‚Twin Peaks‘ (2017) – Finale – Teil 17/18 Spoiler! – Gedanken und Ideen

Achtung! Der folgende Text verrät das Ende der dritten Staffel von ‚Twin Peaks‘ von 2017! Wer einen weitgehend spoilerfreien Text lesen möchte, findet hier meine allgemeine Besprechung. Für Euch anderen gilt, lasst uns über Judy sprechen! Weiterlesen

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‚Twin Peaks‘ (2017) – We‘re (still) not gonna talk about Judy!

Im folgenden Text war ich sehr bemüht weitgehend auf direkte Spoiler für die aktuelle Serie zu verzichten (notwendigerweise verrate ich aber das Ende von Staffel 2). Einige Andeutungen und direkte Aussagen, was die Handlung der Serie betrifft ließen sich nicht vermeiden. Diese gehen aber an keinem Punkt über die Mitte der Serie hinaus. Dennoch, wer vollkommen unbeleckt an die Serie herangehen will, sollte mit dem Lesen vielleicht bis hinterher warten. Wer hingegen die Serie schon gesehen hat, darf in den nächsten Tagen einen weiteren Artikel erwarten, in dem ich explizit das Ende der Serie und meine Interpretation bespreche. Weiterlesen

‚Shape of Water‘ (2017)

Und heute aus der Kategorie „Filmlichter holt Filme viel zu spät nach“: Guillermo Del Toros vierfacher Oscargewinner von 2017, ‚Shape of Water‘. Eine gute Ausrede, warum es so lange gedauert hat, habe ich nicht, bin ich doch üblicherweise ein großer Freund von seiner Arbeit. Aber was soll’s. aufgeschoben ist nicht aufgehoben und hier ist meine Besprechung.

In den frühen 60er Jahren arbeitet die stumme Elisa (Sally Hawkins) nachts als Putzfrau in einem geheimen Regierungslabor in Baltimore. Ihre einzigen Freunde sind ihr Nachbar, der alternde homosexuelle Plakatzeichner Giles (Richard Jenkins) und ihre Kollegin, die Afroamerikanerin Zelda (Octavia Spencer), die meist das Reden für beide übernimmt. Eines Nachts bringt Colonel Strickland (Michael Shannon) ein neues „Asset“ ins Labor. Einen Amphibienmenschen (Doug Jones) aus dem Amazonas, von dessen Physiologie man sich Vorteile im Rennen in den Weltraum, dem derzeitigen Austragungsort des Kalten Krieges, erhofft. Elisa fühlt sofort eine Seelenverwandtschaft zu der, von Strickland übel misshandelten, Kreatur. Sie bringt ihm hartgekochte Eier mit, spielt ihm Musik vor und beginnt via Gebärdensprache mit ihm zu kommunizieren. Als sie erfährt, dass eine Vivisektion an dem Wesen vorgenommen werden soll, ist für sie klar, dass sie und ihre Freunde ihn befreien müssen. Unerwartete Hilfe erhalten sie dabei vom Wissenschaftler Hoffstetler (Michael Stuhlbarg).

‚Shape of Water‘ ist vermutlich Del Toros bester Film seit ‚Pans Labyrinth‘. Tatsächlich lassen sich Ähnlichkeiten erkennen, in der Vermischung des Realismus und des Fantastischen. Doch anders als bei ‚Pans Labyrinth‘, wo die Übergänge meist genau und erkennbar waren, sind sie hier fließend. Tatsächlich „fließt“ der Film zwischen allerlei Genres hin und her: Romanze, Kalter Kriegs Thriller, „Creature Feature“, Märchenfilm, Musical und allgemeiner Hommage an den klassischen Hollywoodfilm. Abwesend hingegen sind die Horrorelemente, die in ‚Pans Labyrinth‘ noch ein zentraler Bestandteil waren.

„Fließend“ ist ohnehin eine gute Beschreibung für beinahe alles im Film, passend zum zentralen Symbol des Wassers. Sei es Alexandre Desplats Filmmusik, die oft genug an murmelnde Bächlein, oder Meeresbrandung erinnert und häufig dazu dient der stummen Elisa eine Stimme zu geben. Oder sei es die flüssige Bewegung der Kamera des Dänen Dan Laustsen, die über wie unter Wasser schwerelos zu gleiten scheint. Er verbindet so nicht nur Genres, die eigentlich nicht zueinander passen sollten, sondern auch Orte, die der Film widersprüchlich erscheinen lässt. Da sind die Apartments von Elisa und Giles, ihres sparsam eingerichtet, seines vollgestopft mit Erinnerungen, über einem bröckelnden Kinopalast, die alle in grün-blauen Farben erstrahlen und selbst im 60er Jahre Setting schon aus der Zeit gefallen wirken. Demgegenüber steht der Brutalismus des Geheimlabors mit seinen grau-weißen Farben, den rohen Beton- und Metallflächen und kalten Linoleumböden. Das Haus von Strickland und das Apartment von Hoffstetler hingegen erscheinen in gänzlich naturalistischem Licht und für die Zeit passendem Dekor.

Vor allem aber ist der Film, wie die meisten von Del Toros Filmen, eine Außenseiterballade. Ohne das es je direkt ausgesprochen würde sind es die Außenseiter der Gesellschaft, die Stumme, der Schwule, die Schwarze, der Kommunist die hier ein arrogantes, rassistisches, faschistisches, chauvinistisches Arschloch besiegen. Ein Arschloch, gilt es zu erwähnen, das, wäre der Film zur Zeit seiner Handlung entstanden, fraglos der Held gewesen wäre. Unter seinen wunderschönen Bildern und der ungewöhnlichen Romanze hat Del Toro also einen Befreiungsfilm versteckt, der eine Solidarität der Schwachen beschwört und zum Erfolg führt.

Filmisch kann man sicherlich Verwandtschaften ausmachen. Die gesättigten Farben und die exzentrische Romanze lassen direkt an die fabelhafte Amélie denken, wobei Del Toro seine Elisa direkt in der ersten Szene, durch eine angedeutete Selbstbefriedigung, mehr zur Erwachsenen macht, als das ätherisch-kindliche Geschöpf der Amélie. Der Film evoziert fraglos ‚Die Schöne und das Biest‘, Cocteau ebenso wie Disney. Und die Kreatur selbst ist irgendwo zwischen ‚Der Schrecken vom Amazonas‘ und Del Toros eigenem Ape Sapien aus den ‚Hellboy‘ Filmen. Allerdings liegt der Fokus hier weit weniger auf dem „Schrecken“ und mehr auf dem „Sapien“. Der Amphibienmensch ist kein Monster, er ist eine Kreatur, ein intelligentes Lebewesen. Und wenn es später im Film zum Sex zwischen dem Amphibienmensch und Elisa kommt, dann fühlt sich das nicht fragwürdig oder seltsam, sondern schön und folgerichtig an.

Sally Hawkins trägt den Film beeindruckend und ohne Worte auf ihren Schultern. Der Sprache beraubt (wortwörtlich, als Waisenkind wurden ihrem Charakter die Stimmbänder durchtrennt) interagiert sie mit Gebärdensprache, vor allem aber mit roher und direkter Emotionalität und einer Empathie, die über jede Sprache hinweg funktioniert. Obwohl sicher ein gewisses Maß des Lobes den Anzugbauern und Tricktechnikern gebührt, ist Doug Jones ein Kreaturendarsteller, der einem Andy Serkis in nichts nachsteht und gemeinsam schaffen er und die Techniker hier einen Charakter, den man so schnell nicht vergessen wird. Michael Shannon ist am besten, wenn er Arschlöcher spielt. Und hier spielt er ein derart vollkommenes Arschloch, dass es einem beinahe kindliche Freude bereitet, wenn jemand eine Beule in sein neues Auto fährt, doch scheint gelegentlich ein Schmerz in seinem Blick, der tiefere Gründe hinter diesem Mount Everest der Arschlocherie vermuten lässt. Richard Jenkins und Octavia Spencer füllen ihre Nebenrollen in ihren kurzen Auftritten mit so viel Hintergrund und Leben, dass es eine Freude ist.

Ich hoffe es ist klar geworden, dass ich den Film sehr mochte. Manchmal liegen die Oscars dann wohl also doch richtig. ‚Pans Labyrinth‘ mag mein Favorit aus Guillermo Del Toros Filmografie bleiben, doch kommt dieser Film ziemlich nahe dran.

‚Halloween‘ (2018) – Halloween H40?

Halloween im Februar (als ich den Film gesehen habe), das ist doch mal was Neues. David Gordon Greens Fortsetzung von John Carpenters Slasher Klassikers, die alles, was die Reihe danach hervorbrachte ignoriert, ist allerdings nicht ganz so neu, wie immer vermittelt wurde. Denn ziemlich genau zwischen dem Original und dem, für maximale Verwirrung, gleich benannten 2018er Sequel, gab es ‚Halloween H20‘, der den exakt gleichen Ansatz wählte. Leider war ‚Halloween H20‘ gar nicht mal so gut. Und oft kommt es ja nicht darauf an etwas als erster gemacht zu haben, sondern als erster richtig. Kann sich dieser Film diesen Erfolg auf den schmuddeligen Jumpsuit kritzeln?

40 Jahre ist es her, seit Michael Myers (James Jude Courtney) an Halloween eine ganze Reihe Morde in Haddonfield begangen hat. Eine Reihe, die schließlich mit dem versuchten Mord an Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) endete. Seitdem sitzt er in einem Forschungskrankenhaus und wird von Dr. Sartain (Haluk Biligner) untersucht. Sehr zu dessen Missvergnügen soll er nun aber in eine Hochsicherheitsanstalt verlegt werden. Ausgerechnet an Halloween. Für Laurie ist klar, dass nun die Nacht ansteht vor der sie sich lange gefürchtet, aber auf die sie sich auch lange vorbereitet hat: die Rückkehr von Michael Myers.

Um es direkt zu sagen: in seinen zentralen Themen funktioniert der Film ganz großartig. Eines dieser Themen ist Trauma. Lauries Trauma war keineswegs beendet, als Myers gefangen wurde. Sie zog sich in ein Festungs-artiges Gebäude tief im Wald zurück, baute Fallen, lernte mit Waffen umzugehen. Und wie ein Stein der ins Wasser geworfen wird, breitete sich das Trauma in Wellen aus. Es betraf nicht nur Laurie, sondern auch ihre Tochter Karen (Judy Greer), die auch als Erwachsene noch nicht über das harte Überlebenstraining, dem ihre Mutter sie unterzog hinweg ist und keinen Kontakt mit ihr möchte. Ihre Tochter Allyson (Andi Matichak) ist neugierig auf ihre Oma, aber doch auch immer wieder von ihrem Verhalten schockiert. Drei Generationen hat Michaels Verbrechen so brutal beeinflusst und damit sind wir beim zweiten großen Thema, dem Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Laurie hat sicher in den letzten 40 Jahren keinen Tag verbracht ohne an Michael zu denken, doch wie sieht es umgekehrt aus?

Während Carpenter seine Bilder groß aufgezogen hat, freie Flächen schuf, in denen „The Shape“ in jedem Moment erscheinen konnte und seinen Charakteren erst zum Finale hin mit seiner Kamera immer näher kam, beginnt Greens Kamera bereits sehr nahe an seinen Charakteren. Er will ihr Innenleben erforschen und dafür ist Nähe vonnöten. Auch zitieren die Bilder oft direkt den ersten ‚Halloween‘, tauschen allerdings Laurie gegen „The Shape“ aus. Wenn Allyson etwa in der Schule ist und aus dem Fernster schaut, steht auf der anderen Straßenseite nicht etwa Myers, sondern Laurie. Dieses Gegenüberstellen der Charaktere bedeutet, dass auch Michael hier ein Stück weit zum „Charakter“ werden muss. Die Anführungszeichen sind kein Zufall, denn zu viel sollte man nicht erwarten. Nachwievor kommuniziert er mit dem Rest der Welt nur über das spitze Ende eines langen Messers. Was ich aber meine ist, dass er unabhängig handelt. Wenn die Kamera ihn allein begleitet, dann trifft er Entscheidungen und sei es nur die Entscheidung zwischen einem Messer und einem Hammer. Er ist kein Monster, das nur in Schockszenen auftaucht. Aber natürlich ist er auch kein normaler Mensch. Er ist ein etwa 70jähriger Mann, der nicht einmal zuckt wenn er ein Brecheisen ins Gesicht bekommt und vom Auto überfahren nur mal 5 Minuten Pause braucht.

Die zentralen Thesen des Films funktionieren also ganz toll. Dann frage ich mich, warum die Filmemacher ihnen so wenig vertrauen. Nicht nur ist fast immer Dr. Sartain anwesend, um in Worte zu fassen, was der Film uns gerade gezeigt hat, oft genug scheint der Film auch einfach vom spannenden, zentralen Thema weg zu wollen. Sei es um zwei ebenso uninteressante wie unsympathische „True Crime“ Podcaster zu begleiten, die letztlich nur ein wahnsinnig konvolutes Plot-Device sind, um Michael an Maske und Jumpsuit kommen zu lassen. Oder Allysons Halloween-Party mit ihren Freunden, die genau diese Teenage-Nichtcharaktere sind, die man eigentlich im Slasher wirklich nicht mehr braucht. Und dann ist da noch der versuchte Humor, der meiner Meinung nach, hier nicht nur nichts verloren hat, sondern der dem Film sogar schadet. Ob die zahllosen Anspielungen auf alte Filme der Reihe nötig waren, darüber kann man sich sicher streiten, für mich haben die allerdings funktioniert. Mein Favorit war, dass in einer Szene das Lied im Radio zu hören ist, das Laurie im ersten Film singt. Das ist ein Song, den sich Curtis und Carpenter damals ausgedacht haben, weil kein Geld da war, um einen echten Popsong zu lizensieren.

Bei all dieser Kritik soll aber klar bleiben, dass der Film als großes Ganzes weitgehend funktioniert. Es ist für mich erstaunlich ähnlich zu ‚Blade Runner 2049‘, insofern, dass beides späte Fortsetzungen sind, mit denen ich bestimmte Probleme hatte, die aber 1. Sehr viel Respekt vor dem Original haben und 2. Verstehen, dass man 40 Jahre später ein eigenes, zeitgemäßes Element hinzufügen muss. Und mit dem Thema Trauma, dass 1978 noch längst nicht so gut verstanden war, hat dieser Film eine wahre Goldgrube für Horror aufgetan.

Ein weiterer Grund warum der Film funktioniert ist fraglos Jamie Lee Curtis, die hier vermutlich die Bestleistung ihrer Karriere abliefert. Die Szene etwa, wenn sie in ein Familienessen hineinplatzt, erst einmal ein Glas Rotwein herunterkippt und dann das gesamte Gespräch auf sich bezieht, ist gleichzeitig furchtbar und mitleiderregend. Umso befriedigender sind dann die späteren Szenen, wenn sie ihre Stärke entdeckt, kaum dass Michael ausgebrochen ist.

Oh, und selbstverständlich der Score von John Carpenter, seinem Sohn Cody und Patensohn Daniel Davies. Da steckt sicherlich viel Nostalgie für das Original drin, aber das Update mit modernen Synthies und krachenden Digital-Gitarren zeigt, dass Carpenter immer noch der Meister jenes Stils ist, der gerade im Indie Horror Bereich in den letzten Jahren (vielleicht etwas zu) ubiquitär geworden ist.

Trotz leichter Schwächen absolut sehenswerte Horror-Fortsetzung. Jetzt warten wir auf die nächsten 5 Teile, die alles wieder vor die Wand fahren…

‚Hell or High Water‘ (2016) – „Alright, I think I got these boys figured.“

In manchen Momenten ist ‚Hell or High Water‘ ein Western. In vielen anderen Momenten ist er keiner. In manchen Momenten zeigt er wie absurd ein Western in der heutigen Welt wirkt. In anderen wie absurd der Western als solches vielleicht schon immer war. Er tut das, indem er die Systeme zeigt, die in Bewegung sind, wenn der schwarze Hut und der weiße Hut aufeinander schießen. Gigantische Systeme, die ihr Handeln bestimmen und auf die sie keinen Einfluss haben. Und er bestätigt einen Haufen Vorurteile, die ich schon immer über Texas hatte…

Irgendwo in West Texas. Der geschiedene Vater Toby (Chris Pine) überfällt zusammen mit seinem Bruder, Ex-Knacki Tanner (Ben Foster) eine Reihe von Banken. Sie überfallen nur die kleinesten Zweigstellen ohne Überwachungssystem, nehmen nur kleine, unsortierte Scheine mit. Sie tun das, um die elterliche Farm davor zu bewahren an die Bank zu fallen, damit Toby sie seinen Söhnen vermachen kann. Die gut geplanten und schwer nachzuverfolgenden Überfälle erwecken das Interesse von Texas Ranger Hamilton (Jeff Bridges) und seines Partners Alberto (Gil Birmingham). Fest entschlossen seinen Ruhestand noch ein paar Tage hinauszuschieben heftet sich Hamilton an die Fährte der Bankräuber.

Das Bild, dass der Film von West Texas zeichnet ist das genaue Gegenteil vom klassischen „Yeehaw, auf nach Westen!“ Bild des Westerns. Die Straßen sind gesäumt von verrostenden Traktoren und von Werbetafeln, die von Angeboten für günstige Kredite künden. Überarbeitete, frustrierte Cowboys haben volles Verständnis dafür, dass ihre Kinder etwas anderes machen wollen. Es ist kein Bild des Aufbruchs, es ist ein Bild des Untergangs. Ein Bild eingefasst in die riesigen Himmel und endlosen Weiten der Prärie, die die resignierten Einwohner biertrinkend von den Verandas ihrer uralten Häuser beobachten und warten. Warten worauf? Auf das Unausweichliche, vermutlich.

Und wer nicht wartet ist zornig. Zornig auf Big Business und Technologie, auf einen Kapitalismus, der sie zurückgelassen hat. Auf ein Bankensystem, dass ihnen das Land, das ihre Vorfahren vor 150 Jahren mit einiger Brutalität den Comanche weggenommen haben, nun ohne eine Armee, ja ohne einen Schuss abnimmt. Es ist dieser Zorn, der beinahe jeden Moment des Films bestimmt. Banküberfälle in ländlichen Texasdörfern können womöglich noch gefährlicher sein als in der Großstadt. Weiß man doch hier nie, welcher noch so harmlos aussehende alte Mann einen Revolver im Hosenbund verborgen hat. Und selbst nach gelungenem Überfall besteht die reelle Chance, dass die örtliche, männliche Bevölkerung sich in eine Reihe Pickups zwängt und die Verfolgung aufnimmt, um ihre Schrotflinten endlich einmal an etwas anderem ausprobieren zu können, als an Bierflaschen und Kojoten.

Dieser Zorn treibt auch die beste Performance des Films, Ben Foster, als kriminell erfahrener Tanner. Diese Rolle zeigt auch, wie gut der Film darin ist Klischees zu vermeiden. Vom ersten Moment an, als man ihn sieht, bei einem Banküberfall, wo er „der Brutale“ ist, derjenige der Leute mit dem Pistolenkolben schlägt und herumbrüllt, wartete ich auf die unausweichliche Szene, in der er zusammenbricht und seinem Bruder Toby und damit dem Zuschauer erzählt, was er wirklich fühlt. Doch diese Szene kommt nicht. Der Film verlässt sich darauf, dass wir die kleinen Nuancen Tanners lesen können, um ihn zu verstehen und Foster ist gut genug diese zu liefern. Chris Pine ist ebenfalls gut, als ein Mann, der sich nicht vormacht in seinem Leben alles, oder auch nur einiges, gut gemacht zu haben. Seiner Exfrau wirft er nie vor ihn verlassen zu haben, für sich selbst will er nichts, nur für seine Söhne, die ihn nicht einmal besonders mögen. Sein Trotz gegen das System wird zu einer Art eigener Moral. Jeff Bridges ist Jeff Bridges und zeigt gleichzeitig, dass ein Film nicht jedem Klischee ausweichen muss. Ist er doch inzwischen quasi selbst eines. Doch nuschelt, schnauft und ächzt er sich in diese Rolle wie das kaum ein anderer neben Bridges könnte. Gil Birminghams Alberto, selbst ein Comanche, scheint ein wenig der Stellvertreter des Zuschauers, der von den seltsamen Sitten West Texas‘ mindestens ein wenig verwirrt ist und mit stoischer Gutmütigkeit die rassistischen Witzchen von Hamilton erträgt.

Sollte ich einen vergleichbaren Film abseits vom klassischen Western finden, dann würde ich wohl auf ‚No Country for Old Men‘ zeigen. Wobei ‚Hell or High Water‘ in seiner eigentlichen Handlung ein simpler „Räuber und Gendarm“ Film bleibt und sicherlich keinen Charakter wie Anton Chigurh vorzuweisen hat. Also vielleicht doch eher wie ‚Fargo‘, nur ohne Schnee. Oder, noch treffender, das erste Drittel von ‚The Place Beyond The Pines‘, nur ohne Bäume. Am ehesten beschreibt es vielleicht den rauen Ton des Films einfach zu sagen, dass der Soundtrack von Nick Cave und Warren Ellis stammt…

In meinen Augen absolut sehenswert.

‚Star Trek Beyond‘ (2016)

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich zu ‚Star Trek Beyond‘ gekommen bin. Das hat seine Gründe. Das Reboot von 2009 fand ich in Ordnung aber nicht toll und dann kam ‚Into Darkness‘, den ich zwar nicht so gehasst habe wie manche andere, aber nun wirklich auch nicht mochte. Ob das nun am Drehbuch von Orci und Kurtzman, oder daran, dass J.J. Abrams Star Trek „nicht wirklich versteht“ liegt, ist hier vermutlich der falsche Ort zum Spekulieren. Jedenfalls, als dann der Trailer zu ‚Beyond‘ bei mir auch noch ungute ‚Nemesis‘ Assoziationen weckte, war meine Motivation den Film zu sehen erst einmal dahin. Nun hat mich das (vermutliche) Aus für den vierten neuen ‚Star Trek‘ Film aber an diesen hier erinnert und ich habe ihn endlich nachgeholt. Kann mich das neue Gespann aus Autor Simon Pegg und Regisseur Justin Lin ein paar Jahre verspätet womöglich noch überzeugen?

Während die Enterprise an der hochmodernen Föderations-Sternenbasis Yorktown aufgefrischt wird, wird eine Rettungskapsel geborgen. Die Überlebende berichtet, dass ihr Schiff hinter einer nahegelegenen Nebelbank Havarie erlitten habe. Kirk (Chris Pine) stellt natürlich sofort sein Schiff zur Verfügung. Am Ort des Geschehens angekommen, erwartet sie allerdings ein gigantisches Schwarmschiff unter dem Kommando eines Wesens namens Krall (Idris Elba). Der hat es nicht nur auf ein Artefakt an Bord der Enterprise abgesehen, er will auch die Föderation vernichten. Im folgenden Kampf wird die Enterprise auf einem nahen Planeten zum Absturz gebracht. Der Großteil der überlebenden Crew, wird von Krall gefangen genommen, die anderen sind über den Planeten verteilt. Als Scotty (Simon Pegg) hier auf Jaylah (Sofia Boutella) trifft, die einige Jahre zuvor Krall entkommen konnte, stellt sich heraus, dass in ihrer Behausung, in mehrfacher Hinsicht, die einzige Hoffnung für die Besatzung der Enterprise liegt.

Ich gebe zu, die ersten paar Minuten war ich sehr skeptisch. Nicht nur wird Kirk, der in den beiden letzten Filmen noch lernen musste ein guter Kapitän zu sein, hier direkt schon seiner Aufgabe überdrüssig gezeigt, nein, der Film meint auch wieder eine Szene aus ‚Zorn des Khan‘ direkt zitieren zu müssen, was schon bei ‚Into Darkness‘ reichlich schief ging. Aber, ich bin sehr froh sagen zu können: danach wendete sich das Blatt entschieden und ich habe hier den für mich besten Film des Trek-Reboots gesehen. Dem Film gelingt es wunderbar das Gefühl der Original-Serie (und der Original-Filme) mit modernen Elementen anzureichern. Dazu schafft es die Erzählung, statt der üblichen Konzentration auf die „Dreifaltigkeit“ Kirk/Spock/Pille, ein echtes Ensemble-Stück zu schaffen, in dem jeder der typischen Brückencrew und Jaylah ihre große und kleine Momente bekommen.

Ich könnte sicherlich Erbsen zählen und einige der Probleme anführen, die ich mit dem Film hatte. Etwa, dass einiges Handwedeln rund um den Schurken Krall und seine Fähigkeiten notwendig war, um auf einen (in meinen Augen immerhin gelungenen) Twist hinzuarbeiten. Oder, das seine Motivation „ er hasst die Föderation“ sich inzwischen ziemlich ausgelutscht anfühlt. Aber immerhin ist die Föderation hier wieder eine Utopie a la Roddenberry, die es sich tatsächlich zu verteidigen lohnt. Auch das die Enterprise zerstört wird (das ist im Trailer zu sehen und beginnt innerhalb der ersten 30 Minuten, ist in meinen Augen also kein schwerer „Spoiler“) ist inzwischen so etwas wie ein Star Trek Klischee. Hier wirkte es aber auf mich, weil es erstens verdammt lange dauert und sich zweitens wirklich schmerzlich anfühlt, wenn etwa die Warp-Gondeln abgesägt werden und Krall befiehlt „schneidet ihr die Kehle durch“. Auch mit dem CGI bin ich nicht unbedingt durchgehend zufrieden, aber dann liefert es doch tolle Momente, wie den Flug durch die Yorktown-Station oder den ersten Blick auf das Schwarm-Schiff.

Kurz, der Film hat mich genug abgeholt, dass keines meiner kleinen Probleme den Genuss ernstlich geschmälert hätte. Das ist auch notwendig, denn die finale Schlacht mit dem Schwarmschiff läuft auf einen Moment hinaus, der eigentlich so dämlich sein müsste, dass er nicht funktioniert. Tut er aber trotzdem. Und das liegt vor allem daran, dass uns bis dahin die Charaktere so sehr ans Herz gewachsen sind, dass wir sie erfolgreich sehen wollen. Das gelingt, weil, wie oben bereits gesagt, alle Charaktere ihre Momente bekommen. Auch bemüht sich der Film, für die Zeit, wenn er die Crew aufteilt, Kombinationen zu finden, die so nicht unbedingt üblich sind und somit unbekannte Seiten der altbekannten Charaktere herauszuarbeiten. Kirk und Chekov (Anton Yelchin) etwa. Oder Uhura (Zoe Saldana) und Sulu (John Cho). Spock (Zachary Quinto) und McCoy (Karl Urban) ist da typischer, aber da schreiben sich die Dialoge halt auch quasi von allein.

Chris Pine hat mir hier gut gefallen, in manchen Szenen kam gar sein innerer Shatner* durch. Mit Zachary Quinto als Spock habe ich immer noch meine Probleme, weil ich einfach nicht ganz verstehe, wie seine Rolle angelegt sein soll. Aber vielleicht verbinde ich hier auch einfach Leonard Nimoy zu sehr mit dem Charakter. Karl Urbans McCoy war für mich schon immer das Beste am neuen Trek und er glänzt fraglos auch hier. John Cho, Anton Yelchin und Simon Pegg bekommen verdient mehr zu tun. Einzig Zoe Saldanas Uhura kommt etwas kurz weg. Vielleicht liegt das an der Konzentration auf Sophia Boutellas Jaylah**, die eine gelungene Addition für die Crew ist. Und zwei coole, weibliche Charaktere in einem Film sind wohl immer noch zu viel verlangt.

Was bleibt ist in meinen Augen ein gelungenes 50jähriges Jubiläum für Star Trek, das sich aber zum Glück nicht in Fanservice verliert. Ein ebenso modernes wie klassisches Star Trek. Ein geschickter und unaufdringlicher Rückgriff auf die alte Crew ist der Tod von Botschafter Spock (Leonard Nimoy) und das Entdecken eines Crewfotos in seinem Nachlass. Auch ist der Film Nimoy und dem tragisch früh verstorbenen Anton Yelchin gewidmet.

Das einzig Negative ist, dass mich das Aus für den vierten Teil, dem ich bislang eher ambivalent gegenüberstand, jetzt wirklich traurig macht. Aber irgendwas ist ja immer.

*Wobei er nicht einmal versucht sich an Jaylah ranzuschmeißen. Für Shat-Kirk wäre das vermutlich das Einzige, was noch über der Obersten Direktive steht…

** Fun Fact: Peggs Inspiration für den Charakter war Jennifer Lawrences Charakter aus ‚Winter’s Bone‘. Deswegen war „J-Law“ ein Platzhalter-Name im Skript und am Ende wollte es niemand mehr groß ändern.