor in den Garten der Gardners kracht. Seltsame Dinge geschehen mit Flora und Fauna, aber auch den Gardners selbst. Landvermesser und Hydrologe Ward Phillips (Elliot Knight) befürchtet etwas aus dem Meteorit ist ins Brunnenwasser geraten, doch niemand will ihm wirklich zuhören.

Der Film folgt im Groben der Geschichte Lovecrafts. Er verlegt sie aus den 1920ern in die Jetztzeit, verkürzt die Geschehnisse von Monaten auf Tage und lässt den Landvermesser zu einem handelnden Teil der Geschichte werden, anstatt zu demjenigen, der die Ereignisse aus zweiter Hand erfährt. Ich glaube, ich mag Lovecrafts ‚Die Farbe aus dem All‘ nicht nur weil er seinem Ziel, des nicht verstehbaren, kosmischen Horrors, der nicht unbedingt böse, sondern vor allem vollkommen fremd ist, hier näher als irgendwo anders kommt, sondern auch weil er hier, im Gegensatz zu vielen anderen Geschichte, das Menschliche mehr in den Mittelpunkt rückt. Und das tut Stanley ihm sehr gut nach. Horrorfans, die „schnell zur Sache“ kommen wollen, werden möglicherweise enttäuscht sein, denn Stanley räumt der Familie und ihren kleinen Konflikten anfangs sehr viel Raum ein.

Das zahlt sich allerdings mehr als aus, wenn der Meteor einschlägt und aus jedem kleinen Konflikt, jeder Frustration plötzlich ein Ausbruch unkontrolliertem Zorns wird. Stanleys ‚Die Farbe aus dem All‘ folgt der Idee etwa von Cronenbergs ‚Die Fliege‘ oder Kubricks ‚The Shining‘ von „Tragödie als Horror“, wo das Geschehen einerseits schrecklich, in seiner Schrecklichkeit aber auch von großer Tragik ist. Wie ‚Die Fliege‘ vermischt er das mit Elementen des Body-Horror, aber auch der Paranoia und Isolation eines ‚The Thing‘ (und ein Moment zitiert (vielleicht zu) direkt die berüchtigte Hundezwinger-Szene).

Kommen wir zum Offensichtlichen. Lovecraft ist schwer zu verfilmen, weil er oft genug postuliert, dass das Sehen seiner kosmischen Schrecken allein zum Wahnsinn führt. Das kann (zum Glück) natürlich nicht adäquat adaptiert werden. In der „Farbe“ kommt es so auch nicht vor. Allerdings bringt der Komet eine Farbe auf die Erde, die es bislang nicht gab. Und die sich alsbald in alle Flora der Gardner-Farm einschleicht. Für eine Verfilmung gibt es nun zwei Möglichkeiten: in schwarz weiß drehen, dann sieht man die Farbe nicht. Oder aber eine „Ersatz“-Farbe verwenden. Hier ist die Farbe aus dem All eben lila-magenta-pink. Und was soll ich sagen, es funktioniert. Die unnatürlich Farbe schleicht sich in alles ein und im dritten Akt erleben wir neondurchsuppte Alpträume. Außerdem setzt sich der Film damit in eine klar erkennbare Linie zu ‚From Beyond‘. Und das ist nun wahrlich nicht das Schlechteste. Es gibt nur ein Problem für den Film: Alex Garlands ‚Auslöschung‘ existiert. Der stellt zwar die Umsetzung eines anderen literarischen Werkes dar, doch sind die Ähnlichkeiten offensichtlich. Eben auch die bei der Umsetzung nicht nur der neongleißenden Farbe/Zone, sondern auch in der zurückgenommenen, elektronischen Musik. Im direkten Vergleich kommt Garlands Film bei mir etwas besser weg, doch steht Stanleys Film problemlos auf eigenen Füßen.

Thematisch lässt sich ziemlich aktuelle Problematik im Film erkennen. Die jüngere Generation der Kinder merkt recht bald nach dem Einschlag, dass irgendwas mit der Welt nicht mehr stimmt. Die Erwachsenen wollen es nicht wahrhaben, tun ihr Bestes es zu ignorieren, selbst als sich die Umgebung unübersehbar verändert, selbst als der Wissenschaftler wieder und wieder warnt. Stanley hat hier eine mikroskopische Version des Klimawandels skizziert, ohne ein einziges Mal den Zeigefinger zu erheben, oder gar mit dem Zaunpfahl zu winken.

Nicolas Cage ist inzwischen so etwas wie ein eigenes Genre. Oder wenigstens ein Effekt, den allerdings nur wenige Regisseure wirklich gut einsetzen können. Tatsächlich hat Cages Darstellung hier sowohl Elemente aus ‚Mandy‘ als auch ‚Mom & Dad‘. Anfangs überzeugt er als wirklich liebenswerter, leicht überforderter aber doch immer das Beste wollender Familienvater. Je mehr die Farbe dann die Kontrolle übernimmt, umso mehr kommen die Cage-Ausbrüche. Ja, die Ausraster, die man von ihm erwartet sind da. In einem von ihnen spricht er plötzlich wie Donald Trump, falls jemand wirklichen Horror möchte. Doch trotz allem, ist er am Ende als zerstörter, vor allem anderen tragischer Mensch zu sehen. Die zweite Hauptrolle hat Madeleine Arthurs Lavinia, über deren Schulter wir den Großteil des Schreckens sehen. Von Anfang an die Klarsichtigste was die Geschehnisse angeht, ist ihre Tragik, dass sie schließlich doch nie wirklich die Chance hatte zu entkommen.

Richard Stanley ist wieder da, und zeigt, wie man Lovecraft adaptiert. Der Film ist, wie der Autor, immer dann am besten, wenn er nur andeutet ohne direkt zu zeigen. Natürlich kommt der Film gerade im Finale nicht ums Zeigen herum, und muss den Schrecken daher auch etwas konkreter machen, als das in der Vorlage der Fall war. Insgesamt jedoch, ein gelungenes, wenn auch nicht perfektes Comeback. Und zwar eines, das mit einer ganzen Trilogie an Adaptionen einher geht. Als nächstes steht Das Grauen von Dunwich an. Und da die Farbe sowohl kritisch wie auch finanziell ein Erfolg war, dürften wir wohl die gesamte Trilogie zu sehen bekommen. Ich freue mich!

‚Attack The Block‘ (2011)

Joe Cornish hat aber auch kein Glück. Oftmals Ko-Autor von Edgar Wright, hatte er 2011 die Chance seinen eigenen Film zu verwirklichen.  Heraus kam ‚Attack The Block‘, über den wir heute sprechen wollen, und der wurde ein Flop. Unverdient, aber dazu später mehr. Danach sollte es acht Jahre dauern, bis er mit ‚Wenn du König wärst‘, einer kindlichen, kontemporären Version des König Artus Mythos, eine weitere Chance bekam. Der Film floppte auch. Den habe ich noch nicht gesehen, aber wenn er annähernd so gut wie ‚Attack The Block‘ ist, dann wäre das wirklich tragisch. Heute erinnert man sich an ‚Attack The Block‘ meist nur als den ersten Film von John „Finn aus ‚Star Wars‘“ Boyega. Und vielleicht den Film, in dem Jodie Whittaker eine Krankenschwester war, bevor sie zum 13. ‚Doctor Who‘ wurde. Dabei steckt so viel mehr drin.

In der „Guy Fawkes“-Nacht wird Krankenschwester Sam (Whittaker) in der Nähe des heruntergekommenen Sozialwohnungsblocks, in dem sie lebt, von einer Bande Halbstarker um Anführer Moses (Boyega) überfallen und beraubt. Die Jugendlichen werden abgelenkt, als ein Meteor ein nahes Auto trifft. Aus dem Auto springt ein etwa hundegroßes Alien. Die Jungs verfolgen es, treiben es in die Enge und töten es. Alsbald zeigen sie es stolz im Block, wo auch sie wohnen, herum. Sie wollen es in Drogendealer Rons (Nick Frost) Cannabisfarm in Sicherheit bringen, um es – irgendwie – zu Geld zu machen. Dich Nacht nimmt für die Gang eine mehr als unangenehme Wende, als nicht nur mehr Meteoriten voll deutlich größerer Aliens, die den Mord an ihrem Artgenossen reichlich übel nehmen, niedergehen, sondern sie auch noch auf die schlechte Seite von Rons Gangsterboss geraten. Auch ein erneutes Zusammentreffen mit Sam verläuft nicht eben freundschaftlich.

Da Cornish und Wright Freunde und Kollegen sind, wird sich ein Vergleich zwischen ‚Attack The Block‘ und ‚Shaun Of The Dead‘ kaum vermeiden lassen. Tatsächlich verlassen sich beide auf eine Mischung aus Action, Horror und Humor (und Nick Frost ist in beiden…). Allerdings kommt der Humor in Cornishs Film deutlich sparsamer zum Einsatz. Begegnungen mit den Aliens sind nie komisch, sondern immer bedrohlich. Der Humor entsteht einzig aus Dialogen und bizarren Situationen. Allerdings mengt Cornish seinem Film noch einen sozialen Kommentar über die Lebenssituation im Londoner Süden bei, die den Film an einen anderen, deutlich erfolgreicheren Debütfilm erinnern lässt: Blomkamps ‚District 9‘.

Die Action und den Horror hingegen inszeniert Cornish so flott, so gekonnt, dass man wahrlich jeden Penny der acht Millionen Pfund Budget, wenn nicht sogar mehr, im Film sieht. Nicht unerwähnt bleiben dürfen dabei die großartigen Aliens, die eine wunderbare Synthese aus praktischen und digitalen Tricks darstellen. In ihrer grundsätzlichen Form irgendwo zwischen Hyäne und Gorilla durchaus nachvollziehbar und von Kreaturendarstellern am Set auch als solche verkörpert. In der Postproduction wurde dann aber ihr borstiges Fell schwärzer als schwarz, geradezu lichtschluckend gemacht. Ein Effekt der sie merkwürdig zweidimensional und in der Tiefe des Raums kaum einschätzbar macht. Diese Zweidimensionalität wird in dem Moment gebrochen, wenn sie ihre Kiefer voll bioluminiszenter Zahnreihen öffnen und plötzlich eine erschreckende Tiefe bekommen. Das ist genau mein Ding, mit relativ einfachen Mitteln wird ein unvergesslicher Effekt erzeugt. Und es führt die hunderte von Filmen mit deutlich mehr Geld vor, deren Aliens letztlich immer wieder eine lahmere Version von Gigers Xenomorph sind.

Die Art wie Cornish den Ort seines fiktiven Blocks, den „Wyndham Towers“, benannt nach „Day of the Triffids“ Autor David Wyndham, ausdefiniert und die so entwickelte Fläche dann für kreative Verfolgungsszenen nutzt, erinnert weniger an einen Erstling, als an einen routinierten Regisseur. Und auch wenn der Film in seinem Aufbau einiges Filmen aus den 80ern verdankt, verliert er sich doch nie in Anspielungen und Reminiszenzen.

Doch nicht ganz zufällig ist der Film vor allem als Star-Macher in Erinnerung. Moses ist eine interessante Rolle. Cornish hat ihn als exakte Antithese zum damals in Großbritannien beliebten „Hoodie Horror“, der Kapuzenpullis tragende Jugendliche aus Armenvierteln geradezu zu Monstern stilisierte, entwickelt. Moses ist clever, stark und loyal. Er tut sich nur sehr schwer damit zu verstehen, dass sein Handeln Konsequenzen hat. Nicht nur für ihn. Boyega liefert eine geradezu magnetische Darstellung ab, die es fast unmöglich macht, auf irgendetwas anderes als ihn zu achten. Es ist ein derart starkes Debüt, dass es nicht verwundert, dass er zum Star wurde. Eher verwundert es, wie stiefmütterlich ihn ‚Star Wars‘ behandelt hat. Aber das ist ein anderes Thema. Jodie Whittaker verkörpert mit Sam eine Frau, die ihre Nachbarn als Feinde wahrnimmt und sich in dieser Einschätzung am Anfang des Films bestätigt sieht. Ebenso wie Moses durchläuft sie einen glaubwürdigen Charakterbogen, von Whittaker zerbrechlich aber doch entschlossen dargestellt. Nick Frost als behäbiger Dealer Ron ist ein wenig im Frost-Routinemodus. Aber hey, auch der Frost-Routinemodus ist immer noch unterhaltsam, also beschwere ich mich nicht zu laut.

Auch nach neun Jahren hat Cornishs Debüt für mich nichts von seinem unterhaltsamen Schwung verloren. Schick inszenierte Action/Horrorszenen, toll realisierte Aliens, einige wirklich gute darstellerische Leistungen  und eine Handvoll spaßiger Dialoge. Mehr sollte es doch eigentlich für einen Kultfilm nicht brauchen.

Interaktiver Film: ‚The Infectious Madness Of Doctor Dekker‘ (2017)

Mitte der 90er wurde „Multimedia“ zu so einer Art Zauberwort der Unterhaltungsbranche. In der Welt des Computerspiels hatte die CD-Rom die Diskette abgelöst. Und wo lange Zeit arger Platzmangel herrschte, waren nun gigantische 600 Mb und mehr verfügbar. Aus heutiger Sicht lächerlich, aber damals eine Tür zu (scheinbar) unbegrenzten Möglichkeiten. Sprachausgabe, höher auflösende Grafiken waren nun möglich. Vor allem aber: Videosequenzen. Der Interaktive Film war geboren. Endlich war man nicht mehr an alberne Pixel gebunden, sondern konnte Abenteuer mit realen Darstellern erleben und es war… gar nicht mal so gut.

Spieleentwickler sind keine Regisseure und das zeigte sich. Außerdem wollen Schauspieler Geld sehen, weswegen man sich entweder unwilliger (und in schauspielerischer Hinsicht eher bedingt talentierter)  Mitarbeiter bedienen musste, oder aber meist aus der Riege von Darstellern, die ansonsten ‚Frasier‘ den Cafe Latte an den Tisch bringen und keinen Text bekommen. Dazu übernahm man sich in der Ambition der Projekte. Die Tricktechnik, insbesondere die, die sich damalige Spiele leisten konnten, war noch nicht was sie hätte sein müssen. 600 Mb sind dann doch nicht so viel und da man auch noch Rücksicht auf die Geschwindigkeit der Laufwerke und Leistungsfähigkeit des durchschnittlichen Rechners nehmen musste, waren Auflösung und Qualität der Filmsequenzen oft genug miserabel. So kamen öde Point & Click Adventures mit viel zu vielen, ziemlich mäßigen Filmsequenzen heraus. Wobei es natürlich auch positive Beispiele gab. Die wunderbare ‚Tex Murphy‘-Reihe sei hier erwähnt. Ende der 90er wurde dann ohnehin 3D zum neuen Zauberwort, die Interaktiven Filme verschwanden kaum dass sich der Gimmickwert ihrer Neuheit erschöpfte hatte und niemand hat sie ernsthaft vermisst.

Oder vielleicht doch. Denn ab Mitte der 2010er feierten sie ein recht unauffälliges Comeback, als Indie-Spiele, weitab vom Maisntream. Beginnend mit ‚Her Story‘ von 2015. Und es zeigte sich, dass nicht nur die Technik besser geworden ist, Speicher und Auflösung sind kein Problem mehr, es zeigte sich auch, dass Lektionen gelernt wurden. Anstatt eine Reihe Darsteller anzuheuern, beschränkte man sich bei ‚Her Story‘ auf nur eine, dafür fähige Darstellerin. Anstatt in einem Spukhaus oder einer Raumstation spielte das gesamte Spiel in einem Verhörzimmer der Polizei. Kurz, man war auf vernünftige Weise sparsam geworden. Die Interaktion war ebenfalls recht minimal. Der Spieler muss ein Verhör nachvollziehen. Doch die einzelnen Filmschnipsel liegen auf einem Polizeirechner in keiner erkennbaren Reihenfolge vor, sind nur nach Schlagworten auffindbar. Heraus kommt ein unterhaltsames Puzzlespiel, dessen Ergebnis zwar längerem darüber Nachdenken nicht standhält, die Spieldauer aber trägt.

Der Interaktive Film, über den ich heute sprechen will, geht einen ähnlichen Weg. ‚The Infectious Madness Of Doctor Dekker‘ hat einen ebenso interessanten wie in der Spielwelt wohl ethisch fraglichen Ansatz. Psychotherapeut Dr. Dekker ist ermordet worden. Hauptverdächtige sind seine regelmäßigen Patienten. Der Spieler wird zum Nachfolger Dekkers, der aber nicht nur die Therapie der Patienten fortsetzen, sondern auch dem Mörder Dekkers nachforschen soll.

Spielerisch folgt man diesem interessanten Doppelansatz durch verfilmte Gespräche mit den Patienten. In einen Parser kann man Fragen eintippen und damit Videosequenzen auslösen, in denen die Charaktere antworten. Der Parser ist eine der ältesten Steuermethoden für Computerspiele überhaupt, bekannt aus Textadventures. Er bietet eine Menge Freiheit, birgt aber auch Probleme. Das gilt auch hier. So erhält man auf die durchaus unterschiedlichen Fragen „Were you Dekkers patient for long?“ und „Have you killed Dr. Dekker?“ die exakt gleiche Antwort. Denn der Parser liest nur das Schlagwort „Dekker“ aus. Es reicht also auch nur „Dekker?“ einzugeben. Allerdings gibt es andere Worte, die Fragen modifizieren. „Are you lying about Dekker?“ etwa. Hier wird wohl lying und Dekker ausgelesen, soweit ich das beurteilen kann. Meist lohnt es sich also, sich auf Schlagworte a la „Dekker?“ oder „Valentine’s Day“ zu konzentrieren. Manchmal braucht das Spiel aber auch eine ausformuliertere Frage. Das kann frustrieren. Allerdings kann man jederzeit „Hint“ eintippen und bekommt, wer hätte es gedacht, einen Hinweis. Laut den Entwicklern kann man 100% des Inhalts über diese Tipps erschließen. Wirklich steckenbleiben ist also kaum möglich.

Die Patienten starten meist mit einer roten Markierung. Hat man genug Fragen gestellt, wird die Markierung gelb. Sind alle Patienten gelb kann man ins nächste Kapitel. Man kann allerdings auch weiter fragen, bis die Patienten grün markiert werden. Dann hat man wirklich alle Fragen erschöpft. Manche „Nebenpatienten“ starten auch bereits gelb, können theoretisch also völlig ignoriert werden. Die erfolgreichen Fragen (also die auf die die Patienten eine Antwort haben) werden mitgelogt und ebenfalls markiert, je nachdem ob man für gelb oder grün Status noch einmal nachhaken muss. Auch kann man sich durch Klick auf die Frage jederzeit die Antwort noch einmal anschauen. Notizen lohnen sich dennoch.

Wenn das Frage-Antwort-Spiel aber mal läuft, dann ist es wirklich toll! Das Spiel ist sehr gut darin, Querverbindungen und Parallelen zwischen den Patienten aufzubauen. Alsbald erweist sich das Spiel dann doch mehr als psychologischer (oder vielleicht doch eher kosmischer?) Horror. Weder Dekker noch die Praxis sind so harmlos wie sie anfangs erschienen. Und wer ist eigentlich der blanke Spielercharakter durch dessen Augen wir sehen, über den wir aber nichts erfahren… bis die Patienten anfangen uns Fragen zu stellen. Das Ende ist dann spielerisch wie erzählerisch etwas schwachbrüstig. Aus einer Liste von sechs Verdächtigen wählt man den richtigen aus, der sofort geständig ist. Beweise muss man keine vorlegen. Das mag aber auch am Clou des Spiels liegen: bei jedem neuen Durchgang ist ein anderer der 5 Hauptpatienten oder die Assistentin Dekkers/des Spielers für den Mord verantwortlich. Da wäre eine komplexe Endsequenz sechs Mal nötig gewesen. Außerdem ist hier wirklich der Weg das Ziel und der Weg hat mich fasziniert.

Neben dem Parser beschränkt sich das User Interface auf eine Handvoll Buttons, mit denen man zwischen den Patienten, den gesammelten Beweisen, gestellten Fragen, Notizen usw. fließend hin- und herwechseln kann. Geistesblitzen kann man so immer schnell nachgehen, ohne mit einer komplexen Steuerung ringen zu müssen.

Filmisch ist das Ganze natürlich sehr zurückgenommen. Man sieht die Patienten aus der Sicht des Psychotherapeuten auf der Couch sitzen. Das wechselt dann zwar zwischen Nahaufnahmen und solchen aus mittlerer Distanz, manchmal auch während einer Antwort um Unruhe zu erzeugen, aber vielmehr passiert nicht. In gewisser Weise gewinnt das Spiel aber durch diese rigide Perspektive, die sich alsbald wie ein „Spielfeld“ anfühlt. Schauspielerisch bewegt sich das Spektrum von okay über „dem großen Gestus nach zu urteilen, üblicher Weise auf Bühnen zu finden“ bis zu wirklich gut. Es gibt keine wirklichen Ausreißer nach oben, aber wichtiger noch, auch keine nach unten. Peinliches C-Movie Gewurschtel wie in den 90ern sucht man hier vergeblich. Das wird manchen Trash-Fan enttäuschen, alle anderen dürften beruhigt sein.

Das Spiel stammt von den D’Avekki Studios, die im wesentlichen aus Lynda und Tim Cowles zu bestehen scheinen. Die sind ursprünglich wohl weder Filmemacher noch Computerspieldesigner, sondern haben „Whodunnit“-Spiele für Parties entwickelt. Das erklärt vielleicht, warum ihnen die Beziehungen unter den Charakteren gut gelungen sind. Und vielleicht auch warum die Auflösung etwas schwächelt, auf einer Party wären dann vermutlich eh alle schon angeheitert.

Zwölf Stunden habe ich gebraucht, wollte aber auch alles „grün“ spielen, weil ich diese Rezension schreiben wollte. Ein „normales“ Spiel wird vermutlich so um 10 Stunden dauern. Ich würde wie gesagt raten, ein paar Notizen zu machen (das Spiel erwartet absolut, dass man sich Dinge von Kapitel zu Kapitel merkt und man weiß nie ob etwa ein verlorener Schlüssel noch wichtig wird oder nicht).

Ich jedenfalls habe mich gut unterhalten gefühlt und bin an dieser neuen Generation von Interaktiven Filmen durchaus interessiert. Die Frage ist, ob Ihr interessiert wärt, mehr von mir darüber zu lesen. Oder habt Ihr sogar Tipps, was ich als nächstes probieren sollte?

‚The Infectious Madness Of Doctor Dekker‘ ist erhältlich für PC (Steam und Gog.com), Xbox One, Playstation 4 und die Nintendo Switch. Ich persönlich würd’s auf irgendwas mit Tastatur spielen…