‚Ein Gauner & Gentleman‘ (2018)

Wer regelmäßig dieses Blog liest, wird bemerkt haben, dass mir sowohl David Lowerys ‚A Ghost Story‘, als auch Robert Redford in ‚All Is Lost‘ sehr gut gefallen haben. Da ist es natürlich nur folgerichtig, dass ich ihren gemeinsamen Film ‚Ein Gauner & Gentleman‘ auch schaue. Insbesondere, weil es wohl tatsächlich Redfords letzter Film zu sein scheint. Die Geschichte basiert lose auf dem Artikel „The Old Man & The Gun“ von David Gran aus dem Magazin New Yorker. Der Artikel beschreibt das Leben von Bankräuber und Serienausbrecher Forrest Tucker. Lowery hat zwar den Namen für den Originaltitel seines Films direkt übernommen, präsentiert jedoch eine weitgehend fiktionalisierte Version der Geschichte. Kommt dabei ein würdiger letzter Auftritt für Robert Redford herum?

Der 1981 hoch in die Jahre gekommene Bankräuber Forrest Tucker (Redford) geht bei seinen Überfällen fast immer gleich vor: er erklärt einen Bankangestellten oder dem Manager, dass es sich um einen Überfall handelt, zeigt, mehr oder weniger deutlich, dass er eine Waffe in seinem Jackett hat und agiert  dabei so höflich und beinahe fröhlich, dass die meisten Umstehenden nicht einmal bemerken, was gerade passiert. Als er nach einem solchen Überfall einmal vor der Polizei flieht, hilft er der ebenfalls älteren Jewel (Sissy Spacek) bei einer Panne mit ihrem Pick-Up. Zum einen, weil er ein Gentleman ist, zum anderen, weil es eine gute Tarnung ist. Für den Wagen kann er zwar wenig tun, allerdings entwickelt sich zwischen Jewel und ihm eine Beziehung, in der er mal lügt, er sei ein Verkäufer, oder so augenzwinkernd erzählt was er tatsächlich tut, dass es unglaubwürdig wird.

Die Beute aus den Überfällen von Tucker und seinen Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) ist stets klein genug, dass die Meldungen darüber fast nie über amüsierte Lokalnachrichten über altersschwache Räuber hinauskommen. Erst als der frustrierte Polizist John Tucker (Casey Affleck) bei einem solchen Überfall anwesend ist, beginnt er Zusammenhänge zu sehen und bringt den 16fachen Ausbrecher Tucker mit über 80 Überfällen in Verbindung. In seiner Jagd nach der „Over-The-Hill-Gang“ findet er neue Motivation und auch Tucker genießt es, einen echten Herausforderer zu haben.

Man sagt häufig über Filme, sie würden eine gewisse Zeitperiode sehr gut einfangen. Meistens weil sie Mode, Technologie und vor allem Musik der jeweiligen Zeit überzeugend wiedergeben. ‚Ein Gauner & Gentleman‘ tut all das. Doch könnte man bei dem Film tatsächlich glauben er stamme aus 1981. Wenn die bekannten Darsteller nicht viel zu alt wären. Lowery drehte seinen Film nicht nur auf wunderbar grobkörnigem 16mm Film, er hat auch beinahe alles in den Wind geschlagen, was Ende der 2010er als Standard für Erzähltempo oder Skript gilt. Er erzählt mit dem sympathisch-gemächlichen Mangel an Hektik, den seine Charaktere an den Tag legen. An einer Stelle erzählt Waits‘ Waller eine wunderbare Geschichte aus seiner Jugend. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die im Skript stand, oder Waits einfach während einer Drehpause angefangen hat zu erzählen und Lowery die Geistesgegenwart hatte es zu filmen. Das ist keine Geschichte, die im dritten Akt plötzlich eine Bedeutung bekommt, oder einen wichtigen Hinweis liefert. Sie hilft einfach bei der Zeichnung eines Nebencharakters. Und die Charaktere sind das absolute Zentrum des Films.

Sei es die Chemie zwischen Spacek und Redford, die zwischendurch aktiv genug wirkt, um sich durch Gitterstäbe zu fressen, oder Casey Afflecks deprimiert-murmelnder Detective, der neue Lebensfreude im Bankräuberfall findet, die er sich auch vom FBI nicht vermiesen lässt. Die eigentliche Handlung wird über diese Charaktere fast ein wenig nebensächlich, zu sehr genießt man es Zeit mit ihnen zu verbringen. Tucker überfällt Banken, flirtet mit Jewel und Hunt verfolgt ihn (aber auch nicht zu sehr, ist die Jagd doch für ihn doch die eigentliche Motivation). Grundlegend erinnert die Handlung an ‚Hell or High Water‘. Doch während der Film eine harte Geschichte über Krisen und materiellen Mangel in einen ebenso harten Film verpackt, ist der Ansatz und die Erzählweise von ‚Ein Gauner & Gentleman‘ deutlich zurückgelehnter. Manch einer, der an das Erzähltempo und die auserklärende Erzählweise moderner Filme gewohnt ist, wird diesen Film wohl sowohl als langweilig, als auch voller „Plotholes“ erleben. Denn in manchen Dingen lässt sich der Film absichtlich nicht in die Karten schauen. Hat Tucker bei seinen Überfällen überhaupt eine Waffe dabei? Wie viel weiß Jewel tatsächlich darüber was er tut? Wie kommt die Polizei ihm letztlich auf seine Spur? Das ist alles nebensächlich oder absichtlich unklar. Und zumindest aus meiner Sicht ist das auch gut so.

‚Ein Gauner & Gentleman‘ ist letztlich ebenso wie ‚All is Lost‘ ein „Star-Vehikel“ für Robert Redford. Ähnlich wie der Film spielt Lowery hier mit der Vermischung von Charakter und Schauspieler. Fast möchte man sagen, noch mehr, denn für Rückblenden nutzt er hier teilweise Ausschnitte aus älteren Redford-Filmen. Und Redford selber ist als charmant-freundlicher Gauner natürlich tief in seinem Element. Fast glaubt man eine ältere Version von Johnnie Hooker aus ‚Der Clou‘ oder des Sundance Kids zu sehen. Hier ist ein Gauner, der zwar alt geworden ist, das aber absolut zu seinem Vorteil zu nutzen weiß. Nicht nur weil er dadurch unverdächtiger wird, auch weil er etwa sein klobiges Hörgerät nutzen kann, um den Polizeifunk abzuhören. Sissy Spacek zieht so etwas wie eine Klammer zu ihrer frühen Rolle in ‚Badlands‘. Während sie sich dort als Teenager vom „Bad Boy“ mit in die Katastrophe hat reißen lassen, geht sie nun mit sehr viel mehr Altersweisheit in diese Beziehung hinein.

Inszenierung und Protagonisten ergänzen sich so auf ganz wunderbare Weise in einem Film, der zeitlos wirkt, ohne dabei gewollt „Old School“ zu sein. Ich würde beinahe so weit gehen zu sagen, es ist ein Film wie er „heute gar nicht mehr gemacht wird“, würde ich mich dabei nicht selbst wahnsinnig alt fühlen. Eine Empfehlung für jeden, der sich auf einen ruhigeren Film einstellen kann und ein würdiges Ende für Redfords Karriere (obwohl er natürlich gerne noch in mehr Filmen auftauchen darf!).

‚A Ghost Story‘ (2017)

Nostalgie. Heute vor allem ein Marketingbuzzword, das etwa jene verklärte Version der 80er Jahre beschreibt, die uns Filme und Serien nur zu gern verkaufen wollen. Das Wort setzt sich zusammen aus den griechischen Begriffen für Heimkehr und Schmerz. In dieser Form wurde es zum ersten Mal in Zusammenhang mit schweizerischen Söldnern des späten 17ten Jahrhunderts erwähnt, denen man verbot die Hirtenlieder ihrer Heimat zu singen, weil sie dadurch ein extremes Heimweh entwickelten. Fast jeder wird es selbst schon einmal gespürt haben. Beim Betrachten von Fotos vielleicht, beim Blättern in alten Schulheften oder beim Betreten des Hauses der Kindheit. Auch unser Film beginnt mit einem Moment extremer Nostalgie und nimmt diesen als Absprungpunkt für eine Betrachtung über das Menschsein und was von uns bleibt.

Eine Frau (Rooney Mara) und ein Mann (Casey Affleck) leben in ihrem ersten Haus, nachdem sie geheiratet haben. Es ist schon älter und etwas heruntergekommen. Sie würde gern in die Stadt in eine moderne Wohnung ziehen, er würde gern in dem Haus bleiben. Eines Tages stirbt er in einem Autounfall vor dem Haus. Im Keller des Krankenhauses erhebt er sich samt dem Leichentuch und wandelt als unsichtbarer Geist durch die Gänge. Als sich in der Wand vor ihm ein großes Tor auftut, vermutlich zum Nachleben, nutzt er das nicht, sondern wandert schnurstracks zurück zu seinem Haus. Hier beobachtet er seine Frau bei der Trauerbewältigung, bei der Rückkehr zur Normalität und wie sie schließlich ohne ihn weiterlebt.

Zeit ist ein wesentliches Element des Films. Nicht nur weil Nostalgie ein Gefühl ist, das ohne eine gewisse Zeit nicht existieren kann. Der Film fängt auch das unterschiedliche Erleben von Zeit großartig ein. So zeigt uns Autor/Regisseur David Lowery in zwei minutenlangen, statischen Aufnahmen, wie Rooney Maras Charakter, kurz nach dem Tod ihres Mannes, quasi einen kompletten Kuchen direkt aus der Form isst, bevor sie zum Klo läuft und sich übergibt. Demgegenüber stehen stakkato-artige Szenen täglicher Routine, wie sie die Schuhe anzieht, die Schlüssel greift und zur Tür hinausläuft, die ganze Wochen in Sekunden beschreiben. Eindrucksvoll auch eine Szene die zwei Momente einander gegenüberstellt. Einen in dem er, ein Musiker, seiner Frau seinen neuen Song zum ersten Mal zu hören gibt und den Moment, wenn sie ihn nach seinem Tod zum ersten Mal hört.

Zeit ist auch insofern entscheidend, dass bereits nach der Hälfte der Laufzeit der Moment erfolgt, der ein logischer (und, zugegeben, der von mir erwartete) Endpunkt für die Geschichte gewesen wäre. Sie verlässt das Haus und sein Geist bleibt in einem manischen Versuch zurück an eine Botschaft von ihr zu kommen, die sie in die Ritze eines Türstocks geschoben hat. Ab hier wird der Film von einer persönlichen Trauergeschichte zu etwas Größerem. Er und damit wir als Zuschauer müssen feststellen, dass mit unserem Tod die Zeit auch nicht für eine Millisekunde aus dem Tritt kommt und wenden uns stattdessen der bangen Frage zu, was wohl von uns bleiben mag. Der spiritus loci, auf ewig an sein kleines Haus in Texas gebunden, wird zu einer Art Weltgeist, der extreme metaphysische Fragen zu stemmen hat. Dabei findet der Film einen eleganten Weg zwischen poetischer Hoffnung und existentiellem Nihilismus, zusammengefasst in einer der wortreichsten Szenen von einem angetrunkenen Hobbyphilosophen auf einer Party.

Ich habe einige Stimmen gelesen, die Lowery mit Terrence Malick vergleichen. Und tatsächlich ist der gedankliche Sprung zu ‚Tree of Life‘, in dem Malick die Geschichte einer texanischen Vorortfamilie mit der Geschichte der Menschheit, ja der Welt an sich verknüpft ein recht offensichtlicher. Lowerys Film ist allerdings geradliniger, er verzichtet auf gehauchte Voice Over (und auf megareiche Langweiler, die sich im Kreis drehen, was Vergleiche mit aktuelleren Malicks ohnehin hinfällig macht), ja für die meiste Zeit verzichtet er weitgehend auf Dialoge. Der Geist spricht ohnehin nicht und in der kurzen Zeit, in der er auf typisches Poltergeistern verfällt sind sämtliche Dialoge auf Spanisch, ohne Untertitel zu hören. Ein wenig fühlte ich mich auch an Wim Wenders ‚Der Himmel über Berlin erinnert‘ dort gibt Bruno Ganz‘ Damiel die Rolle des ewigen Beobachters auf, um sterblich zu werden, hier wird Afflecks Charakter zum ewigen Beobachter gemacht.

‚A Ghost Story‘ erzählt in Bildern. In einem 4:3 Format mit abgerundeten Ecken, wie ein Familienfilm in einer alten Kramkiste gefunden, oder ein Familienfoto, das an einer nicht oft beachteten Stelle im Gang hängt, dessen Fehlen aber dennoch schmerzhaft auffallen würde. Das Geisterkostüm, ist einerseits absichtlich so gestaltet, dass es aussieht wie das billigst mögliche Halloweenkostüm, das alte Bettlaken mit zwei Löchern drin, andererseits scheinen die Tücher eine Schwere zu haben, eine Last für den Geist zu sein, die nur langsame und damit würdevolle Bewegungen zuzulassen. Diese Langsamkeit, gemeinsam mit der Kamera drückt denn auch die Gemütsverfassung des Gespenstes eindrucksvoll aus.

Ich habe keine Ahnung, ob nun wirklich Casey Affleck unter den Laken steckte (bei Michael Fassbender in ‚Frank‘ konnte man immerhin noch seine Stimme hören), aber zumindest in der Zeit in der er und Rooney Mara zu sehen sind, sind sie toll. Sie haben eine derart gute Chemie miteinander, dass wir ihre Liebe trotz der wenigen Dialoge, die dann meist auch noch Dispute darüber, ob sie nun umziehen sollen oder nicht sind, geradezu spüren. Das mag auch damit zu tun haben, dass die Idee zu dem Film genau einer solchen Diskussion entsprang, die Lowery über einen möglichen Umzug mit seiner Frau geführt hatte (in wie weit der Film diese Diskussion beeinflusst hat entzieht sich aber meiner Kenntnis…).

Die Musik von Daniel Hart nutzt den Song, den im Film Afflecks Charakter geschrieben hat, als ein zentrales Element. Wie Hart in einem Making of beschreibt nutzt er extrem verlangsamte Passagen aus dem Song als atmosphärische Untermalung für viele Szenen und unterstützt so das zentrale Thema um das Erleben von Zeit. Dazu kommen ein gespenstisch-melancholischer Streicher-Soundtrack, sowie der punktgenaue Einsatz von Beethovens Ode an die Freude.

Wow, die letzten Wochen habe ich echt ein gutes Händchen bei der Filmauswahl. Hier zeigt uns Lowery problemlos, dass bei allem verdienten Gemäkel über Hollywood, aus den USA immer noch beeindrucken-überraschende Filme kommen können, produziert für einen Betrag (100.000 Dollar), der bei Marvel noch nicht einmal das Catering finanzieren würde. Ich habe jetzt jedenfalls das Bedürfnis alles von Lowery zu sehen. ‚The Saints‘, ‚Ein Gauner und Gentleman‘ und sogar ‚Elliott, der Drache‘. Ja, ich möchte ein Disney Remake sehen. Entweder sagt das was über die Magie dieses Films, der mir jetzt seit Tagen durch den Hirnkasten spukt aus, oder irgendwer sollte mir dringend Hilfe schicken!