‚Wild at Heart‘ (1990) – and weird on top

‚Wild at Heart‘ gehört zu den David Lynch-Filmen über die wenig geredet wird. Es ist vermutlich der Lynch-Film, den ich am wenigsten gesehen habe. Sogar ‚Dune‘ habe ich häufiger gesehen. Und den mag ich nicht mal. Nach einem erneuten Ansehen frage ich mich ein wenig warum. Die Verfilmung einer Romanvorlage von Barry Gifford (die ich nicht kenne) ist zwar sicher bei weitem nicht sein bester Film aber, auf gewisse Weise, sein „lynchigster“. Warum? Schauen wir mal!

Der aufbrausende Sailor (Nicolas Cage) und Lula (Laura Dern) sind verliebt. Das ist Lulas Mutter (Dianne Ladd) aus mysteriösen Gründen gar nicht recht und sie bezahlt einen Mann, um Sailor zu ermorden. Der schlägt dem Möchtegern-Assassinen aber mit bloßen Händen in Notwehr den Schädel ein. Dafür wandert er kurze Zeit ins Gefängnis. Doch kaum ist er wieder frei holt Lula ihn ab und das Paar macht sich auf zu einer wilden Reise durch die Südstaaten der USA. Von Georgia nach New Orleans bis Texas. Lulas Mutter schickt ihnen zunächst Johnnie Farragut (Harry Dean Stanton) hinterher, einen Detektiv „so gut, dass er einen ehrlichen Mann in Washington finden könnte“. Später noch den Gangster Marcello Santos (J.E. Freeman), der aber durchaus eigne Pläne verfolgt. Auf ihrer Fahrt begegnen Sailor und Lula allerlei bizarren Figuren, darunter der Prostituierten Perdita Durango (Isabella Rosselini) und Kleinganoven und kompletten Widerling Bobby Peru (Willem Dafoe).

Lynch hat einige wiederkehrende Themen, die in vielen seiner Filme zu finden sind. Eines davon ist das Heranreifen eines jungen Mannes bis er in der Lage ist Verantwortung zu übernehmen. Oder genauer gesagt wie jemand die Angst davor Verantwortung übernehmen zu müssen überwindet. In ‚Eraserhead‘ kristallisiert sich diese Angst in Gestalt des grotesken Babys, um das sich Henry plötzlich kümmern muss. In ‚Blue Velvet‘ muss sich Jeffrey der Realität hinter den beschaulichen, weiß getünchten Gartenzäunen stellen. Auch Sailor macht eine solche Entwicklung durch. Anfangs ist er neben Lula nur an einer Sache interessiert, seiner persönlichen Freiheit, repräsentiert durch seine Schlangenlederjacke, wie der Charakter selbst nicht müde wird zu erwähnen. Eines der Probleme der Struktur von ‚Wild at Heart‘ ist, dass diese Entwicklung fünf Minuten vor Ende passiert und vollkommen richtig als mit „eine Fee hat’s gemacht“ umschrieben werden kann.

Die Straße und die Bewegung darauf als Symbol für die Entwicklung der Charaktere ist ebenfalls ein typisches Lynch-Bild. In ‚Lost Highway‘ und ‚Mulholland Drive‘ hat es die Straße sogar in den Titel geschafft. Allerdings würde ich ‚Wild at Heart‘ neben ‚Straight Story‘ als Lynchs  einzigen „echten“ Roadmovie betrachten. Das führt uns direkt zum nächsten Bild, denn Lynch filmt hier sehr häufig den gelben Mittelstreifen der Straße und liefert somit einen Bezug zur „Yellow Brick Road“ und zu ‚Wizard of Oz‘. Ein Film, den er sehr häufig zitiert allerdings selten so offen wie hier. Nicht nur erwähnen Charaktere den Film und Charaktere daraus wieder und wieder, Lulas Mutter wird zur schuldgeplagten Version der „Wicked Witch“. Wo die allerdings ein grünes Gesicht hat schmiert Ladds Charakter ihres mit Lippenstift rot. Und am Ende taucht in einer Vision gar die oben erwähnte gute Fee auf, die nun endgültig direkt dem ‚Wizard of Oz‘ entsprungen scheint.

Auch seiner Liebe für die Musik der 50er Jahre frönt Lynch hier hemmungslos. Nicht nur das die als umfangreiche Ergänzung zu Angelo Badalamentis üblich elegantem Soundtrack dient, Sailor definiert seinen Charakter auch ein Stück weit über Elvis Songs. Eine der wunderbar bizarrsten Szenen des Films spielt auf dem Konzert einer Speed Metal Band, die, nach einer Auseinandersetzung, Sailor in einer Version von Elvis Presleys „Love Me“ begleitet – erstaunlicher Weise zur Begeisterung ihres Publikums.

Der Film enthält also Vieles, das Lynch ausmacht und ist vielleicht durch die Vielfalt seiner Bezüge der „lynchigste“, wirkt aber in seinem Ganzen, wie ein eher ungewöhnlicher Lynch-Film. Mehr als jeder andere Film des Regisseurs nähert sich dieser hier der Grenze des schlechten Geschmacks. Einerseits durch die allzu häufige Vermischung von Sex und Gewalt, andererseits durch seine Lust am bizarren Exzess im Erzählen. An einer Stelle erzählt Lula z.B. eine Geschichte über einen merkwürdigen Verwandten. Die beginnt damit, dass der Weihnachten etwas zu sehr mag und endet damit, dass er sich Küchenschaben in die Unterhose stopft. Oder wenn sie im Radio nach einem Musiksender sucht und zunächst nur Nachrichtensender findet, die sich dann in immer groteskeren Nachrichten über Vergewaltigung, Folter und Mord ergehen. In wieweit dieses, doch recht brutale Road-Märchen für die Welle an überstilisierten, mehr oder weniger brutalen „Liebende auf der Flucht“-Filmen der 90er verantwortlich ist, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen, ein Stück weit kann man ‚Kalifornia‘, ‚True Romance‘ oder auch ‚Natural Born Killers‘ aber sicher auf Sailor und Lula zurückverfolgen.

Nicolas Cage ist als impulsiver Möchtegern-Elvis übrigens perfekt besetzt, was vermutlich nicht überrascht. Laura Dern darf hier eine für sie – gerade in ihrer Zusammenarbeit mit Lynch – ungewöhnliche Rolle spielen: eine Person, die sich, trotz erlebter Traumata, in ihrer Haut absolut wohlfühlt. Die Show stiehlt allerdings Dianne Ladd (übrigens auch im wahren Leben Derns Mutter). Ihre opernhafte Darstellung der Intrigen-spinnenden, bösartigen Mutter, die von ihrer Schuld eingeholt wird, hat ihr eine verdiente Oscar-Nominierung eingetragen. Daneben geben sich in Neben- und Kleinstrollen typische Lynch-Darsteller die Klinke in die Hand. Neben Harry Dean Stanton erzählt Jack Nance eine Geschichte von seinem bellenden Hund (nicht Toto!), Grace Zabriskie gibt Perdita Durangos mörderische Schwester und Sherylin Fenn stirbt bei einem Autounfall. Und das waren bei weitem noch nicht alle. Etwa der halbe ‚Twin Peaks‘ Cast dürfte hier sein.

Nach diesem Ansehen stehe ich ‚Wild at heart‘ deutlich positiver gegenüber. Es ist ein unterhaltsamer Film, mit vielen typischen Lynch-Elementen, allerdings mit einigen deutlichen Schwächen in der Erzählstruktur. Ein ‚Blue Velvet‘ oder ‚Mulholland Drive‘ wird er für mich wohl nicht mehr.

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‚I Am Not a Serial Killer‘ (2016) – „Nothing about you makes sense!“

 

Da behaupte ich jetzt seit zwei Wochen nun sei Schluss mit Horror und es wird einfach nix draus. Wobei der heutige Film eine Mischung aus Drama, Thriller sowie tiefschwarzer Komödie ist und höchstens Horrorelemente besitzt. Ich bin also schon ein Stück weiter weg vom Horror. Außerdem hatte ich das große Glück den Film zu sehen, mit nicht mehr Wissen als einer ungefähren Idee der Ausgangslage. Da dies ein Film ist, der meiner Meinung nach in besonderem Maße von Nichtwissen profitiert, werde ich im Folgenden recht ausweichend sein, was die Beschreibung der Handlung und selbst zentraler Themen angeht, um diese Besprechung so spoilerfrei wie irgend möglich zu halten.

John Wayne Cleaver (Max Records) ist ein Teenager in dem kleinen Industriestädtchen Clayton, irgendwo mitten in den USA. Er ist auf Serienmörder und Tod im allgemeinen fixiert, sein Nebenjob im familiären Bestattungsunternehmen dürfte dazu beitragen. Außerdem ist er als Soziopath eingestuft und sein Therapeut macht kein Geheimnis daraus, dass John alle Anzeichen für einen Serienmörder zeigt. Aber John folgt einem selbstauferlegten, strikten Satz an Regeln, die verhindern sollen, dass er irgendjemandem Schaden zufügt, denn John möchte ein guter Mensch sein. Viele Freunde hat er dennoch nicht, neben seiner Mutter (Laura Fraser) und Schulfreund Max (Raymond Branstrom) interagiert er eigentlich nur mit dem alternden Nachbarn Bill Crowley (Christopher Lloyd). Als tatsächlich ein Serienmörder in Clayton aktiv wird, nutzt John sein Wissen und seine  Fähigkeit sich in den Unbekannten hineinzudenken, für den Versuch den Täter zu stellen.

Regisseur Billy O’Brien und Kameramann Robbie Ryan fangen das trostlose Clayton im Herbst und Winter in unterkühlten 16mm-Filmbildern ein, die direkt einem 70er Jahre Thriller entstammen könnten. So zeigen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch Ähnlichkeiten, insbesondere zu George Romeros ‚Martin‘. Immer wieder zeigt der Film aber auch Fabriken die undurchsichtige Schwaden weißen Rauchs in den weiten Himmel pumpen und direkt aus David Lynchs ‚Eraserhead‘ entkommen zu sein scheinen. Zusammen mit einem Soundtrack von Adrian Johnston, der irgendwo zwischen John Carpenter und der Musik von „Goblin“ angelegt ist schafft der Film eine ganz eigene Atmosphäre. Dieses Clayton scheint so kalt und grau in grau, wie man es seit der Hochhausiedlung aus ‚So finster die Nacht‘ nicht gesehen hat und der Film zeigt das deprimierendste Weihnachtsessen seit… vielleicht überhaupt. Das liegt natürlich vor allem daran das wir das Geschehen durch die Augen des distanzierten, desinteressierten John erleben und so überrascht es nicht, dass die auffälligsten, lebendigsten Farbmomente stets mit den Morden und Johns Untersuchung zusammenhängen, sind dies doch die Momente, wenn er selbst am lebendigsten scheint.

Ich habe gesagt ich wollte nichts spoilern, aber ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass sich meine größte Sorge, die der Titel in mir geweckt hat nicht bewahrheitet hat. Der Film spielt kein „ist er oder ist er nicht“ Spiel. Er macht sehr schnell klar, dass die Aussage des Titels wahr ist, John ist kein Serienmörder (was nicht bedeutet, dass er kein Potential für Gewalt besitzt). Überhaupt schert sich O’Brien (oder auch Dan Wells der Autor der Romanvorlage, die ich nicht kenne) sich wenig um „typische“ Erzählmuster. Anstatt nach und nach Hinweise zu offenbaren haut uns der Film immer wieder einmal Antworten mit der Subtilität einer Bratpfanne um die Ohren. Das Gute ist, dass jede dieser Antworten mit einem ganzen Satz neuer Fragen daherkommt. Fragen, die gleichzeitig oft genug mit einem Wechsel des Genres einhergehen. Und hier besteht die Gefahr, dass der Film unterwegs Zuschauer verlieren könnte. Tatsächlich hat auch für mich der letzte Wechsel, der etwa 5 Minuten vor Ende passiert und zu einer wahnsinnig überflüssigen Szene führt, nicht wirklich funktioniert. Aber das macht wenig denn der Film drumherum ist gut genug gemacht, ungewöhnlich erzählt genug und mit so viel makaberen Humor versehen, dass das mein Vergnügen nur marginal gemindert hat.

Neben der Bildsprache sind vor allem die Darsteller der Grund, warum der Film so gut funktioniert, wie er das tut. Da ist zunächst Christopher Lloyd zu nennen. Manche sprechen bei seiner Rolle in diesem Film von einer Karrierebestleistung, damit wäre ich bei einer Karriere so umfangreich und qualitativ hochwertig wie der von Lloyd vorsichtig aber ich habe ihn ohne Frage schon lange nicht mehr so gut und mit einer solchen Bandbreite gesehen wie hier (zugegeben, ich habe ihn allgemein schon lange nicht mehr gesehen). Alleine seine Rezitationen von William Blake Gedichten sind (im Original) den Film wert. Der eigentliche Star ist aber in jeder Hinsicht Max Records, den ich seit ‚Wo die wilden Kerle wohnen‘ von 2009 nicht mehr gesehen habe und der seitdem wohl auch nicht viel gespielt hat. Hier gelingt ihm das beinahe Unmögliche: für das Publikum die Gefühle eines Menschen nachvollziehbar zu machen, der eigentlich keine Gefühle (oder zumindest keine Empathie) haben sollte, der zumindest anfangs nur einer reglementierten Routine folgt, um nicht aufzufallen und niemandem zu schaden. Records liefert eine absolut magnetische Vorstellung ab. John Wayne Cleaver ist sicherlich nicht den ganzen Film durch sympathisch, geht in zumindest einem Moment eindeutig zu weit aber Records sorgt dafür, dass er stets faszinierend genug bleibt, dass man wissen möchte was er als nächstes tut. Und sich immer wieder einmal doch besorgt fragt, ob wirklich der Wunsch den Mörder zu stellen hinter seiner Jagd steckt oder ob er nicht eine andere Art der Verbindung spürt. Ich hoffe man muss nicht noch einmal 8 Jahre warten, um Records wiederzusehen!

Wenn im wirklichen Leben jemand ungefragt den Titelsatz äußert, so ist das ein Moment um freundlich zu nicken und eiligst nach dem kürzesten Weg zur, hoffentlich unverschlossenen, Tür zu suchen, doch vor diesem Film sollte man keinesfalls fliehen, wenn auch nur irgendetwas an meinem (wahrscheinlich übermäßig begeistert scheinenden) Geschreibe interessant klingt. Ich kann nicht versprechen, dass jede Wendung für Euch funktionieren wird, doch ist der Film ungewöhnlich genug und dabei gut genug gemacht, dass wenn es Euch wie mir geht ein bleibendes Erlebnis bevorsteht und nicht wie ich anfangs befürchtet habe ein Kleinstadt-‚Dexter‘ mit Teenager-Protagonist.

 

‚The Autopsy of Jane Doe‘ (2016) – „Open up your heart and let the sunshine in“

Der Oktober ist vorüber und damit die Zeit für Horror eigentlich auch, zumindest zeitweise. Aber die gelungene Besprechung von „Jane Doe“ auf The Good The Bad and Indies hat dafür gesorgt, dass ich mir den trotz Post-Halloween-Zeit zu Gemüte führe. Für seine erste Regiearbeit seit dem gelungenen Found Footage Film ‚Trollhunter‘ von 2010 begibt sich der norwegische Regisseur André Øvredal über den großen Teich, zumindest was die Handlung angeht, gedreht wurde der Film in England. Ob mich sein Film um eine mysteriöse Leiche ebenso überzeugen konnte wie der um die großen, nordischen Ziegenhasser lest Ihr hier.

„Jane Doe“, wie wohl jeder weiß, der schon mal einen amerikanischen Krimi gesehen hat, beschreibt eine unidentifizierte, weibliche Leiche. Eine solche ohne erkennbare Wunden findet die Polizei einer Kleinstadt in Virginia im Keller eines Hauses voller sowohl identifizierter, als auch übel zugerichteter Leichen. In der Hoffnung das Schicksal der Unbekannten möge Licht auf die Vorgänge im Haus liefern, wird sie noch am späten Abend zu Bestattungsunternehmer und Rechtsmediziner Tommy Tilden (Brian Cox) gebracht, der, zusammen mit seinem Sohn Austin (Emile Hirsch) bis zum nächsten Morgen eine Todesursache feststellen soll. Schnell ergeben sich bei der Untersuchung der perfekt erhaltenen Leiche (Olwen Kelly) allerlei unerklärliche Widersprüche. Dann geschehen seltsame Dinge im Sektionsaal und draußen zieht ein gewaltiger Sturm auf…

Etwa die erste Hälfte des Films ist hervorragend. Øvredal inszeniert seine Autopsie nicht mit dem Ziel beim Zuschauer insbesondere Ekel zu erregen. Einerseits ist er brutal existenzialistisch, der Mensch auf dem Seziertisch ist nicht mehr als eine Haufen Fleisch und Knochen, andererseits faszinieren anfangs die zahlreichen Geheimnisse, die die Leiche birgt. Diese Geheimnisse lassen zwar ziemlich bald nur einen Schluss zu, der sich dann auch als richtig erweist aber der Weg dorthin ist durchaus faszinierend. Allerdings verliert der Film im zweiten Akt ein wenig, wenn er zu einem „gewöhnlichen“ Spukhaus-Film wird. Dabei hat Øvredal durchaus gute Vorarbeit geleistet. Er macht uns mit dem Kellergeschoss des Bestattungsunternehmens wo der Großteil des Films spielt sorgfältig bekannt, bevor er die Regeln komplett ändert und wir ebenso wie die Charaktere mit einer völlig neuen, weitaus klaustrophobischeren Situation umgehen müssen. Das größte Problem ist, dass der Film nie wirklich auf einen Klimax hinausläuft. An der Stelle, wo man einen solchen vermuten würde findet sich stattdessen ein etwas ungeschickter, expositorischer, geschichtlicher Abriss über Neu-England. Auch hat die Bedrohung nie wirklich etwas mit der Beziehung Vater-Sohn zu tun, bleibt somit immer etwas außerhalb der Figuren. Das soll nicht heißen, der Film würde nicht funktionieren, das tut er durchaus. Er kann nur die am Anfang gegebenen „Versprechen“ nicht ganz einlösen und wird zum Ende hin immer schwächer, was allerdings rein am Drehbuch liegt.

Vater und Sohn Tilden sind zwar nur grob umrissene Charaktere, allerdings gelingt es Brian Cox und Emile Hirsch diese Umrisse mit allerlei Leben zu füllen. Die scheinbare Gefühlskälte von Tilden sr., die er nicht nur den Leichen auf seinem Tisch, sondern auch seiner verstorbenen Frau entgegenbringt bleibt ein lange unausgesprochenes Hindernis zwischen Vater und Sohn. Überhaupt sind sie am besten, wenn sie wenig sprechen. Die Momente in denen sie wortlos kommunizieren, wie das ein Team, das seit Jahren zusammenarbeitet tun würde, gehören zu den effektivsten im Film. Wenn Cox dann später eine unerwartete Reueszene spielen muss und den rein aus Exposition bestehenden Klimax quasi allein bestreitet, dann kann der Film sich glücklich schätzen keinen schwächeren Schauspieler besetzt zu haben, dann wären diese Momente wohl komplett schiefgegangen. Zu erwähnen ist definitiv noch Olwen Kelly, als für einen Großteil des Films die titelgebende Jane Doe gibt. Sie konnte aus ihrer Erfahrung mit Yoga schöpfen, um Atmung und Körper zu kontrollieren, während sie bis zu 10 Stunden am Stück reglos auf dem Tisch liegen musste. Nicht zuletzt deshalb aber auch weil sie mit Ihrer Persönlichkeit dazu beitrug, dass sich niemand bei der ungewöhnlichen Situation am Set, zwei Schauspieler hantieren an einer nackten Frau herum, unwohl fühlte, nennt Øvredal ihre Rolle die schwerste und wichtigste des Films.

Auffällig ist, dass sich der Film in den ersten Minuten gegen die derzeit im Horrorgenre so beliebten „Jumpscares“ positioniert. Austins Freundin Emma (Ophelia Lovibond, das ist mal ein Name!) erschreckt ihn während der ersten Minuten des Films mit einem solchen „Buh“-Moment und bemerkt lachend „das ist soooo einfach“. Tatsächlich macht es der Film nicht so einfach. Er setzt zwar hin und wieder auch Jumpscares ein, allerdings sind die zumeist „verdient“ und mit entsprechender  Atmosphäre untermauert.

Was als Fazit bleibt ist ein Film mit einer großartigen Ausgangssituation, die er allerdings nicht voll zu nutzen weiß. Der Rest hat immer noch eine Menge gelungener Momente zu bieten, allerdings weist das Drehbuch hier große Schwächen auf, die von den Darstellern aber zu einem guten Teil wieder aufgefangen werden können. Durchaus sehenswert.

‚Raw‘ (2017) – Na dann Mahlzeit

Da ist doch glatt schon Halloween ausgebrochen und ich habe den ganzen Oktober über nicht einen aktuellen Horrorfilm besprochen. Bevor das eine Abmahnung gibt oder mir, noch schlimmer, die Blogausschanklizenz und Knarre entzogen werden, sei hiermit quasi auf den letzten Drücker eine zumindest halbgare Rezension zu Julia Ducournaus wunderbar gelungenem ‚Raw‘ serviert.

Justine (Garance Marillier) beginnt, ganz in der Tradition ihrer Familie, ein Studium zur Veterinärin. Das ist für die Studienanfänger mit erniedrigenden Initiationsriten (oder französisch „Bizutage“, was allerdings viel zu freundlich klingt) verbunden. Nicht nur werden sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen und gezwungen zu einer Party zu kriechen, sie werden auch in bester ‚Carrie‘-Tradition mit Schweineblut übergossen. Als von ihr verlangt wird eine rohe Hasenniere zu essen ist für die lebenslange Vegetarierin Justine eigentlich die Schmerzgrenze erreicht. Auf Zureden ihrer älteren Schwester Alexia (Ella Rumpf), die schon länger im Studium ist und zu den „Prüfern“ gehört, tut sie es aber doch. Es folgt zunächst eine derart heftige allergische Reaktion, dass es an cronenbergschen Bodyhorror grenzt, bevor in Justine ein immer extremerer Hunger erwacht…

Gerade für ein Erstlingswerk ist Ducournaus Film stilistisch geradezu erstaunlich elegant. Im Inneren der Hochschule finden primärfarbenbeleuchtete (vor allem rot natürlich) Partys a la Dario Argento statt und kontrastieren mit den stillen Außenaufnahmen hässlicher Betonbauten und trüber, verregneter Natur. Die Schule wirkt nicht nur vom Rest der Welt getrennt, sie scheint auch in sich ein geradezu alptraumhaftes Labyrinth. Der psychedelische Soundtrack von Ben Wheatley Stammkomponist Jim Williams unterstreicht diesen Eindruck noch. „Ich habe mich schon verlaufen“, bemerkt Justine keine zwei Minuten nachdem sie in der Schule angekommen ist, als wir Zuschauer uns noch Sorgen um ihre Sicherheit, statt der derer um sie herum machen.

Garance Marillier, die schon seit sie dreizehn Jahre alt war mit Regisseurin Ducournau an Kurzfilmen arbeitet, gelingt hier ein kleines Kunststück. Gibt sie anfangs noch die brave Musterschülerin, die von den fleischlichen Gelüsten (in jeder Hinsicht) um sie herum verwirrt bis abgestoßen ist, so wird sie im Laufe des Films zu einem immer mehr von teils gefährlichen Instinkten getriebenen beinahe animalischen Wesen. Dabei büßt sie vielleicht die Sympathie von mir als Zuschauer ein, nie jedoch das Interesse. Wenn sie dann wie ein Hund nach der Hand einer Leiche schnappt, die ihre Schwester vor ihrer Nase baumeln lässt, dann ahnt man, dass hier einiges Vertrauen zwischen Regisseurin und Darstellerin nötig war. Ella Rumpf als die rotzige, ältere Schwester, sowohl Rivalin als auch Antreiberin Justines gibt einen gleichstarken Gegenpart ab. Die Beziehung der beiden Schwestern erinnert so nicht selten an die der Schwestern im ähnlich gelungenen ‚Ginger Snaps‘.

Einige kleinere, erzählerische Schwächen, gerade zum Ende hin, wenn der Film ein paar Karten mehr auf den Tisch legt als vielleicht klug wäre, fallen da eigentlich kaum noch ins Gewicht und können der Eleganz des Gesamtproduktes nichts mehr anhaben. Die Themen weiblicher Sexualität, gefährlicher, sinnloser Traditionen, dem Wunsch nach Ausbrechen aber auch dem Streben nach unauffälliger Durchschnittlichkeit transportiert der Film mit scheinbar so spielerischer Leichtigkeit, dass er sich gelegentlich anfühlt wie ein Grimmsches Märchen, wenn auch erzählt aus der Sicht der Knusperhexe.

Und nun ist es mir gelungen so viel zu schreiben und ein wichtiges Thema, das Thema, welches für Viele der Grund sein wird sich den Film nicht ansehen zu wollen, nicht einmal anzuschneiden: Kannibalismus ist der offensichtliche heiße Brei, um den ich hier herumgeschrieben habe. Die Gerüchte um Leute, die von Sanitätern aus Vorführungen des Films gebracht werden mussten betrachte ich zwar einfach mal als typisch übertriebenes Horrorfilm-Blah-Blah, allerdings ist der Film für Leute mit empfindlicherem Magen vermutlich wirklich nicht gut geeignet. Ähnlich wie in ‚Green Room‘ liegt das aber gerade nicht an überzogenen Gore-Effekten, sondern daran, dass das was geschieht mit geradezu schmerzhaftem Realismus dargestellt wird. Seinen immer mal wieder aufblitzenden tiefschwarzen Humor legt der Film in diesen Momenten meist ab und weist dagegen ein Sounddesign auf, das schon die Kratzgeräusche auf Justines allergischem Ausschlag unerträglich werden lässt, ganz zu schweigen von dem was später passiert. Eine Ausnahme davon ist eine wunderbar bizarre Szene um einen Mittelfinger, autsch. Ein offensichtlicher Beweis wie sehr sich die Wertungen der FSK in den letzen Jahren gewandelt haben ist wohl, dass der Film ab 16 freigegeben wurde.

Wer sich davon allerdings nicht abschrecken lässt, der bekommt hier einen echten Leckerbissen an europäischem Horror geboten, ein frankobelgisches Amuse-Gueule für Julia Ducournaus zukünftige Karriere. Und das waren jetzt mindestens zwei Essensanspielungen zu viel, darum wünsche ich Euch jetzt ein Happy Halloween und einen schönen, freien Reformationstag!

Ein paar Gedanken zu ‚Cabin in the Woods‘ (2012)

Als ich vor ziemlich genau fünf Jahren das Kino verließ war ich nicht eben begeistert. Dabei war es nicht so, dass ich ‚Cabin in the Woods‘ nicht gemocht hätte, ich fand ihn in Ordnung. Die Leute mit denen ich ihn gesehen hatte fanden ihn hingegen großartig. Die Kritik fand ihn großartig. Er tauchte auf Toplisten des Jahres auf und wurde zu einem der wichtigsten Horrorfilme erklärt. Warum, fragte ich mich. Der war doch höchstens ganz okay. Ich kann nicht behaupten, dass mich die Frage, ob ich etwas verpasst hatte, in irgendeiner Weise umgetrieben hätte. Aber in dieser Halloween-Zeit habe ich ihn mir dann doch nochmal wieder vorgenommen. Habe ich nun was übersehen? Weiterlesen

Letzte Woche gelesen: ‚Asterix in Italien‘ (2017)

Asterix ist vermutlich das letzte Comic-Massenphänomen, das in Deutschland noch übrig ist. Der Veröffentlichungstag ist eine große Sache, Tageszeitungen berichten drüber, Fernsehsender lassen ihre Literaturkritiker drüber schauen (weil sie natürlich keine Comickritiker haben) und Bahnhofsbuchhandlungen und Kioske decken sich mit wahren Stapeln ein. Selbst die triste Zeit, nachdem Szenarist Rene Goscinny verstorben war und Zeichner Albert Uderzo die Serie allein weiterführte und näher und näher an den Rand der Unlesbarkeit und weit darüber hinaus brachte, konnten der Beliebtheit großen Schaden zufügen. Das konnten nicht mal die Realverfilmungen, was wirklich erstaunlich ist aber kommen wir zur Sache. Weiterlesen