‚Angel Heart‘ (1987) – „I got this thing about chickens“

Am 31. Juli diesen Jahres starb der Regisseur Sir Alan Parker nach langer Krankheit im Alter von 76 Jahren. Parker dürfte sich auf wenigen „Lieblingsregisseur“-Listen finden. Das hat nichts mit der Qualität seiner Arbeiten zu tun, ganz im Gegenteil, sondern mehr damit wie eklektisch seine Filmografie ist. Parker war ein Chamäleon und was ihn auszeichnete war, dass, egal welches Genre er anging, sich das Ergebnis anfühlte als hätte er nie etwas anderes gedreht. Wenn es ein verbindendes Element in seinen Arbeiten gibt, dann vielleicht die Musik. Von seinem ungewöhnlichen Kinodebüt ‚Bugsy Malone‘, einem Gangsterfilm besetzt mit Kindern, in dem die Tommyguns Sahne verschossen, über ‚Fame‘ bis zum wunderbaren ‚The Commitments‘ kamen Musical-Nummern zum Einsatz. Auch hat er mit Musik-Stars gearbeitet, allen voran natürlich bei ‚Pink Floyd – The Wall‘, eine Erfahrung die er so furchtbar fand, dass er nur noch mit Flachmann in der Tasche ans Set kam. Und er hat Madonna mit ‚Evita‘ zu einem ihrer wenigen anschaubaren Filme verholfen, hatte aber auch über diese Zusammenarbeit später nicht unbedingt gute Worte übrig. Musik spielt auch in unserem heutigen Film, dem Southern Gothic Neo Noir Horror Thriller ‚Angel Heart‘, eine kleinere, aber dennoch wichtige Rolle.

Mitte der 50er Jahre ist Harry Angel (Mickey Rourke) ein Privatdetektiv in Brooklyn. Der mysteriöse Louis Cyphre (Robert De Niro) hat einen ebenso einfachen wie lukrativen Auftrag für ihn. Er soll den Sänger Johnny Favorite (Künstlername von Jonathan Liebling) aufspüren. Dem hat Cyphre vor dem zweiten Weltkrieg zum Ruhm verholfen und nun hat der noch… gewisse Schulden bei ihm. Angeblich hat er im Krieg eine schwere Verletzung erlitten und befindet sich immer noch in einem nahen Sanatorium. Da ist er aber natürlich schon lange nicht mehr und seine Spur führt nach New Orleans. Blöd für Angel, dass jeder Zeuge, der ihn auf Favorites Spur bringen könnte auf brutale Weise ums Leben kommt. Noch blöder, dass der New Yorker Schnüffler für die örtliche Polizei ein allzu willkommener Verdächtiger ist.

Wenn Robert De Niro mit langen Fingernägeln und buschigem Kinnbart als Louis Cyphre(!) auftritt und ein Ei verschlingt als wäre es eine arme Sünderseele, wenn er auf Harrys Frage, warum er gerade ihn anheuert, ob es am Namen „Angel“ läge, der stünde immerhin ganz vorn im Branchenbuch, mit süffisantem Grinsen reagiert, dann ahnen wir als Zuschauer nicht nur, dass eine Höllenfahrt folgt, die für keinen Beteiligten gut endet, wir bekommen diese Tatsache geradezu um die Ohren gehauen.

Und eine Höllenfahrt wird es. Sie beginnt im schneematschigen New Yorker Winter, von Parker grau, nass, kalt und distanziert inszeniert. Dennoch wird deutlich, dies ist die Welt in der Harry Angel zuhause ist. Hier besitzt er die Kontrolle, hier kennt er die Wege, hier weiß er wie die Dinge funktionieren. Sicher, er träumt schlecht und scheint überall eine schwarz gekleidete Person zu sehen, deren Gesicht er aber niemals sieht, aber nichts, was ein 5000$ Bonus nicht ausgleichen könnte. Doch kaum kommt er in New Orleans an, scheint einem als Zuschauer die unerträgliche Schwüle mindestens so ins Gesicht zu schlagen wie Angel selbst. Kennt Ihr das, wenn man nach einer Sommernacht aufwacht, in der es kaum unter 30°C wurde und das Bett vollkommen zerwühlt aussieht? So lässt Rourke seinen Angel keine fünf Minuten, nachdem er in Louisiana angekommen ist anmuten. Und von da wird es nur schlimmer, Angel wird verfolgt, verprügelt, bedroht, verprügelt, von Hunden gebissen, verprügelt, in die Irre geführt und verprügelt. Jede Wohnung die er betritt scheint bis unter das Dach vollgemüllt mit unverständlichem Kram, ja die komplexen, gusseisernen Ziselierungen der French Quarters Architektur selbst wirken bedrückend. Parker macht Angel und uns als Zuschauer verschwitzt und paranoid. Zu Fischen so weit aus dem Wasser, dass wir ans Atmen schon nicht mal mehr denken. In einer Atmosphäre so dicht, dass man sie, wenn schon nicht schneiden, wie ein sehr würziges Gumbo löffeln kann.

Wie tief ist Religion mit dem Geschehen verbunden? Verleiht der Teufel seinen Lieblingen wirklich Kräfte? Ist Johnny Favorite ein Magier, der nicht gefunden werden will? Was in der klaren, winterlichen Welt New Yorks von Angel nicht einmal verlacht worden wäre, erscheint im verschwitzten Süden immer mehr wie eine erschreckende Möglichkeit. Hier kommt auch die Musik ins Spiel, die in New York noch aus dem bestand, was man bei einem (Neo) Noir erwartet: sehnsüchtige Saxophon-Soli vor einem jazzigen Hintergrund. In New Orleans kommen natürlich bluesige Melodien und R&B Rhythmen dazu. Darunter hat Komponist Trevor Jones aber auch seltsamere, einem Synclavier entlockte Töne versteckt. Dazu wird Harry Angel im Film von einem Stück Johnny Favorites mindestens ebenso hartnäckig verfolgt, wie er selbst den Ungesehenen verfolgt.

Dass Mickey Rourke es in Sachen Zerknautschtheit mit Größen des Noir wie Bogart oder Mitchum aufnehmen kann, überrascht auch heute kaum. Dass er 1987 noch auf dem besten Weg zum Superstar war vielleicht schon eher. Falls ja, dann bietet ‚Angel Heart‘ eine sehr gute Antwort darauf warum das so war. Seine Darstellung ist geradezu magnetisch und auch wenn man seinen Charakter nicht unbedingt mögen muss (machen wir uns nix vor, er ist ein ziemlicher Drecksack), kann man nicht anders als mitleiden, wenn sich alles was der je dachte und glaubte als falsch erweist. De Niro wirkt vor allem arg selbstgefällig in seiner Rolle. Und das ist für diese Rolle natürlich nichts weniger als perfekt. Und dann ist da noch Lisa Bonets Charakter Epiphany Proudfoot. Einer der unschuldigeren Charaktere des Films und jemand der in der Voodoo-Welt des Film-New Orleans in jedem Sinne daheim wirkt. Bonet ging hier in der Darstellung einer sehr jungen alleinerziehenden Mutter und nicht zuletzt einer für Hollywoodverhältnisse expliziten Sexszene mit Rourke (die aufgrund ihrer Umstände aber doch recht weit von sexy entfernt ist), gezielt gegen ihr klinisch sauberes Image aus der ‚Bill Cosby Show‘ vor. Mit dem Effekt, dass Cosby, der sie zuvor ermutigt hatte die Rolle anzunehmen, feuerte. Sicherlich bei weitem nicht das Schlimmste was der Typ einer Frau angetan hat, in seiner miefigen Doppelmoral aber allemal bezeichnend.

Ich denke es ist deutlich geworden, dass ich ‚Angel Heart‘ sehr mag. Mich wundert nur, dass es ein immer noch so wenig besprochener und beachteter Film ist. Sicher, es ist ganz und gar kein „vergessener“ Film, aber warum gilt der nicht als Horrorklassiker? Vielleicht ist er zu ungewöhnlich. Der einzige nahe filmische „Verwandte“, der mir spontan einfällt ist ‚Jacob’s Ladder‘ (1990) von Parkers britischem Landsmann Adrian Lyne. Der verdankt seine etwas höhere Bekanntheit vor allem der Tatsache, dass er (eine) Inspiration für die erfolgreiche ‚Silent Hill‘ Videospielreihe war. ‚Angel Heart‘ war Inspiration für das erste Point & Click Adventure der ‚Gabriel Knight‘ Reihe, aber die kennt seit Ende der 90er wohl auch kaum noch jemand. Aber hey, Christopher Nolan hat den Film als entscheidenden Einfluss für seine frühen Filme genannt und er ist in einer 4K Restauration erschienen. Es gibt als kaum eine bessere Zeit um ihn zu entdecken.

Parker hat einmal gesagt, kein Film wäre jemals wirklich „sein“ Film, er sei immer nur ein Teil der kreativen Leute, die den Film schaffen. Das gilt natürlich für jeden Regisseur, aber dennoch habe ich Schwierigkeiten mir ‚Angel Heart‘ von irgendeinem anderen vorzustellen. Thriller hat Parker einige gemacht, doch dies ist so nahe, wie er dem Horror je gekommen ist. Und obwohl ich mir wünschte er hätte mehr in der Richtung gemacht, war das wohl nie wirklich möglich. Auf die Frage, warum er 2003 mit dem Filmemachen aufgehört hat, antwortete Parker, dass Regisseure selten mit dem Alter besser werden. Sie neigten dazu sich zu wiederholen. Und ein Blick auf seine Filmografie zeigt, dass das für Alan Parker nicht akzeptabel war.

PS: ach je, jetzt habe ich gar nicht das in der Überschrift angedeutete Problem Angels mit Hühnern erwähnt. Egal, das tut er selbst schon zu Genüge…