‚Berberian Sound Studio‘ (2012)

Film ist ein visuelles Medium. Das ist keine besonders tiefe oder in irgendeiner Art neue Erkenntnis. Und doch besteht Film natürlich aus mehr als nur den Bildern. Seit 90 Jahren ist Ton ein ähnlich integraler Bestandteil. Und schon davor war ein live gespielter Soundtrack nicht unüblich. Doch natürlich sind nicht nur die Bilder eines Films „falsch“, gestellt, geschauspielert, der Ton ist es ganz genauso. Das wissen wir nicht erst seit ‚Die Ritter der Kokosnuss‘. Filme übers Filmen gibt es durchaus recht viele, Filme über das Tonmachen haben vermutlich Seltenheitswert. Und hier kommt Peter Stricklands ‚Berberian Sound Studio‘ von 2012 ins Spiel.

In den 70er Jahren wird der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) vom italienischen Regisseur Santini (Antonio Mancino) in das römische Berberian Tonstudio eingeladen, um dort bei der Postproduktion seines neuen Filmes ‚Il Vortice Equestre‘ die Vertonungsarbeiten zu überwachen. Gilderoy kann dem Namen des Filmes nur entnehmen, dass es um „irgendwas mit Pferden“ geht und ist vor Ort schockiert, dass es sich um einen blutigen „Giallo“ (einen Thriller mit übernatürlichen Elementen) handelt. Wir als Zuschauer bekommen (vom Vorspann abgesehen) nie einen Frame des Films im Film zu sehen und können nur aus Szenentiteln ableiten, dass wiederauferstandene Hexen und ein „gefährlich erregter Goblin“ an einer Reitschule für junge Frauen ebenso zentrale wie mörderische Rollen spielen. Und so reißt der schüchterne Gilderoy bald die Stiele von Radieschen, sticht auf Salatköpfe ein und zermatscht ganze Melonen, um die überzogene Gewalt des Films mit noch überzogeneren Geräuschen zu unterlegen, während in der Tonkabine die Darstellerinnen um das Leben ihrer Charaktere schreien, oder die bizarren Hexenbeschwörungen intonieren. Mehr und mehr scheint Gilderoy vom Gesehenen und seinem eigenen Zutun abgestoßen aber auch fasziniert, bis er darin zu versinken droht.

Was Strickland hier tut, widerspricht natürlich jeder „normalen“ Idee des Films. Jeder Film will seine Nähte verbergen, die Künstlichkeit unsichtbar machen, „echt“ wirken. Hier zeigt er uns verschiedene Ebenen der Postproduktion, die allesamt deutlich zeigen, dass so gar nichts „echt“ an einem Film ist. Film ist Illusion, das wissen wir alle, wollen es aber möglichst für zwei Stunden vergessen. Was Strickland aber auch zeigt ist die Kraft der Suggestion. Nicht nur wir Zuschauer sind bestens in der Lage aus den gehörten Matschgeräuschen allerlei furchtbare Gewalttaten in unseren Köpfen zu formen, selbst wenn  wir sehen, dass es nur Gemüse ist, das hier malträtiert wird. Mehr noch ist es die suggestive Wirkung der Filmszenen auf Gilderoy, der sich mehr und mehr in ihnen zu verlieren scheint, obwohl er doch Teil ihres Schöpfungsprozesses ist. In einer Szene meint er einen Charakter des Films „retten“ zu können, indem er einfach den Moment, wenn sie auf unaussprechliche Weise mit einem glühenden Schüreisen misshandelt wird, nicht mit dem entsprechenden Ton (Wassertropfen in eine heiße Pfanne) unterlegt. Letztlich quält er sich damit allerdings nur selbst, weil er die Szene wieder und wieder sehen muss, während der Rest der Crew auf seinen Einsatz wartet.

Doch auch was Gilderoy angeht beginnt der Film bald Fragen aufzuwerfen. Warum sollte ein italienischer Regisseur einen britischen Toningenieur einfliegen lassen, dessen Meisterwerk eine Naturdokumentation über Wald und Wiesen rund um das Kaff Dorking ist? Der sonst nur Geräusche für Kinderprogramme im Fernsehen macht? Dessen „Tonstudio“ ein Schuppen im Garten seiner Mutter ist? Ausgerechnet aus den unterhaltsam-kafkaesken Szenen zwischen Gilderoy und Elena (Tonia Sotiropoulou), der Empfangsdame des Berberian Studio, deren Englisch immer gerade dann aussetzt, wenn es um die Vergütung von Gildreroys Reisekosten geht, oder die ihn an eine weitere Station der labyrinthinen Finanzabteilung verweist, erwächst bald die größte Frage, was Gilderoy angeht.

Doch ist nicht die ganze Produktion seltsam? Ist es ein reiner „Culture-Clash“, oder sind die italienischen Mitarbeiter schon übertrieben feindselig gegen den introvertierten Briten? Hat der selten gesehene Santini nicht die Aura eines Hohepriesters? Geschrei, Beschwörungen und rituelles Zerhacken von Nahrungsmitteln etwas von einer Beschwörung? Wem gehört die seltsame schwarzbehandschuhte Hand, die den Projektor startet und Gilderoy so den Gewalttaten aussetzt? Bald glaubt man sich im halbdunklen, zigarettenrauchverhangenen Tonstudio zwischen holzvertäfelter, trister 70er-Jahre Optik und beinahe fetischistischen Aufnahmen analoger Tontechnologie so verloren, dass man fast geschockt ist zu hören, ein Charakter säße auf der Terrasse in der Sonne. Oh richtig, wir sind ja in Bella Italia. Da gibt es mehr als Düsternis, Geschrei und Matschgemüse.

Für Giallo Fans gibt es in dem Film fraglos zahllose Anspielungen. Ich bin sicher nicht der größte Experte auf dem Gebiet, doch ist nicht nur im fiktiven Film problemlos eine Anspielung auf ‚Suspiria‘ zu entdecken (mit Reit- statt Tanzschule), auch Santini ist zu gleichen Teilen Hommage an und Karikatur auf Dario Argento. Der junge Mann, der vor allem mit seinem eigenen Vergnügen beschäftigt scheint und nur deswegen da ist, weil sein Vater ein berühmter Regisseur ist, lässt an Lamberto Bava denken. Natürlich ist die schwarzbehandschuhte Hand die jedes ungesehenen Mörders aus einem Giallo, hier bloß mit einem Projektor statt eines Messers bewaffnet. Doch ist da sicherlich noch weit mehr.

Eine Warnung sei noch an diejenigen ausgesprochen, die strikt auf einer linearen Handlung bestehen. Im dritten Akt wird der Film zunehmend erratisch-bizarrer, auf eine Art und Weise, die zahlreiche Interpretationen zulässt, aber nicht unbedingt klare Antworten liefert. Bei meiner ersten Sichtung fühlte ich mich davon ein wenig enttäuscht, doch nun wo ich weiß was mich erwartet, gefällt mir das Ende mit jedem Ansehen besser. Ich habe Vergleiche mit David Lynch gelesen, kann die aber nur teilweise nachvollziehen. Der Film an den mich Stricklands Arbeit hier am ehesten erinnert, ist ‚Videodrome‘. In beiden Filmen verlieren sich die zentralen Charaktere in gesehenen Grausamkeiten, doch gehen Strickland und Cronenberg auf vollständig andere Weise mit diesem Thema um.

Zu erwähnen ist definitiv noch Toby Jones‘ darstellerische Leistung. Er hat eines dieser wahnsinnig ausdruckstarken Gesichter, auf dem sich nur durch winzige Veränderung allerlei Nuancen ablesen lassen. In einer Szene bekleckert sich sein Gilderoy beim Versuch mit einem Mixer voller Tomatenmark ein überzeugendes Kettensägengeräusch zu schaffen selbst. In der folgenden Szene vor dem Spiegel wirkt dies fast wie Blut. Oder eher wie Kunstblut in einem Film. Und Jones wechselt zwischen jenem Mann aus England, der keiner Fliege (oder eher Spinne, in dieser Szene) etwas zu leide tun kann und etwas deutlich Finstererem.

Peter Stricklands Film ist ungewöhnlich, bizarr und reichlich eigen. Ob man ihn überhaupt als Horrorfilm verorten möchte, muss wohl jeder selbst entscheiden, doch wer Interesse daran hat wie die Wurst (oder der Film) gemacht wird, einen weitgehend Nostalgiefreien Rückblick auf ein nur noch selten erwähntes Genre möchte, oder schlicht Vergnügen an ungewöhnlichen Filmen hat, der macht hier sicherlich nichts verkehrt.

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‚The Return Of The Living Dead‘ (1985) – „Braaaiiins!“

Ich bin nicht der größte Fan des Zombiefilms. Aber wenn mich jemand nach meinem liebsten Vertreter des Genres fragt, dann antworte ich üblicherweise mit ‚The Return Of The Living Dead‘. Nun hatte ich den aber ein paar Jahre nicht gesehen und die Frage war, ob die Antwort immer noch stimmt. Für die Entstehung des Regiedebuts von Kult-Drehbuchautor Dan O’Bannon (‚Alien‘), müssen wir ganz an den Anfang des modernen Zombiefilms zurückkehren. 1968 hob Regisseur George Romero in ‚Night Of The Living Dead‘ die beliebten Untoten in ihrer heutigen Form aus dem Grab (wenn er sie auch „Ghule“ betitelte). Er und sein Co-Autor John Russo wurden sich jedoch nicht einig, wie man mit Fortsetzungen zu dem Überraschungshit umgehen sollte und sie gingen jeder eigener Wege. So regelten sie, dass Romeros Fortsetzungen ‚… Of The Dead‘ betitelt würden, die von Russo ‚…Of The Living Dead‘. Während Romero weiter Filme drehte, schrieb Russo einen Roman mit dem Titel „Return Of The Living Dead“. Jahre später wurde Dan O’Bannon angeheuert, um daraus ein Drehbuch für einen Tobe Hooper Film zu adaptieren. Allerdings sprang Hooper von dem Projekt ab, um stattdessen ‚Lifeforce‘ (ebenfalls nach einem O’Bannon-Skript) zu drehen. So erhielt O’Bannon die Möglichkeit auch Regie zu führen. Dafür bat er sich allerdings aus, wesentliche Änderungen an der Geschichte vornehmen zu dürfen. Erstens, um sie weiter von Romeros etabliertem Territorium zu entfernen, zweitens um ihr tiefschwarzen Humor und jede Menge Punk-Attitüde zu verpassen. Der Film wurde erfolgreich genug, dass Russo O’Bannons Geschichte später wieder zu einem Roman adaptierte…

Freddy Hanscom (Thom Matthews) beginnt einen Job in einer Versand-Firma für medizinischen Bedarf. Nicht nur Prothesen und Rollstühle kann man dort erwerben, auch Skelette, in der Mitte durchgeschnittene, präparierte Hunde und menschliche Kadaver für die medizinische Ausbildung. Natürlich fragt Freddy seinen Vorgesetzten Frank (James Karen), was das Merkwürdigste ist, was sie hier auf Lager haben. Es stellt sich raus, dass es eine Reihe Leichen aus dem Vorfall ist, der George Romero zu seinem Film ‚Night Of The Living Dead‘ inspiriert hat. Eine Chemikalie hat Leichen wiederbelebt, die Armee hat die Sache zwar heimlich unter Kontrolle gebracht, doch durch einen Fehler beim Versand stehen die Container mit den Leichen nun seit 15 Jahren im Keller des Lagerhauses. Als sie die Container begutachten tritt aus einem plötzlich Gas aus. Dieses macht nicht nur Freddy und Frank krank, es macht auch den Kadaver im Kühlhaus des Lagers sehr aktiv und reichlich wütend, ebenso die halben Hunde. Schnell wird Boss Burt (Clu Gulager) angerufen für den es nur eine Möglichkeit gibt: alles unter den Teppich kehren. Blöderweise lässt sich der Kadaver nicht mit den „üblichen“ Zombiemethoden ausschalten. Ohne Kopf wütet er weiter, zerstückelt versucht er noch anzugreifen. Also muss er verbrannt werden, im Krematorium von Burts Kumpel Ernie Kaltenbrunner (Don Calfa) (Ernie und Burt… wow, das bemerke ich jetzt erst). Blöderweise wird die Asche und damit die Chemikalie durch einen Starkregen schnell wieder zur Erde gedrückt. Direkt über einem nahen Friedhof, auf dem Freddys Punk-Freunde darauf warten, dass er Feierabend hat…

O’Bannon stellt mit Freude die Absurditäten seines Skriptes heraus. Freddys Freundin Tina (Beverly Randolph) fragt die Punks Spider (Miguel A. Nunez) und Suicide (Mark Venturini) warum sie eine Kiste voll Signalfackeln auf den Friedhof schleppen. Eine Antwort erhält sie nicht. Alsbald hat sich Punklady Trash (Linnea Quigley) aber ihrer Kleider entledigt und tanzt auf einem Grab. Schon kommen Suicide und Co. Mit brennenden Fackeln ins Bild und hampeln choreografiert um sie herum. Dieser alberne Musikvideomoment wäre absurd genug, doch durch die vorherige Frage lachen wir nun mit dem Film, statt über ihn. Ernst „Ernie“ Kaltenbrunner hört knackige Marschmusik, hat ein Bild von Eva Braun an der Wand und eine Luger am Gürtel, die er ein wenig zu gern zieht. Kurz, alles weist darauf hin, dass er ein Nazi ist, thematisieren tut der Film das aber nie. So bleibt es als absurde Andeutung stehen. Auch datiert Frank den Vorfall, der Romero inspiriert haben soll auf 1969. ‚Night…‘ erschien aber bereits 1968. Ein gewollter Fehler, nicht nur Absurdität, sondern auch Hinweis darauf, dass Romero natürlich der Urvater des Zombies ist und bleibt.

Diese Absurdität setzt sich ebenfalls bei den Zombies fort. Der berühmt-berüchtigte „Teermann“ des Films ist ein Spezialeffekt, der auch heute noch ganz gut aussieht. Allerdings ist er im Aussehen mindestens ebenso albern wie schrecklich. Insbesondere, wenn er als erster im Film seinen Hunger nach „Brains!“ äußert.

Das Zombie-Dasein selbst hingegen beschreibt O’Bannon ohne jede Absurdität, zumindest für mich, schlimmer als jeder andere Film. Als Zombie verliert man nichts von seiner Intelligenz oder seines Bewusstseins. Jedoch wird alles durch den unaufhörlichen, unerträglichen Schmerz sterbender Muskeln und versagender Organe übertönt. Und das Einzige, was einen Moment der Erleichterung verschaffen kann sind eben „Brains!“, das Verspeisen von Hirnmasse. Und nichts was irgendjemand gegen einen Zombie unternimmt (von vollständiger Verbrennung abgesehen, aber die hat ihre eigenen Risiken, siehe oben) lässt ihn sterben. Es verschlimmert nur den Schmerz. Die Zombies sind gleichsam unaufhaltsam, hinterhältig und bemitleidenswert (und schnell, weswegen ich nie verstanden habe, warum das ‚28 Days Later‘ als Innovation zugesprochen wurde…). Und so ist auch das Zombie-Werden selbst perfide: es geschieht nach Kontamination mit der Chemikalie quasi unmerklich.

Und so merkt man ‚Return oft he Living Dead‘ schnell an, dass es aus jener Ära in den 80ern stammt, die den ‚Tanz der Teufel‘ hervorgebracht hat, den ‚Re-Animator‘ und ‚From Beyond‘. Dass er aus jenem kurzen Zeitfenster stammt, in dem Horror Comedy nicht bedeutete mit Humor den Horror abzumildern, sondern, dass der Horror der Humor und der Humor der Horror war. Lachen und Grausen sind sich selten fern, doch kamen sie sich rein filmisch selten näher als in dieser kurzen Ära.

Dreht ein Autor einen Film, auch noch von seinem eigenen Drehbuch, dann besteht häufig die Gefahr, dass seine Charaktere herumstehen und seine, selbstverständlich brillanten Dialoge vortragen. Nicht so bei O’Bannon. Der Film überschlägt sich fast bei dem Versuch zur Action zu kommen. Wahnsinnig viel Platz für Charakterentwicklung lässt er dabei nicht. Hier hilft, dass er zum guten Teil punkige Charaktere einsetzt und schon das Aussehen oft genug einen Hinweis auf den Charakter gibt. Doch gerade zwischen Freddy und Frank, Ernie und Burt (ich komm nicht drüber weg, dass ich das nicht gemerkt habe) oder Freddy und Tina gibt es durchaus Momente. Herausstellen möchte ich James Karen, der seinen Frank zu einem nicht sehr hellen, in einer grauenhaften Situation gefangenen Sympathieträger gibt.

Die Kamera ist dynamisch, die Effekte gelungen, der Gore eklig, die Zombies innovativ, die Musik treibend und die „No Future!“ Punk-Attitüde kann man quasi riechen. Das lässt den Film auch heute noch problemlos aus der großen Masse der Zombiefilme hervorstechen. Ist es immer noch mein liebster Zombiefilm? Schwer zu sagen, es könnte sogar sein, dass ‚One Cut of the Dead‘ ihm diese Stellung in diesem Jahr abgenommen hat. Dafür muss ich den aber noch ein paar Mal sehen. Etwas, das ich mit Sicherheit auch mit ‚ The Return oft he Living Dead‘ tun werde.

‚So finster die Nacht‘ (2008)

‚So finster die Nacht‘ mag keine direkte Übersetzung des schwedischen ‚Låt den rätte komma in‘ (‚Let The Right One In‘ im Englischen) sein, dennoch funktioniert der Titel sehr gut für mich. Denn finster sind die Nächte fraglos, in jener schwedischen Hochhaussiedlung im tiefen Winter, in den noch tieferen 80er Jahren. Viel heller als grau werden die Tage jedoch auch nicht. Menschen mit tief zerfurchten Gesichtern treffen sich hier im, schon dreist ironisch benannten „Sun Palace“ trinken Bier und philosophieren darüber was „die Russen“ wirklich sind.

In dieser isolierten Welt der Einsamkeit, scheint kaum einer mehr allein als der zwölfjährige Oskar (Kåre Hedebrant). Die Eltern sind geschieden, in der Schule wird er brutal gemobbt. Statt in Traurigkeit flieht er sich in kaum beherrschten Zorn. In Rachefantasien gegen seine Peiniger. „Sprichst Du mit mir?“, fragt er, tief in der Filmhistorie kramend, einen Baum, bevor er mit einem Messer darauf einsticht. Da taucht hinter ihm die gleichaltrige Eli (Lina Leandersson) auf, die vor kurzem mit einem älteren Mann (Per Ragnar) in die Siedlung gezogen ist. „Wir können keine Freunde sein!“, beeilt sie sich Oskar zu erklären. Von hier nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Wir alle haben gewisse Ideen im Kopf, wenn wir die Worte „Teenager Vampir Romanze“ hören. ‚So finster die Nacht‘ gibt sich die größte Mühe, allen diesen Ideen zu widersprechen. Nicht nur sind Oskar und Eli mit 12 ein wenig zu jung, auch wenn Eli natürlich nur „ungefähr“ 12 ist. Auch ist Oskar, der schmale, zornige, blonde Junge, in vielen Szenen mit gefrorenem Rotz unter der Nase, sicherlich nicht der typische „romantic lead“ a la Hollywood. Eli läuft barfuß durch den Schnee, riecht eklig, hat von Blut braun verkrustete Fingernägel und sieht nach einem Tag ohne Nahrung aus, als wär sie seit letzter Woche tot. Wenn Oskar seinen ersten Kuss bekommt, dann trieft ihr das Blut eines Charakters, der in einem anderen Film der Held gewesen wäre, von den Lippen. Kurz, ihr Vampirdasein ist wahrhaft monströs und sie macht Oskar gegenüber kein großes Geheimnis draus. So ist der Film denn auch weniger Romanze, als ein Blick darauf, was wir bereit sind für eine Beziehung aufzugeben, so seltsam diese Beziehung auch scheinen mag.

Wir sehen Håkan, den Mann um die fünfzig, der als Elis Vater auftritt, in Wahrheit aber derjenige ist, der für sie mordet und Blut abzapft. Darin ist er allerdings nicht (mehr?) besonders fähig. Als er von der Polizei geschnappt zu werden droht, entstellt er sich mit Hilfe von Säure selbst, damit keine Spur zu Eli führt. Er ist nicht ihr Vater, er ist nicht ihr Partner, er ist ihr offensichtlich hörig. Und opferbereit bis zum letzten Augenblick. Doch Håkan war auch einmal 40 Jahre jünger. Da war Eli vermutlich ebenfalls „ungefähr zwölf“.

Das sind die Ideen, die der Film ins Hirn seiner Zuschauer pflanzt. Doch ganz so zynisch stellt er die Beziehung seiner beiden Protagonisten dann doch nicht da. Es gibt auch Momente echter Wärme zwischen den beiden. Es gibt Hinweise, dass Eli Gefühle für Oskar empfindet, es keine Suche nach einem neuen Stellvertreter gegenüber der menschlichen Welt ist, sondern wirklich so etwas wie Liebe. Sein enttäuschtes Gesicht bringt sie dazu seine Süßigkeiten zu probiren, obwohl sie weiß, dass sie sich danach die Seele aus dem Leib kotzt. Kurz es ist eine Beziehung mit all den Problemen, allen Seltsamkeiten die das mitbringt.

‚So finster die Nacht‘ ist ein Film um die Suche nach ein wenig Wärme in einer Welt der Kälte. Und so ist es ein sehr kalter Film. Regisseur Tomas Alfredson und Kameramann Hoyte van Hoytema (der hier seinen internationalen Durchbruch hatte) inszenieren den Film mit der kalten Distanz eines typischen Nordic noir Thrillers. Fast erwartet man zu sehen, wie sich der typische, zerknautschte Schwedenpolizist aus seinem Auto quält. Natürlich kommt der nie, zu isoliert ist diese Welt. Dieser kalte, spröde Realismus kontrastiert immer wieder einmal mit Momenten des Horrors aber auch Augenblicken meditativer Poesie. Kein Wunder, das van Hoytema sowohl Nicolas Roeg als auch Robby Müller als Vorbilder angibt. Beide kann man hier erkennen. Entsprechend der Kälte seiner Bilder bewegt sich auch der Film beinahe gletscherartig in seiner Dramaturgie voran. Es ist kein Film für Ungeduldige und während es durchaus groteske Momente gibt lebt der Horror des Films eher von der Atmosphäre, von den Ideen als von Jumpscares  oder blutigen Momenten.

In Elis Charakter zeigt sich wieder einmal der Wert des Nichtererklärens, vor dem das Mainstream Kino immer mehr Angst zu bekommen scheint. Gerade weil wir sehr wenig über sie wissen, wie sie zum Vampir wurde, wie lange sie bereits einer ist, funktioniert ihr Charakter. Wir sehen, dass sie wohlhabend ist, das aber nicht auslebt. Und in einer schockierenden Szene, die leicht zu verpassen ist, sehen wir, dass sie möglicherweise mehr mit „ich bin kein Mädchen“ meint, als das sie schon deutlich älter und ein Monster ist. Mit solcher Ambiguität lädt man natürlich eine große Last auf die Schultern einer jugendlichen Schauspielerin, die all das transportieren soll. In Lina Leandersson hat man zum Glück genau diese Schauspielerin gefunden. Auch wenn sie schon im schwedischen Original synchronisiert wurde, um ihr eine tiefere, mysteriösere Stimme zu geben, bleibt ihre Leistung dadurch ungeschmälert. In Kåre Hedebrant hatte sie einen Partner, dem es ebenso gelang, seinen komplexen Charakter aus Traurigkeit, Einsamkeit und Zorn in kleinen Gesten herauszuarbeiten. Beide haben nicht die großen Schauspielkarrieren hingelegt, die ihnen vor elf Jahren vorausgesagt wurden, doch ob das aus eigener Entscheidung oder mangelnden Möglichkeiten passierte, weiß ich nicht.

‚So finster die Nacht‘ zeigt einmal mehr, dass es für einen Film weit weniger interessant ist, was er erzählt, sondern es vielmehr auf das wie ankommt. Dieses Drama um die Angst vor Einsamkeit und den Preis, den wir für Beziehungen zahlen, hat wohl deutlich mehr von Abel Ferrara als von Stephenie Meyer und das, obwohl er eine „Teenager Vampir Romanze“ darstellt.

 

PS: es gibt übrigens ein US-Remake. Das ist kein misslungener Film und ist sicher mehr auf Hochglanz poliert als das schwedische Original. Allerdings lässt der Film einiges aus, was dieser Film liefert. Dafür addiert er einiges anderes (etwa den oben angedeuteten Polizistencharakter), das dem Gefühl der Isoliertheit, das das schwedische Original ausmacht, schadet. Insgesamt ein überflüssiges, aber nicht furchtbares Remake. Ich meine, schaut das Original!

‚From Beyond‘ (1986)

1985 explodierte Theatermann Stuart Gordon mit seiner wilden Splatter-Komödie ‚Re-Animator‘ ins Horrorfilmgenre. Mehr oder weniger durch Zufall, denn Gordon hat seine H.P. Lovecraft-Adaption eigentlich als Theaterstück gedacht. Dann als Fernsehspiel. Doch wurde ihm überall unter Kopfschütteln beschieden, dass der einzige Ort für Horror der Film sei. Also wurde es ein Film. In Brian Yuzna wurde ein begeisterter Produzent gefunden, Geld gab es dennoch nicht viel. Doch hatte der Film einen solchen Drive, eine solche Lust am Experimentieren mit Kameraeinstellungen und Licht, die Bereitschaft Kunstblut gleich Hektoliterweise zu vergießen, dazu in Jeffrey Combs einen fähigen Hauptdarsteller, dass man über mäßige Effekte und die eine oder andere Amateurhaftigkeit gerne hinweg sah. Der Film wurde bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Und in Deutschland natürlich auf den Index gesetzt.

Kaum ein Jahr später standen Gordon und Yuzna bereit an den Erfolg mit einer weiteren Lovecraft Verfilmung anzuknüpfen. Diesmal mit etwas mehr Geld und dem Plan in Italien statt in Hollywood zu drehen, auf das es weiter reiche. Neben Combs kehrte auch die in ‚Re-Animator‘ eher unterforderte Barbara Crampton zurück. Und war Lovecrafts Geschichte für den letzten Film eher Inspiration als Vorlage, nahm Gordon es bei dieser Adaption durchaus genauer.

In der literarischen Vorlage (auf deutsch etwas krumm „Vom Jenseits“ betitelt) erzählt ein namenloser Erzähler, wie er einem Wissenschaftler namens Crawford Tillinghast bei dessen Experimenten assistierte. Tillinghast hat eine Maschine entwickelt, die die Zirbeldrüse stimuliert (sie zum „dritten Auge“ macht) und den Menschen so befähigt eine parallele Existenz zu der unseren wahrzunehmen. Blöd nur: die Wesen, die dort leben, können den Menschen dann auch wahrnehmen. Von einer solchen Wesenheit angegriffen, zerstört der Erzähler die Maschine, doch Tillinghast ist bereits tot.

Genau so geschieht es in Gordons Film, nur aus der Gegenwart Lovecrafts, den 1920er Jahren, in die Gegenwart der 80er transportiert. Crawford Tillinghast ist nun der Name des Assistenten (Combs), während der Hauptforscher (Ted Sorel) Dr. Pretorius (eine Anspielung auf James Whales ‚Frankensteins Braut‘) heißt. Allerdings passiert all das in den ersten 5 Minuten, noch vor dem Vorspann. Der Rest des Films ist dann purer Gordon.

Crawford sitzt nämlich in einer Nervenheilanstalt, weil er mit einer Axt nahe der kopflosen Leiche von Pretorius aufgegriffen wurde. Genauer, wegen seiner Behauptungen ein Wesen aus einer parallelen Realität habe Pretorius den Kopf abgebissen („wie einem Lebkuchenmann“), bevor Crawford die Maschine, den Resonator, mit der Axt zerstörte. Da die Polizei sich seiner Schuld aber nicht sicher ist (und gern Pretorius‘ fehlenden Kopf finden würde), erhält die Psychologin Katherine McMichaels (Crampton) die Erlaubnis das Experiment mit Crawford unter Aufsicht von Polizist „Bubba“ Brownlee (Ken Foree) mit der originalen Maschine nachzustellen. Tatsächlich bringt sie ihre eigene wissenschaftliche Faszination für die Maschine mit, nachdem ein CAT-Scan belegt, dass Crawfords Zirbeldrüse tatsächlich extrem vergrößert ist. Bald zeigt sich, dass der Betrieb des Resonators psychische und körperliche Folgen hat. Mit der Zirbeldrüse wird nicht nur das „dritte Auge“  stimuliert, sondern auch das Lustzentrum des Hirns, was zu einem Suchteffekt bei den Beteiligten führt. Schlimmer noch: Pretorius ist keineswegs tot, sondern auf der anderen Seite, alles andere als ein netter Kerl und versucht nun „Vom Jenseits“ aus Einfluss zu nehmen.

Stuart Gordon ist ein B-Movie Regisseur* und er will auch gar nicht als etwas anderes erscheinen als ein B-Movie Regisseur. Was seine Filme auszeichnet ist, dass sie oftmals ein klein wenig cleverer sind als viele andere B-Movies der 80er (und später), die sich vor allem anderen auf Sex und Gewalt verlassen. Nicht das beides nicht auch bei ihm vorkäme. ‚From Beyond‘ ist als Film weniger albern als ‚Re-Animator‘, verzichtet weitgehend auf Oneliner oder allzu slapstickhaften Splatter. Was nicht heißen soll, dass er nicht immer noch sehr, sehr albern ist. Aber er ist atmosphärisch näher am Lovecraft-Material. Die Idee einer völlig fremden, unverständlichen Welt, die Zugang zu der unseren erhält, übernimmt er sehr direkt. Und reichert sie dann mit allerlei schleimigen Monstern und sexuellen Unter- Obertönen an, die es so bei Lovecraft sicher nie gegeben hätte.

Das Thema des Films ist der Sieg der Lust über die Ratio. Der Ratio scheint Gordon ohnehin wenig zu trauen. In ‚Re-Animator‘ schuf sie buchstäblich Monster, hier muss sie sich den Trieben geschlagen geben. Das wird symbolisiert einerseits durch das weidlich bekannte Bild von der Wandlung Katherines von der zugeknöpften Wissenschaftlerin zur Domina im schwarzledernen Fetisch-Outfit (wobei sie, deutlich ungewöhnlicher, dabei einen Umweg über die „Mad Scientist“ Route nimmt). Andererseits, sehr Gordon, dadurch, dass Crawford seine endgültig überstimulierte Zirbeldrüse durch die Stirn platzt, wie ein rot-feuchter Tentakel-Phallus und ihn endgültig zum rein lustgetriebenen Wesen macht. Subtil ist das nicht, aber Gordon wäre vermutlich beleidigt, sollte ihm jemand jemals Subtilität unterstellen. Und, nur um eines klarzustellen: ich mag hier oft von Lust und Sex sprechen, aber etwas Expliziteres als ein paar Brüste und Ken Foree in einer sehr engen Speedo-Badehose gibt es nicht zu sehen.

Es ist vermutlich aufgefallen, dass ich mich nicht auf die genauen Umstände der Handlung einlasse. Das ist durchaus beabsichtigt. Denn der Film weiß bei der ersten Sichtung derart zu überraschen, dass ich ihm das nur ungern nehmen würde. Gordon weiß exakt, wo er hinwill und wir als Zuschauer können den wilden Ritt nur mitmachen. Dabei spielt der Film an exakt zwei Schauplätzen: dem Haus wo der Resonator steht (666 Benevolent Street, natürlich) und der Nervenheilanstalt. Gerade mit dem Haus stellt Gordon aber derart viel an, dass es zu keinem Moment eintönig oder gar langweilig werden kann.

Die Spezialeffekte und auch die Bildkomposition sind im Vergleich zu ‚Re-Animator‘ ein ganzes Stück besser geworden. Gordon hat im Laufe seines ersten Filmes offensichtlich viel gelernt. Auch hier stellt er aber wieder eine Farbe ins Zentrum. War es in ‚Re-Animator‘ noch das giftige Grün des Serums, das die Toten wiederbelebt, ist es hier das violette Licht des Resonators und der fremden Welt. Den Monstern, allen voran den verschiedenen Inkarnationen von Pretorius, merkt man das höhere Budget deutlich an. Sicherlich ist es kein ‚The Thing‘ und gerade zum Ende hin übernimmt sich der Film hier etwas in seinen Ambitionen, aber im Großen und Ganzen funktioniert es sehr gut.

Jeffrey Combs gibt seinen Crawford anfangs als, verständlicher Weise, hypernervösen Paniker. Diese Figur im Horrorfilm, die den Schrecken gesehen hat, der aber niemand glauben will. Im Laufe des Films wird er immer mehr zu einer Art Renfield. Vom Bösen verführt aber nicht vollständig verdorben. Seine Erscheinung wird den Film über immer bizarrer, wenn ihm erst die Magensäure eines Riesenwurmes alle Haare vom Körper ätzt (ja, wirklich) und später die oben beschriebene physiologische Veränderung der Zirbeldrüse eintritt. Barbara Crampton ist der eigentliche Star des Films. Ihre Figur wird von der mitfühlenden Psychologin zur verrückten Wissenschaftlerin zur übergriffigen Domina zur Ausgestoßenen und schließlich, aber nein, keine Spoiler. Crampton trägt alle diese Veränderungen, lässt sie aus einem Guss wirken und hat erkennbaren Riesenspaß daran, endlich einmal etwas anderes tun zu dürfen als zu schreien. Ken Foree ist sympathisch, der „normale“ Zugang zu den anderen Charakteren. Am Ende ist er der Vernünftigste, aber das nützt ihm nur wenig. Ted Sorel ist widerlich als Dr. Pretorius. Und das meine ich als Kompliment.

Stuart Gordon wird selten unter den „Größen“ des Horrorfilms erwähnt. Das ist schade, denn Filme wie ‚Re-Animator‘ oder ‚From Beyond‘ könnten von keinem anderen als ihm stammen (und Brian Yuzna, der später selbst hinter der Kamera stand und etwa in ‚Society‘ bewies, dass die Reichen tatsächlich anders sind als wir, war ganz offensichtlich von ihm inspiriert). Vielleicht liegt es daran, dass Gordon sich zwar immer für einen B-Filmer gehalten hat, aber keineswegs immer im Horror gearbeitet hat. Andererseits wird er auch nicht eben unter den „Größen“ des SciFi Genres gehalten. Seine beiden Debutfilme brachten damals ähnlich frischen Wind ins Genre wie ‚Tanz der Teufel‘. Vielleicht ist Gordons „Problem“, dass er nie Fortsetzungen drehen wollte (das übernahm dann Yuzna für den ‚Re-Animator‘). Wie auch immer, seine ersten beiden Filme kann man auch heute noch mit den Worten „so etwas habt Ihr noch nie gesehen“ Leuten mit halbwegs unempfindlichen Magen empfehlen.

 

 

*Fun Fact: bei Disney(!) muss man irgendetwas in ‚From Beyond‘ gesehen haben, denn kurz nach dem Film bot man Gordon an ‚Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft‘(!!) zu schreiben und zu drehen(!!!). Geschrieben hat er den Film, doch scheiterte seine Regiearbeit (nach eigener Aussage) daran, dass er ein Treffen mit den Disney-Bossen als derart unerträglich empfand, dass er das Projekt verließ.

‚All Is Lost‘ (2014)

Robert Redford hat inzwischen schon mehrfach verkündet, dass sein letzter Film auch sein letzter Film wäre und er in den Ruhestand geht. Zuletzt sagte er das über ‚Ein Gauner & Gentleman‘, danach tauchte er allerdings bereits wieder in ‚Avengers: Endgame‘ auf. Zum ersten Mal ließ er einen möglichen Ruhestand bei ‚All Is Lost‘ vermuten. Das ist nicht ganz überraschend, erhält der Film doch durch seinen Aufbau eine sehr persönliche Note und einen würdigen Karriereabschluss hätte er ebenfalls bedeutet.

Die Geschichte ist schnell erzählt. Irgendwo auf dem Indischen Ozean wird ein älterer Mann (Redford) auf seiner Segelyacht jäh aus dem Schlaf gerissen, als Wasser in die Kabine strömt. Der Segler ist mit einem auf See treibenden Frachtcontainer havariert. In mühevoller Arbeit gelingt es dem Mann sein Schiff vom Container zu befreien und das Leck zu flicken. Allerdings sind Kommunikations- und Navigationsgerät durch das eingedrungene Salzwasser zerstört. Bald droht ein aufziehender Sturm Schiff und Segler den Rest zu geben.

In der heutigen Zeit der Origin-Stories, wo jeder Charakterzug begründet sein will, ist es beinahe schon außergewöhnlich, mit wie wenigen Strichen Autor/Regisseur J.C. Chandor hier seinen Hauptcharakter skizziert, der nicht einmal einen Namen bekommt. Den Großteil seines Textes absolviert der Charakter in den ersten Minuten in einem kurzen Monolog, vermutlich ein Ausschnitt aus einer Nachricht, die er später schreibt. Dort wird deutlich, dass er sich für etwas schuldig fühlt. Er trägt einen Ehering, ist aber allein auf dem Schiff. Überhaupt unternimmt er als Spätsiebziger hier eine Reise, die gefährlich genug scheint, dass alles was passiert nicht völlig überraschend kommen kann.

Das muss als Information ausreichen, denn der Rest des Films lässt kaum Platz für Charakterentwicklung. Es ist ein Ein-Mann-Katastrophenfilm, der fast völlig im Moment funktioniert. Es ist ein unaufhörlicher Kampf gegen die Elemente (okay, ein Element im Speziellen). Der Charakter löst ein tödliches Problem, nur um von einer gleichgültigen Welt mit drei neuen, noch schlimmeren konfrontiert zu werden. Es ist eine geriatrische Version von ‚Gravity‘, die auf dem Meer statt im Weltall spielt (und auf George Clooney als Mut zusprechendem Buzz Lightyear-Verschnitt verzichtet). Alles Mitgefühl, das wir für die Figur empfinden entspringt daher weniger dem weitgehend undefinierten Charakter selbst, sondern dem Spiel Redfords. Und das sorgt dafür, dass die Grenzen zwischen Schauspiel und Wirklichkeit ein wenig verschwimmen.

Wie viel ist noch Schauspiel, wenn Redford bis zu den Schultern im Wasser steht und vor Anstrengung stöhnend versucht zu retten, was aus dem Schiffsrumpf zu retten ist, während seine Finger blau vor Kälte werden? Hat sich der alte Mann vor der Kamera (der laut den Filmemachern mehr seiner Wasserstunts selbst gemacht hat als ihnen lieb war) ähnlich übernommen wie der auf dem Schiff? Wie kann das sein? Das ist doch Bob Woodward, dessen scharfe Feder Nixon stürzen ließ. Johnny Hooker, dem immer noch ein Betrug einfiel. Etwas Wasser kann doch Jeremiah Johnson nicht umbringen! Himmel, Sundance Kid, Du bist alt geworden! Und ich bin mir sicher, auf genau solche Assoziationen legt der Film es auch voll an.

Ich könnte jetzt Vergleiche ziehen, etwa zu dem anderen One Man Show Film ‚No Turning Back‘, zu dem thematisch ähnlichen ‚Life of Pi‘ oder dem oben erwähnten ‚Gravity‘. ‚All Is Lost‘ wirkt aber grundlegend anders als irgendeiner dieser Filme, was tatsächlich weniger an den Bildern als am Ton liegt. Es ist beinahe ein Stummfilm, so wenig gesprochener Text kommt darin vor. Es ist für die Hörgewohnheit heutiger Filme ein bewusst anderes Sounddesign. Der Anfang wird definiert vom Knirschen der geborstenen Bordwand an der Ecke des Containers. Die kurze Zeit, wenn der Trip wieder in eine gute Richtung zu laufen scheint vom Schlagen der Wellen an den Rumpf und sanften Windgeräuschen. Wenn dann aber der Sturm zu heulen beginnt, der Rumpf knirscht, das Segel schlägt, dann brauchen wir gar keinen Dialog um zu wissen was los ist. Und falls wir es doch nicht verstehen genügt ein Blick in Redfords Gesicht.

Dieses exakte Sounddesign wird durch den Soundtrack von Alex Ebert nur unterstützt. Weitgehend Ambient mit wenigen erkennbaren Melodien, lässt er stets dem Sound den Vortritt. Ich wage zu bezweifeln, ob er abseits des Films in irgendeiner Weise funktioniert, aber im Film erfüllt er voll seine Funktion.

‚All Is Lost‘ ist ein faszinierender, kleiner Film mit einem faszinierenden, großen Darsteller, der hoffentlich noch viele „letzte Filme“ drehen wird. Ich vermute, dass ‚All Is Lost‘ um so besser funktioniert, je mehr Redford „Vorbildung“ man mit hineinbringt. Das wirklich Überraschende ist, dass J.C. Chandor, nach diesem gelungenen Film, die hochkonzentrierte Langeweile geschaffen hat, als die ich ‚A Most Violent Year‘ erlebt habe…

 

PS: ich möchte kurz auf die extreme Zurückhaltung hinweisen, die es erforderte auf spaßige(?) Überschriften wie „Der alte Mann und das Meer“, oder „Schiffbruch mit Container“, oder „Gravity: jetzt auch unter Wasser“ zu verzichten. Doch ich bin mir sicher, damit im Sinner aller gehandelt zu haben. Danke.

Ist der wirklich sooo schlecht? ‚Aliens vs. Predator 2‘ (2007)

Ich mochte ‚Aliens vs. Predator‘ nicht wirklich. Dieser ganze „Ancient Alien“-Pyramide am Südpol Kram und die etwas zu heldenhaft gezeichneten Predatoren, die wenig mit dem kichernden Mistkerl, der sich am Ende vom Arnie-Film in die Luft jagt, zu tun hatten, plus ziemlich öde Action-Szenen, ließen ihn mir in keiner guten Erinnerung bleiben. Und so kam ich auf die einzig mögliche Weise in den Genuss von Teil 2: ich angelte ihn tief vom Grund einer Ramschkiste im örtlichen Elektro-Markt. Und die BluRay hielt exakt, was der Herkunftsort versprach: Bonusmaterial ist Fehlanzeige, ja es gibt nicht einmal ein Menü, Ton/Untertiteleinstellungen werden während des Films geändert. Wurscht, auf den Film der Brüder Strause kommt es schließlich an. Falls Euch die Namen Colin und Greg Strause etwas sagen, dann hat das vermutlich weniger mit ihrem filmemacherischen Erfolg zu tun. Denn die beiden betreiben vor allem ein Computer FX Studio. Als solches arbeiteten sie 2010 an den Effekten für den Sony Film ‚Battle: Los Angeles‘, indem L.A. von Aliens überfallen wird. Sony war wenig erfreut, als die Brüder Strause die zeitgleiche Veröffentlichung ihres eigenen „Aliens überfallen L.A.“ Films ‚Skyline‘ verkündeten. So wenig erfreut, dass sie die Brüder wegen des Verdachts verklagten, FX Gelder des Sony Films für ihr eigenes Projekt verwendet zu haben. Man einigte sich schließlich außergerichtlich. Daher kannte zumindest ich vor diesem Film (auch wenn der natürlich früher entstanden ist…) den Namen Strause. Und zu diesem Film wollen wir jetzt endlich mal kommen.

Der Film beginnt dort, wo der letzte aufgehört hat. Ein Chestburster platzt aus der Brust des Hauptpredators des ersten Films. Das daraus entstehende „Predalien“ (laut Wikipedia) macht sich eilig daran die Predatoren Crew zu ermorden und das Schiff direkt zurück auf die Erde stürzen zu lassen. Hier entkommt es mit einigen Facehuggern in den Wald nahe des Ortes Gunnison in Colorado. Schnell fallen den Facehuggern ein Vater und ein Sohn auf der Jagd, sowie einige Obdachlose zum Opfer. Das Predalien trägt nicht nur den breiten Klappkiefer und schnieke Dreadlocks seines ehemaligen Wirtes zur Schau, sondern ist auch in der Lage mit seinem „Kiefer im Kiefer“ Leute mit Aliens zu infizieren. Anders als ein Facehugger legt er dabei gleich mehrere Chestburster ab. Der Xenomorph-Nachwuchs ist also gesichert. Ein sterbender Predator konnte allerdings noch einen Notruf absetzen. Und so kommt ein erfahrener Predator auf die Erde, erstens um die Aliens zu jagen und zweitens um alle Spuren sowohl von Aliens als auch Predatoren zu beseitigen. Sein Name (der im Film nie genannt wird) ist denn auch Wolf, nach Harvey Keitels „Cleaner“-Charakter aus ‚Pulp Fiction‘. Tatsächlich entsorgt dieser Wolf Leichen mit Chestburster Loch in der Brust, tote Facehugger und später ganze Aliens sehr effektiv mit hochwirksamer Säure. Da er allerdings aus seiner Predator Haut nicht heraus kann, kommt er nicht umhin einen Hilfssheriff, den er umbringt, weil der ihn beobachtet hat, nicht einfach verschwinden zu lassen, sondern er hängt seine gehäutete Leiche in einen Baum. Weil das die Predatoren in ihren Filmen das halt auch so gemacht haben. Wenig überraschend sorgt das dafür, dass die Ermittlungswut des örtlichen Sheriffs Morales (John Ortiz) steigt, anstatt zu sinken. Wer hätte das gedacht? Überhaupt sollte ich wohl ein paar Worte über die öden, menschlichen Charaktere sagen.

Da wäre Ex-Knacki Dallas (Steven Pasquale), frisch aus dem gefängnis nach Hause zurückgekehrt. Aber der sieht gut aus und der Sheriff mag ihn, also wissen wir, dass der kein Schlechter ist. Sein minderjähriger Bruder Ricky (Johnny Lewis) muss sich mit Pizzaaustragen und Bullies herumschlagen, aber immerhin mag ihn die Schulschönheit Jesse (Kristen Hager). Ebenfalls zurück kehrt Kelly O’Brien (Reiko Aylesworth). Allerdings nicht aus dem Knast, sondern dem Krieg. Ihre kleine Tochter Molly steht ihr sehr entfremdet gegenüber. All das wird aber in jener Nacht egal, als die Aliens das örtliche Kraftwerk ausschalten und zu aberdutzenden aus der Kanalisation hervorbrechen. Damit beginnt für die Menschen von Gunnison ein Kampf ums überleben.

Filmisch versagt ‚Aliens vs. Predator 2‘ ehrlich gesagt beinahe in jeder Hinsicht. Der Film ist hässlich. Wirklich hässlich. Die Helligkeit wurde extrem herausgenommen, damit die meist finsteren und oft recht heftigen Action- und Horrorszenen nicht zu einer höheren Altersfreigabe führen. Das sorgt dafür, dass in hellen Szenen die Farben „falsch“ wirken und selbst vor Ort, etwa im Wald, gedrehte Szenen wie von einem billigen Set wirken. Und bei längeren Szenen im Dunkeln tun einem fast die Augen weh, so muss man sich anstrengen um etwas zu sehen.

Die Handlung beginnt quasi als Slasher (mit nem mörderischen Predator als Doktor Loomis-Ersatz) und wird zu einem Invasionsfilm. Viele Überraschungen bietet das nicht, ist aber völlig okay. Die Dialoge hingegen sind annähernd schmerzhaft. „You are too stupid to talk, Dale! So shut up!“ Ist da beinahe schon ein Satz, der einen Funken Selbsterkenntnis enthält. Die Charaktere sind absolut flache Abziehbildchen, verkörpert von Darstellern, die mit „mittelmäßig“ freundlich umschrieben würden. Ausnahme ist John Ortiz, der seinen Sheriff, der vom Drehbuch irgendwo zwischen der Nutzlosigkeit von ‚Aliens‘ Lt. Gorman und dem Bürgermeister aus ‚Der Weiße Hai‘ verortet wurde, mit erstaunlich viel Pathos ausstattet. Ironisch.

Und dann sind da die Anspielungen. Oh, die Anspielungen. Dallas heißt nicht nur einfach Dallas (wie Tom Skerritts Charakter in ‚Alien‘), nein er sagt auch noch wortwörtlich in einer Szene „Get to da Choppa!“ (im Gegensatz zu mir versucht er sich dabei wenigstens nicht an einer Arnie-Imitation!), natürlich wie Dutch in ‚Predator‘. Manches funktioniert aber auch, wie der kurze Blick auf die Predatoren Heimatwelt, von der ich gern mehr gesehen hätte.

Nach alledem ist der Film also sooo schlecht wie sein Ruf? Tja… Nö. Ich hatte ehrlich gesagt weit mehr Spaß mit diesem Film als mit seinem Vorgänger. Die Idee die beiden Weltraummonster in einer Umgebung agieren zu lassen, die ansonsten irdischen Slashern vorbehalten ist, funktioniert für mich ganz erstaunlich gut. Die Kampfszenen zwischen Predator und Aliens (wenn man sie denn erkennen kann) haben ordentlich Wumms dahinter, vor allem weil Darsteller in Kostümen und nicht CGI-Monster verwendet werden. Die Szenen wenn das Predalien (ein erstaunlich doofes Wort) Patienten im Krankenhaus, hier vor allem eine werdende Mutter, infiziert, sind tatsächlich recht grausig (im positiven Sinne) inszeniert. Und wenn die Aliens das Kraftwerk überfallen, dann gelingen dem Film sogar recht beeindruckende Aufnahmen. Vor allem habe ich selten so gegrinst, wie wenn ein Alien durch eine Western-Saloon-Schwingtür kommt. Auch wenn sich daran direkt eine unnötige Anspielung auf die Küchenszene aus ‚Alien 3‘ anschließt…

Ein wenig zum Stillstand kommt der Film immer dann, wenn wir zu viel von den menschlichen Charakteren sehen. Eben auch wie bei einem Slasher. Aber irgendwann habe ich dann halt über die doofen Dialoge doch lachen müssen (‚Do you look at me, or the clock?“). Ich mag bekanntlich den Begriff „Guilty Pleasure“ nicht, denn wenn ich aus etwas Vergnügen ziehe und es niemandem schadet, dann fühle ich mich nicht „schuldig“. Der Einfachheit halber könnte man diesen Film für mich aber als genau solchen bezeichnen. Es ist ein bisschen so, als würde man einen Hamburger in einem heruntergekommenen Restaurant bestellen. Obwohl das Salatblatt nicht ganz frisch scheint und der extra bestellte Käse fehlt, schmeckt er deutlich besser als erwartet, wird aber nicht gerade zum neuen Lieblingsessen werden. Und ‚AvP2‘ ist wenigstens nicht so fettig, dass man nachts um 3 mit Sodbrennen aufwacht. Das ist doch auch was.

So, aus dieser verwirrenden Essensmetapher müsst Ihr nun selbst entschlüsseln, ob ich den Film empfehle oder nicht. So ganz sicher bin ich mir da nämlich selbst nicht.