‚Birds of Prey‘ (2020)

Nein, es ist keine Dokumentation über Raubvögel. Auch kein Essay über die coolsten Schiffe der klingonischen Raumflotte. Tatsächlich schien man bei DC ernstlich besorgt, dass ein mögliches Publikum vom eher obskuren Titel des weiblichen Superheldenteams verwirrt sein könnte. Und so verpasste man dem Film den etwas ungelenken Untertitel „The Emancipation of Harley Quinn“. Im Original gar „The Fantabulous Emancipation of One Harley Quinn“. Später titelte man auch gelegentlich ‚Harley Quinn: Birds of Prey‘. Wie gut das funktioniert ist reichlich diskutabel, aber es macht immerhin deutlich, wer im Mittelpunkt des Films steht: Margot Robbies Harley Quinn. Und das ist erstmal keine schlechte Sache.

In einer Rückblende sehen wir, wie sich der Joker nach langer, missbräuchlicher Beziehung von Harley Quinn trennt. Die nimmt es schwer, entschließt sich jedoch einen Schlussstrich unter die Beziehung zu setzen, indem sie den „ganz Speziellen Ort“ von „Mistah J“ und ihr in die Luft jagt: Axis Chemicals. Das ist öffentlichkeitswirksam, sorgt aber auch dafür, dass die gesamte Unterwelt Gothams nun weiß, dass sie nicht mehr unter dem „Schutz“ des Jokers steht. Und sie hat sich eine Menge Feinde gemacht. Etwa den narzisstischen Gangsterboss Roman Sionis (Ewan McGregor). Doch bevor der sie ermorden kann, verspricht sie ihm Hilfe bei der Suche nach einem ganz besonderen Diamanten, an dem ein Geheimnis hängt. Den hat die jugendliche Taschendiebin Cassandra Cain (Ella Jay Basco) einem Handlanger Sionis‘ abgeluchst und verschluckt. Doch nicht nur Harley ist nun auf der Suche nach Cass. Auch die Polizistin Montoya (Rosie Perez), Sionis Chauffeurin Dinah (Jurnee Smollett-Bell) und die ebenso mysteriöse, wie brutale Huntress (Mary Elizabeth Winstead) wollen sie finden. Und, nachdem Sionis ein Kopfgeld in Höhe einer halben Million auf die Diebin ausgesetzt hat, auch noch so ziemlich jeder Schläger in Gotham.

Ich habe den Vorgänger (oder wie nennt man den Film von dem ein Spin Off abgeht?) ‚Suicide Squad‘ bis heute nicht gesehen und habe kein allzu großes Bedürfnis das zu ändern. Das einzige, was mich an dem Film interessiert hätte, wäre Robbie als Harley. Und die hat hier ja nun ihr eigenes Spin Off bekommen. Und ich muss zugeben, ich war weitaus mehr angetan als ich das erwartet hätte.

Was mir gleich von Anfang an gut gefallen hat ist, dass der Film bodenständiger als die meisten heutigen Superheldenfilme. Es ging mal nicht um die gigantische, außerirdische Gefahr, globale Satellitennetzwerke, oder andere Bedrohungen für die ganze Welt. Der zentrale MacGuffin ist einfach ein Diamant! Das andere, was mir sehr gefällt ist Regisseurin Cathy Yans Wille zum Ausprobieren und ihre Weigerung sich auf einen bestimmten Tonfall festzulegen. So ist der Film einerseits sehr bodenständig, erzählt aber natürlich von überlebensgroßen Charakteren. Einerseits verdient sich die Gewalt des Films durchaus die 16er Freigabe, andererseits ist die Action äußerst cartoonhaft. Selbst das Gotham des Films ist zu gleichen Teilen das Phantasmagorium eines Burton mit seinen vermodernden Vergnügungsparks und titanischen Chemiewerken inmitten von Wohngebieten und dem Hyperrealismus eines Nolan, mit gänzlich gewöhnlichen Straßenzügen. Das es Yan gelingt all das wie aus einem Guss wirken zu lassen ist sicherlich ihre größte Leistung.

Als Antagonisten des Films zwei Schurken von Batmans B-Liste zu setzen, neben dem rücksichtslosen Roman „Black Mask“ Sionis auch noch Serienkiller Victor Zsasz (Chris Messina) als dessen sadistischem Handlanger, hilft ebenfalls dabei die Geschichte zwar jenseits des Normalen, aber vielleicht nicht unbedingt als gänzlich abgehobene Bedrohung einzuordnen.

Darstellerisch kann der Film ohnehin punkten. Margot Robbie in der Hauptrolle ist bestens aufgelegt und gibt ihre Harley ebenso unerträglich wie charmant. Und auch McGregor hat sichtlich Spaß als widerlicher Fiesling. Auch die anderen Darsteller sind durch die Bank gut, bekommen nur nicht wahnsinnig viel zu tun. Damit sind wir vielleicht bei den kritischeren Aspekten dieser Besprechung gelandet.

Was wir hier haben ist ein Harley Quinn Film. Und den hätte man auch schlicht so nennen können. So leidet der Film ein wenig daran, ein sehr großes Ensemble vorstellen zu müssen, ohne wirklich die Zeit oder die Geduld dafür zu haben. Ich hatte hier als früherer Comicleser den Vorteil sämtliche Charaktere zu kennen und hatte sogar ein wenig Spaß dabei zu sehen, wer sich wie weit von ihrem Comicvorbild unterscheidet (Montoya und Crossbow Killer Huntress sind nahe dran, Cassandra Cain ist sehr weit weg). Wer die Charaktere jedoch gar nicht kennt, wird wahrscheinlich etwas verloren, in manchen Szenen gar ernsthaft verwirrt, sein. Und während der Film in der ersten Hälfte noch sehr nichtlinear daher kommt, Harley erzählt uns ihre Geschichte selbst und geht dabei, natürlich, ein wenig wirr vor, sind wir dann spätestens im dritten Akt doch wieder mitten drin in der typischen, großen Superhelden-Action-Szene, die zwangsläufig am Ende jedes dieser Filme stehen muss. Und während die Action bis dahin durchaus einigen Wumms hatte, was nicht zuletzt an Fight Coordinator Jon Valera (‚John Wick‘ Filme, ‚Atomic Blonde‘) liegen dürfte, wird sie hier, in einem ehemaligen Joker-Versteck, erstaunlich gewichtslos. Fast hatte ich schon 60er Jahre „Sock“, „Biff“, „Pow“ Einblendungen erwartet (dann würde ich mich hier jedoch begeistert äußern!). Aber gut, das bin ich ja inzwischen gewohnt, dass der dritte Akt bei Superhelden für mich der Schwächste ist. Kann also durchaus auch an mir liegen.

Wobei man sich sicherlich streiten könnte, in wie weit das überhaupt ein Superheldenfilm ist. Superkräfte kommen in exakt einer Szene zum Einsatz (keine Spoiler) und Harley und Co. sind eher keine Helden. Wie dem auch sei, der Film hat mich erstaunlich gut unterhalten. Am Ende hatte ich gar einen Gedanken, der mir bei Superhelden in letzter Zeit arg selten kommt: ich freue mich darauf ihn noch einmal zu sehen. Das hat, so doof es klingt, sicherlich auch damit zu tun, dass er seine Geschichte in 100 Minuten erzählt. Ja, ich kritisiere, dass er seine Charaktere nicht besser vorstellt, aber ich bin mindestens ebenso glücklich, dass er mal nicht die zwei Stunden-Marke knackt. Das kennt man ja kaum noch. Auch ist er vielleicht nicht das popfeministische Meisterstück als das die Werbung ihn angepriesen hat, aber allein, dass es ein Mainstreamfilm ist, der seine weiblichen Charaktere mit tiefen Fehlern zeigt, ihnen auch erlaubt einmal Arschlöcher zu sein, ohne sie direkt zu verdammen, ist ihm anzurechnen.

Insgesamt ein absolut unterhaltsamer Film. So würde ich mir mehr Superhelden wünschen.

Kurz & schmerzlos 36: ‚The Elephant’s Song‘ (2018)

Denkt man an den Zirkus, was ist das erste Tier, das einem einfällt? Sicherlich der Elefant. In Europa sicherlich seit vielen hundert Jahren bekannt (man denke an „Hanno“ der Maler Raffael häufiger als Vorlage diente) kann man den ersten Elefanten in Amerika recht genau beziffern. 1796 traf eine Elefantin hier ein. Ob das dieselbe war, die Hachaliah Bailey 1808 kaufte und „Old Bet“ taufte, ist nicht ganz klar. Farmer Bailey nutzte seinen Kauf alsbald als Hauptattraktion in einer „Menagerie“. Regisseurin Lynn Tomlinson erzählt ihre tragische Geschichte hier auf ungewöhnliche Art. In dünnen Lehm- und Ölbildern auf Glasscheiben, die eine seltsam schöne Animation ergeben. Dazu in musikalischer Form, als folksigem Blues, vorgetragen von Old Bets Freund, einem Farmhund.

In gewisser Weise hat Old Bet den amerikanischen Zirkus begründet. PT Barnum schloss sich Jahrzehnte später mit einem Nachfahren Baileys zusammen, um Barnum & Baileys, einen der größten fahrenden Zirkusse der Welt zu gründen. 2017 musste der schließen. Wegen ausbleibendem Publikums und anhaltenden Protesten gegen die nicht artgerechte Haltung der Tiere, vor allem der Elefanten. Anders als Old Bets Geschichte hat die der Zirkuselefanten an sich also ein Happy End, wenn auch ein spätes, gefunden.

PS: sorry, aber der Biologie Nerd in mir sieht sich noch zu einer Anmerkung zur Songzeile „and the whole of Africa in her eye“ genötigt. Old Bet war eine indische Elefantin. Die meisten Nutzelefanten sind asiatische Elefanten. Die deutlich größeren, afrikanischen Dickhäuter sind weit schwerer zu zähmen. Wobei die berühmtesten Kriegselefanten der europäischen Geschichte, die mit denen Hannibal die Alpen überquert hat, wohl zum größten Teil afrikanische Elefanten waren.

Dies ist jedoch ein geografisch/biologischer Irrtum, den ich einem Farmhund des frühen 19ten Jahrhunderts nicht groß vorwerfen will.

[UPDATE] Regisseurin Lynn Tomlinson persönlich hat mich sehr freundlich darauf hingewiesen [siehe ihren Kommentar unten], dass meine Schlaumeierei bezüglich der Herkunft von Old Bet unangebracht war. Sie geht davon aus, dass die erste Elefantin in den USA und Old Bet eben nicht dieselbe sind. Weiterhin argumentiert sie, dass Old Bet mit Stoßzähnen dargestellt wird, die weibliche, indische Elefanten nicht aufweisen. Und das mein Argument, dass afrikanische Elefanten eben gerade nicht zum Nutztier taugen ebenfalls ein Argument für genau diese Herkunft Old Bets ist. Denn sie verweigert ja gerade die Feldarbeit. Ich gebe zu, das überzeugt mich. Und es ärgert mich, dass ich die Stoßzähne gar nicht bedacht habe, bevor ich meinen Kommentar geschrieben habe. Kurz, Frau Tomlinson hat sich hier keine künstlerische Freiheit erlaubt, sondern nach bester Recherche gehandelt. Ich hingegen nicht.

Die 5 Besten am Donnerstag: die 5 besten Serien, die im Weltraum spielen

Willkommen bei den 5 Besten am Donnerstag! Heute fragt uns Gina nach den 5 besten Serien, die im Weltraum spielen. Ah, der Weltraum. Unendliche Weiten. Und jede Menge Serien zur Auswahl. Diesmal habe ich endlich mal wieder das Problem mich auf 5 zu beschränken. Legen wir los!

5. ‚Futurama‘

Für die Simpsons Macher ein dankbarer Ausbruch aus den immergleichen Bahnen, auch wenn sie letztlich nicht annähernd so langlebig war wie die gelbe Familie. In ihren besten Momenten auch heute noch hochkreativ, emotional und vor allem wahnsinnig komisch.

4. ‚Das nächste Jahrhundert‘/ ‚Deep Space 9‘

Die originale Serie habe ich erst später wirklich geschaut. Und so waren Picard und Sisko für mich immer was Star Trek ausmachte. Und das sind sie ehrlich gesagt bis heute.

3. ‚Battlestar Galactica‘

Eine Serie, die sicher besser anfing als sie letztlich aufhörte, aber in ihren besten Momenten erstaunlich bodenständig, gelegentlich unangenehm und immer mit Ambition und Mut in der Erzählung. Bis sie sich halt ein bisschen verrannt hat.

2. ‚Babylon 5‘

Apropos Ambition. Wären in Wörterbüchern Bilder neben Worten, dann wäre Babylon 5 sicher neben dem Wort Ambition. Spätestens ab Staffel 3 quasi von Joe Michael Straczynski allein geschrieben mit einer strikt fortlaufenden Handlung war die Serie im Fernsehen Mitte der 90er ein Fremdkörper, aber ein wichtiger Vorläufer des „Goldenen Zeitalters“ des Fernsehens. Und sie war nicht nur ambitioniert, sie lieferte auch meist noch ab was sie versprach!

1. ‚The Expanse‘

Die Serie schafft nicht nur ein wahnsinnig dichtes Universum, sie lässt mich als Zuschauer auch quasi dauerhaft um sämtliche Charaktere bangen. Mit einem Fokus auf in der SciFi oft unbedachte Aspekte, vor allem die G-Kräfte bei interplanetarem Umhergeflitze, erinnern einen gerne darin, wie irrsinnig menschenfeindlich eigentlich der gesamte Weltraum ist.

Newslichter Ausgabe 154: Michael K. Williams und Jean Paul Belmondo

Willkommen bei Ausgabe 154 des Newslichters. Es war wahrlich nicht geplant, doch ist diese Woche des Newslichters zu einer der Nachrufe geworden. Zwei grandiose Darsteller starben am selben Tag. Es hat sich dann natürlich irgendwie unangebracht gefühlt noch weitere, alberne Nachrichten dazuzusetzen. Daher auch ohne lange Vorrede:

Jean Paul Belmondo ist tot

Am sechsten September diesen Jahres starb Jean Paul Belmondo an natürlichen Ursachen. Er war 88 Jahre alt. Als ich in den 90ern ein ernsthaftes Interesse am Film entwickelte war Belmondo eine ebenso interessante wie mysteriöse Gestalt. Er war ein Darsteller, den man quasi nur in der Rückschau erleben konnte. Heute ist klar, das lag daran, dass seine Filme in den 90ern schlicht keinen deutschen Verleih mehr finden konnten. Doch damals, es war seltsam, war er für mich quasi ein Gesicht des „klassischen“ Films. Wobei er natürlich das exakte Gegenteil war. Das Gesicht der französischen Nouvelle Vague, der mit ‚Außer Atem‘ seinen Durchbruch schaffte. Er hatte genau die Art von Kinn, die in den 50ern und 60ern gleichbedeutend mit Männlichkeit war. Doch es war seine gebrochene Nase, die einer Schauspieler-Laufbahn scheinbar im Wege stand. Bis er das Gegenteil beweisen konnte. Mit seinem zerknitterten Gesicht stand er in langer, französischer Tradition (man denke an Jean Gabin), doch hatte er seinen ganz eigenen Charme. Und Charme, so hat er selbst einmal gesagt, ist die Fähigkeit den anderen vergessen zu lassen, dass man so aussieht, wie man aussieht. Das gelang ihm auch über viele Jahre als authentischem Actionstar, der, selbstverständlich, seine Stunts selbst erledigte und einen neuen Typus des Actionstars etablierte, der sicher auch in Hollywood mitverantwortlich für die Übergabe des Staffelstabs von Schwarzenegger an Willis war. Belmondo selbst verzichtete auf Ausflüge nach Hollywood. Doch in Europa hatte er über lange Jahre mit Charme und Schlägen durchaus verdienten Erfolg. In Deutschland vielleicht nicht zuletzt dank Rainer Brandts „Schnoddersynchro“, bei der ihn Brandt auch selbst sprach.

Michael K. Williams ist tot

Ebenfalls am sechsten September diesen Jahres starb Michael K. Williams an bislang nicht vollständig geklärten Ursachen. Er war 54 Jahre alt. Wenn wir oben bei Belmondo über Charme gesprochen haben, dann gilt dies ebenso für Williams. Für mich ist er natürlich untrennbar mit der Serie ‚The Wire‘ verbunden. Sein Omar Little, ein Gangster, der Drogendealer ausraubt, ist ein Charakter, den man schwerlich wieder vergessen wird. Gefährlich, clever, widersprüchlich und vor allem irgendwie verletzlich ist er eine absolut einzigartige Figur. Seine größten Erfolge feierte er sicherlich innerhalb der HBO Programme, neben ‚The Wire‘ etwa als Chalky White in ‚Boardwalk Empire‘. Doch hatte er immer wieder auch Filmauftritte. Und auch hier war es ihm gegeben aus oftmals kleinsten Rollen etwas Erinnerungswürdiges zu schaffen. Ich denke hier etwa an seinen kurzen Auftritt als Dieb in ‚The Road‘. Williams war einer dieser Darsteller, der wirklich jedes Projekt durch seine Mitarbeit aufwertete. 54 Jahre ist natürlich viel zu jung. Ich werde mich hier nicht an Spekulationen über eine Todesursache beteiligen, ich bin aber durchaus ein wenig erschüttert.

‚Peninsula‘ (2020)

Yeon Sang-hos ‚Train To Busan‘ war für mich als altem Zombie-Muffel einer der, zugegeben gar nicht so seltenen, Lichtblicke in dem unüberschaubaren Genre. Klaustrophobisch, mit hochkinetischen Szenen und dennoch auf Charakterentwicklung bedacht, biss sich der Film direkt in mein Herz. Klar, dass seine Fortsetzung von mir mit einigem Interesse erwartet wurde. Allein der Titel ‚Peninsula‘ macht bereits klar, dass wir aus der bewusst begrenzten Erzählwelt des Zuges nun in eine größere Geschichte wechseln. Zum Guten und zum Schlechten.

Der Film beginnt kurz nach dem Ausbruch der Zombieepidemie in Südkorea. Soldat Jung-seok (Gang Dong-won) fährt seine Schwester und deren Familie zu einem Schiff, dass sie außer Landes bringen soll. Doch gibt es an Bord einen Zombieausbruch, den von der Familie nur Jung-seok und sein Schwager Chul-min (Kim Do-yoon) überleben. Vier Jahre später ist Südkorea vom Rest der Welt isoliert. Nordkorea verschließt effektiv die Landesgrenzen, eine internationale Küstenwache verhindert, dass jemand auf dem Seeweg hinein- oder hinauskommt. Was bedeutet, dass erhebliche Geld und Materialwerte in Südkorea verblieben sind. Jung-seok und Chul-min leben mehr schlecht als recht in Hongkong, geplagt von Überlebensschuld. Sie und einige andere Koreaner werden von einigen Gangstern angeheuert einen Lastwagen in Korea zu finden und an den Hafen von Incheon zu bringen. Das gelingt auch beinahe. Doch dann kommen die meisten Beteiligten ums Leben. Jung-seok kommt bei einer überlebenden Familie unter. Einer Familie, die er bei seiner Flucht vier Jahre zuvor zurückgelassen hat. Chul-min hingegen gerät in die Hände der der Barbarei verfallenen Einheit 631 der koreanischen Armee. Der Lastwagen, voll mit US-Dollar und das Satellitentelefon, um die Hongkong-Gangster zu rufen, werden bald zum umkämpften Schlüssel in die Freiheit.

Der größere Rahmen des Films wird sehr schnell deutlich. Der Film präsentiert uns die Großstadt Incheon als verfallene und bereits überwachsende Ruine. Eine Ruine bis zum Bersten (teilweise wörtlich zu nehmen) gefüllt mit Zombies. Leider enttäuscht nach ‚Train To Busan‘ ein wenig, was wir in dieser Stadt finden. Wir haben die beherzte, kleine Gruppe Überlebender auf der einen Seite, auf der anderen die mörderischen, psychopatischen Soldaten, die fast schlimmer sind als die Zombies. Das sind sattsam bekannte Elemente des Genres, die sich bis zu seinem Urvater George Romero zurückverfolgen lassen. Und leider weiß der Film weder mit diesen Charakteren, noch mit Jung-seok oder Chul-min sonderlich viel anzufangen.

Sicherlich, auch der Vorgänger zeichnete seine Charaktere nun nicht eben mit dem feinsten Pinselstrich, dennoch hat man (oder wenigstens ich) hier zu jedem Moment mit ihnen mitgefiebert. Hier bleibt mir die Distanz einfach zu groß, was spätestens beim extrem melodramatischen Finale zum Problem wird, das sich einfach „unverdient“ anfühlt. Selbiges gilt für die menschlichen Antagonisten. Während der Geschäftsmann im ersten Teil, der bereit war für sein Überleben über Berge von Leichen zu gehen, gerade durch seine Normalität erschreckte, ist Fiesling Sergeant Hwang hier eher eine Knallcharge. Darsteller Kim Min-jae gibt ihn derart überzogen, dass ich fast sicher bin, er hat zur Vorbereitung Joseph Pilatos Captain Rhodes aus Romeros ‚Day of the Dead‘ studiert. Da funktionierte das jedoch, weil der Film einen grundsätzlich satirischen Ansatz hatte, hier wirkt es schlicht deplatziert.

In den Action-Szenen jedoch findet man immer wieder einmal die inspirierten Momente des ersten Teils wieder. Gerade der Einsatz der Zombies ist hier immer wieder sehr kreativ. Aber auch die Schusswechsel sind sehr gut inszeniert. Wenn auch Jung-seoks Gegner gern einmal vergessen, dass auch sie mit Schusswaffen ausgestattet sind und stattdessen auf ihn einstürmen. Im Mad Max-inspirierten Finale agiert der Film dann allzu sichtbar an der Grenze (und teilweise jenseits davon) dessen was das Budget zulässt. Aber es ist in meinen Augen unterhaltsam genug um darüber hinwegzutrösten.

‚Train To Busan‘ ist mit seiner Gradlinigkeit und seinem extrem klaustrophobischen Setting sehr schnell und zu Recht zu einer Art Klassiker des Genres geworden. Ich fürchte, das wird ‚Peninsula‘ nicht gelingen. Allzu zahlreich sind die Zitate auf andere Zombie- aber auch postapokalyptische Filme. Da wird hier und da mal ein wenig politische Satire angedeutet, etwa wenn wir einen Ausschnitt aus einer westlichen Talk-Show sehen, die sich erstaunlich positiv über Nordkorea äußert, weil das eben das durchinfizierte Südkorea so effizient abschottet. Daraus macht der Film aber nichts weiter. Vielleicht auch ganz gut so, denn ein wenig zu sehr mäandert er ins einer Erzählung ohnehin schon, von einem Heist zu Gladiatorenkämpfen, zu extremem Melodrama und nichts fühlt sich vollständig ausgebacken an. Aber es geht auch nichts so richtig schief. Der Film erweckt das Gefühl des bei Bands gefürchteten, verdammten, zweiten Albums.

Fans von Zombie-Filmen werden hier sicherlich dennoch auf ihre Kosten kommen. Alle anderen schauen lieber nochmal ‚Train To Busan‘. Oder ‚The Girl With All The Gifts‘, oder ‚One Cut Of The Dead‘. Ist ja nicht so als sei das Zombie-Genre in den letzten Jahren arm an gelungenen, ideenreichen Filmen gewesen.

PS: meine Güte, der internationale, anglophone Titel ‚Train To Busan presents: Peninsula‘ ist mal doof!

Patty Jenkins und die „Fake Movies“

Regisseurin Patty Jenkins hat sich mit einer Aussage in einer Panel Diskussion bei der CinemaCon dieses Jahr recht unbeliebt gemacht. Es geht, wieder einmal, um die Rivalität zwischen Streaming und Kino. Jenkins war zutiefst unglücklich, dass ihr ‚Wonder Woman 1984‘ letztes Jahr gleichzeitig in Kino und Streaming veröffentlicht wurde. Hierin sieht sie den Grund, warum der Film nicht einmal sein Budget wieder eingespielt habe. Das ist sicherlich mehr als diskutabel. Eher mäßige Kritiken und, ach ja, eine globale Pandemie könnten dabei durchaus auch ihren Anteil gehabt haben.

Jedenfalls ist Frau Jenkins noch nicht fertig mit ihrem Unmut über Streaming. Bei der CinemaCon sagte sie: „Sehen Sie das denn nicht? All diese Filme, die Streaming Dienste veröffentlichen, tut mir leid, die sehen für mich nicht wie echte Filme aus („look like fake movies to me“). Ich höre nichts über die, ich lese nichts über die. Das funktioniert doch nicht als Modell, um legendäre Großartigkeit zu schaffen.“*

Natürlich erntet sie für diese Aussage in Folge von ‚WW84‘ vor allem Häme. Ich habe ‚WW84‘ nicht gesehen und damit keine Grundlage für Häme, also warum schauen wir uns ihre Aussage nicht einmal genauer an. Hat sie womöglich doch ein bisschen Recht?

Mein Bauchgefühl sagt erst einmal, nein. Wenn Du Deinen Film auf Netflix oder Amazon Prime kriegst, dann hast Du doch quasi schon ein eingebautes Publikum. Ein Publikum, das Du nicht mehr überzeugen musst überhaupt eine Karte zu kaufen. Ein Publikum, das nicht einmal vom Sofa aufstehen muss! Ein Publikum, das nur noch auf Deinen Film klicken muss, um Deine „legendäre Großartigkeit“ zu entdecken. Oder wenigstens Dein gesundes Selbstbewusstsein.

Aber genau das ist wohl gar nicht so leicht, oder? Jemanden dazu zu bekommen auf Deinen Film zu klicken. Dafür muss diejenige ihn ja erst einmal finden können. Oder wissen, dass er existiert. Und ich bin mir als langjähriger Prime Abonnent sicher, dass mir in der Zeit dutzende Filme entgangen sind, die mich interessiert hätten, von denen ich aber schlicht nichts wusste. Streaming Dienste, so scheint es mir wenigstens, machen nicht häufig Werbung für ihre Filme. Und wenn dann nicht sonderlich effektive. Die einzigen Filme, die „echte“ Promo-Kampagnen bekommen, scheinen die von im Kino etablierten Regisseuren zu sein. Finchers ‚Mank‘, Scorseses ‚The Irishman‘ oder Snyders ‚Army of the Dead‘ etwa. Sollte man etwa annehmen, dass die Streaming Anbieter einen Gutteil ihrer Filme selbst für „fake movies“ halten? Oder ist es in der Content-Schwemme schlicht nicht möglich oder sinnvoll jeden Film großartig zu bewerben? Was natürlich die Frage nach sich zieht, ob das im Kino immer grundsätzlich anders ist. Auch hier hört man ohne eigenes Zutun nicht zwangsläufig von jedem Film. Oft genug vielleicht gerade von den besonders interessanten nicht.

Eine andere Sache ist, dass Film quasi grundsätzlich eine Mischung aus Kunst und Kommerz ist. Teil der „legendären Großartigkeit“ von Filmen ist, zum Guten wie zum Schlechten, immer auch ihr finanzieller Erfolg. ‚Der Weiße Hai‘ ist nicht einfach nur ein grandioser Film, er ist auch der „Erfinder“ des Sommer-Blockbusters. Der finanzielle Erfolg, die Nummer 1 in den Charts zu sein ist dann natürlich noch einmal eigene, kostenfreie Werbung. Im Kino ist diese Erfolgsmessung relativ simpel. Wie viel der Film eingespielt (abzüglich versch. Kostenfaktoren) hat, aufgerechnet gegen sein Budget.

Netflix hat zwei ‚Knives Out‘ Sequels für über 400 Millionen Dollar gekauft. Wie viele neue Kunden müssen die anlocken, wie viele Kunden für ein weiteres Jahresabo halten, damit sich das rechnet? Und wie misst Netflix das überhaupt? Derartige Interna erfahren wir natürlich nicht. Die Kinos hingegen haben großes Interesse daran, dass öffentlich wird, welcher Film wie gut läuft, damit sie ihren begrenzten Raum möglichst ökonomisch nutzen können.

Jetzt kann man sagen, pah, wen interessieren denn heute noch klassische Werbekampagnen? Werbemails liest außerdem eh keiner. Wer guckt denn noch auf Charts, außer Langweiler mit Statistik-Fetisch? Steht ja eh ein Disneyfilm auf Platz 1. Wir leben im Zeitalter der sozialen Medien. Hier musst Du die Durchdringung schaffen. Hier kann es Dir gelingen „viral“ zu werden. Und weil es dafür kein Patentrezept gibt, demokratisiert das den Werbeprozess sogar. Eine etablierte Marketingfirma kann hier problemlos gegen ein glücklich platziertes Meme verlieren. Das kann alles sein. Allerdings ist das große Problem der sozialen Medien ihre Fragmentierung und ihre Volatilität. Nicht nur das man hier die scharf voneinander abgegrenzten Meinungsblasen hat, die sich oft genug nur begegnen um einander zu „flamen“, ein erfolgreiches Meme aus einem Film hat keineswegs die logische Folge, dass dadurch mehr Leute in den Film strömen. Beides ist ebenfalls scharf voneinander abgegrenzt. Und mit etwas Pech morgen ohnehin vergessen, wenn ein Video von einem Molinasittich auftaucht, der zum „Wellerman“ tanzt.

Was bleibt? Frau Jenkins Aussage zu „fake movies“ ist sicher eine reichlich dreiste und bewusst provozierende. Aber Tatsache bleibt auch, dass in der Content-Schwemme sicherlich eine ganze Menge hinten runter fällt. Unser kulturelles Gedächtnis scheint sich, nicht zuletzt aufgrund des Überangebots, immer mehr zu verkürzen. Der Entdeckerdrang die wirklich interessanten Dinge zu finden ist nicht mehr gegeben, einfach weil uns bereits so viel Adäquates automatisch vorgesetzt wird. Ich weiß nicht wie die Zukunft des Kinos aussieht. Ich weiß aber genauso wenig wie die Zukunft des Streamings aussieht. Wenn ich mir ansehe, wie Netflix mit Geld umgeht, frage ich mich manchmal, ob es überhaupt eine Zukunft hat. Oder ob die Zukunft von beidem nicht einfach Disney heißt.

* „Aren’t you seeing it? All of the films that streaming services are putting out, I’m sorry, they look like fake movies to me. I don’t hear about them, I don’t read about them. It’s not working as a model for establishing legendary greatness.“