‚High Noon‘ (1952) – „For what? For nothin‘. For a tin star.“

Der Western lässt sich in mehrere Kategorien einteilen. Da ist zum ersten der „Aufbruchswestern“, wenn die Siedler sich in ihren Planwagen auf nach Westen machen, um neues Land zu erschließen und Menschen, die dreisterweise bereits auf diesem Land leben zu vertreiben. Ist die Siedlung gegründet, dann kommen die Räuber, Gangster und Banditen. Entweder rückt die Gemeinde nun zusammen und besiegt diese Gefahr oder ein ebenso schweigsamer wie tapferer Fremder reitet in die Stadt und rückt die Sache zurecht. Diese beiden Kategorien machen einen Großteil des klassischen, amerikanischen Westerns aus. Aus der zweiten Kategorie ging dann der Italo-Western hervor. Und der war deutlich zynischer. Hier stand hinter den Banditen zumeist irgendein Großkapitalist, der den hart erarbeiteten, bescheidenen Wohlstand der Siedler nun in die eigene Tasche umverteilen wollte. Und der schweigsame Fremde war in seinen Methoden kaum noch von seinen finsteren Gegenspielern zu unterscheiden. Sergio Leone hat seinen vielleicht besten Italo-Western ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ geradezu mit Anspielungen auf ‚High Noon‘ gespickt. Es ist nicht schwer zu erkennen warum. ‚High Noon‘ ist so etwas wie die amerikanische Rampe zur Atlantik-Western-Brücke. Dass er etwas anders wäre als normale amerikanische Western der Zeit erkennt man schon daran, dass er dort beginnt wo andere Western aufhören.

Marshall Will Kane (Gary Cooper) hat das Städtchen Hadleyville in langer Arbeit aufgeräumt und sicher für Familien und Kinder gemacht. Nun heiratet er die deutlich jüngere Amy (Grace Kelly). Da die als Quäkerin jegliche Form der Gewalt ablehnt, legt er sein Amt nieder, um mit ihr einen Laden zu eröffnen. Doch kaum ist die Zeremonie vorbei, treffen schlechte Nachrichten ein: Frank Miller (Ian McDonald), der ehemalige Kopf des Verbrechens in der Stadt wurde begnadigt. Drei seiner ehemaligen Ganoven warten bereits am Bahnhof auf ihn und wenn er im Zug einträfe (um Punkt 12 Uhr!) würden sie kommen, um sich an Will zu rächen. Die Stadt rät dem Paar zur Flucht, der neue Marshall würde erst am nächsten Tag eintreffen, doch Will weiß, Miller würde ihm überall hin folgen. Also wird er sich ihm hier stellen, wo er als Marshall schließlich Freunde hat. Amy ist von der erneuten Hinwendung zur Gewalt, keine Minute nach der Eheschließung, zutiefst enttäuscht und verkündet die Stadt (und Will) mit demselben Zug zu verlassen mit dem Frank Miller eintrifft.

Für Kane beginnt nun eine schmerzhafte Erkenntnis: keiner in der Stadt ist bereit sich auf seine Seite zu stellen. Jeder hat kleinliche Gründe. Sei es sein Deputy, der enttäuscht ist, dass Will ihn nicht zu seinem Nachfolger gemacht hat oder die Kirchengemeinde, die erschüttert ist, dass Kane eine Quäkerin geheiratet hat. Überall sieht er sich vor verschlossenen Türen und ihm zugewandten Rücken. Letztlich muss er sich der Übermacht allein stellen. Oder nicht ganz allein, denn Amy ist bereit aus Liebe ihre Überzeugungen über Bord zu werfen. Am Ende pfeffert ein angewiderter Kane der unsolidarischen Gemeinde seinen Marshall-Stern vor die Füße.

Die ersten Reaktionen auf den Film bei Erscheinen waren nicht gut. Das Publikum freute sich auf wilde Jagden und Schießereien, stattdessen bekam es einen Film zu sehen, der seine Dramatik daraus bezieht, dass ein Mann um Hilfe bittet und sie nicht bekommt. Die gesamte Action findet in den letzten 10 Minuten statt und ist mehr zweckmäßig. Selbst Amys Rettungsakt hat nichts heldenhaftes, wirft sie doch ihren Pazifismus fort, um jemanden in den Rücken zu schießen. Western Regie-Legende Howard Hawks sagte über den Film: „Ein guter Stadt-Marshall läuft nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gegend und bittet um Hilfe! Und wer rettet ihn? Seine Quäker Frau! Das ist nicht meine Idee eines guten Westerns!“. Das Urteil von John Wayne fiel noch deutlicher aus: „[‚High Noon‘] ist das Unamerikanischste, was ich je gesehen habe.“

War der Grund für die Ablehnung tatsächlich nur, dass Regisseur Fred Zinnemann hier gegen übliche Klischees inszenierte? Nein, denn es hat einen Grund warum die Szenen, in denen sich die Bewohner der Stadt gegen Kane wenden so kraftvoll wirken, wie sie es tun. Drehbuch-Autor Carl Foreman hat genau das erlebt. Im Zuge der von Senator McCarthy veranstalteten Jagd auf alles, was entfernt links wirkte, war er vom „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ als „unkooperativer Zeuge“ eingestuft worden. In seiner Jugend war Foreman kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei und hatte sich geweigert die Namen anderer, längerfristiger Mitglieder zu nennen. Nun stand er bei den Hollywood-Bossen auf der „Schwarzen Liste“ und – wie Kane – vor verschlossenen Türen. ‚High Noon‘ wäre für lange Zeit der letzte Film, der Foremans Namen beim Drehbuch tragen würde. Das war der Hauptgrund für die Kritik durch Konservative wie Hawks und Wayne.

Doch fand der Film trotz allem sowohl sein Publikum als auch kritischen Zuspruch. Und kein Wunder, Zinnemanns Inszenierung quasi in Echtzeit (knapp 100 Minuten werden in gut 80 Minuten Film wiedergegeben), seine beständigen Schnitte auf Uhren und die Eisenbahnschienen, sowie die Tatsache, dass der Film nie das kleine Örtchen verlässt lassen den Druck und die Spannung immer weiter wachsen. Und wenn der Zug sich dann endlich mit lautem Pfeifen ankündigt, dann betrachtet Zinnemanns Kamera noch einmal die Gesichter aller Charaktere und ihre Reaktionen. Stoisch, resigniert, schuldbewusst, zerrissen oder auch voller Vorfreude bei den Gangstern. Die (oscarprämierte) treibende Musik von Dimitri Tiomkin unterstützt die Spannungsbildung in Abwesenheit von Action noch mehr und weiß vor allem den gesungenen Text („Do not forsake me“) geschickt einzusetzen.

Cooper hat nicht nur das perfekte Gesicht für seinen verzweifelten Helden, aus Granit gehauen aber mit ersten Verwitterungserscheinungen, er spielt den Charakter auch erstaunlich nuanciert. Er ist nicht „verweichlicht“ wie Kritiker sagen, er ist der Beweis dafür, dass Mut nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Fähigkeit auch in aussichtslosen Situationen nicht aufzugeben ist. Dafür hat er den Oscar bekommen. Er arbeitete zu der Zeit übrigens in Europa und bat einen Freund ihn für ihn entgegenzunehmen… John Wayne. Grace Kelly in ihrer ersten großen Filmrolle als Amy geht hier, obwohl ein wichtiger Charakter, leider etwas unter. Das größte Problem ist, dass sie (21 Jahre) und Cooper (50, sieht aber älter aus) eher wie Vater und Tochter als ein Paar wirken. Erwähnenswert ist wohl noch, dass einer der drei Gangster, der keinerlei Dialog hat von einem gewissen Lee van Cleef in seiner ersten Filmrolle gespielt wurde.

Damit sind wir auch schon wieder beim Italowestern. Wenn in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ der Gangsterboss also Frank heißt und am Anfang des Films drei Ganoven auf das Eintreffen eines Zuges warten, dann ist das nur der sichtbarste Stempel, den ‚High Noon‘ diesem Genre aufgedrückt hat.

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‚Blade Runner‘ (1982) – „It’s not an easy thing to meet your maker“

‚Blade Runner‘ gilt heute als Meisterwerk. Einer von Ridley Scotts besten Filmen, der ihm zusammen mit ‚Alien‘ einen ewigen Sitz im Pantheon des Science Fiction Films einräumt. Bei seinem Erscheinen war das allerdings ganz anders. Die Kritik war eher verhalten und das große Publikum blieb aus. Woran lag es? War das Problem, dass es sich bei der Fassung von ‚Blade Runner‘ die ins Kino kam nicht um die von Scott gewünschte handelte? Nachdem Testvorführungen negativ aufgenommen wurden, zwangen die Produzenten Scott mittels geschnittener Landschaftsaufnahmen aus Kubricks ‚Shining‘ ein Happy End zu konstruieren wo keines war und Harrison Ford musste Voice Over Aufnahmen, die Szenen erklären sollten, nachreichen. Ich glaube nicht, dass es allein daran lag. ‚Blade Runner‘ war einer dieser Momente, wo ein Werk seiner Zeit tatsächlich ein kleines wenig zu weit voraus war. Das Genre des Cyberpunk begann gerade erst mit den Pedalen seines Pulse-Bikes zu spielen als der Film erschien. William Gibson schrieb gerade an seinem „Neuromancer“ als er ‚Blade Runner‘ im Kino sah. Er ging zutiefst geknickt nach Hause, überzeugt sein Buch hätte nun nichts Neues mehr zu sagen. Doch es brauchte Erfolge, wie den seinen, damit ‚Blade Runner‘ als das erkannt würde was es war. Schnell wurde der Film zu einem der meistverkauften und geliehenen Videos und Scott bekam bereits 1991 die Chance einen ersten (etwas übereilten) Director’s Cut nachzureichen. Und obwohl der Film, von den entfernten Voice Overs und dem nun offenen Ende abgesehen, weitgehend unverändert blieb zeigten sich nun sowohl Kritik als auch Publikum begeistert. Der Zeitgeist hatte zum Werk aufgeschlossen. Ebenso wie ‚Star Wars‘ und ‚Mad Max 2‘ würde er über Jahrzehnte bestimmen, wie ein gewisser Bereich des Science Fiction Films aussähe. Weiterlesen

‚Blair Witch‘ (2016) – Ding Dong, die Hex‘ ist tot!

Achtung! der folgende Text wurde mit einer gewissen Frustration geschrieben. Daher verrate ich mehr über einen noch recht neuen Film als sonst üblich! Wer ihn unvorbereitet sehen möchte, sollte vermutlich hier aufhören zu lesen.

Ich mag den originalen ‚Blair Witch Project‘ durchaus. Ich habe ihn im letzten Jahr, als dieser hier ins Kino kam noch einmal gesehen. Sicherlich, dieselbe Wirkung wie 1999 erreicht er nicht mehr aber es ist immer noch ein effizient gedrehter, immersiver Horrorfilm. Was ich wirklich mag sind die Filme von Regisseur Adam Wingard. ‚You’re Next‘ habe ich vermutlich bereits 5mal gesehen und auch ‚The Guest‘ mag ich sehr. In beiden gelingt es Wingard Hommagen an ältere Horrorfilme, mit denen er aufgewachsen ist, mit einem gänzlich eigenen Stil, der die üblichen Erwartungen unterläuft, zu verbinden. Von daher ist er vermutlich die beste Wahl, um aus einem 17 Jahre alten Film eine Fortsetzung, auf die wohl Niemand mit angehaltenem Atem gewartet hat, herauszuholen. Auch die schlechten Kritiken hätten mich wohl nicht vom Kino ferngehalten, es war schlicht die Tatsache, dass ich von Found Footage Geruckel auf der großen Leinwand heftige Kopfschmerzen bekomme, die mich zu Hause bleiben ließ. Nun habe ich ihn also endlich im Heimkino nachgeholt… Hurra?

James ist der jüngere Bruder von Heather Donahue aus dem originalen ‚Blair Witch Project‘. Da ihre Leiche nie gefunden wurde geht er davon aus, dass sie noch lebt. Völlig überzeugt ist er, als er sie in einem Youtube Video zu erkennen glaubt, dass in den Black Hills, wo sie verschwunden ist, aufgenommen wurde. Zusammen mit seinem alten Freund Peter, dessen Freundin Ashley und der Filmstudentin Lisa, die alle mit Kameras ausstattet, macht er sich auf nach Burkittsville. Dort treffen sie die örtlichen Idioten (‚tschuldigung aber der Film gibt mir keinen Grund sie anders zu nennen) Lane und Talia, die das Video hochgeladen haben und es im Wald gefunden haben wollen. Gemeinsam wandern sie in die Black Hills auf der Suche nach Heather…

Ich mag es nicht gänzlich negativ zu sein, daher werde ich mit etwas Positivem schließen aber zunächst mal muss ich mir leider ein wenig Luft machen… Wo soll ich anfangen? Jeder Charakter hat eine eigene Kamera im Ohr, zusätzlich sind noch zwei weitere Kameras im Umlauf und weiterhin eine Drohnenkamera, zwischen allen wechselt der Film, wie es die Szene benötigt, ganz so wie in einem klassischen, narrativen Film. Warum also nicht gleich einen klassischen, narrativen Film drehen und auf das elende Kopfschmerz-Gewackel verzichten? Weil’s eben ‚Blair Witch‘ ist.

Die Charaktere? Ich kenne keinen der Schauspieler und habe kein Bedürfnis auch nur einen nachzuschauen, es sei nur gesagt, ich kaufe ihnen nicht ab, dass sie jahrelange Freunde sind, ich kaufe ihnen nicht ab, dass sie sich mögen, ich kaufe ihnen nicht mal ab, dass sie sich kennen! Ich rege mich üblicherweise nicht über irrationale Handlungen von Charakteren in Horrorfilmen auf – sie stehen immerhin unter erheblichem Stress – aber auch hier geht der Film etwas weit (Beispiel: ein Charakter wird als Rettungssanitäter eingeführt. Nachdem sich eine Frau im Wald den Fuß an einem Stein aufschneidet verbindet er ihn und lässt ihn dann für zwei Tage unbeobachtet. Während die Frau über heftige Schmerzen klagt…) Sie alle wirken ein wenig wie die Charaktere in höhernummerigen ‚Freitag der 13te‘ oder ‚Nightmare on Elmstreet‘ Filmen, in denen die Macher davon ausgehen, das Publikum sei eh nur da um Freddy oder Jason anzufeuern. Und dieser Film hat es mir sehr schwer gemacht nicht die Hexe anzufeuern. Und ja, um sich keinesfalls dem Vorwurf der Subtilität ausgesetzt zu sehen, lässt der Film die Blair Witch höchstselbst als (nicht fliegendes) Spagetti-Monster durch den Wald stampfen!

Das grobe Gerüst des Films folgt exakt dem des ersten ‚Blair Witch Project‘ mit mehr Charakteren, mehr Kameras, mehr Effekten aber keinerlei Wirkung. Der einzige Moment dieses Films, der mir im Gedächtnis bleiben wird, ist ein Tod der mit den allgegenwärtigen Holzmännlein in Verbindung steht. Der war derart überzogen absurd, dass er mir ein lautes, herzliches Lachen entlockte. Wohl nicht die gewollte Reaktion aber immerhin etwas. Ein Großteil des Films wirkt nämlich wie Füllmaterial. Bestimmt 10 Minuten bestehen daraus, dass Charaktere taschenbelampt durch den dunklen Wald irren und den Namen eines anderen Charakters rufen. Dazu kommen merkwürdige Szenen, wie die als die oben erwähnte Frau mit kaputtem Fuß aus fadenscheinigsten Gründen auf einen Baum kraxelt (ja, das geht exakt so aus wie ihr jetzt denkt). Oder gegen Ende als die Filmstudentin von einem Hillbilly-Ex-Machina in ein finsteres Kellerloch gestoßen wird, wo sie durch enge Tunnel kriechen muss, in einer Sequenz 1:1 aus ‚The Descent‘ übernommen. Und hätte ich aus all den Möchtegern-Jumpscares, in denen sich ein Charakter in ninja-gleicher-Stille dem aktiven Kamera-Charakter nähert, nur um dann in nächster Nähe sehr laut auf sich aufmerksam zu machen, ein Trinkspiel gemacht, ich wäre wohl immer noch im Krankenhaus. Selbst die Charaktere bemerken „wir müssen damit aufhören“, cool! TUN SIE ABER NICHT!

Ich bin ernsthaft fassungslos, dass dieses unrunde, unsaubere – und ehrlich gesagt peinliche – Stückwerk vom selben Regisseur (und seinem Stamm-Autor Simon Barrett) stammen soll, wie die exakt konstruierten ‚You’re Next‘ und ‚The Guest‘. Hier ist nichts von Wingards sicherem Gespür für nervenaufreibende Momente zu spüren, hier ist einfach gar nichts. Ich kann nur hoffen Wingard lässt sich nicht, wie derzeit viele junge Indie Regisseure, für Franchise-Einträge verheizen. Die Tatsache, dass einer seiner nächsten Filme ‚Godzilla vs Kong‘ ist macht mir da aber wenig Hoffnung.

Oh richtig, ich wollte positiv schließen: es gibt Fortsetzungen, die sind so schlecht, dass sie das Original rückwirkend schlechter machen. ‚Blair Witch‘ ist im Gegenteil so schlecht, dass mein Respekt für das Original erheblich gewachsen ist.  Der Film macht aus Nichts einen spannenden Film, dieser Film macht aus jeder Menge Material absolut Nichts.  Das Original bleibt immer mit einem Fuß geerdet, was dafür sorgt, dass er sich unheimlich echt anfühlt. ‚Blair Witch‘ hingegen verliert jegliche Bodenhaftung und wird wohl dasselbe Schicksal erfahren, wie die erste Fortsetzung von 2000: weitgehendes Vergessen.

‚Free Fire‘ (2017) – „Bdam Bdam Vrrrrrt Twoiiiink Ptui Ptui Tink Tink Tink“

Alles begann damit, dass Regisseur Ben Wheatley das Protokoll einer Schießerei zwischen FBI-Beamten und einer Gruppe Gangster las. Was er da las lief absolut gegen jede Regel der Kinoschießerei. Unübersichtlich, chaotisch, Haufenweise nichttödliche Treffer und dann dauerte es auch noch ewig lang. Wheatley, der in seinen Filmen (‚Kill List‘, ‚Sightseers‘, ‚High-Rise‘) gern die Eskalation von Anfang an zum Scheitern verurteilter Situationen zeigt hatte das Thema für seinen neuen Film gefunden.

Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley), zwei irische Gangster (oder möglicherweise IRA Mitglieder) kommen irgendwann in den 70er zu einer abgelegenen, leer stehenden Fabrikhalle irgendwo in den USA, um von Waffenschieber Vern (Sharlto Copley) eine Ladung Gewehre zu kaufen. Justine (Brie Larson) und Ord (Armie Hammer) fungieren als Mittelsleute. Als der Deal, trotz hin- und hergeworfener Beleidigungen beinahe abgeschlossen ist, erkennt einer von Verns Leuten in einem der Gefolgsleute der Iren den Mann der am Tag zuvor seine Cousine misshandelt hat. Es kommt zum Streit, der wird gewalttätig, bald sind Schusswaffen im Spiel und ein langwieriges Feuergefecht beginnt.

Um eines klar zu machen im letzten Absatz habe ich gut 20 Minuten der Handlung des Films zusammengefasst. Darauf folgt eine mehr als einstündige Schießerei. Der Reiz des Films liegt aber darin, was Wheatley daraus macht. Während Filme wie ‚John Wick‘ den Weg einer Ballettartigen Inszenierung und einer Ästhetisierung der Gewalt gehen, macht Wheatley aus seinem Geballer ein Theater des Absurden. Die gesamte Situation ist absurd, getrieben von Dummheit, Machismo und Gier aber jede Stimme, die sich erhebt, um dem Einhalt zu gebieten wird schnell in der bizarren Soundkulisse der Halle erstickt. Keiner der Charaktere ist mir als Zuschauer wirklich sympathisch und so wechselt mein Wohlwollen ebenso von Szene zu Szene wie die Zugehörigkeit einiger Charaktere zu ihren Gruppen. Dieses ganze schwarzhumorige Szenario als Slapstick zu bezeichnen wird der Sache nicht ganz gerecht, aufgrund des Mittels der Wahl des Geräts zur Gewaltausübung will ich es lieber als „Boomstick“ bezeichnen. Bei aller Absurdität sollte man allerdings keinen Film erwarten, der durchgehend lustig wäre. Gelegentlich neigt er durchaus auch recht finsteren Seiten, die fast schon Horrormomente erreichen zu.

Die Schauspieler sind, obwohl sie zumindest schauspielerisch nicht eben überfordert werden, in allerbester Spiellaune und mit sichtlicher Begeisterung bei der Sache. Wheatleys Stammspieler Michael Smiley ist der unberechenbare Frank auf den Leib geschrieben, beherrscht doch kaum ein anderer derart den fließenden Übergang zwischen lustig und erschreckend. Murphys, Copleys und Hammers Charaktere flirten anfangs allesamt mit Larsons, was aber nicht bedeutet, dass sie im weiteren Verlauf in irgendeiner Weise geschont würde oder dieser Schonung bedürfte. Sie sind zwar allesamt unsympathisch aber keiner in dem Maße, dass es abstoßend wirken würde. Eine Gratwanderung, die Drehbuchautorin Amy Jump für beinahe jeden Wheatley Film mit Bravour begeht.

Die eigentliche Kunst des Films liegt aber in seinem Schnitt. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die anfangs so übersichtlichen Fabrikhalle verändert, kaum dass sich kein Charakter mehr höher als 50 cm zu erheben traut. Sie wird zu einem unübersichtlichen und tödlichen Labyrinth aus Kisten, Fässern und zurückgelassenen Stahlträgern, versehen mit „Fallen“ aus zersplitterten Flaschen  und fortgeworfenen Drogenspritzen, wo überall ein schießwütiger Gegner lauern kann. Die genauen Positionen jedes Charakters und die benötigten Kameraeinstellungen hat Wheatley übrigens in einem Nachbau der Halle im Videospiel „Minecraft“ minutiös durchgeplant. Und das zahlt sich aus. Die Situation mag chaotisch sein, fühlt sich aber in jedem Moment völlig organisch an.

Über die Qualität des Sounddesigns habe ich mich ja schon mehrfach ausgelassen und wie alles andere wird es durch die absurd in die Länge gezogene Situation früher oder später gewollt cartoonhaft. Die Zoings und Boings querschlagender Kugeln vermischt mit dem sparsamen Einsatz von Musik, insbesondere der Einsatz von „This Old Guitar“ von John Denver wären in einem normalen Jahr, sprich einem ohne ‚Baby Driver‘, vermutlich preisverdächtig.

‚Free Fire‘ mag alles in allem nicht Wheatley bester Film sein aber es für mich definitiv der erste bei dem ich dachte, der war so unterhaltsam, den könnte ich direkt noch einmal schauen. Die „Mexican Standoff“ Szene aus ‚Reservoir Dogs‘ auf eine Stunde gestreckt klingt wie eine absolut absurde Prämisse und ist es auch aber Wheatley weiß diese Absurdität ideal zu nutzen.

Klassiker nachgeholt: ‚Stand By Me‘ (1986)

Jeder hat sie vermutlich, diese Lücken im Filmwissen, die immer wieder deutlich werden, wenn sich andere wie selbstverständlich auf einen Film beziehen, den man selbst nicht kennt. So ein Fall war für mich ‚Stand By Me‘. Mein Wissen über den Film begann und endete mit „Coming of Age Film aus den 80ern“. Da der Film allerdings immer wieder mal auf den Donnerstags Top Listen von Bloggerkollegen (allen voran bullion) auftauchte, wurde ich doch neugierig. Als ich dann noch herausfand, dass er auf der Stephen King Kurzgeschichte „Die Leiche“ basiert, eine der wenigen King Stories, die mir auch Jahre nach dem Lesen noch im Gedächtnis ist, war klar, den muss ich endlich sehen!

Der Autor Gordie Lachance wird durch einen Zeitungsartikel über den Tod seines Jugendfreundes Christopher Chambers an den letzten Sommer seiner Kindheit, den er zusammen mit seiner Clique in der Kleinstadt Castle Rock verbracht hat, erinnert. Damals, im Sommer 1959 belauscht der zwölfjährige Vern (Jerry O’Connell) seinen großen Bruder und erfährt so, dass der und ein Freund die Leiche eines vermissten Kindes bei den Bahngleisen ein gutes Stück entfernt von der Stadt gefunden haben, das aber nicht der Polizei gemeldet haben. Aufgeregt berichtet er seinen Freunden Gordie (Wil Wheaton), Chris (River Phoenix) und Teddy (Corey Feldman) davon. Obwohl die den naiven Vern nicht ganz ernst nehmen beschließen sie die Leiche zu finden und zu melden und so zu Helden zu werden. Es beginnt eine zweitägige Wanderung die Bahngleise entlang, die sie als Kinder beginnen aber gereift beenden werden. Oder auch gar nicht, denn der Anführer der örtlichen Gang Ace (Kiefer Sutherland) weiß auch von der Leiche und ist nicht glücklich über die Neugier der Jungen…

Ich war mir ehrlich gesagt eingangs unsicher, ob dieser Film ohne Nostalgiebonus funktionieren könnte. Darüber hätte ich mir rückblickend keine Sorgen machen müssen aber interessanterweise ist Nostalgie ein ganz zentrales Thema des Films. Was wir in der Rückblende sehen ist sicherlich nicht die Realität sondern Gordies nostalgisch verklärtes Bild von Castle Rock. Das idyllische, sonnendurchflutete Kleinstädtchen inmitten saftig grüner Wälder scheint fast zu schön um wahr zu sein. Das vermischt Regisseur Rob Reiner hier allerdings gekonnt immer wieder mit realistischen, erdenden Momenten. Alle vier Jungen kommen aus mehr oder weniger zerrütteten Familien, soziale Unterschiede zwischen den Jungen werden entweder direkt angesprochen, wie in Chris‘ „Du bist einer von diesen Typen die aufs College gehen, wir drei nicht“ Ansprache an Gordie oder auch geschickt angedeutet, wie die prekäre finanzielle Situation von Verns Familie, die sich vor allem in seiner Besessenheit für Pennies äußert. All das soll aber nicht ablenken vom zentralen Element, das zum Gelingen des Films absolut wesentlich ist: der glaubwürdigen Darstellung einer Jungenfreundschaft.

Und ganz wesentlich dafür sind die Darsteller. Nun lobe ich Kinderdarsteller eher selten, hier ist es aber nötig. Wil Wheaton gibt Gordie die intelligente Empfindsamkeit, die nötig ist, um den Charakter als späteren Autor glaubhaft zu machen. Wie der Rest seiner Familie hadert er mit dem Tod seines großen Bruders Denny (John Cusack) während er gleichzeitig versuchen muss aus dessen Schatten zu treten. Was den Film hier außergewöhnlich macht ist auch die Geschichte die Gordie den anderen Jungen am Lagerfeuer erzählt. Ein schwächerer Film hätte ihm hier vermutlich etwas in den Mund gelegt, das weit über den Horizont eines Zwölfjährigen hinausgeht, um ihn als späteren, großen Autor zu präsentieren. Gordie aber erzählt eine Geschichte von einem Außenseiter, der eine ganze Stadt zum Kotzen bringt. Das ist klug von ihm, weil sich seine Freunde darin wiederfinden, aber gleichzeitig auch so zwölfjährig wie es nur geht. Bravo!

River Phoenix als Chris Chambers ist das Fundament und der Zement der Gruppe. Phoenix‘ natürliches Charisma und die Art wie er geschrieben ist, als jemand der perfekt erfühlen kann, wer gerade etwas Spott oder echten Zuspruch braucht machen ihn auch für den Zuschauer direkt zu einer zentralen Figur. Wir alle kennen so jemanden, das stetig schlagende Herz einer Gruppe. Tatsächlich erleben wir ihn aber auch von Anfang an als tragische Figur, erfahren wir doch in der ersten Minute des Films, dass er sterben wird.

Jerry O’Connell hier in seiner ersten Rolle als Vern ist zumeist die Zielscheibe des Spotts der anderen, vor allem Teddys. Im Gegensatz zu anderen 80er Jahre Filmen ist Reiner allerdings sehr darauf bedacht ihn hier nie zur Witzfigur des „Dicken“ verkommen zu lassen. Vor allem ist er es der die zentralen Ereignisse des Films erst auslöst.

Ich muss gestehen nie ein großer Fan von Corey Feldman gewesen zu sein. Etwas an seiner Darstellung von Kindern wirkte auf mich immer falsch und unglaubwürdig. Aber hier als Teddy Duchamp ist er perfekt besetzt. Er spielt die Rolle des körperlich misshandelten Sohnes eines psychisch kranken Veteranen des 2ten Weltkriegs mit einem stets unter der Oberfläche brodelnden, kaum zu unterdrückenden Zorn, der sich immer wieder einmal Bahn bricht und ihn beinahe suizidal erscheinen lässt. Hier ist es also nur allzu passend, wenn Feldman ein wenig neben der Spur wirkt.

Ich könnte das hier noch viel weiter führen, John Cusack und Kiefer Sutherland hätten sicherlich auch ein paar Worte dafür verdient in recht wenigen Szenen sehr runde Charaktere zu schaffen. Aber es ist wohl sinnvoller langsam zum Punkt zu kommen.

Mit „Coming of Age“ Film ist ‚Stand by Me‘ tatsächlich perfekt umschrieben. Das Auffinden der Leiche wird zu einer Art rituellen Handlung, die den Weg vom Kind zum Manne weist, die Abkehr von der Unschuld. Der Akt an sich ist natürlich mehr oder weniger unwichtig und es ist definitiv der Weg das Ziel. Und auf diesem Weg warten unerwartete Gefahren in der Form von Zügen und der Idee eines Wachhundes. Aber manchmal muss man auch einfach vom geraden Weg der Schienen abweichen und den Weg durch den Wald finden und – in einem Tümpel voller Blutegel – womöglich auch sich selbst.

Ein hervorragender Film, der sich problemlos in die, nicht allzu lange, Liste der großartigen King Verfilmungen einreihen kann. Da erzähle ich vermutlich Niemandem etwas Neues aber nun weiß ich es wenigstens auch.

Es war einmal in Italien: ‚Für eine Handvoll Dollar‘ (1964)

Wie zufrieden Clint Eastwood im Frühjahr 1964 mit dem Verlauf seiner Karriere war weiß ich nicht. Er hatte eine Rolle als hitzköpfiger Viehtreiber in der erfolgreichen TV-Serie ‚Tausend Meilen Staub‘ aber der gewünschte Filmerfolg wollte sich, von einigen Winzauftritten abgesehen, für den Mittdreißiger einfach nicht einstellen. Und wenn die Serie Pause machte musste er immer noch Hausmeistertätigkeiten übernehmen oder Kindern Schwimmunterricht geben damit die Kasse stimmte. Aber in der Frühjahrspause des Jahres 1964 hatte er etwas anderes vor. Er hatte von einem Italiener das Angebot bekommen die Hauptrolle in einem Western zu spielen. Sein Agent hatte ihm zwar entschieden abgeraten, doch nach Europa wollte er eigentlich immer schon mal. Und 15.000 Dollar gäbe es auch. Also, warum nicht? Weiterlesen