‚Devil’s Rain – Nachts, wenn die Leichen schreien‘ (1975)

Im Sinne der Genauigkeit möchte ich direkt darauf hinweisen, dass in diesem Film keinerlei Leichen schreien. Das haben die deutschen Titelgeber wohl auch gemerkt und ihn später in ‚Nachts, wenn die Zombies schreien‘ umbenannt. Doch auch von Untoten ist hier keine nächtliche Ruhestörung zu erwarten. Dies ist ein Film, der voll auf der okkulten Welle der 70er mitschwimmt. Aber ‚Nachts, wenn die Satanisten skandieren‘ hat vermutlich einfach nicht denselben Klang. Unter dem Titel der Überschrift taucht er heute auf Streaming-Plattformen auf (oder auch nicht, er ist nicht sooo leicht zu finden). Haben wir zur Falschaussage also immerhin auch den Originaltitel. Jetzt aber zum Film (es ist eigentlich immer ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Film ca. vier verschiedene deutsche Titel hat, oder?).

‚Devil’s Rain‘ wurde, aus mir gänzlich unverständlichen Gründen, bislang noch nicht als Kultfilm (im wahrsten Sinne des Wortes…) wiederentdeckt. Dabei hat Regisseur Robert Fuest, bekannt für die beiden Dr. Phibes Filme, eine Art campy, 70er Jahre Vorläufer der ‚Saw‘-Filme, aber mit Vincent Price und daher 258% besser, hier einen absolut eindrucksvollen Cast zusammengetrommelt. Aber bekannt ist ‚Devil’s Rain‘ eigentlich nur für exakt eine Sache. Der Gesichtsabdruck von William Shatner, der für diesen Film erstellt wurde, diente auch als Vorlage für jene Captain Kirk-Halloween-Maske, die, erheblich modifiziert, das Gesicht von Michael Myers in John Carpenters ‚Halloween‘ verbergen sollte. Tatsächlich erinnert Shatner in der zweiten Filmhälfte hier, wenn seine obere Gesichtshälfte von einer prothetischen Maske bedeckt ist, frappierend an den Slasher. Aber wir wollen hier ja nicht über den einen bekannten Fakt reden, sondern den Film an sich.

Mark Preston (Shatner) und seine Mutter (Ida Lupino) warten während eines Unwetters auf Marks Vater. Doch als der auftaucht kann er nur noch einige kurze Sätze Exposition herausbringen, bevor er in eine wächserne Substanz zerfließt, scheinbar vom Regen geschmolzen. Kurz darauf wird Marks Mutter entführt. Hinter all dem steckt der satanische Kultführer Corbis (Ernest Borgnine), der ein Buch erpressen will, dass seit Jahrhunderten im Besitz der Prestons ist. Als Mark in die Wüsten-Geisterstadt Red Sand fährt, um nach Corbis und seiner Mutter zu suchen, verschwindet auch er. Nun macht sich sein älterer Bruder Tom (Tom Skerrit), ein Wissenschaftler, der das Paranormale untersucht, auf die Suche, begleitet von seiner Frau Julie (Joan Prather) und seinem Kollegen Sam Richards (Eddie Albert). Womöglich wird ein Jahrhunderte alter, satanischer Familienzwist hier sein Ende finden.

‚Devil’s Rain‘ hält sich gar nicht erst mit einem ersten Akt auf, in dem wir die Charaktere kennen lernen. Quasi sofort sprechen die Charaktere mit großer Selbstverständlichkeit über „das Buch“, „Corbis“ und den Satan. Keine Sorge, scheint Fuest sagen zu wollen, ihr versteht das schon früher oder später. Und falls nicht ist es auch nicht so schlimm. Denn nach 15 Minuten sind wir in der Wüste und die Teufelei geht ohnehin los. Und, ganz ehrlich, das kann ich respektieren. Gerade bei einem 70er Jahre Horrorfilm. Vergleicht man das nämlich mit einem Film wie ‚Rabbits‘/‘Night of the Lepus‘ mit Shatners Enterprise Kollegen DeForest Kelley, einem Film um bösartige Riesenkaninchen(!), wird der Unterschied klar. Jeder, der den Film sieht wartet nur auf Karnickel mit Ketchup am Maul, die „bedrohlich“ um Miniaturhäuschen hoppeln. Doch bevor er seine wunderbar irrsinnige Prämisse einlöst, hat der Film unerträglich ernsthafte Laborszenen und ewige Dialoge gesetzt. ‚Devil’s Rain‘ hingegen weiß genau was wir sehen wollen: satanische Kultisten, die Vanille- und Waldmeisterpudding bluten, Ernest Borgnine, der in hervorragend gemachter, aber wahnsinnig alberner Ziegenmannmaske augenrollend den Hohepriester gibt und schließlich der titelgebende Devil’s Rain selbst, der eine Satanistenmassenschmelze auslöst, die auch heute noch ein durchaus effektiver, praktischer Effekt ist.

All das soll übrigens keineswegs bedeuten ‚Devil’s Rain‘ würde sich nicht ernst nehmen, im Gegenteil. Genau das macht nämlich einen guten Teil des Spaßes aus. Das Robert Fuest hier einen erstaunlichen Cast versammelt hat, der das Thema „Satanisten in einer Western-Geisterstadt“ mit völligem Ernst angeht. Keiner tanzt hier aus der Reihe. Der sonst oft so joviale Borgnine gibt seinen Corvis reichlich bedrohlich, Shatner gibt mal nicht den Helden, sondern eines der Opfer und selbst ein Hollywood Urgestein wie Ida Lupino spielt hier einen Gutteil des Films mit einer augenlosen Maske mit völliger Ernsthaftigkeit. Ach ja, und ein gewisser John Travolta hat hier seinen ersten Kinofilmauftritt, der fast nur darin besteht von Tom Skerrit vermöbelt und eine Treppe runtergeworfen zu werden. Aber mit aufs und abs kennt er sich ja aus. Allerdings ist es Jahrzehnte nach der „satanic panic“ sehr schwer (oder fast unmöglich) diese geballte Ernsthaftigkeit nachzuvollziehen und nicht komisch zu finden. Insbesondere bei einem Film, der Anton Szandor LaVey, Gründer der „Church of Satan“ als „technischen Berater“ (und für eine Minirolle) anheuert. Es ist schwer nicht zu grinsen, wenn man sich vorstellt, wie ihn jemand am Set fragt, ob das so „satanisch korrekt“ ist, während Borgnine in voller Maskerade herumläuft.

Obwohl ich hier nun die „trashigen“ Elemente des Films deutlich in den Vordergrund stelle (weil sie der Grund sind, warum ich immer wieder mal zu ihm zurückkehre), soll das nicht heißen, dass Fuest und Kameramann Alex Phillips nicht durchaus stimmungsvolle Bilder gelingen. Die Silhouetten schwarzberobter Gestalten vor einem Sonnenuntergang in der Wüste etwa wissen durchaus zu gefallen. Und die zerfließenden Menschen am Ende haben schon etwas von einem Hieronymus Bosch-Gemälde. Die Maskenbildner lassen an ihrer Kunst ohnehin keinen Zweifel. Es ist bedauerlich, dass der totale Flop dieses Films Fuests Kinokarriere quasi (abgesehen von ‚Aphrodite‘, einem Erotikfilm mit Horst Buchholz) beendete.

Diese Mischung aus Okkultismus und Gothic-Ästhetik in einem Westernsetting ist durchaus ziemlich einmalig, so wenig gruselig das letztliche Produkt auch sein mag. Es würde mich wundern, wenn der Film nicht ein erheblicher visueller Einfluss auf meinen liebsten 90er Jahre Shooter ‚Blood‘ gewesen wäre. Vielleicht mag ich ihn auch deshalb so gern. Würde ich ihn empfehlen? Tja, wollt Ihr Ernest Borgnine als Ziegenmann sehen? Shatner, der aussieht wie Michael Myers? Die Captains Kirk der Enterpise und Dallas der Nostromo als Brüder? Gelungene Maskeneffekte und jede Menge schmelzendes Wachs vor preisgünstiger Kulisse? Wenn Ihr auch nur eine dieser Fragen mit ja beantwortet und ca. 80 Minuten Zeit habt, haut rein! Was habt ihr zu verlieren? Außer Eurer Seele! Mwahahaha!

Buchempfehlungen: ‚The Elementals‘ und ‚Blackwater‘ von Michael McDowell

Obwohl ich sehr gerne Horrorfilme schaue, lese ich gar nicht mal so viel Gruseliges. Allerdings hat mich die Lektüre von Grady Hendrix‘ wunderbarem ‚Paperbacks From Hell‘ (siehe hier) auf allerlei Lesefährten geschickt. Und dabei habe ich mit ‚Blackwater‘ auch ein Buch entdeckt, dass direkt seinen Weg auf die vorderen Plätze meiner liebsten Horrorliteratur geschafft hat. Das möchte ich Euch heute kurz vorstellen. Daneben aber auch ‚The Elementals‘ vom selben Autor, Michael McDowell. Aus verschiedenen Gründen, nicht zuletzt weil das auch auf Deutsch verfügbar ist. Wenigstens theoretisch. Aber dazu unten mehr. Zunächst lohnt es sich vielleicht mit einer kurzen Biografie McDowells einzusteigen.

Michael McEachern McDowell ist ein Name, den man nicht unbedingt kennt. Allerdings dürfte die eine oder der andere mit seiner Arbeit am Film vertraut sein. Er wurde am 1.6.1950 in Alabama geboren, wo er auch aufwuchs. 1969 traf er seinen lebenslangen Partner Laurence Senelnick, einen Theaterhistoriker und Regisseur in dessen Stück er eine Rolle übernahm. 1978 erlangte er einen Ph.D. in Englisch an der Brandeis University. Kurz darauf begann sein umfangreiches, literarisches Schaffen. Unter seinem eigenen Namen veröffentlichte er während der 80er Jahre eine ganze Reihe Horror-Romane, aber auch Auftragsarbeiten, wie eine Roman-Adaption des Cluedo-Films ‚Alle Mörder sind schon da‘. Unter verschiedenen Pseudonymen schrieb er jedoch so ziemlich alles von der Komödie bis zu Science Fiction. Dabei betrachtete er sich als kommerziellen Autor und war durchaus stolz darauf. In einem Interview mit Literaturkritiker Douglas E. Winter sagte er „Ich schreibe Dinge, die nächsten Monat in den Buchhandlungen stehen sollen. Ich halte es für einen großen Fehler für die Ewigkeit schreiben zu wollen.“
Mitte der 80er begann er dann für verschiedene Anthologie-Fernsehserien zu schreiben und 1988 entwickelte er Geschichte und Drehbuch zu Tim Burtons ‚Beetlejuice‘ mit. Mit den 90ern ließ er die Literatur weitgehend hinter sich und wandte sich voll dem Drehbuchschreiben zu. So entwickelte er eine Idee Burtons zu ‚Nightmare Before Christmas‘ oder adaptierte Stephen Kings ‚Thinner‘. 1994 wurde ihm eine AIDS Diagnose gestellt. Daraufhin nahm er, für mehr finanzielle Sicherheit, an verschiedenen Universtäten Dozentenstellen für Drehbuchschreiben an. Daneben arbeitete er jedoch weiter an Auftragsarbeiten und persönlichen Projekten, etwa einer Fortsetzung zu ‚Beetlejuice‘. Diese stellte er jedoch vor seinem frühen Tod am 27.12.1999, in Folge seiner Erkrankung, nicht mehr fertig. Er wurde nur 49 Jahre alt.

Kommen wir zu den Büchern. In ‚The Elementals‘ haben zwei reiche, verschwägerte Familien aus Mobile, Alabama, die McCrays und die Savages, gerade eine sehr seltsame Beerdigung hinter sich gebracht und wollen nun in den extrem abgelegenen Ferienort der Familien fahren. Beldame an der Küste, bei Hochwasser sogar vor der Küste, besteht aus alten viktorianischen Häusern. Eines gehört den McCrays, das andere den Savages. Allerdings ist da noch ein drittes Haus. Das steht leer und wird langsam aber sicher vom Sand verschluckt. Die 15jährige India McCray, die für die Beerdigung und diesen Urlaub mit ihrem Vater aus New York angereist ist, versteht nicht, warum die Erwachsenen nicht über dieses Haus sprechen wollen. Ja, sogar fast so tun als existiere es nicht. Denn, da ist sie sich sicher, irgendetwas ist in diesem Haus.

Die Beschreibung lässt es wie eine Geisterhaus-Geschichte klingen und das ist sie ein Stück weit auch. McDowell ist durchaus sehr gut darin seinen Horror verstörend anschleichen zu lassen. Was ihn aber wirklich auszeichnet, ist wie er ihn dosiert und was er darum herum schafft. Seine Darstellung des US-Südens fühlt sich absolut wahrhaftig an. Sicherlich aus eigener Erfahrung, ist er dort ja auch aufgewachsen. Die absolute Trägheit ausgelöst durch die Hitze, die Umgangsformen, die hinter Höflichkeit versteckte, soziale Schichtung, all das lässt einen Ort, an dem ich noch nie war völlig greifbar erscheinen. Noch stärker ist aber die scheinbar spielerische Leichtigkeit mit der er in wenigen Sätzen hochkomplexe Beziehungen zwischen seinen Charakteren aufspannen kann. So rund fühlen sie sich an, dass der Horror, wenn er dann kommt, tatsächlich wie das Eindringen von etwas Fremdem, etwas Bösem in das Vertraute anfühlt.

‚The Elementals‘ ist perfekt um auszuprobieren, ob McDowell etwas für einen ist. Möchte man danach mehr, ist viel da, gefällt es gar nicht, wird einem auch der Rest nicht zusagen. Das Bekommen ist nur nicht ganz so einfach. Jedenfalls wenn man keinen E-Reader hat. Das amerikanische Taschenbuch ist recht teuer. Auf Deutsch ist das Buch als ‚Die Elementare‘ als Hardcover beim Festa Verlag erschienen, ist dort jedoch vergriffen. Aus zweiter Hand kann es entsprechend teuer werden. Das englische Ebook hingegen ist günstig zu erwerben und auch die Form in der ich es gelesen habe und zu der ich raten würde.

Nun aber zum Hauptgang: ‚Blackwater‘. 1919 treten die Flüsse Blackwater und Perdido über ihre Ufer und begraben das Örtchen Perdido in Alabama unter ihren Fluten. Oscar Caskey, Sohn der reichsten Holzindustrie-Familie des Ortes, sucht die Stadt mit seinem Boot nach Überlebenden ab. Überraschend findet er im ersten Stock des örtlichen Hotels die mysteriöse Elinor Dammert. Elinor und Oscar kommen sich schnell näher, sehr zum Unmut von Caskey-Matriarchin Mary Love, die fürchtet, die absolute Kontrolle über ihre Familie zu verlieren. Zu Recht, wie sich herausstellt. Über Jahrzehnte verfolgen wir den Aufstieg der Caskeys, denen scheinbar nichts misslingt, solange Elinor da ist. Allerdings kommen immer wieder einmal Menschen auf ebenso mysteriöse wie grausame Weise ums Leben. Und was ist Elinors Verbindung zum Fluss Blackwater in dem sie, trotz gefährlicher Strömungen, immer wieder nachts schwimmen geht?

Ich habe es an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Horror ist ein Genre, das sehr arm an Epen ist. Ein Genre, das häufig nur einen Moment beschreiben will. Sicher, der Schrecken mag aus der weiten Vergangenheit drohen, doch an der eigentlichen Geschichte dazwischen ist Horror selten wirklich interessiert. McDowell mach hier ein Epos auf, dass es in seiner Spannweite bald mit Gabriel Garcia Marquez‘ ‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ aufnehmen kann. Über Jahrzehnte verfolgen wir die Geschichte der Caskeys nach und auch hier kommt wieder McDowells große Stärke zum Tragen, wenn er die komplexen Verwicklungen zwischen den Charakteren mit spielerisch leichter Klarheit beschreibt und im Auge behält. Das bedeutet allerdings auch, dass das Buch lang ist. Wirklich lang. Ursprünglich erschien es über ein halbes Jahr als sechs einzelne Novellen.

Und es ist was man wohl einen „Slow Burn“ nennt. Ganze Kapitel können aus einer einzigen Konversation in Schaukelstühlen auf der Veranda bei Eistee bestehen. Allerdings sind McDowells Charaktere auch hier so rund, dass einem nicht langweilig wird. Insbesondere Mary Love ist ein grandios unsympathisch geschriebener Charakter. Doch McDowell sorgt dafür, dass man Sympathie für ein Monster empfinden wird. Und das am Ende der Abschied von den Charakteren, fehlerbehaftet wie sie sind, fast schmerzhaft wird. Auch hier schleicht sich der Horror auf leisen Sohlen an, bleibt jedoch anders als bei ‚The Elementals‘ stets wenigstens ein leises Hintergrundgeräusch, weil Elinor eben, aber nee, das könnt Ihr schön selbst rausfinden.

Die Themen die McDowell hier anreißt sind durchaus ernsthafte. Rassismus und Geschlechterungleicheit, die soziale Schere zwischen arm und reich sind nie direkt angesprochene aber stets vorhandene Themen. Überhaupt zeigt McDowell hier wie viel man darüber transportieren kann, was nicht direkt ausgesprochen wird, was nämlich auch ein Stück weit die Familienphilosophie der Caskeys zu sein scheint. Es wundert mich ehrlich gesagt, dass dieses Buch noch nicht zu einer Prestige-trächtigen Miniserie verarbeitet wurde. Das Format wäre, dank des ursprünglich seriellen Erscheinens ja schon quasi perfekt.

Auch hier ist meine Empfehlung wieder das englische EBook. Eine deutsche Version gibt es nicht und Soft- und Hardcover der originalen Version rufen lächerlich hohe Preise auf. Da das physische Buch aber auch ein ziemlicher Wälzer sein dürfte, ist die Ebook Version vielleicht ohnehin die beste Wahl.

Hier am Ende muss ich nun Herrn McDowell widersprechen. Ich kann natürlich nichts darüber sagen, ob sie für die Ewigkeit sind, aber über 30 Jahre später haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Für mich steht als nächstes sein ‚Cold Moon Over Babylon‘ auf dem Programm. Das soll ein „typischerer“ Horroroman sein. Aber wenn er nur halb so gut ist wie diese beiden, bin ich mehr als zufrieden.

‚Psycho Goreman‘ (2020) – „I’m the frigging best!“

Ich war dem ‚Psycho Goreman‘ gegenüber ja zuerst ziemlich skeptisch eingestellt. Sicher, der Trailer sieht schon sehr cool aus, aber das tat der Trailer zu Indie-Filmteam Astron 6 Film ‚The Void‘ auch. Und da hat mich der Film dann letztlich enttäuscht. ‚Psycho Goreman‘ hat mich nicht nur nicht enttäuscht, er hat mich sogar ziemlich begeistert. Mehr als ich je von einem Retro-Kitsch Gummianzug Gespladdere erwartet hätte. Weil er wunderbar albern ist. Und Herz hat. Verdrehtes, finsteres, herausgerissenes Herz, aus dem irgendeine verdächtige Flüssigkeit suppt. Also los, graben wir den Psycho Goreman (ab jetzt PG) aus!

Die Geschwister Mimi (Nita-Josee Hanna) und Luke (Owen Myre) entdecken beim Spielen einen merkwürdigen Kristall. Dieser Kristall versiegelte das Gefängnis eines Wesens (Matthew Ninaber), das alles Leben im Universum auslöschen wollte, aber von einer Allianz von Aliens unter Führung der fanatischen Templars hier eingesperrt wurde. Mini-Tyrannin Mimi nimmt den Kristall natürlich an sich und befreit damit nicht nur den allmächtigen Warlord, sondern zwingt ihn auch unter ihre Kontrolle. Sie tauft ihn PG und lässt ihn allerlei ebenso alberne wie schreckliche Dinge tun, vor allem aber natürlich ihren Bruder piesacken. Doch PG hat inzwischen seine früheren Verbündeten, die Obsidian Paladine, gerufen, die den Kristall von Mimi zurückholen sollen, damit er sie, die Menschheit und schließlich das ganze Universum seiner grausamen Rache unterziehen kann. Doch auch die Templars haben PGs Befreiung registriert. Und die fanatische Pandora (Kristen MacCulloch) ist auf dem Weg ihn endgültig zu zerstören… und nebenbei die Menschheit der absoluten Herrschaft der Templars zu unterwerfen.

Über das Budget von ‚PG‘ gibt es unterschiedliche Angaben, von gut 600.000 Dollar bis 1,5 Millionen. Welche Angabe auch immer richtig ist, was zu allererst auffällt ist wie weit der Film über sein Budget hinauswächst. Der Film ist eine alberne Hommage an 80er/90er Cartoons mit der Kind/Monster-Freundschaft eines ‚Monster Squad‘ oder auch ‚Terminator 2‘. Aber damit gibt er sich nicht zufrieden, sondern spannt auch noch ein galaktisches Panorama, mit einer beeindruckenden Alien und Landschaftvielfalt, auf. All das mit praktischen Effekten, die einerseits beeindruckend sind, andererseits natürlich oft genug als die Latex-Anzüge erkennbar sind, die sie sind. Doch spielt der Film diesen Monster-Aspekt mit vollkommenem Ernst aus. Nie zwinkert er dem Publikum zu, was Situationen oder Figuren angeht. Die Absurdität erwächst aus dem Dargestellten selbst, spätestens natürlich, wenn man die zehnjährige Mimi in das Geschehen verwickelt.

Mimi, so scheint es in anderen Rezensionen, ist für viele ein Problem am Film. Das geht mir überhaupt nicht so. Sie ist natürlich ein Charakter, der völlig „over-the-top“ ist. Sie ist das Kernbeispiel dafür, wie der Film mit Erwartungen spielt. Natürlich erwartet man, dass sie im Laufe des Films eine Lektion lernt, sich ändert, versteht, dass sie ihre Umgebung nicht terrorisieren sollte, die Welt nicht einfach nach ihrem Willen formen kann und womöglich sogar PG zwingt gut zu sein und der es auch letztlich versteht. Ich hoffe ich spoilere nicht zu viel, wenn ich sage, dass das wahre Ende des Films ist deutlich verdrehter ist. Und Mimi lernt keinerlei Lektion. Sie singt ein Lied über sich selbst mit dem Titel „I’m the frigging best“ (das Hintergrundmusik für die Szene ist, in der sie neue Outfits für PG auswählt…) und meint das vollumfänglich ernst. Okay, und sie bringt ihren Bruder nicht um. Der einzige Unterschied zwischen Mimi und PG sind ihre körperlichen Fähigkeiten. Ehrlich gesagt hätte ich vor Mimi vermutlich mehr Angst…

Aber dieses Spiel mit Erwartungen betrifft nicht nur Mimi. So verwandelt PG einen Jungen, in den Mimi verknallt ist, in einen schleimigen Blob. Keiner der anderen Charaktere, einschließlich seiner Eltern, nimmt das in irgendeiner Art zur Kenntnis. Und auch Mimi mag ihn immer noch. Die Beziehung von Lukes und Mimis Eltern (Alexis Hancey und Adam Brooks) beginnt wie eine typische Sitcom Beziehung mit dem faulen, verrückten Ehemann und der vernünftigen Frau verändert sich dann über den Film hin aber langsam zu einer realistischen, finsteren Darstellung einer solchen Beziehung (die womöglich einige Antworten liefert, warum Mimi ist wie sie ist). Und natürlich die Tatsache, dass die „guten“ Templars wenig besser sind als der „böse“ PG.

Aber gut, der Hauptgrund warum man einen Film mit einem Titel wie ‚Psycho Goreman‘ schaut sind natürlich die praktischen Effekte. Und die sind grandios. Ganzkörperanzüge, Puppen und gelegentlich sogar Stop-Motion kommen zum Einsatz und zeigen eine unfassbare Kreativität. Der Film ist nicht einfach nur Hommage an alte Monsterfilme, er schafft es, wenigstens in mir, das Gefühl auszulösen als wäre man wieder zwölf und würde einen seltsamen Monsterfilm im Fernsehen schauen, wenn die Eltern irgendwo eingeladen sind und man eigentlich längt im Bett sein sollte. Da ist ein lebendes Fass voller Leichenteile, das Blut verspritzt. Eine merkwürdige Schamanin mit Puppenkopf. Und das verstörende Engeldesign der Templars. PG selber mit seinen Stacheln und Venen könnte vermutlich auch als Monster bei den ‚Power Rangers‘ (den alten) durchgehen. Und meine Güte, das Schicksal eines Polizisten (das ich hier nicht spoilern möchte) ist derart finster, aber derart perfekt albern gespielt, dass ich vor Lachen fast auf dem Boden lag. Zum Ende hin drohen die wiederholten Kämpfe zwischen den Monstern, die natürlich mit reichlich Kunstblut einhergehen, etwas eintönig zu werden. Doch auch hier durchbricht der Film dann auf wunderbar alberne Weise die Erwartungen, wenn er eine andere Art von Duell stattfinden lässt. Tricktechnisch vielleicht am beeindrucktesten sind aber die Rückblenden, wenn PG von seinen alten Schlachten berichtet, bei denen er ganze Planeten in Schutt und Asche gelegt hat und die jedes Mal nach einigen Sekunden von Mimi als öde unterbrochen werden.

Ich hoffe es ist deutlich geworden, dass ich mit dem Film sehr viel Spaß hatte. Würde ich ihn grundsätzlich jedem weiterempfehlen? Sicherlich nicht. Aber falls irgendwas im Text interessant klang, oder der Trailer interessant aussieht, dann gebt ihm auf jeden Fall eine Chance. Der Film hält ziemlich exakt was der Trailer verspricht. Falls der aber in Euren Augen blöd aussieht, wird Euch der Film auch nicht mehr positiv überraschen.

Mir jedenfalls hat er gut genug gefallen, dass ich fast ‚The Void‘ nochmal ne Chance geben möchte. Vielleicht war ich bloß schlecht gelaunt, als ich den gesehen habe.

‚Thelma‘ (2017)

Manchmal sind die Gefühle, die ein Film auslöst recht schwer in Worte zu fassen. Für die meisten Leute ist das kein großes Problem, wenn man sich aber in den Kopf gesetzt hat, über den Film zu schreiben, dann wird es kompliziert. Zum Glück habe ich das leise Gefühl, dass es bei dem Film ‚Thelma‘ des Norwegers Joachim Trier nicht nur mir so geht. Das Cover des Films zitiert eine Vice-Rezension, die den Film als „‚Blau ist eine warme Farbe‘ trifft ‚Carrie‘“ beschreibt. Genauso treffend (nämlich nicht besonders) könnte ich den Film als „‚Requiem‘ trifft ‚X-Men‘“ beschreiben. Aber okay, statt über spekulative Treffen, lasst uns lieber über den Film selbst sprechen.

Thelma (Eili Harboe) verlässt ihre streng christliche Familie auf dem norwegischen Land, um in Oslo zu studieren. Sie tut sich anfangs recht schwer damit Freunde zu finden und beginnt an epileptischen Anfällen zu leiden, die sie vor ihren Eltern geheim hält. Sie verliebt sich in ihre Kommilitonin Anja (Kaya Wilkins), die ihre Gefühle auch erwidert. Allerdings erzeugt diese Liebe tiefe Schuldgefühle in der zutiefst konservativ-christlich aufgewachsenen Thelma, die sich bald wünscht sie wäre nicht in Anja verliebt. Damit verbunden entsteht in ihr bald der Verdacht, dass ihre „Anfälle“ mit mysteriösen, übersinnlichen Fähigkeiten einhergehen. Fähigkeiten, die für Menschen, die ihr nahestehen gefährlich sein könnten. Womöglich finden sich Antworten auf dieses Mysterium in Thelmas verdrängten Kindheitserinnerungen.

Immerhin, mein Vergleich zu Hans-Christian Schmids ‚Requiem‘ sollte mit dieser Zusammenfassung nachvollziehbar werden. Tatsächlich steckt einige Verwandtschaft zu dem in diesem Film. Doch während Schmids Film ein vollkommen bodenständiger war (was mit Blick auf seine Anlehnung an eine reale Tragödie auch der einzig richtige Weg war), liegt Triers Kunst gerade darin, dass er zwischen dem Realen und dem Mysteriösen äußerst elegant hin- und herzuwechseln weiß. Und damit meine ich nicht nur, dass wir länger im Unklaren bleiben, ob Thelmas epileptische Anfälle tatsächlich nur das sind, oder etwas Übernatürliches dahintersteckt. Ein recht deutlicher Fingerzeig auf ‚Der Exorzist‘. Auch scheint hinter dem Plattenbau des Osloer Studentenwohnheims direkt ein undurchdringlicher Wald zu beginnen, was ihm die märchenhafte Verlorenheit der Schule in Julia Ducournaus ‚Raw‘ oder der Hochhaussiedlung in ‚So finster die Nacht‘ gibt.

Hier soll die Nennung aller möglichen anderen Titel gar nicht den Eindruck erwecken, Triers Film sei eine Zitatesammlung, ein reiner Epigone. Denn das stimmt nämlich überhaupt nicht. Mit derselben Eleganz mit der Trier zwischen  Realismus und Fantastik wechselt, schaltet er auch zwischen Genres um. Coming-of-age/Selbstfindungsfilm, Mysterythriller, whydunnit (kein Vertipper, sondern ein Genre, das ich mir gerade ausgedacht habe) und eben ganz leichte Verweise in Richtung bekannter Superhelden-Thematik, was Thelmas nicht klar definierte Fähigkeiten angeht. Was er allerdings wirklich hervorragend macht, ist in mir als Zuschauer ein geradezu dauerhaftes Gefühl des Unbehagens zu erwecken. Der Film eröffnet mit einer äußerst kaltblütigen Szene, die ich hier gar nicht beschreiben möchte. Wenn Trier dann jedoch folgende Szenen zwischen Thelma und ihren Eltern warm und liebevoll (wenn auch etwas kontrollierend von Seiten der Eltern) inszeniert, als wäre nichts passiert, dann zieht wenigstens mir das den Teppich unter den Füßen weg und ich wusste lange nicht, was ich von gewissen Szenen zu halten habe.

Dasselbe tut er bei der anderen wichtigen Beziehung Thelmas, der zu Anja. Die inszeniert er intim und schön (wenn auch Thelmas christliche Schuldgefühle eine wirkliche Beziehung verghindern), allerdings baut al dies auf einer recht verstörenden Szene im Park vor Thelmas Studentenwohnheim auf, die auch alle Szenen hier mit einem großen Fragezeichen versieht.

Wer aufgrund eingehender Vergleiche hier allerdings einen Gruselschocker mit Schweineblut, Telekinese und spontan in Flammen ausbrechenden Menschen erwartet wird enttäuscht werden (jedenfalls in zwei von drei der genannten Fälle). ‚Thelma‘ ist was man wohl einen „slow burn“ nennen würde. Einen langsam und methodisch erzählten Film, der vor allem von seinen Charakteren lebt. Diese Charaktere sind allerdings sehr stark geschrieben, und die oben beschriebene Inszenierung hält die Aufmerksamkeit die gesamte Laufzeit über gefangen. Und der Film stellt sicher, dass er diese Aufmerksamkeit auch verdient.

Doch die vielleicht größte Stärke des Films könnte Hautdarstellerin Eili Harboe sein. Sie schafft es ihre Thelma einerseits zu einer Getriebenen der Ereignisse zu machen. Ihre Verlorenheit, ihre Einsamkeit, ihre Schwierigkeiten sich zurecht zu finden, die ihr ihr eigenes Elternhaus mit auf den Weg gegeben hat. Aber sie ist auch zugleich, wenn auch zunächst unbewusst, die absolute Triebkraft hinter allen Ereignissen des Films. Wie der Film mühelos Brücken zwischen Genres baut, vereint Harboe ein ganzes Spektrum an Qualitäten in ihrem Charakter. Demgegenüber steht Kaya Wilkins Anja, die über lange Zeit des Films als diejenige Person erscheint, die ihr Leben und ihre mögliche Beziehung zu Thelma weit besser unter Kontrolle hat, letztlich aber zur beinahe tragischen Figur wird.

‚Thelma‘ ist ein absolut stilsicherer, effektiver Thriller. Er ist ein Selbstfindungsfilm wie Selbstfindung an sich: langsam, oft schmerzhaft und verwirrend. Er ist, wenn man denn so will, ein ganz eigener, sehr norwegischer, Blick auf die Idee der Superheldin. Was er jedoch nicht ist, was die zahlreichen Vergleiche zu anderen Filmen aber vielleicht annehmen lassen könnten ist ein Horrorfilm. Trotz, oder vielleicht sogar wegen der Schwierigkeit den Film adäquat zu beschreiben, würde ich ihn jedoch unbedingt empfehlen. Gerade wenn man mit einem Film wie ‚So finster die Nacht‘ etwas anfangen konnte, wird man hier vermutlich ebenfalls glücklich werden.

Mit wirklichen Horrorfilmen geht es nächste Woche los, wenn der Oktober ausbricht! UUUUUhuuuuhhhh!!!

‚Tenet‘ (2020)

2020 war ein an Kinoblockbustern eher armes Jahr. Aus offensichtlichen Gründen. Eine Ausnahme war Christopher Nolans ‚Tenet‘. Der verweigerte sich sogar erfolgreich Warners gleichzeitiger Veröffentlichungspolitik in Kino und Stream. Dabei wäre ‚Tenet‘ geradezu prädestiniert für eine doppelte Veröffentlichung: im Kino vorwärts, im Stream rückwärts. Denn, der palindromische Titel lässt es bereits ahnen, Nolan treibt seine Faszination mit der filmischen Darstellung des Ablaufs von Zeit hier auf den absoluten Höhepunkt. Mit einiger visueller Wucht.

Ein CIA Agent (John David Washington), der Protagonist, versucht während einer Geiselnahme in der Kiewer Oper einen Informanten zu extrahieren. Dies schlägt fehl und endet damit, dass der Agent eine vermeintliche Selbstmordkapsel schluckt. Doch sein angeblicher „Tod“ dient nur dazu ihn der Geheimorganisation Tenet zuzuweisen. Diese beschäftigt sich mit temporalen Anomalitäten. In der Zukunft ist es gelungen die Entropie von Gegenständen umzukehren und sie so in der Zeit zurückzuschicken. Hierbei handelt es sich vor allem um Waffen und Munition, die der russische Oligarch Sator (Kenneth Branagh) verkauft. Mit der Hilfe von Agent Neil (Robert Pattinson) schleicht sich der Protagonist über Sators Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki) in das Umfeld des Waffenhändlers ein, wo schnell klar wird, dass Sator und die Menschen der Zukunft weitaus bedrohlicheres Planen, als ein paar Waffen zu schmuggeln.

Wenn man diese vorsichtige Zusammenfassung liest, ist ein Gedanke vielleicht unausweichlich: das ist Nolans James Bond. Und nicht ganz zufällig bedient er sich allerlei typischer Versatzstücke des Bond-Mythos. Da sind die Actionszene vor dem Titel, die maßgeschneiderten Anzüge, die internationalen Settings, der böse Russe (gespielt von einem Briten), die Frau, die der brutal kontrolliert, seine Yacht in blauen Gewässern und sogar ein unterirdisches Hauptquartier. Wilde Autoverfolgungen, gewagte Einbrüche und bombastische Actionszenen sind nun zwar nicht so pur Bond, aber dennoch bekannte Actionversatzstücke. Und selbstverständlich gilt es auch hier nichts weniger als das Ende der Welt zu verhindern.

Aber das ist natürlich nicht alles. Denn ein ganz wesentliches Element ist das der Zeitumkehr. Das funktioniert nicht nur mit Gegenständen, insofern dann etwa die Kugeln zurück in die Waffe fliegen, sondern auch Menschen können in ihrer Entropie umgekehrt werden und bewegen sich sodann rückwärts durch die Zeit. Das wird zunächst einmal natürlich weidlich in den von Nolan und Kameramann Hoyte van Hoytema perfekt durchgestylten Actionszenen genutzt. Die laufen hier nicht, wie üblich, einmal durch, sondern gerne auch zwei bis dreimal in jeweils umgekehrter Laufrichtung. Es ist kein Zufall, dass eine Wissenschaftlerin dem Protagonisten die temporale Umkehr anhand eines Videorekorders mit Vor- und Rückspulfunktion erklärt. Es ist ein erzählerisches Element, das mit diesem Effekt einzig im Film möglich ist und im Nachhinein geradezu offensichtlich erscheint.

Doch ist es nicht nur ein gelungener Effekt, es wird auch deutlich, dass sich Nolan über die Mechanik dieses Effektes einige Gedanken gemacht hat. Wichtiger aber noch, seine Erzählung erhält dadurch einige Brisanz. Denn er verwandelt einen derzeitigen Generationenkonflikt zwischen jung um alt rund um das Thema Klima hier in einen temporalen, kalten Krieg, der in seiner heißen Phase das Ende aller Existenz bedeuten könnte. Wenn eben die Zukunft mit derselben Gleichgültigkeit auf die Vergangenheit schaut, wie die derzeitige Gegenwart auf die Zukunft. Allerdings ist Nolans Erzählung hier zum Glück keine fatalistische, sondern eine, die immer wieder den freien Willen, die Möglichkeit der Veränderung betont. Wenigstens der Zukunft, weniger der Vergangenheit. Wobei die Unterschiede hier durchaus fließend werden. Verwirrt? Gut.

‚Tenet‘ ist fraglos ein Film, der wiederholtes Ansehen belohnt. Ohne Untertitel ist das wohl auch schon nötig, um sämtliche Dialoge mitzubekommen. Ich weiß nicht, ob sich in den Anspielungen auf das Sator-Quadrat (Waffenhändler Sator, seine Firma Rotas, Überfall auf die Oper (opera), Kunstfälscher Arepo), dessen zentrales „Drehkreuz“ (vgl. die Portale zur Zeitumkehr) das Wort tenet bildet nun noch ein weit größeres Rätsel in sich bergen, das ich im Moment nicht sehe. Ich glaube es aber nicht. Ich habe den Eindruck es handelt sich vor allem um Anspielungen auf palindromische Handlungen. Etwa, dass man sich selbst beobachtet, wenn man ein Zeit-Drehkreuz betritt. Oder das Konstrukt des temporalen Zangenangriffs.

Problem eines Wiederansehens ist für mich, dass alle Fragen die ich noch habe eher mit den Zeitmechaniken zu tun haben als mit philosophischen Ideen oder gar den Charakteren. Sicher, die entscheidende Frage am Ende von meinen vermutlich liebsten Nolan ‚The Prestige‘ ist auch eine mechanische. Doch hier ist die Mechanik der Bühnenzauberei so eng verzahnt mit den Charakteren, dass das quasi eins wird. ‚Tenets‘ Charaktere hingegen werden, für mich wenigstens, nie viel mehr als Abziehbilder.

John David Washington überzeugt durchaus als Action-Protagonist, aber als Charakter bleibt er, in diesem Fall sicher beabsichtigt, eine ziemliche Chiffre. Pattinson liefert seinen Neil, der hinter einem jovialen Äußeren durchaus Geheimnisse verbirgt, routiniert und gekonnt ab. Die Beziehung zwischen den beiden ist vermutlich die interessanteste des Films, aber eine auf die kaum Zeit (heh) investiert wird. Elizabeth Debicki müht sich nach Kräften in einer Rolle ab, mit der das Drehbuch nicht sonderlich gut umzugehen weiß. Und dann ist da Ken Branagh. Der erhält den Wanderpreis „schlechtester, russischer Akzent von einem Darsteller, der es bestimmt besser könnte“ aus den Händen von Cate Blanchetts ‚Indy 4‘ Charakter. Und auch ansonsten ist die Figur eine reine Checkliste vom Charakterbogen „Gangsterboss, russisch“.

Und so muss ich ganz ehrlich zugeben, dass der Film für mich im dritten Akt langsam aber sicher nicht mehr so recht funktionieren wollte. Die große Actionszene konnte mich kaum fesseln, weil mir die involvierten Charaktere zu einem guten Teil wumpe waren. Das hat den Film jetzt sicher nicht zerstört, Nolan und Hoytema schaffen hier absolut beeindruckende Bilder, aber es sind eben auch nur Bilder.

Vielleicht mache ich mich unbeliebt damit, aber ich würde von Nolan sehr gerne mal wieder einen kleineren Film sehen. Auch ein ‚Memento‘ lebte sein erzählerisches Zeitgimmick, hat aber seinen Charakteren mehr Raum gegeben. Zugegeben, daran scheint Nolan selbst so gar kein Interesse zu haben und sein Erfolg gibt ihm Recht, aber ich würd es gerne sehen.

Und ‚Tenet‘? Ist der nun empfehlenswert? Trotz meiner Kritikpunkte finde ich, ja, auf jeden Fall. Wir sind heute von CGI gewohnt, dass man uns alles zeigen kann was nur vorstellbar ist. Was Nolan hier sehr clever gemacht hat ist auf CGI weitgehend zu verzichten. Was er zeigt ist (mehr oder weniger) echt. Das lässt die Zeitumkehr nur umso eindrucksvoller wirken und ich bin mir sicher, das ist ein Element, das wir zukünftig häufiger sehen werden. Eben weil es so ein simples, aber effektives, filmisches Werkzeug ist.

‚Birds of Prey‘ (2020)

Nein, es ist keine Dokumentation über Raubvögel. Auch kein Essay über die coolsten Schiffe der klingonischen Raumflotte. Tatsächlich schien man bei DC ernstlich besorgt, dass ein mögliches Publikum vom eher obskuren Titel des weiblichen Superheldenteams verwirrt sein könnte. Und so verpasste man dem Film den etwas ungelenken Untertitel „The Emancipation of Harley Quinn“. Im Original gar „The Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn“. Später titelte man auch gelegentlich ‚Harley Quinn: Birds of Prey‘. Wie gut das funktioniert ist reichlich diskutabel, aber es macht immerhin deutlich, wer im Mittelpunkt des Films steht: Margot Robbies Harley Quinn. Und das ist erstmal keine schlechte Sache.

In einer Rückblende sehen wir, wie sich der Joker nach langer, missbräuchlicher Beziehung von Harley Quinn trennt. Die nimmt es schwer, entschließt sich jedoch einen Schlussstrich unter die Beziehung zu setzen, indem sie den „ganz Speziellen Ort“ von „Mistah J“ und ihr in die Luft jagt: Axis Chemicals. Das ist öffentlichkeitswirksam, sorgt aber auch dafür, dass die gesamte Unterwelt Gothams nun weiß, dass sie nicht mehr unter dem „Schutz“ des Jokers steht. Und sie hat sich eine Menge Feinde gemacht. Etwa den narzisstischen Gangsterboss Roman Sionis (Ewan McGregor). Doch bevor der sie ermorden kann, verspricht sie ihm Hilfe bei der Suche nach einem ganz besonderen Diamanten, an dem ein Geheimnis hängt. Den hat die jugendliche Taschendiebin Cassandra Cain (Ella Jay Basco) einem Handlanger Sionis‘ abgeluchst und verschluckt. Doch nicht nur Harley ist nun auf der Suche nach Cass. Auch die Polizistin Montoya (Rosie Perez), Sionis Chauffeurin Dinah (Jurnee Smollett-Bell) und die ebenso mysteriöse, wie brutale Huntress (Mary Elizabeth Winstead) wollen sie finden. Und, nachdem Sionis ein Kopfgeld in Höhe einer halben Million auf die Diebin ausgesetzt hat, auch noch so ziemlich jeder Schläger in Gotham.

Ich habe den Vorgänger (oder wie nennt man den Film von dem ein Spin Off abgeht?) ‚Suicide Squad‘ bis heute nicht gesehen und habe kein allzu großes Bedürfnis das zu ändern. Das einzige, was mich an dem Film interessiert hätte, wäre Robbie als Harley. Und die hat hier ja nun ihr eigenes Spin Off bekommen. Und ich muss zugeben, ich war weitaus mehr angetan als ich das erwartet hätte.

Was mir gleich von Anfang an gut gefallen hat ist, dass der Film bodenständiger als die meisten heutigen Superheldenfilme. Es ging mal nicht um die gigantische, außerirdische Gefahr, globale Satellitennetzwerke, oder andere Bedrohungen für die ganze Welt. Der zentrale MacGuffin ist einfach ein Diamant! Das andere, was mir sehr gefällt ist Regisseurin Cathy Yans Wille zum Ausprobieren und ihre Weigerung sich auf einen bestimmten Tonfall festzulegen. So ist der Film einerseits sehr bodenständig, erzählt aber natürlich von überlebensgroßen Charakteren. Einerseits verdient sich die Gewalt des Films durchaus die 16er Freigabe, andererseits ist die Action äußerst cartoonhaft. Selbst das Gotham des Films ist zu gleichen Teilen das Phantasmagorium eines Burton mit seinen vermodernden Vergnügungsparks und titanischen Chemiewerken inmitten von Wohngebieten und dem Hyperrealismus eines Nolan, mit gänzlich gewöhnlichen Straßenzügen. Das es Yan gelingt all das wie aus einem Guss wirken zu lassen ist sicherlich ihre größte Leistung.

Als Antagonisten des Films zwei Schurken von Batmans B-Liste zu setzen, neben dem rücksichtslosen Roman „Black Mask“ Sionis auch noch Serienkiller Victor Zsasz (Chris Messina) als dessen sadistischem Handlanger, hilft ebenfalls dabei die Geschichte zwar jenseits des Normalen, aber vielleicht nicht unbedingt als gänzlich abgehobene Bedrohung einzuordnen.

Darstellerisch kann der Film ohnehin punkten. Margot Robbie in der Hauptrolle ist bestens aufgelegt und gibt ihre Harley ebenso unerträglich wie charmant. Und auch McGregor hat sichtlich Spaß als widerlicher Fiesling. Auch die anderen Darsteller sind durch die Bank gut, bekommen nur nicht wahnsinnig viel zu tun. Damit sind wir vielleicht bei den kritischeren Aspekten dieser Besprechung gelandet.

Was wir hier haben ist ein Harley Quinn Film. Und den hätte man auch schlicht so nennen können. So leidet der Film ein wenig daran, ein sehr großes Ensemble vorstellen zu müssen, ohne wirklich die Zeit oder die Geduld dafür zu haben. Ich hatte hier als früherer Comicleser den Vorteil sämtliche Charaktere zu kennen und hatte sogar ein wenig Spaß dabei zu sehen, wer sich wie weit von ihrem Comicvorbild unterscheidet (Montoya und Crossbow Killer Huntress sind nahe dran, Cassandra Cain ist sehr weit weg). Wer die Charaktere jedoch gar nicht kennt, wird wahrscheinlich etwas verloren, in manchen Szenen gar ernsthaft verwirrt, sein. Und während der Film in der ersten Hälfte noch sehr nichtlinear daher kommt, Harley erzählt uns ihre Geschichte selbst und geht dabei, natürlich, ein wenig wirr vor, sind wir dann spätestens im dritten Akt doch wieder mitten drin in der typischen, großen Superhelden-Action-Szene, die zwangsläufig am Ende jedes dieser Filme stehen muss. Und während die Action bis dahin durchaus einigen Wumms hatte, was nicht zuletzt an Fight Coordinator Jon Valera (‚John Wick‘ Filme, ‚Atomic Blonde‘) liegen dürfte, wird sie hier, in einem ehemaligen Joker-Versteck, erstaunlich gewichtslos. Fast hatte ich schon 60er Jahre „Sock“, „Biff“, „Pow“ Einblendungen erwartet (dann würde ich mich hier jedoch begeistert äußern!). Aber gut, das bin ich ja inzwischen gewohnt, dass der dritte Akt bei Superhelden für mich der Schwächste ist. Kann also durchaus auch an mir liegen.

Wobei man sich sicherlich streiten könnte, in wie weit das überhaupt ein Superheldenfilm ist. Superkräfte kommen in exakt einer Szene zum Einsatz (keine Spoiler) und Harley und Co. sind eher keine Helden. Wie dem auch sei, der Film hat mich erstaunlich gut unterhalten. Am Ende hatte ich gar einen Gedanken, der mir bei Superhelden in letzter Zeit arg selten kommt: ich freue mich darauf ihn noch einmal zu sehen. Das hat, so doof es klingt, sicherlich auch damit zu tun, dass er seine Geschichte in 100 Minuten erzählt. Ja, ich kritisiere, dass er seine Charaktere nicht besser vorstellt, aber ich bin mindestens ebenso glücklich, dass er mal nicht die zwei Stunden-Marke knackt. Das kennt man ja kaum noch. Auch ist er vielleicht nicht das popfeministische Meisterstück als das die Werbung ihn angepriesen hat, aber allein, dass es ein Mainstreamfilm ist, der seine weiblichen Charaktere mit tiefen Fehlern zeigt, ihnen auch erlaubt einmal Arschlöcher zu sein, ohne sie direkt zu verdammen, ist ihm anzurechnen.

Insgesamt ein absolut unterhaltsamer Film. So würde ich mir mehr Superhelden wünschen.