Newslichter Ausgabe 205: ‚Star Trek 4‘, Horror-Remake und neue, rote Sonja

Willkommen bei Ausgabe 205 des Newslichters. Manchmal geht es hier ja um die ganz großen News, wie etwa das grausige Blutbad der Übernahme von Warner durch Discovery. Dazu habe ich auch durchaus noch etwas zu sagen, doch habe ich das in einen Extra-Artikel für diesen Samstag ausgegliedert. Heute geht es hier um News die etwa 20 Nummern kleiner sind. Sind sie dennoch interessant? Ich finde schon, deswegen hab ich sie ja hier aufgeschrieben. Für Euch kann ich das natürlich nicht entscheiden, also finden wir es direkt heraus!

To Trek the Stars, or to not Trek the Stars, that is the question

Vor inzwischen recht langer Zeit habe ich beschlossen über den vierten ‚Star Trek‘ Film der modernen Reihe nicht mehr zu schreiben. Weil der fast wöchentlich auftauchte mit immer neuen News darum, warum es hier oder dort wieder Personalwechsel gab, dass er doch nicht erscheint und prompt wiederbelebt wurde. Eine Weile kreiste gar Quentin Tarantinos Name um das Projekt und Leute sorgten sich, ob Spock „fuck“ sagen würde. Dann war der Film wieder tot und dann wieder nicht, wie ein Vampir, dem man in unregelmäßigen Abständen Knoblauchpillen verschreibt. Letzten Juli jedenfalls wurde Matt Shakman offiziell zum neuen Regisseur des Projekts. Der ist vor allem für seine Arbeit bei fast sämtlichen großen „Prestige Television“ Serien bekannt, von ‚Six Feet Under‘ bis ‚Game Of Thrones‘. Zuletzt vor allem für ‚WandaVision‘. Ein Sprung auf die Kinoleinwand scheint da der logische nächste Schritt. Die Verhandlungen um die Rückkehr der Enterprise Crew um Chris Pine liefen seit Februar dieses Jahres. Aber nun rief offenbar Shakmans alter Arbeitgeber Marvel und bot ihm die Regie bei ‚The Fantastic Four‘. Und das will er offenbar annehmen und ist somit bei ‚Star Trek 4 – der ungedrehte Film‘ auch schon wieder raus. Ob der ‚Star Trek‘ Film damit direkt erst einmal wieder tot ist, ich weiß es nicht. Ich frage mich, wie oft Pine und Co. seit 2016 neue Verträge für ihre Rollen unterschrieben haben, nur um dann zu hören „öööh, nee doch nicht…“. So langsam aber sich wird es zum Witz. Und damit komisch und damit wieder im Newslichter berichtenswert! Ist doch auch was wert, oder Paramount?

Gute Nacht Mutti!

Während ich diese News schreibe, stelle ich mir ja häufiger mal die Frage „für wen ist das?“. Zuletzt lautstark und ein wenig zornig bei dem idiotischen Spencer/Hill Requel. Aber üblicherweise entsteht diese Frage bei einem besonders seltsamen Hollywood-Remake. Und genau so eines steht heute wieder an. ‚Ich seh, ich seh‘ der Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala war 2014 ein gelungener, verstörender Horrorfilm rund um zwei Zwillinge in einem abgelegenen Haus, die überzeugt sind, dass die Frau, die da von einer OP zurückkam nicht ihre Mutter ist. Der Film feierte unter dem Titel ‚Goodnight Mommy‘ auch internationale Erfolge. Und nun erhält er unter eben diesem Titel ein Remake für Amazon Prime mit Naomi Watts in der Rolle der Mutter(?). Wozu? Der Film war gekonnt und modern inszeniert, die Rollen sehr gut besetzt und, mit den Alpen, vor faszinierendem Hintergrund gefilmt. Es gibt keine komplexen visuellen Effekte, die man mit einem deutlich höheren Budget verbessern könnte. Bleibt also die Frage, „für wen ist das?“. Schauen Amerikaner den Film eher wenn Naomi Watts statt Susanne Wuest die Hauptrolle spielt? Vielleicht, ich weiß es nicht. Der Rest der Welt auch? Oder ist das bloß Wasser auf die Content-Mühlen eines Streaming-Anbieters? ‚Ich seh, ich seh‘ mir das jedenfalls vermutlich nicht an…

Sonja ist wieder Rot

Manche erinnern sich vielleicht noch an den nicht sonderlich gelungenen Brigitte Nielsen ‚Red Sonja‘ Film von 1985. Der diente vornehmlich als Vehikel, damit Arnold Schwarzenegger aus seinem Vertrag mit Dino DeLaurentiis für einen dritten ‚Conan‘ Film entkommen konnte. Der Rest des Films war… nicht sonderlich gut. Nun steht eine Neuverfilmung um die Figur der Red Sonja an, die Autor Roy Thomas in den 70ern im Zuge der Comicumsetzungen des Robert E. Howard ‚Conan’ Stoffs kreierte. Für die Hauptrolle ist die Italienerin Matilda Lutz besetzt und alle, die ‚Revenge‘ gesehen haben, werden ahnen, dass die Rolle damit hervorragend belegt ist. Über die Story ist noch nicht viel bekannt, aber solche Sword & Sorcery Sachen leben ja nun eher nicht von einer komplexen Handlung. Ich vermute ein fieser Magier macht irgendwas Fieses mit Magie und der Rest der Welt ist überzeugt, dass er dafür dringend Bedarf an einer drastisch applizierten, scharfen Klinge hat. Besser als der Nielsen Film muss der hier ja fast werden. Und wenn er zum Erfolg wird, darf Arnie vielleicht endlich seinen ‚King Conan‘ Film drehen.

Definitiv vor ‚King Conan‘ sehen wir uns hier wieder. In sieben Tagen nämlich schon! Bis dann…

‚Malignant‘ (2021)

Vorbemerkung: manchmal ist es eindeutig, wenn ein Film um ein zentrales Bild herum konstruiert wurde. Bespricht man den Film, kommt man kaum umhin dieses Bild zu erwähnen. Blöderweise wäre genau das in diesem Fall ein ziemlicher Spoiler und der Film ist dafür noch etwas zu neu. Also werde ich jenes zentrale Bild nur in einem extra als SPOILER markiertem Absatz ansprechen und ansonsten drumherumreden.

James Wan ist ein Regisseur, den ich nach meiner eigenen Einschätzung eigentlich lieben müsste. Der Mann hat den Studio-Horror mit Budget wiederbelebt. Alles was er anfasst wird zu Gold, sei es ‚Saw‘, ‚Conjuring‘ oder ‚Insidious‘. Aber ich muss gestehen, ich mochte noch nie einen Film von ihm wirklich gern. Der erste ‚Saw‘ ist gelungen für das, was er ist. Aber die anschließende „torture porn“-Welle hat jegliches Wohlwollen für den Film bei mir ausgelöscht. ‚Conjuring‘ ist eine ziemlich widerliche Hagiografie auf zwei reichlich miese Betrüger. ‚Insidious‘ war nahe dran mir zu gefallen, allerdings knirschte der Film unter den Widersprüchen eines atmosphärischen Spukhaus-Films und dem Irrsinn einer Parallelwelt, bevölkert von Darth Mauls, die als Freddy Krüger verkleidet sind. Wenn Wan doch nur diesem Irrsinn einfach mal freien Lauf lassen könnte… Gute Nachricht, er tut genau das in ‚Malignant‘. Und wie!

Die schwangere Madison Lake-Mitchell (Annabelle Wallis) lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Derek (Jake Abel) in Seattle. Derek wirft Madison vor, für mehrere vorhergegangene Fehlgeburten verantwortlich zu sein und attackiert sie körperlich. In der darauffolgenden Nacht wird er von einem unbekannten Eindringling ermordet, laut Ermittlern mit einer Gewalteinwirkung, wie man sie sonst nur bei Verkehrsunfällen erlebt. Madison ist schockiert, erhält aber Unterstützung von ihrer Schwester Sydney (Maddy Hasson). Doch bald mordet der Unbekannte weiter, eine Reihe Ärzte fallen ihm zum Opfer. Doch damit nicht genug, Madison empfängt Visionen der Gewalttaten. Eine Tatsache, die sie für die ermittelnden Polizisten Regina Moss (Michole Briana White) und Kekoa Shaw (Goerge Young), beide eher Rationalisten als Fox Mulder,  zur Verdächtigen macht. Tatsächlich beginnt sich Madison an Dinge aus einer längst vergangenen Zeit zu erinnern. Dinge, die sie bald an sich selbst zweifeln lassen.

Meine obige Zusammenfassung gibt in keiner Weise die vollständig überdrehte Atmosphäre des Films wieder. Wan erzählt hier mit der Subtilität eines Vorschlaghammers auf den kleinen Zeh. Wir brauchen fünf Sekunden, um zu erkennen, dass Derek ein Dreckskerl ist. 20 weitere Sekunden später stufen wir ihn auf der Drecksack-Skala deutlich weiter nach oben. Zwei Minuten später ist er tot. Das ist ein Erzähltempo, das der Film natürlich nicht über seine ganze Laufzeit halten kann, aber er bleibt über lange Zeit erstaunlich atemlos für einen Horrorfilm.

Was natürlich bedeutet, dass Atmosphäre möglichst  unmittelbar aufgebaut werden muss. Und so dräuen unvermittelt gothische Gebäude im modernen Seattle, ist jede Nacht entweder von Nebel verhangen oder von Gewitter erhellt. Und wenn wir einen chirurgischen Preis in Form einer langen goldenen Klinge(!) auf einem Kaminsims sehen, nun, sagen wir Anton Tschechow wär vermutlich glücklich, wie schnell der seiner allzu offensichtlichen Bestimmung zugeführt wird.

Das klingt jetzt vermutlich wie ein Film, der überhaupt nicht funktioniert und das wird vermutlich für manche auch der Fall sein, doch für mich funktioniert es ganz wunderbar. Denn Wan erschafft hier eine Welt, die seltsam ihre eigene Künstlichkeit unterstreicht. Da sind Häuser, deren Äußeres offensichtlich nicht mit ihrem Innenleben übereinstimmt, wenn man ein Auto parkt, dann selbstverständlich am äußersten Rand einer Klippe, einfach weil sie da ist. Und wenn Madison festgenommen wird, dann ist die Wartezelle randvoll gefüllt mit Frauen, die wie Klischees aus 70er und 80er Jahren Exploitation Filmen aussehen, angeführt von Zoe Bell mit dem alpha und omega aller Vokuhilas.

Der Film fühlt sich an wie das gewollte Gegenteil von Horror eines großen Studios. Dort weiß man zumeist in welche Richtung es gehen wird und weiß, dass man in sicheren Händen ist. Wie bei einer Achterbahn in einem großen Freizeitpark. Dieser Film fühlt sich an, als wäre er von einem Frank Henenlotter erdacht, man weiß nie was als nächstes geschehen wird, eine Stunde in den Film hinein, weiß man immer noch nicht in welche Richtung es gehen wird. Das wirkt wie eine Achterbahn, die über Nacht von drei zumindest leicht angetrunkenen Handwerkern nach Augenmaß zusammengezimmert wurde. Daher ist nun Zeit für den oben erwähnten

SPOILER SPOILER SPOILER

Also, Gabriel ist Madisons craniopager, parasitischer Zwilling und ein zutiefst bösartiger Mörder. Und er kann, nachdem er ihre Föten getötet und deren Stärke übernommen hat(!), gelegentlich die Kontrolle über Madisons Körper übernehmen, allerdings ist sein Gesicht auf ihrem Hinterkopf, weswegen sie sich „rückwärts“ bewegt, wenn er sich vorwärts bewegt. Und für Madison wirkt das Geschehen später wie Visionen. Diese Idee, des sich rückwärts bewegenden Mörders im Frauenkörper, mit dem monströsen Gesicht hinter ihrer Frisur, war sicherlich das Urbild des Films, um das herum alles konstruiert wurde. Und wenn sich „Gabriel“ zum Ende hin durch eine Polizeistation mordet, wie vor ihm wohl zuletzt höchstens der Terminator, dann ist das nicht nur eine durch und durch irrsinnige Szene (mit dem besten filmischen Stuhlwurf seit der Fraser Mumie!!!), sondern vor allem auch, dank der Rückwärtsbewegung, eine beeindruckende Stuntleistung von Tänzerin Marina Mazepa, die die Rolle der „besessenen“ Madison übernimmt. Tatsächlich wird der Film so fast zu einer Variation auf Frank Henenlotters ‚Basket Case‘, denn wie Belial dort, will sich Gabriel vor allem den an Ärzten rächen, die eher nicht ganz ethisch gehandelt haben, als sie ihn „ausgeschaltet“ haben. Hier kommen wir denn auch zu meinem Problem mit dem Film, aber das kann und sollte man spoilerfrei besprechen, also

SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE

Ich habe oben den Vergleich zu Henenlotter gezogen, doch wo der billigste B-Movies produzierte, hat Wan New Line hierfür 40 Millionen Dollar aus dem Kreuz gelabert. Für einen absolut irrsinnigen Film, was die ganze Sache noch einmal ein ganzes Stück lustiger macht. Der Mann für absolut Sicherheit, der einst das ‚Conjuring‘ Fließband gestartet hat, von dem nun Gruselpuppen, Gruselnonnen oder Grusel-wasauchimmers laufen, hat einen komplett eigenwilligen Film gemacht. Einen, der, man glaubt es kaum, gar Verlust eingefahren hat. All das macht mir den Film hochsympathisch. Ein Problem habe ich allerdings dennoch.

Bei Henenlotter konnte man stets die Sympathie für das Groteske fühlen. Henenlotter war auf der Seite der Außenseiter, nicht zuletzt, weil er selbst ein Außenseiter war. Wans Sympathien liegen allzu eindeutig beim „Normalen“. Und dadurch geht er für mich ein Stück zu weit jenen Weg, den Horrorfilme nur allzu gern gehen. Im psychisch und physisch Kranken, im „Hässlichen“ das Böse entdecken zu wollen. Das betrifft nicht nur den zentralen Killer des Films, sondern auch die oben erwähnten grotesken Frauen in der Gefängniszelle, die sich sofort böswillig gegen die „normale“ Madison zusammenrotten.

Herr Wan und ich sind uns philosophisch also vermutlich immer noch nicht sonderlich nah. Allerdings ist das hier weniger zentral als etwa bei einem ‚Conjuring‘. Und vor allem ist sein Film derart unterhaltsam und derart wild, dass ich absolut bereit bin, darüber hinwegzusehen.

Ich empfehle den Film auf jeden Fall. Er wird nicht jedem gefallen, aber auf jeden Fall ist er ein Film, den man gesehen haben muss, um zu glauben, dass hierfür ein Studio 40 Millionen gezahlt hat, wohl mit der Hoffnung, das Geld wieder reinzukriegen. Ich habe oft Henenlotter erwähnt, aber die Inspiration hier waren nicht nur amerikanische B-Movies der 70er und 80er, sondern sicherlich auch italienischer Giallo. Man könnte sogar eine gewisse (gewollte) Selbstparodie Wans vermuten.

Was macht einen Film „so schlecht, dass er gut ist“?

Es ist eine dieser Eigenschaften, die vornehmlich gewissen Filmen nachgesagt wird. Dass sie so schlecht seien, dass sie schon wieder gut werden. Das ist natürlich eine höchst persönliche Einschätzung, die vermutliche jede Person anderen Werken zukommen lassen oder absprechen wird. Aber bei einigen Filmen herrscht hier schon durchaus Konsens. Und da ich mir gerne die furchtbar wichtigen Fragen des Lebens stelle, will ich heute einmal untersuchen, was diese Bezeichnung ausmacht. Wie oben erwähnt wird es dennoch meine persönliche Meinung bleiben müssen, weil ihr vermutlich ganz andere Filme als ich „so schlecht, dass sie gut sind“ findet.

Nähern wir uns dem Thema erst einmal nicht von der qualitativen Seite, sondern vom Medium her. Warum ist es gerade der Film, der so beliebt ist für die qualitative Einschätzung „so schlecht, dass er gut ist“? Vermutlich weil er ein passives Medium mit relativ geringem Zeitaufwand ist. Kaum jemand wird sich hinsetzen und Stunden um Stunden einer schlechten TV Serie zu sichten, nur weil man sich hier und da unterhalten fühlt. Aber auf 90 Minuten eines Films destilliert kann das funktionieren. In einem Roman können handwerkliche Fehler die Rezeption auf eine Weise stören, die entweder erhebliche Anstrengung oder ziemlichen Ärger auslösen wird. Gerade wenn wir nicht nur über miserable Prosa, sondern Grammatik-, Rechtschreib oder Setzungsfehler sprechen. Auch ein Videospiel, in dem etwa die Sprungtaste nur jedes dritte Mal funktioniert erfordert weit mehr Geduld als ein Film, von dem man sich eben auch mit einem Bier in der Hand berieseln lassen kann. Es gibt sicherlich Beispiele für „so schlecht, dass sie gut sind“ in sämtlichen Medien (Musik wäre das nächst-wahrscheinliche), aber der Film ist für viele das offensichtlichste.

Also, was muss ein Film tun, um so schlecht zu sein, dass er gut ist? Zunächst einmal offensichtlich „schlecht“ sein. Mindestens ein Aspekt des Films muss vom Rezipienten als so unterirdisch wahrgenommen werden, dass er den gesamten Film versaut. Das können „objektive“ Kriterien sein, etwa schlechte Ausleuchtung, Anschlussfehler, Schnittfehler, sichtbare Crew, oder Versprecher der Schauspieler, die im Film verbleiben. Ich setze objektiv hier in Anführungsstriche, weil das letztlich auch alles künstlerische Konventionen sind, die man nicht wirklich objektiv bewerten kann. Zumeist geht es eh eher um subjektive Empfindungen, wie mangelhaftes Drehbuch, schlechte darstellerische Leistungen, billige Kulissen, unglaubwürdiges Setting, miese Effekte und so weiter.

Der Zuschauende muss den Film also als „schlecht“ empfinden. Entscheidend für „so schlecht, dass er gut ist“ ist in meinen Augen nun, dass das Vergnügen, welches man als Zuschauer aus dem Film zieht, nicht den Ideen des Films folgen darf. Ein „schlechter“ Actionfilm, in dem ich die Action dennoch als aufregend empfinde ist nicht „so schlecht, dass er gut ist“. Das wäre eher ein „guilty pleasure“. Wobei ich den Begriff hasse. Ein Film muss sich schon sehr viel sehr Übles leisten, damit ich mich schuldig dafür fühle, ihn zu mögen. So viel, dass ich ihn vermutlich eh nicht mehr mag. Nein, ein Actionfilm ist dann „so schlecht, dass er gut ist“, wenn ich über die Ungeschicklichkeit des Gezeigten lachen muss. Und das ist meiner Meinung nach wesentlich. Das Vergnügen, dass ich aus dem Film ziehe darf nicht den Ideen der Macher folgen, damit der Film „so schlecht, dass er gut ist“ wird!

Das Vergnügen, dass man aus einem solchen Film zieht ist denn auch meist das Lachen. Was einer der Gründe dafür ist, dass  Komödien selten als Beispiele für „so schlecht, dass sie gut sind“ genannt werden. Ein schlechter Horrorfilm kann komisch sein. Ein schlechtes Drama kann komisch sein. Ein schlechter SciFi Film kann komisch sein. Und so weiter. Aber eine schlechte Komödie ist, per Definition, ja gerade eben nicht komisch. Sicher kann auch ein Witz so schlecht sein, dass er auf ganz neue Weise komisch wird, aber das ist schwieriger als versuchten Ernst auf komische Weise zu versemmeln.

Womit wir zu einem wichtigen Kriterium der „Qualität“ des „so schlecht, dass er gut ist“ Films kommen: der Fallhöhe. Je höher die Ansprüche, die die Filmemacher an sich selbst stellen und die sie komplett verfehlen, umso höher ist das Vergnügen, dass man  auf die ironische „so schlecht, dass er gut ist“ Weise aus dem Werk ziehen kann. Je höher der Anspruch, umso mehr wird die letztliche Absurdität der ganzen Unternehmung offenbar. Der zynische Cashgrab einer Uwe Boll Videospielverfilmung ist sicherlich schlecht, vielleicht sogar „so schlecht, dass er gut ist“, aber er wird nie zu einem der berühmtesten Vertreter dieses Genres werden. Dazu braucht es höheren Selbstanspruch. Vielleicht den eines Ed Wood, der in ‚Plan 9 from outer Space‘ moralische Science Fiction schaffen wollte. Einen tiefen Blick werfen, auf die selbstzerstörerischen Impulse der Menschheit. Am Ende aber nur billigte Sets, UFOs an der Schnur, statt Bela Lugosi einen Chiropraktiker mit Umhang vor dem Gesicht und desinteressierte oder talentfreie Darsteller zur Verfügung hatte. Oder den eines James Nguyen, der mit ‚Birdemic‘ nicht nur eine Hitchcock Hommage schaffen, sondern nebenbei auch noch auf die Gefahren des Klimawandels aufmerksam machen wollte. Und grandios scheiterte, an ewigen Autofahrszenen, einem Hauptdarsteller, der nicht überzeugend eine Straße heruntergehen kann und Clipart-„Spezial“effekten. Oder natürlich ‚The Room‘, Tommy Wiseaus grandiose Selbstüberschätzung, die Geschichte eines Mannes, der von seinem gesamten Umfeld verraten wird. Ein Film, in dem schlicht nichts so funktioniert wie es soll.

Diese Fallhöhe ist auch der Grund, warum absichtliche „so schlecht, dass sie gut sind“-Filme für mich fast nie funktionieren. Wie etwa dieser ‚Sharknado‘ Scheiß. Seht her, wir haben Schrott gemacht, aber absichtlich! Toll oder? Diese Art von Film benötigt ein tiefes Wissen um die Art von Film, die man machen möchte und eine große Liebe für das Genre. Ein ‚Black Dynamite‘ etwa versteht und liebt das „blaxploitation“ Genre und zeigt seine Unzulänglichkeiten perfekt auf. Ins Bild hängende Mikrofone oder ein Stuntman, der nach einer verbockten Szene plötzlich ausgetauscht wird, etwa. Aber beide Beispiele sind, zumindest nach meiner Definition, ja gar keine „so schlecht, dass sie gut sind“ Filme. Denn aus dem einen ziehe ich überhaupt kein Vergnügen und im anderen folgt mein Vergnügen exakt den Ideen der Filmemacher.

Natürlich ist diese Definition alles andere als wasserdicht. Es gibt sicherlich Filme, die mag man genau so wie sie gewollt sind, aber es gibt einzelne Szenen darin, die sind „so schlecht, dass sie gut sind“. Oder umgekehrt. Mal ganz davon abgesehen, dass die Grenzen zwischen bewusstem „camp“, also augenzwinkernder Albernheit und „schlechtem Film“ wohl ziemlich fließend sind. Anders ist es für mich nicht zu erklären, dass etwa ein Film, wie ‚Killer Klowns From Outer Space‘ auf „so schlecht, dass sie gut sind“ Listen landen kann. Wenn jemand mit dem Film Spaß hat, dann sind die Ansprüche der Macher voll erfüllt. Das bedeutet natürlich nicht, dass man ‚Killer Klowns From Outer Space‘ nicht schlecht finden darf (das bedeutet nur, dass wir keine Freunde sein können). Aber wer ihn „so schlecht, dass er gut ist“ findet, hat ihn nicht verstanden.

Und damit sind wir wieder beim extrem Subjektiven der gesamten Einschätzung. Ich habe Leute gesehen, die diese Einschätzung jedem Film zukommen lassen, der erkennbar nicht die Finanzen eines Hollywoodblockbusters zur Verfügung hat, den sie aber dennoch mögen. Oder jedem Film, der willentlich darauf aufmerksam macht, dass er nicht „realistisch“ ist. Es ist eben kein fest gefasstes Genre (soweit es die überhaupt gibt), sondern eine zutiefst persönliche Einschätzung. Darüber was schlecht ist und darüber, was dennoch unterhält.

Newslichter Ausgabe 204: Wolfgang Petersen, obskure Videospiele und neue Ringherren

Willkommen bei Ausgabe 204 des Newslichters. Kein Warner diese Woche. Juchhe! Okay, eine kurze Bemerkung vielleicht… Einer der ‚Batgirl‘ Regisseure hat womöglich eine implizite Bestätigung dafür geliefert, dass der Film aus Steuergründen in dem Müll geworfen wurde. Denn von sämtlichen internen Servern bei Discovery Warner soll jede Spur des Films, jede Arbeitsdatei verschwunden sein. Und da man für das Steuermodell nicht aber auch gar nichts von dem Film veröffentlichen darf, ist das vielleicht ein guter Hinweis. Nun aber zum Aktuellen. Ganz fröhlich wird es heute nicht, es ist wieder mal ein Nachruf dabei, diesmal auf Wolfgang Petersen. Werden irgendwie immer mehr in letzter Zeit. Legen wir direkt los!

Zum Tode Wolfgang Petersens

Am 12. August starb Regisseur Wolfgang Petersen in seinem Haus in Brentwood, Los Angeles an Bauchspeicheldrüsenkrebs, im Alter von 81 Jahren. Am 14. März 1941 in Emden geboren, zog seine Familie nach Hamburg, als er neun Jahre alt war. Hier begann er 1965 ein Studium der Theaterwissenschaft, bevor er ein Jahr später nach Berlin zur Deutschen Film- und Fernsehakademie wechselte.
Erstes Aufsehen erregte er 1977 mit der Verfilmung von Alexander Zieglers Roman ‚Die Konsequenz‘. Mit Jürgen Prochnow in der Rolle eines Schauspielers, der eine homosexuelle Beziehung mit einem 17Jährigen hat. Der Film war noch vor Kinoauswertung in den öffentlich rechtlichen Sendern zu sehen, hier brach der Bayerische Rundfunk die Übertragung allerdings aus Protest gegen das Thema mitten im Film ab. Der große Durchbruch Petersens erfolgte vier Jahre später mit ‚Das Boot‘, dem vermutlich berühmtesten U-boot Film, der auch internationale Bekanntheit erreichte. Es folgten die bis dahin teuerste deutsche Produktion mit ‚Die unendliche Geschichte‘ und die deutsche/US Koproduktion ‚Enemy Mine‘, die bereits andeutete, wo es für Petersen hingehen würde. Er wurde „unser Mann in Hollywood“. Und auch wenn das ein Titel ist, den man vielleicht subversiv lesen könnte, hat ihn Petersen sicherlich nie so verstanden.  Er liebte das amerikanische Blockbusterkino, er genoss es diese Filme zu machen und wetterte laut und offen und gerne gerade gegen deutsche Kritiker des „oberflächlichen Films“. Mit ‚Outbreak‘ etwa hat er einen Film geschaffen, der mit dem Ausbruch der Covid Pandemie in den letzten Jahren großes, neues Interesse erfuhr. Mit ‚Air Force One‘ bewies er, wie „unser Mann in Hollywood“-Kollege Roland Emmerich mit ‚Independence Day‘, dass Deutsche mindestens so rot weiß blau-patriotisch wie gebürtige Amerikaner sein können. Nach Effektfeuerwerken wie ‚Der Sturm‘ oder ‚Troja‘ wurde es dann ruhig um Petersen. Sein letzter Film ‚Vier gegen die Bank‘ von 2016 war ein Remake seines gleichnamigen Fernsehfilms von 1976 und auch wieder eine deutsche Produktion. Aus heutiger Sicht wirkt Petersen wie ein Vertreter eines Hollywoods, das es nicht mehr gibt. Des typischen Blockbusterkinos der 90er, mit großen Themen, großen Stars und großen Effekten. In der neuen Welt der charakterbasierten Franchises scheint sich der Mann, der nie eine Fortsetzung gedreht hat, nicht wirklich eingefunden zu haben. Ob er nicht konnte oder nicht wollte, wer weiß. Für eine ganze Weile aber hat „unser Mann in Hollywood“ mitbestimmt, wie internationales Hitkino auszusehen hat. Und das ist eine Hinterlassenschaft, die durchaus stolz machen kann.

Tanz und Kloppe in obskuren Videospielverfilmungen

Ist da jetzt jemandem der ‚Sonic‘ Erfolg zu Kopf gestiegen? Bei Videospielproduzent SEGA hat man offenbar tief in der Kiste gebuddelt, auf der Suche nach verfilmbaren Videospieltiteln. Und hat hierbei nun recht Obskures zu Tage gefördert. In ‚Channel 5‘ für die unterschätzte letzte SEGA Konsole Dreamcast übernahm der Spieler die Rolle von Reporterin Ulala. Die war in einem von feindlichen Aliens überlaufenen 60er Jahre retro-futuristischen Universum unterwegs und gab sich nicht damit zufrieden nur über die Aliens zu berichten, sie tanzte sie mit Hilfe des – hoffentlich – rhythmisch begabten Spielers auch weg. ‚Comix Zone‘ war ein typischeres Prügelspiel mit interessanter Prämisse. Hauptcharakter war Comicautor/-zeichner Sketch Turner, der von einem Bösewicht in seinen eigenen Comic gehext wurde. Das Spiel stellte Interessantes mit den Zwischenräumen zwischen Panels des Comics an, durch die man Gegner etwa durchboxen konnte. Das sind beides interessante Konzepte, die ungewöhnliche Filme ergeben könnten. Allerdings dürften die Namen deutlich weniger Leuten geläufig sein, als der des flinken, blauen Igels. Aber ich beschwere mich hier gewiss nicht über eine experimentierfreudige Firma!

Die Ringe haben einen neuen Herrn

Die Rechtelage um den gesamten Mittelerdestoff von J.R.R. Tolkien ist seit Jahren mindestens komplex. Den Großteil der Rechte hält die Firma Middle Earth Enterprises. Aber bei Amazon liegen die Rechte an einigen Ausschnitten aus dem ‚Silmarillion‘, die sie nun für ihre Serie ‚Rings Of Power‘ nutzen werden. Nun aber stand Middle Earth Enterprises zum Verkauf. Und so ziemlich jeder hat erwartet, das Amazon hier zuschlägt, um sämtliche mögliche Rechteverwirrung zu vermeiden. Haben sie aber nicht. Und niemand weiß warum. Vielleicht kein Interesse, vielleicht wurden sie schlicht überboten, vielleicht bekam Jeff die Nachttischschublade mit den Milliarden drin nicht auf, weil schlicht zu viele Scheine drin waren. Zugeschlagen hat nun die schwedische Firma Embracer Group. Gamern vielleicht besser als Nordic Games und, bis 2019, THQ Nordic bekannt. Ganz konkrete Pläne scheint man hier für die teure Neuerwerbung (man munkelt von etwa 2 Milliarden Dollar) noch nicht zu haben, allerdings wird man sicherlich am Profit der kommenden Amazon Serie und des Warner Animationsfilms beteiligt. Embracer spekuliert aber öffentlich über Filme zu bekannten Figuren, wie Gandalf, Galadriel, Argorn oder Eowyn. ‚Gandalf Begins‘ scheint da schon fast etwas offensichtlich. Wie wäre es mit ‚Badfellas‘ rund um Morgoth und Sauron? Oder ein Drama im Stile von ‚The Wrestler‘ um Tulkas? Mein Favorit wär aber, natürlich, ‚Teleporno‘! Hey, keine schmutzigen Ideen hier! Das ist, selbstverständlich, der Name von Celeborn, Ehemann von Galadriel, auf Telerin (einer der Elfensprachen). Und wurde von Herrn Tolkien selbst so festgelegt. Also, nicht blöd lachen, gebt mir ‚Teleporno‘, Embracer!

Wir sehen uns nächste Woche wieder. Oder vielleicht auch nicht, nach meinen Filmideen im letzten Artikel. Ich würd’s verstehen. Für alle anderen: bis dann!

‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ (2021)

Das Nachfolgeprojekt von Sony Pictures Animation zu ‚Spider-Man: A New Universe‘ ist gefühlt ein wenig untergegangen. Dafür wird es wohl eine Reihe Gründe geben. Zum einen, natürlich, die Pandemie. Zum anderen die Tatsache, dass man sich für eine Veröffentlichung auf Netflix entschieden hat (wofür auch die Pandemie verantwortlich war). Tatsächlich war der Film für den Oscar für den besten animierten Film nominiert, genau wie ‚Spider-Man: A New Universe‘. Und wenn man mich fragen würde, macht sich Sony Pictures Animation damit langsam zu einem ernstzunehmenden Pixar-Konkurrenten, abseits von ihrer ‚Schlümpfe‘, ‚Angry Birds‘ und ‚Peter Rabbit‘ Stangenware oder möchtegern-trendigem Schrott wie dem ‚Emoji Movie‘. Natürlich fragt mich keiner. Aber ich labere hier selbstverständlich trotzdem.

Im Mittelpunkt des Films stehen Katie Mitchell (Abbi Jacobson) und ihr Vater Rick (Danny McBride). Katie war ihr Leben lang Technologie- und Filmbegeistert, dreht Filme für Youtube und nimmt die Welt durch ihr Smartphone war. Rick ist ein technophober Heimwerker und Naturbursche. Was dafür sorgt, dass zwischen beiden einiges Unverständnis herrscht. Als es am Abend vor Katies Abreise zum College fast zum Bruch kommt, beschließt Rick Katie mit dem Rest der Familie, Mutter Linda (Maya Rudolph), Katies Dinosaurier-begeisterten kleinen Bruder Aaron (Mike Rianda) und Mops Monchi, als Roadtrip selbst zum College zu fahren. Unterwegs stehen ihnen nicht nur die innerfamiliären Probleme im Weg, sondern Technologiefürst Mark Bowman löst versehentlich auch noch eine Roboterapokalypse, angeführt von der K.I. PAL (Olivia Coleman) aus. Durch Glück entgehen gerade die Mitchells der Festsetzung durch die Roboter und sind nun für die Rettung der Menschheit verantwortlich. Doch dabei steht ihnen alles im Weg, was einen PAL Chip ins einem Inneren hat. Und nicht zuletzt sie sich selbst.

Der Stil von ‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ ist nicht ganz einfach zu beschreiben. Wo ‚Spider-Man: A New Universe‘ Effekte von Comics übernommen hat, bis hinunter zur Maserung der „Zeichnungen“, wirkt ‚Die Mitchells gegen die Maschinen‘ als hätte man grobe 2D Karikaturen in einen CGI Film überführt. Verstärkt wird das noch mit echten 2D Effekten, die vor allem Katies Emotionen unterstreichen. Das Figurendesign mit seinen spitzen Nasen ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber nach ein paar Minuten hätte ich die Figuren nicht anders haben wollen. Vor allem gelingt es dem Film in seiner visuellen Sprache, die Differenzen zwischen Vater und Tochter deutlich zu  machen. Auch im Soundtrack setzt sich dies fort, wo Ricks Thema etwa mit Holzblasinstrumenten arbeitet und Katies mit Synthesizern.

Dieser Konflikt und seine Lösung sind denn auch der warmherzige Mittelpunkt des Films. Man könnte kritisieren, dass Linda und Aaron etwas zu kurz kommen, aber auch sie bekommen beide ihre Momente. Wobei der vom Regisseur selbst gesprochene Aaron sicher der bizarrste Charakter des Films ist. Ein einsamer Junge, der das Telefonbuch abtelefoniert, in der Hoffnung irgendwer wolle mit ihm über Dinosaurier reden.

Der Humor sitzt zu einem guten Teil. Dass Olivia Coleman wunderbar einen gewissen Größenwahnsinn transportieren kann, hat sie ja spätestens in ‚The Favourite‘ wunderbar gezeigt. Und hier als K.I. im Smartphone gefangen, die es Leid ist, dass ihr die Menschen im Gesicht herumstochern und sie in den Müll geworfen wird, sobald es etwas Besseres gibt ist grandios. Auch Mops Monchi ist eine Quelle vor allem visuellen Humors. Humor, der sogar Plot-entscheidend wird, denn die Roboter überhitzen, wenn sie ihn sehen, da sie ihn nicht als Hund, Schwein oder Brotlaib kategorisieren können. Weit weniger funktioniert für mich der Einsatz zumeist alter Internet-Memes. Die dienen sowohl dem Humor, als auch eine Verbindung zwischen Vater und Tochter zu finden. Allerdings werden sie glücklicherweise weit weniger eingesetzt, als die ersten Minuten des Films das befürchten lassen. Filmanspielungen gibt es ebenfalls viele, allerdings sind die meist clever genug und nicht allzu sehr auf die Nase. Sol teilt etwa der Erfinder von PAL seinen Nachnamen, Bowman, mit Dave Bowman aus ‚2001‘.

Die wilde Prämisse des Films, quasi ‚Die schrillen Vier auf Achse‘ trifft ‚Terminator’ sorgt für eine Stimmung, in der fast alles passieren kann. Wenn die vermittelnde Mutter Linda später Roboter haufenweise zerlegt oder wenn Furbies mit PAL Chip quasi in einer Gruselsequenz eingesetzt werden, dann ist das auch eine zutiefst wilde Erzählung. Aber eine Erzählung, die durch die stringente und konsequent erzählte Familiengeschichte in ihrem Zentrum jederzeit auf Linie gehalten wird.

Ist es eine erzählerische Glanzleistung von der Qualität eines ‚Spider-Man: A New Universe‘? In meinen Augen nicht ganz, nein. Der Film ist unterhaltsam von vorne bis hinten und sicherlich für Kinder geeignet, aber er ist kein Erdbeben in der Welt der Computeranimation, mit der Aussicht, Pixar in die Seile zu boxen. Wobei man sicherlich argumentieren könnte, mit ‚Lightyear‘ hängen die da eh schon. Ich hoffe der Netflix-Deal bedeutet keinen Knick für Sony Animation. Denn wenn sie dieses Niveau weiter halten und festigen können, werden sie fraglos zu einem der großen Spieler im CGI Film Geschäft. Und vermutlich zu einem der ästhetisch mutigsten und erzählerisch versierten.

Der Stunt und der Film

Stuntleute sind doch so etwas wie die unbesungenen Heroen des Films. Sie werden angezündet, erschossen, stürzen von Klippen, springen in Autos über Schluchten, stürzen mit Autos in Schluchten, springen aus in Schluchten stürzenden Autos, lassen Stars wie brillante Nahkämpfer wirken, hopsen zwischen fahrenden Fahrzeugen hin und her als wär es nichts. Und besonders viel Anerkennung bekommen sie dafür weder von der Filmindustrie selbst, noch von deren Zuschauern.

Dabei haben sie anfangs durchaus die Richtung der Filmindustrie mitbestimmt. Der erste „professionelle“ Stuntman (sprich, der erste, der bezahlt wurde) war ein heute unbekannter Akrobat und Schwimmer, der 1908 für Francis Boggs ‚Der Graf von Monte Christo‘ von einer Klippe ins Meer sprang. Er bekam dafür satte 5 Dollar (heute inflationsbereinigt um 150 Dollar). Weit bedeutender aber war, dass im frühen 20ten Jahrhundert der Westen der USA nicht mehr wirklich „wild“ war. Mit all den finsteren Implikationen, die das für die dortigen Ureinwohner hatte. Das bedeutete eine ganze Menge nun arbeitsloser Cowboys. Was liegt näher, wenn man eine große Menge hocherfahrener Reiter und Viehtreiber hat, als den Westen im Film wieder wilder denn je zu machen?

Und so wurde der Western eines von Hollywoods frühen, großen Genres. Stunttechnisch interessant in der Zeit ist fraglos auch das Genre des Slapstick. Doch gab es einen gewaltigen Unterschied zum Western. Die Stars wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin machten ihre Stunts hier allesamt selbst. Und gerade im Falle Keatons waren das teilweise durchaus haarsträubende Leistungen. Eine Ausbildung hierfür gab es natürlich nicht. Wie Zirkusclowns lernten sie durch schmerzhaftes Ausprobieren. Behalten wir Darsteller, die ihre eigenen Stunts absolvieren aber mal im Hinterkopf. Die werden noch wichtig.

Die westliche, klassische Schauspielausbildung verwendete auf den Bühnenkampf nicht allzu viel Zeit, anders als etwa die Ausbildung für die chinesische Oper, die diesen Teil deutlich ernster nahm. Stuntdarsteller konnten beim westlichen Film also durchaus eine sichere Karriere antreten. Sicher natürlich nur in Bezug auf die Arbeitsaussichten, nicht immer unbedingt in Bezug auf die Arbeitssicherheit. Ich hätte auch „Stuntmänner“ sagen können, denn lange Zeit galt das als ein rein männliches Geschäft. Bis in die 80er verwandelten sich zierliche Darstellerinnen, wenn sie denn etwa aus einem Auto springen mussten, in breitschultrige Männer im Kleid mit blonder Perücke. Und dank high defintion können wir es heute alle auf unseren Fernsehern sehen. Nicht, dass das Problem auf Frauen/Männer beschränkt war. In der guten alten ‚Batman‘ Serie aus den 60ern etwa, bemerkt man den Wechsel von Batman Adam West zum Stuntdarsteller dank Kostüm kaum. Doch Burt Ward in seinem deutlich kanpperen Robin Kostüm altert sichtlich um ca. 30 Jahre, wenn es in Zing, Biff, Pow-Szenen geht.

Mich stört das wenig, es ist charmant. Man lernte gewisse Stuntleute quasi schon als Kleindarsteller schätzen. Alle, die mehr als fünf Bud Spencer/Terrence Hill Filme gesehen haben, wissen wen ich meine, wenn ich „der Stuntman mit dem grauen Bart“ sage. Genau der. Der, den es immer besonders übel erwischt hat. Man hielt ja schon Ausschau und war enttäuscht, wenn er mal nicht verkloppt wurde. Dank des Internets kann ich Euch nun sagen, der Mann heißt Riccardo Pizzuti und er lebt noch!

Über die Jahre wurden Stunts jedenfalls immer aufsehenerregender, das Material mit dem Stuntleute arbeiten konnten umfangreicher und, zum Glück, auch Sicherheitsvorkehrungen professioneller. Schmerzhaftes Ausprobieren oder gar tödliches Ausprobieren bevor es zu Sicherheitsbestimmungen kam, waren und sind aber durchaus immer noch zu finden. Doch nun schleuderten „air rams“ Stuntdarsteller nach Explosionen meterweit durch die Luft. In den 60er Jahren setzte sich dann in Hollywood eine der wichtigsten Erfindungen für Stunts durch. „Squibs“. Kleine Päckchen mit Kunstblut, meist in der Kleidung der Stuntdarsteller, die durch eine kleine Ladung zum explodieren gebracht werden und so die Treffer von Geschossen überzogen simulieren.

Der 80er-Jahre Actionfilm ist ohne Squibs kaum vorstellbar. Menahem Golans und Yoram Globus‘ Cannon Group allein dürfte ganze Fabriken zur Herstellung der Blutpäckchen betrieben haben während sie ihre zahllosen Billigproduktionen herunterkurbelten.

Solcherlei Stunts wurden zum Standard. Doch konnte man in den 70er oder 80er Jahren mit Stunts immer noch begeistern. Das galt nicht einmal nur für Blockbuster Produktionen (die Idee des Blockbusters entstand eh erst in der Mitte der 70er). 1988 etwa veröffentlichte ‚Flodder‘-Regisseur Dick Maas ‚Verfluchtes Amsterdam‘ (‚Amsterdamned‘ ist der VIEL bessere Originaltitel). Einen gelungenen niederländischen Giallo mit Groschenromancharme und schicken Aufnahmen von Amsterdam. Mittendrin eine große Schnellbootjagd durch die Grachten. Stuntman Nick Gillard legte hier einen Bootssprung über 67 Meter (und zwei Brücken!) hin, womit er seinen eigenen Rekord aus dem Bondfilm ‚Leben und sterben lassen‘ brach und ins Guinnessbuch einzog. Der reißerische Film warb gerne damit.

Die 70er waren denn auch die Zeit als der Westen plötzlich eine Entdeckung machte. Das Hongkong-Kino. Oder anders gesagt der Kung Fu oder Wuxia Film. Hier war es üblich, dass die Stars, ganz wie beim alten Slapstickfilm, den Großteil ihrer Stunts selbst absolvieren. Zahllose Stars der Shaw Brothers Studios, Bruce Lee, Sammo Hung, Yuen Biao und selbstverständlich Jackie Chan. Das waren plötzlich auch im Westen bekannte Namen. Und anders als im westlichen Kino galt das hier absolut auch für die weiblichen Stars. In der chinesischen Oper wurden lange Zeit alle Rollen von Männern gespielt. Nicht zuletzt das führte dazu, dass auch Frauen als fähige Kämpferinnen auftraten. Im Wuxia Film (nicht nur aus Hongkong, auch aus Taiwan!), der Kung Fu sehr in der Tradition der Oper zeigt spielten dann aber doch wieder Frauen die Rollen ihres Geschlechts. Und eben auch die fähiger Kämpferinnen. Pionierinnen wie Xu Qin-fang bereiteten den Weg, damit in den 60ern Darstellerinnen wie Hsu Feng (tut Euch selbst einen Gefallen und treibt irgendwo ‚Ein Hauch von Zen‘ auf!) oder Cheng pei-pei echten Starruhm erreichen konnten.

Der Westen war hier deutlich weniger progressiv. Während die männlichen Darsteller nach dem Ende des großen Hongkong-Booms gerne nach Hollywood geholt wurden um ihre Kampfkünste zu zeigen (Jackie Chan ist das offensichtlichste Beispiel), war etwa Michelle Yeoh etwas konsterniert, als ihr Roger Spottiswoode, Regisseur von ‚Der Morgen stirbt nie‘, verbot ihre eigenen Stunts auszuführen. Sie bestand jedoch darauf ihre eigenen Kampfszenen zu drehen.

Der Hongkong-Film seinerseits griff Squibs mit erstaunlicher Begeisterung auf und spätestens in den frühen 90ern war es diese Stuntvorrichtung, die half dem neuen Genre „heroic bloodshed“ seinen Namen zu geben.

Heute scheinen Stunts einiges an ihrer Magie eingebüßt zu haben. CGI lässt Dinge möglich werden, die eigentlich unmöglich sind. Dagegen kommen Stuntleute, die letztlich an die Gesetze der Physik und die Grenzen der Belastbarkeit des menschlichen Körpers gebunden sind kaum an. Wen interessiert es, wenn ein Stuntman mit seinem Schnellboot 67 Meter springen kann, wenn man daraus mit CGI auch 200 Meter machen kann, während Dwayne „The Rock“ Johnson vor dem Greenscreen seine Augenbraue hochzieht?

Es scheint nur noch einen Weg zu geben das Publikum für Stunts zu begeistern. Den Slapstick-Weg, den Hongkong-Weg. Der Star selbst muss den Stunt ausführen. Dann wird er wieder interessant. Und ja, wir denken in diesem Moment alle an die exakt gleiche Person. Tom Cruise vollführt pro Film mindestens einen tollkühnen Stunt und er lässt es jeden wissen, der ihn zu Wort kommen lässt. Und ja, da ist eine Faszination, wenn man weiß, dass es Tom Cruise selbst ist, der da am Flugzeug oder Burj al Khalifa hängt. Der lernt wie man einen Helikopter fliegt, um es dann im Film auch selbst zu tun.

Aber weil es eben nicht der bescheidene, selbstironische Jackie Chan ist, der in Interviews selbst auf die lange Stunt-Tradition bis Keaton verweist, sondern das wohl hollywoodigste aller Hollywoodgrinsen seit es professionelle Zahnreinigung und Scientology gibt, Mr. Tom Cruise himself, kommt schnell ein anderes Wort ins Gespräch: Ego. Und manchmal frage ich mich, ob eine Reihe wie ‚Mission: Impossible‘ nicht sogar ein wenig unter ihrem stuntfreudigen Star leidet. Schließlich erhält eine der, in meinen Augen, besten Action-Reihen der Gegenwart (von der ausgerechnet heroic bloodshed Begründer John Woo den schwächsten Film abgeliefert hat…) so den (nicht ganz unverdienten) Ruch des reinen Cruise Ego-Produkts. Aber sie ist deswegen auch eine der letzten Blockbuster-Reihen die klassische Stunts wirklich hochhält.

Aber er geht nicht weg, der klassische Stunt. In den letzten Jahren scheint er gar ein kleines Comeback zu feiern. Mit Reihen wie den ‚John Wick‘ Filmen, in denen Stuntleute absolut zeigen dürfen, was sie können. Oder ‚Everything Everywhere All at Once‘, einer surreal-charmanten Darstellung einer existentiellen Krise, deren Macher weise genug waren Michelle Yeoh gewähren zu lassen. Doch das sind alles keine Riesenproduktionen. Das sind erfolgreiche Filme der zweiten Reihe. In Südostasien eifert man dem Hongkongkino früherer Tage durchaus nach und bringt immer noch Actionstars hervor, die ihre Stunts selbstverständlich selbst machen. Tony Jaa aus Thailand vor ein paar Jahren, oder, ganz aktuell, Iko Uwais aus Indonesien (mit dem derzeit Hollywood so rein gar nichts anzufangen weiß, etwas wovon Leute wie Jet Li oder Donnie Yen ein Lied singen können (ich mein, das können sie vermutlich wirklich, die sind talentiert!)). Und diese werden sicherlich auch in Zukunft nicht verschwinden. Denn für viele Zuschauer macht es eben doch einen Unterschied, ob sie das Licht von einem echten Menschen reflektiert sehen, der absolut Unglaubliches unternimmt, wobei jeder einzelne Schritt perfekt durchdacht werden will, oder eine CG-Figur, die unter üblen Arbeitsbedingungen in einen Computer gehackt wird.

Quentin Tarantino drehte vor kurzem mit ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ einen Film, den man wohl als ein Hohelied auf den klassischen Stuntman bezeichnen könnte. Brad Pitts Cliff Booth erlebt eine Art Ersatzruhm durch DiCaprios Rick Dalton, ein Darsteller, dessen Stern im Sinken ist und dessen Stunts er vollführt. Nicht nur vermöbelt dieser Cliff das Manson Family Mitglied Clem Grogan, der in Realität bei der Spahn-Ranch vermutlich einen Stuntman ermordet hat, auch Bruce Lee bekommt sein Fett weg. Etwas unverdient, wie häufig besprochen. Natürlich hat Tarantino, der Mann der Filme mehr liebt als das wahre Leben, ein großes Herz für Stuntleute (was nicht davon ablenken sollte, dass er etwa von Uma Thurman verlangt hat selbst Stunts zu vollführen, die sie nicht hätte selbst machen sollen!). Das sieht man nicht zuletzt daran, dass er Stuntfrau Zoë Bell, nachdem sie ihn in ‚Kill Bill‘ ziemlich beeindruckt hat, immer wieder Rollen in seinen Filmen gibt.

Was ich mit meiner Begeisterung über Stunts vermutlich sagen will ist: mehr Squibs. Ich möchte wieder mehr Squibs sehen! Nichts macht Action dreckiger, als wenn jemandes gesamter Brustkorb in überzogenen Blutfontänen explodiert. Und CGI Blut funktioniert bis heute nicht richtig!!