‚Alien: Covenant‘ (2017)

Achtung: der folgende Text enthält teilweise recht erhebliche Spoiler. Wer die nicht lesen will, sollte bei der rot markierten Warnung aufhören zu lesen und zum, ebenfalls rot markierten, Spoiler-Ende springen.

Ridley Scotts ‚Alien‘ von 1979 ist einer aus einer Handvoll Filmen, die ich als „perfekt“ bezeichnen würde. Die Geschichte um eine Gruppe Space-Trucker, die auf einem fremden Planeten auf eine völlig fremde parasitäre Lebensform treffen entwickelt sich zu einem klaustrophobischen, nervenzerfetzenden Terror, der an den richtigen Momenten auch nicht mit Blut spart. James Camerons Fortsetzung ‚Aliens‘ (1986) kommt für mich vielleicht nicht ganz an den ersten Film heran, dass macht aber wenig, hatte Cameron doch die inspirierte Idee seine Fortsetzung weniger als Horror-, denn als Action- oder gar Kriegsfilm mit nicht einem, sondern hunderten Aliens zu inszenieren. Es folgten zwei weitere Filme, die den ersten beiden nicht das Wasser reichen konnten und einige Auftritte mit dem Predator-Kollegen, die hier nicht erwähnenswert sind. Als Scott 2012 zu „seinem“ ‚Alien‘ zurückkehrte, war die Erwartung groß und bei mir und vielen anderen die folgende Enttäuschung ebenso. ‚Prometheus‘ interessierte sich nicht für Aliens, ‚Prometheus‘ wollte die großen Fragen um Glauben, Schöpfung und die Herkunft des Menschen beleuchten. Und scheiterte meiner Meinung nach grandios daran. Entsprechend lange habe ich deshalb mit der Sichtung von ‚Alien: Covenant‘ gewartet. Hat es sich gelohnt?

Das Kolonieschiff Covenant mit mehr als 2000 Kolonisten in Stasis wird tief im All von einer schweren Schockwelle beschädigt. Android Walther (Michael Fassbender) weckt daraufhin die Crew. Es stellt sich heraus, dass der Kapitän durch die Schockwelle zu Tode gekommen ist. Der erste Maat Oram (Billy Cudrup) muss daraufhin das Kommando übernehmen und gerät schnell mit der Terraforming-Expertin Daniels (Katherine Waterstone) aneinander. Während der Reparaturen empfängt die Crew eine merkwürdige Transmission, die von einem nahegelegenen Planeten stammt, den der Computer als besser zur Besiedelung einstuft, als ihr Jahre entferntes Ziel. Oram beschließt den Planeten zu begutachten. Doch nach der Landung stellt sich schnell heraus, dass noch etwas anderes auf dem Planeten ist. Und damit meine ich nicht nur David (Fassbender) den Androiden der 10 Jahre früheren Prometheus-Mission.

Es folgen teils erhebliche Spoiler!!!                                      

‚Covenant‘ erscheint mir als ein etwas schizophrener Film. Einerseits war man sich wohl der Kritik an ‚Prometheus‘ bewusst und tat vieles um klarzumachen, dass das hier ein „echter“ ‚Alien‘-Film ist, so wird etwa die in ‚Prometheus‘ zentrale Engineer-Rasse in einer zwei Minuten Szene ausgelöscht und es bursten mehr Monster aus Brust und Rücken, als ich an einer Hand abzählen kann. Aber andererseits will er auch die Themen von Schöpfung und Glauben aus ‚Prometheus‘ weiter behandeln.

Am Anfang nimmt sich der Film sehr viel Zeit, man möchte meinen, um die Charaktere einzuführen. Wenn das aber das Ziel war, dann geht es grandios schief. Wie schon in ‚Prometheus‘ ist der am besten geschriebene Charakter der Android , in diesem Fall Walther. Die Menschen kommen schlechter weg. Billy Cudrups Oram wird explizit als Christ eingeführt. Er ist sich sicher, sein Glauben ist der Grund, warum er nicht zum Kapitän der Mission ernannt wurde. Daniels ist die Ehefrau des verstorbenen Kapitäns. Anfangs hängt sie sich einen Kletternagel ihres Mannes als Gegenstück zu Orams Kreuz um den Hals. Der Konflikt scheint klar markiert, Oram glaubt an ein höheres Wesen, Daniels an den Menschen. 30 Minuten später sind all diese Themen vergessen. Ormas Glaube wird noch einmal vor seinem Tod erwähnt. Daniels definiert sich rein über die Trauer um ihren Mann und Oram ist ein noch mieserer Anführer, als Lt. Gorman aus ‚Aliens‘, eine echte Leistung (und wohl die Erklärung warum er nicht der Käptn war). Der Rest der Crew bleibt vollständig blass. Bekam in den alten Filmen jeder Charakter seinen Moment und waren sogar Kleinstrollen mit Charakterköpfen wie Yaphet Kotto oder Harry Dean Stanton besetzt, ist dem Film hier seine Crew völlig egal. In einer späteren Szene wird einem Crewmitglied der Kiefer abgerissen und ich habe keine Ahnung wer das war. Der Film verrät es mir auch nicht, denn kein anderer Charakter erwähnt den Toten mit nur einem Wort. Android Walther ist der vielschichtigste Charakter. Er ist in Daniels verliebt, kann sich das aber nicht eingestehen und gerät in eine Art Krise, wenn er auf seinen „Bruder“ David trifft, der sich seiner Menschenähnlichkeit deutlich mehr bewusst ist.

David ist denn auch der „Mad Scientist“, der für die Aliens und Protoaliens, die auf dem Planeten umgehen, verantwortlich zeichnet. Statt eines gotischen Schlosses bewohnt er gleich eine ganze Pompeji-artige, gotische Stadt. Den menschlichen Charakteren tritt er mit kaum verhohlener Verachtung entgegen. Und in ihm will der Film das Thema Schöpfung behandelt sehen. Die Idee, dass Frankensteins Kreatur selbst zum Kreator wird ist natürlich eine interessante, allerdings weiß der Film nicht wirklich viel damit anzufangen. Nur das Wort „Schöpfung mehrfach zu erwähnen ist keine Auseinandersetzung damit. Und vor allem behandelt er hier ein Thema, das mir gegen den Strich geht: ich will nicht wissen, woher Aliens kommen! Das macht sie nicht nur nicht besser, es macht sie schlechter. Sie definieren sich über ihre Fremdheit. Schon allein deshalb waren Alien-Prequels von Anfang an eine schlechte Idee. Oder ich zumindest nicht ihr Publikum.

Spoiler-Ende!!!

Irgendwo in der Mitte des Films steckt aber ein brauchbarer Monster-Film. Wenn Ihr mit weitgehend undefinierten Charakteren und ebenso überzogenem wie gewichtslosen CGI-Geschmoddere und Gesplattere umgehen könnt. Ich habe mich jedenfalls, anders als bei ‚Prometheus‘ nicht wirklich gelangweilt. Wobei sich viele Momente hier wie Variationen aus ‚Alien‘ anfühlen und manche dramaturgisch an sehr merkwürdiger Stelle sitzen (ich sage hier nur „Dusche“). Überhaupt scheint Scott sich ausgiebig selbst zu zitieren. Der Film eröffnet mit einer Großaufnahme eines menschlichen Auges, das sich dann als das eines künstlichen Menschen herausstellt. Hand hoch, wer weiß, welcher Scott Film noch exakt so beginnt. Überhaupt ist der Film auch eine Variation der Themen von ‚Blade Runner‘. Während Roy Batty einige der besten Seiten des Menschen annimmt, ist David ein Abbild der furchtbarsten, grausamen Überheblichkeit.

Ich glaube diesen Filmen fehlt ein Charakter wie Ripley als Klammer. Es ist ein wenig erschreckend, wie Scott mit Dr. Shaw aus dem letzten Film verfährt und er scheint den Charakteren dieses Films nicht viel mehr Interesse entgegen zu bringen. Die ersten beiden Alien Filme sind deshalb so gut, weil sie bei allen thematischen und tonalen Unterschieden das Schicksal Ripleys beschreiben. Im ersten Teil durchlebt sie die furchtbarsten Traumata, im zweiten gewinnt sie schließlich die Kontrolle zurück. Das ist eine Klammer, die hier fehlt. Waterstone und Cudrup holen aus ihren fadenscheinigen Charakteren heraus was da ist. Viel ist es nicht. Der einzige der glänzen kann ist Fassbender in seiner Doppelrolle als hilfsbereiter Walther und sadistischer David. Die merkwürdige, beinahe autoerotische Spannung zwischen den beiden, ist denn auch eines der wenigen Elemente, das in Erinnerung bleibt.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, der Film hat mich während seiner Laufzeit unterhalten und hinterher frustriert. So ist ihm auf merkwürdige Weise das Kunststück gelungen sowohl besser als auch schlechter zu sein, als Prometheus, der mich während seiner Laufzeit gelangweilt hat und mir danach egal war. Ich wünschte wir könnten mit den Alien Prequels aufhören, aber Scotts Herz scheint da ja wirklich dranzuhängen und zwei weitere sind schon angekündigt. Wem mache ich was vor? Früher oder später schaue ich auch die…

Sind Prequels eigentlich immer Mist?

Oha, was für eine provokative Überschrift! Die Antwort lautet natürlich „nein“ aber sie sind die Art von Erweiterung eines „Franchises“, die ich am wenigsten mag und ich glaube, dass das ganz bestimmte Gründe hat. Die Mühlen der Unterhaltungsindustrie mahlen nach bestimmten Mustern. Macht ein Film, eine Serie, ein Buch, ein Comic oder was auch immer genug Geld, dann muss mehr davon her. Das Offensichtlichste ist zumeist eine Fortsetzung. Was aber, wenn eine Fortsetzung, aus welchen Gründen auch immer, nicht möglich oder wünschenswert ist? Dann muss ein Prequel her. Das Publikum mag schließlich die Charaktere in dem Werk, also will es doch bestimmt auch wissen, wie sie an den Ausgangspunkt des Originals gekommen sind.

Und genau hier liegt der Hund begraben. „Das Publikum mag die Charaktere“ bedeutet, es hat uns gefallen dabei zuzusehen, wie die Charaktere sich von A nach B bewegt haben, wie sie gelitten haben, wie sie triumphiert haben und wie sie gewachsen sind. Jetzt dabei zuzusehen, wie sie von Z nach A kommen erscheint wie ein Rückschritt, wie ein völlig sinnloser Kunstgriff im besten Falle, wie zynische Geldschneiderei im Schlimmsten. Was wir aus ihrer Vergangenheit über die Charaktere wissen müssen hat uns das Original ohnehin in ausreichendem Maße mitgeteilt, alles Andere erscheint doch redundant oder sogar schädlich bei Charakteren, die sich besser ein gewisses Unbekanntes bewahrt hätten.

Wollte wirklich irgendjemand wissen, was Darth Vader so als Kind getrieben hat? Hätte man 1997 Star Wars Fans befragt, was sie gerne sehen möchten, wären dabei die Teenager-Abenteuer von Anakin Skywalker rausgekommen? Und jetzt, wo wir sie haben, haben sie seinen Charakterbogen in der alten Trilogie in irgendeiner Form bereichert? Wollte wirklich jemand wissen, wie Hannibal Lecter zum Kannibalen geworden ist (‚Hannibal Rising‘)? Gewinnt der Charakter irgendetwas dadurch, dass es natürlich fiese Nazis waren, die dahinterstecken? Wollte wirklich jemand wissen, wie der Wizard nach Oz gekommen ist (‚Die fantastische Welt von Oz‘)? War das ernsthaft eine Frage die im Raum stand? Erinnert sich jemand an ‚Pan‘, Joe Wrights Megaspektakel, dass uns erklären wollte, wie Captain Hook und Peter Pan zu Feinden geworden sind, letztlich aber nur dadurch halbwegs im Gedächtnis blieb, dass Hugh Jackman als Blackbeard mit einem Haufen Kindersklaven Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ singt (ja, wirklich)?! Und niemand, wirklich niemand braucht mehr Hintergrundinformationen über die Aliens aus ‚Alien‘. Die gewinnen ihre Faszination doch gerade daraus, dass sie völlig fremdartig sind (das steht sogar schon im Namen!), eine Biowaffe oder was-auch-immer hingegen kann ich durchaus verstehen!

Selbst wenn zum größten Teil neue Charaktere eingeführt werden kann der Erfolg des Originals für das Prequel schädlich sein. Ich hätte sehr gerne eine vernünftige Verfilmung des ‚Hobbit‘ gesehen, ist es doch meiner Meinung nach das beste Buch von Herrn Tolkien. Da die Verfilmung, die wir bekommen haben aber mit dem Spektakel des Herrn der Ringe konkurrieren musste wurde sie in einer Art aufgebläht, die allen Charme des Buches zunichtemachte und durch eine mechanistische Achterbahnfahrt aus Trickaufnahmen ersetzte. Okay, ich habe mich genug in Rage geschrieben, schließen wir mit etwas Positivem.

Wann also ist ein Prequel nicht schlecht? Da sind zum einen diejenigen, bei denen man sehr genau hinsehen muss, um zu merken, dass es überhaupt Prequels sind. Beispiele wären ‚Indiana Jones und der Tempel des Todes‘ oder ‚Zwei glorreiche Halunken‘. Prequels zu Filmen deren Handlungstränge ohnehin nicht sonderlich eng verknüpft sind, die einfach zeitlich früher spielen. ‚Star Wars – Roque One‘ andererseits ging den eleganten Weg uns nichts neues über bestehende Charaktere erzählen zu wollen, sondern eine Frage des Originals (oder eigentlich zwei) zu beantworten, die nicht unbedingt einer Antwort bedurfte, dadurch aber auch keinen Schaden nimmt. Die X-Men Prequels gehen es auch recht klug an, insofern, dass bekannte Charaktere erst nach und nach eingeführt wurden und sie einen der interessantesten Aspekte der originalen X-Filme zum zentralen Element machen, die Beziehung zwischen Charles Xavier und Erik Lensherr.

Stimmt Ihr mir zu? Seht Ihr das völlig anders? Habt Ihr positive oder negative Beispiele für Prequels, auch über Film hinaus?

Und ja, das hier sollte mal ein „Lasst uns über Filme klönen“ werden, brachte aber nicht genug Material…

Kurz und schmerzlos Folge 10: ‚Oats Studios – Volume 1 – Rakka‘ (Neill Blomkamp)

Nachdem sein ‚Alien‘-Projekt wohl endgültig gestorben ist, hat Neill Blomkamp (‚District 9‘, ‚Chappie‘) doch noch eine Möglichkeit gefunden Sigourney Weaver und bösartige Aliens in einen Film zu bekommen. Im Kurzfilm ‚Rakka‘ haben echsenähnliche Außerirdische die Welt übernommen, scheinen aber weniger an Kontrolle und mehr an einem völligen Genozid der Menschheit interessiert. Natürlich formiert sich ein Widerstand unter der Leitung von Jasper (Weaver). Eine Möglichkeit zum Zurückschlagen könnte sich ergeben, als der von den Aliens veränderte Amir (Eugene Khumbanyiwa ) gefunden wird.

Arg finster, was Blomkamp hier inszeniert. Die Alien-Invasoren schrecken vor nichts zurück, gelegentlich überschreitet das vielleicht die Grenze zur Albernheit. „Sie haben unsere Monumente mit Leichen überzogen“ Okay Neill, ich glaub Dir, dass sie fies sind. Thematische Ähnlichkeiten zu ‚District 9‘ – unter umgekehrten Vorzeichen – sind deutlich erkennbar. In einem Interview bestreitet Blomkamp zwar direkte politische Vergleiche ziehen zu wollen, die namentlich Ähnlichkeit des Films zur heftig umkämpften syrischen Stadt wäre allerdings schon ein ziemlicher Zufall. Weaver und die anderen Darsteller sind nicht sonderlich gefordert, zu sehr scheint dieser Kurzfilm darauf ausgelegt seine Welt zu erschaffen. Wird es Fortsetzungen in Form weiterer Kurzfilme geben? Einen Kinofilm? Wer weiß.

Für Fans von Blomkamp und düsterer Science Fiction sicher ein kleiner Leckerbissen.