‚A Toy Story – Alles hört auf kein Kommando‘ – was soll man bei so einem Titel noch sagen?

Ich habe an dieser Stelle schon ausführlich über die Sünden der Eindeutschung internationaler Filmtitel geschrieben. („Teutonischer Titel Terror“), deswegen will ich das hier gar nicht allzu sehr auswalzen. Aber manchmal frage ich mich schon, ob eine Reihe sich nicht irgendwann ein gewisses Maß an Würde erworben hat um den schlimmsten Titelidiotien zu entgehen. Weiterlesen

‚Spider-Man: A New Universe‘ (2018)

Chris Miller und Phil Lord scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, oftmals zynische Produkte Hollywoods, die rein der Geldschneiderei dienen, mit einer überraschenden Kreativität zu unterfüttern, die man dort sonst selten sieht und ihnen gar eine Aussage mit auf den Weg zu geben. Zuerst nahmen sie sich das Remake vor. In ‚21 Jump Street‘ durchbrachen sie freudig die vierte Wand und teilten dem Zuschauer mit, dass sie wüssten was von Remakes zu halten ist, man aber doch trotz allem gemeinsam Spaß haben könnte. Den „Produktfilm“ bearbeiteten sie mit dem ‚LEGO Movie‘, der allerlei Anwürfe gegen blinden Konsumismus und Korporatismus enthielt und sich für Kreativität, und zwar nicht die individuelle sondern die der Gruppe, aussprach. Gut, was sie aus ‚Star Wars‘ gemacht hätten werden wir nicht erfahren, denn Disney bekam kalte Füße und ersetzte sie bei ‚SOLO‘ um fünf vor zwölf durch das Mensch gewordene „Im Winter besteht Räum- und Streupflicht!“-Schild Ron Howard. Und nun? Nun haben sie den Superheldenfilm beim (nicht vorhandenen) Cape gepackt, zumindest als Autoren und kreativ involvierte Produzenten.

Teenager Miles Morales (Shameik Moore) hat relativ normale Teenager-Probleme. Er hat zwar eine liebevolle Familie, doch seit er sich einen Platz an einer Elite-Highschool erarbeitet hat, kämpft er mit den damit verbundenen Erwartungen. Eines Nachts, als er zusammen mit seinem Onkel Aaron (Mahershala Ali) ein Graffiti in einem verlassenen U-Bahn Seitentunnel sprüht, wird er von einer seltsamen Spinne gebissen. Plötzlich entwickelt er dieselben Fähigkeiten, wie der berühmte Spider-Man. Als er an den Ort seines Bisses zurückkehrt, entdeckt er einen Zugang zu einem unterirdischen Labor. Hier kämpft Spider-Man gegen allerlei Schurken des „Kingpin“, der hier einen Teilchenbeschleuniger betreibt. ‚Spider-Man‘ gerät in den Strahl der Maschine, wird schwer verletzt und vom Kingpin getötet. Es stellt sich heraus, dass er ein junger Mann namens Peter Parker war. Wird Miles, der nun vom unheimlichen Kingpin-Handlanger Prowler verfolgt wird, Peters letzte Bitte, die Maschine stillzulegen, erfüllen können? Wird er ein würdiger Nachfolger von ‚Spider-Man‘ werden? Und wird er dabei recht unerwartete Hilfe erhalten?

Es ist merkwürdig. Ich werde kaum müde immer wieder zu erwähnen, wie satt ich die Superhelden-Origin-Story habe. Und dann kommt dieser Film daher, der zu gut 80% Origin-Story ist und ich empfinde ihn, als einend er erfrischendsten und besten Superheldenfilme der letzten Jahre. Kurz, ich habe vermutlich keine Ahnung was ich eigentlich will. Vermutlich braucht es einfach einen leichten Perspektivwechsel und den bringt der Film mit. Der Teilchenbeschleuniger zieht alles aus Paralleluniversen an, was mit Spider-Man zu tun hat, weil eben der in den Strahl geraten ist. Da ist Peter B. Parker (Jake Johnson), ein Spider-Man um die 40 von Jahrzehnten des Lebens und Fast Foods gezeichnet und der unwillige Mentor von Miles. Spider-Gwen (Hailee Steinfeld), aus einer Welt, in der Gwen Stacy statt Peter von der Spinne gebissen wird. Peter Porker, Spider-Ham (John Mulaney), eine Spinne, die von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde, quasi ein Looney Toon. Peni Parker (Kimiko Glen), ein Mädchen aus einer fernen Zukunft, mit Handteller-großen Augen und einem Spinnengesteuerten Roboter namens Sp//der, kurz, direkt einem Anime entsprungen. Und Spider-Man noir (Nicolas Cage), der Name spricht wohl für sich.

Nicht nur unterstreicht diese Vielfalt der Charaktere die Tatsache, dass jeder Spider-Man sein kann, er (oder sie) ist schließlich ein ganz normaler Mensch, kein Genie, kein Billionär, kein Gott, Monster oder Supersoldat. Es eröffnet dem Film auch die Möglichkeit eine Vielfalt von Stilen zu benutzen. Überhaupt wirkt der grundlegende Stil des Films wie direkt einem Comic entsprungen. Über subtile Dinge, die manche Oberflächen wie gedruckt wirken lässt und durch absichtliche „dropped frames“ eine Art Einzelbild-Charakter erreicht, bis hin zu eingeblendeten Gedankenblasen und Textboxen, wie im Comic. Darin perfekt eingepasst sind charakterspezifische Animationsstile. Bei Peni sieht etwa alles animehafter aus, bei Noir wird es schwarz-weiß. Dass all das wie aus einem Guss wirkt und die Erzählung sogar noch unterstützt anstatt sie zu behindern, ist eine außergewöhnliche Leistung, während ich schon daran scheitere es hier einigermaßen adäquat zu beschreiben.

‚A New Universe‘ mag in meinen Augen der beste ‚Spider-Man‘ Film sein (um das schon mal vorweg zu nehmen), aber er hätte niemals der erste sein können. Die Macher spielen damit, dass ihre Charaktere genauso popkulturell gebildet sind, wie ihre Zuschauer. Miles versteht quasi sofort, dass die anderen aus Paralleluniversen stammen, ohne dass dies lang erklärt werden müsste. Das hätte für ein Publikum vor 20 Jahren, ohne Superhelden-“Bildung“ vermutlich nicht funktioniert. Heute weiß aber auch ein mäßig aufmerksamer Kinogänger, dass es in den letzten zwei Jahrzehnten 3 verschiedene Spinnenmänner gegeben hat. Das macht es ein wenig schade, dass der Films seinen ursprünglichen Plan, Peter B. Parker mit Tobey Maguire zu besetzen, nicht erfüllen durfte, weil es „den Zuschauer verwirrt hätte“. Im Gegenteil, es hätte die Metatextualität des Films noch unterstrichen.

Jeder kann zwar Spider-Man sein, dennoch gehört mehr dazu als nur die Fähigkeiten zu besitzen und ein Kostüm zu kaufen (im Film von Stan Lee, natürlich). Ich habe erst gegen Ende des Films wirklich gemerkt, wie geschickt der Film seine drei zentralen Figuren, Miles, Gwen und Peter B. charakterisiert, weil ich derart im Film gefangen war, dass mir kaum auffiel, wie sie mir ans Herz wuchsen. Ihre Sorgen und Ängste sind zentral und glaubwürdig für ihr Handeln. Selbst Kingpin bekommt ein äußerst glaubwürdiges Motiv dafür, dass er an den Grundfesten des Multiversums rüttelt. Auch wird sehr deutlich wie gut sich die Macher im „Spiderverse“ auskennen, schon allein dadurch, dass sie einen klassischen, aber ziemlich unbekannten Gegner wie Prowler nutzen und, vor allem via Sounddesign (was ist dieses Geräusch? Heftig bearbeitetes Elefantentrompeten, ist meine Vermutung), zu einem wahrlich gruseligen Gegenspieler machen. Zum Glück verlassen sie sich aber nicht auf sinnlose Anspielungen, sondern auf Humor, der direkt aus den Charakteren, allen voran Porker, Peni und noir erwächst. Das liebevolle Design des Films hier auch nur ansatzweise zu erfassen ist geradezu unmöglich und ich bin mir sicher, bei meinem einen Durchgang nur einen Bruchteil gesehen zu haben. Als Beispiel sei aber mein breites Grinsen genannt, als ich gesehen habe, dass die Hochsteckfrisur von Olivia Octavius (dieser Version von Doc Octopus) im Profil wie der Hinterleib eines Tintenfisches aussieht.

Von Shameik Moore hatte ich vor dem Film noch nie gehört, allerdings ist er als Miles großartig. Er spielt ihn mit einer solchen Offenheit, dass man gar nicht anders kann als ihn zu mögen. Und auch Jake Johnson ist toll als Parker, der weit vom Archetyp des weisen Lehrmeisters entfernt ist. Ein wenig selbstverliebt und von seinen unausgesprochenen Versagensängsten getrieben. Überhaupt liefern alle Sprecher hier das Bestmögliche ab. Kurz erwähnt sei nur noch die Besetzung von Tante May mit Lily Tomlin, die rückblickend so offensichtlich wirkt, dass man sich fragt, wie da noch vorher keiner drauf gekommen ist. Zur deutschen Snychro kann ich nichts sagen, wenn ich allerdings lese, dass der Kingpin mit einem „Youtubestar“ besetzt ist, schrillt zumindest mein Spinnensinn.

Wie erwähnt, ist ‚A New Universe‘ mein liebster ‚Spider-Man‘ Film. Und vermutlich einer der besten Superheldenfilme der letzten Jahre und ein völlig berechtigter Oscar-Gewinner. Er hat sogar etwas geschafft, was keinem Film aus diesem Genre gelungen ist: ich würde gern wieder einen Spider-Man Comic lesen. Falls jemand Vorschläge für aktuellere Storybögen hat, die inhaltlich und qualitativ an den Film herankommen hat, gerne in die Kommentare damit.

PS: oh wow, ich habe nichts zur Musik gesagt. Sie ist hervorragend gewählt, teilweise clever in die Handlung integriert und „What’s up Danger“ ist ein Brett!

Kurz und schmerzlos 19: ‚An Island‘ (2018) und ‚Scrambled‘ (2018)

Weiter geht es mit Kurzfilmen, nach dem Halloween-Special sind wir heute aber weit von Horror entfernt. Unsere heutigen beiden Filme haben einiges gemeinsam und könnten doch kaum unterschiedlicher sein. Beide sind sehr schöne Animationsfilme und beide kommen vollständig ohne Dialoge aus. Und in beiden geht es um eine Art von Streben. Die Unterschiede liegen vor allem in der Bandbreite dessen, was sie abbilden wollen.

‚An Island‘

In ‚An Island‘ des Iren Rory Byrne geht es um die Überwindung von Trauer, symbolisiert durch die steilen Klippen „einer Insel“. Ein Mann macht sich daran sie zu ersteigen, was bald zu einer Art Visionssuche wird.

‚Scrambled‘

Der Ansatz von ‚Scrambled‘, der bei den Niederländern von Polder Animation unter Regie von Bastiaan Schravendeel entstanden ist, fällt deutlich kleiner aus. Es ist eine alltägliche Situation: eine junge Frau verpasst spät abends ihre Bahn und ein fortgeworfener Rubiks-Würfel setzt alles daran von ihr gelöst zu werden. Okay, so alltäglich ist das vielleicht doch nicht. Der Film ist in seinen Themen um analoges vs. digitales Spielen und Denken nicht zu aufdringlich und ist, trotz seiner fantastischen Prämisse mehr daran interessiert einen momentausschnitt eines gewöhnlichen Ereignisses zu zeigen. Besonders beachtenswert, mit wie wenig Animation es gelingt den Würfel zu einem sympathischen „Charakter“ zu machen.

 

‚The LEGO Batman Movie‘ (2017) „Computer! Overcompensate!“

Was hatte ich nicht für Vorstellungen, bevor ich Phil Lords und Chris Millers ‚Lego Movie‘ gesehen habe. Einen seelenlosen 90 minütigen Werbespot für das beliebte, dänische Bauspielzeug habe ich erwartet. Was ich stattdessen bekommen habe, lässt sich wohl am besten mit den Worten „everything is awesome!“ zusammenfassen. Sicherlich, wie ernst man die antikorporatistische Aussage des Films nehmen kann, angesichts nicht nur seiner Entstehung, sondern auch mehrerer Spin-Offs und Fortsetzungen, bleibt jedem selbst überlassen. Dennoch hatte der Film Herz und führte jede Menge liebenswertet Charaktere ein. Und der weitaus coolste von denen, zumindest seiner eigenen Meinung nach, ist Will Arnetts selbstverliebter Batman. Kein Wunder also, dass der dann auch den ersten Spin-off Film bestreiten durfte.

Batman (Arnett) ist frustriert. Jim Gordon (Hector Elizondo) ist in den Ruhestand gegangen und seine Nachfolgerin Barbara Gordon (Rosario Dawson) erwartet, dass Batman mit der Polizei zusammenarbeitet. Dann überrascht ihn auch noch der Joker (Zach Galifianakis) mit einem Gespräch über ihre „komplizierte“ Beziehung als Erzfeinde. Niemand scheint verstehen zu wollen, dass Batman mit niemandem zusammenarbeitet und ganz bestimmt keine Beziehungen führt. Batman arbeitet und ist allein! Die Tatsache, dass Bruce Wayne in einem unachtsamen Moment den anhänglichen Waisenjungen Dick Grayson (Michael Cera) adoptiert hat, macht diese Position nicht eben einfacher. Aber als sich dann nicht nur der Joker, sondern gleich die gesamte gothamer Schurkenriege der Polizei ergibt und Batman somit überflüssig macht, ist ein Schritt zu weit. Batman lässt sich zu einer Tat hinreißen, die die ganze Stadt in Gefahr bringt.

Eines wird schnell überdeutlich: die Autoren dieses Fims haben ihre Hausaufgaben gemacht und kennen sich in Batmans jahrzehntelanger Geschichte bestens aus. Wenn Batman im Gespräch mit dem Joker von „dem Vorfall mit den zwei Booten“ (‚The Dark Knight‘ 2008) oder „dieser Parade mit Musik von Prince“ (‚Batman‘ 1989) spricht, dann werden noch die meisten wissen wovon die Rede ist. Aber so ziemlich jeder Batman(und Superman)-Film, „diese merkwürdige Phase in den 60ern“, selbst die 40er Jahre Serials und allem voran die Comics werden mit so vielen Anspielungen und Hintergrundgags bedacht, dass man den Film wohl 5 mal schauen müsste, um das alles richtig würdigen zu können. Und nebenbei einen Doktortitel in Batmanologie haben müsste. Das dürfte in naher Zukunft so einige Internet-Listen füllen. Als „90minütiges Easteregg für Batfans“, als das Lego Movie‘ Co-Regisseur Miller den Film einmal bezeichnet hat funktioniert er ohne Frage ganz großartig.
Wie sieht es als Film aus?

Die Qualität des ‚Lego Movie‘ erreicht er nicht ganz, wobei das auch ein sehr hochgestecktes Ziel ist. Die Gagdichte erscheint mir hier noch ein wenig höher, der Film nimmt nur selten einmal ein wenig Tempo heraus, um seinen Charakteren eine Chance für Entwicklung zu geben. Dennoch geht der dritte Akte davon aus, dass sie uns zutiefst ans Herz gewachsen sind, was nicht ganz funktioniert. Zusammen mit der Gagdichte und der Geschwindigkeit ergab sich für mich ein Gefühl der Hyperaktivität, dass mich gegen Ende etwas überfordert hat. Aber ich bin sicher, das jüngere Zielpublikum kommt damit weit besser klar als ich.

Optisch erreicht der Film problemlos das Niveau des ‚Lego Movie‘. Fast wirken die plastikglänzenden Umgebungen hier noch etwas liebevoller, noch etwas schöner als im Original. Die Figuren noch etwas beeindruckender animiert, gelingt es noch mehr Ausdruck aus den steifen Minifiguren herauszuholen.  Das mag daran liegen, dass mit Chris McKay hier der Animationsverantwortliche des ‚Lego Movie‘ die Regisseursarbeit übernommen hat und auf ebensolche Details vermutlich noch ein weitaus schärferes Auge hatte. Akustisch reichen sich klassische und moderne Popmusik hier die Hände und Lorne Blafe liefert einen Score ab, der wunderbar zwischen Superheldenbombast und Albernheit zu oszillieren weiß.

Die Besetzung der Hauptfiguren ist durch die Bank gelungen und auch im Hintergrund finden sich immer mal wieder gelungene Gags. Wenn Doug Benson Bane mit deutlich artikuliertem britischen Akzent spricht ist dies in sich schon eine weitere Anspielung auf ‚The Dark Knight Rises‘. Manches hat mich aber doch verwundert. Da besetzt man Billy Dee Williams endlich als Two-Face (er spielte im ’89er Film Harvey Dent aber Burton hat Two-Face nie verwendet), lässt ihn dann aber nur einen Halbsatz sagen, der quasi im Lärm der Szene untergeht. Schade. Wenn man Ralph Fiennes ohnehin schon als Alfred im Studio hat, hätte er doch auch gleich noch eine gewisse bekannte Schurkenfigur sprechen können, mit der er einige Erfahrung hat. Wobei Eddie Izzard hier ein mehr als adäquater Ersatz ist.

Was auffällt ist wohl, dass ich von dem Film hier immer nur als Batman Film spreche. Die Tatsache, dass sie in einem Universum aus Legosteinen spielt hat auf die Geschichte tatsächlich so gut wie keinen Einfluss. Die wenigen Momente, wo es dann doch einmal eine Rolle spielt wirken dann auch teilweise etwas aufgesetzt. Lego ist hier eher Medium als wichtiger Teil der Handlung.

Wer einen Batman Film abseits des bitteren Ernstes der derzeitigen DC Filme sucht, der Batman dennoch vollumfänglich als Figur versteht (womöglich sogar besser) der hat derzeit ja nicht eben die größte Auswahl (‚Return of the Caped Crusaders‘ gäbe es noch) und wird hier auf jeden Fall bestens bedient und 100 Minuten lang hervorragend unterhalten. Und dann schaut man den Film nochmal, um mehr Anspielungen mitzukriegen. Und dann…

‚Perfect Blue‘ (1997)

Satoshi Kon war ein Ausnahmetalent. Sei es der markante, ausdrucksvolle Stil seiner Figuren, sein brillanter Umgang mit Farbe oder – vor allem – seine geschickte „Schnitttechnik“ (soweit man in der Animation davon sprechen kann), die dafür sorgen konnte, dass wir an Fiktion und Realität zweifeln, uns in der Zeit verloren fühlen, die uns im nächsten Moment aber punktgenaue Spannung erleben ließ. Kon was ein visueller Erzähler, wie es nicht allzu viele andere gibt und sein Tod 2010 mit nur 46 Jahren in jeder Hinsicht eine Tragödie. Doch will ich heute auf einen freudigeren Moment schauen, als er 1997 künstlerisch anscheinend vollständig ausgeformt seinen Regie-Einstand mit dem Psychothriller ‚Perfect Blue‘ gab.

Mima Kirigoe ist Sängerin in der japanischen Teengirl-Gruppe CHAM. Allerdings möchte sie überraschend aus der Gruppe aussteigen, um eine Karriere als Schauspielerin, zunächst in der Krimiserie „Double Bind“, zu verfolgen. Dies stößt bei Familie, Management und vor allem Fans nicht unbedingt auf Begeisterung. Im Internet taucht eine Seite auf, die angebliche Tagebucheinträge von Mima veröffentlicht. Zunächst findet Mima das unterhaltsam, als sie jedoch bemerkt, dass der Autor genauestens über ihre Vorlieben und ihren Tagesablauf Bescheid weiß ist sie beunruhigt. Dazu kommt noch, dass ein Stalker sich als äußerst gewaltbereit erweist, die Fernsehkarriere nicht wie erwartet läuft und mit einigen Erniedrigungen verbunden ist und CHAM, kaum dass Mima ausgestiegen ist, zu einem riesigen Erfolg wird. Sie stürzt in eine Persönlichkeitskrise und beginnt zu zweifeln, wer die „wirkliche“ Mima eigentlich ist. Dann beginnt eine Reihe brutaler Morde in ihrem Umfeld.

Identität, Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung sind die großen Themen des Films, die Kon bereits in den allerersten Minuten deutlich macht, wenn er einen perfekt durchgestylten Auftritt von CHAM gegen Mima beim alltäglichen Einkaufen im Supermarkt und Aufnahmen für ein Schauspiel-Demo-Band schneidet. Sofort werden wir mit drei völlig unterschiedlichen Aspekten derselben Person konfrontiert, von denen zunächst nur einer ihre Wahrnehmung in der Öffentlichkeit prägt und eine andere die „echte“ ist oder scheint. Mimas Bühnenpräsenz wird, in der Öffentlichkeit im allgemeinen und durch den selbsternannten „Me-Maniac“ im besonderen, vollkommen idealisiert und von der eigentlichen Person gelöst, „Star“-sein bekommt ein zutiefst verstörendes Element. Der Konflikt zwischen diesen Aspekten, sowohl für außenstehende Beobachter, wie für Mima selbst werden zu zentralen Triebfeder des Films.

Und auch wir als Zuschauer können der Realität des Films keine Sekunde trauen. Jeder Schnitt kann uns durch die Zeit zu einer ganz anderen Szene transportieren, was wir aber aufgrund geschickter Verknüpfungen erst einige Sekunden später merken. Oder wir glauben in einer Szene ein Detail über Mima zu erfahren, nur um dann zu bemerken, dass es eigentlich ihren Charakter in der Serie – bezeichnenderweise auch ein Psychothriller – betrifft. Momente der wirklichen Welt des Films beginnen sich in der Serie widerzuspiegeln und umgekehrt. Die Verlorenheit und Verwirrung der Hauptfigur überträgt sich auf uns als Zuschauer. Ich werde mich hüten hier auch nur ein Wort zu viel über das Ende zu verlieren, doch sei verraten, dass es Kon gelingt in einer visuell beeindruckenden Szene seine Themen zu einem ebenso logischen wie atemberaubend spannenden Finale zu bringen.

Obwohl Kon immer ein großer Fan von Anime und Manga war sagte er selbst, dass er filmisch eher von westlichen Einflüssen geprägt war als japanischen. Der typische Vergleich für ‚Perfect Blue‘ ist der zu den Filmen von Hitchcock und sicherlich lassen sich thematische Parallelen gerade zu ‚Vertigo‘ nicht verleugnen. Die Morde, sowie eine Szene sexueller Gewalt gegen Mima, sind allerdings deutlich „dreckiger“ als alles was Hitchcock produziert hat und wecken eher Assoziationen zu den Filmen Abel Ferraras (es gibt sogar eine direkte Anspielung auf seinen ‚Driller Killer‘ und die Situation am Set der Serie erinnert gelegentlich an ‚Dangerous Game’/’Snake Eyes‘) oder italienischen „Giallo“-Produktionen. In seiner unkonventionellen Schnitttechnik, sowie seiner sehr visuellen Erzählweise wird allerdings Kons größtes von ihm erwähntes Vorbild deutlich: Terry Gilliam, insbesondere ‚Brazil‘ und ‚Die Abenteuer des Baron Münchhausen‘, wobei dieser Einfluss später in Filmen wie ‚Paprika‘ noch weit deutlicher wird.

Fast spannender als die die Quellen der Inspiration ist allerdings der Einfluss, den ‚Perfect Blue‘ insbesondere auf das amerikanische Kino hatte. Darren Aronofsky hat aus seiner Begeisterung für den Film nie einen Hehl gemacht und zitiert ihn visuell mehr oder weniger direkt (mit Kons Segen) in ‚Requiem for a Dream‘ und ‚Black Swan‘, wobei letzterer auch thematische Überschneidungen zu diesem Anime besitzt. Thematische Ähnlichkeit zeigt sich auch in David Lynchs ‚Mulholland Drive‘, der sich ebenso mit Aspekten von Traum und Wirklichkeit, Sein und Wahrnehmung auseinandersetzt. Alejandro González Iñárritus oscarprämierter Film ‚Birdman‘ nutzt gar ein zentrales, erzählerisches Element, das ein direktes Vorbild in Kons Film hat. All das sorgt dafür, dass sich ‚Perfect Blue‘ unglaublich modern anfühlt, von einer Szene mit sehr veralteter Computertechnik einmal abgesehen sind 20 Jahre an diesem Film fast spurlos vorrübergegangen.

Selbst wenn ihr mit Anime normalerweise nicht viel anfangen könnt möchte ich euch ‚Perfect Blue‘ unbedingt ans Herz legen. Ein hervorragender Psychothriller und eine Lehrstunde im visuellen Geschichtenerzählen in einem. Und wenn ihr dem Film auch nur das geringste abgewinnen könnt tut euch einen Gefallen und schaut alles andere, bei dem Kon Regie geführt hat, insbesondere ‚Paprika‘ und ‚Tokyo Godfathers‘. Und wer weiß, vielleicht wird eines Tages ja auch ‚Dreaming Machine‘, das Projekt an dem er bis zu seinem Tod arbeitete, fertiggestellt. Produzent Masao Maruyama sagte einmal es sei sehr schwer einen Regisseur zu finden, der Kon gleichkäme, um den Film zu beenden. Daran habe ich keinen Zweifel.

Gestern Gesehen: ‚Kubo – der tapfere Samurai‘; OT: ‚Kubo and the two strings‘ (2016)

Von einem neuen Film der Laika Studios erwarte ich nicht wenig. Mag ich doch ‚Coraline‘ sehr gerne und liebe geradezu ihre Hommage an den klassischen Horrorfilm, ‚ParaNorman‘. Mit Kubo begeben sie sich nun, sowohl thematisch, wie auch vom Setting her, in den Bereich des Samurai Films und des Anime. Man darf also erwarten, dass bei ‚Kubo‘ alles etwas epischer wird.

Anfangs lebt der einäugige Junge Kubo mit seiner tagsüber katatonischen Mutter in einer Höhle über einem kleinen Dorf. Hier verdingt er sich als Unterhalter, indem er mit seiner Shamisen, auf magische Weise, bunte Papiere zu Origami-Figuren formt und mit ihnen Geschichten erzählt. Vor allem die vom sagenhaften Samurai Hanzo. Nur mit deren Ende tut er sich schwer. Hanzo war nämlich sein Vater, der vom Mondkönig, dem Vater Kubos‘ Mutter, aus Eifersucht ermordet wurde. Der Mondkönig hat auch Kubos Auge gestohlen und will noch sein zweites. Deswegen muss Kubo jeden Abend vor Einbruch der Dunkelheit zurück in der Höhle sein. Als ihm dies einmal nicht gelingt wird er prompt von den Häschern des Mondkönigs gefunden, mit katastrophalen Folgen für seine Mutter. Ihm bleibt nichts anderes übrig als die Queste seines Vaters zu erfüllen. Gemeinsam mit einem Schneeaffen und einem Käfer-Samurai macht er sich auf die Suche nach einer legendären Rüstung, mit der er die himmlische Macht des Mondkönigs herausfordern kann.

Als Erstes komme ich nicht drumherum zu bemerken, was für ein wunderschöner Film ‚Kubo‘ ist. Damit meine ich nicht nur die brillant Stop-Motion Animation, auch das Figurendesign, die satte, brillante Farbgebung und das liebevolle, beinahe taktile Design der Schauplätze machen sowohl Szenen vor tiefroten Sonnenuntergängen, als auch in finsteren Gemäuern zu ästhetischen Prachtstücken. Laika haben die Stop-Motion auf ein Level gebracht, dass einerseits die physische „Greifbarkeit“ der Figuren bewahrt, andererseits qualitativ schwer von Computeranimation zu unterscheiden ist.

Die Queste auf die Kubo sich begeben muss erfindet sicherlich das Rad nicht neu und folgt sattsam bekannten Vorbildern, doch sind alle Charaktere  denen er begegnet so liebevoll umgesetzt, dass man sich sicherlich nie gelangweilt wird. Sei es die beschützerische aber leicht herrische Affendame, der Käfer-Samurai mit Amnesie oder auch die maskierten, unheimlichen Schwestern seiner Mutter. Selbst bei Charakteren, die keinerlei Dialog haben, wie einem gigantischen Skelett, schaffen es die Animationsmeister noch genug eigenes Profil zu verleihen, dass sie problemlos in Erinnerung bleiben.

Wie bei ihren anderen Filmen ist wieder einmal bemerkenswert, dass Laika, obwohl sie wissen, dass ihre Hauptzielgruppe Kinder sind, in keiner Weise Kompromisse bei ihrer Geschichte eingehen. Das zentrale Thema dieses Films ist Verlust und das wird, bei allem natürlich vorhandenen Humor, durchaus mit der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt. Der Film hat daher eine traurige Grundstimmung und schreckt nicht davor zurück auch einmal gruselig zu werden. Auch das Ende ist überraschend pointiert (und lässt mich ein wenig verwundert darüber zurück, wer sich den deutschen Titel ausgedacht hat).

Zu Beginn des Films fordert uns Kubo auf, nun ein letztes Mal zu blinzeln, damit wir im Folgenden nichts von der Handlung verpassen mögen. Dies tut er auch vor jeder seiner Vorstellungen im Dorf. Wenn Kubo also die Origami Figuren auf magische Weise ihre Geschichten austragen lässt, dann können wir davon ausgehen, dass Laika damit in gewisser Weise auch ihr Selbstverständnis präsentieren. Und tatsächlich gibt es wenige Studios, die auf ähnlich magische Weise eine animierte Welt lebendig werden lassen können, wie sie. Wenige aber eben nicht keine. Denn, ich habe es, an anderen Stellen, schon einige Male gesagt aber die Wiederholung lohnt sich, wir leben in einer absoluten Schlaraffenlandzeit für Animationsfreunde. Mit Aardman gibt es noch ein weiteres Studio, dass im Stop-Motion Bereich hervorragende (und gänzlich andere) Arbeiten abliefert, zusätzlich Filme wie ‚Mary Und Max‘ oder ‚Anomalisa‘, die Stop-Motion vornehmlich für Erwachsene liefern. Klassische Animation aus Japan und Europa, Computeranimiertes von überallher, die Auswahl ist riesig und die Qualität beinahe durchgängig hoch. Laika haben sich aber einen wiedererkennbaren, einzigartigen Stil geschaffen, an dem sie stetig weiter feilen und ihn verbessern. Ich erwarte mit Spannung, was sie als nächstes abliefern.

‚Kubo‘ ist absolut sehenswert. Nicht nur weil eine über 100 Jahre alte Technik auch heute noch optisch zu beeindrucken vermag, auch weil hier aus einer sattsam bekannten Handlung durch liebevolle Charakterzeichnung und thematische Stringenz das Beste herausgeholt wird. Sicherlich einer der besten Animationsfilme des letzten Jahres . Um zu sagen, ob es der Beste ist, müsste ich erst noch ‚Zootopia‘, öh, ich meine natürlich ‚Zoomania‘ und ‚Moana‘  Entschuldigung ‚Vaiana‘ schauen (alles in Ordnung bei Euch Disney? sind das geheime Botschaften? sollen wir Hilfe schicken?). Aber ich glaube erst mal hole ich ‚Die Boxtrolls‘ nach.