‚I Am Not a Serial Killer‘ (2016) – „Nothing about you makes sense!“

 

Da behaupte ich jetzt seit zwei Wochen nun sei Schluss mit Horror und es wird einfach nix draus. Wobei der heutige Film eine Mischung aus Drama, Thriller sowie tiefschwarzer Komödie ist und höchstens Horrorelemente besitzt. Ich bin also schon ein Stück weiter weg vom Horror. Außerdem hatte ich das große Glück den Film zu sehen, mit nicht mehr Wissen als einer ungefähren Idee der Ausgangslage. Da dies ein Film ist, der meiner Meinung nach in besonderem Maße von Nichtwissen profitiert, werde ich im Folgenden recht ausweichend sein, was die Beschreibung der Handlung und selbst zentraler Themen angeht, um diese Besprechung so spoilerfrei wie irgend möglich zu halten.

John Wayne Cleaver (Max Records) ist ein Teenager in dem kleinen Industriestädtchen Clayton, irgendwo mitten in den USA. Er ist auf Serienmörder und Tod im allgemeinen fixiert, sein Nebenjob im familiären Bestattungsunternehmen dürfte dazu beitragen. Außerdem ist er als Soziopath eingestuft und sein Therapeut macht kein Geheimnis daraus, dass John alle Anzeichen für einen Serienmörder zeigt. Aber John folgt einem selbstauferlegten, strikten Satz an Regeln, die verhindern sollen, dass er irgendjemandem Schaden zufügt, denn John möchte ein guter Mensch sein. Viele Freunde hat er dennoch nicht, neben seiner Mutter (Laura Fraser) und Schulfreund Max (Raymond Branstrom) interagiert er eigentlich nur mit dem alternden Nachbarn Bill Crowley (Christopher Lloyd). Als tatsächlich ein Serienmörder in Clayton aktiv wird, nutzt John sein Wissen und seine  Fähigkeit sich in den Unbekannten hineinzudenken, für den Versuch den Täter zu stellen.

Regisseur Billy O’Brien und Kameramann Robbie Ryan fangen das trostlose Clayton im Herbst und Winter in unterkühlten 16mm-Filmbildern ein, die direkt einem 70er Jahre Thriller entstammen könnten. So zeigen sich nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch Ähnlichkeiten, insbesondere zu George Romeros ‚Martin‘. Immer wieder zeigt der Film aber auch Fabriken die undurchsichtige Schwaden weißen Rauchs in den weiten Himmel pumpen und direkt aus David Lynchs ‚Eraserhead‘ entkommen zu sein scheinen. Zusammen mit einem Soundtrack von Adrian Johnston, der irgendwo zwischen John Carpenter und der Musik von „Goblin“ angelegt ist schafft der Film eine ganz eigene Atmosphäre. Dieses Clayton scheint so kalt und grau in grau, wie man es seit der Hochhausiedlung aus ‚So finster die Nacht‘ nicht gesehen hat und der Film zeigt das deprimierendste Weihnachtsessen seit… vielleicht überhaupt. Das liegt natürlich vor allem daran das wir das Geschehen durch die Augen des distanzierten, desinteressierten John erleben und so überrascht es nicht, dass die auffälligsten, lebendigsten Farbmomente stets mit den Morden und Johns Untersuchung zusammenhängen, sind dies doch die Momente, wenn er selbst am lebendigsten scheint.

Ich habe gesagt ich wollte nichts spoilern, aber ich denke ich gehe nicht zu weit, wenn ich sage, dass sich meine größte Sorge, die der Titel in mir geweckt hat nicht bewahrheitet hat. Der Film spielt kein „ist er oder ist er nicht“ Spiel. Er macht sehr schnell klar, dass die Aussage des Titels wahr ist, John ist kein Serienmörder (was nicht bedeutet, dass er kein Potential für Gewalt besitzt). Überhaupt schert sich O’Brien (oder auch Dan Wells der Autor der Romanvorlage, die ich nicht kenne) sich wenig um „typische“ Erzählmuster. Anstatt nach und nach Hinweise zu offenbaren haut uns der Film immer wieder einmal Antworten mit der Subtilität einer Bratpfanne um die Ohren. Das Gute ist, dass jede dieser Antworten mit einem ganzen Satz neuer Fragen daherkommt. Fragen, die gleichzeitig oft genug mit einem Wechsel des Genres einhergehen. Und hier besteht die Gefahr, dass der Film unterwegs Zuschauer verlieren könnte. Tatsächlich hat auch für mich der letzte Wechsel, der etwa 5 Minuten vor Ende passiert und zu einer wahnsinnig überflüssigen Szene führt, nicht wirklich funktioniert. Aber das macht wenig denn der Film drumherum ist gut genug gemacht, ungewöhnlich erzählt genug und mit so viel makaberen Humor versehen, dass das mein Vergnügen nur marginal gemindert hat.

Neben der Bildsprache sind vor allem die Darsteller der Grund, warum der Film so gut funktioniert, wie er das tut. Da ist zunächst Christopher Lloyd zu nennen. Manche sprechen bei seiner Rolle in diesem Film von einer Karrierebestleistung, damit wäre ich bei einer Karriere so umfangreich und qualitativ hochwertig wie der von Lloyd vorsichtig aber ich habe ihn ohne Frage schon lange nicht mehr so gut und mit einer solchen Bandbreite gesehen wie hier (zugegeben, ich habe ihn allgemein schon lange nicht mehr gesehen). Alleine seine Rezitationen von William Blake Gedichten sind (im Original) den Film wert. Der eigentliche Star ist aber in jeder Hinsicht Max Records, den ich seit ‚Wo die wilden Kerle wohnen‘ von 2009 nicht mehr gesehen habe und der seitdem wohl auch nicht viel gespielt hat. Hier gelingt ihm das beinahe Unmögliche: für das Publikum die Gefühle eines Menschen nachvollziehbar zu machen, der eigentlich keine Gefühle (oder zumindest keine Empathie) haben sollte, der zumindest anfangs nur einer reglementierten Routine folgt, um nicht aufzufallen und niemandem zu schaden. Records liefert eine absolut magnetische Vorstellung ab. John Wayne Cleaver ist sicherlich nicht den ganzen Film durch sympathisch, geht in zumindest einem Moment eindeutig zu weit aber Records sorgt dafür, dass er stets faszinierend genug bleibt, dass man wissen möchte was er als nächstes tut. Und sich immer wieder einmal doch besorgt fragt, ob wirklich der Wunsch den Mörder zu stellen hinter seiner Jagd steckt oder ob er nicht eine andere Art der Verbindung spürt. Ich hoffe man muss nicht noch einmal 8 Jahre warten, um Records wiederzusehen!

Wenn im wirklichen Leben jemand ungefragt den Titelsatz äußert, so ist das ein Moment um freundlich zu nicken und eiligst nach dem kürzesten Weg zur, hoffentlich unverschlossenen, Tür zu suchen, doch vor diesem Film sollte man keinesfalls fliehen, wenn auch nur irgendetwas an meinem (wahrscheinlich übermäßig begeistert scheinenden) Geschreibe interessant klingt. Ich kann nicht versprechen, dass jede Wendung für Euch funktionieren wird, doch ist der Film ungewöhnlich genug und dabei gut genug gemacht, dass wenn es Euch wie mir geht ein bleibendes Erlebnis bevorsteht und nicht wie ich anfangs befürchtet habe ein Kleinstadt-‚Dexter‘ mit Teenager-Protagonist.

 

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Das Leben, das „Cinematische Universum“ und der ganze Rest

Manchmal kommen sie eben nicht wieder: Universals „Dark Universe“ scheint ein weiteres Mal vorüber zu sein, bevor es wirklich begonnen hat. ‚Dracula Untold‘ von 2014, der die Frage beantwortete, was passieren würde, wenn man aus den ersten 5 Minuten von Coppolas Dracula einen ganzen Film machen würde, sollte mal der Anfang sein, nachdem der bei Kritik und Publikum weitgehend durchgefallen war, „galt“ er aber nicht mehr. Dann sollte das Tom Cruise Vehikel ‚Die Mumie‘ den Anfang bilden, kam allerdings beinahe ebenso schlecht an. Nun sind die beiden „Architekten“ des „Dark Universe“, Alex Kurtzman und Chris Morgan zu ‚Star Trek: Discovery‘ bzw. dem ‚Fast and Furious‘ Franchise versetzt und der nächste Film ‚Bride of Frankenstein‘ soll zwar noch erscheinen. Aber wann? Keine Ahnung.[1] Tragisch für Universal, die mit ihren Monster Filmen in den 30er und 40er Jahren für das erste „Cinematische Universum“ verantwortlich zeichneten. Sie standen hier allerdings vor dem erkennbaren Dilemma, dass sie wohl einerseits meinten ihre Monster als Horror nicht mehr in Mainstream-fähigen Blockbustern vermarkten zu können, andererseits offensichtlich nicht wirklich wussten, was sie sonst mit ihnen anfangen sollen. Das mittendrin nun auch noch ‚ES‘ erschien und bewies, dass Mainstream-Horror durchaus auch heute funktionieren kann dürfte wohl noch zusätzliches Salz in die Wunde gestreut haben. Aber was genau ist eigentlich ein „Cinematisches Universum“? Und was macht es für Studios und Publikum so attraktiv? Weiterlesen

Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 besten Kinderhelden (in Serien)

Heute steht eine Zeitreise auf dem Programm. Gorana fragt uns nach unseren größten Kinderhelden in Serien. Die Helden sollen dabei selbst Kinder unter 14 sein, was die Frage für mich etwas schwierig macht, da ich beim Überlegen gemerkt habe, dass ich schon als Kind erwachsene Helden bevorzugt habe, Bud Spencer, Peter Lustig etc.. Aber natürlich war es trotzdem kein großes Problem auf 5 kindliche Helden zu kommen, auch wenn ich bei meiner Nummer 1 ein wenig „geschummelt“ habe.

 

  1. ‚Jack Holborn‘

Seefahrt hat mich ja irgendwie schon immer fasziniert. Diese Geschichte um den Waisenjungen Jack, der eigentlich Seiler werden soll aber viel lieber Schiffsjunge wäre und sich daher auf dem Schiff eines Freibeuters verdingt mag daran Anteil haben. Ich habe die als sehr atmosphärisch düster in Erinnerung und frage mich, ob sie heute noch funktionieren würde. Müsste man mal ausprobieren.

  1. ‚Tiny Toons‘

Anfang der 90er war es plötzlich für kurze Zeit in Mode etwas in die Jahre gekommene Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes zu verjüngen. Ein Trend vermutlich ausgelöst durch den Erfolg der ‚Muppet Babies‘. Ich mochte die Tiny Toons allerdings immer am liebsten, da sie zumindest eigenständige Charaktere waren und auch mit den originalen Looney Toons interagiert haben. Ich kann aus heutiger Sicht allerdings nicht mehr sagen, ob sie mir wegen der Serie im Gedächtnis geblieben sind oder wegen des bockschweren NES Spiels. Zumindest pfeife ich noch gelegentlich die Titelmelodie und bin immer noch Fan der klassischen Warner Animationen aus den 40ern.

  1. ‚Der kleine Vampir‘

Die Freundschaft zwischen Anton und Rüdiger und dessen Vampirfamilie hat mir immer sehr gut gefallen. Was mir vor allem im Gedächtnis ist, ist dass ich Rüdigers punkigen Bruder verdammt cool fand und selbstverständlich Gert Fröbe als Widersacher Johann Geiermeier (ein deutlich besserer Vampirjäger-Name als Van Helsing, seien wir mal ehrlich). Ich beziehe mich auf die erste Serie aus der Mitte der 80er, seitdem scheint es ja durchaus noch mehrere Umsetzungen gegeben zu haben, die ich aber nicht kenne.

  1. ‚Ronja Räubertochter‘

Ich habe jetzt bei der Recherche bemerkt, dass das wohl eigentlich ein Film ist, ich kenne es aber nur ausgestrahlt als 3-Teilige Miniserie. Und als solche ist es vielleicht meine liebste Lindgren-Umsetzung. Die Geschichte um die Freundschaft von Ronja und Birk, Kinder aus verfeindeten Räubersippen, hat ihre Vorbilder von Tristan und Isolde bis Romeo und Julia. Lindgren und die Filmemacher schaffen es aber der Geschichte eine ganz eigene Poesie und einen ordentlichen Schuss Phantastik zu verpassen. Ronja als weiser Gegenpol zum polternden Machismo der Väter ist vermutlich Lindgrens beste Figur.

  1. ‚Die Drei Fragezeichen‘

Ja okay, die drei Satzzeichen haben es im Gegensatz zu TKKG und den 5 Freunden nie zu einer Fernsehserie gebracht und zu den neuen Filmen kann ich nix sagen aber jede Darstellung meiner Kindheit bei Auslassung der Drei Fragezeichen wäre schlicht unvollständig. Und immerhin bilden sie eine der langlebigsten Hörspielserien überhaupt. Justus war durchaus so etwas wie ein Vorbild für mich und ich habe in Kindertagen mindestens drei Detekteien gegründet. Einmal hatten wir sogar (handgeschriebene) Karten. Bloß einen Fall hatten wir nie. Vielleicht auch besser so, denn wer will sich schon mit Käfer-werfenden, Machete-schwingenden Vogelscheuchen auseinandersetzen?

Sollte jemand ein ernsthaftes Problem mit meiner Nummer 1 haben, tut einfach so als hätte ich ‚Die Simpsons‘ geschrieben. Anfangs war immerhin Bart der Held. Und dann fresst meine Shorts!

‚Star Wars‘ NOOOOOOOOOO!-vember

Zur ‚Star Wars‘ Reihe ebenso gehörend, wie Jedis, Ewoks, Lichtschwerter, Droiden, Monde Raumstationen und der Millennium Falcon aber oftmals unterschätzt ist das von Herzen kommende NOOOOOOOOO! Immer gern dann eingesetzt, wenn ein wichtiger Charakter stirbt oder eine unangenehme Nachricht überbracht wird.

Luke Skywalker ist vermutlich der Meister des NOOOOOOOO! Dabei begann er relativ dünn. Hier sein NOOOOOOOO! aus Episode IV:

Jugendliches Ungestüm ist vorhanden aber da ist definitiv noch Luft nach oben. In Episode V überzeugt er dann allerdings jeden Zweifler mit einem beeindruckenden, einhändigen, gehangenen Doppel-NOOOOOOOOOO!:

Wow! Aber vermutlich nicht überraschend, liegt ihm das NOOOOOOOOO! doch einerseits bereits in den Genen:

Andererseits war auch sein erster Trainer in jüngeren Jahren ein mehr als passabler NOOOOOOO!er:

Da kann man schon mal zum Machtgeist werden! Wie sich Rey in den neuen ‚Star Wars‘ Teilen NOOOOOO!-technisch entwickeln wird bleibt abzuwarten. Fest steht ihr erstes NOOOOOOOO! war noch nichts besonderes, wenn auch tatkräftig unterstützt von einem Chewbacca Hiäääääääääänk!, wookiesisch für NOOOOOOO!, nehme ich mal an (springt zu 2:39, SPOILER für Episode VII!):

Aber in Episode VIII wird sie ja noch eine Menge von Luke lernen können. Kylo Ren hingegen läuft in eine böse Anfängerfalle des NOOOOOOOO!ens. Er trennt sein „no“ vom eigentlichen emotionalen Ausbruch, dabei hätte das hier ansonsten ein ganz hervorragendes NOOOOOOOOOOO! werden können:

Vielleicht lernt er ja noch was von SNOOOOOOOOOKE! (kann man eigentlich feststellen an welcher Stelle Leute aufhören Artikel zu lesen?)

Und seien wir mal ehrlich, Palpatine hatte nie eine Chance, mit NOOOOOOO!-Fähigkeiten, die selbst ich aufbringe, wenn ich mal den Bus verpasse:

Solltet Ihr jetzt das – vermutlich berechtigte – Gefühl haben dieser Artikel habe Eure Zeit vollends verschwendet, dann wisst Ihr wenigstens, wie Ihr darauf reagieren könnt. Schönen NOOOOOOOOOO!-vember und bald ist wieder ‚Star Wars‘!

‚The Autopsy of Jane Doe‘ (2016) – „Open up your heart and let the sunshine in“

Der Oktober ist vorüber und damit die Zeit für Horror eigentlich auch, zumindest zeitweise. Aber die gelungene Besprechung von „Jane Doe“ auf The Good The Bad and Indies hat dafür gesorgt, dass ich mir den trotz Post-Halloween-Zeit zu Gemüte führe. Für seine erste Regiearbeit seit dem gelungenen Found Footage Film ‚Trollhunter‘ von 2010 begibt sich der norwegische Regisseur André Øvredal über den großen Teich, zumindest was die Handlung angeht, gedreht wurde der Film in England. Ob mich sein Film um eine mysteriöse Leiche ebenso überzeugen konnte wie der um die großen, nordischen Ziegenhasser lest Ihr hier.

„Jane Doe“, wie wohl jeder weiß, der schon mal einen amerikanischen Krimi gesehen hat, beschreibt eine unidentifizierte, weibliche Leiche. Eine solche ohne erkennbare Wunden findet die Polizei einer Kleinstadt in Virginia im Keller eines Hauses voller sowohl identifizierter, als auch übel zugerichteter Leichen. In der Hoffnung das Schicksal der Unbekannten möge Licht auf die Vorgänge im Haus liefern, wird sie noch am späten Abend zu Bestattungsunternehmer und Rechtsmediziner Tommy Tilden (Brian Cox) gebracht, der, zusammen mit seinem Sohn Austin (Emile Hirsch) bis zum nächsten Morgen eine Todesursache feststellen soll. Schnell ergeben sich bei der Untersuchung der perfekt erhaltenen Leiche (Olwen Kelly) allerlei unerklärliche Widersprüche. Dann geschehen seltsame Dinge im Sektionsaal und draußen zieht ein gewaltiger Sturm auf…

Etwa die erste Hälfte des Films ist hervorragend. Øvredal inszeniert seine Autopsie nicht mit dem Ziel beim Zuschauer insbesondere Ekel zu erregen. Einerseits ist er brutal existenzialistisch, der Mensch auf dem Seziertisch ist nicht mehr als eine Haufen Fleisch und Knochen, andererseits faszinieren anfangs die zahlreichen Geheimnisse, die die Leiche birgt. Diese Geheimnisse lassen zwar ziemlich bald nur einen Schluss zu, der sich dann auch als richtig erweist aber der Weg dorthin ist durchaus faszinierend. Allerdings verliert der Film im zweiten Akt ein wenig, wenn er zu einem „gewöhnlichen“ Spukhaus-Film wird. Dabei hat Øvredal durchaus gute Vorarbeit geleistet. Er macht uns mit dem Kellergeschoss des Bestattungsunternehmens wo der Großteil des Films spielt sorgfältig bekannt, bevor er die Regeln komplett ändert und wir ebenso wie die Charaktere mit einer völlig neuen, weitaus klaustrophobischeren Situation umgehen müssen. Das größte Problem ist, dass der Film nie wirklich auf einen Klimax hinausläuft. An der Stelle, wo man einen solchen vermuten würde findet sich stattdessen ein etwas ungeschickter, expositorischer, geschichtlicher Abriss über Neu-England. Auch hat die Bedrohung nie wirklich etwas mit der Beziehung Vater-Sohn zu tun, bleibt somit immer etwas außerhalb der Figuren. Das soll nicht heißen, der Film würde nicht funktionieren, das tut er durchaus. Er kann nur die am Anfang gegebenen „Versprechen“ nicht ganz einlösen und wird zum Ende hin immer schwächer, was allerdings rein am Drehbuch liegt.

Vater und Sohn Tilden sind zwar nur grob umrissene Charaktere, allerdings gelingt es Brian Cox und Emile Hirsch diese Umrisse mit allerlei Leben zu füllen. Die scheinbare Gefühlskälte von Tilden sr., die er nicht nur den Leichen auf seinem Tisch, sondern auch seiner verstorbenen Frau entgegenbringt bleibt ein lange unausgesprochenes Hindernis zwischen Vater und Sohn. Überhaupt sind sie am besten, wenn sie wenig sprechen. Die Momente in denen sie wortlos kommunizieren, wie das ein Team, das seit Jahren zusammenarbeitet tun würde, gehören zu den effektivsten im Film. Wenn Cox dann später eine unerwartete Reueszene spielen muss und den rein aus Exposition bestehenden Klimax quasi allein bestreitet, dann kann der Film sich glücklich schätzen keinen schwächeren Schauspieler besetzt zu haben, dann wären diese Momente wohl komplett schiefgegangen. Zu erwähnen ist definitiv noch Olwen Kelly, als für einen Großteil des Films die titelgebende Jane Doe gibt. Sie konnte aus ihrer Erfahrung mit Yoga schöpfen, um Atmung und Körper zu kontrollieren, während sie bis zu 10 Stunden am Stück reglos auf dem Tisch liegen musste. Nicht zuletzt deshalb aber auch weil sie mit Ihrer Persönlichkeit dazu beitrug, dass sich niemand bei der ungewöhnlichen Situation am Set, zwei Schauspieler hantieren an einer nackten Frau herum, unwohl fühlte, nennt Øvredal ihre Rolle die schwerste und wichtigste des Films.

Auffällig ist, dass sich der Film in den ersten Minuten gegen die derzeit im Horrorgenre so beliebten „Jumpscares“ positioniert. Austins Freundin Emma (Ophelia Lovibond, das ist mal ein Name!) erschreckt ihn während der ersten Minuten des Films mit einem solchen „Buh“-Moment und bemerkt lachend „das ist soooo einfach“. Tatsächlich macht es der Film nicht so einfach. Er setzt zwar hin und wieder auch Jumpscares ein, allerdings sind die zumeist „verdient“ und mit entsprechender  Atmosphäre untermauert.

Was als Fazit bleibt ist ein Film mit einer großartigen Ausgangssituation, die er allerdings nicht voll zu nutzen weiß. Der Rest hat immer noch eine Menge gelungener Momente zu bieten, allerdings weist das Drehbuch hier große Schwächen auf, die von den Darstellern aber zu einem guten Teil wieder aufgefangen werden können. Durchaus sehenswert.

Hollywoods Jobcenter – als was arbeitet man im Film?

Ich habe während der vergangenen Halloween-Tage den Film ‚Echoes‘ mit Kevin Bacon und Kathryn Erbe in den Hauptrollen gesehen. Ein gelungener Film, der das gigantische Pech hatte 1999, kurz nachdem ‚The Sixth Sense‘ zu einem weltweiten Phänomen wurde, zu erscheinen. Er eröffnet mit einer Szene in der ein kleiner Junge mit einem Geist redet. Und Millionen potentieller Zuschauer sagten „Danke, hatten wir gerade“. Aber darum soll es hier gar nicht gehen, was mir auffiel war das Bacons Charakter als Telefontechniker arbeitet, Erbes als Krankenschwester. Nun sind solche „blue-collar“ Jobs im Geisterfilm selten, das durchschnittliche Gespenst spukt eher im Herrenhaus von Leuten die überhaupt keine Jobs, sondern schlicht Geld haben. Aber auch ansonsten scheinen sie gerade in Hollywood unterrepräsentiert. Das hat mich zu der Überlegung gebracht, welche Karriere man als Charakter im durchschnittlichen (Hollywood-)Film eigentlich so hat. Weiterlesen