‚Mother!‘ (2017)

Auf die eine oder andere Art habe ich vermutlich jeden Film von Darren Aronofsky gemocht. ‚The Wrestler‘ und ‚Black Swan‘ würde ich als seine besten Filme betrachten, aber alles davor ist ebenfalls grandios. Danach kam ‚Noah‘. Und ich habe mich selten so unterhalten gefühlt. Der Film fühlte sich an wie eine Bibel-Verfilmung, die sämtliche unausgesprochene Regeln für Bibel-Verfilmungen über den Haufen wirft. Da werden Möchtegern-Archen-Blinde Passagiere von gigantischen Steinmonstern zerspladdert und Noah teilweise wie ein Slasher Schurke (der ein Baby ermorden will!) in Szene gesetzt. Der Film hätte in seinem Titel ebenfalls ein Ausrufzeichen gebrauchen können. Hätte zum Ton gepasst. Aber auf das mussten wir bis ‚Mother!‘ warten. Und so ganz hat sich Aronofsky von seiner sehr eigenen, filmischen Umsetzung christlicher Mythologie nicht verabschiedet. Der Film hat lange bei mir im Regal gestanden, bevor ich ihn endlich gesehen habe. Die durchwachsenen Rezensionen haben mich doch etwas abgehalten. Tatsächlich ist „durchwachsen“ auch direkt ein gutes Fazit für den Film. Aber erst mal sollten wir über den reden.

Eine junge Frau (Jennifer Lawrence) lebt mit ihrem deutlich älteren Mann (Javier Bardem), einem Poeten, in einem großen, abgelegenen Haus im Grünen. Eines Tages taucht ein Mann (Ed Harris) auf, der sich zunächst als Nachbar vorstellt, bald aber, auf Einladung des Poeten und gegen den Willen der jungen Frau, ein Zimmer im Haus bezieht. Am nächsten Morgen steht seine Frau (Michelle Pfeiffer) vor der Tür, die ebenfalls, wie selbstverständlich einzieht. Durch die dreiste Vertrauligkeit der Gäste, die Distanz des Poeten und das Auftauchen der streitsüchtigen Söhne der Untermieter (Domhnall und Brian Gleeson) werden Gräben zwischen der jungen Frau und dem Poeten unübersehbar, insbesondere was ihre Kinderlosigkeit betrifft. Bald jedoch gleiten die Geschehnisse im Haus ins Groteske über.

Falls jemand findet, dass sich diese Zusammenfassung schwierig liest, so liegt das nur zum Teil an meinen mangelenden Schreibkünsten. Denn keiner der Charaktere hat einen Namen. Selbst im Abspann nicht. Javier Bardem ist „Him“. Lawrence ist „Mother“. Harris „Man“ und Pfeiffer „Woman“. Das unterstreicht direkt wunderbar mein größtes Problem mit dem Film. Die christliche Allegorie ist so unerträglich überdeutlich, dass für eigentliche Charaktere gar kein Platz mehr bleibt.

Der Poet ist natürlich der Schöpfer, der Gott dieser Allegorie. Mann und Frau sind Adam und Eva. Tatsächlich sehen wir Harris Charakter kurz mit einer Verletzung auf Höhe der Rippen, bevor seine Frau aufkreuzt. Und ja, der ältere Sohn erschlägt seinen jüngeren Bruder, worauf der Schöpfer ein Zeichen an seiner Stirn macht. Wer ist die Mutter in diesem Bild? Vermutlich die Mutter Erde. Das erklärt auch ihre Behandlung im weiteren Verlauf des Films. Als sich das Haus immer mehr mit Menschen füllt wird sie übler und übler misshandelt. Die christliche Idee des Dominium terrae, der Herrschaft des Menschen über die Welt wird hier deutlich.

Aronofsky inszeniert die biblische Menschheitsgeschichte hier mit den Mitteln des Horrorfilms. Und das tut er durchaus interessant. Das große gothische Haus, in dem die gesamte Handlung stattfindet, lässt kaum ein typisches Spukhausmerkmal aus. Es knackt und kracht in den Wänden, es dräut düster und im Keller steht ein Ofen, der Kevin McAllister in einen anderen Staat ziehen lassen würde. Doch nichts davon wirkt bedrohlich. Das Haus ist vielmehr eine Erweiterung von Lawrences Charakter. Als wäre das Haus die eigentliche Welt (weshalb wir auch nie etwas darüber hinaus sehen) und „Mutter“ nur der gute Geist der Welt, der versucht „ein Paradies daraus zu machen“. Wenn schwärende Wunden in Boden und Wänden auftauchen, dann weil Lawrences Charakter verletzt wurde und wenn sie sich letztlich der unsäglichen Schöpfung des Poeten entledigt, dann sind die Zerstörung ihrer selbst und des Hauses eins.

Aber was genau will uns Aronofsky sagen? Ist der Films eine Abrechnung mit dem Christentum? Mit der Menschheit an sich? Ist seine Botschaft eine ökologische, die besagt, wenn wir uns in unserem „Haus“, dem einzigen das wir haben, weiter benehmen wie die letzten Arschlöcher, dann werden wir eines Tages alle brennen? All das kann man da problemlos reinlesen. Aber auch eine Untersuchung seiner eigenen, der kreativen Zunft. Der Poet wird jeder seiner Schöpfungen (die nie gänzlich seine eigenen sind) allzu schnell überdrüssig und sucht nach neuer Inspiration und, nicht zuletzt, neuer Verehrung ohne Rücksicht auf die Folgen für die, die er zurücklässt. Natürlich könnten wir hier auch einfach den nervösen Zusammenbruch einer psychisch kranken Frau sehen, die ihre Medikamente die Toilette herunterspült und deren Ehemann das exakte Gegenteil von hilfreich ist. Damit ist das inhaltlich, wenigstens für mich, ein wenig zu beliebig. Wenn alles allegorisch ist, wie Aronofsky nicht müde wird deutlich zu machen, dann bleibt am Ende wenig übrig.

Die größte Stärke des Films ist seine Inszenierung. Wir bleiben den gesamten Film über in direkter Nähe von Lawrences Charakter und ihrer streng subjektiven Sicht auf die Dinge. Ohne Musik sind wir den düsteren Grün- und Brauntönen des Hauses unentrinnbar ausgeliefert. Und Lawrence liefert eine reichliche Tour de Force des Schauspiels ab. Leider schleicht sich alsbald hier eine gewisse Repetition ein. Lawrence erlebt etwas furchbares, Bardem ist nirgendwo zu sehen, bis er plötzlich, ein wenig dümmlich grinsend, etwas zu nah vor der Kamera erscheint und verkündet, dass alles gut würde. Von Pfeiffer und Harris hätte ich gern mehr gesehen. Die Inszenierung von Adam und Eva als rauchende, saufende, dreiste Nervbolzen hatte etwas vom anarchischen Charme von ‚Noah‘. Der verschwand in dem sich hoffnungslos selbst ernst nehmenden Rest des Film leider völlig.

Ich muss zugeben, ich habe Schwierigkeiten zu sagen, was ich von dem Film halte. Die biblische Menschheitsgeschichte als Variation auf ‚Rosemarys Baby‘ ist fraglos eine hochoriginelle Idee, leider finde ich das filmische Ergebnis eher interessant als wirklich gut. Wobei man sich vermutlich fragen darf, ob das ein Film ist, der überhaupt „gut“ gefunden werden will. Gelegentlich fühlte sich der Film, wenigstens für mich, weniger nach Aronofsky und mehr nach Lars von Trier an (‚Antichrist‘ lässt grüßen). Nicht zuletzt weil eine gewisse filmische Provokation hier absolut im Mittelpunkt steht. Aber ich vermute, wer ihn sehen wollte hat ihn inzwischen gesehen und bedarf kaum noch meines Ratschlags. Für mich bleibt Bong Joon-hos ‚Mother‘ die bessere filmische Mutter (Andres Muschiettis ‚Mama‘ hat sich durch Heintje-Betitelung direkt selbst disqualifiziert). Ich für meinen Teil bin aber auf jeden Fall für mehr Ausrufezeichen in Filmtiteln!!

Price Is Right: ‚The Masque of the Red Death‘/‘Satanas‘ (1964)

2018 erschienen hier auf dem Blog gerade mal zwei Ausgaben einer Reihe namens „Price Is Right“ (‚Theater des Grauens‘; ‚Basil, der große Mäusedetektiv‘), in der ich, man ahnt es, Filme mit Vincent Price besprechen wollte. Kaum drei Jahre später erscheint also Teil drei der Reihe. Mal schauen, wie lange es bis Teil vier dauert…

‚The Masque of the Red Death‘ ist die sechste von Roger Cormans Edgar Alan Poe-Adaptionen (wobei Cormans Lovecraft Adaption ‚The Haunted Palace‘ (1964) auch oft in die Reihe gerechnet wird). Am Anfang der Reihe standen, wie eigentlich immer bei Corman, finanzielle Gedanken. Poes Geschichten waren in der public domain, hatten aber einen hohen namentlichen Erkennungswert, zumindest in der englischsprachigen Welt. Nach dem Erfolg von ‚Die Verfluchten‘/‘House of Usher‘ (1960) hatte er für die weiteren Filme plötzlich für seine Verhältnisse ungewöhnlich hohe Budgets zur Verfügung, konnte Horror Veteranen wie Boris Karloff und Peter Lorre anheuern und sich sogar filmische Experimente leisten, etwa das Spiel mit Humor, vor allem in ‚Der Rabe‘ (1963) und der Anthologie ‚Der grauenvolle Mr. X‘ (1962). Price, der Humor mindestens so gut wie Horror beherrschte blieb dabei stets zentrales Element der Filme.

Corman sagte später, nach ‚Usher‘ hätte er am liebsten direkt ‚Masque oft he Red Death‘ umgesetzt, die er für eine der besten Poe Geschichten hielt. Er fürchtete aber man könne ihm bei der Umsetzung des existenzialistischen Horrors vorwerfen, er würde bei Bergmans ‚Das Siebente Siegel‘ (1957) abkupfern. Später gab er zu, dass es eher die Angst davor war, dass ein Herzensprojekt scheitern könnte. 1964 drehte er ihn dann doch. Und dreht den Humor wieder deutlich zurück. Erstaunlicherweise aber den konventionellen Horror auch.

In Poes Kurzgeschichte wütet eine grausige Krankheit, der Rote Tod, in einem spätmittelalterlichen Lande. Der Herrscher, Prinz Prospero, hat sich derweil mit anderen Adligen in einer abgelegenen Abtei verbunkert, wo sie dem Leid mit Exzess begegnen. Auf einem Maskenball taucht dann jedoch der personifizierte Rote Tod auf und Prospero und die Feiernden fallen ihm alle zum Opfer. Prospero wollte in seiner Hybris dem Tod trotzen, was bei Poe niemals funktioniert, der den Tod in jedem Menschen bereits angelegt erkennt.

Corman und Price treiben diese Figur ein ganzes Stück weiter. Prices Prospero ist ein pompöser, sadistischer, eitler und vor allem gelangweilter Satanist. Am Anfang des Films entführt er die junge Francesca (Jane Asher), sowie ihren Vater und ihren Geliebten, die sich gegen seine grausame Herrschaft aufgelehnt haben, aus genau dem Dorf in dem der Rote Tod ausbricht. Mit dem Ziel Francescas Unschuld zu zerstören und sie zu seiner Gefährtin zu machen. Prosperos Konkubine Juliana (Hazel Court) sieht sich dadurch, nicht zu Unrecht, in ihrer Position gefährdet und übergibt ihre Seele vollends dem Satan, um Prospero zu gefallen. Mit erwartbaren Folgen. Der Maskenball endet bei Corman immerhin nicht ganz so hoffnungslos wie bei Poe.

Sonderlich handlungsgetrieben ist der Film in der Tat nicht. Kein Wunder, gibt Poes Kurzgeschichte doch kaum genug her, um einen Spielfilm zu füllen. Tatsächlich wird eine andere Poe Geschichte, Hop-Frosch, als Nebenhandlung hergenommen. Was also lässt den Film funktionieren? Da ist allem voran das visuelle Flair.

Corman drehte den Film in fünf Wochen, in England. Hier hatte er Zugriff auf umfangreiche Burgkulissen, die kurz zuvor für ‚Becket‘ verwendet wurden und die er natürlich nur zu gerne wiederverwertete. Vor dem Vorwurf sich bei Bergman zu bedienen hätte er sich nicht fürchten müssen. Jedenfalls nicht visuell. Denn dessen skandinavischer Askese setzt eine wahre Bilderflut entgegen. Da sind die aufwändigen Kostüme der Adligen. Da ist eine grandiose psychedelische Traumsequenz wenn Juliana ihre Seele dem Teufel überlässt, in der sie von Priestern aus allen möglichen Zeitaltern und Regionen der Welt auf einem Altar geopfert wird. Eine Sequenz, die die amerikanischen Zensoren so schlimm fanden, dass sie herausgeschnitten werden musste, obwohl man nichts Explizites sieht, wie Corman richtig betont. Der abschließende danse macabre wird hier zu einem Farbrausch. Selbst Dinge, die eigentlich nicht funktionieren sollten, wirken in dieser merkwürdigen Welt. Wenn sich hier am Ende ein ganzer Regenbogen farbcodierter Tode trifft und Fallzahlen abgleicht, dann wirkt das bei weitem nicht so albern, wie es klingt.

All das mag auch daran liegen, dass hier nicht Cormans üblicher Kameramann für die Poe Adaptionen, Foyd Crosby, hinter der Kamera stand, sondern ein junger Brite namens Nicolas Roeg. Der durfte hier zum ersten Mal in Farbe arbeiten und tobte sich dementsprechend voll aus. Und dass er das durchaus beherrscht, konnte er später als Regisseur in Filmen wie ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ oder ‚Der Mann, der vom Himmel fiel‘ beweisen. Womit Corman zum hundertdrölfzigsten Mal sein Talent andere Talente zu finden bewiesen hätte.

Das zweite Standbein des Films sind die Darsteller und hier, natürlich, allen voran Vincent Price. Es ist schwer sich einen anderen Darsteller in der Rolle dieses Prospero vorzustellen. Allzu sehr macht er sie sich zu eigen. Viele von Prosperos nihilistischen Blasphemien, wortreich und mit ironischem Unterton vorgetragen, soll Price selbst improvisiert haben. Aber der Charakter ist auch interessant in seiner Anlage. Einerseits ein mörderisches Monster, doch vergleicht er sich süffisant mit einem tief christlichen Vorfahren, der hunderte Menschen hat verbrennen lassen um ihre Seele zu retten. Ist er wirklich so viel schlimmer als der, fragt er. Auch sind ihm Standesdünkel fern. Einen anderen Adligen lässt er mit derselben distanzierten Amüsiertheit erschießen, wie eine Gruppe Bauern. Und wenn ein kleinwüchsiger Tänzer grausige Rache an einem weiteren sadistischen Adligen nimmt, dann lässt Prospero ihn dafür belohnen, weil es ihn unterhalten hat. Am Ende passen einzig seine Arroganz und sein Nihilismus nicht zusammen. Warum sollte in einer vollkommen bedeutungslosen Welt gerade er eine besondere Position einnehmen?

Leider wurden Cormans Befürchtungen wahr und der Film blieb hinter den Erwartungen zurück. Er selber gab sich später kleinlaut, er habe die selbstgewählte Zielgruppe für seine B-Movies, die Teenager, mit diesem Film aus den Augen verloren. Habe sich nicht auf das eigentliche Element des Horrors konzentriert. Produzent Samuel Z. Arkoff sagt es deutlicher, der Film sei „too arty farty“. Und dennoch zählt Corman ihn auch heute noch zu seinen besten Arbeiten.

Und völlig zu Recht. Ich würde den Film, sowie den ganzen Poe-Zyklus von Corman, absolut empfehlen. Eben gerade weil sich Corman hier einmal von seinen festen Erfolgsformeln für seine B-Movies verabschiedet, weil er künstlerisch experimenteller wird. Kurz, gerade weil er ein bisschen „arty farty“ ist. Und wegen Vincent Price, natürlich. Insgesamt ein großer Spaß!

‚Powerman‘/‚Wheels on Meals‘ (1984)

Wo anfangen mit Jackie Chans Hongkong-Filmografie? Das ist keine ganz einfache Frage. Weil es da verdammt viele Filme gibt und verdammt viele auch noch ziemlich gut sind. ‚Police Story‘ wäre eine gute Antwort. Die ‚Armour of God‘ Filme. ‚Drunken Master‘, oder ‚Die Schlange im Schatten des Adlers‘ oder ‚Rumble In The Bronx‘. ‚Fantasy Mission Force‘ wäre eine Trollantwort, aber eine unterhaltsame. Meine Antwort heute lautet ‚Powerman‘. Das ist allerdings ein doofer und irgendwie irreführender Titel, weil drei Leute im Zentrum des Films stehen. Allerdings ist der internationale Titel auch irgendwie seltsam. Der Film heißt ‚Wheels on Meals‘ statt ‚Meals on Wheels‘, weil Produzent Raymond Chow abergläubisch war und seine letzten zwei Filme, deren internationale Titel mit einem „M“ anfingen gefloppt waren. Macht ‚Powerman‘ allerdings nicht besser. Wobei man glauben könnte es sei ein früher Superheldentitel. Was angesichts Jackies ja auch nicht ganz falsch ist. Es gibt tatsächlich einen Marvel-Helden der so heißt. Wenn wir 2034 bei dessen Verfilmung angekommen sind, wird es beim deutschen Titel Probleme geben. Wurscht, Disneys Problem, kommen wir zum Film.

Thomas (Jackie Chan) und David (Yuen Biao) sind chinesische Immigranten in Barcelona. Hier führen sie, aus einem mit allerlei Tricks ausgestatteten Mitsubishi L300 heraus, einen fahrbaren Schnellimbiss. Thomas nimmt dabei auf den engen Märkten der Stadt Skateboard-fahrend die Bestellungen auf und David kocht. Zwischendurch erwehren sie sich auch mal mit beeindruckenden Kung-Fu Künsten einer Motorrad-Bande. Währenddessen ist Moby (Sammo Hung) überraschend zum Leiter einer Detektei geworden. Vor allem deshalb, weil sich sein Chef aufgrund hoher Schulden verstecken muss. Er bekommt von einem mysteriösen Auftraggeber den Job eine junge Frau namens Sylvia (Lola Forner) ausfindig zu machen. Die ist eine Taschendiebin, die Thomas und David über den Weg läuft, die sich beide sofort in sie verknallen. Allerdings ist noch eine andere, deutlich finsterere Gruppe auf der Suche nach Sylvia.

Sammo Hung, der auch Regie führte, wollte ein exotisches Setting für seinen Film. Und aus Sicht von Hongkong ist Barcelona natürlich ziemlich exotisch. Gleichzeitig sollte das aber auch das Interesse am Film in Europa erhöhen. Wenn man dem Film etwas vorwerfen könnte, dann vielleicht, dass er im Action-Komödie-Verhältnis das Gewicht eindeutig mehr auf Komödie setzt. Gerade die erste Stunde ist recht Action-arm, von einer kurzen, heftigen Auseinandersetzung mit einigen Bikern abgesehen.

In meinen Augen macht das jedoch die Action die da ist allerdings wieder wett. Bei einer Autoverfolgungsjagd etwa, werden durchaus kreativ die Möglichkeiten des Imbisswagens genutzt. Da wird Ketchup auf die Windschutzscheibe der Verfolger gesprüht, oder mit Bratfett eine Ölspur gelegt. Höhepunkt sind aber natürlich die Martial Arts Szenen. Wenn die drei „Helden“ am Ende das Schloss des Bösewichts stürmen um Sylvia und ihre Mutter zu retten, dann ist das die perfekte Mixtur aus Action und Humor. Jackies Kampf gegen Kickboxer Benny Urquidez wird nicht umsonst immer mal wieder unter den besten Martial Arts Kämpfen erwähnt, die je auf Zelluloid gebannt wurden. Der Legende nach sollte er eigentlich recht kurz laufen, doch als alle Beteiligten merkten wie gut Urquidez war, wurde er immer länger. Dazwischen geschnitten immer wieder Szenen der anderen beiden Protagonisten, die sich mit ihren „Endgegnern“ auseinandersetzen. Ja, die einzige Kritik, die mir hier bleibt ist wirklich, dass ich davon gern noch mehr gehabt hätte.

Denn die andere Seite der Medaille die Komödie funktioniert zwar durchaus noch, zeigt aber weitaus größere Alterungsspuren als die Action. Man könnte sich sicherlich über veraltete Frauenbilder und den Umgang mit psychischer Krankheit echauffieren, aber all das fühlt sich nie bösartig, sondern stets schlicht albern an. So stellt der Film immer wieder heraus, dass die Insassen der Psychiatrie, unter anderem Davids Vater, zwar verrückt sind, aber sicherlich immer noch cleverer als unsere nicht ganz hellen Protagonisten. Jackie Chan ist natürlich charismatisch wie immer und hat tolle Chemie mit allen seinen Ko-Stars. Die lustigsten Szenen hat Sammo Hung aber, so scheint es mir jedenfalls, für seinen Charakter Moby reserviert. Wenn der, selber nicht gertenschlank, in einem Restaurant voller übergewichtiger Gäste einen Charakter namens „Fatso“ sucht und an jedem Tisch wo er sich erkundigt zu einem Glas Rotwein eingeladen wird, dass er mit den Worten „ich darf heute aber eigentlich nicht trinken“ auf ex stürzt, dann ist das durchaus komisch. Der Plot allerdings ist wenig mehr als Mittel zum Zweck um die Szenen zu verbinden.

Chan, Biao und Hung waren allesamt Klassenkameraden an der Peking Opera School, ein Theaterschul-Internat, spezialisiert auf Martial Arts, Gesang und Schauspiel auf klassisch chinesische Art. Sie kennen sich also seit Kindesbeinen und nicht zuletzt daher hat dieser Film ganz offensichtlich teilweise den Charme eines Filmprojekts, das drei alte Freunde gemeinsam realisieren. Aber auch mit den westlichen Darstellern muss das Verhältnis gut gewesen sein, denn sowohl mit der ehemaligen Miss Spanien Lola Forner, als auch mit Kickbox-Meister Urquidez haben Hung und Chan später erneut gearbeitet.

Was bleibt am Ende übrig? Eine durchaus alberne Komödie, die vom Charme ihrer Darsteller lebt, vor allem aber von perfekten Slapstick-Martial Arts, von denen man sich bloß noch mehr wünschen würde.

‚Triangle‘ (2009)

Der Brite Christopher Smith hat in den 2000ern eine Reihe von Filmen gedreht, die mir damals alle sehr gut gefallen haben. Von ‚Creep‘ (2004) bis ‚Black Death‘ (2010). Nachdem ich die alle nun etwa 10 Jahre nicht gesehen habe, wird es Zeit mal die Probe aufs Exempel zu machen: gefallen sie mir noch? Und damit die Sache auch nicht zu einfach wird, habe ich für diese Rezension gleich mal den Film ausgewählt, dessen Handlung man kaum beschreiben kann ohne zu spoilern. Prima gemacht, clever wie üblich. Ich werde mir allerdings Mühe geben nichts Wesentliches zu verraten. Legen wir los mit der Geschichte, soweit ich sie enthüllen mag.

In Miami ist die alleinerziehende Mutter Jess (Melissa George) mit der Erziehung ihres autistischen Sohnes Tommy (Joshua McIvor) annähernd überfordert. Zur Entspannung will sie an einem Segeltörn mit ihrem Bekannten Greg (Michael Dorman) und einigen seiner Freunde auf dessen Segelyacht teilnehmen. Greg ist überrascht als Jess ohne Tommy und sichtlich verwirrt am Pier auftaucht. Doch nachdem sie erklärt, dass Tommy in der Schule sei, brechen sie auf. Ein seltsames Wetterphänomen lässt auf hoher See die Yacht kentern. Allerdings werden die Passagiere alsbald vom Luxusliner Aeolus aufgelesen. Zur Überraschung aller ist das Schiff jedoch verwaist. Doch irgendjemand ist hier, und er ist den Schiffbrüchigen ganz und gar nicht wohlgesonnen.

Vielleicht ist aufgefallen, dass ich oben die Charaktere außer Jess kaum erwähnt habe. Das hat einen Grund. Der Film führt sie zwar reichlich umfänglich ein, da ist etwa das reiche Ehepaar, das Greg mit ihrer Freundin verkuppeln möchte und über die Anwesenheit von Jess nicht glücklich ist. Oder Victor (Liam Hemsworth), ein gerade 18Jähriger, der von zuhause abgehauen ist und jetzt bei Greg wohnt. Und Greg selber, der, falls ihn der vorige Satz noch nicht suspekt machen sollte, mit Jess auch noch eine Frau auf einen Segeltörn einlädt, die er nur als Kellnerin aus einem Diner kennt. All diese Dynamiken nimmt man interessiert zur Kenntnis und merkt dann alsbald, dass alle außer Jess eigentlich nur hier sind, um den Bodycount zu erhöhen.

Damit sind wir auch bei der Mitte des Films, die leider ordentlich durchhängt. Einige Minuten zu viel quält uns der Film mit den Charakteren, die durch endlose holzvertäfelte Edelschiff-Gänge laufen und „Hallooo?“ rufen. Wenn er dann endlich Fahrt aufnimmt tut er dies, indem er erst einmal mehr Fragen aufwirft. So, ohne zu viel zu verraten, muss ich an dieser Stelle das Wort „Zeitschleife“ in den Raum werfen. Genau eine solche kreiert Smith hier nämlich durchaus elegant, wenn auch die Motivation der in der Zeitschleife gefangenen Person erst einmal etwas dünn bleibt.

Die klärt sich erst im vielleicht interessantesten dritten Akt auf, wo wir dann die Metapher des gesamten Films begreifen. Allerdings wirf das dann die Frage auf, was die ganze Chose mit dem Schiff sollte. Sicherlich, da ist der mythologische Bezug im Namen des Schiffs zu Aiolos, dem Herrn der Winde, der Odysseus einen Sack gab, den er auf der Reise von seiner Insel nach Ithaka verschlossen halten sollte, dafür gäbe er ihm stets günstigen Wind. Doch Odysseus Gefährten öffneten den Sack und das Schiff wurde zurück zur Insel von dem nun gar nicht mehr freundlichen Aiolos getrieben. Ein schönes Bild für ein deja-vu oder eine Zeitschleife. Und natürlich war Aiolos der Vater von Sisyphos, wie der Films selbst erwähnt, und wenn sich einer mit ewig wiederkehrenden Handlungen auskennt, dann der olle Steinroller.

Das Drehbuch ist offensichtlich durch eine Reihe von Veränderungen gegangen, die nicht zuletzt mit dem mageren Budget zu tun haben. Das lässt sich bereits am Titel erkennen. ‚Triangle‘ spielt natürlich auf das berüchtigte Bermudadreieck an, wo der Film ursprünglich spielen sollte. Nun spielt er vor der Küste Floridas, wurde allerdings in und vor Queensland mit größtenteils australischen Darstellern gedreht. Und nun heißt halt die Yacht Triangle. Als Filmtitel war der aber wohl allzu elegant um noch geändert zu werden.

Darstellerisch kann sich hier Melissa George voll und ganz beweisen. Ein ganzes Spektrum an Emotionen muss und kann sie hier abbilden. Und das macht sie durchaus überzeugend. Alle anderen bleiben, zwangsläufig, ziemlich blass. Hemsworth ist teilweise auch mal nicht wirklich gut. Aber was soll‘s, er war tatsächlich 18 und es war sein zweiter Film, da will ich mal nicht zu hart urteilen.

Smith erzählt in oftmals kränklich ausgebleichten Bildern. Als würde man gerade aus einem Alptraum erwachen und die wirkliche Welt noch schlimmer vorfinden. Die typische schattenhafte Finsternis von Horrorfilmen umgeht er zum größten Teil. Gelegentlich, vor allem während des Sturms, sieht man durchaus, dass der Film an der absoluten Grenze dessen agiert, was sein Budget erlaubt. Das sind CGI, die auch 2009 nicht wirklich gut waren.

Ich sag mal ganz deutlich wie es ist: ‚Happy Death Day‘ hat ‚Triangle‘ die Mortadella vom Brot geklaut, was mörderische Zeitschleifenfilme mit Slasherelementen angeht. Nun könnte sich ‚Triangle‘ hinstellen und sagen, es habe immerhin ein edles selbstgebackenes Dinkel-Nuss-Brot und ‚Happy Death Day‘ begnügt sich mit irgendeinem Mischbrot vom örtlichen Bäcker. Und richtig, ‚Happy Death Day‘ will nicht vielmehr als ein unterhaltsamer Slasher sein und ‚Triangle‘ beschäftigt sich mit Schuld und Zyklen von Gewalt und ähnlich schweren Themen. Aber letztlich hat ‚Happy Death Day‘ die Mortadella. Die Mortadella ist in diesem Bild der faszinierende Film, ich habe Hunger, okay. ‚Triangle‘ wirkt letztlich ein wenig beliebig. Warum das Schiff, wozu der Aufbau der Beziehungen zwischen den Figuren, wenn sie letztlich nirgendwo hinführen? Warum ist Tommy nur etwa 5 Minuten im Film, wo er doch das wichtigste Element ist? Auf all das finde ich keine befriedigenden Antworten, während ‚Happy Death Day‘ seine Story absolut befriedigend über die Ziellinie bringt.

Also, funktioniert der Film für mich heute noch? Ja, gerade so eben. Wenn man, wie ich, Zeitschleifen faszinierend findet, dann kann man hier absolut noch etwas herausziehen. Ich müsste aber lügen, würde ich behaupten, ich hätte jetzt nicht gewisse Sorge, ob mir Smiths übrige Filme noch zusagen werden.

‚Tremors – Im Land der Raketenwürmer‘ (1990)

Ron Underwood ist nicht unbedingt ein Name, bei dem man sofort aufhorcht. Dabei ist sein Karrierebeginn mindestens erstaunlich. Nur mit einem Kurzfilm, etwas Seterfahrung und Regieerfahrung bei zwei Fernsehserienfolgen legte er Universal seine Idee für ein „Creature Feature“ B-Movie, aber mit höherem Budget vor. Und Universal sagte ja. Seinen wahren Erfolg würde der Film zwar erst auf VHS finden (wo viele seiner Sequels auch direkt ihr Debüt feierten), doch das lag eher an Universal als am Film selbst, wie ich unten zeigen werde. Das Ende von Underwoods Kinofilmkarriere war übrigens ähnlich spektakulär wie sein Beginn. Dank des Megaflops ‚Pluto Nash‘ dreht er heute Weihnachtsfilme für TV Sender. Aber über ‚Pluto Nash‘ wollen wir heute nicht reden, lieber über den weit erfreulicheren ‚Tremors‘.

Valentine (Kevin Bacon) und Earl (Fred Ward) sind Tagelöhner in dem winzigen Kaff Perfection in Nevada. Als sie endlich beschließen den Ort zu verlassen, um woanders ihr Glück zu finden, müssen sie feststellen, dass die einzige Straße aus dem abgelegenen Wüstental versperrt ist. Und irgendwas hat die Telefonleitung gekappt. Funk funktioniert, wegen der umgebenden Berge, eh nur im Tal. Doch nicht nur ist man plötzlich abgeschnitten, auch tötet irgendetwas plötzlich die Bewohner abgelegener Gehöfte. Die seltsamen Beobachtungen von Seismographie-Doktorandin Rhonda (Finn Carter) zeigen, was immer es ist, es bewegt sich unter der Erde. Die kleine Gemeinde muss einen Weg finden das Tal zu verlassen, oder aber, was wenigstens Waffennarr Burt Gummer (Michael Gross) deutlich lieber wäre, sich gegen die Gefahr zu wehren.

Horrorkomödien sind beliebt, neigen aber häufig dazu eines der beiden Elemente stärker zu betonen. Einige der besten Beispiele, etwa ‚Evil Dead 2‘, schaffen es, dass sich das eine stets aus dem anderen speist. ‚Tremors‘ geht einen anderen, ebenso erfolgreichen Weg. An den Kreaturen und ihren Angriffen ist grundsätzlich nichts komisch. Im Gegenteil, ihre Einführung ist sehr atmosphärisch. Zunächst sieht man sie gar nicht, dann glaubt man, es handle sich um Würmer etwa von der Größe einer Riesenschlange, bis sich herausstellt, dass dies nur die Zungententakel des eigentlichen Wesens sind. Von Wesen die nicht nur intelligent, sondern, wie Val zwischendurch häufiger fürchtet, cleverer als die Bewohner von Perfection sein könnte.

Und genau hier kommt der Humor ins Spiel. Der speist sich aus den Beziehungen der Charaktere untereinander und natürlich ihren Reaktionen auf die Monster. Im Mittelpunkt stehen hier natürlich Val und Earl. Und Ward und Bacon haben ganz eine wunderbare Chemie miteinander. In den 80ern war der Charakter des „liebenswerten Arschlochs“ äußerst beliebt. Kurt Russell hat den zur Perfektion geführt, aber Bacon darf hier zeigen, dass auch er ihn durchaus beherrscht. Doch am Ende ist auch sein Val ein anständiger Typ, wie eigentlich alle Charaktere hier. Denn nicht nur ist der Cast divers, er kommt auch quasi ohne jegliche Klischees aus. Burt Gummer ist noch am ehesten klischeehaft, wird aber von Michael Gross charismatischer Darstellung getragen. Ein Glück, denn das Klischee des waffenstarrenden Verschwörungstheoretikers ist gerade in den letzten Jahren doch sehr schlecht gealtert. Vor allem bekommt jeder Charakter hier ihren oder seinen Moment.

Der Film verlässt sich zu keiner Zeit auf seine Monster, oder deren Angriffe als pure Träger des Interesses. Ich vermute der Film würde ähnlich gut funktionieren, wenn man die Viecher nie wirklich zu sehen bekäme. Umso besser, dass wenn man das doch tut, sie auch noch gut aussehen. Der Film ist eine der ersten praktischen Spezialeffektarbeiten der Firma Amalgamated Dynamics von Stan Winston-Schüler Tom Woodruff jr.. Der hat alle Graboid Requisiten erst einmal ein paar Tage in der Wüste vergraben, um ihnen einen glaubwürdigen unterirdisches Aussehen zu verleihen. Wenigstens in meinen Augen halten sich die Effekte auch heute noch auf ansehnlichem Niveau. Vor allem hilft, dass wirklich etwas da ist, worauf die Darsteller reagieren können. Unterstützt wird das mit einigen eindrucksvollen Kamerafahrten von Kameramann Alexander Gruszynski.

Kurz, jeder hat hier erkennbar sein Bestes gegeben und kann zu Recht stolz auf den Films ein. Doch dann bekam man bei Universal kalte Füße ob der eigenen Courage einem Anfänger so einen Film zu finanzieren. Und so kippte man den geplanten US-Kinotermin im November 1989 und verschob den Film drei Monate. Die Zeit nutzte man, um die Altersfreigabe zu senken. Jede Menge böse F-Worte wurden direkt aus dem Film geschnitten. Wo das nicht ging wurde nachsynchronisiert. Und man ahnt sofort wo. „Can you fly, you sucker?“ geht ja noch, aber das mehrfach verwendete „motherhumper“ finde ich ganz furchtbar. Doch Universal war noch nicht fertig mit dem Film. Wochen vor dem neuen Erscheinungstermin entschied man, dass der Soundtrack von Ernest Troost „zu albern“ sei und heuerte Robert Folk für einen neuen an. Der tat in der kurzen Zeit (Folk sagt, er habe nur etwa 5 Tage(!) für die Komposition gehabt) was er konnte, schaffte aber nur einige heroische Stücke für die zweite Hälfte des Films. Er verzichtete auf eine Nennung in den Credits.

Universal bewarb den Film insgesamt eher halbherzig. Und so blieb er im Kino weit hinter den Erwartungen zurück. Fand sein Publikum dann aber auf VHS, in den 90ern ein äußerst lukrativer Markt. Damit brachte es der Film bislang auf sechs Sequels (ich kenne die meisten nicht, aber es klingt so als nähme die Qualität stetig ab) und eine Spin-Off Serie. Nicht zuletzt deshalb blieb ihm bislang immerhin das vermutlich dennoch unausweichliche Remake erspart.

Also, lohnt sich ‚Tremors‘ heute noch? Ich finde auf jeden Fall! Der Film ist ziemlich gut gealtert, Kevin Bacon charismatisch wie eh und je und der gesamte Rest des Casts hochsympathisch. Die Tricks sind dem Film angemessen und funktionieren durchaus, stehen aber ohnehin hier nie wirklich im Mittelpunkt. Grabt ihn also, wo auch immer, aus, denn wenn Universal ihn damals nicht kaputt gekriegt hat, dann schafft es die Zeit erst recht nicht.

‚Komm, süßer Tod‘ (2000)

Jetzt erscheint schon wieder eine Rezension. Ich bin auf Umwegen zum Brenner gekommen. Das scheint aber rückschauend auch der beste Weg, um dort zu landen. Vor ein paar Jahren sagte mir jemand, ich solle Wolf Haas‘ ‚Das Wetter vor 15 Jahren‘ lesen, ohne mich vorher darüber zu informieren. Das habe ich getan und war begeistert. Also nahm ich mir vor demnächst Haas‘ Brenner-Krimis zu lesen. Habe ich aber nicht. Letztlich bracuhte es aber nur eine Pandemie, damit ich mit der Serie anfange. Ich lese sie mit großen Abständen, um möglichst viel davon zu haben, so bin ich jetzt beim vierten Buch ‚Silentium‘, falls es wen interessiert. Und nun bin ich also bei den Filmen gelandet.

Wenn man einen Brenner Roman liest, ist es fast unmöglich, sich eine Verfilmung vorzustellen. Jedenfalls für mich. Und wenig überraschend hat Haas selbst sie einmal als unverfilmbar bezeichnet. Denn, ungewöhnlich für den Kriminalroman, steht hier weniger die Handlung als die Form im Mittelpunkt. Es ist Haas‘ Prosa und vor allem sein Erzähler, der die Reihe einzigartig macht. Ein allwissender Erzähler, der aber stets mäandert, vom Hundertsten in Tausendste kommt, seine Meinung zum Geschehen ausführlich kundtut, übertreibt, untertreibt, wiederhollt. Er erzählt in einer Form, oft in merkwürdigen Satzfragmenten, die sich ins Hirn eingräbt, der man kaum entkommen kann. Ich bin sicher, ich könnte meine Artikel des letzten Jahres durchgehen und erkennen, welche „unter Einfluss“ eines Brennerromanes entstanden sind.

Wie überträgt man ein solches, durch und durch schriftstellerisches Element erfolgreich in das visuelle Medium Film? Baut man nämlich nur die Handlung nach, bleibt ein gelungener aber sicher nicht überragender Krimi dabei übrig. Lässt man den Erzähler aus dem Off quatschen, dürften die Charaktere kaum einmal zu Wort kommen. Nun, Wolfgang Murnberger ist es tatsächlich gelungen. Vermutlich nicht zuletzt, weil Haas auch an der Adaption mitgearbeitet hat. Aber kommen wir erst einmal zur Handlung.

Als Polizist gefeuert, als Privatdetektiv gescheitert, arbeitet Simon Brenner (Josef Harder) seit knapp drei Monaten für den Rettungsorganisation „Kreuzretter“ in Wien. Hier bildet er ein Fahrerteam mit dem Zivildienstleistenden Berti (Simon Schwartz). Immer wieder schnappt ihnen die Konkurrenz vom „Rettungsbund“ lukrative Fahrten vor der Nase weg. Fast als würden sie den Funk der Kreuzretter abhören. Doch als Kreuzretter-Kollege Gross (Bernd Michael Lade) den Krankenhaus-Verwaltungsdirektor Stenzl und dessen Affäre Irmi mit einem Durchschuss ermordet, kann man erahnen, dass hier eine durchaus größere Sache am Laufen ist. Da muss ich der widerwillige Brenner der Sache wohl doch annehmen. Nicht zuletzt um seine frühere Liebe Klara (Barbara Rudnik) zu beeindrucken, die er bei einer Rettungsfahrt zufällig wiedertrifft.

‚Komm, süßer Tod‘ ist unter den ersten drei Büchern der Reihe sicher die beste Wahl für eine Verfilmung. Nicht zuletzt, weil die Handlung typische Elemente des Film Noir aufgreift. Eine scheinbar banale Sache führt zu einer gigantischen Verschwörung, die weite Kreise zieht. Und mittendrin Brenner als hard boiled detective. Wobei, so hartgekocht ist er natürlich nicht wirklich. Genau daraus speist sich ja ein guter Teil des Humors. Brenner ist ausgestattet mit all den maskulinen Merkmalen des typischen Detektivs. Doch durch eine leichte Ironisierung wird er vollkommen, allumfänglich uncool dabei. Simon Brenner ist eine derart uncoole Figur, dass es fast unmöglich ist, ihn nicht zu mögen. Selbst in seinen vielen unsympathischeren Momenten.

Und damit sind wir bei der größten Stärke des Films. Josef Hader als Brenner sieht nicht im Geringsten aus, wie ich mir die Figur vorgestellt habe und er ist ideal besetzt. Gleichzeitig grantig, verzweifelt, mitfühlend, clever, aber nicht zu clever und immer etwas auf Abwegen ist sein Brenner. Der ist nicht ganz der des Buches und funktioniert so als eigene Adaption, doch ist er ihm ähnlich genug, dass er in meiner Vorstellung zukünftig nun wohl auch die Rolle einnehmen wird.

Der Film übernimmt den rabenschwarzen Humor des Buches und die oftmals rücksichtslose Raubeinigkeit der Rettungsfahrer. Ein paar Anpassungen macht er doch, aber die sind vermutlich zum Besten. So beginnt der Film wenigstens nicht gleich damit, dass eine Katze vom Rettungswagen überfahren wird, doch den kleinen Hund Burli erwischt es später doch noch. Gross ist im Film Deutscher, hat daher den Spitznamen „Piefke“. Im Buch hatte er den Spitznamen „Bimbo“. Keiner wusste genau warum. Und später beim Hacken hilft Brenner im Film seine wiedergefundene Klara. Im Buch erpresste er hierfür jemanden, den er früher als Polizist verhaftet hatte. Überhaupt wird die Handlung ein wenig stromlinienförmiger gemacht, um in hundert Minuten zu passen und um visuelle Komik angereichert. Der Erzähler fällt übrigens doch nicht völlig weg, meldet sich aber nur in 3-4 Szenen zu Wort. Ein guter Kompromiss, wie ich finde.

Natürlich ist es tatsächlich kaum möglich die seltsame, abschweifende Art der Bücher, die ja exakt Brenners seltsame, abschweifende Art der Ermittlung widerspiegelt exakt in den Film zu übernehmen. Gelegentlich geht es mir denn auch zu fix. Die Melodie, die Brenner im Buch immer wieder gedankenverloren pfeift etwa, wird  hier allzu schnell zugeordnet. Aber der Film fängt das „feeling“ des Buches sehr gut ein. Und erweitert wo es sinnvoll ist. So ist etwa von der wilden Fahrweise der Rettungsdienste hier deutlich mehr zu sehen.

Die Besetzung neben Hader ist bis in die Nebenrollen sehr gut gelungen. An ein paar Dingen könnte ich mäkeln, so fiel es mir anfangs etwas schwer dem 30jährigen Simon Schwartz den naiven Zivildienstleister abzukaufen, aber letztlich gab er ihn überzeugend genug, dass es mich nicht mehr störte.

Insgesamt also eine Verfilmung von der ich, ehrlich gesagt, gar nichts erwartet hatte und äußerst positiv überrascht wurde. Jetzt habe ich nicht mehr nur eine Handvoll Romane vor mir, sondern auch noch ein paar Filme. Prima. Ich kann Buchreihe und immerhin diesen Film jedem Interessierten empfehlen. Oder Ihr lest einfach Das Wetter vor 15 Jahren ohne Euch vorher darüber zu informieren. Das funktioniert auch.