‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ (2001)

Wie wir diesen Monat schon gesehen haben, tut Hayao Miyazaki äußerst ungern genau das, was man von ihm erwartet. Mit seiner absoluten Missachtung all dessen was der Markt (theoretisch) verlangt, könnte man ihn zu Recht als den japanischen anti-Disney bezeichnen. In jeder Hinsicht, außer was den Erfolg betrifft. Denn nach ‚Prinzessin Mononoke‘ war sein Name nicht nur in Japan ein Begriff, sondern weltweit. Da musste der angestrebte Ruhestand also noch ein paar Jahre warten. Da Pixarboss John Lasseter ein Miyazaki Fan war, hatte er Disney überzeugt die Vertriebsrechte auch für den nächsten Ghibli Film zu erwerben. Würde Miyazaki diesmal also das Erwartete tun und einen für Westler zugänglichen Film schaffen, der auch bei Disney niemandem wehtut? Die Überraschung ist, dass die Antwort ja lautet. Die Geschichte über ein junges Mädchen, das ihre verzauberten Eltern aus einer magischen Welt retten will, ist für jeden nachvollziehbar und nimmt sich in Disneys Lineup nicht einmal als Fremdkörper neben den Prinzessinnen-Filmen aus. Da ist es schon beinahe weniger überraschend, dass der Film daneben auch voll von shintoistischer Mythologie ist und seine Konsum-/Kapitalismuskritik nicht als Subtext bringt, sondern quasi mit dem Megaphon herausschreit. Miyazakis kreativer Geist ist unbändig wie eh und je.

Die 10jährige Chihiro muss mit ihren Eltern in eine neue Stadt ziehen. Das gefällt ihr gar nicht. Auf dem Weg verfahren sie sich und landen an einem Ort, den Chihiros Vater für einen verlassenen Vergnügungspark hält. In einem Restaurant entdecken sie frisch zubereitetes Essen, auf das sich die Eltern sofort stürzen. Chihiro hat Angst davor und schaut sich weiter um. Zu Recht, wie sich herausstellt, als sie ihre Eltern in Schweine verwandelt findet. In der hereinbrechenden Dämmerung wird der Ort immer unheimlicher und seltsame Wesen erscheinen. Hilfsbereit scheint einzig der junge Haku, der Chihiro erklärt sie sei bei dem Badehaus der Hexe Yubaba gelandet, das die Millionen Götter und Kami des Shinto bedient. Der einzige Weg als ein Mensch wie sie hier geduldet, wenn auch nicht geschätzt zu werden, sei wenn sie für Yubaba arbeite. Nach einigem Bitten gibt Yubaba ihr einen erniedrigenden Job, nimmt ihr dafür jedoch ihren Namen und nennt sie „Sen“ (übers. „1000“). Mit ihrem Namen drohen aber auch Chihiros Erinnerungen zu verblassen. Wie kann sie sich selbst und ihre Eltern befreien? Vor allem als sich Haku auch noch als die rechte Hand der Hexe herausstellt?

Ein Element gibt es, das alle bisherigen Miyazaki Geschichten diesen Monat gemein hatten und das auch hier auftaucht. Habt Ihr bis hierhin regelmäßig mitgelesen, könnt Ihr es mit mir gemeinsam sagen: Chihiro zieht am Anfang des Films vom Ort ihrer Kindheit um. Doch war dies in vielen bisherigen Geschichten (vor allem ‚Kiki‘) zumindest anfangs ein Moment der Befreiung, ist es für Chihiro hier ganz furchtbar. Sie betrachtet den Verlust ihrer Freunde als einen Verlust eines Teils ihrer Persönlichkeit. Die Geschichte treibt diese Idee dann weiter ins Fantastische, indem sie ihr zunächst die Eltern und dann gar ihren Namen nimmt. ‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ wird so eine Reise in die Unterwelt, in der die alte Chihiro endet und eine neue Chihiro ihr entsteigt. Symbolisiert durch einen langen dunklen Tunnel, durch den der „Vergnügungspark“ betreten und verlassen wird.

Und eine Unterwelt braucht fast immer auch einen bösen Herrscher. Bislang verzichteten Miyazakis Geschichten auf echte Schurken, doch ist Yubaba schwer anders zu beschreiben. Sie ist herrschsüchtig, grausam, hinterhältig und über allem anderen gierig. Die spirituelle Welt der Götter sieht sich im Badehaus mit dem Verlangen nach harter Münze oder besser noch Gold konfrontiert. Doch hortet Yubaba nicht nur Schätze, auch die Namen ihrer Arbeiter reißt sie sich, im wahrsten Sinne des Wortes, unter den Nagel. Chihiros Namen tauscht sie gegen eine Nummer, ein grausamer Akt der Entmenschlichung. Auch wenn „Sen“ nebenbei natürlich an „San“ aus ‚Mononoke‘ erinnert. Selbst die kleinen Rußmännlein aus ‚Totoro‘ haben hier einen knallharten Job als Kohleträger für den vielarmigen Heizer des Badehauses Kamaji. Yubaba bleibt bis zum Schluss eine hinterhältige Widersacherin, die auch nicht gestürzt oder geläutert wird. Doch ganz schlecht kann Miyazaki auch sie nicht machen. Die Liebe zu ihrem Riesenbaby (oh, ich habe auch Fragen, aber die beantwortet der Film nicht…) sorgt dafür, dass sie nicht gänzlich monströs erscheint und auch ihre Zwillingsschwester lässt durchblicken, dass sie nicht gänzlich ohne Qualitäten ist.

„Ohne Qualitäten“ ist eine gute Überleitung zum wohl faszinierendsten Wesen des Films: dem „Ohngesicht“. Ein schwarzer Blob mit merkwürdiger Maske, der sich von Chihiro angezogen fühlt. Es verfolgt sie in das Badehaus, wo es sich den dortigen Gepflogenheiten anpasst. Es bezahlt mit „Gold“, dass es aus nichts schafft und konsumiert. Zunächst wird es daher von den Arbeitern und vor allem Yubaba ob seiner Freigebigkeit gefeiert, doch bald wird es zur grausamen Karikatur, die mit Gold um sich schmeißt und alles (und jeden) konsumiert, der ihm in den Weg kommt. Ein merkwürdiges Wesen ohne Gesicht oder Eigenschaften, dass durch die Sitten des Badehauses in ein Monster verwandelt wird. Das erinnert natürlich an den göttlichen Keiler aus ‚Mononoke‘, der durch menschliches Handeln zum Dämon wird.

Auch das Umweltthema spricht Miyazaki hier wieder an, wenn auch mehr am Rand. Wenn ein scheinbarer Faulgott, der stinkt und alles verdreckt, durch Chihiro als vollkommen verschmutzter Flussgott erkannt wird und mit gemeinsamen Kräften von seiner Verschmutzung befreit wird. Die in ‚Mononoke‘ völlig abwesende Fliegerei wird hier durch Hakus tatsächliche Form eines Drachens besorgt. Die Szenen mit diesem Drachen enthalten auch die einzigen und im Gegensatz zu ‚Mononoke‘ wieder erheblich zurückgefahrene, blutigen Momente des Films.

Erinnerten in ‚Prinzessin Mononoke‘ vor allem die Landschaften oft an sanfte Tuschezeichnungen, arbeitet ‚Chihiro‘ mit einem härteren Strich in der Darstellung. Dieser wird genutzt um sich in Figurendesigns wahrhaft auszutoben. Allein Yubaba, ihre drei Dienerköpfe und ihr Riesenbaby sind wunderbar grotesk, doch was bei Arbeitern und Gästen des Badehauses hier an visueller Kreativität aufgefahren wird, lässt tatsächlich alle bisherigen Miyazakifilme alt aussehen. Gelegentlich kann man sich vielleicht beklagen, der Film würde zu viel Computertechnologie einsetzen, allerdings finde ich die meist passend in die Handlung und die visuelle Gesamtheit des Films eingefügt, so dass ich damit hier kein großes Problem habe.

Für die Musik zeichnet, natürlich, Joe Hisaishi verantwortlich. Und er unterlegt die Atmosphäre erneut perfekt. Sentimentale Piano-Melodien, triumphale und manchmal gruselige Orchesterpassagen, die dennoch immer mit erkennbaren instrumentalen Nuancen arbeiten. Er hat aber auch kein Problem damit die alberneren Momente des Films mit entsprechender Musik zu unterlegen. Und das Hauptthema ist diesmal, anders als beim orchestralen ‚Mononoke‘ ein erstaunlich simples, aber noch erstaunlicher effektives Klavierstück.

Natürlich wurde auch dieser Film wieder ein Erfolg. Und was für einer. Kritiker und Publikum waren begeistert und dann gewann der Film sogar den wichtigsten Filmpreis der Welt. Als erster und bislang einziger nicht englischsprachiger Film, gewann ‚Spirited Away‘ 2003 den Oscar als bester animierter Spielfilm. Nur war Hayao Miyazaki nicht da, um den Preis entgegenzunehmen. Angeblich weil er zu beschäftigt mit seinem nächsten Film war. Gerüchte besagten aber, es war sein Protest gegen die Kriegspolitik der USA. Es sollte bis 2009 dauern, bis Miyazaki diese Gerüchte in einem Interview mit der LA Times bestätigte: „Ich war damals nicht bei den Academy Awards, weil ich kein Land besuchen wollte, dass den Irak bombardiert. Damals hat mir mein Produzent verboten das so offen zu sagen, aber heute sehe ich ihn hier nicht. In der Sache stimmt mein Produzent übrigens mit mir überein.“

‚Chihiros Reise ins Zauberland‘ ist ein verdienter Oscar-Gewinner. Ein rundum gelungener Zeichentrickfilm, der in Zeiten aufkommender Computeranimation zeigte, dass es auch anders geht. Eine tiefgehende Geschichte mit vor Kreativität überbordender visueller Gestaltung. Er gehört nicht zu meinen persönlichen Favoriten unter Miyazakis Filmen, doch das hat mehr mit persönlichem Geschmack als der Qualität des Films zu tun und ich kann jeden verstehen, der das völlig anders sieht.

Miyazaki hat nicht nur ein Problem mit dem Irakkrieg, er hat ein Problem mit Krieg an sich, wie wir in vergangen Filmen schon immer wieder einmal sehen konnten. Doch nächste Woche werden wir darauf genauer eingehen müssen, in seinem vielleicht umstrittensten Film ‚Wie der Wind sich hebt‘. Ich hoffe, ich sehe Euch dort!