‚Fargo‘ (1996) – „And it’s a beautiful day.“

Ist es eigentlich einfallslos als liebsten Coen Brothers Film ‚Fargo‘ anzugeben? Vielleicht ein bisschen, aber für mich stimmt es nun einmal trotzdem. ‚Fargo‘ ist nicht nur mein liebster Film  der Coen Brothers, er gehört sicherlich zu meinen liebsten Filmen im Allgemeinen. Ich möchte heute gar nicht viel über die großartigen darstellerischen Leistungen, Roger Deakins elegante Kamera, Carter Burwells fantastischen Soundtrack, oder die Handlung sagen. Ich möchte mir heute vor allem die Charaktere anschauen und wie sie sich ins Weltbild der Coens und des Films einfügen. Es sei darauf hingewiesen, dass ich im Folgenden auch über das Ende sprechen werde. Wer den Film also gänzlich blind genießen will, sollte das vor Lektüre dieses Artikels tun. Wobei bei ‚Fargo‘ absolut der Weg das Ziel ist. Außerdem weiß ich gar nicht, wie gut man dem Text überhaupt folgen kann, wenn ‚Fargo‘ gänzlich unbekannt ist.

Die Coen-Brüder sind Absurdisten. Die Charaktere ihrer Filme versuchen einem Universum, das auf die Frage nach einem Sinn keinerlei Antworten gibt, keine Antwort geben kann, einen Sinn abzuringen. Oft genug sind es gar nicht die Hauptcharaktere, die dies tun. Sie geraten nur in den Strudel der Ereignisse, der durch dieses Streben nach Sinn ausgelöst wird. Manche Protagonisten, wie Larry Gopnik aus ‚A Serious Man‘ verzweifeln an der Absurdität des Universums, andere wie der Dude aus ‚The Big Lebowski‘ umarmen sie und werden so ihrerseits zu einem absurden Helden. Marge Gunderson (Frances McDormand) aus ‚Fargo‘ ist anders als fast alle anderen Coen Protagonisten, insofern, dass sie einen absolut sicheren Hafen in dieser absurden Welt gefunden hat. Sie ist zutiefst glücklich mit Ehemann Norm (John Carrol Lynch) und ihrem Polizei-Beruf. Sie ist zielstrebig wie ein Pfeil, versteckt eisern zielstrebiges Kriminalistentum hinter einer höflich-jovialen (und gelegentlich distanzierten) Fassade aus „Minnesota Nice“. ‚Fargo‘ ist dennoch eine Geschichte, die sie auf ihrem ansonsten geraden Weg erschüttert.

Jerry Lundegaard (William H. Macy) hat den Sinn des Lebens im Geld und der damit verbundenen Autorität entdeckt. Sein reicher Schwiegervater verachtet ihn, seine Kollegen bei der Autohandlung mögen ihn nicht. Doch wenn er reich wäre, wenn er sich als Geschäftsmann beweist, dann müssten sie ihn respektieren, ist Jerry überzeugt. So betrügt er Kunden und Banken und nun will er seinem Schwiegervater auf grausame Weise eine Million abnehmen. Indem er zwei Kriminelle, Carl (Steve Buscemi) und Gaear (Peter Stormare) anheuert, die seine Frau entführen und das Geld erpressen. Den Entführern sagt er es gehe um 80.000 Dollar, die sie teilen würden, doch in Wirklichkeit, will er eine Million einsacken. Für Jerry ist alles käuflich und verkäuflich. Seine Frau scheint ihn ehrlich zu lieben, er betrachtet sie als wenig mehr als Bankautomaten. Der Film zeigt Jerry meist isoliert, entweder komplett physisch, in der verschneitet Weite Minnesotas, oder aber sozial, wenn sich andere Charaktere bei Gesprächen mit ihm, ihm den Rücken zuwenden. Jerry ist gleichzeitig einer der widerlichsten und erbärmlichsten Schurken der Filmgeschichte.

Carl lehnt die Idee der vorgeschobenen Höflichkeit, des Minnesota Nice ab. Er ist Jerry sehr ähnlich, insofern sein Weltbild ein komplett kapitalistisches ist. Doch für ihn ist das Aufgeben von Geld die schlimmste Beleidigung. Vier Dollar für einen Besuch im Parkhaus drückt er nur unter wüsten Beschimpfungen ab, obwohl er doch demnächst ein hohes Lösegeld erwartet. Obwohl er eine Million Dollar vergraben hat, weigert er sich Gaear das Auto zu überlassen, was ihn das Leben kostet. Sein Selbstbild eines eleganten Gangsters passt nie mit der absurden Realität zusammen, was für ihn zu Wutausbrüchen und einer der übelsten Tracht Prügeln der Filmgeschichte durch Shep Proudfoot (Steve Reevis) führt. Für das Publikum bedeutet es, dass fast alles was Carl sagt, zutiefst komisch wirkt. Also, he is funny lookin‘, oh yah.

Gaear ist eine Art Standard-Charakter der Coens. Ein schweigsamer Mann, der der Welt beinahe entrückt scheint und auf ihre Absurdität mit einem bodenlosen Potential für tödliche Gewalt antwortet. Die bekannteste „Version“ dieses Charakters ist sicherlich Anton Chigurh aus ‚No Country For Old Men‘. Doch Stormare macht sie sich hier zu eigen, starrt wie hypnotisiert auf einen Fernseher, der mal gar nichts, mal eine belanglose Seifenoper zeigt. Er frisst sein Mikrowellenfutter, während er neben der Leiche, der entführten Frau sitzt, die er erschlagen hat, weil sie ihn nervte. Gaear ist ein präziser Killer, aber, anders als Chigurh, ist er auch ein ziemlicher Idiot.

Norm Gunderson malt seine Enten, in der Hoffnung auf eine Briefmarke zu kommen und geht Fischen. Seine hochschwangere Frau muss derweil ihrer Polizeiarbeit nachgehen. Allerdings scheinen beide damit überhaupt kein Problem zu haben. Sie freut sich, wenn er ihr fettiges Fast Food zum Mittag vorbeibringt und ist zu jedem Moment eine Stütze für Norm. Der steht auch mitten in der Nacht für sie auf und macht ihr Eier zum Frühstück, sollten mal zu Unzeiten Leichen gefunden werden. Marge und Norm sind fraglos glücklich miteinander und könnten das seltene perfekte Paar in einem Coen-Brüder Film sein. Wenn da nicht Mike Yanagita (Steve Park) wäre.

Yanagita ist ein alter Schulkamerad von Marge, der sie anruft, weil er sie bei einem Bericht im Fernsehen gesehen hat. Als die beiden ein Treffen verabreden, erwähnt Marge nicht, dass sie verheiratet ist. Und Norm verrät sie nichts von dem Treffen. Was wäre geschehen, wenn sich Mike Yanagita nicht als totale Katastrophe entpuppt hätte? Wäre Marge fremdgegangen? Ich mag es kaum glauben, aber es zeigt wenigstens, dass sie sich offenbar fragt, ob es nicht ein Leben über das, was sie führt hinaus gibt.

Doch die wahre Erschütterung für Marge folgt als sie das Verbrechen aufgeklärt und Gaear verhaftet hat. Wo für den typischen Filmpolizisten hier alle Fragen geklärt wären, beginnen sie für Marge erst. Viel ist über McDormands schauspielerische Leistung gesagt worden, deshalb lasse ich sie einfach für sich selbst sprechen.

„Und wofür? Für ein bisschen Geld!“ Marge versteht nicht, dass man für Geld töten kann, weil sie ihren Platz in der Welt gefunden hat, ihr Streben nach Sinn hat mit Geld nichts zu tun. „It’s a beautiful day.“ Sagt sie während draußen Schneefall und eine Sichtweite unter 10 Metern herrschen. Das ist einerseits wohl Kommentar auf die typische Witterung Minnesotas, andererseits Zeichen dafür, dass auch Marges Welt nur ein Konstrukt innerhalb des Absurden ist. Und dann sagt sie den wohl wichtigsten Satz des Absurdisten: „I just don’t understand!“.

Dieser hallt in der letzten Szene des Films nach. Ein Bild häuslichen Glücks, Marge und Norm gehen Schlafen. Norm streicht über ihren Babybauch und sagt „Noch zwei Monate.“. „Noch zwei Monate.“, bestätigt sie. Doch dieser Moment des Glücks wird getrübt durch den Nachhall der oben beschriebenen Szene. Marges „noch zwei Monate“ bekommt ein Element der Unsicherheit. Denn in zwei Monaten wird sie ein Kind in die Welt bringen. Eine Welt die sie, wie sich einem Mörder und sich selbst in einem einsamen Moment gestanden hat, einfach nicht versteht.

Ich liebe diesen Film und wer ihn nicht gesehen hat, soll das bitte dringend nachholen. Und wenn Du ihn seit fünf Jahren nicht gesehen hast, dann wird es wieder Zeit! Und wenn Du ihn letztes Mal nicht so gut fandest ist jetzt vielleicht Zeit für einen neuen Versuch. Dies sind auf jeden Fall die Coens und ihre Darsteller auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

Lustiges Taschenbuch Sonderedition Film – 1

Ich gebe zu, das Lustige Taschenbuch lese ich nicht eben häufig. Als Kind hatte ich einen ordentlichen Stapel, aber der ist vor langer Zeit an jüngere Verwandte gewandert. Aber hey, eine Sonderedition mit dem Thema Film klingt doch interessant. Und irgendwo habe ich gelesen, dass in einem der vier Bände dieser Sonderedition eine Ghostbusters-Variante zu finden ist. Damit ist das definitiv relevant für meine Interessen.

Ich bin mir bewusst, dass die Zielgruppe des LTB vermutlich ca. 10 Jahre alt ist und dass ich da seit einigen Jahrzehnten nicht mehr dazugehöre, aber ich schaue es mir einfach mal aus der Perspektive eines interessierten Erwachsenen an. Falls mir, als höchstens gelegentlichem Entenleser (Barks und Rosa), Charaktere nicht bekannt sein sollten, werde ich das hier deutlich machen.

Die Geschichten sind keine direkten Adaptionen von Filmen, die die bekannten Disney-Figuren einfach in die Rollen setzen, sondern sie nutzen die Idee des Films meist, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Wie erfolgreich sie dabei sind, will ich im Folgenden für jede Geschichte mal aus meiner Warte schildern.

Der Legendäre Huntron

Autor:Stefano Ambrosio
Zeichner: Viatale Mangiatordi

Goofy zockt ein Computerspiel. Micky hat keine Zeit ihm Gesellschaft zu leisten, da Kreditkartenbetrüger Online-PINs stehlen und ein Detektivprogramm der Polizei lahmgelegt haben. Aber ein Antivirenprogramm schaufelt er doch auf Goofys Laptop. Der wird kurz darauf, durch eine Kettenreaktion altersschwacher Haushaltgegenstände in seinen Computer gezogen. In eine ‚Tron‘-Welt, wo ihn das Programm Mickybit um Hilfe bei der Befreiung von Huntron aus der Hand von Verbrechern bittet.

Huntron trägt die Gesichtszüge von Komissar Hunter, die bösen Programme natürlich das von Kater Karlo. Eine hübsch gemachte Geschichte, die vor allem von ihren liebevollen Zeichnungen lebt. Wenn etwa ein riesiger Karlokopf den Lichtbogen eines Lightcycles Pacman-artig wegmampft. Ich bin mir nicht sicher, wie verständlich die Geschichte für heutige Kinder ist, die vermutlich nicht ‚Tron‘ aber Multiplayerspiele kennen. Für die ist Goofys Idee, es sei nur ein sehr realistisches Computerspiel vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Aber wie gesagt, eine nette Geschichte.

Kampf der Piraten

Autoren: Pat & Carol McGreal
Zeichner: Marco Gervasio

Die Geschichte hat immerhin einen ungewöhnlichen Aufhänger. Dagobert macht auf Elon Musk und hat sich von Daniel Düsentrieb eine Rakete bauen lassen, die zum Mars fliegen soll. Wichtiger aber noch, es ist ein Gerät an Bord, das den Mars verjüngt(!) und so bewohnbar machen soll (ooo-kay?). Die Rakete stürzt jedoch ab und das Gerät löst sich in einem Feuerball auf. Es ist durch die Zeit gewandert in die Karibik des späten 17. Jahrhunderts (ooo-kay?!), weiß der Ingenieur. Kein Ding, ihm ist ja nix zu schwör, bastelt Düsentrieb eben ein neues Zeitreisedings und die Entenschar reist hinterher, um es zurückzubekommen. Allerdings hat die verjüngende Wirkung des Terraform-Geräts bereits zur Mythologie der Karibik beigetragen. Unsere Filmverbindung erscheint hier in Form des ungewöhnlichen aber attraktiven Piraten Jack Spaniel.

Jap, Vorlage war, wenigstens ein bisschen, Fluch der Karibik. Allerdings ist der Jungbrunnen nix magisches, sondern zeitgereiste, düsentriebsche Ingenieurskunst (zugegeben, schwer von Magie zu unterscheiden). Ein angenehm verrückter Einstieg führt dann aber zu einer schwungvollen Piratengeschichte. Daisy als Piratenbraut, Donald und Dagobert laufen über die Planke, alles sehr hübsch inszeniert. Und vermutlich besser als so manches Fluch der Karibik Sequel (zugegeben, nicht das höchstmögliche Lob). Einzig das Ende war mir dann etwas zu wirr.

Wahnsinn im Hotel

Autor: Gianfranco Cordara
Zeichner: Andrea Ferraris

Oha, dachte ich, als ich den Titel im Inhaltsverzeichnis las, das wird doch nicht ‚The Shining‘ werden, oder? „All work and no play, makes Donald a dull boy.“ Aber nein, natürlich nicht, das wäre wohl ein Tick (wenn nicht gar ein Trick oder Track) zu viel für dieses Buch. Donald, Dussel und Hubert Bogart (eine füllige Ente im Trenchcoat, die mir nicht bekannt war) wurden von einem Hotel angeheuert, weil dem Stargast, Regisseur Quackantino, der Blaubeerkuchen gemopst wurde. Den Täter gilt es nun zwischen allerlei Filmanspielungen und Wahnsinn zu finden.

Eine wilde Geschichte ohne viel stringente Handlung, in der die Panzerknacker in schwarzen ‚Reservoir Dogs‘ Anzügen statt in Sträflingsmontur auftreten und Dussel und Hubert Tarantino-Dialoge nachstellen. Und ja, Shining bekommt doch einen Wink, wenn die Protagonisten mehrfach von einem Jungen auf einem Dreirad in den Gängen über den Haufen gefahren werden. Ganz schön wild, aber ganz lustig. Erneut frage ich mich aber, wie viel von den Zitaten die Zielgruppe eigentlich versteht.

Gehen wir ins Kino? Der Western

Autor: Marco Bosco
Zeichner: Stefano Zanchi

Eine kurze Geschichte, die typische Westernklischees anschaulich darstellt. Hübsches Format, aber der Western ist dafür vielleicht unglücklich gewählt, weil da doch oft genug Gewalt im Mittelpunkt steht, die hier höchstens leise angedeutet werden kann. Wurscht, Goofy als (gar nicht so) namenloser Held macht schon was her.

Ein entspannter Filmnachmittag

Autor: Marco Bosco
Zeichner: Ottavio Panaro

Primus von Quack und Daniel Düsentrieb gehen ins Kino, um bei Mambo 12 mit Sylvester Kanone mal abzuschalten. Doch Primus erkennt im Bildhintergrund eine seltene Pflanze und beginnt sofort mit der Arbeit an einem wissenschaftlichen Paper, während Düsentrieb einen selbstfahrenden Dschungelpanzer entwirft, der Mambos Arbeit deutlich erleichtern würde. Die Handlung engleitet ihnen dabei ein wenig. Hübsche, wenn auch notwendig oberflächliche  Rambo Parodie im Hintergrund und eine Darstellung dieser Leute, die während eines Films einfach nicht abschalten können. Hat mir gefallen.

Der Park der Monster

Autor: Carlo Gentina
Zeichner: Carlo Gentina

Ziemlich bekloppte ‚Jurassic Park‘ Variante. Dagobert will einen Mosterpark auf einer Insel eröffnen. Die Monster sind natürlich harmlose Roboter. Doch der Entwickler der Roboter ist in Wirklichkeit ein Alien, das in Wirklichkeit ein Roboter ist und die entwickelten Roboter sind gar nicht harmlos, sondern sollen die Welt erobern. Nix für mich und ist mir dann auch vom eigentlichen Filmthema viel zu weit weg.

Gehen wir ins Kino? Historienfilme

Autor: Marco Bosco
Zeichner: Sergio Asteriti

Wieder werden typische Klischees des Genres vorgestellt, diesmal anhand dreier sehr kurzer Geschichten. Hier zünden einige Witze für mich sehr gut, etwa der Schlachtplan von Goofys Version von Julius Cäsar: „Hingehen, gucken und gewinnen.“ Etwas merkwürdig, wie wenig historisch die Historienfilme hier sind. So soll Cäsar beim Kaiser angeschwärzt werden. Hö? Aber vielleicht war genau das die Idee, ein Hinweis darauf, dass „Historienfilme“ meist alles andere als faktentreu sind.

Wer zuletzt lacht

Autor: Carlo Panaro
Zeichner: Valerio Held

Dagobert hat ein Filmstudio gekauft. Da es günstig sein musste, natürlich eines, das seit Stummfilmzeiten geschlossen ist. Doch, welch ein Glück, da findet sich eine Filmrolle mit einem unbekannten Werk von Stummfilm-Komikstar „Grinske“. Damit ließe sich für Pfennigfuchser Dagobert sicher Geld machen. Mit Daniel Düsentriebs Hilfe ist der im Handumdrehen restauriert, doch das Ende ist zu zerstört. Macht nix, das Drehbuch ist vorhanden und in der Nähe wohnt ein Nachfahre Grinskes. Drehen die Ducks den Schluss halt einfach nach. Problem: Grinskes Nachfahre ist ein notorischer Humorfeind.

Hat mir gut gefallen. Ich gebe zu, mit dem Stummfilmsetting hatte die Geschichte mich aber eh schon. Schön fand ich die Anspielungen auf Donalds Slapsticktalent, da die Ente aus den alten Kurzfilmen sich durchaus vom Comicerpel unterscheidet, was hier immerhin etwas angedeutet wird.

 Die Grosse Reise

Autor: Pat & Carol McGreal
Zeichner: Ferioli

Donald und Micky (der hier plötzlich seine klassische kurze, rote Hose trägt) werden von Magier Randalf (so langsam gehen mir die „lustigen“ Namensversionen etwas auf den Geist…) in die Mittelwelt geschickt um einen Drachen zu besiegen. Ja, es ist eine Hobbit Adaption. Dabei pickt sie sich ein paar Situationen aus der Geschichte heraus, die hier in oft komischer Weise kommentiert werden. So darf sich Donald über die stets im richtigen Moment auftauchenden Adler wundern und Randalf muss immer dann grad dringend weg, wenn es ernst wird. Mit 20 Seiten ist das nix halbes und nix Ganzes. Wo Peter Jacksons Trilogie viel zu lang war, ist hier schlicht zu wenig Raum und das zweite Frühstück wird bestenfalls halbgar.

Der Verschwundene Regisseur

Autor: Staff di IF
Zeichner: Comicup Studio

Regisseur Alfred Mitchcock ist verschwunden! Gerade hat er noch mit Micky und Co. drei Filme gedreht, als er plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist. Ein Filmfestival mit den drei Filmen wird veranstaltet, um eine Suche nach dem Meister zu finanzieren. Hat er womöglich in diesen Filmen Hinweise auf sein Schicksal versteckt?

Die Parodie auf Hitchcocks Das Fenster zum Hof, mit Kater Karlo als Helden(!) waren vermutlich meine liebsten Seiten des ganzen Buches. Überhaupt fand ich den gesamten Ansatz der Geschichte sehr stimmungsvoll. Die Auflösung enttäuscht dann leider, macht aber nicht wirklich viel.

Und das war auch schon der erste Band. Den würde ich mal als unterhaltsam-durchwachsen bezeichnen. Ich hatte durchaus meinen Spaß damit, aber es ist fraglos noch Luft nach oben. Faszinierend finde ich, dass mit den Disney Charakteren quasi jede Geschichte erzählt werden kann, sie sich in sie einfügen und dennoch wiedererkennbar bleiben. Direkte Filmadaptionen fände ich vermutlich besser als die hier gezeigten „inspirierten“ Geschichten, aber die haben immerhin den Vorteil, dass man nicht von Anfang an weiß, wohin der oftmals doch recht wilde Ritt geht.

Die LTB Sonderedition erscheint bei Egmont Ehapa Media GmbH und ist für 8€ pro Band mit ca. 300 Seiten erhältlich.

‚Bad Times At The El Royale‘ (2018)

Im Folgenden ziehe ich einen Echtwelt-Vergleich zwischen einer historischen Person und einem Charakter des Films, der in sich selbst einen ordentlichen Spoiler für den dritten Akt darstellt. Ich warne nochmal im Text an entsprechender Stelle und markiere auch das Ende des Spoilers. Allerdings ist meine Meinung ohne den Spoiler vermutlich kaum nachzuvollziehen.

Drew Goddard ist vor allem für ‚Cabin In The Woods‘ bekannt. Sein liebevoll-satirisches Zurschaustellen von Horror-Klischees. Nicht zuletzt deswegen wollen viele in ‚Bad Times At The El Royale‘ eine Dekonstruktion des Neo Noir Thrillers sehen. Ich muss zugeben ich sehe das nicht. Ich sehe hier einen erzählerisch wenigstens teilweise ambitionierten Vertreter des Genres, aber keine Dekonstruktion. Dafür ist „Neo Noir“ als Genre vielleicht auch, wie passend, zu nebulös. Goddard bedient sich hier ganz offensichtlich der Ästhetik Quentin Tarantinos, jedoch um eine Geschichte zu erzählen, die in ihrem Kern womöglich eher David Lynch nahesteht. Tarantinos Ästhetik zu nutzen ohne sie exakt zu kopieren ist nicht ganz einfach, wie zahllose, meist vergessen Versuche aus den 90ern zeigen. Denn Tarantino selbst ist vor allem ein Meister der Collage. Er nimmt bestehende popkulturelle Versatzstücke und verpasst ihnen einen ganz eigenen Spin. Goddard gelingt es hier jedoch beinahe. Nicht die Ästhetik ist am Ende das Problem, sondern die Erzählung, der im dritten Akt vollständig die Puste ausgeht. Aber von Anfang an.

1969. Das Motel ‚El Royale‘ liegt genau auf der Grenze der US-Bundesstaaten Kalifornien und Nevada. Auf der einen Seite besteht eine Schanklizenz auf der anderen darf Glückspiel betrieben werden. Einige Jahre zuvor war das ‚El Royale‘ einer der Szeneorte schlechthin. Nun scheint es jedoch kaum mehr auf Gäste eingestellt. Doch Gäste kommen. Staubsauger-Vertreter Seymour „Laramie“ Sullivan (Jon Hamm) ist der erste, wie er jeden wissen lässt und er will, obwohl allein, die Honeymoon-Suite beziehen. Dann sind da der alternde katholische Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo). Und zuletzt eine junge Frau im Hippie-Outfit (Dakota Johnson), die sich als „FUCK YOU“ ins Gästebuch einträgt. Alsbald stellt sich heraus, dass keiner der Gäste das ist was sie oder er vorgibt (oder in Johnsons Charakters Fall, gar nicht erst versucht vorzugeben). Doch auch das Motel selbst verbirgt hinter seiner 60er Fassade aus Perlenvorhängen, Wurlitzer Jukeboxen und Feuerschalen jede Menge ziemlich dreckige Geheimnisse. Vielleicht also kein Wunder, dass der einzige Mitarbeiter Miles Miller (Lewis Pullman) gerade Vater Flynn gern ein anderes Hotel empfehlen würde…

Die Ästhetik ist die Tarantinos, der Tenor des anfänglichen Films aber definitiv Lynch. Hinter einer romantischen Fassade nostalgischer Americana verbergen sich reihenweise Abgründe. Hier vor allem in Form von Überwachungsgerät und Geheimgängen. Die Paranoia sitzt tief in diesem merkwürdigen Hotel mitten auf einer bedeutungslosen Linie. Da wundert es kaum, das auf dem Fernseher in der Lobby mal Berichte über lokale Morde zu sehen sind und dann Lügen vom Abhörexperten Richard Nixon.

Die eigentlich bedeutungslose Bundesstaatengrenze, im Gegensatz zu fast allem anderen in diesem labyrinthinen Bau schnurgerade, wird zum Sinnbild für moralische Entscheidungen der Charaktere. Manch einer tut sich schwer einen Fuß darüber zu setzen, andere überqueren sie ohne sie auch nur zu beachten. Andere balancieren sorgfältig auf ihr dahin. Goddard deutet so geschickt charakterliche Tiefe an, auch wenn der Film in dieser Hinsicht nicht wirklich abliefert.

Die Dialoge sind clever, wenn auch oft genug nicht ganz so clever wie sie selbst glauben. Macht aber nix, mindestens Erivo und Bridges lassen das was da ist im bestmöglichen Hochglanz erscheinen. Johnson ist ebenfalls gut und Hamm voll in seinem Element. Der Film erzählt oft mehrfach dieselbe Situation aus anderen Blickwinkeln. Das, gemeinsam mit oft schnellen Schnitten auf ebenso überraschende wie heftige Gewalt, lassen den Film mit ordentlich Verve ablaufen. Die Fragen, die man vielleicht als Zuschauer hat werden durch Schwung und sehr gute und vor allem hervorragend aufgelegte Darsteller direkt wieder überspielt und ich zumindest fühlte mich gut unterhalten und war ernsthaft gespannt, wie sich die Handlungsknoten auflösen würden.

SPOILER!!! Und dann folgt der dritte Akt. Hier latscht Chris Hemsworth als Charles Manson Verschnitt Billy Lee in den Film und sämtliche Handlung kommt zu einem absolut knirschenden Stillstand. Gefühlt ewig lange verfolgen wir nun die Billy Lee Show. Und wo bislang jeder Charakter irgendeinen interessanten Kniff hatte ist Billy Lee mit „Charles Manson“ bereits vollständig umschrieben. Dazu kommt das Hemsworth in der Rolle nicht wirklich gut ist. Ich bezweifle sie wäre mit einem besser besetzten Darsteller zu retten gewesen, aber hier geht sie schlicht gründlich schief. Es scheint fast, als wollte Goddard, das wir als Zuschauer uns vom „charismatischen“ (ich meine, er hat fesche Bauchmuskeln) Lee verführt fühlen, aber allzu offensichtlich ist was er ist. Zu vordergründig und offensichtlich Hemsworths Spiel. Sogar die Charaktere im Film durchschauen Lees leere, narzisstische Vorstellung. Aber dennoch sitzen wir hier und sehen sie uns an. Und zwischendurch mal auf die Uhr.

Blöd übrigens für Goddard, dass das ästhetische Vorbild Tarantino kurz darauf in ‚Once Upon a Time in Hollywood‘ mit der Situation weitaus eleganter umgeht, indem er seinen Manson zur absoluten Randfigur degradierte. SPOILER ENDE!

 Wie auch immer, für mich war der Film ab hier nichtmehr zu retten. Wo er vorher gezeigt hatte, das eine ästhetische Anlehnung an Tarantino nicht zwangsläufig Abklatsch bedeutet, wünscht man sich hier fast er wäre etwas mehr Tarantino abgeschaut. Das ist ein Ende so schlecht, dass es für mich tatsächlich ruiniert was vorher kam. Auch ganz von Billy Lee abgesehen frage ich mich ob das Drehbuch für den letzten Abschnitt nicht noch wenigstens einer dringenden Überarbeitung bedurft hätte. Uns fünf Minuten vor Schluss noch einen Charakter in ausführlicher Rückblende vorzustellen ist immerhin mindestens ungewöhnlich.

Meine Reaktion auf den dritten Akt scheint, im Vergleich mit anderen Besprechungen, außergewöhnlich negativ, aber ich war ernsthaft enttäuscht darüber, was hier an Potential verschleudert wurde. Empfehlen kann ich den Film offensichtlich nicht, aber macht Euch gern ein eigenes Bild (und falls Ihr das schon habt, widersprecht mir in den Kommentaren), letztlich ist genug Gutes vorhanden, dass man seine zwei Stunden und zwanzig Minuten (viel zu lang, übrigens!) sicher nicht vollständig verschwendet. Und ich gebe offen zu, ich musste auch erst davon überzeugt werden, dass ‚Cabin In The Woods‘ mehr ist als ein „Wo ist Freddy?“-Wimmelbildchen.

‚Duell am Missouri‘ (1976) – Nicholson vs. Brando

Wer nicht eben Westernfan ist hat von ‚Duell am Missouri‘ vermutlich noch nie gehört. Selbst unter Westernfans gehört er nicht zu den typischen Titeln, die man allzu häufig genannt hört. Schaut man auf das Talent vor und hinter der Kamera, dann erstaunt das. Jack Nicholson war eines der Gesichter des „New Hollywood“ und spätestens mit ‚Einer flog übers Kuckucksnest‘ auch mitten im Mainstream angekommen. Und Marlon Brando war ein Star, dessen Karriere nach einigem Abflauen durch seine Zusammenarbeit mit Francis Ford Coppola auf bestem Wege war neue Höhen zu erreichen. Regie führte einer der Köpfe der neuen Richtung des „New Hollywood“, ‚Bonnie und Clyde‘ Regisseur Arthur Penn. Die Musik komponierte John Williams, der kurz zuvor den Soundtrack zu Hitchcocks ‚Familiengrab‘ geschrieben und im nächsten Jahr ‚Star Wars‘ vertonen würde. Das gibt eine ganz gute Idee, wo Hollywood damals gerade war. Sicher, Western waren nicht mehr das Blockbuster-Genre, das sie einmal waren, aber revisionistische Western, die ein realistischeres, bodenständigeres Bild, meist aus Sicht der Arbeiterklasse, auf eine, nicht nur in den USA, ebenso ikonische wie verklärte Zeit werfen, waren durchaus en vogue. Was konnte schief gehen? Nun, vor allem Marlon Brando. Jedenfalls aus kontemporärer Sicht. Aus heutiger Sicht ist er, wenigstens in meinen Augen, das mit Abstand beste Element eines insgesamt interessanten Films.

Es beginnt zunächst alles, wie man sich einen 70er-Jahre Western vorstellt. Tom Logan (Nicholson) und seine Bande von Pferdedieben (darunter Charakterköpfe wie Randy Quaid oder Harry Dean Stanton) sind die Anti-Helden des Stücks. Eine Bande zu groß geratener Jungs, die giggelnd und mit den Füßen scharrend im Bordell stehen oder sich untereinander kabbeln. Doch als der Großgrundbesitzer Braxton (John McLiam) einen von ihnen ohne Prozess aufhängen lässt, kaufen sie in seiner Nähe eine Farm, um fortan ganz gezielt seine Tiere zu stehlen. Während der Großteil der Bande aber zunächst der Schnapsidee nachgeht den kanadischen Mounties(!) ihre Pferde zu mopsen, gibt sich Logan als ehrlicher Farmer-Nachbar und bandelt mit Braxtons rebellischer Tochter Jane (Kathleen Loyd) an.

Das ist alles wunderbar mit tollen Landschaftsaufnahmen fotografiert und man ahnt in welche Richtung es geht. Ein ziemlich ernsthafter „Western als Kapitalismuskritik“, dem vielleicht gelegentlich ein wenig die Action abgeht, aber als Charakterstück statt Heldenepos funktioniert er durchaus. Dann reitet nach ca. vierzig Minuten Robert E. Lee Clayton (Brando), den Braxton als Kopfgeldjäger gegen die Pferdediebe gedungen hat, an der Seite seines Pferdes hängend in den Film. Er grabscht sich eine Handvoll Eis, mit der die Leiche eines Mitarbeiters Braxtons frischgehalten wird und tupft sich damit die Stirn, brüllt sämtliche Anwesende an, wie dämlich sie seien, die Pferdediebe einfach zu töten statt die Namen ihrer Kumpane aus ihnen herauszufoltern, verlangt nach einem lavendelduftenden Bad und teilt mit, dass er einen Anflug schwerer Blähungen kommen fühlt. All dies tut er im Original mit einer Sprache, die wohl einen irischen Dialekt darstellen soll, aber ehrlich gesagt so klingt als wäre er wenigstens leicht besoffen.

Er ist ein absoluter Fremdkörper im Film, eine Vorstellung bar jeder Kontrolle, und ich verstehe ein Stück weit, warum er damals dafür kritisiert wurde. Und ja, von diesem Film an wurde Brandos exzentrisches Verhalten nur immer noch stärker bis hin zu den traurigen Spätwerken, die bei ihm zuhause gedreht werden mussten. Hier aber würde ich argumentieren hat sein Wahnsinn durchaus Methode. Wenn er als alte Frau verkleidet Pferdediebe mit brennendem Lampenöl überschüttet, sie mit einer seltsamen Mischung aus Tomahawk und Wurfstern ermordet, spätestens aber wenn er seinem Pferd sagt, es habe die Augen Kleopatras und die Lippen Salomes, bevor er mit ihm eine Möhre teilt, wie Susi und Strolch Spaghetti, dann liegt mein Kinn auf dem Boden, ob der Frage, wie es das in den Film geschafft hat.

Die Antwort darauf lautet, dass er hinter den Kulissen ganz genauso war und den anderen Darstellern alberne, aber weitgehend gutmütige Streiche gespielt hat und Penn keinerlei Anstalten gemacht hat, ihm irgendwas zu verbieten. Im Film wird diese Albernheit umso wirkungsvoller, weil in einigen Szenen mit Nicholson der zutiefst bedrohliche Brando zum Vorschein kommt. Wenn Clayton versucht Logan zu provozieren, bis der ihn anzugreift, dann ist das plötzlich bar jeder Komik.

Clayton so wird uns klar repräsentiert die aus der Bahn geratene, quasi verselbstständigte und groteske Gewalt des gesetzlosen Westens, die langsam verdrängt wird. Ihn interessieren nicht Logans Ideen von Freiheit und Selbstbestimmung, ihn interessiert nicht einmal Braxtons brutal erworbener Reichtum. Als Braxton versucht den merkwürdigen, bedrohlichen Mann loszuwerden und ihm den Auftrag entzieht, erklärt ihm Clayton, es sei zwar schön bezahlt zu werden, doch die Arbeit, sprich das Ermorden der Pferdediebe, müsse natürlich dennoch erledigt werden.

Es ist sicherlich nicht die beste Arbeit irgendeines Beteiligten. Selbst Williams‘ Mundharmonika-lastiger Soundtrack nutzt sich nach einer Weile ab. Aber dennoch finde ich den Film hochfaszinierend. Nicht nur, weil man Nicholson und Brando interagieren sieht, sondern eben auch wegen Brandos faszinierender Fremdartigkeit. Er ist ein bisschen wie Anton Chigurh in ‚No Country For Old Men‘. Eine vollkommen unerwartete Zutat in einem ansonsten recht bekannten Gericht, die ihm eine völlig unerwartete Würze verleiht. Nichts was man jedes Mal dazugeben würde, aber es ist schön zu wissen, dass man immer noch etwas völlig Neues draus machen kann.

‚Spurlos – Die Entführung der Alice Creed‘ (2009)

Das ist ein Film, von dem ich, da bin ich ziemlich sicher, zum ersten Mal auf dem alten Blog von ma-go gelesen habe. Kurz darauf habe ich die BluRay käuflich erworben, auf einem Flohmarkt. Das war in Zeiten lange bevor jemand wusste, was Covid ist. Der Verkäufer hat einen derart aggressiven Sticker als Preis benutzt, dass er auch mit Lösungsmittel nicht restlos zu entfernen war. Nichts davon interessiert Euch, liebe Leser, ich weiß. Aber es ist nötige Information, denn der Film hat lange auf meinem „zu sehen“ Stapel gelegen. Sehr lange. Erstaunlich lange. Und der Grund dafür ist ausnahmsweise einmal offensichtlich. Auf der Rückseite der Bluraypackung sind einige Pressezitate, wie toll der Film sei. Und dann im selben Format ein Satz, der nicht als Zitat gekennzeichnet ist. Es ist der vermutlich furchtbarste Satz, den ich je auf einer professionellen Packung gelesen habe: „Bond-Girl Gemma Arterton beweist, wie sexy ein verängstigtes Opfer sein kann.“ Öha. Das ist die Art von Satz, die ich eher in ziemlich verstörenden Prozessakten erwarten würde. Der Satz wird noch weitaus übler, nachdem man den Film gesehen hat und wie zutiefst und gewollt unangenehm gerade die frühen Szenen, die Artertons Charakter als „hilfloses Opfer“ zeigen sind. Viel weiter entfernt von „sexy“ geht eigentlich kaum. Aber gut, man soll ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen und einen Film nicht nach seltsamen Sätzen im Klappentext. Schauen wir uns also den Film selbst an.

Die Gauner Vic (Eddie Marsan) und Danny (Martin Compston) entführen Alice Creed (Gemma Arterton), um von ihrem vermögenden Vater ein erhebliches Lösegeld zu erpressen. Kontrollfanatiker Vic hat ein exaktes System ausgearbeitet, um weder Tochter noch Vater eine Möglichkeit zu geben, von der geplanten Geldübergabe abzuweichen. Selbstverständlich passieren dennoch allerlei unerwartete Dinge, aber diese hier weiter auszuführen, wäre dem Film gegenüber ungerecht, da er sehr von seinen Wendungen lebt.

Er ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Kammerspiel. Etwa 90% der Handlung spielen sich in der Wohnung ab, in die Alice entführt wird. Dies zeigt Regisseur J Blakeson in ebenso nüchternen wie schonungslosen Bildern. Die distanziert „sachliche“ Erniedrigung die Alice über sich ergehen lassen muss ist dabei gelegentlich schwer erträglich.

Der Rest ist eine Art Meisterstück in Thriller-Suspense. Blakeson liefert große Wendungen in der Handlung allein dadurch, dass die Charaktere Dinge über sich verraten, die wir vorher nicht wussten. Ganz im Hitchcockschen Sinne ist das Ausmaß des Wissens der Charaktere und des Zuschauers nie gleich. Entweder wir wissen mehr als sie oder sie wissen mehr als wir, oder schlimmer noch, weder wir noch die anderen Charaktere wissen, was ein anderer Charakter weiß (oder wir wissen, dass er weiß, dass der andere weiß, dass…). Diese Unsicherheit schafft eine ständige Spannung.

Wie Alice und Danny verlassen wir für lange Zeit die Wohnung nicht, der einzige der ein- und ausgeht ist Vic, ein Kontrollfanatiker, der auf Kontrollverlusterst mit Aggression, dann Resignation reagiert. Ebenso wie Danny versucht man sein Verhalten bei jeder Rückkehr zu lesen, wächst die Paranoia darüber, was er draußen anstellt.

Aber auch zuweilen tief schwarzer Humor kommt im Film nicht ganz zu kurz. So lernen wir etwa, wie schwer es sein kann, eine Patronenhülse das Klo runterzuspülen und was eine mögliche Alternative dazu ist. Letzteres sogar zweimal.

Eine Geschichte mit derart vielen Wendungen erfordert natürlich auch einiges von den Darstellern, die ohnehin, in Ermangelung von Nebendarstellern oder Landschaftsaufnahmen, ohnehi die gesamte Zeit über im Mittelpunkt des Interesses stehen. Gemma Arterton hat hierbei fraglos die schwierigste Aufgabe. Ist sie doch den größten Teil des Films über an ein Bett gefesselt, wenn nicht geknebelt. Trotzdem zeigt sie ihre Alice als entschlossene junge Frau, die an der Situation nicht zerbricht. Sie bestand während der Dreharbeiten darauf auch in Drehpausen ans Bett gebunden zu sein, um in der Rolle zu bleiben. Marsan als „Profi“ Vic (wir lernen im Lauf des Films, dass er das auch zum ersten Mal macht) ist der vermutlich undurchsichtigste Charakter. Derjenige, den die Kamera am häufigsten verlässt. Marsan lässt ihn mysteriös und gefährlich erscheinen, gibt ihm aber auch eine Verletzlichkeit, die ihn nur noch bedrohlicher macht. Über Martin Compstons Danny kann ich am wenigsten sagen, weil er Angelpunkt der meisten Wendungen ist. Ich bin allerdings sicher, ich werde seine Darstellung mit dem vollständigen Wissen um seinen Charakter bei einer weiteren Ansicht komplett anders wahrnehmen.

‚Spurlos‘ ist exakt die Art von Film, über die sich viele (darunter ich) beklagen, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Der extrem reduzierte Thriller. Ein Kammerspiel, dass aus einer heruntergekommen Wohnung einen Dampfkochtopf der Verwicklungen macht, angereichert mit bestens aufgelegten Darstellern und einer gewissen Kompromisslosigkeit in seiner Darstellung. Wenn das für Euch interessant klingt, dann sei Euch der Film unbedingt ans Herz gelegt, ganz egal, was auf der Rückseite stehen mag.

PS: interessante Trivia, der britische Film scheint gleich zwei europäische Remakes inspiriert zu haben. Den niederländischen ‚Bloedlink‘ (ein nichtidealer Titel, wenn man ihn deutsch ausspricht…) und den deutschen ‚Kidnapping Stella‘. Ob beide exakte Remakes sind, weiß ich nicht, nur das beide den Namen Vic für einen der Gangster beibehalten.

PPS: der Originaltitel ‚The Disappearance of Alice Creed‘ ist übrigens besser als der deutsche.

‚The Hole In The Ground‘ (2019) – „A rare hole, a rattlin‘ hole!“

Horror ist fraglos ein Genre, das seine Zitate liebt. So ist es sicherlich kein Zufall, dass die Fahrt von Mutter und Sohn zu ihrer neuen Heimat hier in Erstlingsregisseur Lee Cronins ‚The Hole In The Ground‘ frappierend an Kubricks ‚The Shining‘ erinnert (die Tatsache, dass er sich dabei eines ähnlichen Kameratricks wie ‚Midsommar‘ bei der Anfahrt bedient, dürfte, da beide Filme gleichzeitig in Produktion waren, wohl ein, immerhin bemerkenswerter, Zufall sein). Aber damit hören die Zitate nicht auf, auch aktuelleres Material, wie ‚Blair Witch Project‘, ‚Babadook‘ oder sogar ‚Ich seh, ich seh‘ sind in der DNA des Films klar erkennbar. Kann Cronin zwischen derart viel Zitat einen originellen, oder wenigstens gelungenen Film finden? Schauen wir mal!

Sarah O’Neill (Seána Kerslake) und ihr Sohn Chris (James Quinn Markey) ziehen, nach der Trennung von Chris‘ Vater, in die irische Provinz. Nach einem Streit läuft Chris in den nahen Wald. Nach einiger Suche findet Sarah ihn neben einem riesigen Senkloch. In den nächsten Tagen glaubt Sarah merkwürdige Veränderungen in Chris‘ Verhalten zu sehen. Als sie von Arbeitskollegen erfährt, dass in ihrer Nachbarschaft eine alte Frau (Kati Outinen) lebt, die vor Jahrzehnten ihren Sohn ermordet haben soll, weil sie überzeugt war, dass er nicht ihr Sohn sei, ist endgültig ihre Paranoia entfacht. Umso mehr weil Chris, trotz striktem Verbot, offenbar wiederholt das Senkloch aufsucht.

In dem was der Film erzählt hält er sich an Altbewertes. Allerdings kann Cronin durchaus einige eigene Stärken unter Beweis stellen. Es gelingt ihm für lange Zeit sehr gut offenzulassen, ob hier der alte irische Mythos des „Wechselbalgs“ vorliegt, oder ob Sarah sich möglicherwiese alles einbildet. Hier überzeugt der Film durch das, was er nicht erzählt. Es wird nie direkt ausgesprochen, aber es wird deutlich, dass die Beziehung zu Chris‘ Vater für Sarah psychisch wie physisch traumatisch war, oder wenigstens so endete. Chris hingegen versteht nicht, dass er seinen Vater nicht mehr sehen darf und es ist ein Streit darüber, der zum Auslöser für die Geschehnisse wird. Das Senkloch könnte so sehr gut Sinnbild für das Unterbewusste sein, das Sarah in Chris den ganzen Schrecken der vergangenen, traumatischen Beziehung sehen lässt.

Und, vielleicht noch wichtiger, Cronin und Kameramann Tom Comerfeld sind sehr gut darin atmosphärische Gruselszenen zu inszenieren. Von der Optik bis zur Soundkulisse kommt hier oft genug alles zusammen, um selbst aus weidlich genutzten Themen wie dem Krachen im Gebälk und schlagenden Türen und natürlich dem stets gern genommenen gruseligen Kind das Beste herauszuholen. Sogar ein thematisch passendes, irisches Kinderlied wird hier durchaus gruselig.

Dann folgt ein dritter Akt, den ich hier nicht allzu sehr spoilern möchte, den ich aber wenigstens erwähnen muss. Der wirft sämtliche Andeutungen der ersten Stunde nämlich direkt rein ins tiefe Senkloch, ergeht sich in teilweise etwas alberner Action und verschiebt das Zitate-Repertoire Richtung ‚The Descent‘. Hier wird versucht genug Handlung für einen eigenen Film in etwa 20 Minuten zu quetschen, was eher leidlich gelingt. Dazu kommt eine Andeutung aus der jedoch nie wirklich etwas wird und dann ein Ende, das vermutlich genau so auch ohne diesen Einschub funktioniert hätte. Nein, dieser Teil des Films funktioniert nicht wirklich, dennoch ist er vermutlich der Grund, warum ich hier überhaupt über den Film schreibe. Denn ansonsten wäre das ein solider, handwerklich sehr gut gelungener, psychologischer Horrorfilm mit arg vielen Zitaten gewesen. Aber mehr eben auch nicht. Doch dieser Ausbruch purer kreativer Energie, dieser Moment in dem der Filmemacher sagt, jetzt tue ich etwas womit Du nicht rechnest, obwohl (oder vielleicht gerade weil) er halt nicht ganz rund läuft, ist entscheidend dafür, dass der Film eine ganze Weile im Gedächtnis bleibt.

Mindestens ebenso entscheidend für das Gelingen des Films sind aber vor allem die darstellerischen Leistungen. Allen voran ist hier Seána Kerslake zu nennen. Den ganzen Film über muss sie durchaus komplexe Emotionen darstellen, vor allem natürlich die Mischung aus Liebe und Misstrauen für ihren Sohn (oder eben etwas, das vorgibt ihr Sohn zu sein). James Quinn Markey zeigt, dass nur wenig verstörender ist als ein extrem höfliches Kind, das exakt das tut was man ihm sagt. Ansonsten sei noch der wunderbare James Cosmo erwähnt, der hier einen freundlichen, letztlich aber wenig hilfreichen Nachbarn gibt und ihm, fast beiläufig, einen gewissen finsteren Zug verpasst.

Lee Cronin liefert einen Film ab, der sich fast zu stilsicher für einen Erstlingsfilm anfühlt, der gleichzeitig aber seine Faszination, wenigstens für mich, aus genau dem Abschnitt zieht der sich am ehesten nach Anfänger anfühlt. Er wird sicherlich nicht jedem gefallen, der eine oder andere wird aufgrund der teilweise exzessiven Zitate (Sarah tapeziert ihr neues Haus in einem Muster, dass an eine blaue Version des Teppichs aus dem Overlook erinnert…) sicher mit den Augen rollen – und gelegentlich habe ich das durchaus auch getan. Aber was der Film letztlich abliefert ist mindestens grundsolide und lässt auf eine interessante Zukunft für Cronin schließen. Wobei in dessen naher Zukunft erst einmal eine Fortsetzung zu Fede Alvarez ‚Evil Dead‘ Remake zu finden ist. Damit kann man mich eher nicht aus dem (Senk-)Loch hervorlocken… aber es hat ja durchaus seine Fans.