Streiflichter Nummer 2: Teufelshäuser, Spukhotels und Sektendörfer

Ti West Woche bei der Filmlichtung! Nach ‚In a Valley of Violence‘ werfe ich heute bei den Streiflichtern einen Blick auf sein ‚The House of the Devil‘, ‚The Innkeepers‘ und ‚The Sacrament‘

 

‚The House of the Devil‘ (2009)

Anfang der 80er Jahre möchte College Studentin Samantha (Jocelin Donahue) nichts lieber als eine eigene Wohnung. Eine Gelegenheit ergibt sich, doch braucht sie dafür schnell Geld für die erste Wochenmiete, so nimmt sie einen Babysitter-Job in einem abgelegenen Haus an. Sehr zum Unmut ihrer Freundin Megan (Greta Gerwig), hat doch Mr. Ulman (Tom Noonan), der Anbieter des Jobs, sie bereits mehrfach angelogen. Als sich dann noch herausstellt, dass es nicht um ein Kind, sondern eine alte Frau geht, die es zu hüten gilt, versucht sie alles, um Samantha davon abzubringen eine Nacht in dem Haus zu verbringen – ohne Erfolg.

West gelingt es hier auf ideale Weise den Geist der frühen 80er einzufangen. Nicht durch Abspulen irgendwelcher bekannten Klischees, sondern durch den Einsatz zeitgenössischer Techniken und dem Filmen auf 16mm Film mit wunderbar grobem Filmkorn. Freeze Frames, Zooms und schicke Opening Credits, all das nutzt er exakt so, wie es eine Produktion der späten 70er/frühen 80er auch getan hätte. Er erschafft so eine liebevolle Hommage, ohne sich in Nostalgie zu verlieren. Die Handlung ist äußerst elegant designt, in bester Hitchcock Manier gibt uns West schnell mehr Information an die Hand, als die Charaktere im Film besitzen und nutzt dies, um die Spannungsschrauben langsam aber sicher anzuziehen, bis der Film in einem explosiven, äußerst fiesen Finale gipfelt. Seine jungen Protagonistinnen (Gerwig ist übrigens großartig, in diesem Film) stellt er Genre-Veteranen des 80er Jahre Films, wie Noonan, Mary Woronov (‚Der Komet‘, ‚Chopping Mall‘ und so ziemlich alles von Roger Corman) und Dee Wallace (‚E.T.‘, ‚Critters‘) gegenüber. Wests bester Film, gefällt Euch der nicht könnt ihr vermutlich hier aufhören.

 

‚The Innkeepers‘ (2011)

Das heruntergekommene „Yankee Pedlar Inn“ Hotel, soll nach langer, früher mal glanzvoller Geschichte, geschlossen werden. An seinem letzten Wochenende sind nur noch eine Handvoll Gäste anwesend, darunter ein mysteriöser, alter Mann (George Riddle) und eine ehemalige Schauspielerin, die jetzt als Esoterikerin ihr Geld verdient (Kelly McGillis). Das einzige Personal sind die schreckhafte, junge Asthmatikerin Claire (Sarah Paxton) und Luke (Pat Healy), ein Uni-Abbrecher und Hobby-Geisterjäger. In den letzten Nächten des Hotels scheint sich der Geist einer versetzten Braut aus dem 19. Jahrhundert Gehör verschaffen zu wollen.

‚The Innkeepers‘ ist ein merkwürdiger Film. Zur einen Hälfte ist er „Mumblecore“ Indie-Komödie und funktioniert als solche recht gut, die Chemie zwischen Claire und Luke passt perfekt, sie leben ihre Langeweile und Frustration sehr schön aus, die Nebencharaktere erleben wir auf einer Hierarchie zwischen tragisch und komisch. zur anderen Hälfte will er ein gruseliger Geisterfilm sein und besitzt hier einige wirklich effektive Szenen, vor allem eine Traumsequenz hat mir sehr gefallen. Doch durch die Linse der selbstironischen, etwas distanzierten Komödie verlieren die gruseligen Szenen einen Großteil ihrer Kraft. Ich muss zugeben, dass ich bei dem Film immer ein wenig das Gefühl habe etwas zu verpassen und hatte gehofft es diesmal, wenn ich Wests Filme eng aufeinanderfolgend schaue, es vielleicht endlich verstehen würde aber leider funktioniert der Film als Ganzes für mich immer noch nicht. Der Film beginnt damit, dass Luke Claire mit einem dieser, vor ein paar Jahren so beliebten „Screamer“ Videos, wo in einem stillen Standbild plötzlich ein schreiendes Monster auftaucht, hereinlegt. Ganz so als wolle der Film sagen „genau das werde ich nicht machen“. Was er aber stattdessen macht funktioniert leider nicht viel besser. Als Komödie nicht ganz rund und als Geisterfilm funktioniert er nicht wirklich, ‚The Innkeepers‘ landet leider zwischen den Stühlen.

 

‚The Sacrament‘ (2014)

Als die Schwester von Fotograf Patrick mit einer dubiosen Sekte in eine angeblich utopische Kommune namens „Eden Parish“ zieht, wendet er sich an seinen Kumpel Sam (A.J. Bowen), einen Reporter für die News Seite „Vice“ (Vice hat in der Realität auch diesen Film produziert). Patrick, Sam und Kameramann Jake wollen gemeinsam nach Eden Parish reisen, um einerseits mit Patricks Schwester zu sprechen, andererseits eine Dokumentation für die Webseite über die Kommune zu drehen. Die stellt sich anfangs tatsächlich als friedliches, freundliches Dorf ohne Gewalt, Verbrechen oder Drogen heraus. Selbst der mysteriöse „Father“ (Gene Jones) erklärt sich bereit ein Interview zu geben und ist so gar nicht was man erwarten sollte. Doch stellt sich schnell die Frage, ob wirklich alles so paradiesisch ist, wie es scheint und ob die bewaffneten Wachen wirklich nur vor Gefahren von außen schützen sollen.

Wenn man weiß, dass der Film lose auf den Geschehnissen in der Sektenkommune „Jonestown“ in den 70er Jahren basiert, ahnt man, dass all das kein gutes Ende nehmen kann. Ich war zuerst nicht begeistert, als ich gehört habe, dass West einen „Found Footage“ Film, der sich bei einer realen Tragödie bedient, dreht. Die Darstellung von religiösen Sekten ist im Film oftmals zu platt, um wirklich glaubhaft zu sein. Aber genau hier kann ‚The Sacrament‘ punkten. Die Szene, die den ganzen Film erheblich aufwertet, ist das Interview mit dem „Father“. Der klingt hier so vernünftig, so mitfühlend und so authentisch, dass man, wie die Reporter im Film, fast gewillt ist ihm zu glauben. Gene Jones, bisher nur als Nebendarsteller für sehr kleine Rollen bekannt, unterfüttert das einerseits mit ungeheurem Charisma, schafft es aber gleichzeitig deutlich zu machen, dass da irgendetwas nicht ganz stimmt, mit diesem Mann, der so schön redet. Das Finale, dass sich dann, wie in der Realität in Mord und Massenselbstmord entlädt ist treffend dramatisch in Szene gesetzt und West gelingt es sogar ein paar kreative Ideen aus dem abgenutzten „Found Footage“ Genre zu ziehen, doch ist diese eine Szene die Achse, die alles festhält und um die sich alles dreht. Wer von Thema oder „Found Footage“ Form nicht abgeschreckt wird, findet hier einen gelungenen Film mit einer herausragenden Schauspielleistung.

Gestern Gesehen: ‚In a Valley of Violence‘ (2016)

„Did I hit’cha?“

„NO!“

Ti West ist ein Regisseur, den ich zutiefst schätze, bei dem ich andererseits aber jedes Verständnis habe, wenn jemand mit ihm überhaupt nichts anfangen kann. War er bislang im Horror-Genre zuhause, sowohl als Regisseur (‚House of the Devil‘, ‚The Sacrament‘) als auch als Schauspieler (Tariq in ‚You’re Next‘) hat er sich für seinen neuesten Film an seinem Nachnamen orientiert und einen Western gemacht. Kann sein methodischer, eher langsam siedender Stil, der schon im Horror oft abschreckend wirkt, im Western funktionieren?

Die Geschichte liest sich geradezu stereotyp „Western“: ein schweigsamer Fremder (Ethan Hawke), der sich nur Paul nennt kommt, auf dem Weg nach Mexiko, in das texanische Wüsten-Kaff Denton, begleitet nur von seinem Hund Abbie (wer ist ein guter Hund? Abbie ist ein guter Hund!). Hier legt sich Störenfried Gilly (James Ransone) sofort mit ihm an und wird prompt von ihm verprügelt. Dummerweise ist Gilly der Sohn des örtlichen Marshalls (John Travolta) und so muss Paul den Ort eiligst verlassen. Doch Gilly und Kumpane folgen ihm heimlich, ermorden nachts Abbie und werfen Paul von einer Klippe. Der überlebt und kennt nur noch ein Ziel: Rache.

Der aktuelle Western ist zwar nicht oft im Fokus des Mainstream, allerdings ist er durchaus gut besetzt. Wenn ich überhaupt etwas zu kritisieren hätte, dann dass er sich oftmals sehr, sehr ernst nimmt. Das ist an und für sich nichts Schlechtes, doch ist der aktuelle amerikanische Western sehr am Italo-Western der 60er und 70er orientiert, sprich düster, dreckig und brutal. Dabei geht allerdings das Augenzwinkern verloren, mit dem die Europäer das Genre, bei aller Liebe, immer betrachtet haben. ‚In a Valley of Violence‘ besitzt diese leicht ironische Qualität und wie die besten Italo-Western schafft er es sie in einer dennoch zutiefst dramatischen Handlung unterzubringen. Erst durch das Reduzieren auf ein genretypisches Skelett eines Plots, gelingt es West das Ganze mit absurdem Humor anzureichern und eben mit Augenzwinkern auf die typischen Klischees des Westerns zu blicken. Tatsächlich spielt seine typische, erzählerische Entschleunigung auch hier ganz gezielt mit hinein und die westerntypischen Schießereien setzen erst recht spät im Film ein.

Hawkes Charakter spielt eine zutiefst klischeehafte Rolle die er aber erstaunlich unklischeehaft anlegt und spielt. In der Szene des nächtlichen Überfalls auf sein Lager, erleben wir keinen typischen Westernhelden, sondern einen verängstigten Mann, der sich so hilflos verhält, wie es vermutlich die meisten von uns tun würden. Das gibt seinem späteren Auftritt als Mann, der der Gewalt abgeschworen hat, durch die Umstände allerdings zurück in die Rolle des Mörders gedrängt wird, einen durchaus gewollten, absurden Anstrich. Er wird zu einem verzerrten Spiegelbild von Gilly, der nur das Leben durch Gewalt kennt. Verdeutlicht wird das noch durch ein Geschwisterpaar (Taissa Farmiga und Karen Gillan), von dem sich eine Schwester zu Paul, die andere zu Gilly hingezogen fühlt. Viel mehr als das bekommen Gillan und Farmiga übrigens leider nicht zu tun. Die beste Leistung im Film liefert allerdings fraglos John Travolta als alternder Kleinstadt-Patriarch ab, der weiß, dass der Konflikt mit Paul das Schlimmste ist was ihm passieren kann. Er wird vom offensichtlichen Schurken beinahe zur tragischen Figur, die von familiärer Pflicht zu ihrem Handeln gezwungen wird. Und, da auch ein guter Hundeschauspieler nicht unerwähnt bleiben soll, muss ich natürlich Jumpy als Abbie erwähnen, für mich die beste Hunderolle seit ‚The Artist‘. Wuff!

Weit weniger gut gefällt mir leider die Ausstattung des Films. Das Kaff, in dem der Hauptteil der Handlung spielt, scheint ungefähr 5 Einwohner zu haben, die auch nur sehr selten auf die Straße gehen. Statisten sind Mangelware. Die Stadt selbst wirkt auch etwas steril, als hätte man eine bestehende Westernstadt übernommen wie sie ist ohne eigene, den Charakteren angemessene Ausstattung hinzuzufügen. Auch fehlen mir ein wenig Staub und Dreck, die in der Wüste fernab aller Zivilisation doch die ständigen Begleiter sein müssten. Gelegentlich wirkt es fast, als wäre nachdem man Hawke und Travolta an Bord geholt hat das Geld ein wenig knapp geworden. Da es sich um eine Blumhouse Produktion handelt und Jason Blum für seine sehr günstigen aber guten-hervorragenden Produktionen bekannt ist würde es mich nicht wirklich wundern.

Ein anderer eher mäßiger Punkt ist die Musik. Jeff Graces Score wirkt immer wieder so als würde er sich im nächsten Moment in eine Hommage an Ennio Morricones außergewöhnlichere Soundtracks verwandeln, biegt im letzten Moment aber immer wieder auf vermeintlich sicherere Pfade ab und bleibt so sehr blass. Keinesfalls schlecht aber man hat immer das Gefühl, er wäre fast zu etwas Besserem geworden.

‚In a Valley of Violence‘ reiht sich problemlos ein, in die Riege gelungener Neo-Western. Ich würde ihn etwas unterhalb von Werken, wie den hervorragenden ‚Slow West‘ oder ‚Bone Tomahawk‘ einordnen aber deutlich über einem Film wie ‚The Homesman‘. Für jeden Western-Fan absolut sehenswert, für Ti West Fans eh Pflichtprogramm. Wer mit Western gar nicht anfangen kann wird von diesem hier aber sicher nicht bekehrt werden.