‚Mein Nachbar Totoro‘ (1988)

‚Mein Nachbar Totoro‘ wurde anfangs als Risiko für das 1985 frisch gegründete Studio Ghibli gesehen. Die Regisseure Hayao Miyazaki und Isao Takahata und Produzent Toshio Suzuki hatten ihr eigenes Studio mit dem expliziten Ziel eröffnet wegzukommen  von den kreativen Einschränkungen von TOEI, dem selbsterklärten „Disney Japans“, wo beide Kreative bereits längere Karrieren hinter sich hatten. Der Überraschungserfolg von Miyazakis ‚Nausicaä aus dem Tal der Winde‘ machte den nicht wenig riskanten Schritt möglich. ‚Nausicaä‘ mit seinem postapokalyptischen Setting passte wunderbar in den Hunger des japanischen Anime-Publikums der 80er Jahre nach düster-dystopischen Geschichten. Und auch Miyazakis erster Film für sein eigenes Studio, ‚Das Schloss im Himmel‘, richtete sich mit einem Steampunk-Setting an gewohnte Geschmäcker. Aber ein Film, der an ein nostalgisches Bilderbuch erinnert, mit der animistischen Tradition Japans spielt und die Freundschaft zweier kleiner Mädchen mit einem moppeligen Naturgeist zeigt? Wer will denn sowas sehen? So unsicher war man sich bei Ghibli, dass der Film anfangs nur in Doppelvorstellungen mit Takahatas zeitgleich entstandenem bitter-realistischen Blick auf die letzten Tage des zweiten Weltkriegs ‚Die letzten Glühwürmchen‘ gezeigt wurde. Ein sicherer Weg zum emotionalen Schleudertrauma. Aber war die Angst berechtigt?

Der Film zeigt, wie der Tokioter Archäologie-Professor Tatsuo Kusakabe mit seinen beiden Töchtern Satsuki (ca. 8-9 Jahre) und Mei (ca. 4-5 Jahre) in ein altes Haus auf dem Land zieht. Sie tun das, um der Mutter der Kinder näher zu sein, die sich in einem Sanatorium von einer Krankheit erholt. Das Haus gilt bei den Nachbarn als Spukhaus, was nicht ganz falsch ist, allerdings haben die harmlosen Rußmännlein, die es bevölkern, der überbordenden Lebensfreude der Mädchen wenig entgegenzusetzen und verlassen bald das Haus. Neben dem Haus befindet sich ein dicht bewaldeter Hügel, der von einem riesigen Kampferbaum gekrönt wird. Die kleine Mei entdeckt eines Nachmittags, als sie sich bei der Verfolgung eines mysteriösen Kleintiers durch einen Tunnel zwischen den Pflanzen quetscht, ein riesiges, friedliches Wesen, irgendwo zwischen Katze und Eule, aus dessen Schlafgeräuschen sie den Namen Totoro folgert. Als sie ihn der Familie zeigen will, ist der Waldgeist verschwunden. Doch sie und Satsuki sollen dem freundlichen Wesen noch häufiger begegnen.

Aus dieser Beschreibung lässt sich vielleicht bereits ablesen, dass es keinen wirklich packenden Plot gibt. Das ist allerdings auch gar nicht das Ziel des Films. Miyazaki zeigt eher eine Situation als eine Geschichte. Er beschreibt einen Ausriss aus der Kindheit und alle Elemente die es dafür braucht sind da. Es ist aufregend, gilt es doch eine neue Umgebung aus wunderschöner Natur zu erforschen und neue Freunde zu finden. Es ist traurig, die Abwesenheit der Mutter und die Sorge um sie sind Momente echten Schmerzes für die Mädchen. Es ist manchmal auch ein ganz bisschen unheimlich, wenn die Töchter etwa den Vater im strömenden Regen vom Bus abholen wollen und stattdessen „fährt“ ein zwölfbeiniger Katzenbus mit leuchtenden Augen ein. Auf einen Antagonisten verzichtet die Geschichte vollkommen. Wirkliche Dramatik stellt sich erst im letzten Akt ein.

Daraus sollte man nun aber nicht folgern, dass der Film langweilig wäre im Gegenteil. Dafür ist er viel zu voll von Leben. Miyazaki zeigt hier bereits eindrucksvoll, wie es ihm gelingt seine Animationen lebendig wirken zu lassen. Sei es wenn die Mädchen dem Vater beim Einzug in das Haus übermütig zwischen den Füßen herumtollen oder so aufgeregt sind, dass sie genau an der Tür, die sie suchen vorbeilaufen. Es sind diese kleinen Momente des Überschwungs, die die Animation mehr als nur „funktionieren“ lassen. Sie erwecken sie zum Leben. Dazu leistet natürlich auch das meisterhafte Design seinen Teil. Man möchte sofort in das Haus der Kusakabes einziehen. Man möchte durch die sattgrünen Landschaften wandern und den Hügel mit dem Kampferbaum erklimmen. Das ist ein Film, in dem man wohnen möchte. Dazu kommt das Figurendesign. Bei den Menschen kann man vielleicht einen Blick zurück erkennen. Miyazaki erreicht das nostalgische Gefühl des Films, indem er sich beim Design der Mädchen an Serien wie ‚Heidi‘ oder ‚Anne mit den roten Haaren‘ orientiert hat, die einen ähnlich nostalgischen Ton haben und an denen er für TOEI gearbeitet hat. Doch das Design der übernatürlichen Figuren weist absolut nach Vorne. Totoro selbst sollte zum rundlichen Emblem des Studio Ghibli werden und hat es als Cameoauftritt selbst in die ‚Toy Story‘ Reihe gebracht. Den Katzenbus beschrieb Akira Kurosawa als „eine der schönsten Schöpfungen des Kinos“. Sicherlich kein kleines Lob. Das gebührt allerdings nicht Miyazaki allein, sondern auch Artdirector Kazuo Oga, der noch an mehreren Ghibli Filmen mitarbeiten sollte.

Ebenso zentral für den Erfolg ist natürlich die Musik von Joe Hisaishi, der schon seit ‚Nausicaä‘ Miyazakis Stammkomponist war. Vom eröffnenden Kinderlied über das Wandern bis zu den liebevoll-fröhlichen Orchesterstücken und sehnsüchtigen Klavierstücken des Films ist er hier, passend zum Thema, allerdings weit von der Epik späterer Musik entfernt.

Ein erzählerisches Element, dem wir diesen Monat immer wieder begegnen werden, ist das Miyazaki seine Protagonistinnen umziehen lässt. Mit diesen Umzügen ist immer auch eine Entwicklung verbunden. Kein Erwachsenwerden, kein „Coming of Age“, dafür sind die Protagonistinnen meist zu jung, aber doch eine neue Erkenntnis über das Leben. Hier ist es der Umgang mit der Krankheit der Mutter. Der Idee ihres möglichen Todes. Erstaunlich ist, dass zunächst nur Mei als Protagonistin geplant war. Als sich aber herausstellte, dass ein so kleines Mädchen gewisse Dinge nicht allein tun könnte, etwa den Vater von der Bushaltestelle abholen, wurde Satsuki in den Film geschrieben. Wenn man das nicht weiß, würde man es nie erahnen, z sehr fühlen sich beide Mädchen wie gleichberechtigte Protagonistinnen an. Das Übernatürliche spielt hier noch eine deutlich untergeordnetere Rolle, als das in späteren Filmen der Fall sein wird. Totoro ist den Mädchen gegenüber wohlwollend, letztlich ist er aber mehr daran interessiert zu schlafen und seine Flöte zu spielen. Letztlich ist sogar der Katzenbus für den Plot bedeutsamer. Man könnte sicher darüber diskutieren, ob Totoro überhaupt existiert oder der Fantasie der Kinder entspringt. Ich habe das Gefühl der Film würde argumentieren, dass das in diesem Fall keinen allzu großen Unterschied macht. Was beinahe völlig fehlt ist Miyazakis Begeisterung für das Fliegen. Von einem kurzen Flug Totoros auf einem magischen Kreisel abgesehen, haben wir hier nur den Nachbarsjungen, der mit einem Flugzeug spielt.

War die Angst vor dem möglichen Misserfolg des Films nun berechtigt? Nicht wirklich. Der Film rief derartige Begeisterung hervor, dass er aus der Doppelvorstellung herausgelöst wurde und normal gezeigt wurde. Totoro wurde, wie bereits erwähnt, zu einer Art Maskottchen für Ghibli. Und Miyazaki hatte sich in Japan als absoluter Publikumsmagnet erwiesen, der mit allem ins Kino locken kann. Im Westen wurde der Film erst nach dem Erfolg von ‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ wirklich bekannt. Zwar wurde bereits 1993 eine englische Synchronisation erstellt und der Film in den USA gezeigt, löste dort aber eher Schulterzucken aus. Die Kritik konnte nichts damit anfangen, man liest recht schwer nachvollziehbare Probleme wie „Animation auf Fernsehniveau“. Ausnahme ist Kritiker Roger Ebert, der dem Film von Anfang an positiv begegnete und ihn später in seine Liste der „Great Movies“ aufnehmen würde. Der Rest zeigt, wie unterschiedlich die Bewertung eines Films ausfallen kann, je nachdem ob der Macher einen Oscar erhalten hat, oder man seinen Namen noch nie gehört hat…

‚Mein Nachbar Totoro‘ ist eine warme Umarmung von einem Film. Wunderschön, liebevoll, nostalgisch für eine Zeit, die es nicht wirklich gibt, ohne dabei übermäßig süßlich zu werden, oder zu ignorieren, dass das Leben auch weniger schöne Seiten hat. Und falls jemand glaubt „zu alt“ für den Film zu sein: wenn ich alter Sack da was rausziehen kann, dann könnte Ihr das allemal!

Wir sehen uns hier nächste Woche wieder, wenn wir Kiki und Jiji auf dem Weg zu ihrem kleinen Lieferservice begleiten. Und holen Miyazakis Flugbegeisterung mehr als nur nach!

‚Aufbruch zum Mond‘ (2018)

In diesem Sommer, am 21. Juli, jährte sich die Mondlandung der Apollo 11 Mission zum fünfzigsten Mal. Neben einigen Dokumentarfilmen widmete sich auch Damien Chazelles ‚Aufbruch zum Mond‘ diesem Thema. Nachdem ich mit der letzten Zusammenarbeit zwischen Darsteller Ryan Gosling und Chazelle, ‚La La Land‘, im Gegensatz zu vielen anderen nicht so viel anfangen konnte, war ich dennoch gespannt auf diesen Film. Umso überraschter war ich festzustellen, dass es in dem Film nicht wirklich um die Weltraummission ging…

1961 ist Neil Armstrong (Gosling) Testpilot, der Flüge aus der Atmosphäre der Erde heraus unternimmt. Als seine und Ehefrau Janets (Claire Foy) gemeinsame Tochter Karen noch vor ihrem dritten Geburtstag an einem Hirntumor stirbt, bewirbt sich der trauernde Armstrong erfolgreich bei der NASA, die für ihr Gemini Projekt Piloten mit Ingenieursausbildung sucht. Die Familie zieht mit ihren beiden Söhnen in ein „Astronauten-Wohngebiet“ bei Houston. Mit der Gemini 8 Mission erhält Armstrong 1966 sein erstes Kommando und nimmt ein Koppelungsmanöver mit einer unbemannten Agena Rakete vor. Das erste solche Manöver im Weltraum. Um ihn herum sterben immer mehr Astronauten bei Unfällen der, aufgrund der Konkurrenz zu den Sowjets, nicht immer ideal vorbereiteten Flüge. Trotz eines für ihn fast tödlich endenden, irdischen Testflugs mit der Mondlandefähre, bereiten sich Armstrong, Buzz Aldrin (Corey Stoll) und Mike Collins (Lukas Haas) 1969 auf die Apollo 11 Mission vor. Den großen Sprung für die Menschheit. Der bemannten Landung auf dem Mond.

Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass sich der letzte Satz meiner Einleitung und die Inhaltsangabe des Films deutlich widersprechen. Natürlich geht es um die Weltraummission. Aber es geht auch und vor allem um Trauer und ihre Verarbeitung. Gosling gibt seinen Armstrong als geradezu schmerzhaft introvertierten Menschen. Der Tod seiner kleinen Tochter führt ihn an den Abgrund und es scheint ihm beinahe unmöglich zu werden noch jemanden an sich heranzulassen. Nachdem er mehrere Kollegen schroff abgewiesen hat, fällt es immer wieder Claire Foys Janet zu auch dem Zuschauer Zugang zu diesem schwierigen Menschen zu geben. Insbesondere in einer Szene vor dem Mondflug, wo sie Neil geradezu zwingen muss, mit seinen beiden Söhnen zu sprechen, da er vielleicht nicht zurückkommen wird. Ein Gespräch, das er dann ausführt wie eine Pressekonferenz. Für diesen introvertierten Menschen wird die ultimative Abwendung von der Menschheit zur Chance seinen Schmerz zu überwinden und neue Bande zu knüpfen. Es wird von einem PR Erfolg im Kalten Krieg, von einem wissenschaftlichen Durchbruch zu einer hochpersönlichen Queste und dabei fast universell.

Deshalb fehlt dem Film auch beinahe jeglicher Hurra-Patriotismus, der normalerweise mit dem Thema verbunden ist (man erinnere sich an den Twitter-Trotzanfall des Boss Babies-in-Chief, weil das Setzen der US Flagge auf dem Mond nicht inszeniert wird). Wenn im Film Stimmen von außerhalb des Projektes zu hören sind, dann sind das durchaus auch einmal kritische. Ein Fernsehinterview mit Autor Kurt Vonnegut etwa, der fragt ob die Millionen für das Raumprogramm nicht in sozialen Projekten besser investiert wären. Oder Gil Scott-Herons Jazz Poem „Whitey On The Moon“, das auf soziale und rassistische Ungerechtigkeit der „fortschrittlichen“ USA hinweist.

Das soll aber nicht heißen, dass der Film in irgendeiner Weise die persönlichen Leistungen der Astronauten anzweifeln würde. Im Gegenteil ich glaube, ich habe den an Irrsinn grenzenden Mut, der notwendig ist, um in eine Blechdose mit weniger Rechenkapazität als ein Game Boy, die an das obere Ende einer gigantischen Explosion gedübelt ist zu steigen noch nie so intensiv inszeniert erlebt wie hier. Die Kapseln scheinen sich fast selbst auseinanderrütteln zu wollen. Chazelle hält uns dabei stets auf Augenhöhe mit den Insassen. Die Majestät des Weltalls erleben wir wie sie fast nur durch die kleinen Sichtfenster. Und sie wirkt dennoch. Ausnahmen gibt es, etwa das Dockmanöver zwischen Agena und Gemini 8, das aus einer Außenansicht inszeniert ist und das Komponist Justin Hurwitz mit einem, an Kubricks ‚2001‘ gemahnenden Walzer unterlegt. Allerdings wird das schnell ironisch gebrochen, wenn sich das Docking-Konstrukt durch eine defekte Düse in eine lebensbedrohliche Drehbewegung versetzt. Einen Todeswalzer sozusagen. Spätestens sämtliche Szenen des Mondfluges sind dann aber absolut packende Science Fiction. Nur dass sie eben keine Science Fiction sind!

Justin Hurwitz unterlegt diese Bilder mit einer Vermischung aus orchestraler Musik und elektronischen Tönen von Theremin und Moog Synthesizer. Aufgrund der Letztgenannten sollte man nun aber nicht erwarten, dass er sich dabei an den typischen Soundtracks von SciFi der 50er und 60er Jahre orientiert. Die Sounduntermalung ist zumeist sehr zurückhaltend und atmosphärisch. So sehr, dass der oben erwähnte Walzermoment klar hervorsticht.

Die darstellerischen Leistungen von Ryan Gosling und Claire Foy sind sicherlich ebenfalls viel zu zurückhaltend, um je bei irgendwelchen Preisverleihungen  ernsthaft in Betracht gezogen zu werden. Für diesen Film sind sie jedoch perfekt. Gosling transportiert den Schmerz über den Tod seiner Tochter beinahe physisch an den Zuschauer, ohne dass der Film dafür auf dramatische Nahaufnahmen zurückgreifen müsste. Foy hingegen vermittelt die stille Verzweiflung der Frau, die einerseits ihren Mann, der sich ihr immer mehr zu entfremden scheint, unterstützen will, andererseits sieht, wie immer mehr ihrer Nachbarinnen zu jungen Witwen werden. Wenn man dem Film etwas vorwerfen könnte, dann vielleicht, dass alle anderen Charaktere neben dem Ehepaar Armstrong etwas blass bleiben. Buzz Aldrin kommt vielleicht für 5 Minuten in dem Film vor und sagt ebenso viele Sätze. Das reicht, um ihn als jemanden zu zeichnen, der in kleiner Runde gern Dinge ausspricht, die niemand hören will, in der Öffentlichkeit aber weit gewandter ist als der introvertierte Armstrong. Beinahe alle Charaktere sind solche, durchaus funktionierenden aber notwendigerweise groben Skizzen. Der Originaltitel ‚First Man‘ ist da präziser, worum es in dem Film geht.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass ich den Film sehr, sehr mochte. Manchem wird er zu langsam sein, viele Szenen zu voll von technischem Jargon und insgesamt zu unspektakulär für sein Thema. Mir hat genau das gefallen. Die Gegenüberstellung der absoluten Ruhe und Professionalität der Astronauten in außergewöhnlichen Stressmomenten und der Betonung der Tatsache, dass natürlich auch sie nur Menschen sind, die nicht von rein rationalen Anforderungen getrieben sind. Wenn ich ehrlich bin, dann hat mir der Film so gut gefallen, dass ich mich fast frage, ob ich ‚La La Land‘ falsch eingeschätzt habe…

‚Stan & Ollie‘ (2018) – „I’ll miss us, when we’re gone!“

Das ich Slapstick mag, ist für regelmäßige Leser dieses Blogs sicher nichts ganz Neues. Mit einer der Hauptgründe dafür sind sicherlich Laurel & Hardy oder ‚Dick & Doof‘ wie sie in meiner Kindheit bei zahlreichen Fernsehwiederholungen hießen. Und natürlich meine Oma, bei der ich häufig nach der Schule war und die ebenfalls einen wohlinszenierten Sturz auf den Hintern zu schätzen wusste, weshalb es bei ihr häufig Dick & Doof zu sehen gab. Inzwischen würde ich zwar Buster Keaton als den Besten der „klassischen“ Slapsticker bezeichnen, aber das tut meiner Zuneigung für Laurel & Hardy nicht sonderlich viel Abbruch. So war ich natürlich gespannt auf ein Biopic, das sich vor allem auf ihre unglücklichen späten Jahre konzentrieren würde.

1937 ist das Komikerduo aus Stan Laurel (Steve Coogan) und Oliver Hardy (John C. Reilly) auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Während sich Stan von ihrem Produzenten Hal Roach (Danny Huston) unterbezahlt und nicht ausreichend gewürdigt fühlt, ist Ollie, nicht zuletzt aufgrund einer Reihe von Alimente-Zahlungen, auf die finanzielle Sicherheit der regelmäßigen Filme angewiesen. Dies gipfelt schließlich darin, dass Roach Stan entlässt und Ollie den Film ‚Zenobia der Jahrmarktselefant‘ mit dem neuen Partner Harry Langdon (Richard Cant) dreht.

16 Jahre später ist die große Karriere von Laurel & Hardy bereits lange Geschichte. Sie halten sich mit einer, aufgrund mangelnder Werbung anfangs nur schwach besuchten, Tournee durch die britischen Music Halls über Wasser. Ihre wirkliche Hoffnung besteht in einer komischen Filmadaption des Robin Hood-Stoffes, die der britische Produzent Miffin bei entsprechendem Erfolg der Tour in Aussicht gestellt hat.

Das Erste was beim Ansehen des Films auffällt ist fraglos der Respekt, den alle Beteiligten der Thematik und damit den zentralen Personen des Films entgegenbringen. Regisseur Jon Baird und die Darsteller Coogan und Reilly waren nicht daran interessiert die Marke Laurel & Hardy abzubilden, sondern zumindest ein wenig an die Menschen dahinter heranzukommen. Wobei die Übergänge hier fast ein wenig fließend scheinen. Insbesondere Laurel scheint kaum in der Lage seine Bühnenpersona vollständig abzuschalten und schreibt entweder neues Material, oder inszeniert gar entsprechende Situationen im Alltagsleben. Aber auch Genussmensch Hardy, der seine Arbeit viel mehr als Notwendigkeit denn als Lebensinhalt begreift, kommt nicht umhin, von einer Gruppe Schulkinder in einem zornigen Moment beobachtet, verlegen mit seiner Krawatte zu winken und in seiner Persona zu verschwinden.

Tatsächlich zeigt uns der Film – und in einem Krisenmoment sagen die Charaktere es ganz offen – zwei Charaktere, die eigentlich nicht wahnsinnig viel verbindet. Das Schicksal in Gestalt von Hal Roach hat sie zusammengewürfelt und das einzige was sie verbindet ist, das sie einander (und viele andere) zum Lachen bringen. Doch zeigt uns der Film auch, dass Freundschaft ein Gefühl ist, das mehr als stark genug ist, um auch auf einem derart schmalen Fundament absolut sicher zu stehen. Und so ist dieses Biopic über zwei Komiker eben auch nicht nur lustig sondern durchaus bittersüß. Und aufgrund des oben erwähnten Respekts vielleicht manchmal etwas mehr süß als ihm guttut.

Wenn man im Anschluss an den Film den auf der BluRay mitgelieferten ‚Dick & Doof‘ Kurzfilm, ‚Der zermürbende Klaviertransport‘ schaut, dann fällt einem zwangsläufig auf, dass dem Film das wilde Anarchische des Duos beinahe vollkommen abgeht. Ich sage beinahe, denn es kommt doch noch in den Film, wenn auch überraschenderweise in Form der Ehefrauen der beiden. Shirley Handerson als Lucille Hardy, stets um ihren Mann besorgt und nur schwer in der Lage ihre Abneigung für den „Treiber“ Laurel zu verbergen, bekommt ihr eigenes Gegenstück in der lustigsten Figur des Films: Nina Arianda la Ida Kitaeva Laurel. Stans russischstämmige, scharfzüngige Ehefrau, die keinerlei Blatt vor den Mund nimmt („Winterpalace in St. Petersburg, now that is palace! Buckingham is little doghouse!“).

Aber natürlich sind Coogan und Reilly letztlich Herz und Seele des Films. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ihre größte Leistung ist, ihr eigenes Schauspiel nicht in den Vordergrund zu stellen. Denn sie verschwinden geradezu in ihren Rollen. Ich habe irgendwann tatsächlich vergessen, dass ich hier zwei moderne Schauspieler sehe und nicht die tatsächlichen Laurel & Hardy. Sicher, ein- zweimal verknickt sich Reillys Fatsuit auf merkwürdige Weise in der Kinnpartie und man wird an die Realität erinnert, dass tut aber der Leistung der Darsteller (und der Make Up Abteilung) sicherlich kaum Abbruch. Tatsächlich habe ich es selten erlebt, dass ich bei einem Biopic derart in der Lage bin die Darsteller zu vergessen, was wohl das größte Kompliment, ist, das ich ihnen hier machen kann.

Ein paar Worte zum „Realismus“ des Films (es sei angemerkt, dass ich nicht der größte Laurel & Hardy Experte bin und dass der folgende Absatz notwendigerweise Spoiler enthält (aber auch nicht mehr als der Trailer…)). Der Film zeigt die Tour der beiden als außergewöhnliches Erlebnis, als Tiefpunkt ihrer Karriere. Tatsächlich unternahmen sie seit Ende ihrer gemeinsamen Filmkarriere Mitte der 40er (Ausnahme ‚Dick & Doof erben eine Insel‘ von 1951) häufiger solche Tourneen durch Europa, wo Slapstick durchaus noch beliebter als in den USA war. Der Robin Hood Film war dabei bei einer früheren Tour geplant. Der Film zeigt sehr schön die kleinen Dinge, die sie „nebenbei“ als Werbung unternehmen. Bürgermeistern die Hand schütteln, Gastrichter bei Schönheitswettbewerben oder kleine Informationsfilmchen für die jeweilige Stadt. Auch Hintergrundmomente wie die Glocken von Dublins Kirchen, die beim Einlauf ihres Schiffes koordiniert den „Dance oft he Cuckoos“ spielen. 1954 erlitt Hardy tatsächlich während einer Tournee einen leichten Herzinfarkt. Allerdings brach das Duo die Tour daraufhin sofort ab (Laurel trat noch als Gast in einigen anderen Bühnenshows auf, während Hardy sich für die Überfahrt nach Amerika erholte). 1955 standen die beiden dann vor einem möglichen Comeback, als sie Verträge mit Hal Roach jr., Sohn ihres alten Produzenten, für eine Fernsehserie unterschrieben. Hier war es allerdings ein leichter Schlaganfall Laurels, der das Projekt letztlich scheitern ließ. Diesen letzten Punkt lässt der Film natürlich aus offensichtlichen, dramaturgischen Gründen aus, ich wollte ihn trotzdem erwähnen.

‚Stan & Ollie‘ ist ein weitgehend gelungenes Biopic mit zwei großartigen Hauptdarstellern. Zu gleichen Teilen komisch und bittersüß. Zwar sicherlich nostalgisch aber doch ohne Illusion für eine Zeit als die Unterhaltungsindustrie ihre einstmals erfolgreichsten Vertreter mit sehr wenig materieller Sicherheit zurückgelassen hat. Eine gewisse Sympathie für die zentralen Figuren sollte man wohl mitbringen. Wer sich überhaupt nicht für Laurel & Hardy interessiert wird auch hier nicht seine Meinung ändern.

‚Ein Gauner & Gentleman‘ (2018)

Wer regelmäßig dieses Blog liest, wird bemerkt haben, dass mir sowohl David Lowerys ‚A Ghost Story‘, als auch Robert Redford in ‚All Is Lost‘ sehr gut gefallen haben. Da ist es natürlich nur folgerichtig, dass ich ihren gemeinsamen Film ‚Ein Gauner & Gentleman‘ auch schaue. Insbesondere, weil es wohl tatsächlich Redfords letzter Film zu sein scheint. Die Geschichte basiert lose auf dem Artikel „The Old Man & The Gun“ von David Gran aus dem Magazin New Yorker. Der Artikel beschreibt das Leben von Bankräuber und Serienausbrecher Forrest Tucker. Lowery hat zwar den Namen für den Originaltitel seines Films direkt übernommen, präsentiert jedoch eine weitgehend fiktionalisierte Version der Geschichte. Kommt dabei ein würdiger letzter Auftritt für Robert Redford herum?

Der 1981 hoch in die Jahre gekommene Bankräuber Forrest Tucker (Redford) geht bei seinen Überfällen fast immer gleich vor: er erklärt einen Bankangestellten oder dem Manager, dass es sich um einen Überfall handelt, zeigt, mehr oder weniger deutlich, dass er eine Waffe in seinem Jackett hat und agiert  dabei so höflich und beinahe fröhlich, dass die meisten Umstehenden nicht einmal bemerken, was gerade passiert. Als er nach einem solchen Überfall einmal vor der Polizei flieht, hilft er der ebenfalls älteren Jewel (Sissy Spacek) bei einer Panne mit ihrem Pick-Up. Zum einen, weil er ein Gentleman ist, zum anderen, weil es eine gute Tarnung ist. Für den Wagen kann er zwar wenig tun, allerdings entwickelt sich zwischen Jewel und ihm eine Beziehung, in der er mal lügt, er sei ein Verkäufer, oder so augenzwinkernd erzählt was er tatsächlich tut, dass es unglaubwürdig wird.

Die Beute aus den Überfällen von Tucker und seinen Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) ist stets klein genug, dass die Meldungen darüber fast nie über amüsierte Lokalnachrichten über altersschwache Räuber hinauskommen. Erst als der frustrierte Polizist John Tucker (Casey Affleck) bei einem solchen Überfall anwesend ist, beginnt er Zusammenhänge zu sehen und bringt den 16fachen Ausbrecher Tucker mit über 80 Überfällen in Verbindung. In seiner Jagd nach der „Over-The-Hill-Gang“ findet er neue Motivation und auch Tucker genießt es, einen echten Herausforderer zu haben.

Man sagt häufig über Filme, sie würden eine gewisse Zeitperiode sehr gut einfangen. Meistens weil sie Mode, Technologie und vor allem Musik der jeweiligen Zeit überzeugend wiedergeben. ‚Ein Gauner & Gentleman‘ tut all das. Doch könnte man bei dem Film tatsächlich glauben er stamme aus 1981. Wenn die bekannten Darsteller nicht viel zu alt wären. Lowery drehte seinen Film nicht nur auf wunderbar grobkörnigem 16mm Film, er hat auch beinahe alles in den Wind geschlagen, was Ende der 2010er als Standard für Erzähltempo oder Skript gilt. Er erzählt mit dem sympathisch-gemächlichen Mangel an Hektik, den seine Charaktere an den Tag legen. An einer Stelle erzählt Waits‘ Waller eine wunderbare Geschichte aus seiner Jugend. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die im Skript stand, oder Waits einfach während einer Drehpause angefangen hat zu erzählen und Lowery die Geistesgegenwart hatte es zu filmen. Das ist keine Geschichte, die im dritten Akt plötzlich eine Bedeutung bekommt, oder einen wichtigen Hinweis liefert. Sie hilft einfach bei der Zeichnung eines Nebencharakters. Und die Charaktere sind das absolute Zentrum des Films.

Sei es die Chemie zwischen Spacek und Redford, die zwischendurch aktiv genug wirkt, um sich durch Gitterstäbe zu fressen, oder Casey Afflecks deprimiert-murmelnder Detective, der neue Lebensfreude im Bankräuberfall findet, die er sich auch vom FBI nicht vermiesen lässt. Die eigentliche Handlung wird über diese Charaktere fast ein wenig nebensächlich, zu sehr genießt man es Zeit mit ihnen zu verbringen. Tucker überfällt Banken, flirtet mit Jewel und Hunt verfolgt ihn (aber auch nicht zu sehr, ist die Jagd doch für ihn doch die eigentliche Motivation). Grundlegend erinnert die Handlung an ‚Hell or High Water‘. Doch während der Film eine harte Geschichte über Krisen und materiellen Mangel in einen ebenso harten Film verpackt, ist der Ansatz und die Erzählweise von ‚Ein Gauner & Gentleman‘ deutlich zurückgelehnter. Manch einer, der an das Erzähltempo und die auserklärende Erzählweise moderner Filme gewohnt ist, wird diesen Film wohl sowohl als langweilig, als auch voller „Plotholes“ erleben. Denn in manchen Dingen lässt sich der Film absichtlich nicht in die Karten schauen. Hat Tucker bei seinen Überfällen überhaupt eine Waffe dabei? Wie viel weiß Jewel tatsächlich darüber was er tut? Wie kommt die Polizei ihm letztlich auf seine Spur? Das ist alles nebensächlich oder absichtlich unklar. Und zumindest aus meiner Sicht ist das auch gut so.

‚Ein Gauner & Gentleman‘ ist letztlich ebenso wie ‚All is Lost‘ ein „Star-Vehikel“ für Robert Redford. Ähnlich wie der Film spielt Lowery hier mit der Vermischung von Charakter und Schauspieler. Fast möchte man sagen, noch mehr, denn für Rückblenden nutzt er hier teilweise Ausschnitte aus älteren Redford-Filmen. Und Redford selber ist als charmant-freundlicher Gauner natürlich tief in seinem Element. Fast glaubt man eine ältere Version von Johnnie Hooker aus ‚Der Clou‘ oder des Sundance Kids zu sehen. Hier ist ein Gauner, der zwar alt geworden ist, das aber absolut zu seinem Vorteil zu nutzen weiß. Nicht nur weil er dadurch unverdächtiger wird, auch weil er etwa sein klobiges Hörgerät nutzen kann, um den Polizeifunk abzuhören. Sissy Spacek zieht so etwas wie eine Klammer zu ihrer frühen Rolle in ‚Badlands‘. Während sie sich dort als Teenager vom „Bad Boy“ mit in die Katastrophe hat reißen lassen, geht sie nun mit sehr viel mehr Altersweisheit in diese Beziehung hinein.

Inszenierung und Protagonisten ergänzen sich so auf ganz wunderbare Weise in einem Film, der zeitlos wirkt, ohne dabei gewollt „Old School“ zu sein. Ich würde beinahe so weit gehen zu sagen, es ist ein Film wie er „heute gar nicht mehr gemacht wird“, würde ich mich dabei nicht selbst wahnsinnig alt fühlen. Eine Empfehlung für jeden, der sich auf einen ruhigeren Film einstellen kann und ein würdiges Ende für Redfords Karriere (obwohl er natürlich gerne noch in mehr Filmen auftauchen darf!).

‚Bumblebee‘ (2018) – wenn Herbie sich verformt

Lasst mich, der Fairness halber, direkt von Anfang an klarstellen aus welcher Richtung ich zu diesem Film gekommen bin: ich habe vor diesem noch nie geschafft einen ‚Transformers‘ Film von Anfang bis Ende zu schauen. Ich glaube, ich habe noch nie mehr als 20 Minuten geschafft. Die menschlichen Charaktere haben mir keinen Grund gegeben länger dran zu bleiben und der massive CGI Blechschaden… ehrlich gesagt war ich mir da nie sicher, ob sich da nun Roboter prügeln, oder ‚Christine‘, nach einer wilden Nacht voll Mord und Motoröl, die böse Autoseele aus dem Kühlergrill in Richtung Kamera kotzt. Auch für die alte Zeichentrickserie oder die Actionfiguren hege ich nicht sonderlich viel Nostalgie. Eigentlich gar keine. Diesen Film habe ich mehr oder weniger wegen Regisseur Travis Knight geschaut, dessen Stop Motion ‚Kubo‘ ich sehr gerne gesehen habe. Seinetwegen und der Rezensionen wegen, die sagten, ‚Bumblebee‘ macht alles besser als die bisherigen ‚Transformers‘ Filme. Haben sie Recht? Schauen wir mal.

Auf Cybertron stehen die Autobots kurz vor der Niederlage gegen die Decepticons. Autobot-Chef Optimus Prime ruft zur Evakuierung auf und schickt Autobot B-127 auf einen entlegenen Planeten, um diesen für den Rückzug zu sichern. Im Jahr 1987 erreicht B-127 den Planeten, die Erde, und muss sich sofort mit einem verfolgenden Decepticon herumschlagen. Den besiegt er zwar, doch gerät dabei nicht nur die Einheit von Agent Burns (John Cena) unter schweren Verlusten zwischen die Fronten, B-127 verliert auch die Fähigkeit zu sprechen und sein Gedächtnis. Es gelingt ihm gerade noch die Tarnung eines alten VW-Käfers anzunehmen.

Diesen Käfer findet Teenagerin Charlie (Hailee Steinfeld), die seit dem plötzlichen Tod ihres Vaters vom Rest ihrer Familie entfremdet ist, auf einem Schrottplatz und beschließt ihn aufzumöbeln. Schnell entdeckt sie, dass mehr in dem Käfer steckt. Sie gibt dem gedächtnislosen Roboter den Namen Bumblebee. Zwischen beiden und dem Nachbarn Memo (Jorge Lendeborg jr.) entwickelt sich schnell eine Freundschaft. Doch ist nicht nur Agent Burns hinter Bumblebee her, auch zwei weitere Decepticons haben ihn bis zur Erde verfolgt.

Ich bin sicherlich nicht der Erste, der das feststellt, aber das Kernelement des Films, das ganz wunderbar funktioniert, ist ein ‚Herbie‘ Film. Die ‚Herbie‘ Filme waren eine lose Reihe rund um einen weißen VW-Käfer mit der Rennnummer 53. Jemand, der in einer Krise steckte fand ihn auf dem Schrottplatz oder halbvergessen bei einem Händler und die Freundschaft mit dem lebendigen, drolligen, liebevollen Auto half die Krise zu überwinden. ‚Bumblebee‘ funktioniert exakt nach diesem Prinzip. Nur dass sich der Käfer hier noch in einen Roboter verwandeln kann, was weiter dabei hilft ihn zu vermenschlichen. Es mag an Knights vorheriger Arbeit in der Stop Motion liegen, aber hier stimmt nicht nur das Design von Bumblebee, sondern auch seine Körperhaltung in jeder Szene perfekt. Es ist schwer diesen gelben, runden Jungen nicht sympathisch zu finden. Ob er seine unumwundene Meinung zu Rick Astley kundtut, oder durch ein zu kleines Wohnzimmer slapstickt. Wahnsinnig innovativ ist das alles nicht, doch durch Steinfelds Schauspiel und Knights Inszenierung des CGI Charakters wirklich liebenswert. Auch finde ich es SEHR dankenswert, wie schnell sich Herb… Bumblebee Charlie zu erkennen gibt. Anstatt da minutenlang herumzulavieren, enttarnt er sich, als sie das erste Mal den Schraubenschlüssel ansetzt und wir können zum Wesentlichen kommen.

Die Herbie Filme hatten das Problem, dass der erste Film ein Rennfilm war. Daher musste auch in jeden folgenden Film immer ein Autorennen eingebaut werden, ob es passte oder auch nicht. Und genauso ist ‚Bumblebee‘ immer noch ein Transformers Film und darum müssen Robokloppe und eine Gefahr für die ganze Welt eingebaut werden, ob es passt oder halt nicht. Weniger wäre hier vermutlich mehr gewesen und sich auf Burns und die US-Armee als Antagonisten zu beschränken ein kluger Schachzug. Die Gefahr des Entdecktwerdens durch die Behörden war schließlich in der Handlungszeit der 80er ein hochbeliebtes Thema von ‚ALF‘ bis ‚Nummer 5 lebt‘ (neben Herbie der andere offensichtliche Bezug). Aber nein, wir haben die zwei Decepticons, deren Namen ich mir nicht einmal merken konnte und die im dramatischen dritten Akt irgendein grünes Ding in eine Antenne einbauen wollen, was durch ganz viel CGI-Robo-Fu verhindert werden muss. Ja, das ist hier visuell nachvollziehbarer inszeniert als in den Bayformers, aber, Mann, würde ich lieber ein paar mehr Szenen mit Charlie und ihrem Käferkumpel sehen! Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Bumblebees im dritten Akt im Konflikt liegende Personas „Kampfmaschine“ und „freundlicher Käfer“ einen Konflikt des Films selbst widerspiegeln.

Neben der gelungenen Animation lebt der Film vor allem von der Präsenz Steinfelds. Nachdem sie in ‚True Grit‘ eine beeindruckende Vorstellung abgeliefert hat, schien man sich in Hollywood sehr sicher, dass man irgendwas Großes mit ihr anstellen müsste, ohne genau zu wissen was. Hier sieht man, alles was sie braucht ist ein halbwegs glaubhaft geschriebener Charakter, den sie mit Leben füllen kann.  Charlie ist eine überzeugende Teenagerin, mit allen Problemen und Fehlern die dazugehören. John Cena ist… nicht der schlechteste Schauspieler mit Wrestlingvergangenheit. Seine Rolle ist nicht sonderlich gut geschrieben. Durchgehend der harte Hund mit einer plötzlichen, völlig unglaubwürdigen Wende. Aber hey, immerhin hat er eine der lustigeren Szenen des Films. Wenn alle seine Vorgesetzten mit den Alien-Robotern bei der Suche nach Bumblebee zusammenarbeiten wollen wirft er, fassungslos und völlig korrekt ein: „They call themselves DECEPTICONS!“

Am Ende halte ich den Film für sehenswert. Der emotionale Kern rund um die Freundschaft zwischen Charlie und Bumblebee funktioniert und ist liebenswert genug ihn zu tragen. Auch wenn mich die Robotkloppe immer noch nicht interessiert. Wer aus der Warte eines ‚Transformers‘ Fans da rangeht wird das sicher anders sehen. Aber der hat den Film eh schon gesehen und braucht keine Empfehlung mehr. Mal sehen, wann wir das unausweichliche Herbie-Reboot bekommen und ob das den Geist der Serie so gut einfängt wie der hier.

‚Die Mächte des Wahnsinns‘ (1994) – „Lesen Sie Sutter Cane?“

John Carpenter hat, von seinem Überraschungserfolg ‚Halloween‘ 1978 angefangen, die gesamten 80er Jahre hindurch eine absolut beeindruckende Filmografie ohne echte Fehltritte aufzuweisen. Zumindest in der Rückschau. Bei ihrem Erscheinen wurde nicht jeder der Filme wohlwollend aufgenommen und manche wurden ordentliche finanzielle Flops (‚The Thing‘, ‚Big Trouble in Little China‘). Doch im Rückblick wird eine sehr klare Vision deutlich. Eine die nicht immer mit dem Geschmack der Zeit übereinstimmte. In den 90ern wurde diese Erfolgssträhne allerdings deutliche Knicke. ‚Flucht aus L.A.‘ ist jedenfalls schwer zu übersehen. Sein Werk in den 2000ern ist dann kaum noch der Erwähnung wert. Mit ‚Ghosts of Mars‘ wartet definitiv kein falsch verstandener Schatz auf seine Neuevaluation. Schauen wir uns heute den Film an, den ich als den letzten wirklich großen des Meisters des Horrors betrachte: ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ von 1994.

In der Rahmenhandlung des Films erzählt Versicherungsermittler John Trent (Sam Neill), in seiner Zelle einer Nervenheilanstalt, Dr. Wren (David Warner) welche Umstände ihn dorthin geführt haben.

Trent wird von einer Versicherung, bei der der Verlag Arcane unter Vertrag ist, beauftragt das angebliche Verschwinden des Starautors des Verlags, Horrorlegende Sutter Cane (Jürgen Prochnow), zu untersuchen. Der Zyniker Trent geht von einer umfangreichen Werbeaktion aufgrund des Erscheinens von Canes neuem Roman „In The Mouth of Madness“ aus, der bereits vor Veröffentlichung eine Art Massenhysterie auszulösen scheint. Selbst die Tatsache, dass er von Canes Literaturagenten mit einer Axt attackiert wird, bringt ihn von dieser These nicht ab. Die Lektüre von Canes bisherigen Büchern hat zwar eine gewisse suggestive Wirkung auf Trent, allerdings entdeckt er auch eine Karte zum angeblich von Cane erfundenen Ort Hobb’s End. Gemeinsam mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen), macht sich Trent auf den Weg nach Hobb’s End. Sie mit dem Ziel Cane zu finden, er mit dem Ziel eine gigantische Inszenierung aufzudecken. Sie werden beide etwas anderes finden als sie erwarten.

Der Film bezieht sich direkt auf zwei wichtige Säulen der amerikanischen Horrorliteratur. Der megaerfolgreiche Autor Sutter Cane, der weltweit gelesen wird, steht natürlich stellvertretend für Stephen King. Fast hat man den Eindruck, der Name sei in Absprache mit Anwälten so gewählt, dass er gerade eben weit genug entfernt ist, um eine Unterlassungsklage zu vermeiden. Auch die wunderbar reißerisch-blutigen Cover seiner Bücher sind voll in der Zeit der Entstehung des Films verhaftet. Die Tatsache, dass jenseitige Mächte Canes Literatur als Vektor benutzen wollen, um die Realität umzuschreiben und sich so selbst in die Welt zu gebären, ist eine, die genauso von Howard Phillips Lovecraft stammen könnte. Auch sehen wir im Film immer wieder direkte Anspielungen auf das Werk Lovecrafts. Die Unterkunft von Styles und Trent in Hobb’s End, das Pickman Hotel etwa, ist dabei sowohl Anspielung auf das Gilman Hotel aus „Schatten über Innsmouth“, einer Geschichte über eine mysteriöse Kleinstadt und „Pickmans Model“, wo es um einen Künstler geht der von unirdischen Wesen inspiriert wird. Und selbstverständlich sind der Originaltitel des Films ‚In The Mouth of Madness‘, sowie fast alle Cane Romantitel, Anspielungen auf Geschichtentitel Lovecrafts.

Carpenter vermeidet dabei einen Fehler, den viele direkte Adaptionen von Lovecraft begehen: er vermeidet zu viel von jenen unergründlichen Wesenheiten zu zeigen, hält sie damit geheimnisvoll und macht sie nicht zu billigen Schleimtentakeln. Vielmehr zeigt er ihre absolute Macht der Realitätsveränderung. Hierfür arbeitet er gerne mit Wiederholungen. Das beginnt schon bei Trents Lektüre der Cane Romane, wo eine Begegnung mit einem brutalen Polizisten, der einen Sprayer verprügelt, sich in immer schlimmerer und schließlich wortwörtlich alptraumhafter Weise wiederholt. Bei der Fahrt nach Hobb’s End überholt Styles wieder und wieder einen Radfahrer. Zunächst als Jungen, schließlich als uralten Mann (der immer noch die Stimme eines Kindes hat). Auch spielt der Film direkt mit der Idee der Wiederholung einer Geschichte, zunächst als Roman, dann als Film und schließlich als… Realität.

Carpenter zitiert sich filmisch hier durchaus gewollt auch selbst. Der Film beginnt mit dem Drucken eines Sutter Cane Romans, also der Herstellung des Werkzeugs des Bösen, was an den Anfang von ‚Christine‘ denken lässt, wenn der fiese Plymouth vom Band läuft. Das Erscheinen des axtschwingenden Literaturagenten im Hintergrund einer Szene, der sich dann langsam in den Vordergrund vorarbeitet, lässt an Michael Myers denken. Der Umgang mit dem Verlust von Identität und Realität gemahnt an ‚The Thing‘ nur auf einer größeren, globalen Ebene. Dabei erwecken diese Selbstreferenzen aber nicht ein Gefühl der Ideenlosigkeit, sondern es hat beinahe etwas von einer Ehrenrunde. Fast als hätte Carpenter geahnt, dass er hier zum letzten Mal eine wirklich große filmische Ambition angeht.

Und ein ambitionierter Film ist es ohne Frage. Der Film wird oft als der dritte Film von Carpenters „Apocalypse Trilogy“ geführt, zusammen mit ‚The Thing‘ und ‚Die Fürsten der Dunkelheit‘. Tatsächlich kommen wir dem Ende der Welt hier näher als in irgendeinem der anderen Filme und Carpenter inszeniert Canes gottgleiche Fähigkeiten, die ihm die „Mächte des Wahnsinns“ verliehen haben, mit erkennbarem, filmischen Vergnügen („meine liebste Farbe ist blau!“).

Ganz wichtig bei einem Carpenterfilm ist natürlich auch die Musik. Für den Titelsong wollte Carpenter eigentlich einen Metallica Song. Letztlich bekam er die Rechte nicht (ich vermute sie wollten mehr dafür haben, als er bereit war zu zahlen) und so bewies Carpenter selbst, dass er nicht nur Synthesizer beherrscht, sondern durchaus auch ordentliches Gitarrengeschraddel. Auch der Rest des Soundtracks (den Carpenter zusammen mit Jim Lang geschrieben hat) enthält Gitarren, wenn auch sanftere, aber auch menschliches Stöhnen oder tatsächlichen Gesang, aber natürlich auch finstere Synthie-Streicher und elektronische Töne. Von allen seinen Soundtracks dürfte dieser hier derjenige sein, der alleinstehend am unheimlichsten ist.

Schauspielerisch gehört der Film absolut Sam Neill. Sein Weg vom skeptischen Zyniker, der an seinem Weltbild und schließlich seiner Idee von sich selbst zweifeln muss, ist glaubhaft vollzogen. Außerdem beherrscht es kaum ein anderer wie Neill absolute Unsympathen zu verkörpern, denen man sich dennoch schwer entziehen kann. Julie Carmens Linda wird vom Film hingegen ein wenig stiefmütterlich behandelt. Sie hängt sich zwar sehr rein in die Rolle der, mehr oder weniger unauffällig, in Cane verknallten Lektorin, doch endet ihre Geschichte ein wenig früher als gut ist und bleibt ein wenig im Nichts hängen.

Was bleibt ist ein hochambitionierter Film über die Wirkmacht von medialen Ereignissen, der seinen apokalyptischen Ansatz mit recht bescheidenen Mitteln eindrucksvoll herüberbringt. Nicht ohne Fehler, vielleicht mit ein paar erzählerischen Ansätzen die in einer Sackgasse enden, aber im Großen und Ganzen wunderbar gelungen.

 

Fun Fact: wer genau hinschaut, kann ein paar ehemalige und zukünftige Filmschurken ausmachen. Einer der Bewohner von Hobb’s End wird unverkennbar vom deutschen Boxer Wilhelm von Homburg gespielt, besser bekannt als „Vigo von Homburg Deutschendorf, die Geißel der Karpaten, das Leiden von Moldawien“ aus ‚Ghostbusters II‘. Und nach seiner Rückkehr aus Hobb’s End trifft Trent auf einen Zeitungsjungen. Dargestellt von einem jungen Hayden Christensen, Anakin „Ani“ Skywalker aus den ‚Star Wars‘ Episoden II und III.