‚Die Melodie des Meeres‘ (2014)

Ich sage ja gerne immer wieder mal, dass wir in einem goldenen Zeitalter der Animation leben. Manchmal höre ich dann, es gäbe doch nur noch CGI-Animation von leicht variabler Qualität. Aber das stimmt überhaupt nicht! Nicht nur schließt das Anime quasi komplett aus, es ignoriert auch, dass es zwei international erfolgreiche Studios (Aardman und Laika) gibt, die mit Claymation/Stop-Motion grandiose Erfolge verzeichnen. Aber auch klassische, westliche Animation ist noch da. In Form internationaler Kooperation, wie etwa ‚Die Rote Schildkröte‘, aber auch als allein europäische Produktionen. Sylvain Chomet sei hier erwähnt, oder eben der Ire Tomm Moore, um den es hier gehen soll.

Ich mochte sein (gemeinsam mit Nora Twomey) ‚Geheimnis von Kells‘ sehr gern, in dem er irische Geschichte, etwa monastische Bilderhandschriften (eben das berühmte Book of Kells) und Wikingereinfälle mit irischer Mythologie um Crom Cruach verwob und so einen visuell wie erzählerisch ziemlich einzigartigen Animationsfilm schuf.

Auch in ‚Die Melodie des Meeres‘ spielt irische Mythologie und Folklore eine zentrale Rolle. Und, ohne ‚Das Geheimnis von Kells‘ damit in irgendeiner Weise abwerten zu wollen, er ist in meinen Augen ein noch besserer Film.

Bens Vater Conor ist Leuchtturmwärter auf einer kleinen Insel. Hier leben sie mit Bens Mutter Bronagh ein sehr glückliches Leben. Doch vor etwa sechs Jahren, in der Nacht als Bens kleine Schwester Saoirse geboren wurde, verschwand Bronagh. Seitdem ist Conor ein gebrochener Mann. Und Ben mag seine kleine Schwester, der er das Verschwinden der Mutter vorwirft, überhaupt nicht. Conors Großmutter beschließt, dass die Kinder so nicht länger leben können und nimmt sie mit zu sich in die Stadt. Doch dafür muss Ben seinen geliebten Bobtail Cu zurücklassen. Klar, dass er sich bei erster Gelegenheit auf den langen Weg zurück zum Leuchtturm macht. Ebenso klar, dass Saoirse ihrem großen Bruder folgt. Da wissen beide noch nicht, wie wichtig und wie schwierig es sein wird, Saoirse in der Nacht von Halloween zurück zur Küste zu bringen.

‚Die Melodie des Meeres‘ ist einer dieser Filme, der eine Beschreibung nur in Worten verdammt schwierig macht. Mir jedenfalls fällt es nicht leicht die Schönheit der stilisierten Bilderbuchfiguren, die hier vor wunderschönen Hintergründen agieren, in einer annähernd magischen Animation, die das Alltägliche in wirbelnden Galaxien aufgehen lässt, in adäquate Worte zu fassen. Jedenfalls passt der Stil der Animation perfekt zu einer Geschichte, in die immer wieder Riesen, Hexen, Feen und Selkies gewoben werden und sich hier als völlig logische Elemente in die Handlung fügen. Magie findet Moore dabei überall. Feen etwa leben im Abfluss im Gebüsch einer Verkehrsinsel, eine steinerne Klippe ist ein im Gram erstarrter Riese.

Doch all das sind nur Elemente einer Erzählung, die sich letztlich auf ein zentrales menschliches Problem bezieht. Wie gehen wir mit negativen Gefühlen um? Der Verlust unserer Liebsten ist eine der schmerzhaftesten Erfahrungen, die wir als Menschen machen können und damit ist sie eine, die wir von Kindern nur allzu gern fernhalten möchten. Moore hat hier einen Weg gefunden diese Emotion kindgerecht zu verpacken, ohne sie damit in irgendeiner Weise abzumildern oder herabzustufen. Ja, es ist sogar ein zentrales Bild der Geschichte, dass jeder Versuch alle negativen Gefühle fernzuhalten, und geschieht dies auch in Liebe, in einer Katastrophe enden muss. ‚Die Melodie des Meeres‘ ist damit ein perfekter Familienfilm. In dem Sinne, dass er eben kein Film für Kinder ist, der „auch etwas für Erwachsene“ bietet. Er ist ein Film aus dem Jeder in jedem Alter etwas mitnehmen kann und, so vermute ich, auch mitnehmen wird.

Der Film ist von einer annähernd magischen Schönheit, nicht nur in der Animation, auch in seiner Musik vom französischen Komponisten Bruno Coulais und der irischen Folkband Kíla, die auch schon an ‚Kells‘ zusammengearbeitet haben. Doch hier steht die Musik, der Name des Films lässt es erahnen, noch ein wenig mehr im Mittelpunkt und webt, wie die Bilder einen Teppich aus Licht und Dunkelheit, aus europäischen und pur irischen Melodien.

‚Die Melodie des Meeres‘ ist ein Film, der definitiv nicht Fokusgruppen-getestet ist, das macht seine Schönheit aus. So ist etwa Ben am Anfang des Film ein wirklich schmerzhaftes Arschloch zu seiner Schwester. Ein Hollywood-Studio-Film hätte hier sicherlich nachgeschliffen, von der zentralen Botschaft ganz zu schweigen. Dennoch, wenn Ihr Kinder habt schaut den Film mit ihnen. Schaut ihn vielleicht vorher allein, um zu sehen, ob er trotz 0 Jahre Altersfreigabe gruselige Momente enthält. Und wenn Ihr keine Kinder habt schaut ihn trotzdem, Ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen. Ein gesondertes Lob erlaube ich mir noch für das Design und die Animation von Cu. Wenn man die Essenz eines Bobtails in Bilder packen wollte, sähe sie wohl so aus.

Eine absolute Empfehlung für jeden, der Animationsfilme mag. Und wer danach immer noch das goldene Zeitalter der Animation bestreitet… naja, dem kann ich halt auch nicht helfen. Pflichtprogramm natürlich auch für Leute, die endlich herausfinden wollen, wie man Saoirse Ronans Vornamen korrekt ausspricht…

‚Shaun das Schaf – UFO-Alarm‘ (2019)

‚Shaun das Schaf – Der Film‘ ist einer meiner liebsten Stummfilme der Neuzeit. Und nein, keine Sorge, ich langweile Euch hier nicht mit einem weiteren Vortrag darüber wie wichtig ich den Stummfilm für das visuelle Medium Film finde, wie sehr seine Universalität verbindend wirken kann. ‚Shaun das Schaf – Der Film‘ war vor allem eines: rundum gelungener Slapstick. Da ist es mir persönlich völlig wurscht, ob die Zielgruppe ganze Jahrzehnte jünger ist als ich. Außerdem bin ich wirklich froh, die wollig-sympathische Belegschaft der Mossy Bottom Farm wieder besuchen zu dürfen.

Im beschaulichen Mossy Bottom herrscht allerdings helle Aufregung. Ein UFO soll im Wald gesichtet worden sein! Eine Sichtung so schrecklich, dass sie zum Verlust einer frischen Portion Fish & Chips geführt hat! Und zu einem Touristenstrom. Den will sich Farmer John natürlich monetär zunutze machen, um einen neuen Traktor anzuschaffen. Also lässt er die Schafe den Vergnügungspark „Farmageddon“ bauen, mit dem Ziel den UFO-Fans das Geld aus der Tasche zu ziehen. Gleichzeitig findet die Pilotin des UFOs, die knuddelige LU-LA, ihren Weg in den Schafstall und benötigt offensichtlich Hilfe um nach Hause zu kommen. Klar, dass Shaun und Crew da nicht tatenlos zusehen können. Dummerweise ruft ein Missgeschick von Hütehund Bitzer mit einem Leimeimer die bislang arg unterforderte, dafür hochmotivierte UFO-Behörde der Regierung auf den Plan.

Wenn Ihr den obigen Absatz gelesen habt und auch nur eine Handvoll Filme gesehen habt, dann wisst Ihr schon ziemlich gut was passieren wird. Und ja, auch all die zu erwartenden Zitate und Anspielungen, etwa auf ‚E.T.‘, ‚2001‘ ‚Akte X‘ oder ‚Doctor Who‘ sind vorhanden. Und wisst Ihr was? Das ist völlig okay. Eine Minute nach Beginn des Films begann ich zu grinsen. Ein Zustand der die gesamte Laufzeit des Films höchstens dadurch unterbrochen wurde, dass ich tatsächlich lachen musste. Der erste Film mag der insgesamt stärkere sein, aber ich fühle ernsthaftes Mitgefühl für jeden, der sich nicht zutiefst darüber amüsieren kann, wenn etwa LU-LA im akuten Zucker-High einen Supermarkt zerlegt.

LU-LA ist überhaupt eine interessante Figur. Sie ist die einzige, die ein wenig „spricht“, wenn auch vor allem ihren Namen. Alle anderen kommunizieren schließlich nur über Geräusche, vornehmlich natürlich „Mäh“, die LU-LA allerdings auch alle perfekt nachahmen kann. LU-LA nimmt sich durch Design und Farbe sofort wie ein Fremdkörper in Mossy Bottom aus, doch schließt man sie als Zuschauer, ebenso schnell ins Herz wie die Schafsherde. Sie ist außerdem ein sehr klassischer Aardman-Charakter, weil man an ihr, im wahrsten Sinne des Wortes, die Fingerabdrücke der Animatoren sehen kann. Was in anderen Filmen ein Bruch der vierten Wand wäre und auch hier dafür sorgt, dass man fast meint die Modelliermasse riechen zu können, ist für mich hier aber wesentliches Element für das Gelingen des Films. Denn diese Augenblicke geben den Charakteren etwas außergewöhnlich „haptisches“, eine Anwesenheit und Authentizität, die ein CGI-Charakter natürlich grundsätzlich nicht haben kann. Dadurch wirkt auch der Slapstick des Films sehr viel physischer und „echter“ und dadurch komischer. Weil wir merken, hier wird wirklich etwas vor der Kamera bewegt. (Randbemerkung: das soll kein grundsätzliches „Praktische Effekte besser als CGI“ sein. Beide haben ihre Stärken, ihre Schwächen und ihren Platz. Nur weiß man bei Aardman nach Jahrzehnten eben exakt, wie man das gewählte Stop-Motion Medium zur Perfektion nutzt.)

Im Design liefert Aaardman ebenfalls erneut Großes. Vom lauschigen Mossy Bottom, den saftigen tiefgrünen Wiesen und urigen, umgebenden Wäldern, über LU-Las Raumschiff, irgendwo zwischen iPhone und diesen Kleinkinderspielzeugen mit allerlei Knöpfen drauf, die Tiergeräusche machen, bis zur Geheimbasis der Alien-Jäger, wo sogar die Freizeit im gelben Ganzkörper-Schutzanzug verbracht wird.

Auf die Verwendung einiger Popsongs, die sich sehr deutlich an die junge Zielgruppe wenden, hätte ich persönlich gut verzichten können, bin aber zum Glück noch nicht grummeliger, alter Sack genug, um mich daran allzu ernstlich zu stören. Und wie gesagt, Gag für Gag war der erste Film sicherlich der stärkere und wäre für Shaun-Einsteiger meine erste Empfehlung, aber auch UFO Alarm ist einfach ein solcher Wohlfühlfilm. Was das angeht haben die Briten im Familienfilm der 2010er mit ‚Paddington‘ und eben den Shaun Filmen echt gezeigt was so möglich ist.

Ist es das filmische Äquivalent zu einer riesigen Portion Zuckerwatte? Vielleicht, aber sicherlich wird einem hinterher nicht schlecht! Und auf die Hüften geht das Schaf auch nicht. Bloß aufs Zwerchfell.

‚Isle Of Dogs‘ (2018) – I Love Dogs

Stop Motion Animation scheint ein Medium, das für Wes Andersons ausgeprägte Ästhetik liebevoller, bis in den letzten Winkel ausgestalteter Dioramen wie geschaffen scheint. Entsprechend gern mag ich auch ‚Der fantastische Mr. Fox‘ seinen ersten Ausflug in die Welt der Stop Motion. Damals wurde ihm vorgeworfen, seine neurotischen Charaktere seien für Kinder kaum zu entschlüsseln. Erstens bezweifle ich das, zweitens ist die Idee, ein Animationsfilm müsse sich zwangsläufig an Kinder richten (selbst wenn er auf einem Roald Dahl Werk beruht) doch ein wenig albern. Die gute Nachricht ist, ‚Isle of Dogs‘ kann man bedenkenlos mit Kindern schauen. Die noch bessere ist, der Film ist ebenso gut wie ‚Mr. Fox‘.

Japan 20 Jahre in der Zukunft. Kobayashi, der Bürgermeister von Megasaki City, lässt in einer großangelegten Kampagne verbreiten, dass das unter den Hunden der Stadt grassierende Schnauzenfieber auf den Menschen übertragbar sei. Daher lässt er alle Hunde der Stadt auf die vorgelagerte Müllinsel Trash Island deportieren. Beginnend mit Spots, dem Hund seines Mündels Atari. Sechs Monate später ist die Aktion vollzogen. Die Hunde King, Rex, Boss und Duke stammen aus gutem Haus und haben große Schwierigkeiten sich dem Leben im und von Unrat anzupassen. Inoffizieller Anführer der Gruppe ist, allerlei demokratischen Abstimmungen zum Trotz, der Streuner Chief. Doch als Atari in einer waghalsigen Aktion auf die Insel kommt um Spots zu retten, sind die vier ehemaligen Haushunde sehr froh, wieder ein Herrchen zu haben, dem sie folgen können. Sehr zum Unmut von Chief. Dennoch werden sie sich auf der Suche nach Spots Kobayahis Häschern und MechaHunden, sowie angeblich kannibalischen Ausbrechern einer Tierversuchsanstalt stellen müssen.

Was Andersons Filme funktionieren lässt, ist ihr hoher Grad an Abstraktion. ‚Grand Budapest Hotel‘ hat weitreichende Themen über das Europa zwischen den Weltkriegen, von der Einmischung im nahen Osten bis zum Aufstieg des Faschismus, die im selben Universum existieren wie eine Reihe cartooniger Roadrunner/Coyote Verfolgungsjagden und ein Gefängnisausbruch, der aus ‚Paddington‘ stammen könnte. Es ist die Abstraktion und Andersons Ablehnung üblicher sentimentaler Erzählmethoden, die das nicht nur nicht geschmacklos, sondern glaubhaft aus einem Guss wirken lassen.

Das funktioniert auf der ‚Isle of Dogs‘ genauso. Im Kleinen, bei der Darstellung von Gewalt. Wenn die Hunde kämpfen dann in der typischen Cartoon- (hier Watte-)Wolke, aus der gelegentlich Extremitäten herausragen. Doch kann es durchaus sein, dass einem Hund bei einem solchen Kampf ein Ohr abgerissen (und dann von Ratten gefressen) wird. Atari legt eine slapstickreife Landung auf der Insel hin, danach steckt ihm allerdings ein Stück Schrappnell im Kopf. Und dann ist da eine Sushi-Zubereitungsszene, die mir vermutlich die Knie weichgemacht hätte, hätte ich nicht bereits gesessen. Im Großen thematisch. Auf der einen Seite die Queste des 12jährigen Jungen, der seinen Hund sucht, auf der anderen Seite die, in ihrer Allegorie nun alles andere als subtile, Geschichte einer entrechteten Minderheit. Einer sich aus Angst speisenden Propagandapolitik Kobayashis, deren hilflose Opposition die „Wissenschaftspartei“ ist. Als Ursache all dieser Proble scheint Anderson die mangelnde Kommunikation ausgemacht zu haben. Am Anfang des Films erfahren wir, dass der japanische Dialog nicht übersetz wird (außer er wird es im Film selbst), das Bellen der Hunde jedoch ins englische (oder eben deutsche) übersetzt wurde. Ein Weg diesem Problem Ausdruck zu verleihen. Praktisch sind es aber vermutlich etwa 10% des japanischen Dialogs der tatsächlich unübersetzt bleibt und der Film stellt durchaus sicher, dass wir auch dann verstehen was die Charaktere inhaltlich meinen. Nein, die mangelnde Kommunikation die Anderson meint liegt noch deutlich tiefer. Die homophone Spielerei in der Überschrift dieses Textes ist aber sicherlich absolut gewollt.

Was Andersons extreme Abstraktion funktionieren lässt ist hier, wie auch sonst, seine wunderbare, geradezu obsessiv ausgestattete Diorama-Puppenhaus-Ästhetik. Anderson arbeitet hier mit dem berliner Modellbauer Simon Weisse, den er bei den Dreharbeiten zu ‚Grand Budapest Hotel‘ traf. Und meine Güte, darf der sich austoben. Von der Müllinsel auf der sich nicht nur Müllberge sondern verfallene Vergnügungsparks und Golfplätze finden, bis Megasaki City wo traditionelle japanische Architektur mit westlicher konkurriert, beide aber von einem 60er Jahre Retrofuturismus dominiert werden. Da ist jede kleinste Gerätschaft bis ins letzte durchdesignt. Mein persönliches Highlight waren die Hundedrohnen des Bürgermeisters. Sehen die in einem Moment wie ein niedlicher Aibo aus, verwandeln sie sich auf Knopfdruck in die MechaGodzilla-Version des Dilophosaurus aus ‚Jurassic Park‘.

Anderson und seine Leute haben, wie schon bei ‚Mr. Fox‘, einen sehr eigenen Look für die Stop Motion gefunden. Wenn ich das erklären sollte, würde ich wohl bei den Haaren ansetzen. Das Fell der Hunde ist hier hochbeweglich und geleichzeitig steif. Das gibt ihm einen geradezu elektrisierten Charakter, der dem Film eine ganz eigene Kinetik gibt. Das ganze fühlt sich gleichzeitig greifbar, seltsam und niedlich an, falls das irgendwie nachvollziehbar ist. Auch greift der Film auf andere Arten der Animation zurück. Auf Bildschirmen im Film etwa sieht man das Geschehen als klassische, gezeichnete Animation.

Das Wichtigste ist aber, dass sich das Verhalten der Hunde absolut richtig beobachtet ist. Wenn es dann auch übersetzt wird in die typischen Anderson Dialoge typischer Anderson-Darsteller wie Bill Murray, Jeff Goldblum oder Edward Norton. Bryan Cranston ist zwar kein typischer Anderson-Darsteller gibt aber als Streuner Chief, der sich selbst als „Beisser“ begreift eine sehr gute Vorstellung ab. Die Figur des Bürgermeisters erinnert im Aussehen an Darsteller Toshiro Mifune. Sein Sprecher Kunichi Nomura, der auch für die japanischen Texte und Sprachregie verantwortlich zeichnet, hat ebenfalls bestätigt, dass er seine Darstellung an Mifune angelehnt hat. Womit eine Verbindung zum gelegentlich erkennbaren filmischen Vorbild Akira Kurosawa geschaffen wurde.

Musikalisch bewegt sich der Film zwischen Shamisen-Klängen, aufbrausenden Taiko-Trommeln und Indie Pop sicher direkt aus Andersons, fraglos gigantischer, Vinyl-Sammlung. Auch hier ist der Grad der Abstraktion hoch genug um beides nebeneinander funktionieren zu lassen.

Ein äußerst gelungener Film also, an dem ich nur wenig zu meckern habe. Die Figur der amerikanischen Austauschschülerin Tracy Walker etwa. Bei der bin ich mir nicht sicher, ob sie im Film ist, weil Anderson Angst vor seiner eigenen Courage bekommen hat, die japanischen Dialoge nicht zu untertiteln, oder weil er unbedingt Greta Gerwig eine Rolle geben wollte. Letzteres wäre zwar immerhin ein guter Grund, allerdings trägt sie nicht wirklich viel bei. Auch fand ich es etwas seltsam eine Wissenschaftlerin Yoko Ono zu nennen. Bis mir im Abspann klarwurde, dass das ein Cameo-Auftritt von Yoko Ono war. Okay, das Letzte war nicht wirklich gemeckert. Hab ja gesagt, ich hab da nicht viel…*

Dementsprechend kann ich den Film nur empfehlen… wenn an denn Andersons Stil mag. Wer damit bislang gar nichts anfangen konnte, der wird wohl auch von seinen Hunden nicht plötzlich umgestimmt werden. Ich jedenfalls verbleibe mit einem begeisterten „Wau“!

 

*Oh eins hab ich nach etwas nachdenken doch noch: ein Film über Hunde in (Pseudo-)Japan und kein einziger Akito, Shiba Inu, japanischer Spitz und Co.? 0/10 Mr. Anderson! (oder ich hab sie übersehen…)

‚A Toy Story – Alles hört auf kein Kommando‘ – was soll man bei so einem Titel noch sagen?

Ich habe an dieser Stelle schon ausführlich über die Sünden der Eindeutschung internationaler Filmtitel geschrieben. („Teutonischer Titel Terror“), deswegen will ich das hier gar nicht allzu sehr auswalzen. Aber manchmal frage ich mich schon, ob eine Reihe sich nicht irgendwann ein gewisses Maß an Würde erworben hat um den schlimmsten Titelidiotien zu entgehen. Weiterlesen

‚Spider-Man: A New Universe‘ (2018)

Chris Miller und Phil Lord scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, oftmals zynische Produkte Hollywoods, die rein der Geldschneiderei dienen, mit einer überraschenden Kreativität zu unterfüttern, die man dort sonst selten sieht und ihnen gar eine Aussage mit auf den Weg zu geben. Zuerst nahmen sie sich das Remake vor. In ‚21 Jump Street‘ durchbrachen sie freudig die vierte Wand und teilten dem Zuschauer mit, dass sie wüssten was von Remakes zu halten ist, man aber doch trotz allem gemeinsam Spaß haben könnte. Den „Produktfilm“ bearbeiteten sie mit dem ‚LEGO Movie‘, der allerlei Anwürfe gegen blinden Konsumismus und Korporatismus enthielt und sich für Kreativität, und zwar nicht die individuelle sondern die der Gruppe, aussprach. Gut, was sie aus ‚Star Wars‘ gemacht hätten werden wir nicht erfahren, denn Disney bekam kalte Füße und ersetzte sie bei ‚SOLO‘ um fünf vor zwölf durch das Mensch gewordene „Im Winter besteht Räum- und Streupflicht!“-Schild Ron Howard. Und nun? Nun haben sie den Superheldenfilm beim (nicht vorhandenen) Cape gepackt, zumindest als Autoren und kreativ involvierte Produzenten.

Teenager Miles Morales (Shameik Moore) hat relativ normale Teenager-Probleme. Er hat zwar eine liebevolle Familie, doch seit er sich einen Platz an einer Elite-Highschool erarbeitet hat, kämpft er mit den damit verbundenen Erwartungen. Eines Nachts, als er zusammen mit seinem Onkel Aaron (Mahershala Ali) ein Graffiti in einem verlassenen U-Bahn Seitentunnel sprüht, wird er von einer seltsamen Spinne gebissen. Plötzlich entwickelt er dieselben Fähigkeiten, wie der berühmte Spider-Man. Als er an den Ort seines Bisses zurückkehrt, entdeckt er einen Zugang zu einem unterirdischen Labor. Hier kämpft Spider-Man gegen allerlei Schurken des „Kingpin“, der hier einen Teilchenbeschleuniger betreibt. ‚Spider-Man‘ gerät in den Strahl der Maschine, wird schwer verletzt und vom Kingpin getötet. Es stellt sich heraus, dass er ein junger Mann namens Peter Parker war. Wird Miles, der nun vom unheimlichen Kingpin-Handlanger Prowler verfolgt wird, Peters letzte Bitte, die Maschine stillzulegen, erfüllen können? Wird er ein würdiger Nachfolger von ‚Spider-Man‘ werden? Und wird er dabei recht unerwartete Hilfe erhalten?

Es ist merkwürdig. Ich werde kaum müde immer wieder zu erwähnen, wie satt ich die Superhelden-Origin-Story habe. Und dann kommt dieser Film daher, der zu gut 80% Origin-Story ist und ich empfinde ihn, als einend er erfrischendsten und besten Superheldenfilme der letzten Jahre. Kurz, ich habe vermutlich keine Ahnung was ich eigentlich will. Vermutlich braucht es einfach einen leichten Perspektivwechsel und den bringt der Film mit. Der Teilchenbeschleuniger zieht alles aus Paralleluniversen an, was mit Spider-Man zu tun hat, weil eben der in den Strahl geraten ist. Da ist Peter B. Parker (Jake Johnson), ein Spider-Man um die 40 von Jahrzehnten des Lebens und Fast Foods gezeichnet und der unwillige Mentor von Miles. Spider-Gwen (Hailee Steinfeld), aus einer Welt, in der Gwen Stacy statt Peter von der Spinne gebissen wird. Peter Porker, Spider-Ham (John Mulaney), eine Spinne, die von einem radioaktiven Schwein gebissen wurde, quasi ein Looney Toon. Peni Parker (Kimiko Glen), ein Mädchen aus einer fernen Zukunft, mit Handteller-großen Augen und einem Spinnengesteuerten Roboter namens Sp//der, kurz, direkt einem Anime entsprungen. Und Spider-Man noir (Nicolas Cage), der Name spricht wohl für sich.

Nicht nur unterstreicht diese Vielfalt der Charaktere die Tatsache, dass jeder Spider-Man sein kann, er (oder sie) ist schließlich ein ganz normaler Mensch, kein Genie, kein Billionär, kein Gott, Monster oder Supersoldat. Es eröffnet dem Film auch die Möglichkeit eine Vielfalt von Stilen zu benutzen. Überhaupt wirkt der grundlegende Stil des Films wie direkt einem Comic entsprungen. Über subtile Dinge, die manche Oberflächen wie gedruckt wirken lässt und durch absichtliche „dropped frames“ eine Art Einzelbild-Charakter erreicht, bis hin zu eingeblendeten Gedankenblasen und Textboxen, wie im Comic. Darin perfekt eingepasst sind charakterspezifische Animationsstile. Bei Peni sieht etwa alles animehafter aus, bei Noir wird es schwarz-weiß. Dass all das wie aus einem Guss wirkt und die Erzählung sogar noch unterstützt anstatt sie zu behindern, ist eine außergewöhnliche Leistung, während ich schon daran scheitere es hier einigermaßen adäquat zu beschreiben.

‚A New Universe‘ mag in meinen Augen der beste ‚Spider-Man‘ Film sein (um das schon mal vorweg zu nehmen), aber er hätte niemals der erste sein können. Die Macher spielen damit, dass ihre Charaktere genauso popkulturell gebildet sind, wie ihre Zuschauer. Miles versteht quasi sofort, dass die anderen aus Paralleluniversen stammen, ohne dass dies lang erklärt werden müsste. Das hätte für ein Publikum vor 20 Jahren, ohne Superhelden-“Bildung“ vermutlich nicht funktioniert. Heute weiß aber auch ein mäßig aufmerksamer Kinogänger, dass es in den letzten zwei Jahrzehnten 3 verschiedene Spinnenmänner gegeben hat. Das macht es ein wenig schade, dass der Films seinen ursprünglichen Plan, Peter B. Parker mit Tobey Maguire zu besetzen, nicht erfüllen durfte, weil es „den Zuschauer verwirrt hätte“. Im Gegenteil, es hätte die Metatextualität des Films noch unterstrichen.

Jeder kann zwar Spider-Man sein, dennoch gehört mehr dazu als nur die Fähigkeiten zu besitzen und ein Kostüm zu kaufen (im Film von Stan Lee, natürlich). Ich habe erst gegen Ende des Films wirklich gemerkt, wie geschickt der Film seine drei zentralen Figuren, Miles, Gwen und Peter B. charakterisiert, weil ich derart im Film gefangen war, dass mir kaum auffiel, wie sie mir ans Herz wuchsen. Ihre Sorgen und Ängste sind zentral und glaubwürdig für ihr Handeln. Selbst Kingpin bekommt ein äußerst glaubwürdiges Motiv dafür, dass er an den Grundfesten des Multiversums rüttelt. Auch wird sehr deutlich wie gut sich die Macher im „Spiderverse“ auskennen, schon allein dadurch, dass sie einen klassischen, aber ziemlich unbekannten Gegner wie Prowler nutzen und, vor allem via Sounddesign (was ist dieses Geräusch? Heftig bearbeitetes Elefantentrompeten, ist meine Vermutung), zu einem wahrlich gruseligen Gegenspieler machen. Zum Glück verlassen sie sich aber nicht auf sinnlose Anspielungen, sondern auf Humor, der direkt aus den Charakteren, allen voran Porker, Peni und noir erwächst. Das liebevolle Design des Films hier auch nur ansatzweise zu erfassen ist geradezu unmöglich und ich bin mir sicher, bei meinem einen Durchgang nur einen Bruchteil gesehen zu haben. Als Beispiel sei aber mein breites Grinsen genannt, als ich gesehen habe, dass die Hochsteckfrisur von Olivia Octavius (dieser Version von Doc Octopus) im Profil wie der Hinterleib eines Tintenfisches aussieht.

Von Shameik Moore hatte ich vor dem Film noch nie gehört, allerdings ist er als Miles großartig. Er spielt ihn mit einer solchen Offenheit, dass man gar nicht anders kann als ihn zu mögen. Und auch Jake Johnson ist toll als Parker, der weit vom Archetyp des weisen Lehrmeisters entfernt ist. Ein wenig selbstverliebt und von seinen unausgesprochenen Versagensängsten getrieben. Überhaupt liefern alle Sprecher hier das Bestmögliche ab. Kurz erwähnt sei nur noch die Besetzung von Tante May mit Lily Tomlin, die rückblickend so offensichtlich wirkt, dass man sich fragt, wie da noch vorher keiner drauf gekommen ist. Zur deutschen Snychro kann ich nichts sagen, wenn ich allerdings lese, dass der Kingpin mit einem „Youtubestar“ besetzt ist, schrillt zumindest mein Spinnensinn.

Wie erwähnt, ist ‚A New Universe‘ mein liebster ‚Spider-Man‘ Film. Und vermutlich einer der besten Superheldenfilme der letzten Jahre und ein völlig berechtigter Oscar-Gewinner. Er hat sogar etwas geschafft, was keinem Film aus diesem Genre gelungen ist: ich würde gern wieder einen Spider-Man Comic lesen. Falls jemand Vorschläge für aktuellere Storybögen hat, die inhaltlich und qualitativ an den Film herankommen hat, gerne in die Kommentare damit.

PS: oh wow, ich habe nichts zur Musik gesagt. Sie ist hervorragend gewählt, teilweise clever in die Handlung integriert und „What’s up Danger“ ist ein Brett!

Kurz und schmerzlos 19: ‚An Island‘ (2018) und ‚Scrambled‘ (2018)

Weiter geht es mit Kurzfilmen, nach dem Halloween-Special sind wir heute aber weit von Horror entfernt. Unsere heutigen beiden Filme haben einiges gemeinsam und könnten doch kaum unterschiedlicher sein. Beide sind sehr schöne Animationsfilme und beide kommen vollständig ohne Dialoge aus. Und in beiden geht es um eine Art von Streben. Die Unterschiede liegen vor allem in der Bandbreite dessen, was sie abbilden wollen.

‚An Island‘

In ‚An Island‘ des Iren Rory Byrne geht es um die Überwindung von Trauer, symbolisiert durch die steilen Klippen „einer Insel“. Ein Mann macht sich daran sie zu ersteigen, was bald zu einer Art Visionssuche wird.

‚Scrambled‘

Der Ansatz von ‚Scrambled‘, der bei den Niederländern von Polder Animation unter Regie von Bastiaan Schravendeel entstanden ist, fällt deutlich kleiner aus. Es ist eine alltägliche Situation: eine junge Frau verpasst spät abends ihre Bahn und ein fortgeworfener Rubiks-Würfel setzt alles daran von ihr gelöst zu werden. Okay, so alltäglich ist das vielleicht doch nicht. Der Film ist in seinen Themen um analoges vs. digitales Spielen und Denken nicht zu aufdringlich und ist, trotz seiner fantastischen Prämisse mehr daran interessiert einen momentausschnitt eines gewöhnlichen Ereignisses zu zeigen. Besonders beachtenswert, mit wie wenig Animation es gelingt den Würfel zu einem sympathischen „Charakter“ zu machen.