‚Climax‘ (2018) – Nein, Mann! Ich will noch nicht geh’n…

Man ahnt es bereits, auch hier könnte man wieder weidlich um die Genreeinfassung als Horror streiten. Unpassend ist sie allerdings keinesfalls. Und Regisseur Gaspar Noé, nie um freudige Provokation verlegen, wird es sicherlich gefallen. Falls Ihr, wie ich, durchaus schlechte Erfahrungen mit diesem Regisseur gemacht habt, dann lasst Euch gleich einleitend sagen, dass das hier sein vermutlich zugänglichster Film ist. Was seltsam klingen wird, sobald ich ihn genauer beschrieben habe. Doch wer seine anderen Filme kennt, wird mir zustimmen müssen.

Im tiefsten Winter des Jahre 1996 hat die Tanztruppe der Choreographin Emmanuelle (Claude-Emmanuelle Gajan Maull) seit drei Tagen eine komplexe Choreografie für eine anstehende Tournee trainiert. Dafür haben sie sich in ein abgelegenes, nicht mehr verwendetes Schulgebäude auf dem Land zurückgezogen. Zur Feier des ersten, erfolgreichen Durchlaufs spendiert Emmanuelle selbstgemachte Sangria. Die Gespräche unter den 21 Tänzerinnen und Tänzern beginnen fröhlich, werden ausgelassen und dann teilweise ausufernd oder gar aggressiv. Als ihr das merkwürdige Verhalten ihrer Kollegen auffällt, spricht Tänzerin Selva (Sofia Boutella) den Verdacht aus, dass jemand die Sangria mit halluzinogenen Drogen versetzt habe. Emmanuelle ist natürlich die erste Verdächtige, streitet allerdings alles ab und ist damit beschäftigt ihren kleinen Sohn Tito (Vince Galliot Cumant), der sich ebenfalls einen kleinen Schluck Sangria erschlichen hat, vor dem aggressiven Verhalten der unfreiwillig Vergifteten in Sicherheit zu bringen. Den, aufgrund seiner Religion, dem Alkohol entsagenden Omar (Adrien Sissoko) und Lou (Souheila Yacoub), die ebenfalls nichts getrunken hat, erwischt es deutlich schlimmer, als die Masse der Tänzer sich immer weiter von rationalem Handeln entfernt und alle mit ihren eigenen Geistern ringen, oder sich ihrem Verlangen, sei es freizügig oder sehr finster, hingeben.

 Der Film beginnt mit einem direkten visuellen Verweis auf ‚The Shining‘. Und Benoît Debies Kamera folgt den Darstellern später durch die Gänge der Schule, getaucht in Primärfarbenes Licht, das Dario Argento gefallen würde, wie einst Kubrick es mit Danny Torrance auf seinem Dreirad getan hat. Doch Noés Ansatz ist letztlich ein genau gegenläufiger. Während es bei Kubrick die schreckliche Einsamkeit in einem Hotel voller Geister war, die seinen Protagonisten in den Wahnsinn trieb, gibt es hier keine Geister und die klaustrophobischen Orte sind, im Gegenteil, angefüllt mit entfesselter Menschheit. Es ist eine Höllenfahrt als Kammerspiel, die sich zu einem guten Teil in der alten Turnhalle mit dem roten Linoleumboden und der erdrückend riesigen, französischen Flagge abspielt.

Wir sehen keine Geister, die Charaktere hingegen sicherlich schon. Noé lässt uns hier nicht mit visuellen Mitteln oder Effekten am Trip seiner Charaktere teilhaben. Wir sind in die erschreckende Rolle des Nüchternen auf einer rapide entgleisenden Party gezwungen. So sehen wir Selva, die hypnotisiert auf eine Fototapete starrt und Isabelle Adjanis U-Bahn-Moment aus ‚Possession‘ nachzuerleben scheint. Emmanuelle, die ihren kleinen Sohn „zum Schutz“ in den Transformatorraum(!!) der Schule sperrt (und prompt den Schlüssel verliert). Und es ist kein guter Ort für Nüchterne, wie Omar und Lou schnell und schmerzhaft erfahren. Erst zum Ende hin dreht Debie seine Kamera auf den Kopf. In der Notbeleuchtung der Turnhalle sind nunmehr nur noch zuckende Arme, Beine und Leiber zu erkennen, keine Individuen mehr auszumachen. Wir schweben scheinbar endlos durch ein bewegtes, apokalyptisches Hieronymus Bosch-Gemälde. Die Fahrt hat die Hölle erreicht. Und endet dann dort wo sie begonnen hat. Die Sonne geht wieder auf. Wenn auch nicht für alle Charaktere.

Das ist denn auch, was der Film letztlich ist. Ein visuelles Erlebnis, ein Trip, eine Erfahrung. Es ist weder eine komplexe Handlung, noch ausgearbeitete Charaktere, die wir hier bekommen. Es ist sogar schwer wirklich einen Hauptcharakter auszumachen. Am ehesten noch Selva, mit der wir vermutlich die meiste Zeit verbringen und die mit Sofia Boutella die einzige professionelle Schauspielerin als Darstellerin hat (Korrektur: Souheila Yakoub hatte ebenfalls Schauspielerfahrung und ist, nach diesem Film durchaus gefragt. So wird sie im zweiten Part von ‚Dune‘ zu sehen sein). Die anderen Charaktere werden sämtlich von Tänzern dargestellt. Und das ist eine hervorragende Entscheidung. Denn die mögen nicht allesamt sagenhaft begabte Darsteller sein, sind aber mit erkennbarer Verve bei der Sache und bringen vor allem eine physische Präsenz mit, die für den Film sehr wichtig und einem des Tanzes nicht begabten Darstellers vermutlich schwer beizubringen wäre. Mal ganz davon ab, dass die immer wieder vorkommenden Tanzszenen nicht eingeübt, sondern sämtlich improvisiert sind.

Am meisten über die Charaktere erfahren wir ganz am Anfang, von aufgezeichneten Einstellungsgesprächen, die uns auf einem alten Röhrenfernseher, eingezwängt zwischen Videokassetten von ‚Suspiria‘, ‚Possession‘, Die 120 Tage von Sodom‘ und ähnlichen auf der einen und Werken von Nietzsche und Büchern über Lang und Murnau auf der anderen. Dies lässt zunächst ein arg verkopftes Werk vermuten, meiner Meinung nach bekommen wir aber das genaue Gegenteil. Der Film funktioniert dann am besten, wenn man ihn als Erlebnis über sich hinwegwaschen lässt. Ein Trip zur Musik von Aphex Twin und Giorgio Moroder. Ein Film, der uns, in sicherlich völlig gewollter Ironie, gar den titelgebenden „Klimax“ vorenthält.

Natürlich ist es immer noch ein Film von Gaspar Noé und so komme ich um einige inhaltliche Warnungen vermutlich nicht herum. Hier stirbt ein Kind, wird eine Schwangere brutal in den Bauch getreten, zieht sich eine inzestuöse Beziehung mal mehr mal weniger erzwungen durch den Film, Selbstverletzung wird mehrfach gezeitgt. Die Bruchstellen zwischen den Tänzerinnen und Tänzern, die unter dem ungewollten Drogeneinfluss zur Katastrophe führen sind intim und oftmals schmerzhaft. Und doch geschieht erstaunlich viel vom Schrecklichsten offscreen. Noé verzichtet einmal darauf voll draufzuhalten und kann so vermutlich ein weit größeres Publikum abholen. Die Werbung für den Film bei den Festspielen von Cannes trug dem humorige Rechnung, indem sie verkündete: „You despised ‚I Stand Alone‘, hated ‚Irréversible‘, execrated ‚Enter the Void‘, cursed ‚Love‘, come celebrate ‚Climax‘.“

Ich bin sicher Noé rächt sich in seinem nächsten Werk ganz furchtbar für eine derart positive Resonanz auf einen seiner Filme. Aber bis dahin kann ich ‚Climax‘ tatsächlich ein Stück weit dafür feiern was er ist!

Kurz & schmerzlos Halloween Special

Ja, ist denn heut scho Weihnachten? Nein. Auch wenn beim Supermarktbesuch ein anderer Eindruck entstehen könnte. Es ist noch nicht einmal Halloween. Und trotzdem gibt es heute nicht einen, nicht zwei, sondern gleich drei gruselige Kurzfilme!

‚Ghost Dogs‘ (2020)

Ein Animationsfilm von Joe Cappa. Ein frisch adoptierter Hund ist allein zuhause, abgesehen vom Staubsaugroboter. Da wird er von den Geistern früher Hunde des Hauses heimgesucht. Visuell einfallsreiche, ungewöhnliche 11 Minuten, ohne Dialoge (wohl aber mit einem Monolog). Fängt wunderbar den Geist dieser Dinge ein, die man früher spät abends beim Durchzappen sah und sich nie ganz sicher war, ob man das wirklich gerade gesehen hat.

‚Scary Car‘ (2022)

Vier ca. 30 Jahre alte Teenager sind von Aliens, Geistern und allerlei Verschwörungstheorien begeistert. Und nun sitzen sie mitten im Wald im Auto um eine außerdimensionale Wesenheit zu beschwören. Keiner rechnet damit, dass es wirklich funktioniert, doch plötzlich ist einer von ihnen… anders. ‚Blair Witch Project‘ als Stoner Komödie beschreibt diesen Short recht gut. Das klingt so als sollte es nicht funktionieren, tut es aber ganz wunderbar.

‚Those That Follow‘ (2022)

In Thailand haben zwei jugendliche Gangster einen Laden überfallen und die ältere Besitzerin dabei schwer verletzt. Nun verstecken sie sich in einer Hütte im Wald (immer die beste Idee im Horrorfilm!), in einer ländlichen Region, wo gerade das Phi Ta Khon Geisterfestival gefeiert wird. Das bedeutet zwar einerseits, dass mehr Leute als gewöhnlich auf den Straßen sind, andererseits aber auch, dass man sich hinter Masken verbergen kann. Doch die Probleme der beiden fangen erst an, als sie eine merkwürdige Maske finden. Parkpoom Wongpoom (einer der Ko-Regisseure hinter dem interessanten Kamerahorror ‚Shutter‘ von 2004) inszeniert in etwa 23 Minuten eine gelungene Mischung aus Folk-Horror, Geisterspuk und ungesühnter Schuld. Man sollte wohl dazusagen, dass es sich in gewisser Weise um einen Apple Werbespot handelt, da der Film sehr deutlich macht, dass er komplett auf einem iPhone 13 Pro entstanden ist. Aber solange die Werbung nur darin besteht die Leistungsfähigkeit der Kamera zu präsentieren, während Wongpoom dadurch gleichzeitig die finanziellen Mittel für Komparsen, Kostüme und den ein oder anderen Spezialeffekt hatte, habe ich damit ehrlich gesagt kein allzu großes Problem. 

Newslichter Ausgabe 211: Gangs, Kanonen und eine Warnung

Willkommen bei Ausgabe 211 des Newslichters. Nicht wirklich oft, aber doch manchmal enden Geschichten auch in der Wirklichkeit irgendwie poetisch. Am 11. Oktober starb Angela Lansbury 96jährig im Schlaf. Ein langes und zumindest von außen gesehen, äußerst erfülltes Leben hinter ihr. Und ihre letzte Rolle war nun offenbar in Rian Johnsons Whodunit ‚Glass Onion: A Knives Out Mystery‘. Wie passend für die Darstellerin, die ihren langlebigsten Ruhm wohl mit ‚Mord ist ihr Hobby‘, jener Whodunit Serie, angesiedelt in einer neuenglischen Kleinstadt erworben hat. Nun aber zu den weit weniger poetischen Neuigkeiten.

Die Kanone wird wieder nackt

Kein Franchise der 80er und 90er ist davor sicher und nun ist ‚Die Nackte Kanone‘ dran, ein Reboot, oder Rebootquel, oder ähnliches zu bekommen. Mit Liam Neeson in der Hauptrolle. Da hat man doch direkt ein paar Fragen. Ein ‚Nackte Kanone‘ ohne Leslie Nielsen, ist das wünschenswert? Nein. Aber nun ist es halt da. Warum ausgerechnet Neeson in der Hauptrolle, ein Darsteller, der bislang nun nicht eben durch sein humoristisches Talent überzeugt hat? Das sehe ich weniger kritisch. Neeson ist ein fähiger Darsteller (wenn er denn Bock hat) und ich bin sicher, dass er auch komisch kann, wenn es von ihm gefragt ist. Wobei anzumerken ist, dass sich Nielsens Humor ohnehin vor allem aus der Tatsache speiste, dass sein Charakter mit stoischer Ernsthaftigkeit wildestes Chaos anrichtete. Aber ist so eine Polizei-/Detektivfilmparodie heute überhaupt noch irgendwie zeitgemäß? Nein. Aber vielleicht wird es ja eine Parodie auf diese Ein Mann Rache-Armee-„Ich habe ein paar ganz besondere Fähigkeiten“-Filme. In diesem Fall wäre Neesons Casting natürlich ein Genie-Streich, ist sein Name doch quasi synonym mit diesem Genre. Aber wie ich Hollywood kenne, könnte es auch ein völlig idiotisches Nichts von einem Film werden und Neeson wurde nur gecastet, weil sein Nachname dem von Nielsen halbwegs ähnlich ist. Die Zukunft wird es zeigen müssen.

Gangs zurück in New York

‚Gangs Of New York‘ hat nicht unbedingt den Ruf als einer von Martin Scorseses besten Filmen. Und obwohl ich ihn eigentlich sehr gerne mag, war auch Scorsese selbst nie so ganz glücklich mit dem Film. Denn die Version, die ihm vorschwebte sollte eigentlich ungefähr vier Stunden lang werden. Der damalige Miramax Chef und fleischgewordene Flatulenz Harvey Weinstein verhinderte das jedoch. Nun soll es eine von Scorsese produzierte Serienumsetzung von Herbert Asburys historischem Sachbuch ‚Gangs Of New York‘ geben, von der Scorsese auch die ersten zwei Folgen auch inszenieren wird. Mit dem Film wird die nichts zu tun haben, außer dass einige historische Charaktere, wie Bill „The Butcher“ Poole, sicherlich wieder auftauchen werden. Wenn auch eher nicht von Daniel Day-Lewis gespielt. Ich habe damals durch den Film inspiriert Asburys Buch gelesen und kann sagen, dass da fraglos genug Material für eine mehr als gelungene Serie drinsteckt. Vor etwa zehn Jahren hatte Scorsese schon einmal den Plan einer Fernsehserie, doch damals wurde nichts draus. Doch diesmal scheint es auf einem guten Wege.

Disney „warnt“ Frankreich

‚Black Panther: Wakanda Forever‘ könnte für längere Zeit der letzte Disney-Blockbuster sein, der in Frankreich in die Kinos kommt. Als Grund dafür gibt der Konzern die kundenfeindliche („anti consumer“) Politik Frankreichs, in Bezug auf das Fenster der Kino-Exklusivität an. Dabei ist es vor allem Streaming, das hierbei hervorsticht. Nach meinen Recherchen (ohne Gewähr auf irgendeine Korrektheit!) kann ein Film in Frankreich 4 Monate nach Kinostart auf DVD/BluRay erworben werden. Nach 8 Monaten auf bezahlt abonnierten Fernsehsendern. Nach 17 Monaten eingeschränkt im Stream (für ein paar Monate, wie es scheint). Nach 22 Monaten im Free TV. Und erst nach sagenhaften 36 Monaten unlimitiert auf Streaming Plattformen. Und hier liegt, wenig überraschend, Disneys Problem. Disney+ soll gegenüber dem geschwächten Netflix nachwievor gepusht werden und dazu gehört eben auch, dass aktuelle Filme relativ zügig hier erscheinen. Frankreichs Gesetzgebung dient dazu die Kinos und die heimische Filmindustrie zu stärken. Sicherlich ist es ein wenig fragwürdig, wenn sich Disney nun den Kampf für den Verbraucher auf die Fahnen schreibt, es sind offensichtlich die Eigeninteressen die hier Triebfedern sind. Es ist allerdings ähnlich fragwürdig, ob eine derartige Politik, die Streaming eine auffallend negative Sonderbehandlung zukommen lässt, noch zeitgemäß ist. Wenn Disney die Filme direkt auf Disney+ erscheinen ließe, würde man die Restriktionen jedenfalls umgehen. Und genau damit drohen warnen sie ja nun. Die französischen Kinobetreiber dürften aufgrund dessen nun in einer recht verwirrenden Position sein. Was sollen sie tun? Druck auf die Regierung ausüben, die Restriktionen gegen die konkurrierenden Streaming Anbieter aufzugeben und sich so selbst ein Stück Exklusivität nehmen? Oder doch lieber auf die, sicherlich nicht unerheblichen, Einnahmen aus Disney Blockbustern verzichten? Im Haus der Maus jedenfalls scheint man sicher, dass sie Variante 1 wählen. Aber ob die französische Regierung auf derart großer Bühne vor einem Konzern einknicken will? Le temps nous dira…

Was ich Euch direkt jetzt sagen kann ist, dass es nächste Woche wieder einen Newslichter geben wird.

‚Possession‘ (1981) – Kramer gegen Kra- OH MEIN GOTT, WAS IST DAS??!!

Bei Andrzej Zulawskis ‚Possession‘ kann man sicherlich lange über die Genre Einteilung diskutieren. Aber am Ende wird man immer beim Horror landen. Denn machte man den Fehler, ihn als „Scheidungsfilm“ zu kategorisieren, würde er sich vermutlich sofort selbst zum Spinnenkaiser des Universums ernennen, seine grausigen Extremitäten triefend von Schleim und dem Blut seiner Opfer, brüllt er sein irrsinniges Schnattern in eine endlose Nacht voll sterbender Sterne, seinem Klagen taub. Und uns hält er einen Spiegel vor, in dem wir all die kleinen und großen Grausamkeiten, die wir an unseren Mitmenschen im Laufe unseres Lebens begehen und die an uns begangen werden, vorgeführt bekommen. Die kleinen Verletzungen, die unbedeutend erscheinen, aber in Traumata metastasieren, die unsere Seele in ihren kalten, gnadenlosen Klauen umklammern. Also, seien wir lieber von Anfang an ehrlich und nennen ihn was er ist: Horror.

Der Spion Mark (Sam Neill) kehrt von einer nicht näher benannten Mission nach West-Berlin zurück. Hier teilt ihm seine Ehefrau Anna (Isabelle Adjani) in deutlichen Worten mit, dass sie die Scheidung will. Obwohl sie insistiert, dass es nichts damit zu tun habe, dass sie einen anderen Mann gefunden habe, bleibt Mark misstrauisch. Er flüchtet sich in ein wochenlanges Alkoholdelirium. Als er zur gemeinsamen Wohnung zurückkehrt ist Anna verschwunden und der kleine gemeinsame Sohn Bob (Michael Hogben) allein und verwahrlost. Daraufhin wirft Mark die zurückkehrende Anna aus der Wohnung und will sich fortan selbst um Bob kümmern. Alsbald meldet sich Annas neue Beziehung, der seltsame Esoteriker Heinrich (Hein Bennent), bei Mark, weil auch er nicht mehr weiß wo sie ist. Ein beauftragter Detektiv verfolgt sie bis zu einem heruntergekommenen Altbau, verschwindet dann jedoch selbst. Irgendetwas versteckt sich in der verdreckten Wohnung. Etwas, das vollständig Besitz von Anna ergriffen zu haben scheint.

Der Film transportiert auf unangenehm rohe Weise die Gefühle, die mit dem unglücklichen Ende einer Beziehung einhergehen. Den Schmerz, die Entfremdung, die Paranoia und das Trauma. Zulawski bildet die Räume um die Charaktere beinahe leer ab, sie sind gefüllt mit kalten Blautönen. Bruno Nuyttens unstete Kamera saust durch die Gegend, verfolgt Charaktere, kreist um sie herum, stellt sie immer wieder in den Mittelpunkt. Die erste Hälfte zeigt hierbei noch halbwegs realistisch den emotional aufgeladenen, drastischen Konflikt zwischen Kontrollfreak Mark und der nach einer eher undefinierten Freiheit, vor allem aber nach der Gesellschaft des oft abwesenden Mark, strebenden Anna. Wir als Zuschauer werden in die Rolle des passiven Beobachters geworfen. In die unangenehme Rolle des Besuchsgastes, wenn zwischen dem Gastgeber-Paar plötzlich ein heftiger Konflikt entbrennt. Die ersten Worte des Films sind die Fortsetzung eines Streits, der begann, lange bevor wir überhaupt da waren. Zulawski ist hier gnadenlos und deutlich in seiner Darstellung eines Konflikts, der auch vor häuslicher Gewalt und Selbstverletzung nicht haltmacht.

Doch bereits hier hält das Seltsame Einzug. NVA-Soldaten spähen über die Mauer in die Fenster der Wohnung von Anna und Mark. Paranoia eines Spions, oder steckt mehr dahinter? Plötzlich entpuppt sich Bobs Grundschullehrerin Helen (ebenfalls Adjani) als exakte Doppelgängerin von Anna. Etwas, das Mark nie hinterfragt, aber zum Anlass nimmt eine Beziehung mit ihr zu beginnen.

Doch in der zweiten Hälfte des Films bricht sich der Horror endgültig Bahn, wenn Anna selbst zur Agentin eines widerwärtigen Urbösen wird. Wenn sie einem grotesken Tentakelwesen auf der Toilette einer völlig verdreckten, vermüllten Wohnung (im direkten Kontrast zu Anna und Marks moderner, aber seltsam kahler Wohnung) nicht nur sich selbst, sondern auch Todesopfer zuführt. Darunter auch Carl Duering als vielleicht schlechtester Privatdetektiv der Filmgeschichte. Es entbrennt ein grotesker Akt der Ko-Selbstzerstörung im Laufe dessen auch Mark zum Mörder wird und an dessen Ende von beiden Partnern nichts mehr übrig ist, als seltsame Abbilder und allgegenwärtige Zerstörung.

Zulawski ging, für absolut niemanden überraschend, durch eine sehr hässliche Trennung, als er den Film schrieb. Doch war es für ihn nicht nur eine Zeit der persönlichen Trennung, sondern auch die Zeit, in der er sein Heimatland, das sozialistische Polen, endgültig verlassen hatte und nach Frankreich gegangen war. Und so spiegelt auch sein Film das Persönliche auf einer größeren Projektionsfläche wider. Anna und Marks grausige Trennung vollzieht sich im geteilten Berlin. Mit seiner Mauer sinnbildlich für ein getrenntes Deutschland. Eine Trennung, die nicht zuletzt Folge eines grausigen Traumas war, das Deutschland der Welt aufgezwungen hat. Beide Häuser, der elegante Neubau und der verfallene Altbau (Sebastianstr. 87, wo man heute die (hoffentlich sanierten) Wohnungen teuer mieten kann), liegen in direkter Nähe zur Mauer. Ein seltsamer Mann in rosa Socken (Maximilian Rüthlein) versucht Mark in seine alte Spionagearbeit zurückzuholen (oder doch ihn umzudrehen, man weiß es nie). Und der Film endet mit einer Andeutung von gigantischer Vernichtung, die hier in direkter Nähe des Eisernen Vorhangs wohl nie weit entfernt schien und die die Desintegration der zentralen Beziehung in ein größeres Ganzes einfügt.

Zentral für das Gelingen eines solchen Films sind die Darsteller. Vor allem natürlich das zentrale Paar. Der damals noch recht unbekannte Sam Neill gibt seinen Mark als nach außen hin kühl-analytischen Charakter, eine Fassade, die allerdings schnell bröckelt. Im Streit mit Anna entpuppt er sich als kleinlicher Tyrann, der Besitztümer zurückfordert und seine moralische Überlegenheit feiert. Neill gibt das nuanciert zwischen erbostem Fordern und kindlichem Betteln, wenn er an Bobs Spieltisch sitzt und zu Anna aufblickt. Isabelle Adjani liefert hier die Art von Darstellung ab, die entweder sämtliche Schauspielpreise der Welt bekommen, oder dafür sorgen sollte, dass sie nie wieder eine Rolle bekommt. Die Tatsache, dass weder das eine noch das andere eingetreten ist, ist zumindest seltsam. Als Anna liefert sie auf einer Intensitätsskala von 1 bis 10 keine Szene unter einer 9,5 ab. Was natürlich dafür sorgt, dass sie gelegentlich auf 12 hochschalten muss. Da ist eine Szene in einem U-Bahnhof in diesem Film, in der sie die typischen Grenzen narrativen Schauspiels definitiv hinter sich lässt und in die Performance Art wechselt. Es ist eine Szene, von der ich Euch versprechen kann, dass Ihr sie nie vergessen werdet. Ob das gut oder schlecht ist, das müsst Ihr für Euch selbst entscheiden. Überhaupt hängt viel ob Ihr den Film mögt oder nicht davon ab, was Ihr vom Spiel, insbesondere von Adjanis Spiel, haltet. Funktioniert es für Euch nicht, bekommt Ihr hier vermutlich nur ein Fließband grotesker Grausamkeiten präsentiert und werdet den Film sicher lange vor seinem Ende abschalten.

Wenn es aber funktioniert, so wie für mich, dann bekommt Ihr hier ein absolut einmaliges Filmerlebnis geliefert. Ich tue mich schwer damit den Film als einen meiner Lieblingsfilme zu bezeichnen. Weil er sich einer solchen Kategorisierung nun endgültig entzieht. Und auch weil es ein Film ist, den ich nicht häufig sehen muss oder will oder kann. Und in der richtigen Stimmung sein muss wenn ich ihn schaue. Und selbst dann solltet Ihr gewarnt sein, dass der Film sich im Unterbewussten festsetzt. Ihr könnt mit großem Vergnügen ‚Jurassic Park‘ schauen und plötzlich bekommt Ihr beim Anblick Sam Neills die Vision eines elektrischen Fleischmessers…

Newslichter Ausgabe 210: Stunts im All, präsidiale Wrestler, Oregon und neue Affen

Willkommen bei Ausgabe 210 des Newslichters. Drei Jahre ist es jetzt her, seitdem Martin Scorsese Marvelfilme mit Achterbahnen verglichen hat. Und noch immer escheinen zornige Essays, die ihm nicht nur einfach wiedersprechen, sondern ihn auch gleich zu einem talentlosen Mafia-Fanboy herabwürdigen. Liebe Superheldenfilm-Superfans, Ihr habt doch schon gewonnen. Was wollt Ihr denn noch? Naja, ich bin sicher Scorsese kann damit umgehen/es ist im völlig wurscht. Legen wir also mit aktuelleren News los!

Und er fliegt doch ins All!

Vor längerer Zeit deutete sich ein neuer Wettlauf ins All an. Ein Wettlauf, wer den ersten Film im Weltall dreht. Auf der einen Seite Tom Cruise, Elon Musk (wobei dessen Beteiligung, wie meist, eher selbsterklärt scheint) und die NASA und auf der anderen die russische Filmindustrie und Roskomos. Letztere haben inzwischen längst gewonnen, haben 12 Tage lang auf der internationalen Raumstation einen Film gedreht um eine Chirurgin, der einen Kosmonauten auf der Station operieren muss. Doch das heißt nicht, dass die Pläne um Doug Limans und Cruises Film auf der Station beendet wären. Universal Vorsitzende Donna Langley höchstpersönlich hat in einem Interview klargemacht, dass das nachwievor geplant ist. Und Cruise soll denn auch der erste Zivilist sein, der einen „Spacewalk“ unternimmt, also die Station im Raumanzug verlassen wird. Ob die derzeitige politische Lage und die damit verbundene Ankündigung von Roskosmos, sich aus der Unterhaltung der Internationalen Raumstation zum Jahr 2024 zurückzuziehen, Einfluss auf den Film haben werden, wird sich zeigen müssen. Falls ja, bin ich sicher, Elon Musk baut ihnen eine Weltraumstation. Zumindest wird er das sagen. Und erreichen kann man sie nur durch einen Tunnel. Mit einem Tesla Cybertruck. Auf Autopilot. Aber Cruise mag ja gefährliche Stunts. Und vor Schafen wär er da oben immerhin sicher.

You can not smell, what the president is cooking

In einem Interview mit dem Sender CBS, hat Wrestler, Darsteller und internationaler Superstar Dwayne „The Rock“ Johnson klargestellt, dass er nicht für das Amt des Präsidenten der USA kandidieren wird. Als Grund gibt er an, dass er nicht so lange von seinen Kindern getrennt sein möchte. Das verstehe ich und als Filmschauspieler ist man schließlich die meiste Zeit zuhause, oder? Sei das wie es will, ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um zu verkünden, dass auch ich nicht für das Amt des US Präsidenten zur Verfügung stehe. Grund dafür ist, dass ich dazu viel zu faul bin. Erschwerend vermutlich auch, dass ich dort nicht geboren bin und nie gelebt habe und daher vermutlich nicht im Geringsten wählbar bin. Aber wär ich es, tät ich nicht wollen! Bundeskanzler will ich übrigens auch nicht werden. Nur falls Ihr Euch das fragt. König könnte ich mir vorstellen. In einem beliebigen europäischen Land, die sich mit dem Quatsch noch abgeben. Ich habe kein Problem damit große, alberne Hüte, gern auch aus juwelenbesetztem Metall, zu tragen. Ich finde mich auch in großen Häusern nach kurzer Eingewöhnung gut zurecht und hatte noch nie Probleme mit Karpaltunnelsyndrom. Dem elegant-lockeren Winken aus dem Handgelenk steht also nix im Wege. Wer also dringend einen König braucht, darf sich gern melden. Nur ernstgemeinte Angebote und kein Jane Grey-Betrug, bitte! Was war eigentlich das Thema? Ach ja, Dwayne Johnson, nicht Präsident! Wissen wir das jetzt auch.

The Oregon Trail

Und heute aus der Rubrik „merkwürdige Videospielverfilmungen“: The Oregon Trail. The Oregon Trail ist nicht nur ein sehr altes Spiel, in seiner ersten Version von 1971 wurde es noch über Teleprinter gespielt und war damit, technisch gesehen, kein „Video“-spiel, sondern auch noch ein Lernspiel. Darin können Schüler den Treck amerikanischer Siedler 1848 von Missouri nach Oregon nachvollziehen. Treffen Entscheidungen, die über das Schicksal einer Familie in ihrem Planwagen entscheiden. Die modernisierte Fassung von 1985 prägte in den USA eine Generation. In Deutschland ist es weit weniger bekannt, doch in den 90ern war es noch auf einigen besonders alten Kisten im Computerraum meiner Schule installiert. Was nicht heißt, dass ich es gespielt hätte. Gab immerhin schon Duke Nukem und da brauchte man nix lernen! Nun soll ein schwarzhumoriges Filmmusical aus dem Stoff entstehen. Josh Gordon und Will Speck, bekannt für die ‚Hit Monkey‘ Serie, arbeiten dran. Und ‚La La Land‘ Songtexter Benj Pasek und Justin Paul. Ob es außerhalb der USA für den Stoff ernsthafte nostalgische Nachfrage gibt, wird sich wohl erweisen müssen.

Planet der Affen geht weiter

Offenbar geht es nach der Übernahme von 20th Century Fox durch Disney nun mit der erfolgreichen Neuauflage des ‚Planet der Affen‘-Stoffes weiter. Fünf Jahre nach Matt Reeves ‚Planet der Affen: Survival‘, letztem Teil der Reboot Trilogie, stehen nun die Dreharbeiten, des etwas ungelenk betitelten ‚Kingdom of the Planet of the Apes‘ in den Startlöchern. Der deutsche Titel wird da eh wieder eigene, sicher ähnlich ungelenke, Wege gehen. Gedreht wird in Australien und Regie führen soll Wes Ball, bekannt für… öh… die ‚Maze Runner‘ Filme? Bei Disney/Fox hofft man jedenfalls nach eigener Aussage auf eine neue Trilogie. Wäre ich ein zynischer Mann, würde ich angesichts der Auslagerung nach Australien und den wenig bekannten Namen hinter und vor (Owen Teague? Freya Allan?) der Kamera vermuten, dass hier eine zuletzt sehr hochwertig produzierte Marke günstig gemolken werden soll. Zum Glück bin ich ja kein Zyniker. Weiß aber im Moment nicht so recht, wie ich ihm widersprechen sollte. Positiv überraschen lasse ich mich aber am liebsten… Wenig überraschend, aber hoffentlich positiv ist, dass wir uns nächste Woche hier wiedersehen!

‚Onibaba – Die Töterinnen‘ (1964) – Sünde, Sex und Schilf

Hier haben wir einen Film, bei dem man sich sicherlich um die Genre-Klassifizierung streiten könnte. Manche werden den Film als jidai-geki, einen japanischen Historienfilm, sehen. Oder als Drama. Auch eine Klassifizierung als Erotikfilm wäre nicht ganz falsch. Aber, wenigstens für mich, ist das zentrale Element der Horror. Nicht nur der übernatürliche Horror, der erst in den letzten Minuten des Films Einzug hält, sondern der zwischenmenschliche Horror und vor allem der merkwürdige Schrecken des ungewöhnlichen Settings. Ein gigantisches Feld aus übermannshohem Susuki-Schilf (oder Riesen-China-Schilf) in ständiger, unaufhörlicher Bewegung. Aber beginnen wir mit der Geschichte.

Im 14ten Jahrhundert befindet sich Japan im Bürgerkrieg. Die Männer sind in Armeen gepresst. Eine ältere (Nobuko Otowa) und eine jüngere Frau (Jitsuko Yoshimura), Schwiegermutter und Tochter, leben in einer kärglichen Hütte tief verborgen in einem riesigen Feld aus hohem Schilf. Hier überleben sie den Krieg, indem sie desertierte, verirrte oder schlicht reisende Samurai und Krieger aus dem Verborgenen ermorden, ihre Rüstungen, Waffen und Wertsachen plündern und an den örtlichen Hehler gegen Reis verkaufen. Die Leichen entsorgen sie in einem engen, finsteren Loch, mitten im Schilf. Da kehrt überraschend Nachbar Hachi (Kei Sato) aus dem Krieg zurück. Allerdings ohne den Ehemann/Sohn der beiden, der getötet wurde. Auch Hachi hat kein Problem damit Reisende zu töten und durchschaut schnell das Tun der beiden Frauen. Er macht sich an die jüngere Frau heran, die ihn alsbald jede Nacht in seiner Hütte besucht. Die ältere Frau (Otowa, Ehefrau des Regisseurs Kaneto Shindo, war während des Drehs 39 Jahre alt, ich werde sie also nicht als „alte Frau“ bezeichnen) fürchtet schnell, dass sie die jüngere an Hachi verlieren wird und dann allein verhungern muss oder direkt getötet wird. Da taucht ein seltsamer Samurai mit einer Teufelsmaske in ihrer Hütte auf und verlangt, sie solle ihn aus dem Schilf führen. Stattdessen lässt sie ihn in das Mordloch stürzen. Doch seine Maske bringt sie auf eine Idee. Die jüngere Frau hat ohnehin nachts Angst das Schilf zu durchqueren, und nun will die Ältere ihr mit der Maske als Dämon erscheinen.

Kaneto Shindo sagt seinem Film liegt eine buddhistische Sage zugrunde, die er als Kind gehört habe: Eine alte Frau ist wütend, weil ihre Schwiegertochter die häuslichen Pflichten vernachlässigt, um in den Tempel zum Beten zu gehen. Um ihr das auszutreiben lauert sie ihr im Gebüsch am Wegesrand mit der Maske eines Onis, eines Dämons, auf. Buddha bestraft die lästerliche Alte, sie kann die Maske plötzlich nicht mehr abnehmen. Als sie um Vergebung fleht, gelingt es ihr endlich doch. Aber anders als erwartet, zusammen mit der Maske reißt sie auch die Haut ihres Gesichtes herunter. Das war jetzt nicht nur ein ziemlicher Spoiler für einen vierzig Jahre alten Film, das war auch ein, in meinen Augen, ungewöhnlich blutrünstiger Buddha.

Doch im Film des Atheisten Shindo gibt es ohnehin keinen Gott oder Buddha. Und doch gibt es eine Kraft, die die ältere Frau bestraft. Sie reißt sich allerdings nicht die Haut herunter, sondern unter der Maske kommen die typischen Symptome einer Überlebenden der Atombomben von Hiroshima, einer „Hibakusha“ zum Vorschein. Eine Gruppe die in Japan lange Jahre, definitiv zu Zeit des Films, heftige Diskrimination erlebte. Womit ihre Rufe „Ich bin kein Dämon, ich bin ein Mensch!“ eine ganz andere Qualität erhalten.

Und damit sind wir tief im Thema des Films: der jegliche Moral und Menschlichkeit zerstörenden Kraft des Krieges. Gelenkt von Mächten, die, gerade hier im Schilf, entsetzlich weit fort scheinen, haben sie die drei zentralen Charaktere jeder Moral, ja jeden Lebensinhalts außer Überleben beraubt. So beobachten sie, wie ein fliehender Soldat den Fluss durchschwimmt und die am Rand stehenden um Hilfe bittet, nur um erstochen zu werden. Hachi erzählt eine schwarzhumorige Geschichte, wie er auf der Flucht einen Mönch getötet hat und in dessen Kleidung weitergereist ist. Das sei sicherer, denn „was für ein Monster vergreift sich an einem Mönch?“.

Doch mit Hachis Rückkehr gibt es für die jüngere Frau und für ihn selbst wieder einen weiteren Inhalt im Leben. Sexualität und verschwitzte Sinnlichkeit. Und die ältere Frau wird nicht nur von Überlebensängsten, sondern auch von doppelter Eifersucht getrieben. Einmal auf die körperlichen Freuden der beiden. Als sie selbst versucht Hachi zu verführen reagiert der mit grausamer Ablehnung. Und zum anderen fürchtet sie, die jüngere Frau als einzige Gefährtin zu verlieren. Der Weg, den sie anfangs wählt um sie aufzuhalten ist erstaunlich. Sie pocht auf die moralischen Verpflichtungen der jungen Frau gegenüber ihrem toten Mann und droht mit Sünde und Hölle. Wobei ja beide Frauen dutzendfache Mörderinnen sind. Kein Wunder, dass die Jüngere dies als reine Schikane empfindet.

Ein anderes großes Thema des Films ergibt sich aus seinem Setting: das Verbergen. Die Frauen verbergen sich im Schilf, die Ältere verbirgt ihre Motive hinter Moral und ihr Gesicht später hinter einer Maske. Wir sehen wie den toten Samurai Rüstung und Kleidung, ihre Äußerlichkeiten genommen werden, ihre Gesichter verbirgt die Kamera vor uns.

Überhaupt ist die schwarz-weiß Kameraarbeit von Kiyomi Kuroda mehr als erwähnenswert. Lange Aufnahmen vom seltsam bedrohlich wallenden Schilf, durchsetzt von Nahaufnahmen einzelner Blätter, die wie die Schwerter ungesehener Krieger übereinander scharren. Gesichter in hartem Kontrastlicht, das fast an alte Stummfilme erinnert, verschwitzte Körper, die sich ohne jeden Weichzeichner oder sonstige Schönungen auf dem schmutzigen Hüttenboden wälzen. Und Aufnahmen zwischen kompletter Dunkelheit und strahlend hellem Licht, in denen sich die Darsteller verbergen können, oder brutal ins Helle gezogen werden.

Unterlegt werden diese ziemlich unvergesslichen Bilder mit dem sparsamen aber effektiven Soundtrack von Hikaru Hayashi, der klassische, japanische Taikotrommeln mit Jazz-Rythmen vermischt. Dabei integriert sich der Soundtrack auf faszinierende Weise mit dem Sounddesign des Films, harten Geräuschen vor dem ewigen Rascheln des Schilfs, und setzt gerne so plötzlich ein, dass er fast den Effekt eines Jumpscares hat.

‚Onibaba‘ ist kein Film, den man häufig erwähnt sieht. Doch er ist ein faszinierendes Werk, wie ich hoffentlich deutlich machen konnte. Gerade aus heutiger Sicht entdeckt mal hier als Horrorfan Ungewöhnliches. So scheint Shindo die nächsten Jahrzehnte der Entwicklung des westlichen Mainstreamhorrors vorwegzunehmen und direkt auf den Kopf zu drehen. Wir sehen hier einen Film aus der Warte der „Hinterwäldler“-Mörder der 70er. Und wer hier eine schreckliche Maske, die eines Slashers würdig wäre, trägt, der wird nicht etwa zum Täter, sondern zum Opfer. Das mag purer Zufall sein und doch kommt Shindo der Wurzel von Horror recht nahe, indem er ihn auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgelöst durch eine unerträgliche Umgebung herunterbricht.

In der nächsten Woche beschäftigen wir uns mit einem Film, in dem die Umgebung, statt ihn direkt zu beeinflussen, den zwischenmenschlichen Horror auf größerer Ebene widerspiegelt.