Reisetagebuch: ‚Die Versunkene Stadt Z‘ (2017)

Bildungsreise #55

Die Filmreise Challenge führt mich heute zur versunkenen Stadt Z. Und um den obligatorischen Witz gleich aus dem Weg zu räumen: nein, um Zombies geht es dabei nicht, ehehehe. Stattdessen geht es in James Grays gewollt altmodischem Film um den Oberst der Armee des Britischen Empires, Naturforscher und Abenteurer Percy Fawcett (1867 bis 1925 (oder später)) und um seine besessene Suche nach einer verschollenen Stadt im Dschungel Brasiliens.

Im Jahr 1905 stagniert die militärische Karriere von Oberst Percy Fawcett (Charlie Hunnam), weil er „unachtsam bei der Wahl seiner Vorfahren“ war. Da kommt ein Angebot der Geografischen Gesellschaft im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Bolivien Messungen vorzunehmen, um Grenzstreitigkeiten beizulegen gerade recht. Im Verlaufe dieser Arbeit verfolgt Fawcett, ausbrechenden Gefechten zwischen den beiden Nationen und den Gefahren des Dschungels zum Trotz, den Verlauf des Rio Verde bis zu seiner unerforschten Quelle. Hier entdeckt er Artefakte, die er für die Überreste einer Hochzivilisation hält. Er kehrt als Held nach England zurück, wird für seine Ideen, im Dschungel der „Wilden“ könnte es eine hochentwickelte Zivilisation gegeben haben, aber gnadenlos verspottet. Fawcett nennt seine verschollene Stadt „Z“, weil er sie als das letzte Teil im Puzzle der menschlichen Geschichte ansieht. Bald gelingt es ihm, mit Hilfe des arroganten Naturforschers James Murray (Angus McFadyen) eine neue Expedition auszurüsten. Sehr zum Unmut seiner Frau Nina (Sienna Miller) und seiner Kinder. Doch sollen sie noch lange Zeit von ihm getrennt sein, nicht nur wegen weiterer Expeditionen, sondern auch wegen des Ersten Weltkriegs.

James Gray hat sich in seiner Regie sehr an älteren Filmen orientiert. Insbesondere David Leans ‚Lawrence von Arabien‘ scheint es ihm angetan zu haben, nicht zuletzt, weil er dessen berühmten Schnitt vom ausgeblasenen Streichholz zur aufgehenden Wüstensonne, mit einem etwas gewollten Schnitt von einem Whisky-Rinnsal zu einem fahrenden Zug zitiert. Der Großteil der Bildsprache ist aber Grays eigener und funktioniert oftmals ziemlich gut. Die Flussfahrten auf brüchigen Flößen, Piranhaangriffe und speerschwingende Kannibalen (die der Film nicht so plump behandelt, wie das jetzt klingt!) inszeniert Gray in seinen besten Momenten ähnlich gelungen wie ‚The Revenant‘ die Gefahren der Eiseskälte. Fawcetts Suche wird immer wieder durch helle Lichtpunkte in Grays oftmals dunstig-düsteren Bildern symbolisiert. Seine Besessenheit zeigt der Film ganz deutlich in den Szenen, die in Großbritannien und Europa spielen. Hier tauchen Dschungelpflanzen an Orten auf, an denen sie nichts zu suchen haben und zeigen, dass Fawcett eigentlich gar nicht da ist.

Gray zeichnet ein durchaus faszinierendes Bild von dem (zumindest mir) weitgehend unbekannten Forscher. Er führt ihn ein als Actionhelden mit donnernder Kasernenhofstimme. Für einen Großteil des Films erhebt er diese aber kaum einmal über ein Flüstern und geht Konflikten mit den Eingeborenen aus dem Weg und setzt auf Kommunikation. Überhaupt ist seine Sichtweise auf die Indios für seine Zeit derart progressiv, dass sie auf seine Zeitgenossen beinahe anstößig wirkt. Dies scheint mit dem historischen Fawcett übereinzustimmen. Gleichzeitig baut er seine Ehe zu Nina, die er durchaus ihm intellektuell ebenbürtig akzeptiert, fest auf sexistische Ideen seiner Zeit. Der Film ist also durchaus bemüht ein komplexes Bild seines Hauptcharakters zu zeichnen und betreibt keine Heldenverehrung.

Bis hier hin dürfte sich also alles sehr gut anhören. Daher mag es überraschen, wenn ich sage, dass der Film für mich nicht wirklich funktioniert hat. Dafür werde ich im Folgenden zwei Gründe anführen und einen dritten, für den der Film aber nichts kann.

Das größte Problem des Films ist Charlie Hunnam. Körperlich ist er perfekt für die Rolle, allerdings gelingt es ihm nicht sie mit dem nötigen Charisma zu füllen. So wirkt sein Fawcett oftmals wie ein egozentrischer Langweiler. Mir zumindest war völlig unklar, was an Fawcett ihm die unverbrüchliche Treue seiner Begleiter einbrachte, was seine Frau Nina dazu brachte durch alle Schwierigkeiten zu ihm zu stehen. Ein Film hat ein Problem, wenn ich mir denke, dass ich lieber die Geschichten anderer Charaktere sehen würde. Und ich würde gerne Ninas Geschichte sehen, denn Sienna Miller holt aus der wahnsinnig undankbaren Standardrolle „Frau, die zuhause bleiben muss“ beinahe mehr raus als da sein dürfte. Angus McFadyen ist faszinierend als arroganter Feigling Murray, den der Film kurzzeitig als Fawcetts Nemesis einführt und dann ebenso schnell wieder vergisst. Auf jeden Fall zu erwähnen ist auch Fawcetts treuester Begleiter Costin. Der wird gespielt von Robert Pattinson, der seine Dialoge kryptisch hinter einem dichten Vollbart hervormurmelt, sich andererseits beinahe kindlich freut, wenn die Expedition die Quelle des Rio Verde erreicht. Oder auch Percys ältester Sohn Jack (Tom Holland als Erwachsener), der Fawcett mehrfach vorwirft seine Familie zu vernachlässigen, bevor er ihn auf seiner letzten Reise schließlich begleitet.

Das bringt mich zum anderen Problem des Films: seine Episodenhaftigkeit. Fawcett fährt auf Expedition und kommt zurück. Fährt wieder und kommt zurück. Dann ist eine Viertelstunde Weltkrieg und dann geht es wieder auf Expedition. Zwischen zwei Szenen können Jahre liegen und Charaktermotivationen machen zwischen diesen nicht immer unbedingt Sinn. Das Schlimmste ist aber die Episode im Ersten Weltkrieg. Hier wird mehr als die Hälfte ernsthaft darauf verschwendet, dass Fawcett eine Weissagung von einer russischen Wahrsagerin bekommt, während seine Männer gebannt dabei zuschauen (ein Moment auf den man wohl so stolz war, dass er sogar im Trailer vorkommt). Das war der Moment, in dem mich der Film verloren hat. Der Film hat das Problem, das viele Filmbiografien haben: sie wollen zu viel vom Leben ihres Sujets erzählen. Zwar hat der Film die 8 Expeditionen der historischen Figur schon auf drei eingedampft und eine Laufzeit von beinahe 2einhalb Stunden und hat trotzdem noch das Problem der „und dann, und dann…“ Erzählweise so vieler Biopics. Ich denke es wäre klüger gewesen, sich auf eine Expedition Fawcetts (vermutlich seine letzte) zu konzentrieren und hier gezielt unter seine Haut zu kommen, um uns mehr über den Mann an sich zu erzählen, so wie es ‚Jackie‘ mit Jaqueline Kennedy gemacht hat.

Das dritte Problem, dass ich dem Film nicht direkt vorwerfen kann, ist der Vergleich mit anderen Filmen. Insbesondere natürlich den Werner Herzog/Klaus Kinski Kollaborationen. Allerdings erinnert der Film selbst beinahe direkt an ‚Fitzcarraldo‘, wenn Fawcett auf die Hacienda eines Gummi-Barons stößt, der mitten im Dschungel eine Oper inszenieren lässt. Von da an denke ich bei jeder Floß-Szene an die letzten Momente von ‚Aquirre‘, wenn der irr gewordene Konquistador, seine tote Tochter im Arm, einer Horde verängstigter Affen seine Gottwerdung verkündet. Einen solch apokalyptischen Moment erreicht Gray, aller inszenatorischen Eleganz zum Trotz, nie. Und auch der großartige ‚Der Schamane und die Schlange‘, der eine ähnliche Geschichte aus weitaus interessanterer Sicht, nämlich der des Indio-Führers des weißen Mannes, erzählt kam mir wieder und wieder in den Sinn und ließ ‚Die Versunkene Stadt Z‘ nicht gut aussehen.

All das soll nicht heißen, dass es ein schlechter Film ist. Es ist für mich ein Film großartiger (und alles andere als großartiger) Momente, der aber nie zu etwas Ganzem zusammenkommt. Dennoch hat der Film bei mir jetzt ein Interesse für Fawcett, letztlich nicht viel mehr als eine Fußnote der Naturforschung, geweckt und ich werde wohl einen Blick auf das Sachbuch gleichen Namens von David Grann werfen, auf das der Film sich zum größten Teil stützt. Wenn Ihr aber nur einen neueren Amazonas-Dschungel-Film sehen wollt, dann nehmt ‚Der Schamane und die Schlange‘!

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Reisetagebuch: ‚Sabata‘ (1969) – „Wenn ich aufhöre zu lachen, bist Du tot!“

Zeitreise #19

So, heute wird das Reisen kompliziert. Denn die Filmreise Challenge führt mich nicht nur per Zeitmaschine ins Italien des Jahres 1969, Gianfranco Parolinis Italowestern transportiert mich noch einmal 100 Jahre zurück und in die Vereinigten Staaten. Das ist verwirrend genug um Doc Brown Kopfschmerzen zu bereiten, also schauen wir lieber direkt auf den Film.

Als eine Gruppe Banditen einen Safe mit Armeegeldern aus der Bank des Kaffs Dougherty stehlen, haben sie nicht mit einer Begegnung mit dem ehemaligen Offizier und Scharfschützen Sabata (Lee Van Cleef), wenn das denn sein Name ist, gerechnet. Der reitet kurz darauf mit Safe und sieben Leichen in Dougherty ein, kassiert die Belohnung und steigt im örtlichen Hotel ab, in dem auch ein merkwürdiger Herumtreiber/Musiker namens Banjo (William Berger) wohnt, der Sabata von früher zu kennen scheint. Schnell findet Sabata heraus, dass an dem Diebstahl auch eine Gruppe einflussreicher Bürger um den reichen Soziopathen Stengel (Franco Ressel) beteiligt war und zusammen mit dem großmäuligen, übergewichtigen Alkoholiker Carrincha (Pedro Sanchez) und einem stummen Akrobaten (Aldo Canti) tut er was jeder gute Italowestern-Held in dieser Situation tun würde: er erpresst sie um immer höhere Summen Geld. Das macht die Leute um Stengel natürlich alles andere als glücklich und sie schicken Sabata Mörder um Mörder erfolglos auf den Hals, bis sie sich für einen ganz besonderen Killer entscheiden. Den will ich hier natürlich nicht verraten, nur soviel, sein Name ist ein Anagramm von Joan B..

Ich war mir recht unsicher, welchen Film ich mir für die „Italowestern-Challenge“ ansehen sollte. Die großen Namen, die Leones, die Corbuccis etc. kenne ich alle schon und wollte einen neuen sehen. Nun ist die Auswahl an Italowestern nicht eben gering, die Bandbreite der Qualität aber mindestens ebenso groß. Ich bin froh sagen zu können mit ‚Sabata‘ einen echten Glücksgriff gelandet zu haben.

Lee Van Cleef ist natürlich exakt die Art bärbeißiger, amerikanischer Charakterkopf, der wie gemacht ist für die Hauptrolle in einem Italowestern. Umso überraschter war ich, dass er mit seinem sauberen, eleganten Auftreten (für Italowestern-Verhältnisse) und der nicht eben seltenen Nutzung von allerlei „Gadgets“ (so hat er zum Beispiel einen Derringer mit einem weiteren Lauf im Griff) beinahe so eine Art Italowestern James Bond gibt. Er mimt hier keinen finsteren Helden, er gibt einen ebenso gierigen wie cleveren Halunken, der allen um ihn herum immer zumindest einen Schritt voraus ist und das macht er sehr unterhaltsam. Mindestens ebenso gut ist William Berger als langhaariger Hippie-Schurke mit Bindungsängsten, süffisanten Dauergrinsen und ewig dängelndem Banjo. Man kann sich beinahe vorstellen, dass er seinen eigenen, parallelen Western durchlebt. Und er steht Sabata in Sachen Gadgets in nichts nach. Denn Banjos Banjo ist nicht nur ein Banjo, müsst ihr wissen.

Auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Sei es der normalerweise auf schmierige Handlangerrollen festgelegte Pedro Sanchez, der hier sehr unterhaltsam Sabatas Freund gibt, der jede Geldsumme im Kopf direkt in Whiskymengen umrechnen kann. Oder auch Franco Ressel als mörderischer Drahtzieher mit Überlegenheitskomplex und – man ahnt es inzwischen – seinen eigenen Gadgets. Nur das häufige Desinteresse des Italowesterns an weibliche Figuren fällt hier extrem auf. Linda Veras Rolle als Jane ist klein und unwichtig genug, dass ich sie in meiner Zusammenfassung nicht einmal erwähnt habe und dient letztlich nur dazu Banjos Charakter etwas mehr Profil zu geben. Schade.

Der Film ist gut fotografiert mit einer sehr mobilen Kamera und für Italowestern-Verhältnisse beinahe schon verschwenderisch ausgestattet. Sei es die heimelige Atmosphäre von Dougherty mit seinen blakenden Gaslaternen und den plüschigen Innenräumen des Hotels oder Stengels von aussen normale Ranch, von innen aber durchaus merkwürdig, angefüllt mit allerlei europäischen Artefakten, von Gemälden bis zu Ritterrüstungen und, nicht zuletzt, einem bizarren Duellzimmer. Das bringt ihn wohl nahe genug an einen Bondschurken, dass die Analogie zum Bondwestern auch hier greift.

Zur Musik sei gesagt es gibt nun einmal nur einen Ennio Morricone und der kann nicht für jeden Western komponieren. Marcello Giombini ist kein Morricone, allerdings liefert er sowohl für Sabata als auch für Banjo eingängige, wiedererkennbare Themen ab, die der Film durchaus clever einsetzt, insofern z.B. Banjo sein Thema häufig auf demselben spielt. Schlecht ist die Musik also auf gar keinen Fall. Aber eben kein Morricone…

Tonal ist der Film weit weg von den apokalyptischen Visionen der frühen Italowestern (wenn auch Sergio Corbucci diese gerade im Jahr zuvor mit ‚Leichen pflastern seinen Weg‘ auf die Spitze getrieben hat) aber auch noch weit entfernt vom Klamauk der späten Western a la ‚Mein Name ist Nobody‘. Er macht wenig radikal neu oder auch nur großartig anders, dennoch ist er, vielleicht gerade wegen dieser mittleren Positionierung bemerkens- und sehenswert.

Alles in allem ein unterhaltsamer, rasant erzählter Italowestern, der keinerlei Langeweile aufkommen lässt aber sicher dennoch nicht in meine absolute Favoritenliste aufgenommen werden wird. Weiß irgendjemand ob die beiden Fortsetzungen was taugen? Und weiß jemand wo ich die Zeitmachine geparkt habe?

Reisetagebuch: ‚Who Killed Captain Alex?‘ (2010) – „The movie is on!!“

Weltreise Ziel #6

Diesmal geht es für die Filmreise Challenge ins touristisch wie filmisch wenig erschlossene Uganda. Wenn es Euch so geht wie mir, dann ist auch Eure erste Assoziation, wenn Ihr Uganda hört Idi Amin. Das ist weder zeitgemäß noch fair. Zeit also sich ein wenig weiterzubilden. 2005 erschien der erste ugandische Spielfilm überhaupt und ‚Who Killed Captain Alex?‘ behauptet von sich der erste ugandische Actionfilm zu sein. Bevor wir über den Film selbst sprechen, den ich am Ende des Textes verlinkt habe, sind aber einige Vorabinformationen vonnöten, damit Ihr, anders als ich, nicht denkt Ihr wärt im falschen Film. Weiterlesen

Reisetagebuch: ‚Dogtooth‘ (2009) – „Ein Zombie ist eine kleine, gelbe Blume“

Weltreise Ziel #9

Diese Etappe der Filmreise Challenge führt mich nach Griechenland zu einer abgelegenen Villa. Eine ziemliche weite Wanderung über Stock und vor allem Stein. Ob ich durch die dichten Hecken und über die Zäune überhaupt was sehen kann? Finden wir es heraus in Yorgos (oder Giorgos, ich habe beide Schreibweisen gesehen) Lanthimos‘ haarsträubendem ‚Dogtooth‘.

Es könnte so normal sein: der Film beginnt mit sonnendurchfluteten Aufnahmen einer Villa auf dem Land mit hohen Mauern und Hecken. Im Inneren, drei Kinder, die der Bandaufnahme einer Lektion lauschen. Aber die Lektion ist Unsinn. „Das Meer“ sei ein Sessel, wie der im Wohnzimmer. „Eine Exkursion“ sei ein harter Bodenbelag und so weiter. Die „Kinder“ sind bei genauerem Hinsehen auch ungefähr Mitte 20. Namen haben sie keine. Sie sind die ältere (Angeliki Papoulia) und die jüngere Tochter (Mary Tsoni), sowie der Sohn (Hristos Passalis). In vielerlei Hinsicht sind sie allerdings völlig infantil, ihre Gespräche haben eine gestelzte, abgehackte Qualität, häufig nach Worten ringend. Die Zeit vertreiben sie sich mit wenig auf Sicherheit bedachten Durchhaltetests. Wer kann am längsten die Hand unter heißes Wasser halten? Wer wacht nach einer Dosis Betäubungsmittel am schnellsten wieder auf? Die Gründe für all das werden schnell offensichtlich: Vater (Christos Stergioglou) und Mutter (Michele Valley) erziehen ihre Kinder ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Die Welt hinter den Mauern der Villa sei eine menschenfeindliche Ödnis, erzählen sie ihnen, voll von schrecklichen Monstern, wie menschenfressenden Katzen. Diese Hölle könne man nur mit Hilfe von Vaters braunem Mercedes durchqueren. Die „Lektionen“ dienen dazu versehentlich von den Eltern fallengelassenen Referenzen zur Außenwelt einen innerfamiliären/innerhäuslichen Bezug zu geben. Gutes Verhalten der Kinder wird mit Aufklebern belohnt, schlechtes Verhalten mit distanziert-sadistischer Gewalt bestraft.
Der Vater bringt regelmäßig Christina (Anna Kalaitzidou), eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdienstes der Fabrik, in der er eine leitende Position innehat, mit verbundenen Augen zur Villa, damit sie gegen Bezahlung Sex mit dem Sohn hat. Letztlich bringt aber Christina den Apfel mit, der dieses pervertierte Paradies zum Einsturz bringen würde: Filme. ‚Rocky‘ und ‚Der Weiße Hai‘. Die ältere Tochter, die die Filme heimlich schaut, verändert ihr Verhalten völlig und verlangt, dass man sie nun „Bruce“ nennen solle. Das führt dazu, dass der Vater, im Versuch die Situation zu erhalten, einen Schritt zu weit geht.

Der Film erzählt seine Geschichte in letztlich erstaunlich normalen Bildern, die die Villa und den großen Garten samt Pool in geradezu idyllisches Licht setzen. Ein gewollter Kontrast zu den ungeheuerlichen Geschehnissen, die der Film zeigt. Manchmal ist die Kamera dann aber auch verstörend nah dran am Geschehen. So nah, dass die Köpfe der handelnden Personen abgeschnitten werden, was diesen Momenten eine unangenehm, klaustrophobische Atmosphäre gibt. Starre, wiederholende Kamerapositionen geben den Aufnahmen weiterhin etwas voyeuristisches, wie Aufnahmen aus einem „Big Brother“ Haus. Einen eigentlichen Soundtrack gibt es nicht, nur diegetische, im Film gespielte Musik. So legt der Vater eine Sinatra Platte auf, erklärt den Kindern, das sei ihr Großvater und „übersetzt“ die englischen Worte als Lobpreisung der Familie.

Die Tatsache, dass Lanthimos keine Antworten für das „Warum“ des Handelns der Eltern gibt eröffnet natürlich allerlei Interpretationsmöglichkeiten hinsichtlich politischer und sozialer Allegorien. Ich sehe den Film mehr als Begleitstück zu Lanthimos‘ ‚The Lobster‘. Während der Film die Linse eines satirisch verzerrenden Mikroskops auf die romantische Beziehung richtet, tut ‚Dogtooth‘ dasselbe für die klassische Familie. Lanthimos zeigt den, ins Schreckliche überzogenen, elterlichen Wunsch die Kinder vor den Gefahren der Welt und der Verderbnis der Gesellschaft zu schützen. „Mögen auch Deine Kinder unter schlechten Einfluss geraten“ sagt der Paterfamilias vorwurfsvoll zu Christina, in Bezug auf die Videos – nachdem er sie mit einem Videorekorder niedergeschlagen hat. Die verdrehten Lektionen, die die Kinder erhalten, können als direkte Parodie auf elterlichen Hausunterricht gesehen werden. Letztlich kann aber auch das familiäre Gefängnis die Neugier auf die Außenwelt, den Wunsch sich von den Idealen und Vorstellungen der Eltern zu lösen, als notwendigen Bestandteil des Erwachsenwerdens nicht verhindern.

Lanthimos erinnert mich hier, weit mehr als in ‚The Lobster‘ an die Arbeit von Michael Haneke. Anders als der Österreicher zeigt Lanthimos aber auch hier schon eine Verspieltheit und zumindest gelegentlichen Humor, der nicht von abgrundtiefer Schwärze geprägt ist. Gegen Ende zeigt sich gar ein leiser Hoffnungsschimmer. Zumindest ein Hinweis sei noch auf die seltenen aber heftigen Gewaltspitzen gegeben. Gerade die Szene selbst zugefügter Gewalt, die dem Film den Titel gibt ist recht schwer erträglich und Katzenfreunde sollten den Film wohl nur unter Vorbehalt sehen.

Wer mit ‚The Lobster‘ nichts anfangen konnte, der wird wohl auch mit ‚Dogtooth‘ nicht allzu glücklich werden. Wem der Film aber gefallen hat (oder auch nur dessen erste Hälfte), der findet hier einen etwas „roheren“ Film, der aber ähnlich gut funktioniert. Und ich bin jetzt um so mehr auf ‚Killing of a Sacred Deer‘ gespannt. Jetzt aber erst mal ein lecker Bifteki, wo ich schon mal hier bin.

‚Speed‘ (1994) ist ein Bombenfilm!

Vor ein paar Monaten habe ich mir die BluRay von ‚Speed‘ gekauft. Ein völliger Spontankauf vermutlich unter Einfluss von ‚John Wick‘-Entzugserscheinungen. Der lag dann ewig auf meinem „Ungesehen“-Stapel und jedes Mal, wenn mein Blick drauf fiel, fragte ich mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Warum sollte ich diesen über 20 Jahre alten Film um den Bus, der nicht langsamer werden durfte, nochmal sehen? Als er dann doch endlich in den Player wanderte, lieferte er mir die Antwort mit lautem rumms: „Weil ich einer der besten Actionfilme aller Zeiten bin, Du Nase!“

Die Handlung sollte ja weitgehend bekannt sein. Howard Payne (Dennis Hopper) ist ein brillanter Bombenleger, der mehrere Millionen Dollar von der Stadt Los Angeles erpressen will. Eine erste explosive Geiselnahme in einem Fahrstuhl wird von den Polizeibeamten Harry Temple (Jeff Daniels) und Jack Traven (Keanu Reeves) gestoppt. Paynes nächste Bombe ist in einem Bus, wird aktiviert wenn der schneller als 50 Meilen pro Stunde fährt und geht hoch, sobald der Bus diese Geschwindigkeit wieder unterschreitet. Traven gelangt an Bord des Busses, doch der Fahrer wird verletzt und Passagierin Annie Porter (Sandra Bullock) muss das Steuer übernehmen.

Der Film gliedert sich in drei Action-Setpieces. Die Fahrstuhl/Hochhaussequenz, die der Film gut auszunutzen weiß, nicht nur im Sinne einer James Bond Vor-Vorspann-Action, sondern auch um Polizisten und Bombenleger aufeinandertreffen zu lassen, um die folgenden Begegnungen persönlich bedeutsamer zu machen aber auch um sie bereits bestimmte Dinge über ihre Gegner lernen zu lassen, die die späteren Sequenzen beeinflussen werden. Die Bussequenz ist das Hauptstück des Films, führt Annie ein und ist sehr klug darin, sie nicht zu einer „Jungfrau in Nöten“ zu machen, sondern als Fahrerin zu einem ganz zentralen Element. Die anderen Passagiere des Busses spielen höchstens Nebenrollen, die Beziehung zwischen Traven und Annie und ihr Umgang mit den Hindernissen, die ihnen Payne und der Stadtverkehr in den Weg legen, hat vollen Platz sich zu entfalten. Die dritte Sequenz, die in einer U-Bahn spielt, ist sicher die Schwächste des Films. Annie wird nun doch zum zu rettenden Opfer und es wiederholen sich zu viele Momente aus dem Bus. Dennoch funktioniert sie, weil sie endlich die direkte Konfrontation zwischen Payne und Traven bringt und wenn der den ganzen Film durch zutiefst ernsthafte Traven an deren Ende seinen einzigen One-Liner ablässt (eine Währung, die Actionfilme der 80er und frühen 90er ansonsten inflationär gebraucht haben) fühlt sich das „verdient“ an.

Der ehemalige Kameramann und hier erstmalige Regisseur Jan de Bont hatte natürlich bereits einige Erfahrung (Kamera bei ‚Stirb Langsam‘, ‚Lethal Weapon 3‘) darin gesammelt klare, nachvollziehbare Actionsequenzen zu drehen. Und diese Erfahrung weiß er in seiner Umsetzung des ersten Filmdrehbuchs von Fernsehautor Graham Yost (wobei es heißt für die finale Version des Buches zeichne eigentlich Joss Whedon verantwortlich, was es zu einer seiner frühesten Arbeiten machen würde) perfekt umzusetzen. Jede Actionszene hat ein klares Setup und folgt dann einem klaren Aufbau, der den Zuschauer alles nachvollziehen lässt. Ja, die zentrale Prämisse des Films ist albern. Ja, ‚Die Simpsons‘ haben sie für zahllose, gelungene Gags verwendet. Aber was macht das, wenn der Rest des Films drumherum derart gelungen ist? Letztlich ist sie auch ein Alleinstellungsmerkmal. Jeder weiß was mit „der Film mit dem Bus der nicht langsamer werden durfte“ gemeint ist. Sogar Leute, die niemals ‚Speed‘ gesehen haben. Bei „der Film, wo sich der Typ durchs Hochhaus kämpfen muss“ denkt man hingegen nicht sofort an ‚Stirb Langsam‘, dafür ist es zu generisch.

Auch wenn es aus heutiger Sicht komisch klingt, so war keiner der Hauptakteure vor der Kamera, in diesem Werk zahlreicher Erstlinge dahinter, zur Entstehungszeit ein Superstar. Wenn man sich ihre Arbeit hier ansieht wird aber klar, warum sie alle zu verschiedenen Zeitpunkten mal einer waren oder wurden. Hopper liefert hier einen Schurken mit jener durchgeknallten Bedrohlichkeit ab, die er wie kein zweiter beherrschte. Er spielt hier nicht so überzogen wie in anderen Filmen, weswegen Payne, trotz seines schadenfrohen Sadismus‘, nie zu einer Witzfigur wird. Reeves spielt seinen Traven als ernsthaften, fähigen Polizisten. Seine Rolle ist fast vollständig physischer Natur, etwas das Reeves Talenten sehr entgegen kommt (das ist nicht abwertend gemeint! ich habe vor physischem Spiel ähnlich viel Respekt, wie vor emotionalem!). Das Wichtigste ist aber seine Chemie (oder eigentlich Alchemie, denn eine Formel gibt es dafür ja nicht) mit Sandra Bullock. Die liefert den Humor, das menschliche Element und zeigt allgemein die Art von Vorstellung, die klarmacht, warum sie zu dem weiblichen Star der späteren 90er werden würde. Sie ist es, die erst dafür sorgt, dass der Film funktioniert, indem sie den emotionalen Ansatzpunkt für den Zuschauer liefert.

Okay, werdet Ihr jetzt sagen, es ist also ein gelungener Actionfilm, fein, aber „einer der besten aller Zeiten“ ist etwas dick aufgetragen, oder? Vielleicht. Aber lasst mich meine These formulieren. In den besten Actionfilmen wird die Action durch die Charaktere definiert. Im Musterbeispiel ‚Stirb Langsam‘ haben sowohl John McClane als auch Hans Gruber eindeutige, definierte Pläne, die aus ihren Charakteren erwachsen und ihr Handeln bestimmen und so die Handlung und Action des Films auslösen und antreiben. Was ‚Speed‘ genial macht, ist dass er diese Regel in ihr genaues Gegenteil verkehrt. Hier ist es immer die Action, die das Handeln der Charaktere steuert. Während der Fahrstuhlsequenz lernen wir, dass Traven nicht gut darin ist Pläne zu machen. So schießt er seinen Partner Temple (den eigentlichen Planer) sogar an, in Reaktion auf eine Situation. Traven sieht eine neue Situation und reagiert darauf. Aber das macht ihn hier nicht passiv, genau das bringt ihm einen Vorteil gegen Payne. Der ist zwar ein Planer, doch ist alles was er tut auch reaktiv, folgt der Formel „wenn X passiert, reagiere ich mit Y“, wobei Y in 100% der Fälle eine Explosion ist. Auf Planer wie Temple ist er perfekt  vorbereitet, so dass dessen Pläne auch in einer Katastrophe enden. Annie andererseits ist der am direktesten reaktive Charakter. Jedem neuen Hindernis, dass vor der von ihr gelenkten tonnenschweren Bombe auftaucht muss sie sich erneut anpassen. Und eben diesem Reagieren sind Paynes eigene reaktive Pläne, die vom planbaren Vorgehen seiner Gegner ausgehen, nicht gewachsen. Die Reaktivität der Charaktere gibt ihnen Handlungsfähigkeit. Diese Inversion mag simpel klingen und ist vermutlich auch simplistisch aber ‚Speed‘ ist auch ein simpler Film. Aber „simpel“ im Sinne einer einfachen, schlichten Eleganz. Für mich zumindest ist ‚Speed‘ die „Zahl“-Seite der Münze, deren „Kopf“-Seite ‚Stirb Langsam‘ ziert.

Warum hat ‚Speed‘ dann (vor allem bei mir, bis vor kurzem) keinen besseren Ruf? Ich glaube die Antwort darauf lässt sich mit „Speed 2“ recht einfach zusammenfassen. Ein Sequel das alles aber auch alles falsch machte, was der Erstling richtig gemacht hat. Ein Film der Jan de Bont als neue Hoffnung am Actionhimmel direkt wieder zunichte gemacht hat.

Aber ich bin nicht hier um über ‚Speed 2‘ zu reden. Ich bin hier um Euch zu sagen: Seid nicht wie ich! Wenn Ihr die Chance habt den 24 Jahre alten Film um den Bus, der nicht langsamer werden durfte zu sehen, dann nutzt sie mit Höchstgeschwindigkeit, Ihr werdet es sicherlich nicht bereuen!

Reisetagebuch: ‚Dies ist kein Film‘ (2011) und ‚Taxi Teheran‘ (2015)

Weltreise Ziel #5 (2 mal)

Nun geht es also wirklich los. Meine erste Etappe der Filmreise Challenge (verwirrt? siehe hier) führt mich in den Iran, genauer gesagt nach Teheran. Ich habe mich im Folgenden für einen mehr beschreibenden als besprechenden Text entschieden. Rückmeldungen dazu würden mich freuen.

‚Dies ist kein Film‘ (2011)

Der Anfang des Films wirkt in Zeiten der allgegenwärtigen Youtube-VLOGS nicht besonders bemerkenswert. Aus den starren Perspektiven einer abgelegten Kamera sehen wir einen Mann beim teekochen, beim frühstücken und wie er den Leguan seiner Tochter füttert. Er ist vielleicht etwas älter, als der durchschnittliche VLogger. Einige Telefonate machen dann aber schnell klar, womit wir es zu tun haben. Der Mann ist Jafar Panahi, einer der bekanntesten iranischen Regisseure. Er war in die „Grüne Bewegung“, die Proteste im Iran nach der Wiederwahl Ahmadinedschads involviert. Daraufhin wurde er festgenommen, lange Zeit ohne Anklage festgehalten und schließlich zu 30 Jahren Berufsverbot und 6 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Fall ist derzeit vor dem Revisionsgericht und Panahi steht unter Hausarrest. Seine Anwältin macht ihm am Telefon auch keine großen Hoffnungen. Ums Gefängnis wird er wohl nicht herumkommen.

Daraufhin ruft er einen befreundeten Filmemacher an und bittet ihn vorbeizukommen. Der soll die Kamera übernehmen und Panahi würde Szenen aus einem seiner neuen Filme, den er nun nicht mehr drehen darf, erzählen. Das sei ja nicht verboten. Es folgen einige Szenen von Ein-Mann-Theater um eine junge Frau, die studieren möchte, von ihren konservativen Eltern aber zuhause eingeschlossen wird. Dann überkommt Panahi der Frust: „wenn man Filme erzählen könnte, warum dreht man sie dann?“, fragt er und stürmt auf den Balkon, um zu rauchen.

Der Rest des Films besteht besteht aus solchen Erzählmomenten, Szenen aus Panahis alten Filmen und Momenten tiefer Frustration. Wir erleben Panahi als einen Kessel überkochender Kreativität, dem das Ventil verboten wurde. Aber auch die Machtlosigkeit gegenüber einem undurchschaubaren Regime transportiert der Film. Statt mit Zorn reagieren er und sein Kollege aber mit Würde und gelegentlichem Galgenhumor. „Schnitt“ sagt er einmal zum Kameramann. „War das etwa eine Regieanweisung?“ fragt der mit hörbarem Grinsen, „das darfst Du gar nicht!“

Als die Böller einer Neujahrsfeierlichkeit dann aber zu sehr nach Gewehrschüssen klingen bekommt es Panahi mit der Angst und lässt schnell alles verschwinden, was danach aussehen könnte, er habe über einen Film gesprochen. ‚Dies ist kein Film‘ hat er allen Widrigkeiten zum Trotz aber doch fertiggestellt. Auf einen USB-Stick geladen, den in einem Geburtstagskuchen versteckt und ihn nach Cannes geschickt, wo er 2011 bei den Festspielen gezeigt wurde.

‚Taxi Teheran‘ (2015)

Der Film zeigt uns Panahi mit Schiebermütze hinter dem Steuer eines Taxis. Auf dem Armaturenbrett befindet sich eine Kamera, die auf die Straße, Panahi selbst oder seine Fahrgäste gerichtet ist. Immer wieder steigen Leute mit ihren eigenen kleinen und großen Problemen ein und sind ein paar Kreuzungen später schon wieder draußen. Der Film wechselt dabei teilweise recht extrem zwischen satirischem Humor und der deutlichen Darstellung der Probleme des Lebens unter dem iranischen Regime. Mit der Frage, ob ‚Taxi Teheran‘ nun ein fiktiver Film oder eine Dokumentation ist geht der Film sehr offensiv um. Schon nach einigen Minuten sagt ein Fahrgast, der Panahi erkennt, über andere Fahrgäste, die seien doch Schauspieler und Panahi habe das alles inszeniert.

Davon ist auszugehen, denn zu sehr sind die einzelnen Fahrgäste Karikaturen oder zumindest Darstellungen von alltäglichen Problemen im Iran. Da ist der Mann, der die ganze Fahrt über lautstark die Todesstrafe für Diebe fordert und sich beim Aussteigen selbst als Taschendieb zu erkennen gibt. Oder das Ehepaar, das einen Motorradunfall gehabt hat. Der Mann windet sich in Schmerzen, blutet heftig am Kopf aber verlangt ein Videotestament aufzunehmen, damit seine Brüder seiner Frau nach seinem Tod nicht alles wegnähmen. Oder der DVD Schwarzhändler, der darauf besteht auch einen wichtigen, kulturellen Beitrag zu leisten. Ohne Leute wie ihn, die auch verbotene Filme verkauften, wüsste doch im ganzen Land niemand wer Woody Allen überhaupt ist.

Deutlich nüchterner und gar nicht humorig nimmt sich da Panahis Gespräch mit der Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotudeh aus. Die möchte zu einer Klientin, die ein Fußballspiel besuchen wollte, deswegen seit Monaten ohne Anklage in Haft sitzt und nun in Hungerstreik treten will. Als Panahi erwähnt, er glaubte die Stimme seines eigenen Verhörenden zu hören, als er außerhalb des Taxis ein lautes Geräusch bemerkte, erzählt sie ihm, dass sie das von Klienten kenne. Das liege an den Augenbinden bei den Verhören, man werde besessen von der Idee die ungesehene Stimme im Alltag wiederzuhören.

Das Herz des Films sind für mich aber Panahis Gespräche mit seiner kleinen Nichte Hana. Die hat in der Schule aufbekommen einen kleinen Film zu drehen. Das ist allerdings mit einigen (vielen) Regeln verbunden. Diese rattert sie aus ihrem Schulheft mit „angry birds“ Umschlag herunter. Vieles ist erwartet. Islamische Gebote müssen eingehalten werden, nichts darf den Iran schlecht aussehen lassen. Einiges überrascht aber doch. Keine persischen Namen für positive Figuren zum Beispiel. Und keine Krawatten für positive Figuren. Was das wohl für den netten Nachbarn bedeute, der Hana gerade einen Saft spendiert hat, fragt Panahi. Der habe einen persischen Namen und einen Schlips trug er auch. Das sei ja was ganz anderes, sagt Hana, der sei ja echt. Und wenn man ihn im Film zeigen wolle? Tja, dann müsste man ihn natürlich von Grund auf verändern. Als sie später aus dem Fenster des Taxis eine Hochzeit filmt, fordert sie einen Jungen energisch auf dem Bräutigam etwas Geld wiederzugeben, das ihm aus der Tasche gefallen ist. Wenn der Junge das nicht täte sei das unrecht. Und dann könne sie die Aufnahmen ja gar nicht verwenden! Alle Untiefen der Regeln kann aber auch Hana nicht umschiffen. Wie soll man einen realistischen Film drehen, wenn man nichts Negatives, das passiert zeigen dürfe? Onkel Jafar müsste das doch wissen, der ist immerhin Regisseur.

Panahis Antwort scheint zu sein einfach alle Regeln zu brechen, dabei aber immer freundlich, höflich und niemals anklagend zu bleiben. Mit durchaus viel satirischem Humor zeigt er hier, wie Gemeinschaften unter dem ständigen Druck der Reglementierungen des Regimes bröckeln, wie ganze Teile des Staatssystems nicht funktionieren. Vor allem die Justiz, da viele Leute wissen wie freigebig die Gerichte mit der Todesstrafe sind und selbst schwere Verbrechen daher gar nicht erst zur Anklage bringen. Nebenbei geht er, wie auch schon in ‚Dies ist kein Film‘, der metatextuellen Frage nach, was einen Film eigentlich ausmacht.

Im Gegensatz zu ‚Dies ist kein Film‘ hat sich Panahis Lage aber gebessert. Nicht nur ist er nicht im Gefängnis er darf sich im Land auch wieder relativ frei bewegen. Nur ausreisen nicht. Oder Filme drehen. Deswegen sind das hier ja auch nur zufällige Aufnahmen der Armaturenbrett-Kamera seines Taxis. Doch nachdem auch dieser Film außer Landes geschmuggelt wurde, hat er nicht nur gebeten den Film auch im Iran zeigen zu dürfen, er sagte auch öffentlich er würde nie aufhören Filme zu drehen. Bislang ignoriert ihn die Regierung, auch aufgrund des internationalen Drucks. Ich wünsche ihm, dass es so bleibt oder er sogar eine Erleichterung der Zensur erreicht.

Die erste Etappe der Filmreise Challenge hat mir jedenfalls zwei absolut sehenswerte Filme eingebracht, die ich nur jedem Interessierten mit bestem Gewissen weiterempfehlen kann. Wenn ihr nur einen schauen wollt, würde ich vermutlich zu ‚Taxi Teheran‘ raten. Der ist dynamischer und, nicht zuletzt dank Hana, auch unterhaltsamer (einzig die deutsche Synchro ist… zweifelhaft). Aber da ohnehin beide auf einer BluRay daherkommen…