‚In den Krallen des Satans‘ (1971)

Anmerkung: so wie in der Überschrift steht der Titel auf meiner BluRay und scheint damit den früher geläufigen Titel ‚In den Krallen des Hexenjägers‘ zu ersetzen. Damit ist er näher am originalen ‚The Blood On Satans Claw‘ (oder ‚Satans Skin‘ oder ‚Blood In Satans Claw‘…) und auch näher an der Handlung des Films. Aber die wandelbaren Titel von 70er Jahre Horrorfilmen sind ja eh so ein Thema für sich…

Die 70er Jahre sahen einen ziemlichen Umbruch im Horror. Die Alien Invasionen und Riesenmonster der 50er waren lange durch. Die alten gothic Monster hatten sich, auch in ihrem zweiten Wind durch die britischen Hammer Studios, ziemlich totgelaufen. In den USA hatte George Romero mit ‚Night of the Living Dead‘ eine unaufhaltsame Lawine der Zombiefilme losgetreten, die 1971 aber noch nicht absehbar war. Den Serienmörder gab es schon, aber er war noch nicht zum Slasher codifiziert. Tatsächlich würde man sich im englischsprachigen Raum auf beiden Seiten des Atlantiks in eine ganz ähnliche Richtung bewegen. Der Horror wäre auf dem Land, oder gar im Land, also der Erde selbst, zu finden. 1974 würde Tobe Hooper mit ‚Texas Chainsaw Massacre‘ den Horror der USA revolutionieren. Den „backwoods horror“ etablieren. In Großbritannien ging dieser Schritt aufs Land hingegen mit einer Rückbesinnung auf die eigene, heidnische Geschichte zurück. Berühmtestes Beispiel für diesen „folk horror“ ist sicherlich ‚The Wicker Man‘ von 1973. Doch bereits zuvor gab es Beispiele dafür. Wie eben Piers Haggards ‚The Blood On Satans Claw‘.

Im frühen 18ten Jahrhundert entdeckt Ralph Gower (Barry Andrews), Knecht der wohlhabenden Witwe Isobel Banham (Avice Landone), einen seltsamen, weder menschlichen noch tierischen, haarigen Schädel mit intakten Augen beim Pflügen des Feldes. Als er diese Scheußlichkeit einem Richter (Patrick Wymark) zeigen will, der bei Witwe Banham zu Besuch ist, ist sie jedoch vom Feld verschwunden. Alsbald geschehen seltsame Dinge. Banhams Neffe Peter (Simon Williams) stellt seiner missbilligenden Tante seine zukünftige Braut Rosalind (Tamara Ustinov) vor. Doch in der Nacht wird diese wahnsinnig und verletzt Banham mit einer seltsamen Klaue. Die alte, verletzte Frau verschwindet am nächsten Tag unauffindbar im Wald. Peter sieht sich derweil selbst von einer haarigen Klaue attackiert, die er mit einem Dolch erfolgreich abschlägt, nur um festzustellen, dass er sich selbst verstümmelt hat. Und die Jugendlichen des Dorfes um Angel Blake (Linda Hayden) bleiben plötzlich nicht nur dem Pfarrunterricht fern, sie führen auch seltsame Kulthandlungen im Wald aus. Fast wirkt es, als müsste der Richter auf jenen alten Aberglauben zurückgreifen, den er so verachtet, um die Situation zu retten.

Der Film macht sehr schnell deutlich, dass wir es hier nicht mit der bekannten Welt des Hammer Horrors zu tun haben. Dort herrscht die starre Ständeordnung des viktorianischen Zeitalters und okkulte Vorkommnisse waren durchaus nicht unvorstellbar. Hier sind wir im Zeitalter kurz nach der Glorreichen Revolution, als in England der Absolutismus abgeschafft wurde. Der Monarch erhielt seine Souveränität vom Parlament, nicht mehr von Gott. Ewig wirkende Vorstellung galten nicht mehr, die Aufklärung setzte sich durch.

Daher haben wir es hier auch nicht mit dem für folk horror oft typischen Thema von Christentum gegen Heidentum zu tun. Der Der Dorpfarrer des Films (Anthony Ainley) ist ein dröger Intelektueller, der bei einem Begräbnis kaum seine Langeweile verbergen kann, aber begeistert auf die Suche nach biologischen Fundstücken geht. Der „Held“ des Films, der Richter, kann seine Verachtung für den Aberglauben der Landbevölkerung kaum verbergen. Letztlich ist es ausgerechnet ein dämonologisches Buch des Dorfarztes (Howard Goorney), ein Mann der seine Patienten nur bluten lassen kann und ihren Schnaps wegtrinkt, das ihn auf die richtige Fährte bringt. Nein, die Aufklärung, so sagt der Film, hilft nicht gegen diesen Schrecken. Aber der alte Aberglaube ist ähnlich sinnlos und gefährlich. Wenn eine Gruppe Bauern aus dem Nachbardorf ein junges Mädchen (Michele Dotrice) als Hexenprobe ins Wasser werfen und sie tatsächlich untergeht, folglich unschuldig ist, macht keiner von ihnen Anstalten ihr zu helfen. Und wenn der Richter im Finale mit einem grotesk antik wirkenden Breitschwert agiert ist es zutiefst fraglich, ob gerade das zu einem wirklichen Ende führen kann.

Überhaupt ist der Film sehr gut darin, uns im Unklaren zu lassen, was der Schrecken überhaupt ist, der hier bekämpft wird. Geht der Teufel um? Herrscht eine Massenhysterie? Oder ist es doch ein unerklärlicher, womöglich zyklischer Schrecken, der aus der Erde selbst ersteht?

Hier müssen wir nun über den Mann sprechen, den Piers Haggard als für den Film bedeutsamer als sich selbst bezeichnet. Kameramann Dick Bush. Der hatte soeben bei der BBC gekündigt und wollte raus aus dem damals extrem engen Korsett, das englischer Kameraarbeit aufgezwängt wurde. Und rannte damit bei Haggard offene Türen ein. So ist ‚Blood On Satans Claw‘ ein Film, bei dem fast jede Kameraeinstellung visuell interessant ist. Anfangs dreht er fast sämtliche Szenen aus Kniehöhe nach oben schauend, als wäre da etwas im Boden, was die Menschen belauert. In zwischenmenschlichen Szenen dreht er mit einer hochmobilen Handkamera, bringt quasi „nouvelle vague“-ische Unruhe in die Interaktionen. Während die Natur die handelnden Personen immer enger einzukreisen scheint. Zweige, Äste, Grashalme oder Blumen sind fast immer am Bildrand zu sehen, scheinen die Menschen zur Bildmitte zu drängen. Später nimmt dies die Geschichte direkt auf, wenn die Kultisten geflochtene Zweige um ihre Köpfe als Kronen tragen. Und in der Szene mit Peter und seiner Hand ist die Kamera derart aktiv, dass ich mich fast frage, ob Sam Raimi die Szene im Kopf hatte, wenn er Ash seine eigene Hand absägen lässt.

Das Studio Tigon plante den Film ursprünglich als Anthologie. Es sollte mehrere Geschichten geben, die lose durch den Fund Gowers verbunden waren. Aber Haggard überzeugte Autor Robert Wynne-Simmons eine einzige, durchgehende Geschichte daraus zu machen. Allerdings sind im Drehbuch fraglos Spuren der alten Struktur übrig geblieben. So verschwindet der Richter für lange Zeit nach London, Peter kommt kaum mehr vor, nachdem er sich selbst verstümmelt hat. Es ist schwer, wirkliche Protagonisten auszumachen. Am ehesten noch Gower und seine Frau Ellen, die ihre Kinder an den Kult verlieren und das als Hexe misshandelte Mädchen aufnehmen und so wesentliche Verbindungen zu fast allen Storyelementen haben. Nur sind sie sehr selten aktiv handelnde Figuren. Das trägt zum seltsamen Gefühl der Unkontrollierbarkeit des Films bei. Die Menschen des Dorfes entwickeln plötzlich schrundige Hautstellen von einem dichten, schwarzen Fell behaart und werden alsbald vom Kult entführt, der diese Stellen brutal herausschneidet. Was all dies bedeutet, deutet der Film nur an und die Figuren an sich wissen eher noch weniger darüber als wir als Zuschauer. Es ist ein Gefühl nicht nur der Hilflosigkeit sondern des Unverständnisses, das den Schrecken erhöht.

‚In den Krallen des Satans‘ ist ein faszinierendes, frühes Beispiel für folk horror, das einen langen Schatten bis in die heutige Zeit mit Filmen wie ‚The Witch‘ oder ‚Midsommar‘ wirft.

‚Schneller als der Tod‘ (1995)

Derzeit ist Regisseur Sam Raimi ja mal wieder in aller Munde. Der Marvel-Maschinerie sei Dank. Es gibt aber eine Phase seiner Karriere, über die wird kaum gesprochen. Die Zeit zwischen seinen ‚Evil Dead‘ und ‚Spider-Man‘ Trilogien. Das hat sicherlich seine Gründe. ‚The Gift‘ zum Beispiel ist schlicht kein guter Film. ‚Ein simpler Plan‘ hingegen ist ein guter Film, wurde aber irgendwie immer ein bisschen wie die Pepsi zu ‚Fargos‘ Coca Cola behandelt. Und ob ‚Aus Liebe zum Spiel‘ gut oder schlecht ist, weiß ich nicht, weil ich ihn nie gesehen habe. Denn wenn es etwas auf dieser Welt gibt, das mich weniger interessiert als Baseball, dann ist es vermutlich noch nicht erfunden. Aber um all diese Filme soll es heute gar nicht gehen, sondern um Raimis Beitrag zum kleinen Western-Revival der 90er, das mit ‚Erbarmungslos‘ (oder ‚Zurück in die Zukunft III‘?) begann, mit ‚Der mit dem Wolf tanzt‘ seinen größten Erfolg erreichte und von wicka-wicka ‚Wild Wild West‘ zu Grabe getragen wurde.

‚Schneller als der Tod‘ fiel damals bei Kritik und Publikum weitgehend durch. Es ist schwer wirklich nachzuvollziehen woran das lag. Es wäre wohl zu einfach, zu sagen, es war pure Misogynie. In einem Genre so testosteronbesoffen wie dem Western konnte man, zumindest damals, auch mit einer Sharon Stone als Hauptdarstellerin nix reißen. Vielleicht ist es jedoch nicht ganz falsch. Aber das erklärt nicht, warum bis heute die große Wiederentdeckung des Films, die „Kultfilmisierung“ sozusagen, ausgeblieben ist. Denn in der Rückschau wird der Film nur interessanter.

So war er eine Zusammenarbeit von Raimi und Kameramann Dante Spinotti, bekannt nicht nur für seine lange Zusammenarbeit mit Michael Mann sondern auch für Filme wie ‚L.A. Confidential‘, auf dem Höhepunkt ihrer Fähigkeiten. Und da kamen zwei visuell durchaus unterschiedliche Stile zusammen. Aber fast noch interessanter ist seine Besetzung. Die haben wir zu einem guten Teil Sharon Stone zu verdanken, die als Ko-Produzentin hier einigen Einfluss genommen hat. So finden wir hier einen vierschrötigen aber attraktiven Australier namens Russel Crowe in seiner ersten Hollywoodrolle. Es sollte ihn nicht viel Zeit kosten, zum Star zu werden. Und Leonardo DiCaprio, fünf Minuten bevor er mi der rechts-links-Kombination aus ‚Romeo & Julia‘ und ‚Titanic‘ zum absoluten Superstar wurde. Hier lehnte ihn Studio TriStar aber noch derart entschieden ab, dass Stone seine Gage aus eigener Tasche bezahlen musste.

Aber bevor wir noch länger theoretisch über den Film reden, kommen wir zum Eingemachten. Fangen wir mit der Geschichte an.

Das Jahr ist 1881. Der Lokaltyrann John Herod (Gene Hackman) veranstaltet in dem Städtchen Redemption sein alljährliches Duell-Tournier, bei dem dem Sieger erstaunliche 123.000 Dollar winken. Daher kommen allerlei Scharfschützen und Glücksritter der weiteren Umgebung zusammen. Auch Herods ungeliebter Sohn Fee, genannt The Kid (DiCaprio) nimmt teil. Weniger des Geldes wegen, mehr um den Respekt seines Vaters zu erlangen. Den widerwilligen Priester Cort (Crowe) zwingt Herod gar mit Gewalt zur Teilnahme. Doch die erstaunlichste Teilnehmerin ist wohl die geheimnisvolle Lady (Stone), die ebenfalls weniger am Geld interessiert scheint und es eher auf die Möglichkeit abgesehen hat, dem Gauner Herod eine Kugel zu verpassen. Doch bis dahin wird sie es mit einer Menge übelstem Gesindel aufnehmen müssen.

Der Western ist ein Genre, das seine Tropen sehr ernst nimmt. Natürlich weiß jeder Zuschauer in dem Moment, als die Lady auftaucht, dass sie sich an Herod für erlittenes Unrecht rächen will. So sicher, wie man weiß, dass er auf Rache aus ist, wenn Charles Bronsons Charakter in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ auf dem Bahnsteig materialisiert. Und das ist auch völlig in Ordnung so. Sich darüber zu verwundern ist so sinnlos wie zu hinterfragen, warum in einem Musical die Leute plötzlich zu Singen und Tanzen beginnen. Doch manche Filme weben diese Tropen zu geradezu mythologischen Höhenflügen auf, wie eben Leone in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ und manchmal sind sie nur der geschmacksangebende Hintergrund für einen Film. Wie hier.

Viel ist gesagt worden über die gegenseitige kreative Befruchtung zwischen Eastern und Western. Die sieht mach auch hier ganz deutlich. Im Kung Fu Film ist die Idee des Kampfsporttourniers, veranstaltet von einem Mistkerl, an dem die Heldin aus ganz persönlichen Gründen teilnimmt, nicht selten. Schließlich muss man sich dann keine fadenscheinigen Gründe aus den Fingern saugen warum Charakter x sich mit Charakter y kloppt. Drehbuchautor Simon Moore hat es schlicht auf den wilden Westen übertragen. Und wir wissen alle, dass der Kampfsport des Westerns das Schießeisen ist und seine organisierteste Form das Duell.

Und so bekommen wir hier genau das. Eine Reihe von effektvoll inszenierten Duellen. Das sind denn auch die Momente, in denen sich Raimis typischer Stil Bahn bricht. In wilden Zooms auf durchlöcherte Köpfe und Torsos hinrast. Den typischen Schnittwechsel zwischen den Gesichtern der Teilnehmer und der großen Rathausuhr mit derart wilden Dollyzooms untermalt, dass man meint vom Sofa zu fallen. Zwischen den Duellen allerdings ist die Kameraführung deutlich kontrollierter als man es von Raimi kennt. Was ich einfach mal Spinotti zuschreibe. Die Kamera ist immer noch mobil, doch gibt es gelegentliche Aufnahmen, die man auch direkt ausdrucken und an die Wand hängen könnte. Was nicht nur mit Spinottis eleganter Inszenierung, sondern auch mit dem meisterhaften Produktionsdesign von Patrizia von Brandenstein (‚Amadeus‘, ‚Die Unbestechlichen‘) zu tun hat, die dafür sorgt, dass dieser Western fast schon überreich ausgestattet ist.

Dazu kommt die wunderbare Musik von Alan Silvestri. Der hat in seiner langen Karriere nicht viele Western orchestriert, genau genommen diesen, ‚Young Guns II‘ und ‚Zurück in die Zukunft III‘, doch folgt er hier elegant vor allem Ennio Morricone, aber auch Elmer Bernstein, versieht die Musik aber mit seinem ganz eigenen Schwung, der zu diesem wilden Film passt.

Die Story folgt, wie erwähnt, bekannten und teils ausgetretenen Pfaden. Aber die Darsteller lassen sie funktionieren. Allen voran natürlich Gene Hackman, der gar nicht fähig ist, eine schlechte Darstellung abzuliefern, gibt seinen Fiesling mit einer derartigen Spielfreude, dass man ihm jedes seiner miesen Worte am liebsten glauben würde. Bei DiCaprio stellt sich kaum die Frage warum er zum Star werden würde. Er meistert die komischen wie dramatischen Elemente seiner Rolle als würde er das seit Jahrzehnten machen und wäre nicht gerade eben 20. Und auch Crowe darf hier schon tun was er am besten kann. Den reibeisenstimmigen Stoiker geben, der zu ebenso plötzlichen wie heftigen Gewaltausbrüchen neigt. Sharon Stone wird selbst in positiven Besprechungen des Films oft negativ dargestellt. Und das erschließt sich mir gar nicht. „Starke Frauen“ im 90er Actionfilm waren allzu oft pure Karikaturen, die entweder so stahlhart waren, dass gar kein erkennbarer Charakter mehr übrig war, oder brauchten eben doch immer wieder die Hilfe eines starken Mannes. Stone gibt ihre Lady mit all der nötigen Härte, aber auch Verletzlichkeit. Sie ist nie der unberührbare Clint Eastwood Charakter, der das Duell schon gewonnen hat, wenn er auf die Straße tritt. Sie muss sich jeden Millimeter vorwärts verdienen und zeigt das, in meinen Augen durchaus glaubhaft.

Aber tatsächlich ist sie auch für mich nicht das Highlight des Films. Das sind aber auch nicht die anderen, erwähnten Darsteller, obwohl all ihre Leistungen, wie gesagt, wirklich gut sind. Aber mein Highlight ist die ellenlange Liste an „Ach, der Typ“-en, die hier im Film auftauchen. Charakterköpfe die man immer wieder sieht, aber deren Namen man nicht unbedingt kennt, machen hier einen guten Teil der Tournierteilnehmer aus. Da ist Lance Henriksen als langhaariger Dandy. Tobin Bell als besonders dreckiger Drecksack. Keith David als Pfeife schmauchender Ex-Militär. Mark Boone junior als entflohener Sträfling „Scars“. Und sogar Schwarzeneggers Bodybuilder Kumpel Sven-Ole Thorsen als schwedischer Schützenkönig und allzu große Zielscheibe. Um nur einige zu nennen. Und jeder von denen bekommt einen grandiosen Auftritt vor seinem schmerzhaften Abgang.

Okay, bevor ich hier jetzt noch anfange über das Finale zu schwärmen, das wahrlich keine Wünsche offen lässt, sage ich stattdessen einfach, geht los und schaut ‚Schneller als der Tod‘. Jetzt. „Aber ich mag keine Western“, sagt Ihr. Ich sage, gebt dem Film eine Chance, denn Ihr habt noch nie einen Western im Raimi Stil gesehen. „Aber ich mag Raimis Stil nicht“, sagt Ihr. Geht hin und schaut den Film, denn das hier ist Raimi durch Spinottis Linse und auch das habt Ihr so noch nicht gesehen. „Aber in dem Film kommt gar kein Baseball vor“, sagt Ihr, vermutlich nur um mich zu ärgern. Daher würdige ich das nicht einmal einer Antwort. Mann ey, warum lest ihr immer noch diesen Quatsch, statt ‚Schneller als der Tod‘ zu schauen? Entdeckt endlich den Film wieder, damit wir was Besseres bekommen als die lieblos hingerotzte BluRay ohne jeden Bonus! Ich verspreche auch, auf Hipster-haftes „ICH mochte den Film schon, bevor es cool war“ zu verzichten! Definitiv in meinen Raimi Top 3!

‚Scream‘ (2022)

Mein kurzer(?) Exkurs über die ‚Scream‘-Reihe neulich hat hoffentlich deutlich gemacht, dass ich die Filme sehr mag. Ja, auch die nicht so guten. Aber dieses Sequel/Soft Reboot war ich mehr als bereits zu ignorieren, als ich das erste Mal davon gehört habe. Ich meine, ich habe nie auch nur eine Minute der TV Serie gesehen und habe nicht das geringste Bedürfnis, das zu ändern. Und nun ein weiterer Film ohne Wes Craven, ohne Kevin Williamson, ohne Marco Beltrami? Nee, ohne mich. Aber zwei Dinge sprachen dann doch laut genug für den Film. Ich mag die Charaktere, also die großen Drei, Sidney, Gale und Dewey genug, um ernsthaft neugierig zu sein, wie es ihnen nach mehr als zehn Jahren geht. Und zweitens, Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett würden die Regie übernehmen. Also das Duo hinter ‚Ready Or Not‘, den ich sehr mochte. Und denen ich zutraue, Cravens Ton zu treffen und der Serie gleichzeitig etwas Neues abzugewinnen. Schauen wir mal, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war.

25 Jahre nach Billy Loomis und Stu Machers Morden, wird in Woodsboro High School Schülerin Tara Carpenter (Jenna Ortega) von einem Täter in Ghostfacemaske überfallen und schwer verletzt. Ihre entfremdete, ältere Schwester Sam (Melissa Barrera) kehrt daraufhin nach Woodsboro zurück, das sie vor Jahren überstürzt verlassen hat. In Taras Freundeskreis geht alsbald Paranoia um, wer der Mörder sein könnte, vor allem als es schnell zu weiteren, diesmal tödlichen Vorfällen kommt. Die Medien-affine Mindy (Jasmin Savoy Brown) hat einen Verdacht, worum es sich handeln könnte. Einige Hardcore-Fans der ‚Stab‘ Filme waren zutiefst erzürnt über Rian Johnsons achten Film der Reihe. Womöglich genügt es einigen von denen nun nicht mehr, nur wütende Youtube-Videos zu drehen, sondern sie wollen ihren eigenen, besseren ‚Stab 8‘ inszenieren. Schließlich basierten die frühen Filme der Reihe auf Gale Weathers True Crime Büchern. Währenddessen informiert Ex-Sheriff Dewey (David Arquette) Sidney Prescott (Neve Campbell) und eben jene Gale Weathers (Courteney Cox), dass Ghostface mal wieder umgeht. Bald stellt sich heraus, dass die aktuelle Mordserie mehr Verknüpfungen zu den alten hat, als man erwarten würde. Als ob es sich um eines von diesen Legacy-Sequels handeln würde.

Ich sag es mal direkt heraus: ich hatte so viel mehr Spaß mit dem Film als ich erwartet habe! Problem solcher Legacy-Sequels ist es ja oft genug, dass ich eigentlich nur für die alten Charaktere hier bin. Und das war, zugegeben, anfangs bei mir auch der Fall. Und die gute Nachricht ist, dass die sehr gut geschrieben sind und die Darsteller sie natürlich inzwischen wie Handschuhe tragen. Ihre Darstellung wirkt mühelos gekonnt. Ich mag wirklich, wie genervt sie inzwischen von Ghostface sind. Als wäre es eine lästige Pflicht, die es alle paar Jahre zu erfüllen gilt. Eine potentiell tödliche, lästige Pflicht. Die neuen Charaktere und Darsteller sind da zugeben durchwachsen. Gerade Melissa Barrera als relativ zentrale Sam fand ich oft ein wenig enttäuschend. Ihr Gimmick, das ich hier nicht verraten möchte, war durchaus clever und sparsam genug eingesetzt um effektiv zu sein. Aber ihre Darstellung war mir viel zu zurückgenommen. Zugegeben, auch das zielte auf einen Effekt, funktioniert deswegen aber nicht besser. Neve Campbell zeigt mit ihrer Sidney immer wieder, dass sie Verletzlichkeit und Stärke zu verbinden weiß. Das gelingt zum Glück auch Jenna Ortega als Tara, die eine ähnlich zentrale Rolle einnimmt. Die Show stiehlt in der jungen Crew aber fraglos Jasmin Savoy Browns Mindy, die hier die „Expertinnenrolle“ von Randy Meeks geerbt hat. Das alte Team ist, wie erwähnt, gewohnt grandios und wenn hier einer besonders hervorsticht, dann ist es wohl David Arquette, dessen Dewey ein einzigartiger Charakter bleibt. Er spielt ihn nachwievor seltsam und ein wenig neben der Spur, aber nie dumm und zu jedem Moment liebenswert.

Filmisch fällt auf, wie viel des Films tagsüber spielt und wie rücksichtslos Ghostface auch im Hellen zuschlägt (und dabei seinen glitzernden Umhang zeigt). Die Morde sind insgesamt durchaus einfallsreich und teilweise erstaunlich brutal für eine Reihe, die sich nie wirklich durch Gore ausgezeichnet hat. Was auffallend fehlt sind die üblichen Verfolgungsszenen, bei denen Ghostface allerlei Gegenstände an den Kopf gepfeffert werden und er sich effektvoll hinpackt, sein Opfer am Ende aber doch immer kriegt. Womöglich hatten die Regisseure hier das Gefühl das habe sich, achtung grausiges Wortspiel, totgelaufen.

‚Scream‘ (ich weigere mich sowas wie ‚5cream‘ oder ‚M4trix‘ zu schreiben, weil das Bedürfnis mir dafür selbst auf die Nase zu hauen zu groß wäre) geht in seinem Metakommentar über das Horrorgenre hinaus. Elevated Horror bekommt zwar sein Fett weg, aber es ist mehr die Idee des nostalgischen späten Legacy-Sequels, über das er sich recht gekonnt lustig macht. Und über Fankultur. Aber das ist seit ‚Scream 2‘ Serientradition. Wie die Erwähnung Johnsons deutlich macht, ist insbesondere auch Star Wars Zielscheibe. Der Film wird den Slasher im Jahr 2022 sicher nicht revolutionieren, wie ‚Scream‘ das 1996 getan hat. Aber er ist dennoch ein unterhaltsamer Vertreter des deutlich weniger bedienten Genres.

Die Aufdeckung der Täter, die ich hier offensichtlich nicht verraten werde, wirft ja in jedem Teil der Reihe so einige Fragen auf, die einer allzu genauen Untersuchung eher nicht standhalten. Hier aber ist eine extrem zentrale Stelle derart fragwürdig, dass ich fast vermute der bereits angekündigte nächste Teil (‚Scr6am‘? Au, mbeine Ndase!) könnte parallel zu diesem spielen. Das ist aber pure, haltlose Spekulation meinerseits.

Also, empfehle ich den Film? Ist es Euer erster ‚Scream‘? Dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob Ihr hier wahnsinnig viel herausholen könnt. Ist es Euer fünfter ‚Scream‘ und Ihr mögt sie alle irgendwo, seid aber unsicher, aufgrund des neuen Kreativteams? Dann würde ich ihn auf jeden Fall empfehlen. Eure Erwartungen an eine ‚Scream‘ Fortsetzung sollten halt entsprechend eingenordet sein. Er hält das insgesamt recht hohe Niveau der Reihe (verglichen mit anderen Horror-Franchises) und besser als der dritte Film ist er allemal. Für mich auch etwas besser als der Vierte.

‚Dark City‘ (1998)

Was war da los, im Hollywood der späten 90er, das zu einer solchen Vielzahl an Filmen geführt hat, die mit der gnostischen Idee einer gefälschten, imperfekten Realität spielen, die die größere Wahrheit verbirgt? ‚Dark City‘, ‚Truman Show‘, ‚Matrix‘ oder ‚The 13th Floor‘. War es die viel beschworene Millenniumsangst? Eine plötzliche Suche nach Sinn oder gar Gott, ohne das Wort auszusprechen? Man kann vermutlich eine gerade Linie von diesen Filmen zu den post-Millenniumsfilmen ziehen, die sich damit beschäftigten, dass wir unseren Erinnerungen nicht trauen können. ‚Memento‘ oder ‚Eternal Sunshine Of The Spotless Mind‘. War vielleicht beides ein Erkennen von und eine Warnung vor der Informationsmacht des Internet, der wir nicht gewachsen sind und die unsere Gesellschaft und gar unsere Realität zu fragmentieren droht? Das sind spannende Fragen, um die ich nicht umhin kann, wenn ich einen dieser Filme heute schaue. Eine Antwort auf sie habe ich aber offensichtlich auch nicht.

‚Dark City‘ war in mehrfacher Hinsicht ein Wegbereiter für die Matrix. Alex Proyas ist mit dem Skript schon seit Jahren hausieren gegangen und wurde informiert, es sei schlicht nicht verfilmbar. Nachdem er mit ‚The Crow‘ einen ordentlichen Hit abgeliefert hatte, witterte er seine womöglich einzige Chance. Ließ die Autoren Lem Dobbs und David Goyer sein Skript verfeinern und überzeugte schließlich New Line Cinema ihm 27 Millionen Dollar zu finanzieren. Doch wurde man dort sehr schnell unsicher, was den Film betraf. Proyas musste einen Prolog einfügen, der im Voice-over die große Wendung des Films direkt einmal vorweg nahm (der 2008 veröffentlichte Directors Cut entfernt diesen Prolog und wird allein dadurch zur bevorzugten Version). Daher bin ich hier auch mit Spoilern nicht allzu vorsichtig. Und auch im Marketing wusste man sich nicht wirklich zu helfen. Konzentrierte sich auf die wenigen Horror-Aspekte des Films. Hier konnte Warner sich direkt abgucken, wie man es besser machen konnte. Mal ganz davon ab, dass man für einige Szenen in der Matrix die aufwändigen, düsteren Bauten für ‚Dark City‘ wiederverwenden würde.

Der wilde Genre-Mix des Films macht für mich allerdings gerade seine große Faszination aus. Film Noir, deutscher Expressionismus, Gothic Horror, Serienkiller Thriller und Science Fiction geben sich hier die düstere (und vermutlich schmierige) Klinke in die Hand. Und damit berührt der Film eine Menge meiner liebsten Genres. Er präsentiert sich in oft beinahe monochromatischen Bildern, deren Düsternis gelegentliche Schwächen von CGI und Miniaturen elegant überspielen und sich vor allem hochatmosphärisch geben. Es gab in den 90ern nicht viel vergleichbares, höchstens die frühen Filme von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro, ‚Delicatessen‘ und ‚Stadt der verlorenen Kinder‘. Aber kommen wir erst einmal zur Handlung.

John Murdoch (Rufus Sewell) wacht ohne Erinnerung in einer Badewanne auf. Außer ihm befindet sich in seinem Hotelzimmer nur die grausig zugerichtete Leiche einer Frau. Während der verwirrte Murdoch in die Nacht flüchtet, macht sich eine ganze Reihe von Leuten auf die Suche nach ihm. Da ist seine besorgte Ehefrau, Nachtclubsängerin Emma (Jennifer Connelly). Und natürlich Inspektor Bumstead (William Hurt), der Murdoch mit einer ganzen Serie von Morden in Verbindung bringt. Am wichtigsten aber vielleicht der seltsame Dr. Schreber (Kiefer Sutherland), der Murdoch im Auftrag der geheimnisvollen „Fremden“ sucht, gleichzeitig aber ganz eigene Pläne verfolgt. Murdoch indessen ergründet die Geheimnisse der Stadt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint und in der nie die Sonne scheint. Alle ihre Bewohner, so merkt er bald, sind Teil eines grotesken Experiments der Fremden. Eines Experiments, das er womöglich entscheidend beeinflussen kann.

Die eigentliche Story ist es vielleicht nicht unbedingt, die den Film voranbringt. Es gibt Elemente, die sehr gut funktionieren. Die anfängliche Frage, ob Murdoch nun ein (Serien-)Mörder ist oder nicht, oder das Geheimnis um den Küstenort Shell Beach. Aber allzu oft sitzen sich hier Charaktere gegenüber und erklären einander die Handlung noch einmal. Das bremst den Film gelegentlich aus, wobei aber erwähnt werden muss, dass es nie auch nur annähernd so schlimm wird wie in den Matrix Sequels.

Es ist die Atmosphäre, die den Film trägt. Die gigantischen, dräuenden Gebäude, in deren oberen Stockwerken niemand zu wohnen scheint, die unterdrückend wirken, ohne dass es dort oben einen Unterdrücker gäbe. Unterstützt von Trevor Jones Musik, die in ihren wilden Crescendos einerseits der dargestellten Zeit der 1940er angemessen wirkt, andererseits teilweise selbst bedrückend wirken kann. Und manchmal vielleicht ein wenig aufdringlich. Die eigentlichen Unterdrücker finden sich unter der Erde und zwischen den Wänden, über die sie die vollständige Kontrolle haben. Die Fremden bedienen sich toter Menschen als Wirte und tauschen die Erinnerungen der Menschen der Stadt nach Belieben aus und verändern die Umgebung, so dass sie zu den neuen Umständen passt. Alles in der Hoffnung, die menschliche Seele zu ergründen. Irgendwo zwischen ‚Nosferatus‘ Graf Orlok, den Cenobiten aus ‚Hellraiser‘ und den Grauen Herren aus ‚Momo‘ sind sie gleichsam Kerkermeister und Experimentatoren.

Aus ihrer weitgehend gleichförmigen Masse stechen einige heraus. Mr. Book (Ian Richardson), der Anführer, Mr. Hand (Richard O’Brian), der später im Film zu einem düsteren Zerrbild von Murdoch wird, oder der kindliche, sadistische Mr. Sleep. Sie geben faszinierende Bösewichte ab. Unterstützt von Kiefer Sutherland, dessen Dr. Schreber mit seinen Manierismen und seiner zögerlichen Sprache wie ein zum Gehorsam gebrochener Handlanger wirkt. Schauspielerisch glänzt jedoch vor allem Rufus Sewell. Er schafft die Gratwanderung eines Charakters, von dem wir einerseits glauben, er könnte ein Serienmörder sein, andererseits hoffen, dass er es nicht ist. Bumstead und Emma bleiben leider ein wenig blass (auch hier schafft der Directors Cut ein wenig Abhilfe).

Letztendlich ist es aber vermutlich die Düsternis des Films, die ihn einerseits interessant macht, aber andererseits auch den großen Erfolg verhindert hat. Und damit meine ich nicht nur die Düsternis der Bilder, sondern auch letztlich der Geschichte. ‚Matrix‘ und ‚Dark City‘ fußen beide auf Platons Höhlengleichnis. Wenn Neo am Ende von Matrix aber Superman-gleich in den Himmel stürmt, dann zweifeln wir nicht daran, dass er die Menschen aus der Höhle herausführen wird. Doch in ‚Dark City‘ ist die Außenwelt nur eine weitere Lüge. Das Einzige was Murdoch als allmächtiger Kerkermeister tun kann, ist das Gefängnis ein wenig größer zu machen und das Licht anzuschalten.

Ich gebe zu, es ist ein wenig seltsam, dass ich, nachdem ich selbst nun große Teile des Films verraten habe zum Directors Cut rate, weil der genau das nicht tut. Er ist keine gigantische Verbesserung, füllt aber ein paar Figuren besser aus und lässt Jennifer Connelly mit ihrer eigenen Stimme singen, entfernt vor allem den furchtbaren, überflüssigen Prolog und allein dafür verdient er die bevorzugte Version zu sein.

Aber letztlich ist es egal in welcher Version Ihr ihn schaut, ich empfehle ihn so oder so. Sowohl als Teil jener „falsche Realität“ Welle der späten 90er, als vor allem auch als gelungene Genre-Melange, die man so nicht oft zu sehen bekommt. Und in jedem Fall als Alex Proyas besten Film.

‚Annette‘ (2021)

Seit den 70er Jahren versucht das experimentierfreudige Pop/Rock Duo Sparks, bestehend aus den kalifornischen Brüdern Ron und Russel Mael, ein Filmmusical zu realisieren (Edgar Wright hat letztes Jahr mit ‚The Sparks Brothers‘ eine Doku über sie veröffentlicht). Zuerst mit Jacques Tati, später in den 90ern mit Tim Burton. Geklappt hat es nicht. Auch ihr neuester Versuch hatte beste Chancen zu scheitern, haben sie ihre Idee doch ausgerechnet an Leos Carax geschickt, der seit 1991 und ‚Die Liebenden von Pont Neuf‘ im Durchschnitt nur alle 10 Jahre einen neuen Film veröffentlicht. Und so liefert der Franzose Carax hier nicht nur sein erstes Musical, sondern auch seinen ersten englischsprachigen Film ab. Man könnte sagen, hier treffen zwei künstlerische Welten aufeinander, und das wäre sehr passend, geht es doch auch im Film um zwei künstlerische Welten, die aufeinander treffen.

Henry McHenry (Adam Driver) ist ein Stand-up Comedian. In seinem provokativen Programm „The Ape Of God“ gibt er sich bewusst misanthropisch, schreit seine Verachtung für sein Publikum heraus, kurz, gibt sich größte Mühe „Anti-Kultur“ zu präsentieren und beendet sein Programm mit einem inszenierten Anschlag auf sein Leben. Ann Defrasnoux (Marion Cotillard) ist eine gefeierte Opernsängerin. Die feinfühlige Wahrhaftigkeit in der Darstellung ihrer Charaktere und deren Tode, macht sie zu einem gefeierten Star der Hochkultur. Kein Wunder, dass die Klatschpresse förmlich explodiert, als die beiden ihre Beziehung öffentlich machen. Doch was soll’s, solange sie gemeinsam glücklich sind. Alsbald wird Annette geboren. Doch mit der Geburt des Kindes gehen die Karrieren der beiden Künstler plötzlich in scharf unterschiedliche Richtungen. Henry überreizt seine Provokation, wenn er auf der Bühne vorspielt, wie er seine Frau ermordet und niemand will ihn mehr sehen. Anns Kariere erreicht gleichzeitig neue Höhen. Doch dann geschieht ein Unglück und Ann stirbt. Als sich herausstellt, dass Baby Annette mit besonderen Begabungen geboren wurde, sieht Henry eine letzte Chance auf Ruhm gekommen.

Carax erforscht mit seinem neuesten Film ähnliche Themen wie mit ‚Holy Motors‘, seinem wilden, episodenhaften Trip durch Paris. Wahnhafter Durst nach Bestätigung, Ruhm und Erfolg, der Umgang damit und vor allem mit deren Verlust. Das Genre des Musicals nimmt er dabei sehr ernst, nicht zuletzt, indem er fast vollständig auf gesprochene Passagen verzichtet. Dies bedeutet aber auch, dass er über fast zweieinhalb Stunden immer neue visuelle Interpretationen für die eingängigen Melodien von Sparks finden muss. Und genau hier glänzen Carax und Kamerafrau Caroline Champetier. Sie spielen mit der Künstlichkeit vieler Settings, stellen sie direkt der Realität gegenüber. Arbeiten mit Parallelmontagen und sich überlagernden Bildern. Wechseln von intimen Nahaufnahmen zu wilden Massenszenen, vermischen das Private und das Öffentliche. Ann wechselt von der Opernbühne in einen echten Wald und zurück. Das Audiovisuelle des Films ist nichts weniger als magnetisch. Und das ist dringend nötig, denn jetzt gilt es über Annette selbst zu sprechen.

Annette ist eine Puppe. Ohne dass irgendeiner der Charaktere diese doch recht erstaunliche Tatsache je zur Kenntnis nehmen würde. Ich hatte ernsthaft überlegt, ob ich das hier überhaupt erwähnen sollte. Denn ich wusste es vorher nicht, weil ich bewusst allen Informationen über den Film ausgewichen bin. Und, ich sag mal, das kam überraschend. Nun muss man bei Carax auf Überraschungen gefasst sein, aber ich gebe zu, ich brauchte eine ganze Weile, bis ich verstand, was das sollte. Warum besetzt Carax seinen namensgebenden Charakter mit einer merkwürdigen Puppe, die dank ihrer roten Haare in manchen Szenen verdammt nochmal wie Chucky aussieht? Ist es, weil Baby Annette Dinge tun muss, die ein echtes Baby/Kleinkind nicht könnte und kein Budget für CGI da war? Ist das einer von diesen postmodernen Scherzen, die ich nie kapiere? Es hat eine Weile gedauert, bis ich es verstanden habe, doch es wird klar. Und nein, der Grund für die Besetzung mit einer Puppe ist weder zynisch, noch ein Gag. Es lohnt sich Carax das Vertrauen und die Geduld entgegenzubringen. Denn zum Finale hin führt er sämtliche teilweise inkongruent scheinenden Elemente des Films zusammen, einschließlich Annette selbst. Und seine Aussage ist eine deutliche, eine gute und eine wichtige. Im Zentrum des Films steht nämlich letztendlich eine arg problembehaftete Vater-Tochter-Beziehung. In gewisser Weise wirft George Franjus ‚Augen ohne Gesicht‘ seinen Schatten also auch auf diesen Film, genau wie schon auf ‚Holy Motors‘.

Adam Driver stellt hier seine extreme darstellerische Bandbreite unter Beweis. Von der sympathischen Nerdigkeit aus ‚Paterson‘ bis zum körperlichen Dräuen eines Star Wars Schurken. Sein Henry ist ein Mann, der seine Misanthropie zum Schutz- und sogar Aushängeschild gemacht hat, aber nicht davor gefeit ist, wieder und wieder in (selbst-)zerstörerische Muster zu verfallen. Auch mit den besten Vorsätzen hat er am Ende immer nur die wichtigste Person vor Augen: sich selbst. Cotillards Ann ist schwerer greifbar. Sie scheint noch weniger losgelöst von ihrer Kunst zu existieren als Henry. Wirkt oft genug fast ätherisch. Cotillard gibt ihr Feinfühligkeit aber auch Zerbrechlichkeit. Wenn sie Henry später als Rachedämon heimsucht, scheint der fast eher wie etwas, was aus Henrys zerstörerischem Geist erwächst. Driver und Cotillard sind hervorragend in diesem Film, das ist schön, aber keine große Überraschung. Positiv überrascht hat mich allerdings wie gut ‚Big Bang Theory‘ Darsteller Simon Helberg war. Sein Dirigent (einen Namen bekommt er nicht) ist keine ganz leichte Rolle. Verzweifelt und sich selbst erniedrigend, findet er sich schließlich auch in einem selbstzerstörenden Kreislauf wieder, wie es die oft um ihn kreisende Kamera schon andeutet.

‚Annette‘ ist kein Film für jeden. Das ist eine extrem nutzlose Aussage, ich weiß. Wem sich die Zehennägel jedes Mal aufrollen, wenn jemand in einem Musical zu singen beginnt, dann bleibt dem Film lieber gleich fern. Sonst rollen die bis unters Knie. Ich vermute auch, ich kann es niemandem übel nehmen, der irgendwo während der gut 140 Minuten aufgibt, ich kann nicht bestreiten, dass der Film in der Mitte ein paar Längen hat. Ich bin aber der Meinung, dass das Finale den gesamten Film noch einmal ein ganzes Stück höher hebt. Nicht das die originelle Inszenierung, die darstellerischen Leistungen und die eingängigen Melodien nicht an sich schon genug wären. Für mich jedenfalls schlägt der Film Carax ‚Holy Motors‘ und wird zu meinem neuen Lieblingsfilm von ihm. Und zu einem der besten, die ich dieses Jahr bislang gesehen habe.

‚The Endless‘ (2018)

Ich sage eine Sache gleich vorweg. Es ist relativ schwierig über ‚The Endless‘ zu schreiben, ohne dicke Spoiler auszupacken. Ich bemühe mich genau das nicht zu tun, wenn sich das Folgende teilweise etwas ausweichend liest, dann liegt das vor allem daran. Wer den Film aber völlig unvoreingenommen sehen will, sollte das natürlich tun, ohne diesen Text zu lesen.

Nachdem sie ‚Resolution‘ aus eigener Tasche finanziert haben und für ‚Spring‘ einen Kredit aufgenommen hatten, haben Aaron Moorhead und Justin Benson hier ihren ersten „klassisch“ finanzierten Film. Und weil sie noch nicht genug zu tun hatten, beide als Regisseure, Produzenten und Cutter, Benson als Autor und Moorhead als Kameramann, übernehmen sie hier auch noch die Hauptrollen. Sie setzen damit ihre Rollen aus ‚Resolution‘ fort, die dort allerdings nur kurze Cameo-Auftritte waren. Überhaupt ist ‚The Endless‘ vielleicht nicht direkt eine Fortsetzung von ‚Resolution‘, aber er faltet dessen recht trippige Geschichte gekonnt in eine größere Mythologie. Allerdings sind beide Filme auch völlig unabhängig voneinander zu schauen und zu verstehen.

Die Brüder Aaron (Moorhead) und Justin (Benson) Smith haben vor zehn Jahren einen seltsamen Kult verlassen. Ihre Erinnerungen an diesen sind jedoch sehr unterschiedlich. Während der ältere Justin, der die Flucht angestrebt hatte, sich an einen selbstverstümmelnden UFO-Todeskult erinnert, meint Aaron eher eine harmlose Hippie-Kommune in seiner Erinnerung zu sehen. Als sie ein seltsames Video vom Kult erhalten, überredet Aaron Justin zu einem letzten Besuch. Der stimmt zu, in der Hoffnung, das würde Aaron endlich die Augen öffnen. Doch als sie dort ankommen, scheint sich eher dessen Erinnerung zu bestätigen. Anführer (auch wenn er selbst sich nicht so nennt) Hal (Tate Ellington) beeilt sich zu betonen, dass alles Geschehene vergeben und vergessen sei. Der Rest scheint tatsächlich eine verschrobene aber harmlose Künstlerkommune. Unter anderen Bierbrauer Tim (Lew Temple), Modedesignerin Anna (Callie Hernandez) und Malerin Lizzy (Kira Powell) scheinen sehr freundlich. Sie scheinen aber auch erstaunlich wenig gealtert. Justin bemerkt alsbald seltsame Geschehnisse, die die Sekte entweder ignoriert oder in ihre Religion aufnimmt. Aaron fühlt sich immer stärker zur Gemeinschaft hingezogen. Als Justin Jennifer (Emily Montague) trifft, die auf der Suche nach ihrem Mann Michael, der seinem besten Freund Chris bei einem Drogenproblem helfen wollte, bei der Sekte gelandet ist, und nun nicht mehr fort kann, will er sich endgültig absetzen. Doch das droht zum Bruch zwischen den Brüdern zu führen.

Moorhead und Benson entwickeln den sich entfaltenden Schrecken hier elegant und sorgfältig. Wenn die Brüder die Stadt verlassen und sich ins kalifornische Hinterland begeben, dann bleichen nicht nur die Bilder des Films mehr und mehr aus, auch der Negativraum wächst und wächst. Die umgebende Landschaft wird größer und größer, die Menschen darin kleiner und kleiner, bis sie fast darin verschwimmen. Bis die Landschaft so groß ist, dass man fast überzeugt ist, dass sie Dinge enthalten muss, die größer und gefährlicher sind als Berglöwen und Klapperschlangen, die die größte reale Gefahr darstellen. Wenn sich der Schrecken dann (mehr oder weniger) zeigt, dann scheint er tatsächlich, genau wie diese Kreaturen, der Landschaft selbst zu entspringen. Das Konzept, dass die beiden Macher hier entwerfen ist dann ein recht komplexes, in das sich ‚Resolution‘ problemlos einfügt, um Teil eines lovecraftschen, kosmischen Schreckens zu werden.

Dazu trägt auch der Ambient-Soundtrack von Jimmy LaValle bei, mit dem die Macher seit ‚Spring‘ ständig zusammenarbeiten (‚Resolution‘ hatte keinen Soundtrack). Seine Klänge scheinen ebenfalls aus der Landschaft selbst zu erwachsen und sind gelegentlich kaum von den seltsamen Lauten der Umgebung zu unterscheiden.

Es braucht jedoch eine gewisse Geduld, damit sich die Geschehnisse entsprechend entfalten können. Und dafür, dass man (oder wenigstens ich) diese Geduld hat, dafür sorgt die inzwischen etablierte andere große Stärke der beiden Filmemacher. Die komplexe Beziehung zwischen zwei Menschen glaubhaft und wahrhaftig darzustellen. In ‚Resolution‘ waren es die besten Freunde, in ‚Spring‘ die frisch Verliebten und hier sind es eben nun die beiden Brüder. Und sie fangen den komplexen Gratwandel dieser Beziehung sehr gut ein. Das Verantwortungsgefühl des einen, das zum Minderwertigkeitsgefühl des anderen führt, die leise Rivalität, der unterschiedliche Umgang mit erlittenem Trauma, aber eben auch die tiefe Liebe zwischen beiden, die hier das stetig schlagende emotionale Herz des Films bildet.

Ich werde Benson und Moorhead hier nun nicht unterstellen brillante Schauspieler zu sein, ihre offensichtlichen Stärken als Filmemacher liegen klar woanders, doch gelingt es ihnen das Bruderpaar glaubhaft zu transportieren. Das liegt vielleicht daran, dass es in gewisser Weise Abbild ihrer tatsächlichen Beziehung ist. Es ist deutlich, dass man hier zwei Freunde sieht, die gern und viel Zeit miteinander verbringen, genau wissen wie der andere tickt und wie man ihn aufzieht. Schauspielerisch tut sich für mich hier vor allem Tate Ellington hervor, der seinen Hal mit einer mühevoll aufrechterhaltenen, freundlichen Fassade gibt, hinter der sich nicht nur Ressentiments gegenüber der Flucht der Brüder und Zorn über ihre „Lügen“ verbirgt, sondern womöglich noch Schlimmeres.

Mit ‚The Endless‘ schaffen Benson und Moorhead ihr eigenes „Cinematic Universe“, das aber eher thematische als marketingtechnische Fundamente hat. Der Film ist absolut sehenswerter Independent Horror, der ohne Gore und Jumpscares aber dafür mit jeder Menge Atmosphäre arbeitet. Vermutlich nicht für jeden geeignet, aber wenn er funktioniert, dann richtig gut.

Und beim nächsten Mal sehen wir, was passiert, wenn unser Duo mit Schauspielern arbeitet, von denen man vielleicht schon einmal gehört hat. In ‚Synchronic‘.