‚Free Fire‘ (2017) – „Bdam Bdam Vrrrrrt Twoiiiink Ptui Ptui Tink Tink Tink“

Alles begann damit, dass Regisseur Ben Wheatley das Protokoll einer Schießerei zwischen FBI-Beamten und einer Gruppe Gangster las. Was er da las lief absolut gegen jede Regel der Kinoschießerei. Unübersichtlich, chaotisch, Haufenweise nichttödliche Treffer und dann dauerte es auch noch ewig lang. Wheatley, der in seinen Filmen (‚Kill List‘, ‚Sightseers‘, ‚High-Rise‘) gern die Eskalation von Anfang an zum Scheitern verurteilter Situationen zeigt hatte das Thema für seinen neuen Film gefunden.

Chris (Cillian Murphy) und Frank (Michael Smiley), zwei irische Gangster (oder möglicherweise IRA Mitglieder) kommen irgendwann in den 70er zu einer abgelegenen, leer stehenden Fabrikhalle irgendwo in den USA, um von Waffenschieber Vern (Sharlto Copley) eine Ladung Gewehre zu kaufen. Justine (Brie Larson) und Ord (Armie Hammer) fungieren als Mittelsleute. Als der Deal, trotz hin- und hergeworfener Beleidigungen beinahe abgeschlossen ist, erkennt einer von Verns Leuten in einem der Gefolgsleute der Iren den Mann der am Tag zuvor seine Cousine misshandelt hat. Es kommt zum Streit, der wird gewalttätig, bald sind Schusswaffen im Spiel und ein langwieriges Feuergefecht beginnt.

Um eines klar zu machen im letzten Absatz habe ich gut 20 Minuten der Handlung des Films zusammengefasst. Darauf folgt eine mehr als einstündige Schießerei. Der Reiz des Films liegt aber darin, was Wheatley daraus macht. Während Filme wie ‚John Wick‘ den Weg einer Ballettartigen Inszenierung und einer Ästhetisierung der Gewalt gehen, macht Wheatley aus seinem Geballer ein Theater des Absurden. Die gesamte Situation ist absurd, getrieben von Dummheit, Machismo und Gier aber jede Stimme, die sich erhebt, um dem Einhalt zu gebieten wird schnell in der bizarren Soundkulisse der Halle erstickt. Keiner der Charaktere ist mir als Zuschauer wirklich sympathisch und so wechselt mein Wohlwollen ebenso von Szene zu Szene wie die Zugehörigkeit einiger Charaktere zu ihren Gruppen. Dieses ganze schwarzhumorige Szenario als Slapstick zu bezeichnen wird der Sache nicht ganz gerecht, aufgrund des Mittels der Wahl des Geräts zur Gewaltausübung will ich es lieber als „Boomstick“ bezeichnen. Bei aller Absurdität sollte man allerdings keinen Film erwarten, der durchgehend lustig wäre. Gelegentlich neigt er durchaus auch recht finsteren Seiten, die fast schon Horrormomente erreichen zu.

Die Schauspieler sind, obwohl sie zumindest schauspielerisch nicht eben überfordert werden, in allerbester Spiellaune und mit sichtlicher Begeisterung bei der Sache. Wheatleys Stammspieler Michael Smiley ist der unberechenbare Frank auf den Leib geschrieben, beherrscht doch kaum ein anderer derart den fließenden Übergang zwischen lustig und erschreckend. Murphys, Copleys und Hammers Charaktere flirten anfangs allesamt mit Larsons, was aber nicht bedeutet, dass sie im weiteren Verlauf in irgendeiner Weise geschont würde oder dieser Schonung bedürfte. Sie sind zwar allesamt unsympathisch aber keiner in dem Maße, dass es abstoßend wirken würde. Eine Gratwanderung, die Drehbuchautorin Amy Jump für beinahe jeden Wheatley Film mit Bravour begeht.

Die eigentliche Kunst des Films liegt aber in seinem Schnitt. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die anfangs so übersichtlichen Fabrikhalle verändert, kaum dass sich kein Charakter mehr höher als 50 cm zu erheben traut. Sie wird zu einem unübersichtlichen und tödlichen Labyrinth aus Kisten, Fässern und zurückgelassenen Stahlträgern, versehen mit „Fallen“ aus zersplitterten Flaschen  und fortgeworfenen Drogenspritzen, wo überall ein schießwütiger Gegner lauern kann. Die genauen Positionen jedes Charakters und die benötigten Kameraeinstellungen hat Wheatley übrigens in einem Nachbau der Halle im Videospiel „Minecraft“ minutiös durchgeplant. Und das zahlt sich aus. Die Situation mag chaotisch sein, fühlt sich aber in jedem Moment völlig organisch an.

Über die Qualität des Sounddesigns habe ich mich ja schon mehrfach ausgelassen und wie alles andere wird es durch die absurd in die Länge gezogene Situation früher oder später gewollt cartoonhaft. Die Zoings und Boings querschlagender Kugeln vermischt mit dem sparsamen Einsatz von Musik, insbesondere der Einsatz von „This Old Guitar“ von John Denver wären in einem normalen Jahr, sprich einem ohne ‚Baby Driver‘, vermutlich preisverdächtig.

‚Free Fire‘ mag alles in allem nicht Wheatley bester Film sein aber es für mich definitiv der erste bei dem ich dachte, der war so unterhaltsam, den könnte ich direkt noch einmal schauen. Die „Mexican Standoff“ Szene aus ‚Reservoir Dogs‘ auf eine Stunde gestreckt klingt wie eine absolut absurde Prämisse und ist es auch aber Wheatley weiß diese Absurdität ideal zu nutzen.