Newslichter Ausgabe 223: Trailerklage und Silvesterprequel

Willkommen bei Ausgabe 223 des Newslichters. Frohes Neues, Euch allen! Das sage ich so leicht, aaaber Moment: Jeder braucht doch heutzutage eine Verschwörungstheorie, der er allergrößten Glauben schenkt. So etwas generiert Klicks, Diskussion und wirkt schlicht weltmännisch. Hier also ist meine Verschwörungstheorie: das Jahr 2023 ist fake! Erfunden von Big Calendar, um die einbrechenden Umsätze aufzufangen. Dieser Newslichter erscheint folglich am 36. Dezember 2022. Glaubt nicht den Einträgen von wordpress, auch die sind bereits unterlaufen! Aber obwohl das Jahr fake ist (wie jeder weiß!), geschehen dennoch Dinge und erscheinen News. Wenden wir uns also denen zu!

Was darf ein Trailer?

Die USA haben einen Ruf als klagefreudiges Land. Für jeden Blödsinn, so hört man häufiger, könne man dort Firmen vor Gericht zerren und gigantische Summen herausschlagen. In meiner (juristisch weitgehend ungebildeten) Beobachtung ist die Wahrheit eine Mischung aus tatsächlicher Aussicht auf hohen Schadensersatz, aber oftmals auch einfach miserablem Verbraucherschutz, der derartige Klagen notwendig macht. Für mich stand es jedoch außer Frage in welche Kategorie die beiden Herren fallen, die letztes Jahr Universal verklagt hatten. Sie hatten für jeweils 3,99 Dollar den Film ‚Yesterday‘ bei Amazon geliehen. Sie taten dies, laut eigener Aussage, weil ein früher Trailer Ana de Armas in einer Hauptrolle versprach. Doch im fertigen Film kommt de Armas quasi gar nicht vor. Nun fordern sie 5 Millionen Dollar Schadensersatz von Universal, für irreführende Werbung. „Hoher Schadensersatz“, in der Tat!

Spätestens diese Höhe der Forderung zog das Ganze für mich ins Lächerliche. Doch nun ist teilweise zu lesen, dass die Männer Recht bekämen und Hollywood Trailer als Ganzes in Gefahr seien. Soweit ist es aber noch lange nicht. Universal hatte der Klage grundsätzlich widersprochen. Sagte, Trailer seien eine eigene Kunstform und eben nicht primär Werbung. Doch hier folgte der Richter den Klägern. Trailer sind seiner Einschätzung nach vor allem Reklame und fallen damit unter die Gesetzgebung für irreführende Werbung. Über die Erfolgsaussichten der eigentlichen Klage sagt das jedoch noch gar nichts aus. Denn das Gericht betont auch, dass es sich um Fälle handeln müsse, in denen eine signifikante Zahl vernünftiger Konsumenten getäuscht werden könnte.

Darüber wird im vorliegenden Fall zu entscheiden sein. Und auch das wäre eine Entscheidung, die nur für Darsteller oder Szenen in Trailern, die im fertigen Film gar nicht vorkommen bedeutsam wäre. Aber ich kann schon verstehen, warum das die Studios ein wenig umtreibt. Oft genug machen die Filmemacher die Trailer gar nicht selbst. Mangelnde Kommunikation kann hier schnell zu „falschen“ Trailern führen. Auch werden Trailer oft genug gemacht, lange bevor die endgültige Schnittfassung des Films steht. Wie im vorliegenden Fall kann das Gezeigte also zum Zeitpunkt eines frühen Trailers völlig korrekt sein, sich aber zum fertigen Film komplett ändern. Sollten die Kläger ihre fünf Millionen bekommen, und nicht einfach ihre vier Dollar zurück, dann dürfte das wohl Konsequenzen haben. Wenn auch vermutlich nur ein kleingedruckter Hinweis, rechts unten im Trailerbild, dass gezeigte Szenen so nicht unbedingt im Film vorkommen müssen. Fraglich auch, was mit Trailern wäre, die gar keine Szenen aus dem eigentlichen Film zeigen. Aber das ist ohnehin erst einmal Zukunftsmusik.

Happy new year, Ms. Sophie

Prequels. Ich mag sie ja nicht sonderlich. Meistens sind sie purer Fanservice, der Fragen beantwortet, die entweder keiner Antwort bedurft hätten, oder die niemand gestellt hat. Allzu oft lassen sie ein Universum zusammenschnurren, auf einen viel zu engen Fokus. Natürlich gibt es auch gute Prequels, aber die meisten sind fast noch überflüssiger als die üblichen „mehr vom Gleichen“ Sequels. Wenn ich eine Liste machen sollte, mit Dingen, die definitiv kein Prequel benötigen, dann würde ‚Dinner For One‘ dort nicht auftauchen. Weil mir gar nicht einfiele, dass jemand auf die Idee kommen könnte, uns hier eine große Vorgeschichte zu präsentieren. Freddie Frintons und May Wardens Sketch sagt in 18 Minuten alles was er zu sagen hat. Und für die meisten von uns tut er das ein Mal im Jahr, zu Silvester. Hat sich ernsthaft irgendjemand jemals gefragt, was wohl die tiefe Vorgeschichte von Admiral von Schneider sein könnte? Ich kann es mir kaum vorstellen. Sei das wie es will, wir bekommen eine deutsche Prequel Serie. Geschrieben unter anderen, von Tommy Wosch. 50 Jahre vor dem Sketch soll sie spielen und Miss Sophie gelobt denjenigen ihrer vier Verehrer zu heiraten, der ihr das Schönste Geschenk zu ihrem vierzigsten Geburtstag überreicht. Doch in Wahrheit liebt se James, den Sohn des Butlers. Ob wir wohl erfahren, wo das Tigerfell herkommt? Ich hoffe doch, wir erfahren wo das Tigerfell herkommt, aber vielleicht kommt das auch erst in Staffel 2 vor. Haha, ich freu mich schon, wenn Mr. Winterbottom Ms. Sophie „Nicest Little Woman“ nennt, das wird sooo toll!!! Und der letzte Dialog muss sich natürlich um die „same procedure“ drehen, mannoman, ich lach jetzt schon als hätt ich zu viele Berliner gefressen!!! Freddie Frinton galt, als aktiver Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg, nie als großer Freund der Deutschen. So weigerte er sich, seinen Sketch auf Deutsch aufzuführen. Irgendetwas lässt mich vermuten, diese Serie hätte ihn in seinem negativen Eindruck bestätigt. Aber vielleicht bin ich auch bloß ein alter Griesgram.

Wir sehen uns nächste Woche wieder. Mal sehen, ob ich mich dann noch an meine Kalenderverschwörung erinnere… 

‚Luca‘ (2021)

Neues Jahr, neue Probleme. Da überlege ich doch ernsthaft, ob ich diesen Artikel nun mit humorigen Vergleichen zum Suzanne Vega Song „Luka“, oder doch lieber zum, thematisch erstaunlich passenden, ‚Der Pate‘- Zitat, „Luca Brasi schläft bei den Fischen“, eröffnen soll. Aber dann ist da wieder diese leise Stimme im Hinterkopf, die sich selbst „guter Geschmack“ oder so ähnlich nennt, die mich belehrt, dass bei einem Pixarfilm Vergleiche zu einem Song über häusliche Gewalt oder einem brutal ermordeten Mafioso unpassend sein könnten. Ich werde mit der Stimme ein ernsthaftes Gespräch führen müssen. Aber erst einmal reden wir jetzt über ‚Luca‘.

Im italienischen Küstendörfchen Portorosso fürchtet man sich vor den Seeungeheuern, die um eine vorgelagerte Insel leben sollen. Das tun sie tatsächlich sind aber eigentlich völlig harmlos und fürchten sich ihrerseits vor den Oberflächenbewohnern. Einer von ihnen, der junge Fischhirte Luca, ist extrem neugierig auf die Oberwelt. Und tatsächlich wagt er eines Tages den Schritt dorthin, bzw. wird von Draufgänger Alberto, der schon länger dort lebt, einfach mitgenommen. An der Oberfläche verändert sich ihr fischiges Aussehen zum menschlichen. Schnell entdecken die Jungen die Vespa als Symbol für die Freiheit. Doch um an das Geld für eine solche zu kommen, müssten sie schon das Rennen von Portorosso. Dafür tun sie sich mit der resoluten Giulia zusammen. Doch deren Vater, ein einarmiger Fischer, ist berühmt dafür Jagd auf alles was unter Wasser lebt zu machen. Und wann immer die Jungs nass werden, treten ihre Schuppen wieder zum Vorschein…

Wenn Ihr nicht gerade Kinder seid und schon ein paar Filme gesehen habt, dann wusstet Ihr nach den ersten paar Worten meiner Zusammenfassung vermutlich exakt in welche Richtung der Film geht. Zwei Gruppen von Wesen, die einander hassen und sich in Furcht aus dem Weg gehen, wie kann das hier wohl enden? Und exakt so wie Ihr denkt endet der Film auch. Und wisst Ihr was? Das ist völlig okay. Dies mag nun nicht gerade eine von Pixars größten Pionierleistungen sein, der Film versucht gar nicht, seine Vorbilder zu verbergen. Sei es Disneys eigene ‚Arielle, die Meerjungfrau‘ oder allerlei Hayao Miyazaki Einflüsse, von ‚Ponyo‘ bis hin zu Miyazakis typischer Liebe für das Mediterrane (Portorosso ist ja auch exakt einen Buchstaben von ‚Porco Rosso‘ entfernt).

Aber die Macher um Regisseur Enrico Casarosa fangen hier die Atmosphäre und den Charakter eines ligurischen Küstenstädtchens so wunderbar, so überzeugend und zeitlos ein, dass man kaum anders kann, als sich an eigene Kindheitsurlaube und Urlaubsfreundschaften zu erinnern. Und wo der Film bei seinen überspannenden Themen von Akzeptanz und Toleranz ein wenig zu vorhersehbar ist (was in einem Film mit der Hauptzielgruppe Kinder aber absolut zu verschmerzen ist), so überzeugt er doch bei seinen Charakteren und deren interpersonellen Beziehungen umso mehr. Abgesehen vielleicht vom Antagonisten, dem örtlichen Bully und Rennchampion Ercole, sind alle Charaktere vielschichtig, ihre Handlungen nachvollziehbar, wenn auch nicht immer gutzuheißen. Insbesondere Alberto, der laute Draufgänger, der Luca aus seiner Komfortzone holt und von allerlei Klippen stößt, gleichzeitig aber von extremen Verlustängsten getrieben wird, weiß hier zu überzeugen.

Es sind Charaktere, in deren Gesellschaft man gern 90 Minuten verbringt, eingebettet in eine wunderschöne, glaubwürdige Umgebung, die einen dringend benötigten Sommerurlaub hier, mitten im Winter darstellt.

Würde ich den Film zu Pixars Besten zählen? Vermutlich nicht, aber er ist weit von ihren schwächsten entfernt. Ich würde den Film als ‚Spring‘ für Kinder bezeichnen. Und das meine ich absolut als ein großes Lob!

Newslichter Ausgabe 222: kleiner Jahresrückblick

Willkommen bei Ausgabe 222 des Newslichters. Und da sind wir wieder einmal, in jenem Limbo-artigen Zustand mit dem Namen „zwischen den Jahren“. Wirklich kommentierenswerte News gibt es deswegen heute auch nicht, wenn ich nicht die fünfhundertdrölfzigste Stelle werden will, die den finanziellen Erfolg vom neuen Avatar minutiös beobachtet. Und das will ich bestimmt nicht. Legen wir also einfach mal ein wenig die Füße hoch und schauen, was dieses Jahr so passiert ist.

Ehrlich gesagt, so ganz wilde News gab es im Jahr 2022 gar nicht. Das sagt vermutlich niemand außer mir und das gilt natürlich auch nur in der Filmwelt. Bei den echten Nachrichten gab es so EINIGES. Und wenig davon Gutes. 

Was war das größte beim Film? Wohl mit ziemlicher Sicherheit die Fusion von Warner und Discovery, die erhebliche Umstrukturierungen mit sich brachte, die immer noch nicht abgeschlossen sind. Sowie natürlich den absolut ungewöhnlichen Fall, dass ein fertiger Film, der bereits nicht katastrophale Testvorführungen hinter sich hatte, komplett gestrichen wird. ‚Batgirl‘ ist in den Discovery Warner Archiven verschwunden, und wenn die Gerüchte stimmen, dass das Steuergründe hat, wird er da auch nie wieder rauskommen dürfen. James Gunn war der erste, der nicht klug genug war, sich wegzuducken, als ihm das Angebot gemacht wurde, neuer Kreativchef beim DC Filmuniversum zu werden. Quasi die kreative Hälfte eines DC Kevin Feige. Den Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, gab es doch direkt Stimmen aus der Warner Discovery Ecke, die betonten, dass er nicht erste Wahl war. Was auch schön zeigt, was für ein reibungslos und friedlich funktionierender Laden das ist. Damit hat er nun nicht nur eine titanische Aufgabe vor sich, das DC Universum im Kino komplett neu aufzustellen, er sieht sich auf sozialen Medien auch dem Hass jener… übermotivierten Zack Snyder Fans ausgesetzt, die nun dieses Universum am Ende sehen. Bleiben viele Fragen. Wie lange bis Gunn frustriert hinschmeißt? Wie lange bis Warner erneut verkauft wird? Wird Disney der neue Käufer sein?

Aber auch im Haus der Maus war nicht alles eitel Sonnenschein. Es gab eine durchaus bemerkenswerte Palastrevolution, in der CEO Bob Chapek an einem Sonntagabend gestürzt wurde und durch den alten Boss Bob Iger ersetzt wurde. Iger hatte schon länger aus dem „Ruhestand“ gegen seinen Nachfolger, den er ausgewählt hatte, geätzt. Aber der Clash gigantischer Egos an der Spitze von Disney ist ja nun wahrlich nichts Neues. Das haben in den 90ern bereits Michael Eisner und Jeffrey Katzenberg vorgemacht. Letzterer schuf, nachdem er geschasst wurde, ‚Shrek‘ mit Lord Farquart als direkte Parodie auf Eisner. Mal schauen, ob sich Chapek derart grandios rächt.

Der Playstation Store führte die Gefahren von digitalen Käufen recht eindrucksvoll vor. Nachdem Sony bereits letztes Jahr verkündete, aufgrund veränderter Marktbedingungen keine Filme und Serien in ihrem Store mehr anzubieten, stellte sich in diesem Sommer heraus, dass es für deutsche und österreichische Kunden deutlich schlimmer kommt: hier sind viele Serien und Filme nicht mehr verfügbar, obwohl sie gekauft wurden. Über 300 Titel des Verleihs Studio Canal betrifft das, für die Lizenzen ausliefen.

VFX Künstler meldeten sich in diesem Jahr mehrfach zu Wort und beklagten ihre Arbeitsbedingungen und den mangelnden Respekt, den der Rest der Filmwelt ihrer Arbeit entgegenbringt. Obwohl diese für Blockbuster quasi allgegenwärtig geworden ist. Insbesondere Disney bekamen hierbei ihr Fett weg. Gerade die Arbeit an Marvel Filmen soll insbesondere undankbar sein, da sich hier Wünsche oft genug kurz vor Abgabe ändern und ohnehin Dinge gewollt sind, die kaum möglich sind. Aber natürlich ist ein Michael Bay, der die Effekte in seinem Film ‚Ambulance‘ als „scheiße“ beschreibt, auch nicht unbedingt hilfreich.

Ansonsten hat sich die scheinbar unausweichliche, zukünftige Herrschaft von Streaming Plattformen als gar nicht mal so unausweichlich erwiesen. Netflix verliert tonnenweise Abonnenten. Das wird natürlich mit dem „Ende“ der Pandemie zu tun gehabt haben, sorgte aber natürlich dennoch für eine allgemeine Panik in der Branche und eine erneute Konzentration auf Blockbusterkino, die aber durch die weltweit angespannte politische Situation auch nicht eben begünstigt wurden. Womöglich werden die nächsten Jahre erneute große Umwälzungen in der Programmgestaltung der großen Studios sehen.

Und Will Smith hat Chris Rock auf der Oscar Bühne vor laufenden Kameras eine saftige Ohrfeige verpasst. Das war die Reaktion Smiths auf einen Witz Rocks über den kahlrasierten Kopf von Smiths Ehefrau Jada Pinkett Smith, den diese als Folge einer Alopecia Erkrankung so trägt. Smith wurde anschließend nicht nur nicht des Saals verwiesen, er durfte sogar noch einen Oscar in Empfang nehmen. Die Oscars waren seit langer Zeit mal wieder in aller Munde. Doch bei der Academy bekam man schnell kalte Füße, ob des Skandals und erklärte den Moment zum schlimmsten in der Geschichte der Oscars. Smith trat aus der Academy aus, bevor er ausgeschlossen oder für mehrere Jahre gesperrt werden konnte. Er darf für 10 Jahre keine Veranstaltungen der Academy, sprich vor allem die Oscar-Verleihung, besuchen. Die Academy ihrerseits sah sich für ihr Vorgehen und die Aussagen über die angebliche Schwere des Geschehens einiger Kritik ausgesetzt, war doch ihr Umgang mit bekannten, deutlich schlimmeren Sexualstraftätern zumindest bis zum Weinstein Skandal immer eher zögerlich. Um nicht zu sagen reichlich ekelhaft.

Der tödliche Unfall im Herbst 2021, am Set des Independent Westerns ‚Rust‘, bei dem Darsteller Alec Baldwin mit einer fälschlich scharf geladenen Schusswaffe Kamerafrau Halyna Hutchins tötete und Regisseur Joel Souza verletzte, hat in diesem Jahr erstaunlich wenig Konsequenzen gehabt. Damit meine ich weniger für die Beteiligten und die Produktion selbst, als die angekündigten Industrieweiten Konsequenzen, von denen gar nichts zu sehen ist. Vom anfangs wild angekündigten Verzicht auf echte Waffen bei Filmdrehs, den ich bei entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen eh blödsinnig finde, ist nichts mehr zu hören. Auch eine Debatte um mangelnde Reaktion auf wiederholte Hinweise der Crew über Gefahrensituationen, bevor es zu der tödlichen Situation kam, ist nicht zu vernehmen. In den Medien findet eigentlich nur noch Alec Baldwin statt, der sich selbst bemitleidet, weil er, laut eigener Aussage, in Folge des Vorfalls einige Rollen nicht bekommen habe.

Ansonsten Remakes, Reboots, Legacy-Sequels, (Video-)Spielverfilmungen, Spielzeugverfilmungen und Superheldenfilme. Aber das sind Themen, die uns im Jahr 2023 ebenfalls begleiten werden, da bin ich fast sicher. Und in eben jenem Jahr werden wir uns auch wiedersehen. Bis dahin, kommt gut rüber!

‚X‘ (2022) – „It’s possible to make a good dirty picture!“

Ich ahne, was sich die eine oder der andere jetzt fragt: es ist Weihnachten, warum bespricht der Typ heute einen Slasher im 70er Jahre Pornofilm Milieu, dessen deutlich erkennbares Vorbild ‚Texas Chainsaw Massacre‘ ist? Die Antwort ist so einfach wie offensichtlich. Seid Ihr bereit? Ähem: Merry ‚X‘-mas!
So, jetzt liest hier wenigstens keiner mehr weiter und ich kann schreiben, was ich will.
Die Wahrheit ist, dass ich schlicht wirklich froh bin, dass Ti West zu seinen Horrorwurzeln zurückgekehrt ist. Und das mit einem wirklich gelungenen Film. Aber fangen wir am Anfang an.

1979. Eine Gruppe junger Leute aus Houston rund um den leicht schmierigen Produzenten Wayne (Martin Henderson) will in einem abgelegenen, texanischen Farmhaus einen Porno drehen. Waynes Freundin Maxine (Mia Goth) hofft auf Ruhm, Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Jackson Hole (Scott Mescudi) haben einfach Spaß am Sex und Filmschulnerd RJ (Owen Campbell) plant als Regisseur einen experimentellen, anspruchsvollen Film abzuliefern. Dafür hat er sogar seine Freundin Lorraine (Jenna Ortega), die von der ganzen Porno-Sache wenig begeistert ist, als technische Unterstützung überredet. Vor Ort stellen sich die Bewohner der Farm Pearl (ebenfalls Goth) und Howard (Stephen Ure) als ebenso alte, wie merkwürdige Typen heraus. Und zumindest Howard ist von seinen Gästen alles andere als angetan. Der Film lässt von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, dass die Situation in einem Blutbad enden wird.

Eine Sache, die zum Verständnis des Films vielleicht ganz wichtig ist, ist, dass wir uns Ende der 70er am Ende der Zeit des amerikanischen „Porno-Chic“ befinden. Beginnend 1969 mit Warhols ‚Blue Movie‘, genossen pornografische Filme wie ‚Debbie Does Dallas‘ oder ‚Deep Throat‘ in den 70ern erstaunlichen Mainstreamerfolg, in den ansonsten prüden USA und wurden neben Hollywoodfilmen in gewöhnlichen Kinos gezeigt. Gleichzeitig näherten sich die Pornos, wenn schon nicht vom Budget her, so doch handwerklich und erzählerisch, dem Mainstreamfilm an und nicht wenige Beobachter erwarteten, dass daraus ein weiteres Hollywoodgenre werden würde. All das endete mit der Wahl Reagans und dem extrem konservativen Schwenk des Landes. Was uns das verrät ist zum einen, dass Maxines amerikanischer Traum von Ruhm und Geld hier nicht so naiv ist, wie er bei einem heutigen Porno wäre, aber auch, dass es ein Traum ist, der sich 1979 sehr bald ausgeträumt haben wird.

Womit wir beim vielleicht zentralen erzählerischen Element des Films wären. Der Idee der verlorenen Jugend. In keiner Szene wird das deutlicher als in der, in der sich Maxine und Pearl das erste Mal sehen. Maxine im Sonnenschein, hinter einer geöffneten Seitenscheibe eines Autos und Pearl im finsteren Inneren des Farmhauses hinter einer verschlossenen, fast vergittert wirkenden Fensterscheibe. Die eine im Licht der Jugend, der alle Möglichkeiten offen stehen, die andere im Alter, der nun alle Möglichkeiten verschlossen sind. Die eine sexpositiv und offen, die andere mit einer, wie wir später lernen, gefährlich unterdrückten Sexualität.

Es ist eine elegante Aufnahme, eine von vielen die West und seinem Kamermann Elliot Rocket (mit dem er schon Filme wie ‚House of the Devil‘ oder ‚The Innkeepers‚ gedreht hat) gelingen. Der Film hat eine poetisch, träumerisch anmutende Atmosphäre. So wird eine Szene, in der ein Charakter unbemerkt beim Schwimmen von einem Alligator verfolgt wird, aus einer totalen Draufsicht gefilmt, die einerseits große Ruhe ausstrahlt, gleichzeitig aber die Spannung des Moments sehr gut transportiert. Die Traumhaftigkeit der texanischen Umgebung (gefilmt in Neuseeland…) erinnerte mich hierbei sehr an Philip Ridleys ‚Schrei in der Stille‘, wobei andere visuelle Anspielungen weitaus deutlicher und ausdrücklicher sind. Vor allem natürlich ‚Texas Chainsaw Massacre‘. Die Aufnahme aus dem dunklen Haus heraus durch die Vordertür in die gleißende Sonne kommt sogar wiederholt vor. Aber auch auf andere Filme wird angespielt. ‚Psycho‘ etwa. Auf den aber nicht bloß visuell, sondern der wird direkt angesprochen. Regisseur RJ ärgert sich in einer Szene (aus privaten Gründen) man könne die Handlung eines Films doch nicht mittendrin verändern. Als Gegenbeispiel wird ihm eben ‚Psycho‘ angeführt. Und natürlich erlebt auch ‚X‘ selbst einen solchen Genreshift, wenn aus der „Pornocrew im Bible Country“ Handlung, ein reichlich brutaler Slasher wird.

Bis dahin hat sich West aber sehr viel Zeit genommen, seine Charaktere zu etablieren. Sie sind zumindest mir allesamt ans Herz gewachsen, was es ernsthaft unangenehm macht, ihre Tode zu sehen, so over the top und grotesk die auch teilweise sein mögen. Sogar Pearl und Howard werden von West ein Stück weit humanisiert, was sie umso gruseliger macht. Vor allem wird deutlich, dass sie nicht von allein so geworden sind, wie sie sind, was man nicht zuletzt am, auf jedem Fernseher des Films erscheinenden, fundamentalistisch eifernden Televangelisten erkennen kann.

Was mich allerdings selbst ein wenig erstaunt ist, dass mir der Film vor dem Shift zum Slasher fast besser gefallen hat. Das ist weniger Kritik an der zweiten Hälfte, die durchaus gelungen ist, aber ich fand die Beziehungen der Charaktere fast zu interessant, um sie durch Hauen, Stechen und Schrotgeflinte zu beenden.

Womit wir bei den Darstellern wären, die ihre Sache durch die Bank sehr gut machen, aber  es ist unmöglich über den Film zu sprechen und nicht Mia Goth hervorzustellen. Ihre Doppelrolle ist wesentlich für das Gelingen des Films. An ihren Figuren untersucht der Film die Zusammenhänge zwischen Schönheit, Erfolg und Altern und zieht dabei seine Inspiration aus schundigsten Abgründen, um etwas annähernd Profundes daraus zu machen. Und Goth trägt das in beiden Rollen scheinbar mühelos mit. Maxines Verträumtheit aber auch exakte Professionalität und Pearls Enttäuschung und daraus erwachsender Hass gelingen ihr, trotz fraglos kiloweise Maske als Pearl, absolut glaubwürdig.

Ti West ist zurück im Horror und so sehr mir seine Ausflüge weg vom Genre (etwa der Western ‚In A Valley of Violence‘) gefallen haben, so liefert er hier doch seine beste Arbeit seit Jahren ab. Man kann deutlich seine Liebe zu seinen Vorbildern hier erkennen, aber auch seinen Wunsch etwas Eigenes zu schaffen, eben nicht alle typischen Tropen des Slashers unhinterfragt zu übernehmen. Ich bin gespannt auf das Prequel ‚Pearl‘ und hoffe Goth und West können ihren gewünschten dritten Teil verwirklichen. Sollte dies Euer erster Film von Ti West sein und er gefällt Euch, tut Euch selbst einen Gefallen und schaut ‚The House oft he Devil‘.

Frohe Festtage von der Filmlichtung

Ein weiteres Jahr neigt sich steil dem Ende entgegen und Weihnachten ist hier. Ganz egal, ob Ihr Weihnachten feiert, oder Jul, oder Chanukka, oder Yalda, oder Saturnalien, oder etwas ganz anderes, oder eben vielleicht auch gar nix, möchte ich Euch ein paar geruhsame und erholsame Tage wünschen.

Auf das Ihr von Menschen umgeben seid, die Ihr liebt, esst und trinkt, was Ihr mögt und vielleicht den ein oder anderen Film schaut, der zu der Zeit passt. ‚Stirb Langsam‘, zum Beispiel. Oder auch ‚Batmans Rückkehr‘, falls der zu offensichtlich ist. Oder den wunderbaren ‚Der Löwe im Winter‘. Oder natürlich ‚Die Muppets Weihnachtsgeschichte‘, der auf Disney+ nun wohl endlich wieder komplett vorliegt, nachdem jahrelang der Song „When love is gone“ herausgekürzt war, weil Jeffrey Katzenberg überzeugt war, der sei zu traurig für Kinder (aber Tiny Tim durfte immer noch sterben, mitsamt Kameraschwenk auf seinen leeren Stuhl mit Schal, Mütze und Krücke, weil das ja nicht traurig ist…).

Aber es ist ja nicht so, als gäbe es an Weihnachtsfilmen irgendeine Art von Mangel. Eher das genaue Gegenteil.

Berichte über den Zustand des Blogs gibt es nächsten Samstag. Dann bin ich wahrscheinlich schon angetrunken und kann die arg niedrigen Zahlen besser ertragen. Bis dahin lasst uns froh und munter sein!

Newslichter Ausgabe 221: wissenschaftliche Türen, Luft anhalten und Hypno Hustler

Willkommen bei Ausgabe 221 des Newslichters. Vorletzter Filmlichter des Jahres 2022. Alle Zeichen stehen auf Weihnachten. Daher will ich mich erneut gar nicht lange mit einer Einleitung aufhalten und stattdessen direkt zu den News kommen.

James Camerons wichtigster Film erscheint im Februar

Klar, derzeit schauen allzu viele Menschen, ob nun genug Leute in 3D IMAX Vorstellungen von James Camerons neuestem Ausflug nach Pandora, ‚Avatar – jetzt wird’s nass‘ rennen, um den dritten Teil zu rechtfertigen. Indessen verspricht Cameron eine weit bedeutendere Frage endgültig, abschließend und nicht zuletzt wissenschaftlich zu klären: war da genug Platz auf der Tür, für Leos Charakter am Ende von ‚Titanic‘? Camerons Antwort darauf war schon immer ein entschiedenes „NEIN!“, aber da Autoren bekanntlich tot sind und so nicht unbedingt das Recht auf das letzte Wort haben, genügte das Vielen bislang nicht. Nun will Herr Cameron in einer wissenschaftlichen Studie mit einer exakten Nachbildung der Tür und einem Wassertank ein für alle mal geklärt haben, ob der Charakter wirklich ertrinken musste. Eine Dokumentation darüber wird im Februar erscheinen. Und wie zum Beweis, dass Cameron nicht bloß wissenschaftlich interessiert ist, sondern auch eine One Man Marketing Maschine, ist das auch der Zeitpunkt, wenn seine ‚Titanic‘ wieder einmal ins Kino kommt. Und sollte da nun jemand am Ende allzu laut schluchzen, kann man nun lautstark „Ruhe! Das ist wissenschaftlich völlig korrekt!!“ brüllen und das ganze Kino wird einen lieben. Wobei mich noch mehr interessiert, ob das „Klonk“, wenn die eine arme Socke auf die Schraube dotzt wissenschaftlich korrekt ist. Wäre aber vermutlich aufwändiger zu testen…

UPDATE: Auf-der-Tür-Sitzerin Kate Winslet hat nun ebenfalls einen, nicht so wahnsinnig begeistert klingenenden Einwurf über die Nutzbarkeit der Tür als Rettungsfloß für zwei geliefert. Im „Happy Sad Confused“ Podcast sagte sie: „I don’t fucking know. That’s the answer. I don’t fucking know.“ Und machte dann ihr weitgehendes Unwissen in Sachen Wasserphysik deutlich. Scheint als würde auch sie es erst im kommenden Februar abschließend erfahren.

Kate Winslet bricht Cruise Rekord

Apropos Kate Winslet, Wasser und Cameron. In einem Interview mit dem Magazin Insider bemerkte Winslet, dass Tom Cruise, den sie noch nie getroffen hat, derzeit vermutlich ein wenig satt hat ihren namen zu hören. Denn sie hat seinen Rekord als Schauspielerin, die vor der Kamera und unter Wasser die längste Zeit ohne Luft auskam, bei den Dreharbeiten ‚Way of the Water‘ gebrochen. Sie kam hier für sieben Minuten und 14 Sekunden ohne zugeführte Luft aus. Cruises Rekord in ‚Mission: Impossible – Rogue Nation‘ lag knapp über sechs Minuten. Winslet sagt, sie war selbst überrascht, wie gut sie darin war und wurde im Laufe der Dreharbeiten immer besser. Ich bin sicher, Cruise wird erwachsen damit umgehen und keiner der nächsten ‚Mission: Impossible‘ Filme enthält eine Szene, in der er Kopfüber unter einem Harrier Jet hängt, der ihn zehn Minuten ins Wasser tunkt. Überraschen tät mich das allerdings auch nicht.

 SONY und ‚Spider-Man‘ ohne ‚Spider-Man‘

SONY befinden sich in einer recht merkwürdigen Position. Sie halten die Filmrechte an allem, was im Marvel Comic Universum mit Spider-Man zu tun hat. Außer an Spider-Man selbst (zumindest in der Realfilm Version, Animationsfilme, wie ‚Spider-Man: A New Universe‘ können sie machen), den SONY derzeit bekanntlich mit einigem Erfolg gemeinsam mit Marvel Films in deren MCU produziert. Das führt zu den etwas bizarren Filmen, die SONY ungeachtet dessen produziert. Filme um Spidey-Schurken, ohne den Helden selbst. Das funktioniert mal besser, mit an sich schon ikonischen Charakteren wie ‚Venom‘, und manchmal gar nicht, nicht mal als Witz, mit Charakteren wie dem allseits unbekannten ‚Morbius‘. Nun will man bei SONY einen Film mit Donald Glover in der Hauptrolle produzieren. „Ah ja, Glover hat ja den Prowler in ‚Spider-Man: A New Universe‘ gesprochen, also ein Realfilm um diesen Charakter? Okay, der ist auch eher aus der dritten Reihe, aber immerhin kennen ihn die Leute aus dem Animationsfilm und da war er ziemlich cool.“ Das könnte man jetzt denken. Aber dann würde man nicht annähernd so morbig denken wie SONY. Denn Glover soll den „Hypno-Hustler“ spielen… So, das ist mal ein Charakter, den selbst ich als langjähriger Spider-Man Comicleser gar nicht kenne. Bravo. Da hat man sicherlich nach suchen müssen. Ich bin sicher, der wird mindestens so gut laufen wie ‚El Muerto‘, ‚Kraven The Hunter‘ oder ‚Madame Web‘ (und nein, ich habe mir keinen davon ausgedacht). Mein Vorschlag, SONY: macht einen Film um den Schurken „The Wall“. Der ist auch völlig unbekannt (und wahnwitzig albern) und damit lockt ihr zumindest verwirrte Pink Floyd Fans ins Kino.