‚Spider-Man: No Way Home‘ (2021)

Mir ist letztens aufgefallen, dass ich eine ganze Weile keinen neuen Marvel Film mehr geschaut habe. Das war gar kein direkter Entschluss, das ist einfach so passiert. Dennoch kann man da ja mal was aus der letzten „Phase“ nachholen, dachte ich. Meine Wahl fiel auf entweder ‚Spider-Man: No Way Home‘, wegen Spidey, oder ‚Doctor Strange in the Multiverse of Madness‘, wegen Sam Raimi. Wer die Überschrift gelesen hat weiß, dass Spidey gewonnen hat. Kurz zu meiner Historie mit dem Marvel-Spidey: ich mochte den ersten Film, auch wenn er viel zu viel Stark hatte. Den zweiten fand ich ziemlich furchtbar, in einem „nicht mein Spider-Man, sondern eher ein Mini-Iron-Man“-Sinne. Ich werde den zu besprechenden Film im Folgenden spoilern. Weniger was die „Handlung“ (die Anführungsstriche dürfen als Omen gewertet werden) angeht, sondern eher die Prämisse. Aber Ihr hattet jetzt mehr als ein Jahr Zeit ihn zu schauen, also beschwert Euch nicht zu laut.

Die Welt weiß, dass Peter Parker (Tom Holland) Spider-Man ist. Und sie glaubt, dass er Mysterio ermordet hat. Um seine Familie, Freunde und sich selbst vor der einsetzenden Verfolgung zu schützen, wendet sich Peter an Doctor Strange (Benedict Cumberbatch). Der soll einen Zauber sprechen, der alle Welt vergessen lässt, wer Peter Parker ist. Doch Peter hat immer wieder Einwürfe, wer es nicht vergessen dürfe. Seine Tante May (Marisa Tomei), seine Freundin MJ (Zendaya) und sein bester Freund Ned (Jacob Batalon). Dadurch gerät der Spruch außer Kontrolle und zieht nun stattdessen jeden aus sämtlichen Multiversen an, der weiß, dass Peter Spider-Man ist. Der erste ist ein Mann mit vier metallischen Armen, der Chaos auf einem Highway anrichtet und zornig fragt, wo seine Maschine sei. Und Doctor Octopus (Alfred Molina) wird bei weitem nicht der letzte sein.

Nein, wahrlich nicht. Denn, in einem erstaunlichen Bewusstsein für Markensynergien, zieht der Spruch lediglich bekannte Figuren aus vorherigen Spider-Man-Filmen heran. Und schließlich auch die Spiders-Men selbst. Ja, der große Clou des Films ist, dass Holland, Tobey Maguire und Andrew Garfield aufeinandertreffen und sich ihren bekannten Schurken, allen voran ein sichtlich vergnügter Willem Dafoe als Norman Osborne/Green Goblin, ein weiteres Mal stellen müssen. Und, ganz ehrlich, die Idee, dass die älteren, weiseren Spiders-Men aus anderen Universen zusammenkommen, um dem kleinsten Spider-Man zu zeigen, wie man richtig spider-mant ist eine schöne Idee. Die hat mir echt gut gefallen, als ich sie vor ein paar Jahren in ‚Spider-Man: A New Universe‘ gesehen habe. Ihr wisst schon, dem Oscar Gewinner. Den Marvel hier auf fast schon dreiste Weise emuliert. Ohne je auch nur in irgendeiner Weise annähernd seine Qualität zu erreichen.

Sagen wir mal, ich bin zwiegespalten was den Film angeht. Manche der interpersonellen Beziehungen funktionieren und werden von gelungenen Darstellungen getragen. Besonders hervor tun sich hier der oben erwähnte Dafoe und Andrew Garfield, der den Eindruck hinterlässt, dass er ein weit besserer Spider-Man hätte sein können als seine Filme erlauben. Aber das wird immer wieder überschattet vom, für mich, unübersehbaren Zynismus der ganzen Unternehmung. Hier sind die alten Kerle, teilweise von vor 20 Jahren, für die man als Zuschauer gefälligst Nostalgie zu empfinden hat, und wo ich ahen und ohen soll, wenn sie nur im Film auftauchen. Und ich habe ehrlich gesagt durchaus Nostalgie für die Maguire Filme. Ich war glücklich, die Darsteller wieder in den Rollen zu sehen. Und dann wurde das Ganze dem MCU Treatment unterzogen. Peter und Kollegen reagieren mit Gelächter und der Nachfrage, wie er denn nun wirklich heiße, auf den Namen Otto Octavius. Diese Namensgags waren im allerersten ‚X-Men‘ schon ein wenig müde und hier sind wir mehr als 20 Jahre später und dröhnen sie immer noch raus. Wie kann es sein, dass Raimi vor 20 Jahren den besseren Gag hatte („A guy called Otto Octavius ending up with eight limbs… what are the odds?“)?

Und mit solchen Szenen mäandert sich der Film in seiner ersten Hälfte auf eine kaugummiartig gedehnte Laufzeit. Dieser Charakter trifft auf jenen Charakter, hey, das ist eine bisschen wie dieses eine Meme, das Du kennst, wenn Du allzu online bist. Erwartet dann aber in der zweiten Hälfte, dass wir ihm ernsthafte Dramatik abkaufen, wenn ein Charakter stirbt! Immerhin hat die zweite Hälfte die Szenen mit den 3 Peters, die vermutlich das Beste am Film sind, auch wenn man Maguire anmerkt, dass er vor allem des Schecks wegen vor Ort ist. Warum sich die ganze Chose auf 2,5 Stunden aufblähen muss wissen wohl nur die Marvel Götter und Kevin Feige. Aber da später noch eine 15 Minuten längere Version(!) veröffentlicht wurde, funktioniert das wohl für Leute. Für mich eher nicht.

Was auch auffällt ist wie seltsam hässlich und leer der Film teilweise wirkt. Abgesehen von der Eröffnungsszene bleiben die Hauptfiguren eigentlich die meiste Zeit komplett unter sich. Nebenfiguren oder Statisten gibt es kaum. Sicherlich, der Grund dafür dürfte Corona heißen, aber es fällt eben doch auf. Und Szenen wie die lange, lange Sequenz auf einem Gerüst um die Freiheitsstatue erwecken eben nicht das Gefühl großer Weite, sondern in jedem Moment die Enge eines Studios, wozu die seltsame Beleuchtung beigetragen haben dürfte. Warum man sich bei Marvel bemüßigt fühlte gerade diesen Film für einen Effekte Oscar einzureichen, kapier ich auch nicht. Immerhin, wenn zum Ende hin die Realität auseinanderbricht (nicht wirklich ein Spoiler, ist immerhin ein Marvelfilm), dann sind in den Rissen immerhin Kirby-Dots zu sehen. Das hat mich, als alten Sack,  glücklich gemacht.

Wie mich überhaupt etwas mehr glücklich gemacht hat, als der recht negative Text vermuten lassen würde. Ich habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt, nur eben gelegentlich auf die Uhr geschaut. Und, immerhin, das Ende verspricht mir den Spider-Man den ich möchte, nämlich ohne Stark- Connections, ohne Avengers, aber leider auch ohne Freunde. Doch ich bin sicher, da lässt sich im nächsten Film was dran drehen. Ich sehe nicht, dass das Franchise MJ und Ned aufgibt.

Der ganz große MCU Fan werde ich wohl trotzdem nicht mehr, denn die fast einhellige Begeisterung für den Film erschließt sich mir so gar nicht. Aber, immerhin, ich verstehe es als eine Art Fast Food. Nach ner Weile ohne hat man mal wieder echt Bock drauf, während des Essens schmeckt es auch richtig gut, aber ne Stunde später haste wieder Hunger und ein schlechtes Gewissen, ob der Kalorien, die Du Dir grad reingepfiffen hast. Bin ich mit dem Vergleich jetzt in gefährliches Scorsese Fahrwasser geschippert? Keine Ahnung. Nur um eines ganz deutlich zu machen: wenn Dir der Film gefallen hat, dann freut mich das und das Obige ist kein Angriff auf Dich oder Deinen Geschmack.

Frage an die Mighty Marvelites: kann ich dem Doctor Strange sein mades Multiverse jetzt einfach so gucken, oder ist der Wanda ihre Vision vorher Pflichtprogramm?

‚Moonage Daydream‘ (2022)

Ich muss es wohl gleich am Anfang sagen: ‚Moonage Daydream‘ ist ein Film, der es, zumindest mir, nicht leicht macht über ihn zu schreiben. Allzu audiovisuell sind die Eindrücke, die Brett Morgans (um mal einen alten 90er Begriff zu verwenden) multimediale Collage hier vermittelt, um sie mit bloßen Worten wiederzugeben. „Weder Dokumentarfilm noch Biografie“ verkündet die BluRay Hülle nicht ohne Stolz. Und das ist korrekt. Mit dem Segen von Bowies Nachkommen hatte Morgen Zugriff auf ein gigantisches audiovisuelles Archiv von teilweise unveröffentlichtem Material, aus dem er hier eine annähernd psychedelische Collage an Stummfilmausschnitten, Konzertfilmen, Bootlegmitschnitten, Interviews, zufällig gefilmtem Material, inszeniertem Material, Pepsiwerbung, Fotos, Tanz, Portraits, Bowies Öl- und Acrylkunst, unterlegt mit Audioaufnahmen von Bowie, die eine Art erzählenden Rahmen liefert, sowie natürlich jeder Menge Musik, teilweise von Bowie Arrangeur Tony Visconti neu abgemischt, oder nach Cut-up Methode neu zusammengesetzt.

Der Film betont nicht nur in seiner Form, sondern auch in seiner, bei aller Collagen-haftigkeit durchaus nachvollziehbaren Erzählung, Bowies Wandelbarkeit. Die erste Stunde des 2 1/4 Stundenwerks ist dabei allein den 70ern gewidmet. Beschreibt die gigantische Entwicklung von Ziggy Stardust  hin zur Berliner Zeit und den Einfluss, die diese auch auf Bowies bildende Kunst hatte. Seine Chamäleonhaftigkeit, seine stete Unruhe, seine Weigerung weder privat noch künstlerisch in irgendeiner Weise sesshaft werden zu wollen. Auch die 80er bekommen ihren Raum, als David Bowie das wurde, was er 10 Jahre zuvor vermutlich als tödlich altmodisch abgetan hätte: ein Superstar. Und das ist einer der faszinierenden Vorgänge, die der Aufbau des Films mit sich bringt. Hier haben wir nicht nur den reiferen Bowie, der seine frühe Karriere im Nachgang beurteilt, wir haben auch den jungen Bowie der, teilweise musikalisch, den älteren Bowie kommentiert. Die Ehe mit Iman und auch der Jahrtausendwechsel finden Erwähnung, danach wird die Erzählung aber noch bruchstückhafter, Bowies Tod mit 69 bleibt nur angedeutet. Morgen ist an seinem grandiosen Leben interessiert, nicht an seinem zu frühen Tod.

„Vergänglichkeit“ ist dennoch ein Wort, das im Film häufig fällt. Die Endlichkeit des Lebens, der sich der junge Bowie mit immer neuen Charakteren zu entziehen versuchte, der gereifte aber ohne große Furcht entgegenblickte, wissend, dass das Leben ohne den Tod bedeutungslos wäre. Auch „Chaos“ ist ein Begriff, der immer wieder fällt. Bowie war fasziniert vom Chaos, das einen derart großen Einfluss auf unser aller Leben hat, wir aber alle stets versuchen zu ignorieren, in unserem Säugetier-Erbe, für das es wichtig ist, Futter und Wasser am stets gleichen Ort zu finden, das nach Ordnung strebt. Kein Wunder, dass Bowie sich gelegentlich wie ein Alien fühlte. In den 70ern wollte er das neue Jahrtausend herbeiführen, erzählt er. Und teilweise hört er sich erstaunlich prophetisch an. Wenn er von wirbelnder Information spricht aus deren Chaos (da ist es wieder), wir die Fragmente herausgreifen müssen, die uns als Menschen ausmachen, ist es schwierig nicht zumindest ein wenig das Internet vor sich zu sehen.

Der Film ist faszinierend, ich hoffe, das kann ich transportieren. Es gibt sicherlich auch Dinge zu kritisieren. Wenn man die faszinierende Form des Films komplett außer Acht lässt (was man nicht tun sollte!), was bleibt übrig? Ein Menge wunderbar präsentierter Bowie-Songs natürlich, aber an reiner, neuer Information nicht wahnsinnig viel, wenn man auch nur das kleinste Interesse für Bowie mitbringt. Womöglich ist die enge Verknüpfung mit Bowies Nachkommen hier Fluch und Segen zugleich. Mit dem Zugriff auf gewaltige Mengen Materials geht womöglich einher, dass man hier in keiner Weise am Mysterium Bowie kratzt. Keine hässlichen Fragen stellt, nicht dem fraglosen, musikalischen Genie die teils gewaltigen Fehler innerhalb und außerhalb seiner Kunst gegenüberstellt. Morgen vermittelt uns hier nicht einmal unbedingt, was Bowie für ihn selbst bedeutet. Das ist ein sorgfältig kuratierter Film, der zwischen aller Information und aller Offenheit immer genug Raum lässt, um David Bowie genau das Enigma sein zu lassen, dass er immer sein wollte.

Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob das eine wirkliche Kritik ist, nicht jedes Mysterium wird besser dadurch, dass man es „löst“, aber es fällt halt bei aller Bezauberung auf, dass das hier ein pures Fan-Werk ist, ein letzter Ritt mit Ziggy, ein grandioses Ausrufezeichen am Ende einer außergewöhnlichen Karriere.

Als solches ist ‚Moonage Daydream‘ aber nichts weniger als ein donnernder Erfolg, der es verdient auf die größtmöglichste und lautmöglichste Art gesehen zu werden. Selten vergehen zwei Stunden schneller. 

‚Fall‘ (2022)

Scott Manns ‚Fall‘ (ich erspare uns allen mal den „tollen“, „deutschen“ Untertitel „Fear Reaches New Heights“) wurde zu einer Art kleinem Überraschungserfolg. Und hätte es beinahe in den Newslichter geschafft. Denn Lionsgate kaufte den fertigen Film, bemerkte in Testvorführungen, dass der weit besser ankam als sie erwartet hatten und sagten Regisseur Scott Mann, er solle die etwa 30 Äußerungen von „fuck“ aus dem Film entfernen, um die US Altersbeschränkung zu senken. Einfacher gesagt als getan, denn einfach rausschneiden ging nicht, für Nachdrehs war kein Geld da und einfach ein anderes Wort drübersynchronisieren wollte er nicht. So nutzte Mann „deepfake“ Technologie um die Lippenbewegungen seiner Darstellerinnen in entsprechenden Szenen zu ändern und aus dem bösen f-Wort ein besseres, wie „freaking“ zu machen. Das wurde mit Kino-Einnahmen von rund 21 Millionen Dollar, gegenüber einem Budget von drei Millionen, belohnt. Aber ist der Film nun fucking great, oder freaking awful? Finden wir es raus!

Vor einem Jahr unternahm das Paar Becky (Grace Caroline Currey) und Dan (Mason Gooding) zusammen mit ihrer gemeinsamen Freundin, Youtuberin Hunter (Virginia Gardner) eine riskante Klettertour, bei der Dan tragisch ums Leben kam. Nun ist Becky schwer traumatisiert und depressiv. Flüchtet sich in den Alkohol, hat den Kontakt zu Freunden und Familie abgebrochen und trägt sich gar mit suizidalen Gedanken. Für Hunter ist klar, da hilft nur eins: mehr Klettern! Und diese fragwürdige Diagnose will sie direkt mit der gemeinsamen Besteigung des aufgegebenen Funkturms B67, mitten in der Wüste und doppelt so hoch wie der Eiffelturm (der Turm ist fiktiv, basiert aber auf dem realen KXTV/KOVR Tower), beweisen. Nach einiger Überredung erklärt sich Becky zu der Youtube-wirksam inszenierten Aktion bereit. Das Erklettern des rostigen Monuments funktioniert auch recht gut. Doch oben angekommen bricht die Leiter zusammen. Die Frauen sind nun auf einer 1m2 kleinen Plattform gefangen, ohne Handyempfang und mit 15 Meter Seil. Ihr Rucksack mit Wasser und einer Drohne hängt 20 Meter tiefer. Man darf wohl ahnen, dass jetzt tatsächlich nur noch eines hilft: mehr Klettern.

Ich bin ja  durchaus ein Fan dieser Mini-Katastrophenfilme der letzten Jahre. Sei es ‚The Shallows‘, um eine Schwimmerin, die auf einer Boje festsitzt, die von einem Hai belagert wird. Oder ‚Crawl‘ um ein Gespann aus Vater und Tochter in einem Hurrikan mit einem Haus voller Alligatoren. Die Szenarien sind zumeist mindestens ein wenig an den Haaren herbeigezogen und die Filme trauen ihrer Prämisse selten genug, so dass immer noch ein wenig externes Drama um ihre Charaktere aufgebaut werden muss (möglicherweise ist auch einfach ‚The Descent‘ der spirituelle Vorläufer). Das funktioniert mal besser (‚Crawl‘) mal schlechter (‚The Shallows‘).

‚Fall‘ nun hat ein Szenario, das extrem an den Haaren herbeigezogen ist. Zwei Frauen klettern auf einen abgelegenen Funkturm und sagen niemandem, wo sie sind. Aber auch mit den Charakteren habe ich meine Schwierigkeiten. Okay, Becky ist depressiv bis zur Selbstaufgabe, bei ihr verstehe ich, warum sie dabei ist. Aber Hunter ist ein Adrenalin-Junkie bar jeder Umsicht. Eine Kombination, die es zu einer Art Wunder macht, dass sie überhaupt am Anfang des Films noch lebt. Das wäre an sich eine interessante Kombination, aber der Film scheint selbst nicht so ganz zu verstehen, was er mir über seine Charaktere sagen will. Auf dem Weg zum Turm entdecken die beiden ein verendendes Tier, dem die Aasgeier bereits den Bauch aufgerissen haben. Als sie feststellen, dass das Tier noch lebt, verscheuchen sie die Geier. Und nun? Schlagen sie dem Tier den Schädel ein, brechen ihm den Hals, tun irgendwas um sein Leiden zu beenden? Nö, Hunter macht ein Foto für ein „launiges“ social media post (Youtuber in Hollywoodfilmen sind immer Arschlöcher, oder?) und sie gehen weiter. Was soll mir das sagen? Dass die beiden Dinge nicht zu Ende denken? Das wusste ich schon, WEIL SIE NIEMANDEN INFORMIERT HABEN, DASS SIE AUF EINER BRÖCKELNDEN RIESENANTENNE AM ARSCH DER WELT RUMKLETTERN!

Dazu baut der Film den wohl offensichtlichsten Zwist zwischen den beiden Frauen auf, den man sich vorstellen kann. Ich kann hier nicht einmal den leisesten Hinweis drauf schreiben, weil der ihn schon verraten würde. Genau genommen könnt Ihr ihn vermutlich bereits zwischen den Zeilen finden. Mr. Police, I Gave You All The Clues.

Und wisst Ihr was? All das ist völlig wurscht, als die beiden die Ersteigung des Funkturms beginnen. Mann hat für die Dreharbeiten den oberen Teil des Turms auf einem Berg in der Mojave Wüste nachgebaut. Es wird hier also sehr wenig mit Greenscreen gearbeitet, der schwindelerregende Blick nach unten ist echt und absolut wirkmächtig. Ob man will oder nicht, hat man alsbald Probleme mit der Glaubwürdigkeit der Geschichte oder den Charakteren vergessen und nähert sich mit dem Hintern immer mehr der Sofakante. Und das war nur der Effekt auf einem Fernseher, im Kino dürfte das noch deutlich effektiver herübergekommen sein.

In diesem, seinem zentralen Effekt funktioniert der Film also vollends und hat mich während der zweiten Hälfte auch durchaus gefesselt. Hätte man, anstatt die „fucks“ zu entfernen, hier noch einen weiteren Schnitt durchlaufen lassen, den Film von über hundert Minuten auf 90 oder gar superschlanke 80 Minuten heruntergekürzt, es wäre wohl ein top B-Movie dabei herausgekommen. Es ist nicht einmal schwierig die überflüssigen Szenen auszumachen. So braucht mir der Film ein Stück zu lange, bevor er endlich loslegt und er nutzt diese Zeit nicht einmal, um sonderlich interessante Charaktere zu schaffen. Die Schuld der Darstellerinnen ist das übrigens keinesfalls, die hängen sich richtig rein, im wahrsten Sinne des Wortes.

Und dennoch halte ich ‚Fall‘ am Ende für sehenswert. Gerade wenn man ein wenig Höhenangst mitbringt ist der Film äußerst effektiv.

PS: ich kapiere Hunters Youtube-Kanal nicht. Sie filmt also unten an der Antenne und sagt „da klettern wir jetzt rauf“ und dann wieder wenn sie oben sind. Den Aufstieg, also den spannenden Teil, filmt dann keiner? Natürlich funktioniert der Film nicht mehr, wenn sie jemanden mitnimmt der unten bleibt und eine Drohne bedient, oder so, aber ich verstehe halt ihren fiktiven Youtube Kanal nicht… andererseits kapier ich auch ne ganze Menge reale Kanäle mit Millionen Views nicht.

‚That Thing You Do!‘ (1996)

Ich nehme an, nach ‚Elvis‘ war ich noch ein wenig in Stimmung für „Tom Hanks als Musikproduzent“. Und da ich Hanks‘ Regiedebüt, den auch von ihm geschriebenen und produzierten ‚That Thing You Do!‘ noch nicht kannte, war das doch eine prima Gelegenheit, den mal nachzuholen. Wer sich für technisch überholte Medien interessiert, kann übrigens in meinen DIVX (nicht der Codec) Artikel schauen. Auf das bin ich bei Recherchen zu diesem Film, der einst exklusiv als DIVX erschien, gestoßen. Irgendwie passend für ein Film über One Hit Wonder.

Im Jahr 1964 hat die Garagenband „The Oneders“ (sprich „The Wonders“, nicht etwas „The Oh Needers“) aus Eerie, Indiana, bestehend aus Frontmann Jimmy (Johnathon Schaech), Gitarrist Lenny (Steve Zahn), dem Bass-Spieler (Ethan Embry) und Drummer Chad (Giovanni Ribisi) einen Auftritt bei einem Talentwettbewerb. Heftig unterstützt von Jimmys Freundin Faye (Liv Tyler). Doch Chad bricht sich beim Herumalbern den Arm und so springt der Jazz-Drummer Guy Patterson (Tom Everett Scott) für ihn ein. Der spielt Jimmys neuen Song „That Thing You Do“ aber plötzlich uptempo. Der Rest der Band zieht mit und der Song wird ein unerwarteter Hit. Es folgen Auftritte in Restaurants, später bei State Fairs, schließlich ein Vertrag beim Label Playtone und mit Amos White (Tom Hanks) ein echter, professioneller Manager, der als ersten Akt den Bandnamen in „The Wonders“ umändert. Jimmy möchte neue Songs aufnehmen, doch Mr. White scheint vor allem daran interessiert „That Thing You Do“ unter die Leute zu bringen, solange der Song noch die Charts hochklettert.

Es fällt mir nicht ganz leicht einzuschätzen, was Hanks mit seinem Film eigentlich erreichen wollte. Zu einem guten Teil fühlt der Film sich an, wie ein rein nostalgischer Rückblick auf die seltsame Zeit in den 60ern, kurz nach der Beatles Invasion, als man sich in den USA sicher war, eine eigene Antwort auf die Briten finden zu müssen, aber nur eine ganze Reihe an One Hit Wonders kreierte. Denn der eigentliche Film kommt ohne viel Drama aus. Es gibt keine wirklichen Antagonisten. Sicherlich es gibt gelegentliche Seitenhiebe auf die Musikindustrie, etwa der Boss von Playtone, der keine Musik hört und nicht mit Musikern interagieren will, solange keine Kamera auf ihn gerichtet ist. Aber die fühlen sich in ihrer Offensichtlichkeit fast schon harmlos an.

Um wirkliche Schatten zu finden muss man an den Rand des Filmes blicken. Zu den alternden, ehemaligen Stars, die sich nun  mit immer kleiner werdenden Tourneen über Wasser halten müssen. Zu der Tatsache, dass der andere Gast in einer Talkshow, neben den Wonders, ausgerechnet Astronaut Gus Grissom (Bryan Cranston in einer winzigen Rolle) ist, dem ein wahrlich düsteres Schicksal kurz bevorsteht. Aber im Großen und Ganzen scheint mir Hanks weitgehend uninteressiert an allzu großen Themen und möchte hier einfach die Geschichte einer durchaus sympathischen Gruppe von Leuten erzählen.

Zentraler Star ist hier vielleicht das Stück „That Thing You Do“ selbst. Das Kunststück eines Filmsongs, der sich einerseits wie direkt aus der dargestellten Ära anfühlt und gleichzeitig trotz häufiger Wiederholung über die Laufzeit nicht nervig wird. Die Charaktere sind sympathisch, vor allem aber widersprechen sie in vielem den typischen Klischees des Musikfilms. Der „Künstler“ der Gruppe, Jimmy, ist hier der vermutlich unsympathischste. In fast jedem anderen Film wäre er der Held und White die Kraft, die ihn zurückhält (ich meine, siehe ‚Elvis‘). Hier aber ist Hanks White zwar aufs Geld aus, am Ende des Tages aber durchaus wohlmeinend. Wie eigentlich jeder der Charaktere. Oder nehmen wir die sehr junge Charlize Theron, die hier Tina, die anfängliche Freundin von Guy spielt. Die ist vom musikalischen Erfolg ihres Freundes tatsächlich genervt. Hab ich so auch noch nicht gesehen. Und dann verguckt sie sich in ihren sexy Zahnarzt und verschwindet aus dem Film.

Ein neuer ‚This is Spinal Tap‘ ist Hanks hier sicherlich nicht gelungen. Ich glaube aber, das war auch gar nicht so gewollt. Es fühlt sich an, als hätte Hanks hier exakt erreicht, was er wollte. Mit viel Erzähllust und Verve schaffen er und Jonathan Demmes Stamm-Kameramann Tak Fujimoto (Demme selbst ist in einem Cameo Auftritt als Regisseur eines albernen Strandfilms zu sehen, in dem die Wonders einen Auftritt haben) einen hoch unterhaltsamen Film, der gar nicht zu verbergen sucht, dass sein Drehbuch in etwa der „Was ich diesen Sommer erlebt habe“-Aufsatz eines Schülers ist. Im Gegenteil, er gefällt sich sogar ein wenig darin, weist immer wieder darauf hin, wie absurd wenig Zeit zwischen Aufstieg und „Fall“ der Wonders vergehen, so hat etwa Giovanni Ribisis Charakter zum Ende des Films immer noch seinen Gipsarm.

Ein erstaunlich warmer Film über ein in der Realität ziemlich kaltes Business ist etwas, das vielleicht nur jemandem wie Hanks, der in 90% seiner Rollen immer extreme Wärme ausstrahlt, gelingen kann. Wie Joe Dantes ‚Matinee‘ aus derselben Ära, blickt er zurück auf eine scheinbar buntere, glücklichere Zeit, doch anders als Dantes Film hält Hanks die selbstverständlich vorhandenen Schatten der dargestellten Zeit weit am Rand. Ein schöner Film für einen gemütlichen Abend.

‚Luca‘ (2021)

Neues Jahr, neue Probleme. Da überlege ich doch ernsthaft, ob ich diesen Artikel nun mit humorigen Vergleichen zum Suzanne Vega Song „Luka“, oder doch lieber zum, thematisch erstaunlich passenden, ‚Der Pate‘- Zitat, „Luca Brasi schläft bei den Fischen“, eröffnen soll. Aber dann ist da wieder diese leise Stimme im Hinterkopf, die sich selbst „guter Geschmack“ oder so ähnlich nennt, die mich belehrt, dass bei einem Pixarfilm Vergleiche zu einem Song über häusliche Gewalt oder einem brutal ermordeten Mafioso unpassend sein könnten. Ich werde mit der Stimme ein ernsthaftes Gespräch führen müssen. Aber erst einmal reden wir jetzt über ‚Luca‘.

Im italienischen Küstendörfchen Portorosso fürchtet man sich vor den Seeungeheuern, die um eine vorgelagerte Insel leben sollen. Das tun sie tatsächlich sind aber eigentlich völlig harmlos und fürchten sich ihrerseits vor den Oberflächenbewohnern. Einer von ihnen, der junge Fischhirte Luca, ist extrem neugierig auf die Oberwelt. Und tatsächlich wagt er eines Tages den Schritt dorthin, bzw. wird von Draufgänger Alberto, der schon länger dort lebt, einfach mitgenommen. An der Oberfläche verändert sich ihr fischiges Aussehen zum menschlichen. Schnell entdecken die Jungen die Vespa als Symbol für die Freiheit. Doch um an das Geld für eine solche zu kommen, müssten sie schon das Rennen von Portorosso. Dafür tun sie sich mit der resoluten Giulia zusammen. Doch deren Vater, ein einarmiger Fischer, ist berühmt dafür Jagd auf alles was unter Wasser lebt zu machen. Und wann immer die Jungs nass werden, treten ihre Schuppen wieder zum Vorschein…

Wenn Ihr nicht gerade Kinder seid und schon ein paar Filme gesehen habt, dann wusstet Ihr nach den ersten paar Worten meiner Zusammenfassung vermutlich exakt in welche Richtung der Film geht. Zwei Gruppen von Wesen, die einander hassen und sich in Furcht aus dem Weg gehen, wie kann das hier wohl enden? Und exakt so wie Ihr denkt endet der Film auch. Und wisst Ihr was? Das ist völlig okay. Dies mag nun nicht gerade eine von Pixars größten Pionierleistungen sein, der Film versucht gar nicht, seine Vorbilder zu verbergen. Sei es Disneys eigene ‚Arielle, die Meerjungfrau‘ oder allerlei Hayao Miyazaki Einflüsse, von ‚Ponyo‘ bis hin zu Miyazakis typischer Liebe für das Mediterrane (Portorosso ist ja auch exakt einen Buchstaben von ‚Porco Rosso‘ entfernt).

Aber die Macher um Regisseur Enrico Casarosa fangen hier die Atmosphäre und den Charakter eines ligurischen Küstenstädtchens so wunderbar, so überzeugend und zeitlos ein, dass man kaum anders kann, als sich an eigene Kindheitsurlaube und Urlaubsfreundschaften zu erinnern. Und wo der Film bei seinen überspannenden Themen von Akzeptanz und Toleranz ein wenig zu vorhersehbar ist (was in einem Film mit der Hauptzielgruppe Kinder aber absolut zu verschmerzen ist), so überzeugt er doch bei seinen Charakteren und deren interpersonellen Beziehungen umso mehr. Abgesehen vielleicht vom Antagonisten, dem örtlichen Bully und Rennchampion Ercole, sind alle Charaktere vielschichtig, ihre Handlungen nachvollziehbar, wenn auch nicht immer gutzuheißen. Insbesondere Alberto, der laute Draufgänger, der Luca aus seiner Komfortzone holt und von allerlei Klippen stößt, gleichzeitig aber von extremen Verlustängsten getrieben wird, weiß hier zu überzeugen.

Es sind Charaktere, in deren Gesellschaft man gern 90 Minuten verbringt, eingebettet in eine wunderschöne, glaubwürdige Umgebung, die einen dringend benötigten Sommerurlaub hier, mitten im Winter darstellt.

Würde ich den Film zu Pixars Besten zählen? Vermutlich nicht, aber er ist weit von ihren schwächsten entfernt. Ich würde den Film als ‚Spring‘ für Kinder bezeichnen. Und das meine ich absolut als ein großes Lob!

‚X‘ (2022) – „It’s possible to make a good dirty picture!“

Ich ahne, was sich die eine oder der andere jetzt fragt: es ist Weihnachten, warum bespricht der Typ heute einen Slasher im 70er Jahre Pornofilm Milieu, dessen deutlich erkennbares Vorbild ‚Texas Chainsaw Massacre‘ ist? Die Antwort ist so einfach wie offensichtlich. Seid Ihr bereit? Ähem: Merry ‚X‘-mas!
So, jetzt liest hier wenigstens keiner mehr weiter und ich kann schreiben, was ich will.
Die Wahrheit ist, dass ich schlicht wirklich froh bin, dass Ti West zu seinen Horrorwurzeln zurückgekehrt ist. Und das mit einem wirklich gelungenen Film. Aber fangen wir am Anfang an.

1979. Eine Gruppe junger Leute aus Houston rund um den leicht schmierigen Produzenten Wayne (Martin Henderson) will in einem abgelegenen, texanischen Farmhaus einen Porno drehen. Waynes Freundin Maxine (Mia Goth) hofft auf Ruhm, Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Jackson Hole (Scott Mescudi) haben einfach Spaß am Sex und Filmschulnerd RJ (Owen Campbell) plant als Regisseur einen experimentellen, anspruchsvollen Film abzuliefern. Dafür hat er sogar seine Freundin Lorraine (Jenna Ortega), die von der ganzen Porno-Sache wenig begeistert ist, als technische Unterstützung überredet. Vor Ort stellen sich die Bewohner der Farm Pearl (ebenfalls Goth) und Howard (Stephen Ure) als ebenso alte, wie merkwürdige Typen heraus. Und zumindest Howard ist von seinen Gästen alles andere als angetan. Der Film lässt von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, dass die Situation in einem Blutbad enden wird.

Eine Sache, die zum Verständnis des Films vielleicht ganz wichtig ist, ist, dass wir uns Ende der 70er am Ende der Zeit des amerikanischen „Porno-Chic“ befinden. Beginnend 1969 mit Warhols ‚Blue Movie‘, genossen pornografische Filme wie ‚Debbie Does Dallas‘ oder ‚Deep Throat‘ in den 70ern erstaunlichen Mainstreamerfolg, in den ansonsten prüden USA und wurden neben Hollywoodfilmen in gewöhnlichen Kinos gezeigt. Gleichzeitig näherten sich die Pornos, wenn schon nicht vom Budget her, so doch handwerklich und erzählerisch, dem Mainstreamfilm an und nicht wenige Beobachter erwarteten, dass daraus ein weiteres Hollywoodgenre werden würde. All das endete mit der Wahl Reagans und dem extrem konservativen Schwenk des Landes. Was uns das verrät ist zum einen, dass Maxines amerikanischer Traum von Ruhm und Geld hier nicht so naiv ist, wie er bei einem heutigen Porno wäre, aber auch, dass es ein Traum ist, der sich 1979 sehr bald ausgeträumt haben wird.

Womit wir beim vielleicht zentralen erzählerischen Element des Films wären. Der Idee der verlorenen Jugend. In keiner Szene wird das deutlicher als in der, in der sich Maxine und Pearl das erste Mal sehen. Maxine im Sonnenschein, hinter einer geöffneten Seitenscheibe eines Autos und Pearl im finsteren Inneren des Farmhauses hinter einer verschlossenen, fast vergittert wirkenden Fensterscheibe. Die eine im Licht der Jugend, der alle Möglichkeiten offen stehen, die andere im Alter, der nun alle Möglichkeiten verschlossen sind. Die eine sexpositiv und offen, die andere mit einer, wie wir später lernen, gefährlich unterdrückten Sexualität.

Es ist eine elegante Aufnahme, eine von vielen die West und seinem Kamermann Elliot Rocket (mit dem er schon Filme wie ‚House of the Devil‘ oder ‚The Innkeepers‚ gedreht hat) gelingen. Der Film hat eine poetisch, träumerisch anmutende Atmosphäre. So wird eine Szene, in der ein Charakter unbemerkt beim Schwimmen von einem Alligator verfolgt wird, aus einer totalen Draufsicht gefilmt, die einerseits große Ruhe ausstrahlt, gleichzeitig aber die Spannung des Moments sehr gut transportiert. Die Traumhaftigkeit der texanischen Umgebung (gefilmt in Neuseeland…) erinnerte mich hierbei sehr an Philip Ridleys ‚Schrei in der Stille‘, wobei andere visuelle Anspielungen weitaus deutlicher und ausdrücklicher sind. Vor allem natürlich ‚Texas Chainsaw Massacre‘. Die Aufnahme aus dem dunklen Haus heraus durch die Vordertür in die gleißende Sonne kommt sogar wiederholt vor. Aber auch auf andere Filme wird angespielt. ‚Psycho‘ etwa. Auf den aber nicht bloß visuell, sondern der wird direkt angesprochen. Regisseur RJ ärgert sich in einer Szene (aus privaten Gründen) man könne die Handlung eines Films doch nicht mittendrin verändern. Als Gegenbeispiel wird ihm eben ‚Psycho‘ angeführt. Und natürlich erlebt auch ‚X‘ selbst einen solchen Genreshift, wenn aus der „Pornocrew im Bible Country“ Handlung, ein reichlich brutaler Slasher wird.

Bis dahin hat sich West aber sehr viel Zeit genommen, seine Charaktere zu etablieren. Sie sind zumindest mir allesamt ans Herz gewachsen, was es ernsthaft unangenehm macht, ihre Tode zu sehen, so over the top und grotesk die auch teilweise sein mögen. Sogar Pearl und Howard werden von West ein Stück weit humanisiert, was sie umso gruseliger macht. Vor allem wird deutlich, dass sie nicht von allein so geworden sind, wie sie sind, was man nicht zuletzt am, auf jedem Fernseher des Films erscheinenden, fundamentalistisch eifernden Televangelisten erkennen kann.

Was mich allerdings selbst ein wenig erstaunt ist, dass mir der Film vor dem Shift zum Slasher fast besser gefallen hat. Das ist weniger Kritik an der zweiten Hälfte, die durchaus gelungen ist, aber ich fand die Beziehungen der Charaktere fast zu interessant, um sie durch Hauen, Stechen und Schrotgeflinte zu beenden.

Womit wir bei den Darstellern wären, die ihre Sache durch die Bank sehr gut machen, aber  es ist unmöglich über den Film zu sprechen und nicht Mia Goth hervorzustellen. Ihre Doppelrolle ist wesentlich für das Gelingen des Films. An ihren Figuren untersucht der Film die Zusammenhänge zwischen Schönheit, Erfolg und Altern und zieht dabei seine Inspiration aus schundigsten Abgründen, um etwas annähernd Profundes daraus zu machen. Und Goth trägt das in beiden Rollen scheinbar mühelos mit. Maxines Verträumtheit aber auch exakte Professionalität und Pearls Enttäuschung und daraus erwachsender Hass gelingen ihr, trotz fraglos kiloweise Maske als Pearl, absolut glaubwürdig.

Ti West ist zurück im Horror und so sehr mir seine Ausflüge weg vom Genre (etwa der Western ‚In A Valley of Violence‘) gefallen haben, so liefert er hier doch seine beste Arbeit seit Jahren ab. Man kann deutlich seine Liebe zu seinen Vorbildern hier erkennen, aber auch seinen Wunsch etwas Eigenes zu schaffen, eben nicht alle typischen Tropen des Slashers unhinterfragt zu übernehmen. Ich bin gespannt auf das Prequel ‚Pearl‘ und hoffe Goth und West können ihren gewünschten dritten Teil verwirklichen. Sollte dies Euer erster Film von Ti West sein und er gefällt Euch, tut Euch selbst einen Gefallen und schaut ‚The House oft he Devil‘.