Die 2010er und der Film: 3D und Celluloid

Anderthalb Monate sind noch übrig, dann ist sie vorbei, die zweite Dekade des 21ten Jahrhunderts. Für den Film war es eine Zeit der versuchten Revolutionen, von denen bei weitem nicht jede gelang. Es war aber auch eine Zeit der Reaktion, eine Rückkehr alter Strukturen und ein Offenlegen von fehlgeleiteten Strukturen. Vieles hat sich geändert, manches zum Besseren, manches zum Schlechteren. Grund genug auf einige Trends der 2010er zurückzublicken. Eine Zeit in der Begriffe wie Streaming oder Cinematic Universe mit Bedeutung gefüllt wurden. Eine Zeit, in der Disney die Popkultur aufgekauft hat. Doch wir wollen nicht zu weit vorgreifen. Beginnen wir mit etwas, das für die darbenden Kinos des letzten Dekadenwechsels als Heilsbringer gehandelt wurde: die 3D Technologie. Weiterlesen

Newslichter Ausgabe 66: James Deans tolle(?) neue Rolle

Willkommen zur Ausgabe 66 des Newslichters.

https://www.hollywoodreporter.com/news/afm-james-dean-reborn-cgi-vietnam-war-action-drama-1252703

https://www.hollywoodreporter.com/news/director-new-james-dean-movie-speaks-backlash-stars-casting-1253232

Die 50er Jahre waren die Geburtsstunde der Teenager in Hollywood. Heute als Zielgruppe nicht mehr wegzudenken und damit mehr als reichlich repräsentiert, spielten sie vor Mitte der 50er Jahre quasi keine Rolle. Mit die Hauptverantwortung für diese Veränderung trägt Darsteller James Dean. Er verlieh einer ganzen amerikanischen Generation eine Stimme die vorher keine hatte. Er wurde zum Symbol für die Rebellion gegen gutbürgerliche Selbstzufriedenheit. Insbesondere seine Rolle in ‚… denn sie wissen nicht, was sie tun‘ trägt zu seinem Status als rebellische Ikone bei. Sicher, die Tatsache, dass einer seiner größten Wünsche ist, eines Tages selbst Regie zu führen und sein Lieblingsbuch „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry zu verfilmen, passt vielleicht nicht ganz in das rebellische Bild, aber es tut ihm auch keinen Abbruch. Allerdings sollte seine zweite Hauptrolle in ‚… denn sie wissen nicht, was sie tun‘ auch seine vorletzte sein. In der Abenddämmerung des 30. Septembers 1955 krachte Dean auf einem kalifornischen Highway, mit seinem neuen Porsche 550 Spyder, in die Beifahrerseite eines Linksabbiegers. Er war sofort tot. Er war 24 Jahre alt. Die Legendenbildung begann quasi augenblicklich. Polizei und Experten spekulierten, ob Dean mit weit überhöhter Geschwindigkeit und ohne Licht gefahren sei, oder der als unsicher beschriebene andere Fahrer ihm die Vorfahrt genommen hatte. Experimente hierüber sind sich auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch uneins. Teenager verabredeten sich, ihm per Selbstmord in den Tod zu folgen (Belege für tatsächliche Durchführungen solcher Pläne gibt es glücklicherweise keine). Warner, geschmackssicher wie stets, verlegten die Veröffentlichung seines letzten Filmes ‚Giganten‘ auf seinen Todestag 1956.

Und hier hätte es enden sollen. Oh sicher, James Dean wird weiter rebellieren, solange noch eine Kopie eines seiner Filme existiert. Allein seine Fotografien sichern ihm seine ikonische Stellung. Seine Nachlassverwalter (zwei Cousins väterlicherseits) verdienten noch Mitte der 2000er jährlich 5 Millionen Dollar mit der Marke „James Dean“ via DVD Verkäufen und Verwendung von Fotografien für Werbezwecke. Man darf bezweifeln, dass es seitdem deutlich weniger geworden ist.

Doch nun sieht es so aus, als würde James Dean eine vierte Hauptrolle bekommen. Den Machern von ‚Finding Jack‘, einem Film über einen amerikanischen Soldaten in Vietnam, der eine Freundschaft mit einem Militärhund eingeht und seinen caninen Kumpel retten muss, als der und 10.000 andere Hunde als „überflüssiges Material“ zurückgelassen werden sollen, gelang es nach eigenen Aussagen nicht, in umfangreichen Castings einen geeigneten Hauptdarsteller für ihren Film zu finden. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als auf eine CGI Version von James Dean zurückzugreifen. Aus Archivaufnahmen und Fotografien soll diese Computer-Version entstehen, seine Stimme soll nachgesprochen werden.

Die Reaktion sowohl der Öffentlichkeit als auch von anderen Filmschaffenden auf diese Neuigkeit war ebenso heftig wie negativ. Ich selbst habe auf diesem Blog schon mehrfach über meine Ablehnung solcher CGI-Darsteller-Versionen realer Schauspieler geschrieben. Der Ko-Regisseur des Films, Südafrikaner Anton Ernst, erklärte sich „traurig“ und „verwirrt“ aufgrund der negativen Reaktionen. Die Macher hätten die Unterstützung der oben erwähnten Nachlassverwaltung, hätten das Casting Deans niemals als Marketinggimmick betrachtet und ziehen direkte Vergleiche zur Verjüngungstechnologie, die derzeit Anwendung, etwa in Martin Scorseses ‚The Irishman‘, findet.

Zur Unterstützung durch die Nachkommen kann ich offensichtlich nichts sagen, das bleibt ihnen überlassen. Doch die anderen Punkte sind in meinen Augen, mit Verlaub, ärgerlicher Unsinn. Es ist unmöglich einen lebenden Schauspieler zu finden, der den „sehr brillant komplexen Charakter“ (laut Ernst) des Soldaten darstellen kann? Ich gebe zu ich habe gewisse Schwierigkeiten das zu glauben. Noch größere Schwierigkeiten habe ich dann allerdings damit, dass der logische nächste Schritt (ohne je auch nur an Marketinggimmicks zu denken!) sein soll James Dean im Computer wiederzubeleben. Damit er 65 Jahre nach seinem Tod eine „brillant-komplexe“ Rolle in einem Film über einen Krieg spielen kann, der zum Zeitpunkt seines Todes gerade erst im Ausbruch befindlich war. Wer hätte da mit einer heftigen Reaktion rechnen können? Wie viel Naivität soll ich den Machern ernsthaft zugestehen? Darf ich an die „Wiederbelebung“ von Peter Cushing in ‚Rogue One‘ erinnern? Die wurde auch nicht überall (unter anderem von mir) positiv aufgenommen. Allerdings konnte ich dort immerhin verstehen warum es gemacht wurde: um eine von Cushings ikonischsten Rollen noch einmal verwenden zu können. Hätte man Cushings Abbild für etwas anderes verwendet, etwa als Onkel Ben in einem neuen ‚Spider-Man‘, oder als Bösewicht in einem ‚Saw‘ Reboot, oder was auch immer, wären die Reaktionen (mindestens meine) noch weit negativer gewesen. Und genau das geschieht hier gerade mit Dean.

Der Vergleich zur Verjüngungstechnologie aus ‚The Irishman‘ ist ebenfalls unsinnig. De Niro, Pacino und Pesci sind allesamt am Leben um ihr Einverständnis für einen solchen Vorgang zu geben. Sie spielen ihre Rollen immer noch selbst. Und wenn sie Studio X oder Regisseur Y die Erlaubnis erteilen würden, ihr Bild nach ihrem Tod weiterzuverwenden, dann habe ich da auch nicht wirklich ein Problem mit. Ich meine, ich weiß nicht ob ich die Filme unbedingt sehen wollen würde und es würde Hollywood eine weitere Möglichkeit an die Hand geben Altes neu aufzukochen, statt Neues zu schaffen, aber ich hätte kein moralisches Problem damit. Dean hatte nie die Möglichkeit eine solche Erlaubnis zu geben. Oder es zu verbieten. Nicht nur weil er kaum damit gerechnet haben wird mit 24 zu sterben, sondern auch weil 1955 niemand eine solche Technologie auch nur erahnen konnte.

All das ist mal völlig unabhängig von der Tatsache, dass sich James Deans Schauspiel aus den 50er Jahren in einem aktuellen Film wie ein völliger Fremdkörper ausnehmen würde. Was bedeutet, dass man es soweit verändern müsste, dass der „synthetische“ Darsteller mit Dean womöglich nur noch das Aussehen und den Namen gemein hätte. Aber selbstverständlich denkt niemand auch nur im Geringsten an ein Marketinggimmick.

Insgesamt scheint mir die CGI Technologie zur „Wiederbelebung“ von Darstellern, aber auch ihrer Verjüngung im Moment in der Phase zu sein, wo sie für ihre Anwender ebenso sehr Spielzeug wie Werkzeug ist. Das ist so, wie wenn ich einen Bohrschrauber geschenkt bekomme. Der Unterschied ist nur, ich gehe mit meinem Bohrschrauber einer Handvoll von Mitmenschen auf den Geist, weil ich meine, jede Schraube in meiner Umgebung nachziehen zu müssen. Ich komme damit nicht auf die Idee einen jungen, seit 65 Jahren toten Mann aus dem Grab zerren und seine Hülle für einen seelenlosen danse macabre über die Leinwand zu hetzen.

 

Ihr habt es wohl gemerkt, dieses Mal war es ein monothematischer Newslichter. Dieses CGI-Konservenspiel mit verstorbenen Darstellern treibt mich ohnehin um, und diesen Fall mit James Dean und der albernen Geschichte rund um „wir finden keinen lebenden Darsteller“ fand ich ärgerlich genug, dass er mir einen eigenen Newslichter wert war. Ich hoffe Ihr seht es auch so, aber auch sonst gibt es nächste Woche wieder mehr!

‚Ein Gauner & Gentleman‘ (2018)

Wer regelmäßig dieses Blog liest, wird bemerkt haben, dass mir sowohl David Lowerys ‚A Ghost Story‘, als auch Robert Redford in ‚All Is Lost‘ sehr gut gefallen haben. Da ist es natürlich nur folgerichtig, dass ich ihren gemeinsamen Film ‚Ein Gauner & Gentleman‘ auch schaue. Insbesondere, weil es wohl tatsächlich Redfords letzter Film zu sein scheint. Die Geschichte basiert lose auf dem Artikel „The Old Man & The Gun“ von David Gran aus dem Magazin New Yorker. Der Artikel beschreibt das Leben von Bankräuber und Serienausbrecher Forrest Tucker. Lowery hat zwar den Namen für den Originaltitel seines Films direkt übernommen, präsentiert jedoch eine weitgehend fiktionalisierte Version der Geschichte. Kommt dabei ein würdiger letzter Auftritt für Robert Redford herum?

Der 1981 hoch in die Jahre gekommene Bankräuber Forrest Tucker (Redford) geht bei seinen Überfällen fast immer gleich vor: er erklärt einen Bankangestellten oder dem Manager, dass es sich um einen Überfall handelt, zeigt, mehr oder weniger deutlich, dass er eine Waffe in seinem Jackett hat und agiert  dabei so höflich und beinahe fröhlich, dass die meisten Umstehenden nicht einmal bemerken, was gerade passiert. Als er nach einem solchen Überfall einmal vor der Polizei flieht, hilft er der ebenfalls älteren Jewel (Sissy Spacek) bei einer Panne mit ihrem Pick-Up. Zum einen, weil er ein Gentleman ist, zum anderen, weil es eine gute Tarnung ist. Für den Wagen kann er zwar wenig tun, allerdings entwickelt sich zwischen Jewel und ihm eine Beziehung, in der er mal lügt, er sei ein Verkäufer, oder so augenzwinkernd erzählt was er tatsächlich tut, dass es unglaubwürdig wird.

Die Beute aus den Überfällen von Tucker und seinen Komplizen Teddy (Danny Glover) und Waller (Tom Waits) ist stets klein genug, dass die Meldungen darüber fast nie über amüsierte Lokalnachrichten über altersschwache Räuber hinauskommen. Erst als der frustrierte Polizist John Tucker (Casey Affleck) bei einem solchen Überfall anwesend ist, beginnt er Zusammenhänge zu sehen und bringt den 16fachen Ausbrecher Tucker mit über 80 Überfällen in Verbindung. In seiner Jagd nach der „Over-The-Hill-Gang“ findet er neue Motivation und auch Tucker genießt es, einen echten Herausforderer zu haben.

Man sagt häufig über Filme, sie würden eine gewisse Zeitperiode sehr gut einfangen. Meistens weil sie Mode, Technologie und vor allem Musik der jeweiligen Zeit überzeugend wiedergeben. ‚Ein Gauner & Gentleman‘ tut all das. Doch könnte man bei dem Film tatsächlich glauben er stamme aus 1981. Wenn die bekannten Darsteller nicht viel zu alt wären. Lowery drehte seinen Film nicht nur auf wunderbar grobkörnigem 16mm Film, er hat auch beinahe alles in den Wind geschlagen, was Ende der 2010er als Standard für Erzähltempo oder Skript gilt. Er erzählt mit dem sympathisch-gemächlichen Mangel an Hektik, den seine Charaktere an den Tag legen. An einer Stelle erzählt Waits‘ Waller eine wunderbare Geschichte aus seiner Jugend. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die im Skript stand, oder Waits einfach während einer Drehpause angefangen hat zu erzählen und Lowery die Geistesgegenwart hatte es zu filmen. Das ist keine Geschichte, die im dritten Akt plötzlich eine Bedeutung bekommt, oder einen wichtigen Hinweis liefert. Sie hilft einfach bei der Zeichnung eines Nebencharakters. Und die Charaktere sind das absolute Zentrum des Films.

Sei es die Chemie zwischen Spacek und Redford, die zwischendurch aktiv genug wirkt, um sich durch Gitterstäbe zu fressen, oder Casey Afflecks deprimiert-murmelnder Detective, der neue Lebensfreude im Bankräuberfall findet, die er sich auch vom FBI nicht vermiesen lässt. Die eigentliche Handlung wird über diese Charaktere fast ein wenig nebensächlich, zu sehr genießt man es Zeit mit ihnen zu verbringen. Tucker überfällt Banken, flirtet mit Jewel und Hunt verfolgt ihn (aber auch nicht zu sehr, ist die Jagd doch für ihn doch die eigentliche Motivation). Grundlegend erinnert die Handlung an ‚Hell or High Water‘. Doch während der Film eine harte Geschichte über Krisen und materiellen Mangel in einen ebenso harten Film verpackt, ist der Ansatz und die Erzählweise von ‚Ein Gauner & Gentleman‘ deutlich zurückgelehnter. Manch einer, der an das Erzähltempo und die auserklärende Erzählweise moderner Filme gewohnt ist, wird diesen Film wohl sowohl als langweilig, als auch voller „Plotholes“ erleben. Denn in manchen Dingen lässt sich der Film absichtlich nicht in die Karten schauen. Hat Tucker bei seinen Überfällen überhaupt eine Waffe dabei? Wie viel weiß Jewel tatsächlich darüber was er tut? Wie kommt die Polizei ihm letztlich auf seine Spur? Das ist alles nebensächlich oder absichtlich unklar. Und zumindest aus meiner Sicht ist das auch gut so.

‚Ein Gauner & Gentleman‘ ist letztlich ebenso wie ‚All is Lost‘ ein „Star-Vehikel“ für Robert Redford. Ähnlich wie der Film spielt Lowery hier mit der Vermischung von Charakter und Schauspieler. Fast möchte man sagen, noch mehr, denn für Rückblenden nutzt er hier teilweise Ausschnitte aus älteren Redford-Filmen. Und Redford selber ist als charmant-freundlicher Gauner natürlich tief in seinem Element. Fast glaubt man eine ältere Version von Johnnie Hooker aus ‚Der Clou‘ oder des Sundance Kids zu sehen. Hier ist ein Gauner, der zwar alt geworden ist, das aber absolut zu seinem Vorteil zu nutzen weiß. Nicht nur weil er dadurch unverdächtiger wird, auch weil er etwa sein klobiges Hörgerät nutzen kann, um den Polizeifunk abzuhören. Sissy Spacek zieht so etwas wie eine Klammer zu ihrer frühen Rolle in ‚Badlands‘. Während sie sich dort als Teenager vom „Bad Boy“ mit in die Katastrophe hat reißen lassen, geht sie nun mit sehr viel mehr Altersweisheit in diese Beziehung hinein.

Inszenierung und Protagonisten ergänzen sich so auf ganz wunderbare Weise in einem Film, der zeitlos wirkt, ohne dabei gewollt „Old School“ zu sein. Ich würde beinahe so weit gehen zu sagen, es ist ein Film wie er „heute gar nicht mehr gemacht wird“, würde ich mich dabei nicht selbst wahnsinnig alt fühlen. Eine Empfehlung für jeden, der sich auf einen ruhigeren Film einstellen kann und ein würdiges Ende für Redfords Karriere (obwohl er natürlich gerne noch in mehr Filmen auftauchen darf!).

Top 10 Filme von damals: 1979 Platz 5 bis 1

Ohne lange Vorrede machen wir genau da weiter, wo wir letzte Woche aufgehört haben: bei Platz 5 der Kinocharts von 1979!

  1. ‚Superman‘

Oha, ein Superheldenfilm. Heute löst das wenig mehr als ein Schulterzucken der Gewohnheit aus, damals war es etwas durchaus Besonderes. Man möchte fast annehmen Superman wäre erst durch den Erfolg von ‚Star Wars‘ und dem dadurch neu erweckten Hunger auf Filme mit fantastischen SciFi Elementen möglich geworden, allerdings war der Film schon vor Erscheinen von George Lucas‘  Überraschungserfolg in Produktion. Der Film hat einen Tonfall, der aus heutiger Sicht etwas merkwürdig wirkt. Er gibt sich gleichzeitig naiv und augenzwinkernd. Man nehme nur den Plan von Bösewicht Lex Luthor (Gene Hackman), der billiges Land östlich der St. Andreas-Spalte in Kalifornien kaufen will, dann in der Spalte ein künstliches Erdbeben auslösen, wodurch alles Land westlich davon im Meer versinkt, um dann sein billiges Land als teure Küstengrundstücke zu verkaufen. Das ist gleichzeitig albern und ein Massenmord unfassbaren Ausmaßes. Dennoch funktioniert der Film vor allem aufgrund der Stärke seiner Darsteller auch heute noch recht gut. Ein mäßig motivierter Marlon Brando brachte es als Jor-El, Vater von Superman, ins Guinness Buch als damals bestbezahlter Nebendarsteller. 3,7 Millionen Dollar und 11,75% der Einnahmen sollte er bekommen. Er sah sich später übervorteilt, was die Beteiligung anging und klagte auf weitere 50 Millionen Dollar. Recht üppig für einen langwierigen Monolog über Krypton. Christopher Reeve war als Superman bei weitem nicht erste Wahl. Robert Redford und Burt Reynolds (hier kann nun wirklich jeder einen beliebigen Superman-mit-Schnauz-Henry Cavill-Justice League-Witz der eigenen Wahl einbauen) standen ganz oben, wollten aber nicht. James Caan, Christopher Walken(!!) und Nick Nolte waren zwischenzeitlich ebenfalls angedacht. Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger bewarben sich, wurden aber ignoriert. Schließlich wurde es der zuvor als „zu dürr“ abgelehnte Reeve. Er musste sich einem harten Trainingsprogramm unterziehen, unter Leitung von David Prowse, dem körperlichen Darsteller von Darth Vader. Wenn das nicht motiviert, weiß ich auch nicht…

 

  1. ‚James Bond 007 – Moonraker – Streng Geheim‘

Hier haben wir einen Bondfilm, der aber wirklich jedem Trend hinterher eilt. SciFi und Weltraum sind erfolgreich, dank ‚Star Wars‘? Okay, das können wir auch, mit einem verschwundenen Raumgleiter und einem Finale auf einer Weltraumstation (tatsächlich kündigte der vorherige Film Bonds Rückkehr in ‚In Tödlicher Mission‘ an, doch aufgrund des ‚Star Wars‘ Erfolgs wurde ‚Moonraker‘ vorgezogen). Die Leute mögen einen albernen Ton bei ihren Actionfilmen? Können wir auch! Roger Moore kann albern eh am besten und der Beißer kriegt ne Freundin, oder so. Der Film ist umstritten und ich habe mit der Einleitung meine Meinung wahrscheinlich schon deutlich gemacht: ich mag ihn nicht. Er ist dämlich, ohne dabei besonders unterhaltsam zu sein. Die Moore Masche hat sich für mich hier schon ein wenig totgelaufen. Aber was weiß ich schon, der Erfolg gibt dem Film Recht. Er wurde weltweit zum finanziell erfolgreichsten Film des Jahres und blieb der finanziell erfolgreichste der Bond-Reihe bis 1995 ‚Golden Eye‘ ihn ablöste.

 

  1. ‚Das Krokodil und sein Nilpferd‘

Apropos alberner Ton in Action Filmen, hier haben wir das Duo Bud Spencer und Terrence Hill endlich komplett! Und in einem der, wie ich finde, quintessentiellen Spencer/Hill Filme. Wir haben die Rivalität zwischen Hills tierliebem Globetrotter (der nicht gern ungefragt geduzt wird) und Spencers brummeligem Jagd-Safaribetreiber (mit Platzpatronen). Wir haben Faustkampf-Klamauk quasi am laufenden Band, letztlich der Hauptgrund, warum man die Filme schaut. Wir haben Rainer Brandt Zitate noch und nöcher, darunter das von mir bis heute bei passenden und unpassenden Anlässen verwendete „Mmmmh, schmeckt gar nicht mal so gut!“. Dazu eine geradezu legendäre Fressszene („Das klingt als wenn Du ne Dachrinne frisst!“) und recht gelungene Musik von Walter Rizzati. Dass sich bei der inzwischen dreizehnten Zusammenarbeit des Duos nicht mehr alles ganz frisch anfühlt mag nicht überraschen, doch funktioniert das Prinzip der Filme hier immer noch großartig. Sicherlich, die Darstellung von schwarzen Afrikanern ist, mindestens aus heutiger Sicht, teilweise fragwürdig, die Dreharbeiten im Apartheid-Südafrika sowieso. Die klare Stellungnahme gegen Großwildjagd hingegen hat auch bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Wie auch immer, der Dampfhammer- und der Backpfeifenkönig sind hier in Höchstform und darauf kommt es vor allem an.

 

  1. ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘

(Nicht zu verwechseln mit ‚Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe‘ von 1981)

Louis de Funès feierte seine größten Erfolge als Komiker meist in der Rolle des Choleropanikers, der durch seine übertrieben impulsiven Reaktionen jede Situation zur Farce werden lassen konnte. Mitte der 60er wurde er damit zum erfolgreichsten Komiker Frankreichs und bald ganz Europas. Doch in den späten 70ern drohte ihm in Frankreich das Duo Richard/Depardieu den Rang abzulaufen und in Europa war der „handfestere“ Klamauk von Spencer/Hill inzwischen weit beliebter als seine atemlose Hitzköpfigkeit. Für seine letzten beiden großen Erfolge, vor seinem tragisch frühen Tod 1983 mit nur 68 Jahren, belebte er daher nach fast 10 Jahren eine seiner alten Erfolgsfiguren wieder, die er zuvor schon in vier Filmen verkörpert hatte: den Gendarmen von Saint Tropez. Vornehmlich beschäftigt mit der cholerischen Jagd auf Nudisten, „löste“ der Charakter nebenbei auch immer mal schwerere Verbrechen. Und weil dem langen, langen Schatten von ‚Star Wars‘ nun auch wirklich niemand entkommen konnte, bekommt er es diesmal mit Außerirdischen zu tun. Mit mechanischen Außerirdischen, die Öl statt Wein trinken, das geht ja mal gar nicht! Zum Glück reagieren sie mit akutem Tod auf Wasser, was die ganze Sache erheblich vereinfacht. Mit de Funès‘ „Stammregisseur“ Jean Girault hinter der Kamera und typischer Rainer Brandt Synchronisation weiß man hier exakt was man bekommt. Und das unterhält durchaus, wenn es auch vielleicht nicht unbedingt im Gedächtnis bleibt.

 

  1. ‚Das Dschungelbuch‘ (Wiederaufführung)

In den späten 70er Jahren steckte Disney tief in einer kreativen und finanziellen Krise. Gerade 1979 hatten sie einen Haufen Geld, das sie eigentlich nicht hatten, in ‚Das Schwarze Loch‘ geschaufelt, in der Hoffnung auf der ‚Star Wars‘ Welle zu reiten. Das ging schief. Was zumindest in Deutschland selten schief ging, waren allerdings ihre klassischen Zeichentrickfilme. Und so wurde der im Dezember zur Weihnachtszeit erneut in die Kinos gebrachte ‚Das Dschungelbuch‘ zum erfolgreichsten Film des Jahres 1979, zumindest in West-Deutschland. Wirklich erstaunlich wird es, wenn man sich die Dimensionen klarmacht: ‚Louis‘ Unheimliche Begegnung Mit Den Außerirdischen‘ auf Platz 2 hatte ungefähr 5,6 Millionen Besucher ins Kino gelockt. ‚Das Dschungelbuch‘ brachte es auf etwa 9,1 Millionen. Erklären kann man diesen Ansturm wohl nur dadurch, dass es Heimkino noch nicht gab. Wer Nostalgie nach diesen Filmen verspürte, oder sie mit den eigenen Kindern teilen wollte, war geradezu auf das Kino (oder seltene Fernsehübertragungen) angewiesen. Später würden die Filme zu Verkaufsschlagern auf VHS und damit nahmen die Wiederaufführungen ab. Dazu sah es 1979, wenn ich mal die Chartliste weiter herunterscrolle, verdammt mau aus, was Kinderfilme angeht. Eine Wiederaufführung vom Herbie-Film ‚Ein toller Käfer‘ finde ich da und eine Wiederaufführung von ‚Die Hexe und der Zauberer‘ (beides Disney!). Aber Aktuelles springt mir nicht ins Auge.

Aber tatsächlich war das Dschungelbuch in Deutschland lange der erfolgreichste Disneyfilm überhaupt. Als Grund dafür gilt unter anderem die Synchronisation von Heinrich Riethmüller, insbesondere die der Songs. Gebt es zu, Ihr habt alle „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ im Kopf, seit Ihr die Überschrift gelesen habt! Zum Film selbst muss ich wohl nicht mehr wirklich viel sagen, statistisch gesprochen kennt Ihr ihn eh alle.

 

So, was können wir nun aus diesen Charts lernen? Ein Bondfilm, ein Superheldenfilm und Disney an der Spitze der Charts, also alles genau wie heute? Nicht wirklich. Disney war wie erwähnt eine arg kränkelnde Firma, die sich mit Wiederaufführungen über Wasser hielt, was in West-Deutschland auch sehr gut funktionierte. Der Superheldenfilm war etwas absolut Besonderes und würde, von Fortsetzungen abgesehen, auch nicht sobald repliziert werden. Tatsächlich tat sich Hollywood über Jahrzehnte schwer damit zu verstehen, dass ein Publikumshunger nach Superhelden/Comicfilmen bestand. Dazu werde ich „in zehn Jahren“ mehr zu sagen haben, wenn wir über ‚Batman‘ sprechen. Bond geht in der Tat halt irgendwie immer, was sich an der Langlebigkeit der Reihe zeigt. Aber absolut und vollkommen unübersehbar, schon allein daran, wie oft er erwähnt wurde, ist der Einfluss von ‚Star Wars‘. Auf Biegen und Brechen mussten Filme in Richtung Science Fiction verbogen werden und wenn es der Gendarm von St. Tropez ist. Auffällig an den Charts ist natürlich auch die doppelte Bud Spencer Faust. Spencer und Hill waren hier auf der absoluten Spitze ihres Erfolges und werden auch in zukünftigen Charts noch zu finden sein. Dazu spielen sie in die Zahl europäischer Produktionen in den Charts hinein. Sechs von zehn Filmen sind europäische Produktionen, eine davon ist deutsch, die anderen vier US Produktionen. Vergleicht man das mit den Charts von 2018 findet man dort eine deutsche und neun US Produktionen. 2017 zwei deutsche (und mit ‚Fack Ju Göthe 3‘ auch die Nummer 1) und acht US-Produktionen. Das hat natürlich statistisch im Moment überhaupt keine Haltbarkeit, aber ich bin mir fast sicher, wir werden eine Verschiebung in Richtung US-Produktionen sehen, wenn wir die Jahresbestlisten nach und nach durchgehen. Aber um noch einmal den Erfolg des Dschungelbuches hervorzuheben: der Topfilm 2018 ‚Phantastische Tierwesen – Grindelwalds Verbrechen‘ hatte knapp 3,9 Millionen Zuschauer. ‚Fack ju Göthe 3‘ 2017 gut 6,1. Nimmt man alle Aufführungen des Dschungelbuches zusammen, kommt man auf über 23 Millionen Besucher.

Was mir persönlich an den Charts noch auffällt ist natürlich die Abwesenheit von ‚Alien‘. Der schaffte es nur auf Platz 14. ‚Halloween‘ dümpelt gar irgendwo auf Platz 38 herum. Und auf Platz 17 habe ich einen Film namens ‚Liebe auf den ersten Biss‘ entdeckt, in dem Dracula von kommunistischen Parteifunktionären aus seinem Schloss vertrieben wird. Von dem habe ich vorher noch nie gehört, er klingt aber unterhaltsam…

Und wo ich Euch gerade hier habe: könntet Ihr mir kurz beantworten, wie Euch eine Zukunft dieser Artikel am besten gefallen würde? Ich verspreche nicht, dass ich mich nach dem Ergebnis der Umfrage richte, aber interessieren tut es mich auf jeden Fall!

Newslichter Ausgabe 65: unendliches Marvel, teurer Ire und Piraten!

Willkommen zur 65ten Ausgabe des Newslichters. Besonders viel gibt es diese Woche nicht zu berichten. Niemand hat bislang eine Seance abgehalten, um herauszufinden, was Charlie Chaplin von den Marvel Filmen hält, wobei das eigentlich nur noch eine Frage der Zeit und esoterischen Fähigkeiten sein dürfte.

Aber ernsthaft: die New York Times hat einen offenen Brief von Martin Scorsese veröffentlicht, in dem er seine Äußerungen zu den Marvel Filmen verdeutlicht. Wie von einem der unprätentiösesten Regisseuren überhaupt nicht anders zu erwarten, war seine „kein Kino“ Aussage tatsächlich weniger überheblicher Elitismus, sondern Sorge über die unübersehbare Monokultur, die sich, vor allem im Kino, derzeit mehr und mehr herausbildet. Diese Kritik ist unabhängig vom Inhalt der jeweiligen Filme (von dem er hier ja auch zugibt, wäre er jünger könnte ihn dieser durchaus ansprechen), somit ist meine andere Kritik an seiner Aussage bezüglich seiner Unkenntnis der Filme ebenfalls hinfällig. Kurz, es war eine richtige Aussage, nicht unbedingt perfekt verpackt, aber das kann man vielleicht auch nicht erwarten, war es ursprünglich doch bloß Antwort auf eine tangentielle Frage. Einigem stimme ich auch nicht zu, etwa seiner etwas verklärten Sicht auf die „goldene“ Studiozeit, die nicht zuletzt deshalb überrascht, weil der Beginn seiner Karriere in die Zeit der Rebellion gegen eben jenes überkommene System fällt. Wie auch immer, der Brief/Artikel ist lesenswert und ein würdiger Schlussstrich unter dieses Thema.

Erstaunlicherweise (und tatsächlich ungeplant) ist der heutige Newslichter in vielerlei Hinsicht ein Beleg für einiges, worüber Scorsese schreibt. Legen wir los!

 

Marvel endet nie!

https://screenrant.com/mcu-movies-future-popular-disney-confident/

In einem Gespräch mit mehreren Hollywood Managern antwortete Disney Künstlerischer Leiter Alan Horn auf die Frage, ob sich Fans jemals von den Marvel Filmen abwenden würden mit (Übersetzung von mir): „Die Antwort ist nein. Wenn der Film eine fesselnde Geschichte hat, wenn er Herz und Humor hat, zwei Elemente auf denen ich bestehe und er ist hervorragend umgesetzt, dann wird er ein Publikum haben.“ Diese Antwort ist zum einen nicht sonderlich überraschend und setzt zum anderen voraus, dass jeder Marvel Film „fesselnd“ und „hervorragend umgesetzt“ ist. Darüber könnte man sicher vortrefflich streiten. Dazu kommt natürlich noch die Unwägbarkeit des Filmgeschäfts. Ein Produzent von Italowestern mag 1970 etwas ganz ähnliches gesagt haben, einige Jahre später hätte er das wohl gänzlich anders gesehen*. Das weiß Horn natürlich auch und hängte ein „Aber wer weiß?“ ans Ende seiner Aussage. Ich stimme Herrn Horn allerdings ein Stück weit zu. Marvel wird nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Dafür gibt es einfach zu viele Fans, die es zu verprellen gälte. Die Gewinne werden sinken und sinken und können eine ganze Weile sinken, bis sie ein Niveau erreicht haben, wo sie nicht mehr lukrativ sind. Das bedeutet aber nicht, dass das keine Katastrophe für Disney wäre. Denn deren Geld steckt ja nicht nur in den aktuellen Filmen. Sondern in der Planung über ein Jahrzehnt. Und das ist eine Planung mit so unsagbar vielen beweglichen Teilen, Darsteller wollen gesichert und verfügbar sein, ebenso Kreative hinter der Kamera, Drehorte müssen verfügbar sein, Hundertschaften CGI Künstler bereitstehen. Das geht nur, wenn man von vornherein sehr viel Geld in zukünftige Filme investiert. Sprich, wenn es mal den Bach runtergeht, dann aber auch richtig.

* Italowestern und Superheldenfilme sind natürlich nicht direkt vergleichbar, schon allein vom Budget…

 

‚The Irishman‘ und die Kartenknappheit

https://screenrant.com/martin-scorsese-irishman-tickets-resold-high-prices/

Martin Scorsese hat sein neues Kriminal-Drama ‚The Irishman‘ für Streaminganbieter Netflix gedreht. Am 27. November wird er auf dessen Dienst verfügbar. Seit dem 1. November läuft er in den USA in vereinzelten Lichtspielhäusern, letztlich vor allem deswegen, um für den Oscar qualifiziert zu sein. Allerdings besteht eine extreme Nachfrage nach Karten für diese Vorstellungen. Eine so große Nachfrage, dass widerlich clevere Geschäftsleute jetzt angefangen haben sie aufzukaufen und zu Preisen von bis zu 90 Dollar und mehr online weiterzuverkaufen. Das zeigt vor allem eines: dass eine Nachfrage nach dieser Art Film im Kino besteht. Eine Nachfrage, die derzeit unzureichend bedient wird. Ich verstehe nicht, warum sich Netflix so sehr gegen das gleichzeitige und umfängliche Zeigen des Films sowohl im Kino als auch im Stream sträubt. Ich bezweifle, dass sich beide Wege gegenseitig wahnsinnig viele Zuschauer abgraben würden. Es zeigt sich ja, wie viel manche bereit sind in die Hand zu nehmen, nur um den Film in „klassischer“ Umgebung zu sehen. Ob es in Deutschland ähnlich aussehen wird, wird sich zeigen müssen, wenn der Film ab 14. November seinen limitierten Kinolauf bekommt. Ich bin immer noch der Meinung, dem Zuschauer möglichst viele Optionen zu bieten einen Film zu sehen ist auch für die Anbieter der klügste Ansatz. Es sei denn, man will Zwischenhändler reich machen.

 

Zerfaserung des Streaming-Angebots und Piraterie

https://screenrant.com/openload-streamango-anti-piracy-shut-down/

Im Streaming-Angebot werden nun immer mehr die Claims abgesteckt. Die alten hasen Amazon Prime und Netflix bekommen bald Konkurrenz von Apple und Disney+. Letztere haben zahllose exklusive Filme von vornherein eingebaut, aber auch alle anderen werden sich um exklusive Angebote bemühen. Das heißt, der Zuschauer, der möglichst viel sehen will, kommt mit einem Anbieter nicht mehr aus. Dazu wird auch hier die künstliche „Verknappung“ kommen, indem manche Filme nicht immer verfügbar sind, sondern „rotieren“, etwas, das Anbieter schon jetzt betreiben. Das könnte aber nicht nur die Nachfrage, sondern auch die Frustration erhöhen. Und solche Frustration zusammen mit den Grenzen des finanziell Möglichen, nicht jeder kann oder will sich mindestens vier Dienste leisten, gibt ordentlich Kielwasser unter die Schiffe der Online-Piraterie. Weg war sie natürlich nie, doch war sie in den letzten Jahren deutlich weniger Thema als zu Hochzeiten der physischen Medien. Streaming-Abos schienen ihr einen großen Teil der Attraktivität zu nehmen. Nun sind sie in den letzten Monaten wieder mehr in die Presse geraten. Der Anbieter Openload hat die, von Amazon prime in Deutschland vier Stunden früher veröffentlichte, letzte Folge von ‚Game of Thrones‘ weltweit verfügbar gemacht. Nicht zuletzt deswegen muss Openload, ebenso wie Anbieter Streamango nun den Dienst einstellen. Obwohl Openload, die über 1000 Server europaweit betrieben, nicht nur illegale Angebote hatte. Ich habe so die Vermutung die entstehende Lücke wird nicht lange bestehen bleiben. Das soll bitte nicht als Zustimmung zu Piraterie missinterpretiert werden. Aber es hat sich immer wieder gezeigt, wenn eine Industrie, sei es Musik oder Film durch restriktive Handhabung ihres Angebots über einschränkende Lizenzen, Kürzungen, regionale Beschränkungen, oder was auch immer, die Attraktivität ihres Angebots einschränken, dann bekommen die Piraten sehr schnell Oberwasser. Und da hilft auch der schwere Hammer der Gesetzgebung wenig, kommen doch einfach immer neue Freibeuter aus den unendlichen, karibischen Gewässern des Internets. Und genau diese Gefahr sehe ich bei der Zerfaserung des Streamingangebots gegeben.

 

Und das war es für diese Woche. Wir sehen uns in sieben Tagen mit mehr herbstlichen Neuigkeiten!

‚Bumblebee‘ (2018) – wenn Herbie sich verformt

Lasst mich, der Fairness halber, direkt von Anfang an klarstellen aus welcher Richtung ich zu diesem Film gekommen bin: ich habe vor diesem noch nie geschafft einen ‚Transformers‘ Film von Anfang bis Ende zu schauen. Ich glaube, ich habe noch nie mehr als 20 Minuten geschafft. Die menschlichen Charaktere haben mir keinen Grund gegeben länger dran zu bleiben und der massive CGI Blechschaden… ehrlich gesagt war ich mir da nie sicher, ob sich da nun Roboter prügeln, oder ‚Christine‘, nach einer wilden Nacht voll Mord und Motoröl, die böse Autoseele aus dem Kühlergrill in Richtung Kamera kotzt. Auch für die alte Zeichentrickserie oder die Actionfiguren hege ich nicht sonderlich viel Nostalgie. Eigentlich gar keine. Diesen Film habe ich mehr oder weniger wegen Regisseur Travis Knight geschaut, dessen Stop Motion ‚Kubo‘ ich sehr gerne gesehen habe. Seinetwegen und der Rezensionen wegen, die sagten, ‚Bumblebee‘ macht alles besser als die bisherigen ‚Transformers‘ Filme. Haben sie Recht? Schauen wir mal.

Auf Cybertron stehen die Autobots kurz vor der Niederlage gegen die Decepticons. Autobot-Chef Optimus Prime ruft zur Evakuierung auf und schickt Autobot B-127 auf einen entlegenen Planeten, um diesen für den Rückzug zu sichern. Im Jahr 1987 erreicht B-127 den Planeten, die Erde, und muss sich sofort mit einem verfolgenden Decepticon herumschlagen. Den besiegt er zwar, doch gerät dabei nicht nur die Einheit von Agent Burns (John Cena) unter schweren Verlusten zwischen die Fronten, B-127 verliert auch die Fähigkeit zu sprechen und sein Gedächtnis. Es gelingt ihm gerade noch die Tarnung eines alten VW-Käfers anzunehmen.

Diesen Käfer findet Teenagerin Charlie (Hailee Steinfeld), die seit dem plötzlichen Tod ihres Vaters vom Rest ihrer Familie entfremdet ist, auf einem Schrottplatz und beschließt ihn aufzumöbeln. Schnell entdeckt sie, dass mehr in dem Käfer steckt. Sie gibt dem gedächtnislosen Roboter den Namen Bumblebee. Zwischen beiden und dem Nachbarn Memo (Jorge Lendeborg jr.) entwickelt sich schnell eine Freundschaft. Doch ist nicht nur Agent Burns hinter Bumblebee her, auch zwei weitere Decepticons haben ihn bis zur Erde verfolgt.

Ich bin sicherlich nicht der Erste, der das feststellt, aber das Kernelement des Films, das ganz wunderbar funktioniert, ist ein ‚Herbie‘ Film. Die ‚Herbie‘ Filme waren eine lose Reihe rund um einen weißen VW-Käfer mit der Rennnummer 53. Jemand, der in einer Krise steckte fand ihn auf dem Schrottplatz oder halbvergessen bei einem Händler und die Freundschaft mit dem lebendigen, drolligen, liebevollen Auto half die Krise zu überwinden. ‚Bumblebee‘ funktioniert exakt nach diesem Prinzip. Nur dass sich der Käfer hier noch in einen Roboter verwandeln kann, was weiter dabei hilft ihn zu vermenschlichen. Es mag an Knights vorheriger Arbeit in der Stop Motion liegen, aber hier stimmt nicht nur das Design von Bumblebee, sondern auch seine Körperhaltung in jeder Szene perfekt. Es ist schwer diesen gelben, runden Jungen nicht sympathisch zu finden. Ob er seine unumwundene Meinung zu Rick Astley kundtut, oder durch ein zu kleines Wohnzimmer slapstickt. Wahnsinnig innovativ ist das alles nicht, doch durch Steinfelds Schauspiel und Knights Inszenierung des CGI Charakters wirklich liebenswert. Auch finde ich es SEHR dankenswert, wie schnell sich Herb… Bumblebee Charlie zu erkennen gibt. Anstatt da minutenlang herumzulavieren, enttarnt er sich, als sie das erste Mal den Schraubenschlüssel ansetzt und wir können zum Wesentlichen kommen.

Die Herbie Filme hatten das Problem, dass der erste Film ein Rennfilm war. Daher musste auch in jeden folgenden Film immer ein Autorennen eingebaut werden, ob es passte oder auch nicht. Und genauso ist ‚Bumblebee‘ immer noch ein Transformers Film und darum müssen Robokloppe und eine Gefahr für die ganze Welt eingebaut werden, ob es passt oder halt nicht. Weniger wäre hier vermutlich mehr gewesen und sich auf Burns und die US-Armee als Antagonisten zu beschränken ein kluger Schachzug. Die Gefahr des Entdecktwerdens durch die Behörden war schließlich in der Handlungszeit der 80er ein hochbeliebtes Thema von ‚ALF‘ bis ‚Nummer 5 lebt‘ (neben Herbie der andere offensichtliche Bezug). Aber nein, wir haben die zwei Decepticons, deren Namen ich mir nicht einmal merken konnte und die im dramatischen dritten Akt irgendein grünes Ding in eine Antenne einbauen wollen, was durch ganz viel CGI-Robo-Fu verhindert werden muss. Ja, das ist hier visuell nachvollziehbarer inszeniert als in den Bayformers, aber, Mann, würde ich lieber ein paar mehr Szenen mit Charlie und ihrem Käferkumpel sehen! Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Bumblebees im dritten Akt im Konflikt liegende Personas „Kampfmaschine“ und „freundlicher Käfer“ einen Konflikt des Films selbst widerspiegeln.

Neben der gelungenen Animation lebt der Film vor allem von der Präsenz Steinfelds. Nachdem sie in ‚True Grit‘ eine beeindruckende Vorstellung abgeliefert hat, schien man sich in Hollywood sehr sicher, dass man irgendwas Großes mit ihr anstellen müsste, ohne genau zu wissen was. Hier sieht man, alles was sie braucht ist ein halbwegs glaubhaft geschriebener Charakter, den sie mit Leben füllen kann.  Charlie ist eine überzeugende Teenagerin, mit allen Problemen und Fehlern die dazugehören. John Cena ist… nicht der schlechteste Schauspieler mit Wrestlingvergangenheit. Seine Rolle ist nicht sonderlich gut geschrieben. Durchgehend der harte Hund mit einer plötzlichen, völlig unglaubwürdigen Wende. Aber hey, immerhin hat er eine der lustigeren Szenen des Films. Wenn alle seine Vorgesetzten mit den Alien-Robotern bei der Suche nach Bumblebee zusammenarbeiten wollen wirft er, fassungslos und völlig korrekt ein: „They call themselves DECEPTICONS!“

Am Ende halte ich den Film für sehenswert. Der emotionale Kern rund um die Freundschaft zwischen Charlie und Bumblebee funktioniert und ist liebenswert genug ihn zu tragen. Auch wenn mich die Robotkloppe immer noch nicht interessiert. Wer aus der Warte eines ‚Transformers‘ Fans da rangeht wird das sicher anders sehen. Aber der hat den Film eh schon gesehen und braucht keine Empfehlung mehr. Mal sehen, wann wir das unausweichliche Herbie-Reboot bekommen und ob das den Geist der Serie so gut einfängt wie der hier.