‚Loving Vincent‘ (2017)

Ganz gleich, was man vom Ergebnis halten mag, eines gilt es festzuhalten: diese polnisch-britische Koproduktion ist eine Wahnsinnstat. Die Entstehung des Projektes der Koregisseure und Ehepartner Dorota Kubiela und Hugh Welchman stellt sich, soweit ich es verstanden habe, folgendermaßen dar: Schauspieler spielten die Szenen vor einem Greenscreen. Per Computer wurden sodann Gemälde Vincent van Goghs als Hintergründe eingespielt. Das Ergebnis wurde, Frame für Frame, auf Leinwände projiziert und übermalt Für jeden Frame entstand so ein Ölgemälde im Stile van Goghs. Etwa 150 Maler (ausgewählt aus über 5000 Bewerbern) schufen über 65.000 Einzelbilder. Es entstand so der erste Spielfilm mit ölgemalten Animationsframes. Oder wie Hugh Welchman es ausdrückt: „wir haben wohl die langsamste Form des Filmemachens in 120 Jahren der Kunst gefunden.“ Die Produktion dauerte tatsächlich insgesamt sieben Jahre. Es ist klar dass die Form hier den Inhalt bestimmen würde, doch ist es ein reines Gimmick, oder gelingt es dem Film van Goghs Werk lebendig werden zu lassen? Schauen wir auf die Handlung.

Am Abend des 27. Juli 1890 ging Vincent van Gogh auf ein Feld nahe dem Dörfchen Auvers und schoss sich in die Brust. Er schleppte sich zurück zu dem Gasthaus, in dem er die letzten 2 Monate gelebt hatte und starb 30 Stunden später in Anwesenheit seines Bruders Theo. Die Handlung des Films setzt ein Jahr später ein. Joseph Roulin (Chris O’Dowd), der Postmeister von Arles, bittet seinen unwilligen Sohn Armand (Douglas Booth) einen liegengebliebenen Brief Vincents, aus dessen Zeit in Arles, an den Bruder Theo in Paris zu überbringen. Dort angekommen muss Armand erfahren, dass Theo kaum ein halbes Jahr nach Vincent verstorben ist. Der Farbenhändler Père Tanguy (John Sessions) rät ihm den Brief zu Dr. Gachet (Jerome Flynn) in Auvers zu bringen, der Vincent in den letzten Monaten, aufgrund seiner immer wiederkehrenden, seltsamen Krankheitsschübe behandelt hat. In Auvers angekommen verwickelt sich der anfangs desinteressierte, inzwischen beinahe besessene Armand immer tiefer in Ermittlungen um Vincents letzte Tage und die merkwürdigen Umstände seines Todes.

Der Film erzählt nichts unbedingt Neues über Vincent van Gogh, er erinnert aber an etwas, dass uns heute in der Zeit, wo van Gogh wohl einer der bekanntesten Maler überhaupt ist, dessen Bilder sich nicht nur als Drucke in zahllosen Wohnzimmern finden lassen (ich brauche nur den Kopf zu drehen, um seine „15 Sonnenblumen“ von 1888 zu sehen), sondern auch allerlei Gebrauchsgegenstände vom Kalender bis zur Kaffeetasse zieren, kaum vorstellbar ist. Als Vincent van Gogh starb, musste er sich als „Versager“ sehen. In seiner kurzen Kunstkarriere war er zwar sehr produktiv, doch gelang es ihm kaum einmal ein Bild zu verkaufen. Zeitlebens war er auf das Geld seines Bruders Theo angewiesen. Denn ihm selbst wollte keine Karriere gelingen. Sein größtes Problem, das ihn am meisten quälte, war seine Unfähigkeit Kontakte zu Menschen zu knüpfen und zu halten und die damit einhergehende Einsamkeit. Nur durch seine Bilder schien er sich so ausdrücken zu können, wie er wirklich wollte. Sie sind nie abstrakt, doch mit flackerndem Pinselstrich und satten Farben eindeutig Vincents ganz eigene Sicht auf die Welt.

Und ‚Loving Vincent‘ ist bemüht diese Sicht zu transportieren. Wo andere Filme über van Gogh gerne den „verrückten“, „wilden“, „getriebenen“ Künstler in den Mittelpunkt stellen, ist ‚Loving Vincent‘ daran weniger interessiert. Dem berühmten Zerwürfnis mit Paul Gauguin und der anschließenden Selbstverstümmelung seines Ohres widmet er kaum eine Minute. Am Anfang steht eine Aussage Vincents, dass er nur durch sein Werk wirklich sprechen könne. Und diese Aussage nimmt der Film völlig wörtlich.

Damit sind wir wieder bei der Form, die den Inhalt hier maßgeblich beeinflusst. Und das ist gut, denn wenn ich ehrlich bin ist der Inhalt nichts Besonderes. Die „kriminalistische“ Handlung ist relativ formelhaft. Es ergibt sich durch die sich widersprechenden Aussagen der Zeugen zwar ein interessantes, wie bei ‚Rashomon‘ widersprüchliches Bild der letzten Tage van Goghs, doch Armands Ermittlungen laufen immer gleich ab. Er fragt einen Charakter nach Vincent, der erzählt bereitwillig, es gibt eine Rückblende (die erinnern an eine Mischung aus alten Fotografien und realistischen Kohlezeichnungen) und am Ende einen Hinweis auf den nächsten Charakter, mit dem Armand sprechen könnte. Dort geht es dann von vorne los. Aber das sind Probleme, die mir erst im Nachhinein aufgefallen sind. Denn während des Films war ich völlig gebannt. In den ersten Minuten war es verstörend, van Goghs ohnehin dynamische Bilder animiert zu sehen, doch als ich mich daran gewöhnt hatte, bin ich geradezu darin versunken. Der Film sieht anders aus als alle animierten Filme, die man sonst zu sehen bekommt, die brillanten Farben und das quasi-Taktile der Ölbilder gibt ihm eine ganz eigene handwerkliche Qualität. Die Bilder „rauschen“ oftmals, wegen der unterschiedlichen Künstler, doch passt dies wunderbar zu van Goghs Stil, den ich oben ja bereits als „flackernd“ bezeichnet habe. Für Raumaufteilung und Licht- und Farbdramaturgie hatten die Macher ohnehin eine der besten Vorlagen.

Die Charaktere sind  zum größten Teil historische Personen und ihr Aussehen entspricht den Portraits, die van Gogh von ihnen angefertigt hat. Das gilt etwa für Vater und Sohn Roulin, Doktor Gachet und dessen Tochter Marguerite (Saoirse Ronan). Andere sind von Gemälden van Goghs inspiriert. „Der Bootsmann“ etwa, der sich hier als sehr gesprächig erweist. Das gelingt meist sehr gut, allerdings habe ich etwa mit der Idee, aus der verzweifelten Figur aus „An der Schwelle zur Ewigkeit“ einen kauzigen, scherzenden Sonderling zu machen meine Probleme. Im Großen und Ganzen funktioniert es allerdings gut, auch wenn sich der Stil der Darstellung der Figuren, durch den Wechsel in ein anderes Gemälde ändert.

Mich hat der Film sehr fasziniert, was vor allem von der Form herrührt. Ich kann andererseits aber auch jeden verstehen, der diesen Umgang mit den Bildern van Goghs krass oder sogar geschmacklos findet. Sollte das bei Euch der Fall sein, könnt Ihr Euch den Film vermutlich schenken, der reine Inhalt wird ihn nicht retten. Alle anderen bekommen allerdings einen sehr schönen Kunstfilm zu sehen, der sich bemüht möglichst vielen Menschen van Gogh näher zu bringen. Und wie ich dürft Ihr Euch hinterher ärgern, den Film nicht im Kino gesehen zu haben.

PS: ein Hinweis zum Trailer: der ist zwar nicht schlecht, allerdings scheint sich Youtubes Kompressionsverfahren mit dem Stil der Bilder zu beißen. So wirkt er deutlich „schwammiger“ als der eigentliche Film.

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‚Lady Bird‘ (2017) – nicht verwandt mit ‚Birdman‘…

Und wieder einmal ein beeindruckender Erstlingsfilm, den ich auf diesem Blog besprechen darf. Man könnte sagen, dass käme relativ wenig überraschend, hat Autorin/Regisseurin Greta Gerwig doch auch bei den Filmen Noah Baumbachs, in denen sie mitwirkt, zumeist kreativen Einfluss hinter der Kamera genommen und einen Film in Co-Regie mit Joe Swanberg gedreht. Aber allein einen Film zu bestreiten dürfte noch einmal etwas ganz anderes sein. Mit diesem, nicht autobiografischen aber doch persönlichen „coming of age“ Film (siehe unten, warum mir diese Kategorisierung nicht wirklich schmeckt) ist ihr ein Kunststück gelungen, dass meinen Zuspruch eigentlich gar nicht mehr benötigt, aber trotzdem bekommt.

Christine „Lady Bird“ McPherson (Saoirse Ronan) ist 2002 17 Jahre alt und besucht eine katholische High-School im kalifornischen Sacramento. Sie wünscht sich nichts mehr als einen Studienplatz an der Ostküste, „wo die Kultur ist“ und die Flucht aus dem kalifornischen Hinterland. Doch Mutter Marion (Laurie Metcalf), eine überarbeitete Krankenschwester, erinnert sie wieder und wieder (und manchmal drastisch) daran, dass die angespannte finanzielle Situation der Familie höchstens einen College-Besuch in der Umgebung erlaubt. Lady Birds zu Depressionen neigender Vater Larry (Tracy Letts) hat seine Arbeit verloren und auch Lady Birds Bruder Miguel (Jordan Rodrigues) findet nach seinem Collgeabschluss keinen Job, außer im Supermarkt und wohnt mit seiner Freundin Shelly (Marielle Scott) bei den Eltern. Der Film begleitet Lady Birds letztes Schuljahr und ihre unrealistischen(?) Zukunftspläne.

Gerwigs größte Stärke hinter der Kamera ist genau dieselbe wie davor. Nämlich wie menschlich sie ihre Charaktere erscheinen lässt. Sie versucht mit ihrem Film gar nicht das Rad neu zu erfinden, sie nimmt mehrfach vorhandene Filmschablonen und füllt sie mit wahrhaftig wirkenden Charakteren. Etwa der Mittelteil des Films war so schon in vielen High School Filmen zu sehen: Lady Birds beste Freundin Julie (Beanie Feldstein) ist nicht konventionell attraktiv oder beliebt. Lady Bird kehrt ihr den Rücken zu, um mit „den coolen Kids“ rumzuhängen, erkennt aber nach einigen Geschehnissen ihren Fehler. So weit, so bekannt. Allerdings ist sogar die Cliquenchefin der coolen Kids, natürlich das reichste und hübscheste Mädchen der Schule, die wohl überall sonst eine Karikatur wäre ein vollständiger Charakter, deren Reaktionen auf Lady Bird glaubhaft sind und deren Leben abseits dessen was wir sehen weiterzugehen scheint. Ähnliches gilt für Miguel, der in seiner ersten Szene der typische Stoner-Charakter zu sein scheint, bald aber weit mehr Tiefe gewinnt. Die wenigen Charaktere für die das nicht gilt, etwa der arme Football-Trainer, der die Leitung einer Theater AG übernehmen muss, haben dann immerhin den Vorteil, dass sie wirklich lustig sind.

Am meisten gilt dies aber für Lady Bird und ihre Mutter. Was meinte ich eingangs, als ich sagte, dass mir „coming of age“ Drama hier als Kategorie nicht gefällt? Der Begriff legt nahe, dass es ein Ereignis, oder eine bestimmte Zeit gäbe, die dafür sorgt, dass man vom Kind zum Erwachsenen würde. Für mich zeigt der Film, dass Gerwig dies eben nicht glaubt. Stattdessen zeigt sie die winzigen Schritte, die Lady Bird und wir alle auf dem Weg zu emotionalen Reife machen. Und diese Schritte führen nicht immer in die richtige Richtung. Manchmal bemerken wir womöglich erst, was wir hatten nachdem wir es verloren haben. Und sicherlich sind diese Schritte nicht mit 18 Jahren oder auch 25 beendet, wenn sie es denn überhaupt jemals sind. Die beste Szene des Films ist die, wenn ein Ex-Freund Lady Bird konfrontiert und sie lernt, dass es in dieser Welt weit Bedrohlicheres, unüberwindbar scheinendes gibt als ihre romantische Enttäuschung.

Das ist wohl auch einer der Gründe für die Wahl der Zeit in der der Film spielt. Die andauernde Kriegsberichterstattung von jedem Fernsehgerät setzt einen Kontrapunkt zu Ladybirds eigenen Problemen. Natürlich bekommt Lady Birds Wunsch nach New York zu gehen, nach den Anschlägen des 11. September auch einen weiteren Grund zur Sorge für die Eltern. Auch waren Handys damals noch ein Symbol für Wohlstand und Geld ist ein ganz zentrales Thema des Films. Es ist erstaunlich mit ‚Florida Project‘, und ‚I, Tonya‘ ist dies der dritte amerikanische Film in kurzer Zeit, den ich sehe, bei dem ein gewisses Klassenbewusstsein im Zentrum steht. Zufall, oder findet über den großen Teich ein Umdenken statt?

Saoirse Ronan hat mich, glaube ich, noch in keinem Film nicht beeindruckt. Ich bin mir sicher, sie hat wie alle Schauspieler ihre Fehltritte, aber die sind mir zumindest entgangen. Den rebellischen Teenager gibt sie hier jedenfalls völlig glaubwürdig. Ob sie überzeugt ist, dass das Leben überall, nur nicht hier stattfindet, oder genervt ist, dass sie nicht besser in Mathe ist, obwohl der Rest der Familie es beherrscht. Wie sie mit 17 erst ihre Freude am Schauspielern entdeckt und nicht einmal weiß, dass sie schreiben kann. Sie ist verletzlich, egozentrisch, konfrontativ, herzlich und manchmal dämlich, halt ein Teenager. Es wurmt mich ein wenig, dass die Szene, als sie sich, beim Streit mit der Mutter, aus dem Auto wirft, so prominent in der Werbung des Films war. Sicher, es ist ein toller Trailer-Moment, lässt aber einen Film und eine Rolle erwarten, die sehr viel mehr „quirky“ (mir fällt kein adäquater deutscher Begriff ein) ist. Laurie Metcalf ist mindestens ebenso gut als Mutter Marion, die sich für ihre Familie aufopfert und diese das auch wissen lässt. Während sie ihre Liebe vielleicht nicht immer gut ausdrücken kann, leitet sie ihre Geldsorgen, vernünftig aber nicht immer hilfreich, direkt an ihre Kinder weiter. Es wird schnell deutlich, dass es nicht nur das Geld ist, das dafür sorgt, dass Marion Lady Bird nicht fortlassen möchte, es ist die Angst, dass sie nie wiederkommt. Es ist sicher eine weitaus gesündere Mutter-Tochter Beziehung als die von Tonya Harding mit ihrer Mutter in ‚I, Tonya‘ und doch kam ich nicht umhin Echos davon hier wiederzufinden. Eine weitaus stillere Rolle die Erwähnung verdient ist Lady Birds Vater Larry. Tracy Letts ist mir bislang als Schauspieler nicht aufgefallen, aber es gelingt ihm hier eindrucksvoll diese stille, in sich gekehrte Rolle des gebeutelten Mannes, der sich auf dieselben Stellen bewerben muss wie sein Sohn, beinahe magnetisch zu gestalten.

Die Bilder von Kameramann Sam Levy sind betont realistisch, versuchen nicht die Stadt Sacramento, nicht weit von San Francisco aber weitaus weniger „cool“, als etwas anderes erscheinen zu lassen, als sie ist. Gleichsam trägt Ronan kein Makeup um ihre Akne zu verbergen. Der Film legt also einen großen Wert auf Wahrhaftigkeit. Gleichzeitig scheint über allem aber auch ein Schleier zu liegen, wie über einer 15 Jahre alten Erinnerung oder auf einem verblassenden Foto. Der Effekt ist nostalgisch ohne dabei kitschig zu sein.

Ein wunderbarer Film, dessen größter immer wieder zu lesender Kritikpunkt, er sei „nicht Neues“ in meinen Augen ins Leere läuft. Der Film arbeitet absichtlich mit Schablonen, nicht um sie zu widerlegen oder zu untergraben, sondern sie mit wahrhaftigen Charakteren zu füllen. Die wirkliche Leistung des Films ist wie leicht er das wirken lässt.

Reisetagebuch: ‚The Wailing‘/OT: ‚Gokseong‘ (2016)

#04 Film aus Südostasien

Heute führt mich die Filmreise Challenge nach Südkorea. Einem Land, dessen Filmkunst in den letzten Jahrzehnten internationale Anerkennung und Erfolge feiern konnte. Anlässlich der Challenge wende ich mich dem Werk eines Regisseurs zu, von dem ich bislang noch nichts gesehen habe: Na Hong-Jin und seinem Horror/Mystery-Film ‚The Wailing‘.

Die Ruhe eines kleinen, ländlichen Dorfes in Korea wird empfindlich gestört. Bislang unbescholtene Bürger zeigen einen furchtbaren Hautausschlag, beginnen sich mehr und mehr irrational zu verhalten, bevor sie grauenhafte Gewalttaten begehen und dann in eine Art katatonischen Zustand verfallen. Der kriminalistisch nicht eben wahnsinnig fähige Jeon Jong-gu (Kwak Do-won) wohnt mit seiner Frau, Tochter Jeon Hyo-jin (Kim Hwan-hee) und Mutter in dem Dorf und ist als örtlicher Polizist ähnlich überfordert wie seine Kollegen. Eines ist ihnen jedoch klar: die offizielle Version, es handele sich um eine Pilzvergiftung klingt völlig unglaubwürdig. Stattdessen kommt ihm der Verdacht, der Schuldige müsse der Japaner (Jun Kunimura) sein, der seit Kurzem am Rande des Dorfes wohnt. Um den ranken sich ohnehin allerlei Gerüchte. Als Hyo-jin Symptome entwickelt, heuern Jong-gu und seine Mutter nicht nur einen Schamanen (Hwang jun-min) an, Jong-gu beschließt auch den Japaner endlich genauer unter die Lupe zu nehmen, mit unvorhersehbaren Konsequenzen.

Und wenn ich „unvorhersehbare Konsequenzen“ sage, dann meine ich auch „unvorhersehbare Konsequenzen“. Falls jemand glaubt, er könne aus dieser Inhaltsangabe der ersten 30 Minuten den Rest erschließen, kann ich nur versprechen, dass das nicht geht. Na vermischt in seinem Film allerlei Elemente. Das gilt sowohl für direkte Filmzitate, das Setting des verregneten Dorfes, gefühlt am Ende der Welt, orientiert sich etwa an ‚Memories of Murder‘ und es kommen Elemente aus ‚Der Exorzist‘ hinzu und immer mal wieder eine Prise Zombiefilm. Seine Zitate gehen allerdings über Film hinaus. Na nimmt Elemente des Horror- und Mysteryfilms und vermischt sie mit sich wahrhaftig anfühlender Mythologie.

Wie in einer mythologischen Darstellung hat Jeon Jong-gu bereits verloren, als er sich mit den mythischen Wesenheiten einlässt. Ist der Anfang des Films noch von gelegentlicher, wenn auch sehr schwarzer Komik geprägt, macht diese immer mehr der Verzweiflung Platz. Nichts scheint echte Hilfe und wirkliche Antworten zu bringen, weder christliche Religion, noch ursprünglich koreanischer Schamanismus. Jong-gus Verzweiflung wird größer und größer und seine eigenen Handlungen werden mehr und mehr von der Verzweiflung geprägt und damit nicht nur moralisch fragwürdiger.

‚The Wailing‘ entgeht damit einem meiner größten Probleme mit vielen Horrorfilmen. Na achtet darauf, dass wir als Zuschauer nie viel mehr wissen als die Charaktere im Film, um die Verzweiflung spürbar zu machen. Und dort wo andere Horrorfilme Antworten liefern würden uns sich damit oft genug selbst entzaubern („der Dämon heißt Balladun, man kann ihn mit einer frisch angeschnittenen, würzigen Salami fangen… aber nicht der billigen!“), zieht uns Na den Teppich unter den Füßen weg. Und haben wir uns aufgerappelt zieht er uns erneut den Teppich unter den Füßen weg. Nun sind wir ziemlich sicher, dass da gar kein Teppich mehr ist, doch hat uns Na einen neuen Teppich untergeschmuggelt und zieht uns auch den weg. Das muss man sicherlich mögen und man kann darüber streiten, ob es Na am Ende gelingt das Ganze zu einem guten Ende zu führen. Allerdings sorgt er hier dafür, dass fast zweieinhalb Stunden wie im Flug vergangen sind, obwohl ich das im Normalfall als viel zu lang für einen Horrorfilm betrachten würde.

Damit das gelingt, spielt Na mit den Versatzstücken seines Films. Verkehrt Horrofilmklischees ins Gegenteil, enttäuscht Erwartungen und spielt mit historischen, koreanischen Tatsachen, die ich sicherlich nicht wirklich alle nachvollziehen konnte. Etwa den Ressentiments von Koreanern gegenüber Japanern oder der Stellung von Schamanismus zwischen identitätsstiftender Religion und etwas merkwürdigem Aberglauben.

Kwak Do-won (‚the Good, The Bad, The Weird‘) trägt dabei als Hauptdarsteller den Großteil des Films auf seinen Schultern, es gibt wenige Szenen, in denen er nicht im Mittelpunkt steht. Sein Dorfpolizist Jeon wird anfangs nicht eben ernst genommen. Wenn er ohne Frühstück das Haus verlassen will, schreit ihn seine Mutter an, bis er etwas isst. Dann schreit ihn sein Chef an weil er zu spät kommt. Mit seiner Frau muss er Sex in seinem Auto haben, damit die beiden einmal ungestört sein können. Und wenn er im Film endlich das Heft in die Hand nimmt, dann im schlechtesten möglichen Moment, was ihn zu einer wahrhaft tragischen Figur macht. Kwaks Gesicht, ein offenes Buch für jede Art von Schmerz, passt hervorragend zu der Rolle. Hwang jun-mins Schamane bringt einige dringend benötigte „Antworten“ mit, doch ist etwas Unangenehmes, ja Schmieriges an seinem Charakter und das liegt nicht nur an seinem ständigen Gerede über Geld. Und Jun Kunimura ist großartig als frustrierend unergründlicher Fremder, der von Anfang an alle Karten in der Hand zu halten scheint… oder auch nicht… oder.

Die Kamera von Hong Kyung-pyo, der etwa an ‚Snowpiercer‘ oder ‚Mother‘ (2009) gearbeitet hat, ist wie gewohnt umwerfend. Beinahe magnetisch hält er das Auge fest, verwandelt das verregnete Dorf in einen Ort der finsteren Magie aber auch der Verzweiflung und der Angst. Und all das ohne schnelle Schnitte oder die viel zu beliebten Jumpscares.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ich den Film sehr mag. Ich kann ihn nicht unumwunden jedem empfehlen, dafür ist er zum einen zu lang, zum anderen wird manchen mein liebstes Element, dass er sich allzu aufklärende Antworten verkneift, wohl so ganz und gar nicht gefallen. Mich beeindruckt nur, wie es den Koreanern immer wieder gelingt (siehe z.B. auch ‚Train to Busan‘), einen Horrorfilm mit derart starken Charakterelementen zu verbinden und gleichzeitig klarzumachen, dass es um noch weit mehr geht. Das lässt einen Großteil der Horrorfilme aus anderen Ländern geradezu unbeholfen aussehen… Ich jedenfalls muss mir jetzt erst mal Nas bisherige Filmografie vornehmen.

Reisetagebuch: ‚I, Tonya‘ (2017) – „There is no such thing as truth“

#57 Biopic über eine weibliche Person

So, jetzt geht die Filmreise Challenge aber zügig weiter und zwar diese Woche mit einem Film über das Leben von Ex-Eiskunstläuferin Tonya Harding. Jeder der 1994 alt genug war, um einer Nachrichtensendung wenigstens halbwegs zu folgen, wird sich erinnern, warum Tonya Harding eine Ex-Eiskunstläuferin ist. Sie (oder eigentlich jemand aus ihrem Umfeld, aber die Medien waren da nicht unbedingt genau) hat einen Attentäter bezahlt, der Konkurrentin Nancy Kerrigan, während der Vorbereitungen für die olympischen Spiele in Lillehammer, ein Bein brechen sollte. Sie wurde zum Glück leichter verletzt als erwartet, aber Harding bekam den Ruf als „Eishexe“ und ihre Karriere war beendet, auch wenn sie nur wegen Behinderung der Ermittlungen verurteilt werden konne. Autor Steven Rogers hat Harding, ihren damaligen Ehemann Jeff Gillooly und ihre Mutter LaVona Golden interviewt. Aus den extrem widersprüchlichen Aussagen entstand das Drehbuch zu ‚I, Tonya‘.

Seit sie vier Jahre alt ist trainiert Tonya Harding (Margot Robbie) im Eiskunstlaufen. Ebenso getrieben wie gehindert durch die ständigen psychischen und körperlichen Übergriffe ihrer Mutter LaVona (Allison Janney). Als Tonya Jeff Gillooley (Sebastian Stan) trifft, sieht sie eine Chance ihrem kaputten Zuhause zu entfliehen und heiratet ihn sehr jung. Gillooley erweist sich allerdings als mindestens ebenso brutal wie Tonyas Mutter. Und Tonya beginnt zu glauben, dass sie die Gewalt verdiene. Anfang der 90er ist sie rein athletisch die beste Eiskunstläuferin der USA. Doch die Richter beurteilen nicht nur Leistung, sondern auch Auftreten. Und Tonya, die sich keine teuren Kostüme leisten kann, sie selbst näht, wenn sie nicht gerade als Kellnerin oder Gabelstaplerfahrerin arbeitet, die ihre Choreographien zu ZZ Top anstatt klassischer Musik inszeniert und die sich selbst stolz als Redneck bezeichnet, passt so überhaupt nicht in das Bild des Upper Class Sports. Aufgrund dieser Benachteiligung kommt Gillooley eine Idee, als Tonya eine anonyme Morddrohung erhält. Dasselbe könnte man doch auch mit ihrer Konkurrentin Nancy Kerrigan (Caitlin Carver) machen. Er bezahlt seinem Freund Shawn Eckardt (Paul Walter Hauser), der sich nicht nur als Tonyas Bodyguard bezeichnet sondern auch als Spion und Terrorismusexperte (nichts davon stimmt), 1000 Dollar. Anstatt einer anonymen Drohung erhält Kerrigan Besuch von einem unfähigen Attentäter und nur Tage später taucht das FBI bei Harding und Gillooley auf.

Ähnlich wie ‚Rashomon‘ arbeitet der Film mit mehreren Versionen der Geschichte, die sich aus den verschiedenen Interviews ergeben. Anders als ‚Rashomon‘ zeigt er allerdings nur eine Version. Doch hat der Film die Interviews mit den Schauspielern neu inszeniert und blendet gelegentlich Interview-Momente ein, die dem Gezeigten widersprechen. Oder die Charaktere wenden sich in der Erzählung direkt an die Kamera und sagen das Gezeigte sei so nie passiert. Aus diesem erzählerischen Kniff gewinnt der Film einen Großteil seines schwarzen Humors. Und dieser schwarze Humor macht, so seltsam es klingt (und ehrlich gesagt ähnlich wie in ‚Death of Stalin‘ letzte Woche), die gezeigte (häusliche) Gewalt umso effektiver. Denn der locker-ironische Ton gefriert jedes Mal, wenn ein plötzlicher Gewaltmoment ausbricht.

Natürlich ist es ein Film und somit hat das Gezeigte mehr Gewicht als das Gesagte, sprich der Film entscheidet sich durchaus für eine Wahrheit. Und wie der Titel vermuten lässt ist es zu einem großen Teil die „Wahrheit“ Tonyas. Der Film mag ihr gegenüber empathisch sein, er ist allerdings keineswegs verklärend oder naiv. Tonya ist ein Opfer, aber sie ist ebenso auch Täterin und der Film will sie nicht „freisprechen“. Das Klassenbewusstsein und der Snobismus des Eissports werden allerdings zu einem zentralen Element.

Hier ist es an der Zeit die großartigen Schauspielleistungen zu erwähnen. Margot Robbie (die den Film auch produzierte) ist großartig als Harding. Eine komplexe Rolle, denn Tonyas schroffes und konträres Auftreten, ihre internalisierte Opfermentalität und ihren Siegeswillen gleichzeitig darzustellen, dürfte nicht einfach sein. Auch transportiert Robbie fabelhaft, dass der einzige Ort, an dem sich Harding frei und glücklich fühlt, das Eis ist. Wenn ihr das genommen wird, ist das beinahe herzzerreißend. Aber, wenn ich ehrlich sein soll, ein wenig die Show stiehlt ihr Allison Janney als Hardings Mutter LaVona. Sie ist ebenso lustig wie grausam, ebenso furchtbar wie erbärmlich. Ihren Nebenrollenoscar hat Janney jedenfalls völlig zu Recht erhalten, gelingt es ihr doch ziemlich gut die Darstellung eine Frau, die ihre Interview mit einem Papagei auf der Schulter gibt, bodenständig zu halten. Der Rest des Casts ist ebenfalls sehr gut, erwähnt sei noch Paul Walter Hauser als Shawn Eckardt, dem der Film (wohl richtig) die Hauptschuld am Attentat zuspricht, der völlig in seiner eigenen Fantasiewelt zu leben schein und doch ein Attentat verwirklichen kann.

Regisseur Craig Gillespie fängt die Zeit und das Unterklassenmilieu, in dem sein Film spielt sehr schön ein. Einen Großteil dazu bei trägt auch die Musikauswahl. Der Soundtrack setzt sich weitestgehend aus existierenden Songs zusammen. Dabei richtet sich der Film nach der Musikauswahl Hardings für ihre Routinen und fällt häufiger rockig aus. Eines ist der Soundtrack allerdings nicht. Subtil. Augenfälligstes Beispiel ist, wenn wir LaVona zum ersten Mal Mitte der 70er begegnen, wird das unterlegt mit Cliff Richards „Devil Woman“.

Einer Kritik am Film, die ich häufiger gelesen habe, möchte ich widersprechen. Es ist kein Problem, dass Nancy Kerrigans Seite der Geschichte hier nicht beleuchtet wird. Kerrigan ist kaum ein Charakter im Film. Sie und Harding haben nur eine kurze Rückblende als gemeinsame Szene, die Tonyas Behauptung unterlegt, sie wären Freunde gewesen. Das hier ist Hardings Seite der Geschichte (oder zumindest eine Version davon). Ein zweiter Film ‚I, Nancy‘, wäre sicher interessant, aber hier ist sie das vollkommen unschuldige Opfer eines idiotischen „Plans“, mehr muss man nicht über sie wissen.

Der Kritikpunkt den ich habe ist ein anderer. In einem Moment des Interviews sagt Harding, der schlimmste Missbrauch, den sie erlebt habe sei nicht durch ihre Mutter oder ihren Ehemann, sondern durch die Presse geschehen und „durch Euch alle“. Erst wurde sie geliebt, dann gehasst und dann ein Witz. All das glaube ich ihr gern, doch das Problem ist, dass sich ‚I, Tonya‘ auch ein wenig über sie lustig macht. Zwar durchaus wohlwollend, doch am Ende ist sie immer noch ein Witz. Das sieht man doch schon allein an der Titelwahl, die sich an Robert Graves Roman „I, Claudius“, über den römischen Kaiser orientiert und allein dadurch schon eine Fallhöhe schafft. Dass der Film hier also einen Spiegel vorhalten möchte, in dem er selbst auch voll zu sehen wäre, wirkt auf mich ein wenig befremdlich.

Ansonsten aber bleibt im Fazit nur zu sagen, ‚I, Tonya‘ ist ein cleverer, schwarzhumoriger Film, der wehtut wo er wehtun muss und Komik entdeckt, wo man sie nicht unbedingt vermuten würde. Vor allem aber eine tolle darstellerische Leistung von Margot Robbie und insbesondere Allison Janney. Auch sehenswert, wenn man keinerlei Interesse an Eiskunstlauf hat, oder noch nie von Tonya Harding gehört hat. Selbst Margot Robbie hielt die Geschichte anfangs für erfunden.

Reisetagebuch: ‚The Death of Stalin‘ (2017)

Reiseziel #51: Film, in dem es um ein historisches Ereignis geht

Es wird dringend mal wieder Zeit für einen Eintrag ins Reisetagebuch für die Filmreise Challenge, der letzte liegt immerhin schon drei Monate zurück. Heute fiel meine Wahl auf den neuesten Film von Armando Iannucci, von dem ich bisher nur eine Handvoll Folgen der Serie ‚The Thick Of It‘ und den zugehörigen Film ‚In The Loop‘ kannte. Beides mochte ich, war aber gespannt, wie sich Iannuccis schwarzhumoriger Ton um Inkompetenz und Lüge in der Politik, mit dem doch sehr finsteren Thema des Stalinismus vertragen würde.

Der Film beginnt 1953 an jenem Tag, an dem Stalin (Adrian McLoughlin) einem Schlaganfall erliegt. Beziehungsweise liegt er erst einmal die Nacht durch in „a puddle of his own indignity“. Denn niemand traut sich zu ihm hinein. Erst als das gesamte Zentralkomitee (ZK) versammelt ist werden Ärzte gerufen. Das ist nicht einfach, hat Stalin doch vor Kurzem eine Ärzteverschwörung vermutet und die meisten in den Gulag bringen lassen. Wie auch immer, nachdem sein Tod festgestellt wurde beginnt im ZK auch schon das Machtgerangel. Stalins nomineller Nachfolger ist Georgi Malenkow (Jeffrey Tambor) doch fehlt dem jedes Durchsetzungsvermögen. Es wird eher auf ein Duell zwischen Geheimdienstchef Lavrenti Beria (Simon Russell Beale) und dem Sekretär des ZK Nikita Chruschtschow (Steve Buscemi) hinauslaufen. Während Beria versucht mit Angst und Erpressung das ZK gefügig zu halten, verabredet Chruschtschow einen Coup mit Außenminister Molotow (Michael Palin) und dem Befehlshaber der Landstreitkräfte Georgi Schukow (Jason Isaacs).

Der Film spannt für seine Charaktere ein Netz aus Angst und Gier. Und für die Zuschauer einen Zwiespalt aus Schrecken und Humor. Er wirft einen gnadenlosen Blick auf die Apparatschiks, die ein „starker Mann“ System, wie das Stalins anzieht. Sie sind gierig, inkompetent und völlig rücksichtslos. Dabei ist Iannucci zugute zu halten, dass er ein großartiges Ensemble zusammengestellt hat, die alle verschieden facettierte Charaktere darstellen. Jeffrey Tambor ist großartig als Malenkow, der Stalin nacheifern möchte, sein Leben lang aber nur dessen Anordnungen abgenickt hat und so keinerlei Durchsetzungsvermögen besitzt. Michael Palins Molotow, der auch nach dessen Tod in unverbrüchlicher Treue zu Stalin steht, obwohl er bereits auf dessen Todesliste stand, ist beinahe eine tragikomische Figur. Jason Isaacs, der selten viel Glück mit angebotenen Rollen hat, glänzt hier insbesondere als aufbrausender, militaristischer und gnadenloser General und stiehlt jede einzelne Szene in der er auftaucht. Zentrale Figur ist aber der Machtpolitiker Chruschtschow, der, im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht, um zu erreichen was er will („Ich bin der Friedensstifter und ich mache jeden fertig, der mir im Weg steht!“) und ist mit dem wieselhaften Buscemi sehr gut besetzt. Der Film mag zwar keine Helden kennen, er hat dennoch sein Monster, das ist hier der perverse, sadistische Beria und es ist Simon Russel Beale hoch anzurechnen, dass er dieser Figur tatsächlich noch einige Nuance verleiht.

Das zentrale Thema ist Macht. Macht, ihr System und wie Menschen darin agieren, wenn sie überhaupt agieren können. Denn, das vergisst der Film keineswegs, Stalin herrschte durch Schrecken und jede Machtdemonstration der Charaktere, jede Uneinigkeit hat grausame Folgen, während für den normalen Bürger bereits ein niesen an der falschen Stelle zum „Verschwinden“ führen kann. Hier zeigt der Film, völlig humorlos und drastisch, was dem gewöhnlichen Sowjetbürger jederzeit bevorstehen kann. Sei es eine verstorbene Eishockeymannschaft, von der niemand wissen darf (oh weh, ich habe Rupert Friends Darstellung von Stalins Sohn Wassilij noch gar nicht lobend erwähnt). Seien es die Lastwagen, die Stalins Datsche aufsuchen, kaum dass seine Leiche abtransportiert ist und Wachleute, Hauspersonal und Ärzte internieren oder direkt ermorden. Sei es die Tatsache, dass ein Machtgerangel und daraus resultierende, abweichende Anweisungen von Beria und Chruschtschow zu mehr als 1500 Toten führen. Das mag nicht alles historisch völlig korrekt sein, aber es transportiert die tiefe, allgegenwärtige Paranoia des stalinistischen Überwachungsstaates. Dieser Schrecken, diese Tragödie umgibt die Komödie die ganze Zeit und verstärkt einerseits die furchtbare Absurdität der streitenden Schulclique, die das ZK hier ist,und damit den Humor, lässt einem andererseits aber auch gelegentlich das Lachen im Hals gefrieren. Für mich hat das hier großartig funktioniert, ich bin mir aber völlig sicher dem einen oder anderen wird es geschmacklos erscheinen.

Moralische Charaktere, so scheint es hier und in Iannuccis anderen Werken, die ich kenne, haben keine Chance. Inkompetente Charaktere sind besser dran, die können den ewigen Gewinnern, den rücksichtslosen Manipulatoren, den „Spin Doctors“ immerhin noch nützlich sein. Und so ist in Iannuccis Version der Geschichte für eines sicherlich kein Platz: Optimismus. Die Sowjetunion mag nach Stalin ein weniger blutrünstiger Ort sein, politische Verlierer werden nicht mehr ermordet, sondern versetzt oder in den Ruhestand gezwungen, doch die Systeme der Macht sind die gleichen. Und für Iannucci trifft das nicht nur auf den Kommunismus, oder genauer den Stalinismus, zu, sondern auf Machtsysteme an sich. Systeme, die sich auf einen „starken Mann“ an der Führung beziehen, machen sie nur deutlich sichtbarer.

In wieweit deckt sich die Realität des Films mit der historischen? Ich bin da kein Experte, aber vieles ist gestaucht auf die Tage nach Stalins Tod. Berias endgültiges Schicksal hatte in Wirklichkeit wohl mehr mit dem Aufstand des 17. Juni in der DDR zu tun, als dem was man hier sieht und obwohl bei Stalins Begräbnis Menschen zu Tode kamen, gab es (meines Wissens!) kein Massaker durch den NKWD. So könnte man wohl den Großteil des Films zerpflücken, einzig wozu? Man verlässt den Film sicher nicht als Experte für sowjetische Politik des Jahres 1953. Das ist aber auch nicht das Ziel, stattdessen stellt er seine Thesen über Macht auf, nimmt den Stalinismus als Beispiel und hat genug durchaus realen Irrsinn mit dem er agieren kann. Man verlässt ihn also auch nicht dümmer.

Im Fazit kann ich nur sagen, lasst Euch nicht vom Trailer täuschen. Der Film ist sehr, sehr komisch, aber der Film ist sicher keine reine Komödie. Er beleuchtet ein absurdes Machtgerangel, zeigt aber gleichzeitig dessen tragische Folgen ohne jeden Humor und ohne viel zu beschönigen. Ich mochte den Film sehr, wäre aber keineswegs erstaunt, wenn das so mancher ganz anders sieht.

‚Black Panther‘ (2018)

‚Black Panther‘ stand ziemlich weit oben auf der Liste der Marvel-Filme, die ich noch nachholen wollte. Ich bin ein großer Fan von ‚Creed‘, mit dem Ryan Coogler sein Talent bewiesen hat auch aus einer völlig saftlosen Hülle, wie dem ‚Rocky‘ Franchise, noch einen wahren Strom an Kreativität pressen kann. Wer also wäre besser dafür geeignet einen spannenden Marvel-Film zu drehen. Und was für eine Erwartungshaltung auf diesem Film ruhte. Der erste amerikanische Mainstream-Blockbuster mit einem (beinahe) durchgängig schwarzen Cast würde er werden. Ein utopisches Afrika unberührt von Kolonisierung und Sklaverei sollte er präsentieren. Eine würdevolle Repräsentation für die afrikanische Diaspora weltweit sein. Eine cinematische Antwort auf die „Shithole Countries“ Rhetorik gewisser Politiker liefern. Oh, und nebenbei noch eine Superhelden-Story erzählen. Kann das gelingen? Schauen wir mal.

T’Challa (Chadwick Boseman) soll nach dem Tod seines Vaters T’Chaka der neue Black Panther und König des verborgenen, hochtechnisierten Reiches Wakanda werden. Dort lebt man, aufgrund des Wundermetalls „Vibranium“ in einer weit fortschrittlichen Welt, während sich Wakanda nach außen hin als armes Drittweltland präsentiert. Als T’Challa eine Chance sieht Ulysses Klaue (Andy Sekis), den Mörder seines Vaters, in Südkorea zu stellen, macht er sich gemeinsam mit der Spionin Nakia (Lupita Nyong’o) und der Kriegerin Okoye (Danai Gurira) auf den Weg. Doch kaum haben sie Klaue gestellt, befreit ihn ein Unbekannter (Michael B. Jordan), der einen königlichen Siegelring Wakandas besitzt. Das ist Erik „Killmonger“ Stevens. Der Sohn von T’Chakas Bruder, den der als Verräter an Wakanda getötet hatte und den jungen Erik in Armut in Amerika zurückließ. Dort diente er zunächst als Soldat, dann unterwanderte er für das CIA andere Länder. Nun taucht er in Wakanda auf, um das militärische Potential des fortschrittlichen Landes zu benutzen, um weltweite Revolutionen auszulösen und das politische Gefüge umzukehren.

Um eines gleich klarzumachen, die obige Zusammenfassung wird mehreren Aspekten des Films nicht gerecht. Zum einen bringt er ein wahnsinnig umfangreiches Personal auf den Schirm, ihm gelingt aber das Kunststück, dass ich mich, anders als bei anderen Superheldenfilmen nie fragen musste, wer denn jetzt nochmal wer war. Die Charaktere sind distinkt und eindeutig gezeichnet, manchmal nur in wenigen Szenen. Figuren wie Letitia Whites Technikgenie Shuri oder Winston Dukes gewaltiger M’Baku, der Anführer des nicht eben königstreuen Jabari-Stammes, bleiben gut im Gedächtnis. Auch zeichnet Coogler ein umfassendes Bild von Wakanda, in dem sich Science Fiction Elemente und magischer Realismus mit afrikanischer Kultur und Mythologie verbinden. Er schafft so eine sehr bunte, sehr lebendige Welt, die sich, nicht nur im Marvel Film, ziemlich einzigartig anfühlt. Ein sich freiwillig isolierendes Land, mit selbstfahrenden Magnetbahnen auf der einen Seite, mit Nachfolgeduellen für das Königtum auf Leben und Tod an urig wirkenden Wasserfällen auf der anderen. Kurz ein Land zwischen absoluter Moderne und uralter Tradition. Ein Land, das das Wort Feminismus nie gehört hat, allein deswegen weil Frauen ohnehin gleichberechtigt sind und gar ausschließlich die Dora Milaje, die Ehrengarde des Königs stellen, basierend auf der historischen Vorlage des Königreichs Dahomey. Überhaupt bedient sich Coogler für sein Wakanda in ganz Afrika. Die Kostüme enthalten Elemente beinahe aller afrikanischen Kulturen von den Tuareg bis zu den Massai. Manche Charaktere scheinen gar auf dem Kleiderschrank realer Vorbilder zu beruhen, so die Königinmutter (Angela Bassett) auf Winnie Mandelas. Die Skyline wird bestimmt von Variationen auf alte, afrikanische  Bauwerke, etwa die berühmten drei Moscheen von Timbuktu, aber auch hochmoderne, etwa das Pearl of Africa in Kampala. Das schafft zusammen ein faszinierendes Bild eines „Afrofuturismus“, bedient aber auch, das muss gesagt werden, dieses Bild, das viele von Afrika haben. Dieses diffus homogene Bild, das nicht recht zwischen den verschiedenen Kulturen unterscheiden kann oder will. Ich verstehe aber, warum es hier so gemacht wurde, spricht der Film doch eher die (vor allem US-amerikanische) afrikanische Diaspora an und will gar keinen realen, afrikanischen Ort, sondern einen idealisierten darstellen.

Wie oben bereits gesagt, Chadwick Bosemans T’Challa und seine Mitstreiter sind gut und getroffen, treffend umrissen und werden sympathisch dargestellt. Aber gerade auf der Schurkenseite, oft genug die Schwachstelle von Marvelfilmen, zeichnet sich ‚Black Panther‘ aus. Da ist Ulysses Klaue, ein völlig überzogener britischer Gauner mit Mega Man Armkanone. Hat man erst einmal verarbeitet, dass man hier Andy Serkis mal nicht als CGI Charakter sieht gibt er eine durchaus unterhaltsame Vorstellung. Viel wichtiger aber ist Erik Killmonger. Der ist das Produkt von Wakandas Isolationspolitik, ebenso wie von amerikanischer Innen- wie Außenpolitik, die Menschen in Armut leben lässt, ihnen dann einen Ausweg durch Dienst in einem der zahlreichen Kriege bietet. Und in Killmongers Fall, ohn dann zum Werkzeug andere Nationen zu unterwandern macht. Beinahe könnte man meinen die wirklichen Bösen säßen beim CIA (beinahe, siehe unten). Sein Ziel einer weltweiten Revolution ist nachvollziehbar, aber auch tödlich, womöglich für alle beteiligten Seiten. Er ist somit immer der Antagonist, aber einer mit verständlichen zielen, der sich vor allem nicht selbst als „Schurke“ begreift. Der Film behandelt ihn denn auch mit einiger Empathie, insbesondere seine letzten Worte hallen lange nach. Durch eine sehr (sehr!) grobe Brille betrachtet erinnert es durchaus an die Dichotomie Martin Luther King – Malcolm X in der Bürgerrechtsbewegung.

Im marveltypischen, großen Endkampf, hier so etwas wie ein wakandischer Bürgerkrieg, wird die politische Lesart, die bisher nicht einmal Unterton, sondern sehr deutlich war, für mich allerdings zum Problem. Das liegt vor allem an der Beteiligung von Martin Freemans CIA-Agent Ross. Der war bis hierhin eher so etwas wie der stets verwirrte Quotenweiße, doch wenn er dann im Bürgerkrieg zu einer Art aktiver und zentraler (heldenhafter!) CIA Beteiligung wird, so finde ich das, im Hinblick auf die afrikanische Geschichte seit dem Ende der Kolonien, ehrlich gesagt beinahe ekelhaft (hätte er nicht wenigstens SHIELD oder irgendein Fantasie-Agent sein können?). Aber hier liegt das „Problem“ des Films, in einem anderen Marvelfilm würde ich es vermutlich einfach hinnehmen (seien wir ehrlich, bei genauer Analyse ist etwa ‚Iron Man’… unangenehm), hier bin ich aber bereits politisch eingestellt.Vermutlich wollte man nur sicherstellen, dass sich weiße Jungs, wie ich, nicht allzu verängstigt fühlen…

Der Film fühlt sich, was die Action angeht, oftmals mehr wie ein moderner James Bond als wie ein typischer Superheldenfilm an, was mir sehr zupass kam. Sicherlich werden hier auch mal Autos desintegriert, aber eben nicht gleich ganze Wolkenkratzer. Die Actionszenen sind gut inszeniert, die CGI weitgehend gelungen. Nur wenn sich zwei CGI Darsteller gegenseitig auf die Nuss geben fühlt sich das wieder einmal völlig gewichts- und folgenlos an und ich sehne mich zurück nach ‚Creed‘, wo jeder Schlag mit einem unausweichlichen Preis einherging. Die treibenden Rhythmen aus Ludwig Göranssons, von westafrikanischen „Talking Drums“ inspiriertem, Soundtrack, ergänzen sich wunderbar mit den von Kendrick Lamar kuratierten Rap-Songs.

Filmisch ist es einer der besseren Marvel-Filme, vom Setting her ist er interessant genug, dass ich mir – wohl zum ersten Mal bei einem Superheldenfilm – gewünscht habe er wäre länger. Letztlich fallen selbst meine Probleme nicht so sehr ins Gewicht, dass sie das Vergnügen des Films besonders gestört hätten. Es ist wirklich gemein von Marvel, dass sie gerade als ich beschlossen hatte quasi keine Superheldenfilme mehr zu sehen, so viele interessante Regisseure angeheuert haben, siehe auch Taika Waititi oder Jon Watts (na ja und andere wieder gefeuert haben…). Und es wird spannend zu sehen, ob Coogler, anders als bei ‚Creed‘, für die unausweichlichen Fortsetzungen wieder die Regie übernimmt.