Streiflichter Nummer 4: Sammelsurium

Nachdem ich auf anderen Blogs immer mehr gelungene Kurzrezensionen gelesen habe, habe ich mich entschlossen meinen Streiflichtern noch eine Chance zu geben. Und im Gegensatz zum letzten Mal, wo es auf zwei quasi normal lange Rezensionen hinauslief, schaffe ich diesmal wirklich was weg. ‚Der Mönch‘, ‚Amy‘, ‚Nausicaä‘, ‚Les Misérables‘, ‚Robin und Marian‘, ‚The Void‘ und ‚Höhle der Vergessenen Träume‘. Das sind sieben Besprechungen zum Preis von keiner! Wenn das mal nicht mehr als nix ist. Legen wir los! Weiterlesen

Gestern Gesehen: ‚Hitchcock/Truffaut‘ (2015)

„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“, das Interview-Buch (Erstauflage 1966) von Francois Truffaut über Hitchcocks gesamtes Schaffen ist vermutlich mein liebstes Buch über Film. Die beiden Filmemacher waren so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten. Truffauts Filme bildeten meist autobiographisch einen Teil seines Lebens ab, er war ein recht lockerer Stilist und ließ seinen Schauspielern gern größte Freiräume, schrieb sogar oft nachts seine Drehbücher nach ihren Vorstellungen um. Hitchcocks Themen waren niemals aus seinem Leben gegriffen, er plante jede Szene quasi mathematisch durch und betrachtete Schauspieler als zwar notwendiges, letztlich aber störendes, weil ihm gelegentlich widersprechendes, Element. Truffauts Buch ist vermutlich zu einem nicht unbedeutenden Teil dafür verantwortlich wie wir Hitchcock heute wahrnehmen. Eine Inspiration für das Buch war nämlich die ungläubige Reaktion, die Truffaut bei amerikanischen Filmkennern auslöste, als er auf die Frage nach seinem Lieblingsregisseur mit Hitchcock antwortete. Der mache doch nur plumpe, unrealistische Unterhaltung, ist kein „Auteur“, war die Antwort. Genau dies wollte Truffaut mit seinem Buch widerlegen. Hitchcocks katholisches Schuldverständnis, seine sadistischen und masochistischen Vorstellungen, all seine Obsessionen und Triebe sind für jeden erkennbar in jedem seiner Filme zu finden. Man muss nur genau hinschauen. Das er nebenbei auch noch ein geradezu genialer Innovator war, der die damals strengen Regeln des Films immer brutaler aufbrach weiß heute jeder zu berichten, ist aber in aller Ausführlichkeit zum ersten Mal in Truffauts Werk deutlich gemacht worden. Das bedeutendste Element des Buches ist aber wohl, dass es hier zwei absolute Experten geschafft haben ihre Ideen und Theorien in vollkommen verständlicher Weise, auch für den filmisch weitgehend unbelesenen Leser nachvollziehbar zu machen.

Was also bietet dieser Film, was das Buch nicht liefern würde? Nun das für mich Interessanteste war wohl einige der Aussagen Hitchcocks in seinem getragenen Duktus im Original, direkt von den Aufnahmen des tagelangen Interviews zu hören, unterlegt mit einer ganzen Reihe von Fotos, die während der Aufnahmen entstanden sind. Nebenbei hat der Film natürlich den Vorteil Erklärungen zu Szenen direkt mit den Szenen aus den jeweiligen Filmen unterlegen zu können anstatt mit Fotos arbeiten zu müssen. Andererseits kann der Film natürlich nur eine Handvoll der wichtigsten Filme abdecken. ‚Vertigo‘ und ‚Psycho‘ wird dabei der weitaus größte Raum gewährt. Dazu kommen dann noch die standardmäßigen „Talking Heads“ Interviews, wo man, neben den üblichen Verdächtigen für jede filmhistorische Doku (Martin Scorcese, Peter Bogdanovich, David Fincher) auch selten gesehenere Gäste findet, wie Olivier Assayas, Richard Linklater oder Kiyoshi Kurosawa. Dabei kommt, abseits des natürlich allgemeinen Respekts, der dem Altmeister gezollt wird teilweise wenig überraschendes (Wes Anderson ist von Hitchcocks minutiöser Planung angetan, wer hätt’s gedacht?) aber oftmals auch durchaus Spannendes zum Vorschein. Zum Beispiel, wie schwierig es in den 70ern war gewisse Hitchcock Filme zu sehen oder wie viel Anstrengung es viele Regisseure kostet Hitchcock nicht 1:1 zu zitieren. Spannend sind auch definitiv die Sequenzen, die das Augenmerk mehr auf Truffaut richten. Der hatte unter einem extrem strengen Vater zu leiden („Ich habe meine Kindheit als eine Zeit erlebt, die keine Fehler erlaubt“) und fühlte sich als Erwachsener oft zu älteren Künstlern hingezogen, wie Renoir, Rosselini oder eben schlussendlich Hitchcock. Eine Suche nach einer neuen Vaterfigur? Besonders spannend ist hier eine O-Ton Szene in der sich Hitchcock minutiös eine Szene aus ‚Sie küßten und sie schlugen ihn‘ schildern lässt und diese kritisiert. Daneben ist es sehr schön und vor allem sehr menschlich zu hören, wie viel Spaß die beiden Männer aber auch Übersetzerin Helen Scott bei dem Interview hatten, aus dem sich eine lebenslange Freundschaft zwischen den beiden Filmemachern entwickelte, die sogar soweit ging, dass sie sich ihre unfertigen Drehbücher gegenseitig schickten. So war es denn auch für Truffaut eine Herzensangelegenheit, nach dem Tode Hitchcocks 1980 eine erweiterte Version seines Buches zu veröffentlichen, die das Gesamtwerk des Meisters abdeckte. Es sollte ihm gelingen, bevor er 1984, mit nur 52 Jahren viel zu früh, verstarb.

Die größte Leistung, die der Film erbringt ist sicherlich die, dass er eine sehr große Lust auf das Buch macht. Andererseits weiß jemand, der mit dem Film überhaupt nichts anfangen konnte hinterher sicher, dass das Buch ebenfalls nicht überzeugen wird. Er ist zum Teil Verfilmung, zum Teil Hommage an das Buch, zum Teil aber auch ein eigener Zugang von Regisseur Kent Jones zu zwei Großen des Kinos des 20ten Jahrhunderts. Er kann (Und will!) das Buch nicht ersetzen, funktioniert aber als durchaus gelungene Ergänzung.

Erstaunlicherweise gibt es bisher keine deutsche Version der Dokumentation, die britische DVD kommt allerdings mit gutem Bild, 60 Minuten Bonus-Interviews und recht günstig daher (die UK-Bluray hingegen ist geradezu albern teuer).

Gestern Gesehen: ‚The Beatles: Eight Days A Week -The Touring Years‘ (2016)

Mann, die Beatles waren eine verdammt gute Live-Band! Tjaha, verehrte Leser, das ist die Art brillanter, tiefgründiger  Einsichten, die Ihr wohl nur hier auf der Filmlichtung erwarten könnt. Aber ernsthaft: sie waren wirklich VERDAMMT gut. Ich mag die Beatles (mag sie eigentlich irgendwer nicht?) und bin geradezu mit ihnen aufgewachsen, denn mein Vater hat Fantum und die Alben aus seiner Jugend behalten. Ich bin allerdings sicherlich nicht der Superfan, der mit biografischen Details zu George Harrison aufwarten kann und anhand dieser songschreiberische Feinheiten nachvollziehen könnte. Und dieser Film war exakt auf meiner Wellenlänge.

Der Film begleitet die großen Tourjahre der Beatles. Von dem Moment in 1963 als sie weltweit schlicht explodierten bis 1966 als sie das Ende ihrer großen Stadientourneen verkündeten. Die Frühzeit der Beatles, also vom Treffen  Lennon/McCartney 1957 bis zu den wilden Hamburger Jahren 60-62 wird in einigen Minuten abgehandelt.  Dann sehen (und hören!) wir die Gruppe nicht nur in hervorragend remasterten Aufnahmen von anfänglich kleineren Clubs bis hin zum damals völlig unerhörten Auftritt im Shea Stadium in New York vor mehr als 50.000 Fans. Wir sehen die Entwicklung der Gruppe, ihren anfänglichen Humor, ihre Schlagfertigkeit mit der sie Reporter regelmäßig gnadenlos ausmanövrieren. Je größer die Auftritte aber werden, im australischen Adelaide war die 15 Kilometerlange Strecke vom Flughafen bis zum Hotel von Fans belagert, je mehr junge Mädchen umkippen, enttäuschte Fans abgewiesen werden müssen, umso mehr schwindet der Spaß der Fab Four am Liveauftritt. Wenn das Geschrei im Stadion so laut wird, dass die Musik nicht mehr zu hören ist fühlen sich die Beatles als Zirkus-Attraktion. In Japan sehen wir einen Ringo Starr, der sich hinter seinem Schlagzeug kaum noch aufrecht halten kann. Gleichzeitig haben die Beatles angefangen sich im Studio selbst zu entdecken und mehr experimentelle Musik zu machen. Mit Effekten, die nur her möglich sind. Und so endet die große Tourzeit und der Film 1966 lange Zeit bevor es „am Ende kompliziert wurde“, wie Paul McCartney es ausdrückt.

Neben bild- und tontechnisch aufbereiteten Archivaufnahmen der Auftritte, sind neue Interviews mit Paul und Ringo zu sehen, leider nicht auf einem Sofa sondern getrennt. Dazu kommen Archiv-Interviews mit George und John Lennon. Sowie Talking Head Interviews mit Musikern, Komikern, Regisseuren und Schauspielern, die klar machen, dass nicht nur die Popmusik in eine Zeit vor und nach den Beatles aufgeteilt werden muss sondern die gesamte Popkultur. Insbesondere beeindruckend fand ich hier Elvis Costello, der klar macht, dass, bei damaliger Technik,  jeder der  vier bei ihren Stadionauftritten bestenfalls sich selbst, keinesfalls die drei anderen hören konnte und wie viel beeindruckender das ihre hervorragenden Liveauftritte macht (Ringo bestätigt das und sagt er habe sich am Hintern und den Füßen von John und Paul orientiert, um den Takt zu halten). Interessant sind auch Whoopi Goldberg und eine Historikerin, die auf die, für die Vereinigten Staaten damals ungewöhnliche, rassenübergreifende Anziehungskraft der Briten hinweisen („ich hatte das Gefühl wir könnten Freunde sein- obwohl ich schwarz bin“ -Goldberg). Und ihren Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den USA, durch ihre Weigerung in Arenen aufzutreten in denen nach Rassen getrennt wurde (zum Unmut ihres Managers). Dies hat tatsächlich dazu geführt, dass mehrere Stadien diese unsägliche Politik aufgegeben haben.

Andere historische Ereignisse, wie die Ermordung John F. Kennedys werden angerissen, ebenso wie die beiden Beatles Live Action Filme, die in der Zeit entstanden sind. Ansonsten bleibt der Film aber konzentriert bei der Entwicklung der Beatlemania, einem Phänomen, dass für die damalige Zeit einzigartig war und dem weder Polizei, Stadionbetreiber noch die Musiker selbst wirklich gewachsen waren. Und nach Johns berühmt/berüchtigten „größer als Jesus“ Interview in den USA mit öffentlichen Verbrennungen der Alben und Bombendrohungen zum Ende hin eine durchaus finstere Wendung nimmt.

Habe ich auch was zu meckern? Durchaus. Keiner aber wirklich keiner der Songs wird zur Gänze ausgespielt. Die Doku ist hundert Minuten lang und fühlt sich kürzer an. Macht sie doch zwei Stunden lang und spielt ein paar Stücke aus. Weiterhin hat Regisseur Ron Howard klar gemacht, dass sich seine Beatles Kenntnisse vor dem Film etwa auf meinem Niveau befunden haben. Interessiert aber kein tiefer Kenner. Wirkliche Kenner der Beatles werden in diesem Film also vermutlich keinerlei neue Erkenntnisse entnehmen können. Aber die schauen ihn sicher trotzdem, schon wegen der Archivaufnahmen. Und obwohl ich wusste welchen Zeitraum der Film beschreibt kam das Ende für mich doch etwas plötzlich. Der ganze Verlauf der Geschichte macht klar: es ist hier nicht zu ende. War es ja auch nicht. Aber „ich wünschte er wäre länger“ ist sicher nicht der schlimmste Vorwurf, den man einem Film machen kann.

Im Fazit bleibt eine interessante, liebevolle Verbeugung vor einer der größten Popbands aller Zeiten, ohne viele neue Erkenntnisse aber in qualitativ großartigen Bildern und mit absolut brillantem Ton. Und ich bin mir nicht sicher, ob das schon mal jemand gesagt hat aber die Beatles waren eine verdammt gute Live-Band. Klingt unglaublich, ich weiß…

Double Feature: Filme über Filme: Corman’s World (2011) und Side by Side (2012)

Oh je, die Filmbesessenheit wird schlimmer: nicht nur müssen es zwei Filme sein, nein es sollen auch Filme über Filme sein. Aber auch das kriegen wir hin.

Wenn die Herren Golan und Globus von Cannon (siehe ‚Electric Boogaloo‚) die Fürsten des Trashfilms waren, dann ist Roger Corman sein Gottkaiser. Seit Mitte der 50er Jahre führt Corman Regie unter der Maxime „schnell und billig“. Bald begann er jedoch auch Filme zu produzieren. Und er hatte nicht nur ein fast perfektes Auge dafür was beim (vor allem jungen) Publikum ankommt sondern war auch hervorragend darin Talente zu entdecken. So haben Regisseure wie Francis Ford Coppola, Ron Howard, Martin Scorsese und James Cameron für Corman einige ihrer frühesten Arbeiten abgeliefert. Auf Schauspieler Seite sind Jack Nicholson und Peter Fonda als Beispiele zu nennen, denen Corman den Karrierestart ermöglicht hat. In zahlreichen Interviews mit Mitarbeitern, unter anderem einem sehr emotionalen Nicholson, und Corman selbst zeichnet ‚Corman’s World‘ das Bild eines Rebellen, eines Pfennigfuchsers und auch das eines Ausbeuters. Allerdings ist es ein wenig frustrierend, dass die Macher der Dokumentation sich ein wenig zu sehr als Vertreter  Cormans zu sehen scheinen. Vor allem die Frage warum die Qualität seiner Filme seit den 80ern extrem nachgelassen hat wird nur unzureichend beantwortet und statt dessen mit dem Finger auf Lucas und Spielberg gedeutet (sie haben Ideen genommen, die normalerweise in Cormans Metier gefallen  wären (‚Der weiße Hai‘, ‚Star Wars‘) und haben sie mit hundertfachem Budget produziert und damit zum Mainstream gemacht – wie unfair). Trotzdem ein sehenswerter und interessanter Film. Wer danach Interesse an Werken Cormans gefunden haben sollte, dem seien seine Poe Umsetzungen aus den 60ern empfohlen (insbesondere ‚Masque of the Red Death‘, dt. ‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ mit Nicolas Roeg an der Kamera!) und natürlich ‚Death Race 2000‘ mit einem der ersten Auftritte von Sylvester Stallone.

‚Side by Side‘ hingegen beschäftigt sich mit einem Wandel, der derzeit in Hollywood und dem Rest der Welt stattfindet. Das Ende des Celluloidfilms und dem Beginn des digitalen Zeitalters. Keanu Reeves interviewt zahlreiche Regisseure, Kameraleute, Cutter, Techniker und Schauspieler. Darunter Technophile, die  den Wandel kaum abwarten können und aktiv vorantreiben, wie James „3D“ Cameron und George Lucas aber auch Zweifler wie Christopher Nolan und Wally Pfister. In einige Bereiche hat die Digitalisierung längst Einzug gehalten, wie den Schneideraum und die Einfärbung der Bilder, doch die Änderung direkt an der Kamera ist immer noch ungewohnt für die meisten Beteiligten und bedeutet eine Verschiebung von Kontrolle und Verantwortung. Keanu Reeves ist sicher kein brillanter Interviewer aber ein sympathischer. Und durch seine Mitwirkung hatte Regisseur Christopher Kenneally Zugriff auf Gesprächspartner, die er sonst sicher nicht gehabt hätte. Zwischen den Interviews finden sich immer wieder Szenen, die grundlegende Filmtechnik erklären und die Unterschiede zwischen Film und Digital verdeutlichen. Absolut sehenswert, wenn man auch nur geringes Interesse an dem Thema hat. Das Schöne an der UK DVD ist, wem die 90 Minuten Film nicht reichen hat Zugriff auf Stunden an Langfassungen der Gespräche.

Gestern Gesehen: Sushi: The Global Catch (2012)

Der klassische, japanische Sushi-Koch ‚genießt‘ eine siebenjährige Ausbildung. Die ersten zwei Jahre lernt er Reis zu kochen und verübt Nebentätigkeiten, bevor er das erste Mal ein Messer in die Hand bekommt. Das Messer stammt aus einer Samuraischwert-Schmiede, die eine Jahrhunderte lange Tradition besitzt, ebenso, wie die Beziehungen zwischen Koch und Fischhändler und Fischhändler und Fischer lange Tradition besitzen.

Außerhalb von Japan sieht die Sache anders aus. Vielleicht haben die Köche von einem Japaner gelernt aber ihr Sushi dem örtlichen Geschmack angepasst oder sie sind gleich völlige Autodidakten. Sushi wird immer mehr vom Luxusgericht zur gesunden Alternative zum Fastfood.

So lernen wir in den ersten 20 Minuten von Mark Halls Dokumentation ‚Sushi: The Global Catch‘. Den Rest der knapp bemessenen 70 Minuten Laufzeit widmet Hall einem Thema, dass ihm deutlich mehr am Herzen liegt: der Überfischung des Blauflossenthunfischs. Aufgrund des steigenden Sushikonsums sind seit 1950 etwa 80% der Bestände dieses Gipfelräubers gefangen worden. Mit Konsequenzen, die gesamte Nahrungskette herab. Der Film zeigt unterschiedlich Bestrebungen den Fisch zu erhalten. Von der Errichtung von Zuchtanlagen (schwierig, da der Thun sehr anspruchsvoll ist) über Fischalternativen bis zu der Möglichkeit die in unserer Gesellschaft am unwahrscheinlichsten scheint: Einschränkung des Konsums.

Insbesondere wenn neue Märkte, wie China, Indien und Brasilien für Sushi erschlossen werden.

FAZIT: Bemühte Dokumentation zu einem wichtigen Thema, manchmal etwas sehr predigend mit irreführendem Titel.

5/10 Maki-Rollen

Gestern Gesehen: The First Movie (2009)

Goptapa ist ein Dorf im kurdischen Norden des Irak. Es hat 700 Einwohner und in den Straßen findet man Handfeuerwaffen und Teile eines Panzers. Auf den ersten Blick kein schöner Ort für Kinder. Regisseur Mark Cousins ist ebenfalls in einer Stadt geboren, die damals kein schöner Ort für Kinder war: Belfast während der Troubles. Doch erinnert sich Cousins weniger an den Bürgerkrieg als, wie er sagt, an Schönheit und vor allem: an Kino und Filme.

vlcsnap-2015-10-13-13h29m25s0

„Diese Landschaft will gefilmt werden“

Cousins ist ein Cineast durch und durch, ein Mann, der Film lebt und atmet (siehe auch seine Doku Serie ‚The Story of Film‘) und so beschließt er 2009 mit einem kleinen Filmteam nach Goptapa zu fahren, dort ein provisorisches Kino zu errichten und den Kindern Filme von ‚Das singende, klingende Bäumchen bis ‚E.T.‘ zu zeigen. Die ersten Filme, die sie sehen. Die Reaktionen sind begeistert.

Kino

Kino

Doch dann geht er einen Schritt weiter: er teilt Digitalkameras an die Kinder aus und bittet sie selbst Filme zu machen. Dabei ist Amüsantes zu sehen, wenn zum Beispiel ein Junge ein Fußballspiel filmt und die Realität seinem Film direkt nicht mehr genügt und er beginnt Regie-Anweisungen zu geben (‚Hört auf zu fluchen!‘ ‚Könntest Du etwas mehr jubeln, wenn Du ein Tor schießt?‘). Doch die Ergebnisse sind oft beeindruckend: einige Kinder interviewen Eltern und Großeltern über die genozidalen ‚Anfal‘-Angriffe des Baath-Regimes in den späten 80ern, ein Thema, das das Dorf bis heute beherrscht. Ein Film ist eine Fabel von einer Henne, die nach Gerechtigkeit fragt, in einem anderen erzählt ein Junge seine Träume und Sorgen dem Schlamm.

Der Junge und der Schlamm

Der Junge und der Schlamm

Sie alle haben instinktiv verstanden was Film ist: eine Maschine, die Empathie schafft. Ebenso wie dieser Film, der aber gleichzeitig als Erinnerung dient warum wir Filme lieben und welche Filme geholfen haben uns zu formen. Und das Beste ist: Cousins versucht zu keiner Zeit die Kinder zu einem ‚Symbol für Unschuld‘ oder so etwas zu machen. Er zeigt sie wie er sie sieht und sie zeigen sich, wie sie sich selbst sehen. Und das kann ein- oder zweimal durchaus schockierend sein.

Mark Cousins sagt er hätte gern mehr mit den Mädchen des Dorfes zusammengearbeitet doch 'das war nicht so einfach'

Mark Cousins sagt er hätte gern mehr mit den Mädchen des Dorfes zusammengearbeitet, doch ‚das war nicht so einfach‘

Ein möglicher Kritikpunkt an ‚The First Movie‘ ist sicherlich, wie sehr er sein Herz auf der Zunge trägt. Der ganze Ansatz scheint so naiv, dass Cousins sich genötigt sieht diese Naivität in einem Epilog zu diskutieren. Wäre es nicht sinnvoller gewesen für das Produktionsgeld die Schule von Goptapa neu auszurüsten? Oder eine Krankenstation zu bauen? Vielleicht, doch Cousins ist der Meinung, dass Kunst ihren eigenen Wert hat und ich bin geneigt ihm da zuzustimmen.

Zwei kleine Jungen aus Goptapa und Belfast

Zwei kleine Jungen aus Goptapa und Belfast

FAZIT: Großartiger Film für jeden der Film liebt, der selber Filme macht, der sich an seine Kindheit erinnert und sich von blankem Idealismus nicht abgeschreckt fühlt.

9/10 Eseln auf der Straße

PS: ich habe es bislang nicht über mich gebracht zu googlen, wie die Zeitgeschichte seit 2009 mit Goptapa und seinen Bewohnern umgegangen ist.