‚Dark City‘ (1998)

Was war da los, im Hollywood der späten 90er, das zu einer solchen Vielzahl an Filmen geführt hat, die mit der gnostischen Idee einer gefälschten, imperfekten Realität spielen, die die größere Wahrheit verbirgt? ‚Dark City‘, ‚Truman Show‘, ‚Matrix‘ oder ‚The 13th Floor‘. War es die viel beschworene Millenniumsangst? Eine plötzliche Suche nach Sinn oder gar Gott, ohne das Wort auszusprechen? Man kann vermutlich eine gerade Linie von diesen Filmen zu den post-Millenniumsfilmen ziehen, die sich damit beschäftigten, dass wir unseren Erinnerungen nicht trauen können. ‚Memento‘ oder ‚Eternal Sunshine Of The Spotless Mind‘. War vielleicht beides ein Erkennen von und eine Warnung vor der Informationsmacht des Internet, der wir nicht gewachsen sind und die unsere Gesellschaft und gar unsere Realität zu fragmentieren droht? Das sind spannende Fragen, um die ich nicht umhin kann, wenn ich einen dieser Filme heute schaue. Eine Antwort auf sie habe ich aber offensichtlich auch nicht.

‚Dark City‘ war in mehrfacher Hinsicht ein Wegbereiter für die Matrix. Alex Proyas ist mit dem Skript schon seit Jahren hausieren gegangen und wurde informiert, es sei schlicht nicht verfilmbar. Nachdem er mit ‚The Crow‘ einen ordentlichen Hit abgeliefert hatte, witterte er seine womöglich einzige Chance. Ließ die Autoren Lem Dobbs und David Goyer sein Skript verfeinern und überzeugte schließlich New Line Cinema ihm 27 Millionen Dollar zu finanzieren. Doch wurde man dort sehr schnell unsicher, was den Film betraf. Proyas musste einen Prolog einfügen, der im Voice-over die große Wendung des Films direkt einmal vorweg nahm (der 2008 veröffentlichte Directors Cut entfernt diesen Prolog und wird allein dadurch zur bevorzugten Version). Daher bin ich hier auch mit Spoilern nicht allzu vorsichtig. Und auch im Marketing wusste man sich nicht wirklich zu helfen. Konzentrierte sich auf die wenigen Horror-Aspekte des Films. Hier konnte Warner sich direkt abgucken, wie man es besser machen konnte. Mal ganz davon ab, dass man für einige Szenen in der Matrix die aufwändigen, düsteren Bauten für ‚Dark City‘ wiederverwenden würde.

Der wilde Genre-Mix des Films macht für mich allerdings gerade seine große Faszination aus. Film Noir, deutscher Expressionismus, Gothic Horror, Serienkiller Thriller und Science Fiction geben sich hier die düstere (und vermutlich schmierige) Klinke in die Hand. Und damit berührt der Film eine Menge meiner liebsten Genres. Er präsentiert sich in oft beinahe monochromatischen Bildern, deren Düsternis gelegentliche Schwächen von CGI und Miniaturen elegant überspielen und sich vor allem hochatmosphärisch geben. Es gab in den 90ern nicht viel vergleichbares, höchstens die frühen Filme von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro, ‚Delicatessen‘ und ‚Stadt der verlorenen Kinder‘. Aber kommen wir erst einmal zur Handlung.

John Murdoch (Rufus Sewell) wacht ohne Erinnerung in einer Badewanne auf. Außer ihm befindet sich in seinem Hotelzimmer nur die grausig zugerichtete Leiche einer Frau. Während der verwirrte Murdoch in die Nacht flüchtet, macht sich eine ganze Reihe von Leuten auf die Suche nach ihm. Da ist seine besorgte Ehefrau, Nachtclubsängerin Emma (Jennifer Connelly). Und natürlich Inspektor Bumstead (William Hurt), der Murdoch mit einer ganzen Serie von Morden in Verbindung bringt. Am wichtigsten aber vielleicht der seltsame Dr. Schreber (Kiefer Sutherland), der Murdoch im Auftrag der geheimnisvollen „Fremden“ sucht, gleichzeitig aber ganz eigene Pläne verfolgt. Murdoch indessen ergründet die Geheimnisse der Stadt, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint und in der nie die Sonne scheint. Alle ihre Bewohner, so merkt er bald, sind Teil eines grotesken Experiments der Fremden. Eines Experiments, das er womöglich entscheidend beeinflussen kann.

Die eigentliche Story ist es vielleicht nicht unbedingt, die den Film voranbringt. Es gibt Elemente, die sehr gut funktionieren. Die anfängliche Frage, ob Murdoch nun ein (Serien-)Mörder ist oder nicht, oder das Geheimnis um den Küstenort Shell Beach. Aber allzu oft sitzen sich hier Charaktere gegenüber und erklären einander die Handlung noch einmal. Das bremst den Film gelegentlich aus, wobei aber erwähnt werden muss, dass es nie auch nur annähernd so schlimm wird wie in den Matrix Sequels.

Es ist die Atmosphäre, die den Film trägt. Die gigantischen, dräuenden Gebäude, in deren oberen Stockwerken niemand zu wohnen scheint, die unterdrückend wirken, ohne dass es dort oben einen Unterdrücker gäbe. Unterstützt von Trevor Jones Musik, die in ihren wilden Crescendos einerseits der dargestellten Zeit der 1940er angemessen wirkt, andererseits teilweise selbst bedrückend wirken kann. Und manchmal vielleicht ein wenig aufdringlich. Die eigentlichen Unterdrücker finden sich unter der Erde und zwischen den Wänden, über die sie die vollständige Kontrolle haben. Die Fremden bedienen sich toter Menschen als Wirte und tauschen die Erinnerungen der Menschen der Stadt nach Belieben aus und verändern die Umgebung, so dass sie zu den neuen Umständen passt. Alles in der Hoffnung, die menschliche Seele zu ergründen. Irgendwo zwischen ‚Nosferatus‘ Graf Orlok, den Cenobiten aus ‚Hellraiser‘ und den Grauen Herren aus ‚Momo‘ sind sie gleichsam Kerkermeister und Experimentatoren.

Aus ihrer weitgehend gleichförmigen Masse stechen einige heraus. Mr. Book (Ian Richardson), der Anführer, Mr. Hand (Richard O’Brian), der später im Film zu einem düsteren Zerrbild von Murdoch wird, oder der kindliche, sadistische Mr. Sleep. Sie geben faszinierende Bösewichte ab. Unterstützt von Kiefer Sutherland, dessen Dr. Schreber mit seinen Manierismen und seiner zögerlichen Sprache wie ein zum Gehorsam gebrochener Handlanger wirkt. Schauspielerisch glänzt jedoch vor allem Rufus Sewell. Er schafft die Gratwanderung eines Charakters, von dem wir einerseits glauben, er könnte ein Serienmörder sein, andererseits hoffen, dass er es nicht ist. Bumstead und Emma bleiben leider ein wenig blass (auch hier schafft der Directors Cut ein wenig Abhilfe).

Letztendlich ist es aber vermutlich die Düsternis des Films, die ihn einerseits interessant macht, aber andererseits auch den großen Erfolg verhindert hat. Und damit meine ich nicht nur die Düsternis der Bilder, sondern auch letztlich der Geschichte. ‚Matrix‘ und ‚Dark City‘ fußen beide auf Platons Höhlengleichnis. Wenn Neo am Ende von Matrix aber Superman-gleich in den Himmel stürmt, dann zweifeln wir nicht daran, dass er die Menschen aus der Höhle herausführen wird. Doch in ‚Dark City‘ ist die Außenwelt nur eine weitere Lüge. Das Einzige was Murdoch als allmächtiger Kerkermeister tun kann, ist das Gefängnis ein wenig größer zu machen und das Licht anzuschalten.

Ich gebe zu, es ist ein wenig seltsam, dass ich, nachdem ich selbst nun große Teile des Films verraten habe zum Directors Cut rate, weil der genau das nicht tut. Er ist keine gigantische Verbesserung, füllt aber ein paar Figuren besser aus und lässt Jennifer Connelly mit ihrer eigenen Stimme singen, entfernt vor allem den furchtbaren, überflüssigen Prolog und allein dafür verdient er die bevorzugte Version zu sein.

Aber letztlich ist es egal in welcher Version Ihr ihn schaut, ich empfehle ihn so oder so. Sowohl als Teil jener „falsche Realität“ Welle der späten 90er, als vor allem auch als gelungene Genre-Melange, die man so nicht oft zu sehen bekommt. Und in jedem Fall als Alex Proyas besten Film.