Eigentlich ist alles gesagt: ‚Logan‘ (2017)

Ganz ehrlich, als ich den ersten Trailer zu diesem Film gesehen habe, unterlegt mit Johnny Cashs apokalyptischer Coverversion von „Hurt“ und aus rauen Kehlen gepressten, düsteren Sätzen vom Untergang, da habe ich nicht eben viel Lust auf den Film bekommen. Finstere, bierernste  Superhelden versucht Warner-DC schon seit dem Weggang von Christopher Nolan erfolglos wieder einzufangen. Jetzt auch noch Fox? Gerade nachdem der selbstironische ‚Deadpool‘ so erfolgreich war? Auch sämtliche positive Stimmen als der Film dann rauskam konnten mich nicht umstimmen. Allerlei Western Vergleiche machten mich dann doch neugierig. Da war es aber zu spät. Jetzt habe ich ihn auf BluRay gesehen und falls es noch jemanden interessieren sollte, ist hier meine (endlich informierte) Meinung.

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten sind ein Phänomen der Vergangenheit. Seit 25 Jahren wurde kein neuer Mutant geboren. Logan/Wolverine/James Howlett (Hugh Jackman) verdingt sich im Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko als mietbarer Limousinen-Chauffeur. Alt, verbittert, mit versagender Heilungsfähigkeit und langsam und schmerzhaft von seinem Metallskelett vergiftet. Selbst die Klauen wollen nicht mehr wie früher. Er lebt in einer aufgelassenen Eisenschmelze, gemeinsam mit dem Nosferatu-ähnlichen Caliban (kaum zu erkennen: Stephen Merchant), einem Mutanten mit der Fähigkeit andere Mutanten aufzuspüren und dem an Alzheimer erkrankten Charles Xavier (Patrick Stewart). Eisern spart er Geld für Xaviers Medikamente, die dessen schwere Anfälle, die tödlich für alle Umstehenden sein können, unter Kontrolle halten und für ein Boot, um das Land zu verlassen. Als ihm eine Frau 50.000 Dollar bietet, um das junge Mutantenmädchen Laura (Dafne Keen) nach North Dakota zu bringen ist das verlockend, doch bald tauchen gefährliche Verfolger auf.

Ich verstehe die Western-Vergleiche, die viele Besprechungen gezogen haben. Und der Film macht seine Beziehung zu ‚Mein großer Freund Shane‘ auch durchaus deutlich, schauen doch die Charaktere exakt diesen Film. Ich habe mich allerdings die ganze Zeit an ein anderes Genre erinnert gefühlt. Den Film Noir. Der Logan, den wir zu Beginn des Films treffen ist ein typischer Noir Charakter. Desillusioniert, zynisch und freiwillig von der ihn umgebenden selbstzerstörerischen, hedonistischen Welt entrückt, die er nur noch mit einer ausreichenden Dosis Alkohol erträgt. Das ist aber noch nicht der Tiefpunkt für den Helden. Er ist auf eine Lesebrille angewiesen, will er sein Handy benutzen und erreicht seinen absoluten Nadir, wenn er in einem Moment impotenten Zorns auf sein Auto einprügelt und dann eher an Basil Fawlty als an einen Superhelden erinnert. Professor Xavier erfährt eine ähnlich brutale Dekonstruktion. Das mächtigste Hirn der Welt wird von einer degenerativen Krankheit und unkontrollierbaren Anfällen heimgesucht, die den ehemaligen Retter zu einer Gefahr und zu einem sehr anstrengenden Patienten machen, der sein Dasein in einem alten Wasserturm fristet. Einer der tragischsten Momente des Films ist, wenn Laura auftaucht und wir für einen Moment wieder den Mann sehen, der Xavier einmal war. Interessant ist der Kniff, dass in der Realität des Films X-Men Comics existieren. Logan tut sie zwar als Blödsinn für Kinder und Idioten ab, allerdings inspirieren sie das zentrale Element der Handlung, sodass schon beinahe eine Art Metaerzählung dabei herauskommt.

Der Film geht also durchaus brutal mit seinen Charakteren um und ebenso brutal sind einige physische Sequenzen, die wir zu sehen bekommen. Sei es, dass der Film tatsächlich zeigt, was Logans Klauen mit einem anderen Menschen anstellen würden oder gleich eine ganze Montage, die daraus besteht, wie in einem Krankenhaus Kinder getötet werden. Beinahe schon erstaunlich, dass der mit einer 16er Freigabe davongekommen ist.

James Mangolds Regie-Karriere würde ich eher als durchwachsen bezeichnen, doch diesem Film merkt man in jeder Aufnahme die Liebe und Aufmerksamkeit an, die hineingeflossen sind. Wirken viele Superheldenfilme, bei aller technischen Brillanz doch oftmals ein wenig zweidimensional (vielleicht liegt es an der Comic-Herkunft) nutzt Mangold hier in fast jeder Szene die Tiefe des Bildes effektiv aus. Unterschiedliche Ebenen bedrohen einander, sehnen sich nach einander wirken jederzeit aufeinander ein, Vordergrund und Hintergrund erzählen gleichzeitig und ergänzen sich. Und dann springt Laura aus dem ungewissen Raum hinter der Kamera mit schmerzhaften Folgen für denjenigen der davor steht. Das sind definitiv erzählerische Mittel, die der Film mit dem Western teilt.

Als wir Wolverine vor 17 Jahren das erste Mal in einem Film trafen, da war er die unfreiwillige Vaterfigur für Anna Paquins Roque. Gerade Comic-Fans reagierten irritiert, dass „irgendein australischer Musical-Darsteller“ den beliebten, mürrischen Mutanten spielen sollte. Zahlreiche Auftritte später, kann man sich kaum jemand anderen als Hugh Jackman in der Rolle vorstellen. Und um mit diesem Film einen würdigen Abgang für seine Figur zu bekommen hat er gebettelt, gedroht und am Ende auf einen Großteil seiner Gage verzichtet, um genau den Film machen zu können, den er und James Mangold machen wollten. Und es hat sich gelohnt, der Kreis hat sich geschlossen, Wolverine endet wie er begann als unwillige Vaterfigur und durch die brutale Dekonstruktion in diesem Film kommen wir seinem Charakter näher als je zuvor. Jackman hängt sich hier voll rein und gibt eine ebenso nuancierte wie unprätentiöse letzte Vorstellung. Man merkt, dass es der Film ist den er machen wollte. Für Stewart dürfte es ebenfalls der letzte größere Auftritt als Professor X gewesen sein. Er bekommt hier deutlich mehr zu tun als in den übrigen X-Filmen, wo er meist nur würdevoll in die Gegend schaute und gelegentlich mit Magneto Schach spielte. Unbedingt erwähnenswert ist der Auftritt von Dafne Keen, die ihre Rolle für ihre 11 Jahre mit einer geradezu erschreckenden Intensität spielt. Der Film leidet an der üblichen Marvel-Krankheit des lahmen Schurkencharakters, Boyd Holbrook und seine halbmechanischen Mordbuben bleiben recht blass, einzig ein seelenloser Klon von Wolverine bekommt eine wohl unvergessliche Szene. Doch ist das in diesem Film, der zu gleichen Teilen Charakterstudie und Survivalthriller / Actionfilm ist ausnahmsweise einmal völlig egal.

‚Logan‘ ist ein absolut gelungener Film, meine Skepsis war völlig unangebracht. Er ist ein wenig für das Genre des Superheldenfilms, was die revisionistischen Western der 70er, wie ‚McCabe & Mrs. Miller‘ oder ‚Das Wiegenlied vom Totschlag‘ für den amerikanischen Western waren. Das würde ihn dann wohl zu einem revisionistischen Superheldenfilm machen, ein Genre, dass ich soeben erfunden habe. Ein wenig zu hoch mögen manche überschwänglichen Kritiken die Erwartungen getrieben haben aber enttäuscht wurden sie auf keinen Fall.

Streiflichter Nummer 3: Polizeiwagen und Irische Wälder

Folge 3 der Streiflichter, diesmal nur mit zwei Filmen, ‚Cop Car‘ und ‚The Hallow‘. Weil ich es nicht geschafft habe mich kurz zu fassen. Dafür gibt es eine unerwartete thematische Klammer in Form von „was hat der Regisseur als nächstes gemacht“.

 

‚Cop Car‘ (2015)

Die Jungen Travis (James Freedson-Jackson) und Harrison (Hays Wellford) sind von Zuhause abgehauen. Auf einem einsamen Feld, nahe einem Wäldchen stoßen sie auf ein scheinbar verlassenes Polizeiauto. Nachdem sie sich gegenseitig zu mehreren Mutproben aufgefordert haben, starten sie schließlich das Auto und fahren davon. Das würde sie schon unter normalen Umständen in große Schwierigkeiten bringen, doch das Auto gehört dem korrupten Sheriff Kretzer (Kevin Bacon), der gerade damit beschäftigt war eine Leiche in dem Wäldchen zu entsorgen. Dumm: eine weitere befindet sich noch im Kofferraum seines Dienstwagens. Kretzer unternimmt nun alles, um einerseits zu verhindern, dass seine Kollegen den Diebstahl bemerken und andererseits alles um sein Auto zurückzubekommen. Und mögliche Zeugen zu beseitigen…

Kevin Bacon ist großartig in diesem Film. Er schafft es in seiner Rolle eine komisch anmutende Hilflosigkeit ob des Diebstahls mit gleichzeitiger, grausamer Cleverness und völliger Rücksichtslosigkeit zu verbinden. Als Zuschauer zweifeln wir zu keinem Moment daran, dass dieser Charakter die beiden Kinder ohne eine Sekunde zu zögern ermorden würde. Falls das überhaupt nötig ist. Denn die beiden Jungen sind eine ständige Gefahr für sich selbst. Ob sie nun in Schlangenlinien über einsame Landstraßen fahren oder, noch weit schlimmer, das umfangreiche Waffenarsenal des Wagens finden. Und die beiden Jungschauspieler geben sich dabei so mitreißend, das man gelegentlich scharf Luft zwischen den Zähnen einzieht, wenn sie wieder irgendeinen arg gefährlichen Unsinn anstellen, ohne vom Baconschen Damoklesschwert zu ahnen, dass über ihren Köpfen hängt.

Regisseur Jon Watts gelingt aber das Kunststück das alles so schön schwarzhumorig und dabei so ungemein charmant zu inszenieren, dass man absolut bereit ist sich auf diese zunächst recht düstere Geschichte einzulassen. Er erstellt einen gelungenen visuellen Kontrast zwischen der großen, weiten Einsamkeit  der Mitte der Vereinigten Staaten und der immer drängender werdenden Klaustrophobie durch den, im Laufe des Films allgegenwärtig scheinenden Sheriff Kretzer, der sogar einen Monolog halten darf, der einen Superschurken erröten lassen würde, ohne dass seine Figur dabei Schaden nähme. Da war ich dann sogar bereit dem Film gegen Ende hin eine paar erzählerische Holperigkeiten zu verzeihen.

Wenn es Watts gelingt diese Mischung aus jugendlicher Naivität und bösartiger, tiefschwarzer Komödie auch nur halbwegs auf ‚Spider-Man: Homecoming‘ zu übertragen, könnte das ein ungewöhnlicher Superhelden-Film und einer der besten Spider-Man Filme werden.

 

‚The Hallow‘ (2016)

Ein abgelegener Wald in Irland, der bislang in staatlicher Hand war, soll privatisiert werden. Der Londoner Forstwissenschaftler Adam Hitchens (Joseph Mawle) soll, im Auftrag des neuen Besitzers, den Zustand des Waldes evaluieren. Er zieht dafür mit seiner Frau Claire (Bojana Novakovic) und ihrem gemeinsamen Baby Finn in ein altes Haus nahe des Waldes. Den abergläubischen Anwohnern, allen voran Farmer Donnelly (Michael McElhatten) sind sowohl der Verkauf an sich, wie auch die Anwesenheit der Hitchens ein Dorn im Auge. Als Adam im Wald ein totes Reh findet, befleckt mit einer seltsamen, schwarzen Substanz und am selben Abend jemand in sein Haus einbricht und das Zimmer von Finn verwüstet scheint es aber so, als sei am Aberglauben der Bevölkerung doch etwas dran.

Auf den britischen Inseln gibt es das schöne Genre des Folklore-Horrors. Vertreter vom ‚Wicker Man‘ bis zu ‚Kill List‘ haben hier ihre Finger auf tief sitzende Ängste der britischen Gesellschaft gelegt. ‚The Hallow‘ versprach dieses Genre mit einem gelungenen Monsterfilm und einer ökologischen Botschaft zu verbinden. Herausgekommen ist die frustrierendste Art von Film. Ein Film der beinahe gut ist.

Lässt der Anfang also an Folk-Horror und an Feen, Leprechauns und Banshees denken scheint sich der Film für zu intelligent für so etwas zu halten. Eine „wissenschaftliche“ Erklärung muss her. Die wird zwar nie direkt ausgesprochen aber Adam hält nach etwa 10 Minuten Laufzeit ein unprovoziertes Referat über die insektenparasitären Pilzgattung Cordyceps (wobei er genaugenommen Ophiocordyceps unilateralis beschreibt, der nach einer grundlegenden Änderung der Systematik der Mutterkornpilzverwandten zu den Ophiocordycipitaceae gehört /Biologen Talk Ende) außerdem sehen wir im Laufe des Films immer mal wieder Aufnahmen von Zellen, die andere Zellen mit schwarzen, stachelartigen Auswüchsen pieksen, allgemein akzeptierter, visueller Ausdruck von Parasitismus.

So wird dann nach einer halben Stunde aus dem atmosphärischen Film eine Art Zombiefilm, der jedem Klischee dieser Gattung folgt. Aber auch dieser Spuk ist schnell wieder vorbei und sodann wildert der Film im Forstgebiet von ‚The Shining‘. Solche Genrewechsel können durchaus funktionieren, nur hat es Regisseur und Autor Corin Hardy hier verpasst ein Interesse am Ort der Handlung oder der handelnden Charakter zu wecken. Adam und Claire sind leider nicht vielmehr als Abziehbilder und Plot-Transporteure. Das liegt keinesfalls an den Darstellern und rein am Drehbuch. Wenn ich die Geduld hätte würde ich feststellen wie viel von ihrem Dialog in der zweiten Hälfte des Films aus dem Rufen des Namens des anderen besteht.

So weit so schlecht aber was macht den Film dann „beinahe gut“? Da sind zum einen einige Sequenzen, die in einem besseren Film wirklich effektiv gewesen wären. Vor allem aber das Design der Kreaturen. Es ist anders genug, als typische Horror-Monster, um aufzufallen und funktioniert am besten, solange der Film es sparsam einsetzt. Auch das Hyphengewebe, das nach und nach überall auftaucht und die widerliche, schwarze Substanz schreien förmlich nach einem besseren Film. Das einzig ähnliche, dass mir einfiele wäre ‚Pan’s Labyrinth‘, allerdings ist der Film so viel besser als das hier, das der Vergleich schon beinahe unfair erscheint. Aber meinen letzten guten Willen verspielte der Film dann mit einem absurden Finale, dass nicht nur reichlich dämlich war sondern auch noch sämtlichem Streben der Monster im übrigen Film komplett widersprach.

Hier würde ich jetzt normalerweise schreiben, dass das ja ein Erstlingsfilm war und genug Gutes da war, dass ich gespannt auf Hardys nächsten Film bin. Allerdings weiß ich bereits, dass sein nächster Film der ‚Conjuring‘ Ableger ‚The Nun‘ wird. Insofern kann ich nicht mal das guten Gewissens behaupten.

‚The LEGO Batman Movie‘ (2017) „Computer! Overcompensate!“

Was hatte ich nicht für Vorstellungen, bevor ich Phil Lords und Chris Millers ‚Lego Movie‘ gesehen habe. Einen seelenlosen 90 minütigen Werbespot für das beliebte, dänische Bauspielzeug habe ich erwartet. Was ich stattdessen bekommen habe, lässt sich wohl am besten mit den Worten „everything is awesome!“ zusammenfassen. Sicherlich, wie ernst man die antikorporatistische Aussage des Films nehmen kann, angesichts nicht nur seiner Entstehung, sondern auch mehrerer Spin-Offs und Fortsetzungen, bleibt jedem selbst überlassen. Dennoch hatte der Film Herz und führte jede Menge liebenswertet Charaktere ein. Und der weitaus coolste von denen, zumindest seiner eigenen Meinung nach, ist Will Arnetts selbstverliebter Batman. Kein Wunder also, dass der dann auch den ersten Spin-off Film bestreiten durfte.

Batman (Arnett) ist frustriert. Jim Gordon (Hector Elizondo) ist in den Ruhestand gegangen und seine Nachfolgerin Barbara Gordon (Rosario Dawson) erwartet, dass Batman mit der Polizei zusammenarbeitet. Dann überrascht ihn auch noch der Joker (Zach Galifianakis) mit einem Gespräch über ihre „komplizierte“ Beziehung als Erzfeinde. Niemand scheint verstehen zu wollen, dass Batman mit niemandem zusammenarbeitet und ganz bestimmt keine Beziehungen führt. Batman arbeitet und ist allein! Die Tatsache, dass Bruce Wayne in einem unachtsamen Moment den anhänglichen Waisenjungen Dick Grayson (Michael Cera) adoptiert hat, macht diese Position nicht eben einfacher. Aber als sich dann nicht nur der Joker, sondern gleich die gesamte gothamer Schurkenriege der Polizei ergibt und Batman somit überflüssig macht, ist ein Schritt zu weit. Batman lässt sich zu einer Tat hinreißen, die die ganze Stadt in Gefahr bringt.

Eines wird schnell überdeutlich: die Autoren dieses Fims haben ihre Hausaufgaben gemacht und kennen sich in Batmans jahrzehntelanger Geschichte bestens aus. Wenn Batman im Gespräch mit dem Joker von „dem Vorfall mit den zwei Booten“ (‚The Dark Knight‘ 2008) oder „dieser Parade mit Musik von Prince“ (‚Batman‘ 1989) spricht, dann werden noch die meisten wissen wovon die Rede ist. Aber so ziemlich jeder Batman(und Superman)-Film, „diese merkwürdige Phase in den 60ern“, selbst die 40er Jahre Serials und allem voran die Comics werden mit so vielen Anspielungen und Hintergrundgags bedacht, dass man den Film wohl 5 mal schauen müsste, um das alles richtig würdigen zu können. Und nebenbei einen Doktortitel in Batmanologie haben müsste. Das dürfte in naher Zukunft so einige Internet-Listen füllen. Als „90minütiges Easteregg für Batfans“, als das Lego Movie‘ Co-Regisseur Miller den Film einmal bezeichnet hat funktioniert er ohne Frage ganz großartig.
Wie sieht es als Film aus?

Die Qualität des ‚Lego Movie‘ erreicht er nicht ganz, wobei das auch ein sehr hochgestecktes Ziel ist. Die Gagdichte erscheint mir hier noch ein wenig höher, der Film nimmt nur selten einmal ein wenig Tempo heraus, um seinen Charakteren eine Chance für Entwicklung zu geben. Dennoch geht der dritte Akte davon aus, dass sie uns zutiefst ans Herz gewachsen sind, was nicht ganz funktioniert. Zusammen mit der Gagdichte und der Geschwindigkeit ergab sich für mich ein Gefühl der Hyperaktivität, dass mich gegen Ende etwas überfordert hat. Aber ich bin sicher, das jüngere Zielpublikum kommt damit weit besser klar als ich.

Optisch erreicht der Film problemlos das Niveau des ‚Lego Movie‘. Fast wirken die plastikglänzenden Umgebungen hier noch etwas liebevoller, noch etwas schöner als im Original. Die Figuren noch etwas beeindruckender animiert, gelingt es noch mehr Ausdruck aus den steifen Minifiguren herauszuholen.  Das mag daran liegen, dass mit Chris McKay hier der Animationsverantwortliche des ‚Lego Movie‘ die Regisseursarbeit übernommen hat und auf ebensolche Details vermutlich noch ein weitaus schärferes Auge hatte. Akustisch reichen sich klassische und moderne Popmusik hier die Hände und Lorne Blafe liefert einen Score ab, der wunderbar zwischen Superheldenbombast und Albernheit zu oszillieren weiß.

Die Besetzung der Hauptfiguren ist durch die Bank gelungen und auch im Hintergrund finden sich immer mal wieder gelungene Gags. Wenn Doug Benson Bane mit deutlich artikuliertem britischen Akzent spricht ist dies in sich schon eine weitere Anspielung auf ‚The Dark Knight Rises‘. Manches hat mich aber doch verwundert. Da besetzt man Billy Dee Williams endlich als Two-Face (er spielte im ’89er Film Harvey Dent aber Burton hat Two-Face nie verwendet), lässt ihn dann aber nur einen Halbsatz sagen, der quasi im Lärm der Szene untergeht. Schade. Wenn man Ralph Fiennes ohnehin schon als Alfred im Studio hat, hätte er doch auch gleich noch eine gewisse bekannte Schurkenfigur sprechen können, mit der er einige Erfahrung hat. Wobei Eddie Izzard hier ein mehr als adäquater Ersatz ist.

Was auffällt ist wohl, dass ich von dem Film hier immer nur als Batman Film spreche. Die Tatsache, dass sie in einem Universum aus Legosteinen spielt hat auf die Geschichte tatsächlich so gut wie keinen Einfluss. Die wenigen Momente, wo es dann doch einmal eine Rolle spielt wirken dann auch teilweise etwas aufgesetzt. Lego ist hier eher Medium als wichtiger Teil der Handlung.

Wer einen Batman Film abseits des bitteren Ernstes der derzeitigen DC Filme sucht, der Batman dennoch vollumfänglich als Figur versteht (womöglich sogar besser) der hat derzeit ja nicht eben die größte Auswahl (‚Return of the Caped Crusaders‘ gäbe es noch) und wird hier auf jeden Fall bestens bedient und 100 Minuten lang hervorragend unterhalten. Und dann schaut man den Film nochmal, um mehr Anspielungen mitzukriegen. Und dann…

‚Personal Shopper‘ (2017) „Are you here? Or is it just me?“

Bevor ich zu dem eigentlichen Film komme, erlaubt mir ein paar Worte zu Kristen Stewart zu sagen. Vor Jahren habe ich sie in der netten Tragikomödie ‚Adventureland‘ gesehen und fand ihre sehr zurückgenommene Spielweise dort sehr passend. Von dem ganzen „Twilight“ Rummel habe ich höchstens mal die Trailer oder ein paar Clips gesehen, merkte allerdings, dass sie hier ebenso zurückgenommen spielte. Dann bin  ich irgendwie in ‚Snow White and the Huntsman‘ geraten und habe endlich eingesehen: das ist kein zurückhaltendes Spiel, das ist die Steven Seagal-Schule der Schauspielerei, ein Gesichtsausdruck für alle Lebenslagen.  Nochmal ein paar Jahre vorgespult und ich sehe Olivier Assayas‘ ‚Die Wolken von Sils Maria‘ und erlebe eine ziemliche Überraschung. Das ist eigentlich Juliette Binoches Film aber jedes Mal, wenn Stewart im Bild erscheint, geht von ihr eine beinahe magnetische Kraft aus, die es unmöglich macht irgendetwas anderes anzuschauen. Sie beherrscht hier das Bild, wie ich das nur von wenigen Schauspielern erlebt habe. Obwohl ich mich nun umso mehr wundere, was sie in den anderen Filmen gemacht hat, musste ich meine Meinung bezüglich ihres Talents vollständig revidieren. Ich bin wohl nicht der Einzige, der das so gesehen hat und Stewart erhielt, als erste Amerikanerin, den begehrten französischen César-Preis. Kein Wunder also, dass ich mir die nächste Zusammenarbeit von Assayas und Stewart fest im Kalender vorgemerkt habe. Den Film dann doch im Kino zu verpassen, ist etwas, dass wohl nur mir passieren kann. Aber kommen wir zur Sache.

Maureen Cartwright (Stewart) lebt in Paris und arbeitet als „Personal Shopper“ für Kyra (Nora von Waldstätten), einer dieser Berühmtheiten, die dafür berühmt sind berühmt zu sein. Sie hasst Kyra und hasst den Job, doch hilft er die Miete zu zahlen, während sie wartet. Denn Maureens Zwillingsbruder Lucas ist vor drei Monaten an einem Herzleiden gestorben, welches sie teilt. Da beide spiritistisch interessiert sind, haben sie ausgemacht, wer zuerst stirbt schickt dem Überlebenden eine Nachricht aus dem Jenseits. Darauf wartet Maureen jetzt, nachts in dem Haus, das ihr Bruder gerade renoviert hat, als er starb. Als sie gerade auf dem Weg nach London ist, um ein Kleid für Kyra abzuholen, meldet sich ein merkwürdiger Fremder auf ihrem Telefon, der Vieles über sie zu wissen scheint.

Spielte sie im letzten Film noch eine Nebenrolle, lädt Assayas diesmal den ganzen Film auf Stewarts Schultern. Kaum eine Szene in der ihr Charakter nicht im Mittelpunkt stünde und das obwohl Maureens ganzes Leben daraus besteht sich am Rande aufzuhalten. Selbst fast geisterhaft eilt sie auf ihrer Vespa durch die High Society Boutiquen von Paris, kauft Kleider, die sie nicht anziehen darf und macht Deals, die ihre abwesende Chefin bricht. Ihr Freund arbeitet in Oman, bittet sie wieder und wieder zu ihm zu kommen. Sie lehnt das ab, bis sie ein Zeichen von Lucas bekommt, vertieft sich stattdessen in die spiritistischen Ideen der Künstlerin Hilma af Klint und Victor Hugos. Das alte, leere Haus nimmt schnell bedrohliche Züge an, die Textnachrichten des Fremden werden schnell fordernd, dann befehlend. Ihre einzige wirkliche Bezugsperson ist Lucas‘ Freundin Lara (Sigrid Bouaziz). Als die ihr verkündet, sie habe bereits einen neuen Freund versucht Maureen alles, um den Eindruck zu erwecken, sie habe keinerlei Problem damit.

Wie auch schon ‚Die Wolken von Sils Maria‘ ist ‚Personal Shopper‘ ein schwierig zu kategorisierender Film. Ist er einerseits ein Geisterfilm, scheint ihm das doch andererseits immer wieder peinlich zu sein und macht selbst darauf aufmerksam, dass das ein wenig albern ist. Dann wildert er wenig im Bereich des Thrillers, was einige Leute zu arg weit hergeholten Hitchcockvergleichen getrieben hat, bleibt aber auch hier immer etwas distanziert, scheint sich nicht auf die typischen Spannungsklischees einlassen zu wollen. Assayas ist sicherlich nicht an einem Spannungsaufbau im hitchcockschen Sinne interessiert, dafür bleiben seine Ideen, seine Ziele immer etwas zu diffus. Am Rande schwingen hier wieder Ideen mit, die auch den Rand von ‚Wolken‘ beherrscht haben. Berühmtheit, der Wunsch danach aber auch eine gewisse Verachtung, für die Infantilisierung, die damit einhergeht vom täglichen Leben befreit zu sein. Was aber letztlich klar im Mittelpunkt steht, ist ein Portrait von einer jungen, einsamen Frau, die den Tod eines für sie sehr wichtigen Menschen verarbeiten muss, der sie gleichzeitig auf extreme Weise mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert, leidet sie doch an dem selben, genetischen Defekt. Die Zukunft wird für sie zu einem Abstrakt, Risiken und Rücksichtslosigkeiten erscheinen normaler, das Einzige worauf sie noch wartet ist das Zeichen von ihrem Bruder.

Dass der Film, trotz tonaler Umschwünge und gelegentlich mangelndem Fokus der Handlung dennoch gut funktioniert ist, neben Stewarts wiederum gelungener Vorstellung, Assayas selbstbewusster Bildsprache zu verdanken, mit der er das Elegante, das Unheimliche und das Verführerische gleichermaßen einfängt und zu einem kohärenten Ganzen zu fügen schafft. Das er willens ist, seine Geheimnisse zu wahren, eben nicht alle Antworten auf den Tisch zu legen bereit ist, dürfte ebenso viele Leute faszinieren wie frustrieren. Ich gehöre insgesamt mehr zum ersten Lager, wünschte mir teilweise aber doch mehr Fokus und Substanz. Aber vielleicht ist genau das mein Fehler, bei einem Film, in dem es um Geister geht.

 

‚Die Taschendiebin‘ (2016)

Ich bin ein großer Fan der Filme von Park Chan-wook. Durch seinen ‚Joint Security Area‘ bin ich damals sogar erst auf das moderne südkoreanische Kino aufmerksam geworden. Seine Rache-Trilogie ist großartig, ‚Thirst‘ ein ungewöhnlicher, gelungener Vampirfilm, selbst seinen etwas ungeliebten ‚I’m a Cyborg, but that’s okay‘ mag ich sehr. Seinen bislang einzigen Hollywood-Ausflug in Form der Hitchcock-Hommage ‚Stoker‘ fand ich allerdings eher interessant als rundum gelungen. Nachdem ich nun ‚Die Taschendiebin‘ zum zweiten Mal gesehen habe, kann ich sagen, dass ‚Stoker‘ in gewissem Sinn eine Trockenübung für diesen Film gewesen sein könnte, finden sich doch viele thematische Elemente aus diesem Film hier wieder. Überhaupt ist dieser Film, wie das Herrenhaus in dem ein Großteil der Handlung spielt und die Mode vieler Charaktere, eine Melange aus östlichen und westlichen Einflüssen, die Park hier wunderbar zu seinem vielleicht besten Film vermischt.

Der Film basiert auf dem Roman „Fingersmith“ von Sara Waters, den ich allerdings nicht kenne. Er verlegt die Handlung vom viktorianischen England ins japanisch besetzte Kore der 30er Jahre. Das passt, wie ein schwarzer Lederhandschuh, findet sich doch hier wie dort eine extrem streng stratifizierte Gesellschaft. In dieser Gesellschaft möchte der Betrüger Fujiwara (Ha Jung-woo) um jeden Preis aufsteigen. Dafür will er die japanische Adlige Lady Hideko (Kim Min-hee ) heiraten. Zu diesem Zweck plant er sich selbst als japanischer Graf auszugeben und gleichzeitig eine Gaunerkollegin, die Taschendiebin Sookee (Kim Tae-ri), als Dienstmädchen in den Haushalt von Hidekos Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) einschleusen, die ihre Position nutzen soll, um Hideko  von der Großartigkeit „Graf Fujiwaras“ zu überzeugen und als Dienstmädchen Treffen zwischen den beiden ermöglichen soll. Onkel Kouzuki seinerseits möchte Hideko ebenfalls heiraten, um so als echter Japanischer Adliger akzeptiert zu werden. Wirklich kompliziert wird die Sache allerdings, als sich Sookee und Hideko ineinander verlieben.

Das Erste, was man über den Film sagen muss ist, wie unfassbar gut fotografiert er ist. Wenige Filme bringen mich dazu schon in den ersten Minuten mehrfach ein leises „wow“ von mir zu geben, Park schafft das hier problemlos und hält diesen Wow-Faktor über zweieinhalb Stunden. Er fasst hier wunderschöne Menschen in wunderschönen Kostümen vor wunderschönen Hintergründen in Bilder, die es schaffen tatsächlich noch etwas mehr zu sein als die Summe ihrer Teile. Die Musik von Cho Young-wuk trägt weiterhin ihren Teil dazu bei. Bei aller inszenatorischen Eleganz verliert der Film allerdings niemals seinen Drive, sein Tempo. Selbst im zweiten, des in drei Kapiteln unterteilten Films, das zahlreiche Sequenzen des ersten Kapitels aus anderer Perspektive wiedergibt, wird er nicht langweilig. Sprich, der Film verliebt sich nie zu sehr in seine Bilder, weiß das seine rauschenden Kimonos und überschwänglichen Bibliotheken immer nur dazu dienen dürfen seine Charaktere zu unterstützen. So gewaltig aber ist seine Bilderflut, dass ich mehrfach schlicht vergessen habe die Untertitel zu lesen, weil ich zu sehr in seinen Bildern verloren war. Das ist mir noch nicht häufig passiert.

Und die Untertitel zu lesen, um der Geschichte zu folgen lohnt sich absolut, denn die kommt mit so einigen Wendungen, daher, mit Plänen innerhalb von Plänen. Park erzählt sie mit Leichtigkeit, Eleganz und wunderbar wohldosiertem, tiefschwarzen Humor. Sicherlich hat keine Wendung die Wucht jenes Moments aus Parks ‚Oldboy‘, das ist aber auch nicht das Ziel, auch die Ränke dieser Geschichte dienen vornehmlich dazu uns die Charaktere näher zu bringen.

Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellerinnen funktioniert ganz hervorragend. Sookees sorgfältig gehegte Pläne sind von dem Moment zum Scheitern verurteilt, als sie die kühle, scheinbar naive aber definitiv einsame Hideko das erste Mal sieht. Das bringt mich zu den, in vielen Besprechungen kritisierten, Sexszenen zwischen den beiden. Die sind sicherlich expliziter als vieles, was wir heute im Kino geboten bekommen, sind allerdings für die Wärme und die Intimität zwischen den beiden Charakteren von entscheidender Wichtigkeit und erscheinen mir ehrlich gesagt in keiner Weise exploitativ oder geschmacklos. Wenn man sich weiterhin die männlichen Figuren ansieht, wird es für mich schwierig hier besondere Männerfantasien auszumachen. Denn Fujiwara wird schnell zu einem reinen Störfaktor für die beiden, ein lästiger, aufdringlicher Vollidiot, während Onkel Kozouki eine schwarzzüngige, sadistische, übergriffige Monstrosität ist, der die Realität am liebsten seinen geliebten, pornografischen Schriften angleichen würde. Insofern würde ich den Film eher als sexuell befreiend begreifen wollen, denn als typischen Vertreter des „Male Gaze“. Ein passender Vergleich wäre vielleicht der zu ‚Carol‘ von 2015, den ich ebenfalls sehr mochte.

Wenn ich einen Kritikpunkt einbringen müsste, dann ist das die gelegentliche, nur mäßig gelungene Einbindung von Gedankengängen der Charaktere als Voice-Over. Es ist beinahe erstaunlich, dass Park in der Lage ist solche Bilder zu komponieren, ihnen dann aber in entscheidenden Momenten doch nicht genug vertraut und auf eine solche Krücke zurückgreift. Wenn Sookee Hideko das erste Mal sieht, dann sagt ihre Reaktion alles, da brauche ich kein Voice-Over, das mir sagt, dass Hideko wunderschön ist. Das sehe ich nebenbei auch selbst. Aber ich will das nicht zu sehr aufblähen, der Einsatz ist wie gesagt sehr sparsam, zumindest für mich dennoch gelegentlich störend.

Lasst mich noch ein paar Worte zum Titel sagen, weil das ein Thema ist, dass mir immer noch durch den Kopf geht. Der koreanische Titel lautet ‚Agassi‘, hat nichts mit Tennis zu tun, sondern bedeutet Fräulein, im Doppelsinne von Adelstitel und unverheirateter Frau. Der internationale Titel wurde dann ‚The Handmaiden‘, also das Dienstmädchen. Im Deutschen war man dann direkt so ehrlich zu verraten, wer hinter dem Dienstmädchen steckt. Der originale Titel ist sicher der beste, allerdings glaube ich nicht, dass ‚Das Fräulein‘ im Deutschen besonders gut funktioniert hätte. Das lässt doch eher an piefige 50er Jahre denken, als an viktorianisch-gothische Erotik. Und der deutsche Titel gefällt mir hier ehrlich gesagt besser als der internationale.

Wenn ihr alle Elemente einer gelungenen „Gothic Novel“, also verbotene Leidenschaften, Selbstmorde und verborgene Perversionen elegant eingebettet in eine für Korea ebenso verstörende, wie prägende Epoche sehen möchtet, dann ist dieser Film der Richtige für Euch. Wenn ihr einen Meister sowohl der Technik als auch des visuellen Erzählens auf dem Höhepunkt seines Schaffens sehen wollt, dann auch. Sicherlich einer der (wenn nicht der beste) besten Filme des letzten Jahres.

‚Jackie‘ (2016) – „Don’t let it be forgot, that for one brief, shining moment there was a Camelot“

Beinahe jeder von uns dürfte irgendwann schon einmal den Zapruder-Film gesehen haben. Jene unschuldige, private Aufnahme, die Abraham Zapruder im November 1963 in Dallas vom vorbeifahrenden Wagen Präsident Kennedys machen wollte, die aber unversehens zu einem merkwürdig gesellschaftlich akzeptierten Snuff-Film werden sollte. In ruckeligen, verwaschenen Aufnahmen sehen wir, wie der Kopf des Präsidenten nach hinten zuckt, seine Frau, Jacqueline „Jackie“ Kennedy, in einer nervösen Übersprungshandlung, an die sie sich später nie erinnern kann, auf den Kofferraum des Kabrios klettert und Hirnmasse und Schädelsplitter zusammensammelt, bevor sie von einem Secret Service Agenten zurück in das Innere des Wagens gestoßen wird, der sich dann mit großer Geschwindigkeit entfernt. Vorgeschichte und Nachwirkung dieser Geschehnisse wurden in Literatur und Film bereits dutzendfach verarbeitet und dokumentiert. Autor Noah Oppenheim und Regisseur Pablo Larrain erlangen dennoch eine völlig neue Perspektive auf die Geschehnisse, indem sie den Blick nur ein wenig zur Seite wenden. Auf Jackie Kennedy, anstatt auf JFK.

Die Rahmenhandlung spielt auf dem Sommersitz der Kennedys, wo Jackie (Natalie Portman), nur eine Woche nach der Ermordung ihres Mannes, einem Journalisten (Billy Crudup) ein ausführliches Interview „zu ihren Bedingungen“ gibt. Sprich, sie wird den Inhalt redaktionell abnehmen, bevor der Artikel veröffentlicht werden kann. In Rückblenden erleben wir dann die Minuten vor und nach dem tödlichen Anschlag und die darauffolgenden Tage aus Jackies Perspektive. Der einzige Ausbruch aus diesem Rahmen sind Rückblenden zu den Aufnahmen einer Fernsehsendung 2 Jahre früher, bei der Jackie Kennedy die interessierte Öffentlichkeit durch das Weiße Haus führte. Hier lässt sie sowohl eine gewisse Unnahbarkeit gegenüber der Kamera erkennen, als auch ein tiefes Interesse am Vermächtnis ehemaliger Präsidenten. Dieses Interesse steigert sich nach dem Mord an Kennedy zu einer Besessenheit, die sie funktionieren lässt, wenn die eigenen Kinder, Alkohol und Tabletten nicht mehr ausreichen. Bereits am Tag nach dem Anschlag studiert sie den Aufbau und Ablauf von Abraham Lincolns Leichenzug, dem sie gleichziehen oder ihn gar übertreffen möchte. Sicherheitsbedenken und Widerworte akzeptiert sie nicht, weder wohlwollende von Schwager Bobby Kennedy (Peter Sarsgaard) oder weniger wohlwollende vom frisch eingeschworenen Lyndon B. Johnson.

Natalie Portman zeigt Jackie Kennedy als eine First Lady, die ihre Haltung, ihr Bild und das ihres Mannes bis zum Letzten in Perfektion halten möchte. Durch die kaleidoskopische Form des Films wissen wir nie genau in was für einer Rückblende wir als nächstes landen, welche Jackie wir als nächstes erleben. Darf sie ihre Trauer für einen Moment leben? Oder muss sie für ihre Kinder da sein? Sich den Offiziellen Washingtons stellen oder gar der ganzen Welt zeigen? Sehen wir die schmerzhaft isolierte Frau, die direkt nach dem Mord der Amtseinschwörung Johnsons beiwohnen muss, sogar von ihrem Schwager durch den schwankenden, türmenden Sarg ihres Mannes, seines Bruders bildlich getrennt wird. Oder die entschlossene Mythologin, die Tage nach seinem Tod an der Hagiografie ihres Mannes arbeitet. Oder die vielleicht aufrichtigste Jackie, die im Gespräch mit einem Priester (John Hurt) darlegt, dass ihre Beziehung zu Kennedy von allerlei Schmerz geprägt war. In der Rahmenhandlung sehen wir sie schließlich als jemanden, der an einer Zigarette zieht und dem Journalisten gleichzeitig ins Gesicht sagt, sie rauche nicht, bevor sie die Regierung Kennedys mehrfach mit Camelot, dem Sitz des idealen König Artus, vergleicht. Hat sie das selbst geglaubt? Wer weiß. Ist das wichtig? Sie hat geschafft, dass die ganze Welt es glaubte, es bis heute glaubt, sie hat ein Bild des idealen Präsidenten und der idealen First Lady geschaffen. Außer Lincoln und Washington kommt kein anderer amerikanischer Präsident dieser Verehrung gleich.

Natalie Portman liefert hier eine unglaubliche Darstellung ab. Oder eigentlich eine Reihe perfekter Darstellungen, je nachdem welche Maske Jackie spielen will oder muss. Sie spielt Jackie mit einem auffälligen Akzent, der ein wenig aufgesetzt wirkte und den ich nicht zuordnen konnte. Eine kurze Recherche verriet, dass das der „Kennedy Akzent“ ist, eine Art zu sprechen, die allen Kennedys gemein ist. Jackie emulierte diesen Akzent offensichtlich, also ist es nur passend, dass er ein wenig aufgesetzt wirkt, war er doch genau das. Jede zukünftige Darstellung Jacqueline Kennedys wird sich fraglos an ihr messen lassen müssen. Auch der Rest der Besetzung spielt hervorragend, am Ende des Tages ist dies aber Portmans Film und jeder scheint das zu respektieren. Hervorheben möchte ich nur Greta Gerwig als Jackies Sekretärin, die in ihrer recht kleinen Rolle deswegen auffällt, weil sie die Einzige ist, die Jackie von Herzen kommende Wärme entgegenzubringen scheint.

Pablo Larrain fasst seine eigentlich sehr emotionale Handlung in unterkühlte Bilder, die teilweise beinahe an Kubrick erinnern und gelegentlich 60er Jahre Fernsehbildern nachempfunden sind. Das funktioniert allerdings sehr gut für die verletzte, trauernde aber stets Haltung bewahrende Frau, die sich nicht in die Karten schauen lassen möchte und lässt jene Momente, wenn wir Jackie doch einmal näher kommen und auch Portman im Spiel alle Masken fallen lässt, umso kraftvoller. Unterstützt werden diese Bilder durch den hypnotisch-verzerrten Soundtrack Mica Levis, in dem sie mit denselben Glissandos arbeitet, die sie schon in ‚Under the Skin‘ so effektiv eingesetzt hat.

Gegen Ende des Films kann sich auch Larrain dann der morbiden Faszination des Zapruder-Films nicht mehr entziehen, zeigt den Mord in kurzen, furchtbaren Bildern. Aber hier ist das wohl auch nötig, ist er doch ein zentrales Element, sowohl im emotionalen Zustand Jackies, als auch der Legende an der sie arbeitet.

Der Film ist soweit es nur geht von typischen „und dann, und dann, und dann“ Biopics entfernt. Im Verlauf einiger weniger Tage vermittelt er uns alles, was wir über Jackie wissen müssen, lotet eine unheimliche Gefühlstiefe aus. Ob Ihr Euch nun für Jackie Kennedy interessiert oder nicht ist denke ich ganz egal, Larrains Regie und vor allem Portmans Spiel werden Euch auf jeden Fall abholen und für 100 Minuten und darüber hinaus nicht loslassen. Und zumindest ich habe mit Pablo Larrain einen weiteren Regisseur, dessen Werk ich mir genauer ansehen möchte.