‚Mord im Orient Express‘ (2017) – der Film hat ‘nen Bart

Vor etwas mehr als einem Jahr kam Kenneth Branaghs Verfilmung des Agatha Christie Romans in die Kinos und erhielt zum größten Teil eher mäßige Rezensionen. Nun, da ich den Film, brandaktuell wie immer, auch gesehen habe, muss ich sagen, dass ich das irgendwie verstehe, irgendwie aber auch nicht. Um meine mangelnde Vorbildung direkt klar zu machen: ich habe den Sidney Lumet Film des gleichen Stoffes vor einer halben Ewigkeit gesehen und kann mich nicht mehr wirklich dran erinnern. Das Buch habe ich vor vermutlich noch längerer Zeit gelesen, weiß also nicht wie getreu diese Umsetzung ist, kann aber sicher sagen, die Auflösung zumindest wurde direkt adaptiert. Die Serie mit David Suchet, die für viele als der beste mögliche Hercule Poirot gilt, kenne ich leider gar nicht. Ich bewerte den Branagh-Poirot also zwangsläufig vor allem aufgrund seiner eigenen Meriten.

Der Film beginnt mit einem kurzen Prolog, in dem wir Hercule Poirot (Kenneth Branagh) 1934 in Jerusalem treffen und ihm nicht nur bei der Lösung eines Falles zuschauen, sondern auch eine Gelegenheit bekommen, die beiden größten Hürden des Films zu nehmen. Zum einen, den doch rescht übersogenen Accent, miet demm Branagh seinen Detective schpriescht, n’est-ce pas. Zum anderen seinen Schnauzbart, oder eher die Schnauzbärte, die er im Gesicht hat und deren Aufbau und Statik eine höhere Bildung in Bartologie benötigen, als ich mitbringe. Wir lernen hier allerdings auch schon, was Poirot ausmacht und was im folgenden Film von höherer Bedeutung wird: er sieht die Welt so, wie sie seiner Meinung nach sein sollte. Ist etwas falsch daran, ist das für ihn unerträglich. Das quält ihn im normalen Leben, wo er zwei nicht gleich große Frühstückseier nicht verzehren kann und ein schief sitzender Schlips eines Polizisten ihm körperliche Schmerzen bereitet. Zur Aufklärung von Verbrechen ist es allerdings sehr nützlich.

Genau davon möchte er aber eine Pause, bei einer Fahrt mit dem Orientexpress bis nach Frankreich. Daraus wird natürlich, aufgrund seiner illustren Mitreisenden nicht. Da wäre etwa Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer), die die Welt auf der Suche nach ihrem soundsovielten Ehemann bereist. Die Gouvernante Mary Debenham (Daisy Ridley), die eine heimliche Beziehung zum Arzt Arbuthnot (Leslie Odom jr.) pflegt. Mit der Hautfarbe des Letztgenannten hat der österreichische Professor Hartmann (Willem Dafoe), dessen Forschung Deutschland zu neuer Größe führen soll, ein Problem. Dazu noch eine russische Fürstin (Judi Dench), ein halbseidener Kunsthändler (Johnny Depp), eine hochchristliche Missionarin (Penélope Cruz) und ein halbes Dutzend mehr, die demnächst alle hochverdächtig werden. Aber mehr über die Handlung zu verraten wäre dem Film gegenüber unfair.

Denn die Handlung ist geradezu ein wohlgeöltes Uhrwerk, das exakt von Szene zu Szene und damit von „Gaststar“ zu „Gaststar“ führt. Der Film ist insofern ein wenig altmodisch, als dass er quasi ein Varieté-Film ist. Allerlei Stars, die der Zuschauer hoffentlich gern sieht, geben sich die Ehre und interagieren mit dem zentralen Charakter. Das heißt im Umkehrschluss allerdings auch, dass die meisten Rollen sehr klein bleiben. Penélope Cruzs Auftritt etwa, wäre wenig mehr als ein Cameo, wenn sie sich nicht in anderen Szenen im Hintergrund aufhielte und dabei verdächtig aussieht. Alle Darsteller liefern reichlich theatralische Vorstellungen ab, allerdings scheint es mir auch beinahe unmöglich Branagh mit diesem Akzent und dieser Behaarung im Gesicht gegenüberzusitzen und nicht ein wenig zu overacten. Aber auch bei diesen kleinen Auftritten gibt es deutliche Unterschiede. Die meisten haben erkennbaren Spaß an ihren Rollen und insbesondere Michelle Pfeiffer gibt als Mrs. Hubbard (hinter der natürlich mehr steckt) alles. Im Gegenzug scheint Depp durch seine Handvoll Szenen geradezu zu schlafwandeln. Die Handlung ist aber eben auch nicht mehr als ein Uhrwerk. Wenn sie am Ende einen emotionalen Twist probiert, muss ich sagen, dass mich Branaghs doch recht überdrehter Poirot dafür nicht wirklich genug mitgenommen hat.

Ähnlich widersprüchlich zeigt sich Branagh, der auch Regie geführt hat,  auf der technischen Seite. Der Film ist am besten, wenn er im abgeschlossenen Raum des Zuges spielt. Anfänglich etabliert Branagh hier sehr gut die Räumlichkeiten, bevor er die Kamera durch Abteile und Speisewagen fliegen und um Milchglasfenster herumlinsen lässt, dass man sich fühlt wie die sprichwörtliche Fliege an der Wand. Immer wieder zeigt die Kamera das Geschehen auch aus einer Aufsicht-Perspektive, die augenzwinkernd die Verwandtschaft zu „Cluedo“ (dem Brettspiel, nicht dem Film) anzuerkennen scheint. Außerhalb des Zuges wird es dagegen beinahe peinlich. Im ersten Drittel des Films sehen wir den Express immer wieder durch leere Computerlandschaften fahren, die mich an den bald 15 Jahre alten ‚Polar Express‘ erinnert haben. Auch eine „Actionszene“ auf einer Brücke, ist so unklar gefilmt und verwirrend geschnitten, dass sie mehr aufgesetzt als spannend wirkt.

Aber ich müsste lügen, würde ich behaupten, der Film habe mich nicht wunderbar unterhalten. Ich habe die knapp 2 Stunden in Gesellschaft dieses Poirots, trotz erkennbarer Unzulänglichkeiten,  wirklich genossen. Vielleicht stimmt mich die Vorweihnachtszeit gnädig, vielleicht mag ich einfach Filme, die in Zügen spielen, vielleicht bin ich auch Poirot-technisch nicht genug vorgebildet. Ich würde den Film als das ideale Material bezeichnen, um ihn nach einem reichhaltigen (Vor-)Weihnachtsessen mit der ganzen Familie zu schauen. Ja, sogar mit Tante Ingeborg, die eigentlich mit den Filmen von heute nichts mehr anfangen kann. Denn Branagh hat dem Film einen Schuss geradezu altmodischen Charme verpasst. Ob der Film wirklich eine Fortsetzung benötigt, wie wir sie mit ‚Tod auf dem Nil‘ wohl bekommen, weiß ich nicht so recht. Aber das ist wohl auch eher eine finanzielle als künstlerische Frage.

Advertisements

‚Mandy‘ (2018) – you Cage and you gave without taking

Nicolas Cage, ein durchaus fähiger und definitiv furchtloser Schauspieler einerseits, ein wandelnder Running Gag andererseits. Zu diesem dualen und auf den ersten Blick widersprüchlichen Ruf trägt die Tatsache bei, dass Cage beinahe jede Rolle annimmt (oder aufgrund von Geldproblemen annehmen muss). Manchmal ist das ein Glück. Denn es dürfte nicht wirklich viele etablierte Hollywood-Darsteller geben, die ein Skript, wie das, das Panos Cosmatos hier vorlegt, lesen und nicht direkt in den Papierkorb befördern würden. Der Sohn von George P. Cosmatos (‚Rambo II‘, ‚City Cobra‘) hat bereits mit seinem Erstling ‚Beyond The Black Rainbow‘ (der bislang nicht in Deutschland erschienen ist) bewiesen, dass er Filme nach seiner ganz eigenen Vision macht. Und in ‚Mandy‘ hat er nun eine Welt geschaffen, die um Nicolas Cages exaltiertes Schauspiel passt wie ein Handschuh.

Die Handlung ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Rachegeschichte. Holzfäller Red (Cage) lebt 1983 mit seiner Freundin, der Künstlerin Mandy (Andrea Riseborough) in einem angelegenen Haus in den Shadow Mountains. Mandy fällt dem Führer der mörderischen Hippie-Sekte „Children of the New Dawn“ Jeremiah Sands (Linus Roache) auf, der sie und Red kurzerhand entführen lässt. Die Sekte verbrennt Mandy vor Reds Augen und lässt ihn, für totgeglaubt, zurück. Red ist natürlich nicht tot, aber von tiefer Rachsucht erfüllt. Mit Armbrust, Axt und Kettensäge stellt er sich der Sekte und den mit ihr verbündeten Dämonen (oder möglicherweise Motoradkurieren auf einer höllischen Version von LSD, man weiß es nicht genau).

Die Handlung von ‚Mandy‘ ist nicht nur eine Hommage an generische „Direct to Video“ Filme der 80er, gefiltert durch Cosmatos‘ farbenreiche LSD Trip-Linse. Der Film ist in einer Weise inszeniert, dass er möglichst viele Filmgenres streift und lässt sich im Groben sogar zweiteilen: die erste Hälfte ist eine düstere Fantasy-Vision, mit Mandy im Zentrum, während die Zweite, mit Red im Zentrum, irgendwo zwischen Rache- und Barbarenfilm verortet werden kann. Heraus kommt ein Film, bei dem man sich, wenn man das Licht wieder anschaltet, nicht ganz sicher ist, ob man nicht doch Teile davon geträumt hat.

‚Mandy‘ ist ‚Vier im rasenden Sarg‘ vermischt mit ‚Ein Mann sieht rot‘, mit einer ordentlichen Ladung ‚Hellraiser‘ dabei. Dazu eine Kettensägenspitze ‚Tanz der Teufel‘ und ein paar Spritzer Ralph Bakshi-Fantasy, präsentiert in einer Farbgebung, die dem Dario Argento der ‚Suspiria‘-Ära die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. Und dennoch ist es völlig erkennbar Cosmatos eigener Film, in einem ganz eigenen, in Ermangelung eines besseren Wortes, trippigen Stil. Seine Welt der Shadow Mountains ist ebenso hypnotisch wie dynamisch und wirkt beinahe endlos. Hier können sich Drogenkuriere in grausame Sado-Maso Dämonen verwandeln, gescheiterte Folksänger zu Sektenführern mit Gottkomplex mutieren und hier kann auch ein Tiger in einem Sendeturm den Weg weisen.

Und genau weil diese Realität so überhöht ist, passt Nicolas Cages Schauspiel so perfekt hinein. Der Film enthält mindestens eine Szene, die „typisch Cage“ ist: er tobt, nur mit T-Shirt und weißer Feinrippunterhose bekleidet, durch ein in wunderbaren 70er Jahre Farben dekoriertes Badezimmer, trinkt Wodka aus einer überdimensionierten Flasche und schreit. Ich will nicht behaupten, dass sei nicht merkwürdig und komisch, es ist merkwürdig und komisch, aber in diesem merkwürdigen und oft komischen Film transportiert es auch echten Schmerz und echte Trauer.

Im Gegensatz zu Cages Toben steht Andrea Riseboroughs Spiel, die beinahe mehr mit den Augen sagt als mit Worten. Man kann dem Film sicherlich (nicht ganz zu Unrecht) den Vorwurf machen, ihr die typische, weibliche Opferrolle zu geben, ich würde dem nicht ganz zustimmen. Nicht nur ist ihr Charakter so wichtig, dass sie beinahe jede Szene des Films beherrscht, ihre Missachtung im Angesicht von Jeremiah Sands ist vielleicht einer der befriedigendsten Momente des Films. Jener Jeremiah war denn auch die Rolle für die zunächst Cage gedacht war, bevor er entschied lieber Red zu spielen. Aber Linus Roache (den ich bislang nur aus kleinen Nebenrollen kannte) macht seine Sache brillant. Er ist unheimlich, er ist widerwärtig und Cosmatos hat eine diebische Freude daran ihm die Hacken wegzutreten. Die anderen Rollen sind kaum umfassend genug, um sie groß zu umschreiben, aber das Casting verdient ein Lob dafür, wie perfekt das Aussehen jedes Darstellers auf seine Rolle passt und dabei gleichzeitig ziemlich Hollywood-untypisch ist.

Wichtig zu erwähnen ist auch noch die Musik. Im ersten Moment würde man bei dem groben Filmkorn, den wabernden Kunstnebeln und der Primärfarbenoptik des Films einen krachenden Synthie-Soundtrack vermuten. Doch der Film beginnt mit „Starless“ der Progrocker von King Crimson. Und Komponist Jóhann Jóhannsson behält dessen melancholischen Grundton mit ambienten Keyboards weitgehend bei, lässt aber auch durchaus die Gitarren losdonnern, wenn die Szene es verlangt. ‚Mandy‘ war die letzte Arbeit von Jóhannsson vor seinem überraschenden Tod und ist nicht nur ein kleines Meisterwerk, sondern vielleicht auch ein ungefährer Hinweis darauf, wie sein ‚Blade Runner 2049‘ geklungen hätte.

‚Mandy‘ ist ein dynamischer, visueller Trip, einer dieser Filme, die man als „pures Kino“ bezeichnen kann. Aber das vielleicht Wichtigste ist, dass unter dem Spektakel der physischen und emotionalen Gewalt ein zutiefst menschliches Herz schlägt. Und spätestens das bringt ‚Mandy‘ für mich ohne Frage unter die 5 Besten für dieses Jahr. Es ist allerdings auch ein ungewöhnlicher Film, der nicht für jeden so gut funktionieren wird. Wenn ihr einen geradlinigen, stilisierten Rachefilm sehen möchtet, seid ihr mit Coralie Fargeats ‚Revenge‘ aus diesem Jahr vermutlich besser bedient. Wenn Ihr einen geradlinigen Film sehen wollt, in dem Nic Cage gegen das Urböse kämpft und mit einiger Albernheit klarkommt, wäre da ‚Drive Angry‘. Wenn Ihr einfach nur ironisch über Cages Overacting lachen wollt, naja, dann schaut halt das ‚Wicker Man‘ Remake zum achten Mal. Wenn Ihr aber einen Film sehen wollt, der viel eleganter das umsetzt, was ich oben versucht habe zu beschreiben, dann habt Ihr nicht wirklich viel Auswahl. Aber immerhin das Glück, dass der Film der es umsetzt sehr gelungen ist.

 

‚Anomalisa‘ (2016) – „Sometimes there’s no lesson. That’s a lesson in itself.“

Ich sage es an dieser Stelle ja häufiger, aber meiner Meinung nach durchleben wir derzeit ein goldenes Zeitalter der Animation. Seien es Filme für Kinder, für Familien oder solche, die sich direkt an Erwachsene richten, wie ‚Anomalisa‘. Das Stop-Motion Werk beruht auf einem Theaterstück, das Charlie Kaufmann (‚Adaptation‘, ‚Being John Malkovich‘) 2005 geschrieben und mit drei Schauspielern auf die Bühne gebracht hat. Die Filmumsetzung geschah mit Hilfe des Stop-Motion Regisseurs Duke Johnson, der unter anderem für die Stop-Motion Weihnachtsfolge der Serie ‚Community‘ verantwortlich zeichnet. Ein Gutteil des Films wurde via Crowdfunding, die Figuren stammen aus einem 3D Drucker, was ihnen einen sehr ungewohnten Look verleiht. Kommen wir zur Handlung:

Im Film spricht David Thewlis den Autor Michael Stone, der ein Buch über Motivationstraining im Kundenservice geschrieben hat. Daher wurde er eingeladen bei einer Kundenservicekonferenz in Cincinnati eine Rede zu halten. Der Film beschreibt zum größten Teil den Vorabend der Konferenz in Michaels Hotel. Michael leidet an einer Wahrnehmungsstörung: alle anderen Menschen, selbst seine Frau und sein Sohn, haben dasselbe Gesicht und dieselbe Stimme (alle Puppen stammen aus derselben Form und werden von Tom Noonan gesprochen, der auch alle Lieder im Radio etc. singt). Umso aufgeregter reagiert er, als er auf dem Flur vor seinem Zimmer eine andere, weibliche Stimme hört. Diese gehört Lisa Hesselman (Jennifer Jason Leigh), einer Kundendienstmitarbeiterin, die extra für seine Rede angereist ist. Michael ist begeistert auf einen anderen „echten“ Menschen („eine Anomalie“) zu treffen und Lisa ist hin und weg den Autor getroffen zu haben, dessen Buch sie sehr beeindruckt hat.

Kaufman ist so etwas wie der Psychoanalytiker des Kinos. Seine Charaktere sind stets wahrhaftig und komplex, aber niemals haben sie die Kontrolle über ihre Situation. Ihre Erinnerungen können gelöscht werden (‚Eternal Sunshine of The Spotless Mind‘), sie sind nur ein Kostüm für zahlende Kunden (‚Being John Malkovich‘), ihr Profil ist wichtiger als ihre Persönlichkeit (‚Confessions of a Dangerous Mind‘) oder sie sind Kaufman selbst und werden von ihrem Zwillingsbruder ausgenutzt (‚Adaptation‘). Am auffälligsten wurde es vielleicht in dem Film, bei dem er selbst Regie geführt hat, ‚Synecdoche, New York‘, in dem sie alle Darsteller im Stück eines anderen sind. Ob Michaels Wahrnehmung seiner Mitmenschen als völlig austauschbare Figuren einen ganz gewöhnlichen Narzissmus darstellt oder ein tiefergehendes Problem, dass lässt Kaufmann weitgehend offen (wobei der Name des Hotels ein Hinweis sein könnte). Michael ist kalt und distanziert und er weiß, dass er kalt und distanziert ist. Wie bei allen Kaufman-Charakteren geht eine jede Aussage direkt mit der Frage „warum habe ich das gesagt?“ einher.

Mit dem Auftauchen von Lisa ergibt sich für diesen merkwürdigen, tragischen, introvertierten Charakter, für den das Bestellen eines Essens auf sein Zimmer eine minutenlange Mühe darstellt, eine Chance ein romantischer Held zu werden. Denn nicht nur sieht er Lisa als einen distinkten Menschen, Lisa sieht ihn nicht als merkwürdig, tragisch und introvertiert, sondern bewundert ihn, aufgrund seines Buches. Kaufman be- oder verurteilt seine Charaktere nicht. Von daher bleibt es dem Zuschauer überlassen, ob der Umgang der Beiden durchweg romantisch ist, oder ob Michaels Werben nicht ein eher raubtierhaftes Verhalten eines deutlich älteren Mannes darstellt. Spät im Film, als Michael seine Rede hält und vor einem Auditorium voll exakt gleicher Menschen steht, erinnert er sie daran, dass jeder Kunde ein Individuum sei. Diesen Moment hätte vermutlich jeder andere ironisch inszeniert, bei Kaufman wirkt er beinahe tragisch, eben weil wir den ganzen Film aus Michaels völlig subjektiver Sicht erleben.

Von allen Animationsfilmen, die ich je gesehen habe, dürfte das hier wohl der alltäglichste sein. „Mann trifft Frau in der Hotelbar und man geht gemeinsam aufs Zimmer“ ist vermutlich weltweit etwa 20 mal passiert, während Ihr den Text hier gelesen habt. Womöglich sogar in Cincinnati. Die Puppen sind erstaunlich menschlich. Nicht nur von ihrem Ausdruck her, sondern von ihrem Bau. Sie haben Wohlstandsbäuchlein und Narben. Die Harre stehen ab und sie finden ihre Hosen nicht. Das einzige was sie vom Menschen unterscheidet ist eine Linie an den Augen. Die stammt daher, dass Unterteil und Oberteil des Gesichts unabhängig voneinander ausgetauscht werden können. Allerdings lässt es sie aussehen als würden sie eine Maske tragen. Etwas das Michael im Film sogar bemerkt und beginnt seine Gesichtshälften auseinanderzuziehen.

Womöglich aber brauchte Kaufman den Umweg über die Puppen, um dem Kern näher zu kommen. Denn wo ich ‚Synecdoche, New York‘ als schwer zugängliche Nabelschau  empfunden habe, ist ‚Anomalisa‘ ein weit zugänglicher Film. Obwohl von Puppen bevölkert zeigt er keine Realität in die wir uns eingewöhnen müssten, sondern die in der wir bereits leben. Und vielleicht ist es sogar der Kaufman-Film, der der Beantwortung der zentralen Frage aller seiner Filme am nächsten kommt: können wir einen anderen Menschen lieben, wenn wir uns nicht selbst lieben.

David Thewlis ist sehr gut als Michael. Er spricht ihn abwechselnd hilflos seufzend und wütend grummelnd. Der Situation ergeben und verzweifelnd oder fest entschlossen zu Romantik und Flucht. Jennifer Jason Leigh liefert das exakte Gegenstück zu ihrer, im selben Jahr gespielten, Daisy Domergue aus ‚Hateful Eight‘ ab. Still und zurückgenommen, aber dennoch bezaubernd. Ein wenig unter geht bei Besprechungen meist die Leistung von Tom Noonan. Dabei dürfte der insgesamt am meisten zu tun haben, als alle Nebenfiguren. Es gelingt ihm diese distinkt zu machen, ohne dass er sie wirklich erkennbar anders spricht. Der Effekt ist oft genug ebenso lustig wie verstörend und sicherlich zentral für das Gelingen des Films.

Im Fazit ist ‚Anomalisa‘ nicht nur für den Animationsfilm, sondern auch für Kaufmans Werk ein erstaunlich alltäglicher Film, der genau deswegen und wegen des geschickten Einsatzes der Puppen nur umso menschlicher wirkt und dabei berührend und lustig zugleich ist.

‚Lady Macbeth‘ (2017) – „I’d rather stop you breathing than have you doubt how I feel“

Lady Macbeth ist fraglos einer der interessantesten Charaktere des Shakespearestückes „Macbeth“. Ist sie am Anfang absolut zentral für die Handlung, eine der treibenden Kräfte hinter dem Königsmord und der Usurpation ihres Mannes, so verschwindet sie nach dem Regizid weitgehend aus dem Stück. Tritt als von Schuldgefühlen geplagte Schlafwandlerin auf und begeht schließlich abseits der Bühne Selbstmord. Der russische Autor Nikolai Leskow war von der Figur offenbar angetan genug, um seine Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von 1865, die auf tatsächlichen Akteneinträgen mehrerer Mordfälle beruhte, so zu benennen. Diese Novelle wurde nun von der britischen Theaterautorin Alice Birch als Drehbuch adaptiert und kommt dem schottischen Handlungsort des Shakespearestückes wieder näher, indem die Handlung in den ländlichen Norden Englands verlegt wird. Der Film stellt das Filmregiedebüt des Theaterregisseurs William Oldroyd dar.

Die junge Katherine (Florence Pugh) wird Mitte des 19ten Jahrhunderts an den deutlich älteren Gutsbesitzer und Kohleminenerben Alexander Lester (Paul Hilton) verheiratet. Ihre neue Familie macht ihr sehr schnell klar, dass sie eigentlich nur ein unerwünschtes Anhängsel des Stücks Landes darstellt, das ihre Mitgift war. Sie soll nun als perfekte Ehefrau funktionieren, obwohl Alexander ihr allerlei Repressalien auferlegt, ihr sogar verbietet das Haus zu verlassen. Sexuell kann oder will er sich ihr nicht nähern, obwohl (oder eher weil) sein Vater Boris (Christopher Fairbank), ein herrschsüchtiger Widerling, auf einem Erben besteht. Als sich Ehemann und Vater zu längeren Reisen aufmachen, blüht Katherine allerdings auf. Auf ihren Spaziergängen über die Hochmoore trifft sie den wilden, aufdringlichen, sogar übergriffigen Knecht Sebastian (Cosmo Jarvis) mit dem sie eine wilde Affäre beginnt. Als der Schwiegervater zurückkehrt und über die Situation bestens informiert scheint, gilt es Maßnahmen zu ergreifen, um das neu gefundene Glück der beiden zu schützen.

Oldroyds Herkunft aus dem Theater, sowie die geringe Anzahl an Schauplätzen und Charakteren lassen zunächst eine sehr theaterhafte Inszenierung befürchten. Diese Furcht erweist sich jedoch sehr schnell als unbegründet, beherrscht Oldroyd das cinematische Medium doch ganz erstaunlich für einen ersten Film. Allerdings kann man bestimmte Ideen sicher ins Theater zurückverfolgen. So ist der Film, unüblich für einen Kostümfilm, sehr sparsam ausgestattet. Doch wird genau diese Kargheit der Räume, die Oldroyd und Kameramann Ari Wegner in exakte, unbewegte und symmetrische Bilder mit strengen rechten Winkeln zwischen den Möbeln setzen, zu einem Symbol der rigiden Struktur der Gesellschaft, in der sich Katherine als Gefangene wiederfindet. Dies steht im exakten Widerspruch zur rauen, ungezähmten Wildheit der Natur, über die die Kamera geradezu zu schweben scheint, die ihr jedoch, zumindest in Anwesenheit ihrer Familie, verboten ist.

Dieser Gegensatz setzt sich im Sounddesign fort. Im Haus klirrt Geschirr fast unerträglich laut, Stühle werden knarzend über Holzböden gezerrt, Fensterläden öffnen sich mit Quietschen und Kratzen. Alle Geräusche wirken geradezu unerträglich verstärkt und unnatürlich. Dagegen stehen der heulende Wind über den Weiden und die Geräusche der Natur außerhalb des Hauses. Auffällig ist dieses Sounddesign vor allem aufgrund der beinahe vollständigen Abwesenheit eines Soundtracks. Nur in zwei bis drei Szenen taucht Musik des experimentellen Komponisten Dan Jones auf und ist auch dort erst nach einigen Momenten von Umgebungsgeräuschen zu unterscheiden.

Die Figur der im erstarrten Patriarchat der viktorianischen Gesellschaft gefangenen Frau ist in Film und Literatur keine seltene. Üblicherweise zerbricht sie an ihrer unerträglichen Situation oder zieht sich in sich selbst zurück. Katherine aber geht einen anderen Weg. Sie wird zum Monster. Allerdings nicht direkt. Ihr anfängliches Auflehnen gegen die Struktur macht sie sogar zur Antiheldin. Was folgt sind Momente seltener tief schwarzer Komik und erschreckend finstere Ereignisse, die man von dieser Art Film vermutlich nicht erwarten würde, die Oldroyd dabei so unaufgeregt zurückhaltend inszeniert, dass sie umso erschreckender wirken.

Er kann sich für seinen Film auf eine ganze Riege fähiger und motivierter Darsteller verlassen. Etwa Paul Hilton, der den brutalen Schwächling Alexander mit verzweifelter Intensität zeigt, oder Cosmo Jarvis dessen instinktgesteuerter Gutsarbeiter fast ohne es zu merken zum Werkzeug für Katherine wird. Aber die herausragende schauspielerische Leistung liefert Florence Pugh ab, die auch schon das Beste an Carol Morleys ‚The Falling‘ war. Ihr gelingt es scheinbar mühelos in ihrem Charakter das exakte Maß zu finden, um Abscheu und Sympathie des Publikums auf gleiche Weise für sich zu vereinnahmen. Wir wissen das das was Katherine tut falsch ist, aber wir wollen dennoch, dass sie Erfolg hat… zumindest bis zu einem Punkt. Die anfängliche unerträgliche Langeweile ihrer Situation, das Glück, das sie findet, die Entschlossenheit mit der sie es verteidigt und schließlich die kalte Systematik ihrer Grausamkeit. Pugh verkörpert jeden Schritt auf dem Weg von der unschuldigen jungen Frau zum Ungeheuer absolut glaubwürdig. Und sie hat dieses wunderbare, britische Talent in ein Wort wie „Sir“ derart viel Verachtung legen zu können, das man in einer anderen Sprache eine ganze Schmährede schreiben müsste.

Ein absolut großartiges Filmdebüt für William Oldroyd, der zeigt, dass er perfekt in Bildern erzählen kann und dass ich nicht nur Freunden des Kostümfilms empfehlen würde. Dazu ist es vermutlich der Film den Ihr schauen solltet, wenn Ihr in ein paar Jahren über Florence Pugh sagen wollt „ich fand die schon gut, bevor sie ein Star war!“

‚No Turning Back‘ (2014)

Vor gut 20 Jahren gab es mehr oder weniger eindeutige Regeln, was ein Stoff für das Kino und was ein Stoff fürs Fernsehen ist. Ein Mann fährt Auto und telefoniert dabei, wäre vermutlich im Bereich Fernsehen gelandet. Autor und Regisseur Steven Knight (übrigens Miterfinder von „Wer wird Millionär“, kennt sich also definitiv mit Fernsehen aus) beweist mit ‚No Turning Back‘ (OT: ‚Locke‘), dass man diesem Material aber durchaus cinematische Aspekte abgewinnen kann.

Ivan Locke (Tom Hardy) ist Vorarbeiter auf einer Großbaustelle in Birmingham. Er gilt als verlässlich, vielleicht sogar überkorrekt. Am nächsten Morgen soll ein gigantisches Fundament gegossen werden. Am Abend wollte er eigentlich mit seiner Familie ein Fußballspiel schauen. Doch dann ruft ihn die Frau an, mit der er vor einigen Monaten auf einer Dienstreise fremdgegangen ist. Ihr gemeinsames Kind wird diese Nacht zur Welt kommen – 2 Monate zu früh und sie hat Angst. Ivan tut das in seinen Augen einzig Richtige. Er fährt zu ihr nach London.

Der Film zeigt quasi in Echtzeit die 1 ½ Stunden Fahrt von Birmingham nach London und wie Lockes geordnetes Leben währenddessen am Telefon implodiert. Seine Frau will ihn nie wieder sehen, er wird entlassen, sein Ersatz ist ein planloser Trinker, der die morgige Aktion kaum bewerkstelligen kann. Locke ist in seinem immer klaustrophobischer werdenden Wagen gefangen, kann den Hiobsbotschaften aus der Freisprechanlage nicht entgehen so schnell er auch fährt. Gelegentlich scheinen die Bilder ein wenig offensichtlich, wenn der korrekte Locke von stabilen Fundamenten spricht, während seine Entscheidungen dafür gesorgt haben, dass er nun durch eine finstere Leere einzig unterbrochen von fragmentierten Lichtern rast. Das hat für mich allerdings sehr gut funktioniert. Die einzigen Momente, in denen der Film mich zu verlieren drohte, waren die in denen Locke mit seinem toten Vater im Rückspiegel einseitige Zwiesprache hielt. Das schien mir wie ein ebenso verzweifelter, wie überflüssiger Versuch Lockes Charakter noch eindeutiger zu machen, zu unterstreichen, wie sehr in sein eigener Fehltritt Monate zuvor erschüttert hat, ohne aber seinen moralischen Kompass zu beeinträchtigen. Das sind jedoch nur zwei oder drei kurze Szenen im Film, die absolut nichts daran ändern, dass mich der Film sehr berührt hat.

Was man Knight vermutlich wirklich hoch anrechnen muss, ist dass er es vollständig dem Zuschauer überlässt Lockes Verhalten zu bewerten. Man könnte sicherlich argumentieren, dass dadurch, dass Locke der einzige Charakter ist, den wir im Film zu sehen bekommen, alle anderen nur Stimmen am Telefon sind, seine Argumentation automatisch die Stärkere sei, allerdings ist er letztlich eine Charakter, der vor allem mit sich selbst Zwiestreit ist.

Hardy legt seinen Locke weit zurückgenommener als viele seiner anderen Rollen an. Gelegentlich scheint er fast robotisch seinen moralischen Imperativen zu folgen, wird aber immer wieder von seiner eigenen menschlichen Fehlbarkeit unterwandert. Ihm gelingt jedenfalls, was ihm gelingen muss, den Zuschauer für knapp 90 Minuten gefangen zu nehmen mit einer annähernd hypnotischen One-Man-Show.

Der einzige, mit ‚No Turning Back‘ vergleichbare Film, den ich hier besprochen habe, wäre wohl Jafar Panahis ‚Taxi Teheran‘. In der direkten Gegenüberstellung zeigen sich aber mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten. Während die Beschränkung des Handlungsortes bei Panahi aus ganz reellen Gründen der Sicherheit geschah, ist es bei Knight eine gewollte dramatische Reduktion, ein Experiment (oder, wenn man böse sein will, ein Gimmick). Während bei Panahi jederzeit das Leben ins Taxi wehen konnte, scheint es bei Knight  über die Zeit immer mehr zu entweichen. Oder kurz: bei Panahi scheint die Sonne, bei Knight ist es Nacht.

‚No Turning Back‘ ist sicherlich kein Film für jeden. Die einen werden sich entsetzlich langweilen, einem Mann 90 Minuten lang beim Telefonieren zuzusehen, die anderen (und zu denen zähle ich mich) sehen eine tiefe Charakterstudie, eine Meditation, was Maskulinität in der heutigen Welt bedeutet oder bedeuten kann. Ein sehr guter Film, mit einem sehr guten Hardy*. Ein gelungenes Experiment.

 

* Frage: ist Tom Hardy der Schauspieler, der am häufigsten mit sich selbst spricht? Hier in den Szenen mit seinem Vater, in ‚Legend‘ sowieso und derzeit wohl auch in ‚Venom‘…

‚La La Land‘ (2016) – „Not a Spark in Sight“

Ich mag Musicals, ich mag Damien Chazelles ‚Whiplash‘, ich mag Filme die (wenn in diesem Fall auch nur am Rande) sich mit Filmemachen beschäftigen. Es ist also bestenfalls seltsam, dass es so lange gedauert hat, bis ich endlich zu ‚La La Land‘ gekommen bin. Jeder schien den Film zu mögen, dann gewann er bei den Oscars und plötzlich wurden Stimmen laut, dass er so toll doch nicht sei. Das kommt mir bekannt vor. Bei ‚Chicago‘ (2002) war es ganz ähnlich und den finde ich zumindest unterhaltsam. Also, mal sehen wie ‚La La Land‘ bei mir abschneidet (ich könnte die Songzeile in der Überschrift schließlich auch nur ganz zufällig gewählt haben…).

Mia (Emma Stone) und Sebastian (Ryan Gosling) begegnen sich das erste Mal am Ende eines Verkehrsstaus in Los Angeles. Diese erste Begegnung besteht aus aggressivem Hupen und erhobenen Mittelfingern. Einige weitere zufällige Begegnungen sind nötig, damit Funken fliegen können. Mia ist angehende Schauspielerin die sich durch die zermürbenden Mühlen erfolgloser Vorsprechen quält. Sebastian ist Musiker und Jazzfanatiker, der allerlei Musik-Gelegenheitsjobs annehmen muss. Sein eigentlicher Traum ist aber ein eigener Jazzclub. Mia hingegen beginnt an einem eigenen Ein-Frau-Theaterstück zu arbeiten. Werden die beiden, nicht eben zu Kompromissen bereiten, Charaktere, ihre professionellen Träume und ihre Beziehung vereinbaren können?

Der Film beginnt mit einer großartigen Szene: ein Stau auf einem gigantischen Freeway-Overpass irgendwo in L.A.. Plötzlich beginnen Menschen, alt und jung, aus den Autos zu steigen, zu singen und zu tanzen. Eine Explosion von Bewegung und Farbe gegen das stehende Grau der Blechlawine mit einer Kamera, die hierhin und dorthin saust. Eine Reminiszenz und Brücke zu den Musicals der 50er, als hätten die niemals aufgehört. Es sollte die beste Szene des Films bleiben.

Das liegt keineswegs daran, dass Chazelles Inszenierung nachließe. Was er in Sachen Farbgebung und Bildkomposition abliefert ist durchaus beeindruckend. Auch die die Gesangs- und Tanznummern bleiben gut inszeniert, den Höhepunkt bietet vielleicht eine Sequenz im Griffith Observatorium, die im wahrsten Sinne des Wortes die Schwerkraft außer Kraft setzt. Nein das Problem liegt weder an Technik noch Inszenierung, sondern an anderer Stelle. Etwa an der Tatsache, dass der Film gelegentlich beinahe betrunken an seiner eigenen Nostalgie wirkt. Nicht nur auf Musicals wird Bezug genommen, nein das ganze „goldene Hollywood“ bekommt den Bauch gepinselt, von ‚Casablanca‘ bis ‚… denn sie wissen nicht, was sie tun‘. Das kann gelegentlich etwas anstrengen. Weit größer ist aber das Problem beim „Gefühl“, bei den Charakteren.

Chazelle ist interessiert an Charakteren mit einer absolut zielstrebigen kreativen Ambition (man könnte wohl auch Besessenheit sagen) und was das mit ihrem Leben macht. In ‚Whiplash‘ war das Miles Tellers Charakter, der sich die Finger blutig trommelt, hier sind es sowohl Stone, die sich wieder und wieder in die seelenvernichtenden Vorsprechen stürzt und Gosling, der Musik spielen muss, die er nicht als reinen Jazz betrachtet. Das Problem für mich ist hier, dass die Charaktere nicht genug Charaktere sind. Sie sind Chiffren, Symbole, die nur im Moment der Szene zu existieren scheinen. Insbesondere über Mia erfahren wir absolut nichts, was über ihre Ambition hinausgehen würde. Sie schreibt, produziert, inszeniert ein Ein-Frau-Theaterstück. Wir sehen, wie sie ein paar Worte schreibt und ein paar Szenen später die Nachwirkungen des Stücks. Wir sehen sie zu Hause bei ihrer Familie und erfahren nichts über das Familienleben. Alles was nicht direkt mit ihrer Ambition oder ihrer Beziehung mit Sebastian zu tun hat wird rigoros ignoriert.

Sebastian selbst kommt etwas besser weg. In einer Szene taucht seine Schwester auf, die uns ein wenig Exposition gibt und dann aus dem Film verschwindet. Aber Sebastian redet viel, sehr viel. Fast immer über Jazz. Dabei gleitet der Film gelegentlich ins Komische ab, anscheinend ohne es zu merken: Mia sagt, bei ihr zu Hause würde Jazz nur als Hintergrundberieselung für Gespräche auf Parties verwendet. Seb ist empört und schleppt sie in einen Jazzclub. Hier erklärt er lang und breit den Jazz. Und eine Band spielt dazu – als Hintergrundberieselung. Als Gag wird das dabei nicht inszeniert. Dadurch, dass die Charaktere eben nur wie Symbole wirken, wurde zumindest mir der Film vor allem sehr, sehr langweilig.

Es spricht sicherlich für Emma Stones Talent, dass es ihr beinahe gelingt aus diesem absoluten Nichts etwas zu machen. In einigen Szenen wirkt sie lebendiger und wahrhaftiger als alles um sie herum. Und ihre Vorsprechen sind kleine Meisterwerke der Schauspielerei. Überrascht hat mich hingegen Ryan Gosling. Dem habe ich hier ja schon häufiger 50er Jahre Hollywoodstar-Qualitäten unterstellt, so müsste er gerade in diesem Film eigentlich wie in seinem Element sein. Doch bleibt sein Sebastian absolut flach. Er legt einige Manierismen an den Tag, die einfach nur merkwürdig aufgesetzt wirken, bei diesem Charakter, den man problemlos auch durch ein Jazzlexikon ersetzen könnte. Beide sind sicherlich nicht Fred Astaire und Ginger Rogers was Tanz angeht, aber das ist völlig in Ordnung, sie sollen ja auch nur ganz „normale“ Menschen darstellen. Ihr Gesang ist ebenfalls durchgehend mindestens passabel.

Ach ja, das erinnert mich an etwas, das ist ja ein Musicalfilm. Wie sind also die Songs? Wenn ich ganz ehrlich bin, ich weiß es nicht. Während ich das schreibe ist es vier Tage her, dass ich den Film gesehen habe. Würde mir jemand eine Pistole an den Kopf halten und mich zwingen einen der Songs aus dem Film zu summen, müsste ich mich wohl meinem Schicksal ergeben. Während ich sie gehört habe waren sie völlig in Ordnung, aber hängengeblieben ist absolut nichts. Das kann an meiner Unmusikalität liegen, doch normalerweise bleiben wenigstens ein oder zwei Songs eines guten Musicalfilms bei mir hängen.

Was bleibt ist ein sehr hübscher, sehr langweiliger Film mit einer Hauptdarstellerin, die das Beste aus dem Gegebenen macht und einem talentierten Hauptdarsteller, der völlig im Material untergeht. Mit Songs, die zumindest ich mir nicht merken kann. Nein, ich kann die Begeisterung leider nicht nachvollziehen und das ist wirklich schade.