‚Aniara‘ (2018)

Mitte der 50er Jahre schuf der schwedische Autor Harry Martinson ein Versepos mit dem Titel „Aniara“. Unter dem Eindruck der Nachkriegsjahre und des kalten Krieges ersann er das Ende der Menschheit in der Miniatur eines ruderlos gewordenen Raumschiffs. 1974 erhielt Martinson vor allem für dieses Werk den Nobelpreis für Literatur, eine damals alles andere als unumstrittene Entscheidung. Das Werk hat mehrere Opern inspiriert, dank seiner schwedischen Herkunft selbstverständlich auch Metal und eine schwedische TV-Adaption von 1960. Nun brachten Pella Kagerman und Hugo Lilja den Stoff auf die Leinwand.

Die Erde ist verwüstet. Wer es sich leisten kann unternimmt mit großen Raumern die dreiwöchige Reise zum kolonisierten Mars. Eines dieser Schiffe ist die Aniara. An Bord ist auch die MIMA. Eine künstliche Intelligenz, die auf die Erinnerungen ihrer Benutzer zugreifen kann die so angenehme Erinnerungen an die alte Erde wieder lebendig werden lassen kann. Überwacht wird das von der Mimarobe (Emelie Jonsson), einer freundlichen, empathischen Mitarbeiterin von niedrigem Rang auf dem Schiff, die heimlich in Pilotin Isagel (Bianca Cruzero) verliebt ist. Nur wenige Passagiere zeigen Interesse an MIMA, nutzen lieber die Einkaufsmöglichkeiten oder andere Unterhaltungsangebote. Dann kommt es bei einem Ausweichmanöver zur Katastrophe. Durch eine Kollision verliert die Aniara allen Treibstoff und Steuermöglichkeiten und treibt vom Kurs ab. Kapitän Cheffone (Arvin Kananian) teilt mit, dass man den ersten Himmelskörper nutzen wird, um sich zurück zu schleudern, wobei das Jahre dauern wird. Doch die Mimarobe erfährt von ihrer Kabinengenossin, einer Navigatorin, dass das gelogen ist. Man wird auf absehbare Zeit nicht in das Gravitationsfeld irgendeines Himmelskörpers geraten. Plötzlich ist die MIMA vollkommen überlaufen, die K.I. von den traumatischen Erinnerungen der Passagiere an die Erde überwältigt. Die jahrelange Reise in die Finsternis des Äußeren wird zwangsläufig auch zu einem Blick nach innen.

‚Aniara‘ ist was dabei herauskommen könnte, wenn Andrei Tarkowski ein Remake von ‚Wall-E‘ machen würde. Der niedliche Roboter wird durch eine nicht greifbare K.I., die später suizidal wird, ersetzt. Interessanter ist das Schicksal der Menschen, die auf ihrer neuen Zwangsheimat einem unausweichlichen Ende entgegenschleudern. Gesteigerte Algenproduktion und Wasseraufbereitung sorgen zwar dafür, dass das Leben weitergehen kann, allerdings zerbrechen alsbald die proper schwedischen, sozialen Strukturen. Merkwürdige Kulte bilden sich aus (‚Midsommar‘ lässt grüßen), Selbstmorde nehmen überhand, der Kapitän wird erst zum Westentaschendiktator, dann zum Witz. Hedonistisches Feiern, Drogen und matschiger Algenschnaps werden zur neuen Normalität. Der Film drückt das in immer größeren Zeitsprüngen zwischen seinen betitelten Kapiteln aus. Erst Tage, dann Wochen, Monate und Jahre springen wir in die Zukunft. Einer Zukunft in der sich Hoffnung immer mehr falsch und fast schädlicher als Fatalismus anfühlt.

Was den Film funktionieren lässt ist vor allem seine merkwürdige Bodenständigkeit. Von außen durchaus effektive Science Fiction Spezialeffekte, wirkt das Innere der Aniara durchaus vertraut. Irgendwo zwischen nordischer Fähre und plüschigem Kreuzfahrtschiff wirkt es absolut glaubwürdig mit seinen Konsumtempeln, Arkaden und Kinos. Diese verfallen zu sehen holt den Film aus der abstrakten SciFi, auf eine nachvollziehbare Ebene. Auch sagt der Film nie was nun wirklich genau auf der Erde geschehen ist, wir sehen nur Erinnerungsfetzen durch die Brille der MIMA. Allerdings haben zahlreiche Passagiere des Schiffes mehr oder weniger starke Verbrennungen, ein gelungenes Beispiel für visuelles Erzählen. Der Fatalismus der Erzählung geht auch über das Schicksal der Aniara hinaus. So fragt die Mimarobe (im Film wird das wie ihr Name behandelt, ist aber offensichtlich ein Titel. Nur die Brückenbesatzung bekommt Namen) einen verzweifelten Passagier, warum der denn der Meinung sei auf dem Mars wäre es so viel besser als hier auf dem Schiff. Eiskalt sei es da und es wächst nur eine winzige Pflanze, die das Einzige sei, was es dort zu essen gibt.

Der Film enthält so eine überdeutliche, wenn auch nie ausgesprochene Aussage. Das Glück der Menschheit, so macht der Film deutlich, ist unausweichliche mit der Erde verbunden. Die Zerstörung unserer Erde führt zwangsläufig zu einem Ende der Menschheit. Zunächst zu einem Ende der Menschheit wie wir es kennen und dann zur großen Finsternis. In gewisser Weise erzählt der Film also die Handlung von Douglas Trumbulls ‚Lautlos im Weltraum‘ mit den Mitteln von Tarkowskis ‚Solaris‘. Ich hoffe ich habe deutlich genug gemacht, dass es sich um keinen fröhlichen Film handelt…

Emelie Jonsson trägt einen Großteil des Films. Dialoge werden nur sehr zurückgenommen verwendet, weswegen wir auf ihre Reaktionen angewiesen sind, um den menschlichen Zugang zur Handlung zu bekommen. An ihrem ausdrucksstarken Gesicht lesen wir ab, wo wir uns befinden. Demgegenüber steht Bianca Cruzeros anfangs völlig zurückgenommene, scheinbar emotionslose Pilotin (Raumpiloten müssen so sein, wie wir erfahren). Später lernen wir, dass unter der scheinbar unbewegten Oberfläche nur umso stärkere Emotionen wüten.

‚Aniara‘ ist Science Fiction wie ich sie mir wünsche. Clever erzählt, mit einer klaren Aussage, fesselnd und faszinierend. Nur lohnt es sich noch einmal daran zu erinnern, dass ‚Aniara‘ ein wirklich deprimierender Film über Hoffnungslosigkeit ist. Aber skandinavisches Kino hat ja auch eher selten den Ruf fröhliche Schenkelklopfer zu produzieren. Ob man das derzeit braucht, muss jeder selbst entscheiden. Sehenswert ist der Film allemal.

Here’s To You, Ennio Morricone

Am 6. Juli 2020 ist Ennio Morricone an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, gestorben. Er wurde 91 Jahre alt. Sein Werk, seine Bedeutung für die Filmmusik hier in einem einzigen Text auch nur anreißen zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Für mehr als 500 Filme hat er den Soundtrack geschrieben, hunderte weitere nutzten seine Musik. Also bleibe ich bei einem kurzen Blick auf sein Leben und tue das einzig Vernünftige, nämlich seine Musik zu verlinken.

Am 10. November 1928 geboren, war klar, dass Ennio in die Fußstapfen seines Vaters treten und Konzerttrompeter werden würde. 1946 erhielt er sein Diplom als Trompeter. Er schloss allerdings ein weiteres Studium als Komponist an, das er 1954 erfolgreich beendete. Im selben Jahr heiratete er Maria Travia, mit der er bis 1966 vier Kinder bekommen würde. Ende der 50er wurde er zu einem bedeutenden Arrangeur des italienischen Schlagers. Als Ghostwriter schrieb er erste Filmkompositionen für etablierte Komponisten. 1961 schrieb er, als Dan Savio, seinen ersten „offiziellen“ Soundtrack. Als Familienvater besaß er oftmals nicht die finanzielle Freiheit so avantgarde zu sein, wie er es sich gewünscht hätte, lieferte meist einfach das, was von ihm verlangt wurde. Das würde sich grundlegend ändern, als er 1964 auf seinen alten Schulkameraden Sergio Leone traf.

Leone seinerseits war wohl überrascht in „Dan Savio“, der seinem Film ‚Für eine Handvoll Dollar‘ zugeteilt wurde, Morricone wiederzutreffen. Hier jedenfalls würde Morricone improvisieren müssen. Denn Geld für ein großes Orchester war nicht vorhanden und Leone wollte ohnehin einen originellen Sound. Vielerorts kann man lesen, dies sei der Moment, als die Filmmusik vom reinen Begleitwerk zum integralen Bestandteil des Films wurde. Diese These halte ich, etwa im Angesicht des Erfolgs von Musicalfilmen im Hollywood der 30er und 40er Jahre, für sehr schwer haltbar. Nein, Morricone tat hier etwas anderes. Mehr noch als Leone mit seinem Film das Aussehen des neuen Genre des Italowesterns prägte, prägte Morricone seinen Klang. Dafür vermischte er natürliche Laute, Pfeifen, Peitschenknallen, Pistolenschüsse mit dem Sound von E-Gitarren, etablierten Konzertinstrumenten und Chorgesang.

DAS ist der Sound, den wir in unserem inneren Ohr hören, wenn wir das Wort Italowestern lesen. Jeder folgende Film des Genres hatte drei Möglichkeiten: 1. Ennio Morricone für den Soundtrack anheuern 2. jemand anderen dranzusetzen, der versucht wie Morricone zu klingen oder 3. bewusst exakt anders als Morricone zu klingen. Jeder wollte Möglichkeit 1. Und so verfasste Morricone in den nächsten 10 Jahren eine gigantische Menge Soundtracks.

Als Beispiele seien hier das Stück L’Arena aus ‚Il Mercenario‘/‘Die gefürchteten Zwei‘

Vamos a Matar, Compañeros aus ‚Zwei Companeros‘, beide für Sergio Corbucci

und The Chase aus ‚Der Gehetzte der Sierra Madre‘ von Sergio Sollima erwähnt.

Morricones Western Soundtracks lassen einen einheitlichen Stil erkennen, waren jedoch stets perfekt auf die Bilder des jeweiligen Films abgestimmt und stehen für sich. Und bei Leones letztem großen Western, ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘ war Morricones Musik bereits zur Regieanweisung geworden. Sie war vor dem Film fertig und wurde am Set zur jeweiligen Szene abgespielt. Die Darsteller konnten also gar nicht anders als auf die Musik zu reagieren. Und wie die Enthüllung von Schurke Frank zeigt, Morricone kann einen guten Film großartig und einen großartigen Film unsterblich machen. Die Szene hätte nicht die Hälfte ihrer Wirkkraft ohne seine Musik.

Morricone konnte sich nun die Filme aussuchen, für die er arbeiten wollte. Er nahm sich hochpolitischer Themen, wie Gillo Pontecorvos ‚Schlacht um Algier‘

oder dessen ‚Queimada‘ an.

In den 70ern ging seine Arbeit aber bereits auch über Italien hinaus und bis nach Hollywood, wo er etwa Terrence Malicks grandiosen ‚Days of Heaven‘ vertonte.

Regisseure, die zum ersten Mal mit ihm arbeiteten, waren oftmals verwundert. Er kam nicht zu ihnen, sie kamen zu ihm nach Rom. Und anstatt ihnen am Klavier vorzuspielen, ließ er sich Szenen beschreiben oder zeigen, sagte wenig und begann zu schreiben. Er war berühmt dafür quasi die gesamte Orchestrierung von Anfang an im Kopf zu haben. Und sollte es doch mal später passieren, dann fuhr er auch gern im Auto rechts ran und begann zu schreiben. Inspiration hielt er für Unsinn. Neugier, Studium und Fleiß sah er als wahres Geheimnis seines Erfolges an.

Eine Kollaboration, die sich Morricone immer gewünscht hatte, aus der aber nichts wurde, war mit Stanley Kubrick. Tatsächlich standen beide in Gesprächen für ‚A Clockwork Orange‘. Doch als Kubrick aus einem Telefongespräch erfuhr, dass Morricone parallel an einem anderen Film arbeiten würde, meldete er sich nie wieder bei ihm.

1982 trat John Carpenter auf ihn zu. Mit ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ war er in der seltenen Situation jemand anderen für den Soundtrack bezahlen zu können. Morricone war verwirrt, warum Carpenter es nicht dennoch selbst machen wollte. „Weil ich zu Ihrer Musik geheiratet habe.“ Antwortete der. Morricone legte ihm zwei Soundtrackkonzepte vor. Ein orchestrales und ein elektronisches, das quasi exakt wie Carpenters Musik klang. Letzteres hat er natürlich genommen. Es ist beachtlich, wie gut Morricone auch mit der ungewohnten, elektronischen Musik umgehen konnte. Sein Thema klingt wie eine, nicht ganz perfekte, Nachahmung eines menschlichen Herzschlages. (Und war 1983 für die Goldene Himbeere als schlechteste Musik nominiert, nur als Information für Leute, die glauben, die „Raspberries“ seien erst in den letzten Jahren zu totalem Schwachsinn verkommen)

Einen meiner liebsten Soundtracks schuf er allerdings 1986 für Roland Joffés ‚The Mission‘. Mehrfach hatte er bewiesen, dass er in seinen Soundtracks ein einzelnes Instrument herauszustellen weiß, sei es die Mundharmonika in ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘, oder die Panflöte in ‚Es war einmal in Amerika‘. Hier nun ist es die Oboe. Eine solche dient im Film nämlich als wesentliches Werkzeug der Völkerverständigung. In den Händen eines weniger talentierten Komponisten hätte das sehr leicht peinlich werden können. Doch Morricone lässt es mit ‚Gabriels Oboe‘ glaubhaft erscheinen.

Damit wären wir bei einem anderen Thema, den Oscars. Die Beziehung zwischen Morricone und Hollywood war nicht unbedingt ganz einfach. Er weigerte sich dort hinzuziehen, und Hollywood verweigerte ihm lange Zeit den „Ritterschlag“ eines Oscars. Oh sicher, 2007 erhielt er den Oscar für sein Lebenswerk, jenen Entschuldigungspreis der Academy, auf dem genauso gut „Trostpreis“ stehen könnte. Fünf Mal war er bis dahin nominiert gewesen. Darunter auch für ‚The Mission‘, was der Soundtrack war, über den er später sagte, er hätte damit eigentlich gewinnen müssen. Schalkhaft sagte er ebenfalls, wenn es nach ihm ginge, müsste er eigentlich alle zwei Jahre einen Oscar bekommen. Und bekommen sollte er ihn noch. Quentin Tarantino wollte lange Zeit mit ihm arbeiten. Doch Zeit und Morricone fortgeschrittenes Alter machten dem immer wieder einen Strich durch die Rechnung, sodass Tarantino auf bestehende Kompositionen von Morricone zurückgreifen musste. Für ‚Django Unchained‘ schrieb er ihm allerdings ein Stück. Und für ‚Hateful Eight‘ arbeiteten sie endlich zusammen und Morricone erhielt seinen „echten“ Oscar. Man könnte erwarten Morricone, damals Mitte 80, würde sich auf seinen Lorbeeren ausruhen. Für seinen ersten Western seit dem Bud Spencer Film ‚Eine Faust geht nach Westen‘ von 1981 ein Best Of seiner Italowestern Soundtracks neu aufwärmen. Doch finden sich hier keine twängelnden Gitarren, kein Pfeifen. Die Musik ist orchestral und kühl, erinnert eher an seine Arbeit am Giallo-Film (die ich hier schmählich übergangen habe) und im Intro direkt an ‚Das Ding‘. Die perfekte Textur für Tarantinos paranoiden Thriller.

Schließen möchte ich mit einem Stück aus seiner politischen Ära. „Here’s To You“ stammt aus dem Film ‚Sacco und Vanzetti‘ über die italienstämmigen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Beide waren in den USA der 20er Jahre Anhänger der anarchistischen Arbeiterbewegung und wurden in New York, in einem unfairen Schauprozess, fälschlich eines Raubmordes schuldig gesprochen und hingerichtet. Beide wurden 1977 posthum rehabilitiert. Komponiert von Morricone mit einem Text von Joan Baez, basierend auf einer späten Aussage Vanzettis, beginnt das Stück als Trauermarsch und endet im Triumph.

Addio Maestro. Grazie per la Musica.

Newslichter Ausgabe 100: Singvögel, Schildkröten und Murmeltiere… jetzt wird’s zoologisch

Willkommen bei Ausgabe 100 des Newslichters. Wow, 100 mal habe ich hier nun schon zumeist Unsinn, gelegentlich Wichtiges aus der Filmindustrie kommentiert. Und wie könnte man so ein Jubiläum besser feiern, als mit neuen Filmnews? Genau, gar nicht. Es sei denn, drei der vier News drehen sich, in gewisser Weise, um Tiere. Das wäre noch besser.

Der traurigen Nachricht zum Tode Ennio Morricones werde ich am Samstag einen eigenen Beitrag einräumen. Das würde hier jeden Rahmen, in Sachen Länge und Tonalität, sprengen. Heute soll es um Corona und den Umgang damit in Hollywood, die Frage ob wirklich jede IP wieder aufgekocht werden muss und Teenage-Schildkröten in der midlife crisis gehen. Legen wir also los!

 

‚Songbird‘ vor dem Aus?

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18531579.html

Der Thriller ‚Songbird‘ sollte die Corona-Krise zum Thema haben. Nicht nur deswegen, sondern auch weil er einer der ersten Filme gewesen wäre, die in Hollywood wieder in Produktion gehen, waren zahllose Augen auf ihn gerichtet. Nun hat es für Produzent Michael Bay aber eine der schlechtesten Neuigkeiten gegeben, die man sich vorstellen kann. Die einflussreiche Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA hat für den Film eine „Do Not Work“ Aufforderung für den Film erstellt, die ihren Mitgliedern, quasi allen Schauspielern in Hollywood, unter Androhung empfindlicher Strafen, effektiv verbietet an dem Film zu arbeiten. Der Grund ist der intransparente Umgang mit Coronavirus-Sicherheitskonzepten. Offenbar wurde nie über den Ansatz, dass selten mehr als ein Schauspieler in einem Raum sein soll hinaus konkretisiert, keine detaillierten Sicherheitsprotokolle mitgeteilt. Sollte die Aufforderung bestehen bleiben, könnte das ein Aus für den Film bedeuten. Auf Produzentenseite versucht man die Angelegenheit derzeit als bald gelösten „Papierkram“ abzutun, allerdings ist ein gewisser PR-Schaden für den Film, der sich neue, angepasste Konzepte auf die Fahnen geschrieben hatte schon jetzt unübersehbar. Es wird sich zeigen müssen, ob die vielzitierten „innovativen Techniken“ nur unter Verschluss gehalten wurden, oder leeres Gerede waren. Insbesondere in einem Los Angeles, das derzeit traurige Rekordzahlen an Neuerkrankungen vermelden muss, ist ein schulterzuckender Umgang mit dem Virus schlicht nicht gangbar.

 

‚Teenage Mutant Ninja Turtles‘ rebooten mal wieder

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18531530.html

Schildkröten, das ist bekannt, werden ziemlich alt. Da erstaunt es auch nicht, wenn ihre Teenager Jahre deutlich länger dauern als bei anderen Spezies. Bei den ‚Teenage Mutant Ninja Turtles‘ nun immerhin schon seit den späten 80ern. Die Pizza-süchtigen Kanalisationsbewohner scheinen nicht totzukriegen. Die letzten beiden Realfilme, ebenfalls von Michael Bay produziert, kamen bei der Kritik Allerdings gar nicht gut an und zumindest der Zweite blieb unter den finanziellen Erwartungen. Also dachte man sich, rebooten wir sie halt gleich wieder. Erneut als Realfilme produziert von Michael Bay. Doch das scheint sich nun geändert zu haben. Man will für die Filme, vielleicht nicht zuletzt unter dem Einfluss der Corona-Krise, nun voll auf Computeranimation setzen. Auch hat Bay seinen Produzentenposten verloren und ist durch Seth Rogen ersetzt worden. Das lässt eine deutlich humorigere Variante der Turtles erwarten. Davon unabhängig produziert derzeit auch Netflix einen Animationsfilm mit den mutierten Teenager Ninja Schildkröten. Apropos, das Unterhaltsamste was ich mit den Grünlingen in letzter Zeit gesehen habe, war ihr animiertes Crossover mit Batman. Okay, das war auch das Einzige mit ihnen, was ich gesehen habe, aber Spaß hat es gemacht. Aber ich bin sicher, sie werden auch in 15 Jahren noch Teenager und Ninjas sein.

 

‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘ Serie?

https://screenrant.com/groundhog-day-movie-tv-show-stephen-tobolowsky/

Ich bin, das ist vermutlich deutlich geworden, nicht der allergrößte Freund von Reboots und Remakes. Ich lehne sie nicht rundheraus ab, allerdings wirken sie fast immer wie eine kreative Krücke. Ein Film bei dem ich bei einem Remake vermutlich auf die Barrikaden gehen würde, ist allerdings ‚Und täglich grüßt das Murmeltier‘. Obwohl eine Studioproduktion, bin ich doch der Meinung in dem Film steckt ganz viel Herz und Seele von Harold Ramis. Zu viel als das irgendjemand anderes den Film adäquat rebooten könnte. Was bei der Thematik des Films ohnehin reichlich albern wirkt. Auch war ein, zugegeben trauriges, kreatives Element die Spannung zwischen den alten Freunden Ramis und Bill Murray, die zu einem Bruch der Freundschaft führte, der erst kurz vor Ramis‘ tragisch frühem Tod mit 69 Jahren gekittet werden konnte. Und seit diesem tragischen Tod gibt es exakt keinen Grund mehr, warum Punxatawney Phil jemals wieder seinen Schatten auf der Leinwand entdecken sollte. Nun hat Stephen Tobolowsky, Darsteller des Ned Ryerson („Biiiing!“) allerdings in einem Podcast erzählt, dass ihn ein Produzent angesprochen habe, ob er die Rolle 30 Jahre später für eine Fernsehserie basierend auf dem Film noch einmal spielen wolle. Eine Fernsehserie brauche ich zwar auch nicht, allerdings kann ich sie besser ignorieren, als mir das bei einem Remake/Reboot möglich wäre. Ich wünschte nur manche Dinge könnten liegengelassen werden als das was sie sind und nicht als Ressource betrachtet werden, die man immer weiter ausbeuten muss. Aber hey, das Murmeltier grüßt schließlich täglich. Moment, war das nicht ein Sinnbild für die Hölle?

 

„Who You Gonna Call?“

https://deadline.com/2020/07/ghostbusters-sony-independence-day-box-office-relic-spider-man-far-from-home-1202978592/

Der Unabhängigkeitstag der USA, der vierte Juli, ist immer auch ein wichtiger Tag für das Kino. Wer an diesem Tag das „box office“ beherrscht, beherrscht womöglich auch den Rest des Jahres. Letztes Jahr war das etwa ‚Spider-Man: Far From Home‘. Dieses Jahr ist, natürlich, merkwürdiger. Ein Großteil der US-Kinos ist noch geschlossen, die anderen laufen nur im Teilbetrieb. Das ist eine Situation seltsam genug, dass man sich bewegt fühlen mag, paranormale Hilfe anzufordern. Und das ist geschehen, in Gestalt der ‚Ghostbusters‘ von 1984, die die Topliste dieses Jahr anführten. Eine halbe Million hat der Film am vierten Juli im Kino eingespielt. Klingt nicht nach wahnsinnig viel, aber für einen 36 Jahre alten Film unter den gegebenen Bedingungen ist das nicht übel. Ob man das als gutes Vorzeichen für den dritten Film, der nächstes Jahr ins Kino kommen soll, werten mag oder nicht ist jedem selbst überlassen.

Und das war es für diese Woche. Auf 100 weitere Ausgaben, angefangen mit der von nächster Woche!

‚Tomb Raider‘ (2018)

Videospiele sind in den letzten 2 Jahrzehnten mehr und mehr integraler Teil des Mainstreams und der Unterhaltungsindustrie geworden. Und doch würde ich behaupten, kein Videospielheld hat je wieder eine Durchdringung des Zeitgeistes geschafft, wie ‚Tomb Raider‘ Lara Croft in den späten 90ern. Die frühen Spiele mit ihr brachten erforschendes Herumhüpfen, Rätseln und Ballern auf recht elegante Weise zusammen, doch das allein erklärt den Erfolg der Figur nicht. Lara machte Werbung für alles, von der Automarke SEAT bis zur Zeitschrift Brigitte. Sie kloppte sich als Renderfigur mit den „Die Ärzte“ im Video zu „Männer sind Schweine“, ging als CGi-Filmchen mit U2 auf Tour. Sie zierte zahllose Zeitschriftencover und in Derby, Sitz der Firma Core, wo die Figur erfunden und die ersten Spiele entwickelt wurden, ist gar eine Straße nach ihr benannt. Kann selbst ein Mario das von sich behaupten? Anfang der 2000er kamen dann die unausweichlichen Filme. Mit Angelina Jolie hat man eine fähige Darstellerin an Bord gehabt, dennoch funktionieren beide Filme für mich überhaupt nicht. Hier wurde zum Problem, was bis dato den Erfolg der Figur ausmachte: das Lara als Charakter eine leere Leinwand war, auf die man von der Männerfantasie bis zur feministischen Ikone alles draufprojizieren konnte. Der Hype endete, die Spiele wurden in den 2000ern rebootet und noch einmal in den 2010ern. Das erste dieser neuen Reihe von 2013 liefert die grundlegende Story des neuen Films. Kein Wunder, erzählt es doch den 2010erigtsen aller 2010erigen Blockbuster-Plots: eine Origin-Story. Aber gelingt es ihm auch aus Lara Croft mehr als ein Symbol für was auch immer zu machen?

Die junge Lara Croft (Alicia Vikander) arbeitet als Fahrradkurierin in London. Sie könnte das Erbe des gigantischen Finanzimperiums ihres Vaters Richard (Dominic West) antreten, der vor sieben Jahren verschwunden ist. Doch dafür müsste sie anerkennen, dass er verstorben ist, was sie verweigert. Allerdings kommt sie auf die Spur wo er verschwunden ist: auf der Suche nach dem Grab von Himiko, der ersten Königin in Japan, die auf der Insel Yamatai beerdigt sein soll. Gemeinsam mit Lu Ren (Daniel Wu), dem Sohn des Kapitäns, der ihren Vater nach Yamatai gebracht hat, macht sie sich auf die Suche nach der Insel. Nach erfolgreichem Schiffbruch an deren Küste treffen sie auf Agenten der finsteren Organisation Trinity unter Mathias Vogel (Walton Goggins), dessen Auftraggeber sich finstere Kräfte aus dem Grabmal versprechen. Mit den Unterlagen ihres Vaters hat Lara Vogel nun genau das geliefert, was zur Entdeckung des Grabes noch fehlte. Für sie und Lu Ren entbrennt bald ein Kampf gegen Trinity und einige überraschende Entdeckungen erwarten sie.

Regisseur Roar Uthaug, der mit diesem Namen eigentlich Sänger einer Black Metal band sein müsste, war mir bislang nur von seinem Slasher ‚Cold Prey‘ bekannt. Der fühlte sich derart formelhaft an, dass er mir wenig mehr als ein Schulterzucken entlocken konnte. Auch ‚Tomb Raider‘ kann seine Vorbilder kaum verbergen. Von der Küste Yamatais aus, kann man vermutlich ohne Fernglas Skull Island erspähen, wenn auch die akromegale Fauna auf dem Schädeleiland bleibt. Größtes Vorbild sind, wenig überraschend, natürlich die ‚Indiana Jones‘-Filme. Die Dynamik von einem von diesen übernimmt der Film sogar recht direkt für seine zweite Hälfte. Und auch der Superheldenfilm trägt seinen unvermeidlichen Teil bei, wenn Lara sich bewusst wird, wer ihr Vater wirklich ist und was das für sie bedeutet.

Allerdings ist es zu einem guten Teil gerade die Figur der Lara, die den Film funktionieren lässt. Nicht zuletzt die Darstellung Alicia Vikanders „erdet“ die Figur. So seltsam das auch klingt, für eine junge Frau, die es mit Pfeil und Bogen bewaffnet mit einer Söldnergruppe aufnimmt, bevor sie ein halbmythologisches Grab voller Videospiel-hafter Fallen eröffnet. Laras Entwicklung von einer reagierenden zu einer agierenden Person ist der Leim, der den Film, gerade so, zusammenhält.

Apropos Videospiel-haft: eine wirklich interessante, ästhetische Entscheidung trifft der Film, indem er zahlreiche Actionsequenzen direkt an Videospiel-Herausforderungen erinnern lässt. Sei es das Lara blanke Wände erklimmt, wieder und wieder einhändig von Klippen baumelt, oder durch ein zerbrechendes Flugzeugwrack kraxelt, ich musste feststellen, dass ich geradezu instinktiv auf einen imaginären Controller einhämmerte. Das ist ehrlich gesagt nicht das Schlechteste, was eine Videospielverfilmung auslösen kann. Wohl nicht unbedingt um dem Videospiel näher zu kommen, aber doch schwer zu übersehen, waren gelegentliche, arge Schwächen im CGI. Darunter Totalaussetzer, wie man sie im modernen Blockbuster eigentlich kaum noch zu sehen bekommt.

Alicia Vikander habe ich ja bereits lobend erwähnt. Sie mag schauspielerisch hier etwas unterfordert sein, allerdings wird deutlich, dass sie sich ziemlich in diese Rolle reingehängt hat, nicht zuletzt durch körperliches Training. Doch gelingt es ihr die Wandlung von der normalen Frau in außergewöhnlicher Situation hin zu „Lara Croft: Tomb Raider“ glaubhaft zu vollziehen. So glaubhaft ein Charakter, der sich ein etwa 30 cm langes Metallschrappnell aus dem Torso zieht und kurz darauf eine Klippe erklimmt halt sein kann. Videospiele! Daniel Wus Figur des Lu Ren wird vom Film ein wenig verschwendet. Lara und Lu haben eine funktionierende Chemie, die sie zu einem unterhaltsamen Duo werden lässt, doch dann befreit Lu Trinitys Zwangsarbeiter auf der Insel und marschiert, von einem paar Szenen abgesehen, aus dem Film. Mathias Vogel scheint als Figur irgendwo zwischen Belloq und Col. Kurtz gedacht. Und funktioniert als beides nicht. Ich weiß nicht wie sehr ich das Walton Goggins vorwerfen kann, aber mehr als aus irren Augen in die Welt zu blicken und gelegentlich Superschurken-Kram zu murmeln, kommt da nicht rüber.

Wie eine zutiefst begeisterte Empfehlung liest sich das vermutlich nicht, soll es auch nicht sein. Zwei Stunden ist der Film lang, in denen er zu unterhalten, aber auch ordentlich zu langweilen weiß. Die Unterhaltung überwiegt zwar für mich, doch ob ich mich in sechs Monaten noch an den Film erinnern kann, darf immerhin bezweifelt werden. Für eine Videospielverfilmung spielt der Film aber fraglos in der oberen Liga. Ich weiß, ich weiß, mit schwachem Lob verdammt.

Immerhin, finanziell war der Film ähnlich erfolgreich wie der allererste ‚Tomb Raider‘. Was natürlich bedeutet, dass es eine Fortsetzung geben wird. Und der sehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. Denn schreiben wird sie Amy Jump und Regie führen wird Ben Wheatley. Konnten sich also auch die beiden den Verlockungen des Blockbusters nicht mehr entziehen. Aber wenn sie dürfen wie sie wollen, dann bin ich mir sicher, dass die beiden eine wirklich interessante Geschichte mit dieser Lara Croft zu erzählen wissen. Ja, wenn sie dürfen wie sie wollen…

Newslichter Ausgabe 99: Star-K.I., besorgter Detektiv und die Rückkehr der fliegenden Kühe

Willkommen bei Ausgabe 99 des Newslichters. Verschiebungen, Reboots, Klagen und seltsame Pläne. Auch dieser Newslichter hat wieder einiges an Themenvielfalt zu bieten. Covid ist immer noch von größter Bedeutung, aber so langsam scheint die Filmindustrie wieder anzulaufen. In Berlin etwa treffen derzeit die Darsteller für ‚Matrix 4‘ ein und auch in Hollywood gibt es bald einen ersten Testfall in Form von ‚Hypnotic‘, einem Thriller von Robert Rodriguez mit Ben Affleck in der Hauptrolle. Auf den Verlauf dieser Dreharbeiten werden fraglos viele Augen gerichtet sein. Aber kommen wir zu dieser Woche und legen los!

 

‚Tenet‘ verschoben

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18531481.html

Womöglich ist hier eine neue Dauerbrenner-Kategorie für den Newslichter geschaffen. Christopher Nolans ‚Tenet‘ ist erneut verschoben worden. Auf den 12. August, sowohl für die USA als auch für Deutschland. Denn in den wichtigen Gebieten New York und Kalifornien sieht es für die Lichtspielhäuser dank hoher Covid-19 Fallzahlen derzeit noch (oder wieder) schlecht aus. Dafür soll der Film, laut Warner, ungewöhnlich lange im Kino gehalten werden, damit auch Menschen, die sich im Moment (oder eher im August) noch Sorgen um einen Kinobesuch machen, die Chance bekommen den Film auf der Leinwand zu sehen. Der Re-Release von Nolans ‚Inception‘ mit Bonusmaterial und Vorschau ist dementsprechend nun auf den 30. Juli verschoben. Wobei einige große Kinoketten derzeit ohnehin eine ganze Reihe Nolans wiederaufführen.

 

Darf sich Sherlock Sorgen machen?

https://variety.com/2020/biz/news/sherlock-holmes-netflix-copyright-enola-holmes-lawsuit-1234648188/

Die Figur des Sherlock Holmes erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Scheinbar ständig scheinen Filme oder Serien in Produktion, die Arthur Conan Doyles kalten Logiker am Leben halten. Seine Erben (Doyles, nicht Holmes) wurmt das ein wenig. Die Figur selbst ist bereits public domain, in den USA sind nur noch die letzten 10 Geschichten urheberrechtlich geschützt. Jene 10 letzten Geschichten, in denen Doyle seinen Detektiv empathischer und warmherziger agieren ließ. Und genau das nutzen die Erben derzeit für eine Klage. Denn im Film ‚Enola Holmes‘, der Sherlocks jüngere Schwester in den Mittelpunkt stellt, macht er sich erkennbar Sorgen um einen entführten Doktor Watson. Eine Reaktion, so behaupten die Erben, die nur der noch geschützte, emotionale Holmes aus den späten Geschichten zeigen würde. Ich, als jemand der alle Holmes Geschichten gelesen hat, halte das für ziemlichen Schwachsinn. Holmes würde Watson nie direkt sagen, dass er Angst um ihn hatte, aber es wäre zwischen den Zeilen für jeden, selbst Watson, überdeutlich zu lesen. Es ist nicht die erste Klage dieser Art. Auch ‚Mr. Holmes‘, in dem Ian McKellen einen alternden, demenzkranken Holmes gibt, wurde schon (erfolglos) verklagt, weil der Holmes zu emotional agieren würde. Es darf also bezweifelt werden, dass diese Klage die Veröffentlichung von ‚Enola Holmes‘, Verfilmung einer Buchreihe von Nancy Springer, stoppen wird. Der Film kann mit Millie Bobby Brown als Enola und Henry Cavill als Sherlock aufwarten. Hm, Superman, Sherlock Holmes, wenn Cavill jetzt noch nen Piraten spielt, dann hat er alle meine kindlichen Faschingskostüme abgearbeitet…

 

Erica, die K.I. ist da

https://www.hollywoodreporter.com/news/ai-robot-cast-lead-role-70m-sci-fi-film-1300068

Bondit Capital Media sind durchaus dafür bekannt ungewöhnliche Filme zu finanzieren. Etwa den ersten in Öl gemalten Animationsfilm ‚Loving Vincent‘. Nun steht mit dem wenig suchmaschinenfreundlichen Film ‚b‘ eine weitere Premiere an. Der erste Film, der einen K.I. gesteuerten Roboter als Hauptdarstellerin hat. Zusammen mit ein paar anderen Produzenten sind 70 Millionen Dollar für den Film zusammengekommen, in dem Erica, ein KI gesteuerter Roboter, der von den japanischen Wissenschaftlern Hiroshi Ishiguro und Kohei Ogawa entworfen wurde und von ihnen auch Schauspiel „beigebracht“ bekam, ihr Debüt hinlegen soll. Im Film soll sie eine ebenfalls künstlich erschaffene Frau spielen. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung wie das aussehen soll. Ich bezweifle, dass es wirklich eine K.I. gibt, die in der Lage ist glaubhaft auf Situationen zu reagieren, was bedeuten würde, die Reaktionen müssten vor jeder Szene direkt einprogrammiert werden, was einfach nur albern klingt. Daher überrascht es vielleicht nicht, dass es sich nicht um den ersten Versuch handelt. Der letzte geplante Film mit Erica ist aber irgendwann im Nirvana verschwunden. Aber in diesen Covid Zeiten ist die Idee von Roboter-Darstellern vielleicht gar nicht so abwegig. Krank werden die immerhin nicht. Außer durch Computerviren.

 

Da fliegt die Kuh: ‚Twister‘ Reboot

https://variety.com/2020/film/news/twister-reboot-joseph-kosinski-universal-1234648589/

‚Twister‘ war damals ein Riesenerfolg. Von Jan de Bont inszeniert, von Spielberg produziert und von Michael Crichton geschrieben, löste er nicht nur in den USA eine „Stormchaser“ Manie aus, er nahm auch eine knappe halbe Milliarde an den Kinokassen ein und konnte damals bahnbrechende Spezialeffekte vorweisen. Nun würde Universal gerne beweisen, dass das damals kein Sturm im Wasserglas war und ein Reboot produzieren. Ein Regisseur ist auch schon gefunden: Joseph Kosinski. Der ist ja so etwas wie ein Experte für späte Fortsetzungen, sei es ‚Tron: Legacy‘ oder ‚Top Gun Maverick‘, später dieses Jahr. Es scheint dennoch eine merkwürdige Zeit für ein ‚Twister‘ Reboot. Blockbuster rund um Naturkatastrophen scheinen in Hollywood derzeit ziemlich out, es sei denn man heißt Roland Emmerich. Vielleicht möchte man auch einen neuen Trend lostreten. Wobei ich nicht sicher bin, wie empfänglich das Publikum derzeit für Katastrophenfilme ist. Mit allem so wie es gerade ist.
Das war es für diese Woche. Nächste Woche steht Ausgabe 100 an! Wir feiern dieses Jubiläum mit, naja, mit Filmnews, was sonst? Und ob die besonders toll werden kann ich aus offensichtlichen Gründen nicht kontrollieren. Ich meine natürlich: WUUUHUUU Ausgabe 100!!

 

‚Systemsprenger‘ (2019)

Aus den inoffiziellen Begriffen einer bestimmten Sparte kann man häufig viel lernen. Weil sie oftmals Umstände oder Personen beschreiben, die diese Sparte insbesondere umtreiben und mit denen noch kein geeigneter Umgang gefunden ist. „Systemsprenger“ macht aus diesem Umstand gar keinen Hehl. In der Jugendhilfe beschreibt der Begriff Kinder, die aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten, oftmals aufgrund früherer Gewalterfahrung, von Hilfsangeboten zu Zwangsmaßnahmen und zurück durchgereicht werden, weil niemand mit ihnen umzugehen weiß. Das hinterlässt Schäden in den Institutionen, doch auch bei den „Systemsprengern“ selbst, die meist irgendwann komplett aus dem System herausfallen, kriminell oder obdachlos werden. Während des Drehs einer Dokumentation begegnete Autorin und Regisseurin Nora Fingscheidt einer solchen Systemsprengerin. Es folgten etwa vier Jahre Recherche, in denen sie in Betreuungsstationen oder der Kinderpsychatrie mitgearbeitet und das Drehbuch verfasst hat. Herausgekommen ist eines der beeindruckenderen, deutschen Spielfilmdebüts der letzten Jahre.

Bernadette, genannt Benni (Helena Zengel), ist 9 Jahre alt und würde am liebsten bei ihrer Mutter leben. Allerdings neigt sie zu aggressiven Ausbrüchen, zum Weglaufen und ist allgemein unberechenbar, weswegen ihre Mutter mit ihr überfordert ist und nicht zuletzt sogar Angst vor ihr hat. Vor allem darf, aufgrund eines frühkindlichen Traumas, niemand Benni ins Gesicht fassen. So wird sie auch von Pflegefamilien zu Wohnstätten zu Notauffangstationen durchgereicht, ohne dass man ihr helfen könnte. Die engagierte Jugendamtsmitarbeiterin Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) ist zwar warmherzig und hilfsbereit, muss jedoch einsehen, dass ihr die Möglichkeiten auszugehen drohen. Eine neue tut sich auf, als Benni der Anti-Aggressionstrainer Micha (Albrecht Schuch) als Schulbegleiter zugeteilt wird, der dort ihre Ausbrüche kontrollieren soll. Der Mann, der sonst mit straffälligen Jugendlichen arbeitet, glaubt Benni helfen zu können, wenn sie drei Wochen als Erlebnispädagogik in einer Hütte im Wald verbringen, die er ansonsten mit seinen Jugendlichen besucht. Obwohl er gewissen Zugang zu Benni findet, stößt auch er an seine Grenzen und macht einen großen Fehler, indem er selbst aus den Grenzen des Systems tritt.

Drei Dinge fallen einem an ‚Systemsprenger‘ unweigerlich auf. Da ist zum ersten seine geradezu kinetische Energie. Das wird schon in den ersten beiden Szenen deutlich. In der ersten wird Benni von einer Ärztin untersucht, gibt kurzgefasste und präzise Antworten auf Fragen. Auf die Frage, was sie einmal werden möchte, antwortet sie „Erzieherin“.  Schnitt und zwei eben solche Erzieher verstecken sich hinter Sicherheitsglas vor einem ihrer Wutausbrüche. Benni bringt es zum splittern. Derart aufgeladen bleibt der Rest des Films. Die Aufnahmen wirken oft genug pseudodokumentarisch, so wackelt die Kamera etwa, wenn sie Benni hinterher eilt, oder eine Szene mit ihr im fließenden Straßenverkehr, die die Haare zu Berge stehen lässt. Das sorgt für ein „Mittendringefühl“. Dabei leistet Fingscheidt einiges, um uns in die durchaus schwierige Perspektive des Mädchens zu bringen. Sie nicht zu einem Problem zu erklären, das gelöst werden muss, sondern uns ihre Erfahrung nachempfinden zu lassen. Dabei fühlen sich oftmals gerade die Momente von Bennis Gewalttätigkeit gelebt und nicht gespielt an.

Das Zweite ist, dass Fingscheidt alles tut, um typische Klischees zu vermeiden. Keiner der Charaktere, allen voran Benni, ist einfach nur gut oder schlecht, mit vielleicht einer Ausnahme und der kommt nur in einer Szene vor. Die Reaktion der Erwachsenen auf Benni ist nachvollziehbar. Natürlich sind einige ausgebrannt und wollen sie einfach nur loswerden, wer könnte es ihnen ernstlich vorwerfen? Die Jugendhilfe wird als ein in sich funktionierendes System dargestellt, das hier einfach an die Grenze seiner Möglichkeiten geführt wird. Ja, der stille aber siedende Zorn der Erzieher auf Bennis Mutter, die mit ihrem mäandernden hin- und her, ihren leeren Versprechungen an das Kind nur immer mehr Schaden anrichtet, ist verständlich, doch letztlich ist auch sie gefangen in ihrem eigenen System. Manche Systeme sollten womöglich gar gesprengt werden. Auch stammt Benni nicht aus prekären Verhältnissen und ist noch weit von der Pubertät entfernt, was typische, einfache Antworten von vornherein unmöglich macht.

Das dritte und absolut wesentliche Element für das Gelingend es Films ist aber Helena Zengel. Ihre Benni ist extrem verletzlich, begeisterungsfähig, vor allem aber wahnsinnig zornig. Diesem Zorn mischt Zengels Spiel aber immer auch eine Not, eine Verzweiflung bei, die ganz wesentlich ist. Denn ohne dieses Element würde diese geballte Wut vermutlich früher oder später so abstoßend auf den Zuschauer wirken müssen, wie sie es auf viele Charaktere des Films tut. So aber hoffen wir zwei Stunden lang, dass für das Mädchen, das jederzeit zur neonpinken Naturgewalt werden kann, irgendeine Art von Lösung gefunden werden kann. Zengel war in der Auswahl der übrigen Schauspieler stets wesentlich involviert und ihre Angabe, ob sie sich wohlfühlen würde, mit ihnen zu arbeiten ausschlaggebend. Eine herausragende Leistung, die dafür gesorgt hat, dass sie nun für den neuen Film von Paul Greengrass mit Tom Hanks arbeitet. Nicht übel!

Der restliche Cast setzt sich aus professionellen Darstellern aber auch echten Mitarbeitern der Jugendhilfe zusammen. Allesamt machen ihren Job sehr gut, allen voran Albrecht Schuch als Micha. Anfangs nimmt Micha, der sonst mit gewalttätigen Jugendlichen arbeitet, Benni nicht so recht ernst. Auf ihre Frage, ob sie die schlimmste Person sei, mit der er je gearbeitet hat, antwortet er „natürlich nicht!“ Sein Problem ist, dass er alsbald die Distanz verliert, sich, wie er selbst sagt, in Rettungsfantasien verliert. Das System schreibt vor, dass er dann den Fall abgeben muss. Ein weiterer Magenhieb für das Kind.

Es ist, das sollte nach der Beschreibung ziemlich deutlich sein, kein sonderlich fröhlicher Film. Es ist aber vor allem auch keiner, der sich in einfachen Anschuldigungen, oder schlimmer noch in einfachen Antworten gefällt. Ich würde ihn grob als „Antifamilienfilm“ bezeichnen. Auch ist sich ‚Systemsprenger‘ natürlich der Sprengkraft (he) seines Titels bewusst. Schiebt der doch in gewisser Weise den schwarzen Peter zu den Menschen, die nicht ins System passen und nicht zu einem System, das eben nicht auf alle Menschen passt. Doch was, wenn am Ende alle Systeme gesprengt sind?