‚Last Action Hero‘ (1993) – „The famous comedian Arnold Braunschweiger“

Hier haben wir ihn also, Arnold Schwarzeneggers größten „Flop“. Natürlich hat er dennoch eine ganze Menge Geld eingespielt, aber Kritik und Publikum standen ihm zutiefst ablehnend gegenüber. Zumindest in den USA, weit weniger in Europa. Das hatte in Amerika wohl auch weniger mit dem Film an sich, als mit der absoluten Überheblichkeit zu tun, mit der Sony Pictures und Columbia ihren Film behandelt haben. Doch dazu weiter unten mehr, jetzt erst einmal eine Zusammenfassung für die zwei Leute, die den Film nicht kennen.

Der 11jährige Danny (Austin O’Brien) ist ein Riesenfan von Actionheld Jack Slater, gespielt von Arnold Schwarzenegger. Selbst die Schule schwänzt er, um im alten, heruntergekommenen Kino von Nick (Robert Prosky) seine Filme zu sehen. Als Nick ihm offenbart, dass er ihn nicht nur in eine Vorabvorführung von ‚Jack Slater IV‘ bringen kann, sondern ihm auch ein angeblich magisches Ticket von Harry Houdini schenkt, ist Danny begeistert. Das Ticket besitzt tatsächlich übernatürliche Qualitäten und versetzt Danny in den Film zu seinem Idol Slater. Hier funktioniert die Welt nach Gesetzen und Klischees des Actionfilms. Da Danny diese gut durchschaut hat, kann er Slater helfen seinen Widersacher, den Killer Benedict (Charles Dance) zu stellen. Dem gelingt allerdings mit dem Ticket die Flucht in die reale Welt, verfolgt von Slater und Danny. Als Benedict bemerkt, dass man in der Realität durchaus mit Mord davonkommen kann, schlussfolgert er, dass wenn er Arnold Schwarzenegger beseitigt, es auch keinen Slater mehr gibt, der ihm im Weg stehen könnte.

In meiner Besprechung zu ‚Phantom Kommando‘ habe ich geschrieben, dass ein gewisses Augenzwinkern immer einen guten Teil des Charmes von Arnold Schwarzeneggers „Äkschn“ ausgemacht hat. In den 90ern merkte man dies wohl auch in Hollywood und steckte ihn in eine ganze Reihe von Komödien, die mal mehr, mal weniger gut funktionieren. Der beste Vertreter ist für mich ‚Last Action Hero‘. Ist es ein Film ohne jegliche Probleme? Oh Mann, wahrlich nicht! Aber er hat eine interessante Grundprämisse, die recht clever umgesetzt wurde und, für mich, einige der besten schauspielerischen Momente von Schwarzenegger (ob das nun ein großes Kompliment ist, muss jeder selbst entscheiden) und schafft einen Balanceakt zwischen Idolisierung und Persiflage seines öffentlichen Bildes.

Actionfilme sind simpel, das macht der Film von Anfang an klar, indem der 11jährige Danny sie bereits vollständig durchschaut hat. Typische Klischees wie die Unsterblichkeit des Hauptcharakters („Nur eine Fleischwunde!“), den herumbrüllenden Polizei-Captain und den älteren Kollegen, der 2 Tage vor dem Ruhestand in die Luft fliegt. Aber auch so etwas wie Typecasting durchschaut Danny. Wenn er in einem Freund Slaters Schauspieler F. Murray Abraham erkennt, dann warnt er Slater, dem sei nicht zu trauen, der habe Mozart (oder Moe Zart, wie Slater, der in seiner Actionwelt noch nie Klassik gehört hat, glaubt) ermordet! Natürlich hat er Recht. Der Film setzt seine Parodie allerdings weniger wie ein Skalpell ein, sondern, passend zu Arnie, wie eine Schrotflinte. Daher trifft bei weitem nicht jeder Gag. Oder vielleicht verstehe ich einfach nicht, was eine Cartoonkatze oder eine Biowaffe in einer furzenden Mafiosoleiche nun mit dem Actionkino der späten80er/frühen 90er zu tun haben (letztere Szene wird allerdings allein dadurch schon wieder lustig wie ewig lang sie geht).

Und gerade wenn der Parodie endgültig die Puste auszugehen droht, wechseln wir über in die wirkliche Welt. Hier ist nun Slater der Fisch aus dem Wasser, der damit klar kommen muss, dass seine Fähigkeiten hier nicht funktionieren. Aber wichtiger noch, der einsehen muss, dass sein immer verrückter und finsterer werdendes Leben, sogar der Tod seines Sohnes, der Unterhaltung eines Publikums dient („Das sind Sequels, die müssen verrückter werden!“). Wenn er auf Schwarzenegger trifft, der sich hier selbst als oberflächlichen Idioten, vornehmlich daran interessiert sich selbst und seine „Plane Hollywood“ Restaurants in Szene zu setzen, spielt, dann hat er ihm nur eines zu sagen: „You have brought me nothing but pain.“ In genau diesen Momenten legt Schwarzenegger denn auch all seine Ironie ab und spielt sie erstaunlich direkt und glaubhaft. Natürlich geht direkt danach der Irrsinn weiter.

Danny ist wie eingangs erwähnt absolut notwendig für den Film. Einerseits um zu zeigen, wie simpel die Filme sind, andererseits aber auch um ihren Wert als Eskapismus in einer alles anderen als perfekten Situation zu zeigen. Danny verleiht dem Film ein Stück weit Herz. Leider überquert Austin O’Brien häufiger die Grenze zur Nervigkeit und gerade wenn man ihn mit Eddie Furlong aus ‚Terminator II‘ vergleicht, macht er als Arnie Sidekick nur eine mäßige Figur.

Absolute Highlights des Films sind die Ganoven. Charles Dance macht unglaublich viel Spaß als Benedict, der allem und jedem mit absoluter Verachtung begegnet, etwas, das kaum einer besser kann als Dance. Er bekommt auch einige der besten Gags. Sei es subtil, etwa wenn er, kurz bevor er tatsächlich die Grenze zwischen Film und Wirklichkeit durchbricht, mehrfach die „vierte Wand“ durchbricht, indem er direkt in die Kamera schaut. Oder weniger subtil, wenn er in der Wirklichkeit jemanden erschießt und lautstark nach der Polizei ruft, die zu seiner Freude, nicht kommt. Und Tom Noonan ist natürlich wunderbar creepy als Südwester tragender Ripper!

Regisseur John McTiernan (‚Stirb Langsam‘) und Autor Shane Black (‚Lethal Weapon 2‘ und die frühere McTiernan Kollaboration ‚Predator‘) wissen durchaus wo sie die Hebel ansetzen müssen, um das meiste aus ihrer Parodie herauszuholen. Manchmal übertreiben sie es jedoch. Der Film ist mit 2 Stunden und 10 Minuten ein ganzes Stück zu lang. Und man sieht problemlos Material, das gestrichen werden kann. Etwa eine längere Sequenz mit Ian McKellen als Tod aus Bergmans ‚Das siebente Siegel‘. Die ist weder sonderlich lustig, noch bringt sie die Handlung weiter. Allerdings wäre einem weiteren Durchgang im Schnittraum wahrscheinlich auch der „Arnie als Hamlet“ Trailer zum Opfer gefallen und das wäre tragisch.

Hier sind wir dann auch bei der Überheblichkeit des Studios angekommen. ‚Last Action Hero‘ sollte unbedingt am 18. Juni 1993 in den USA erscheinen, um den Sommerblockbustererfolg  von ‚Terminator II‘ zu kopieren. Das bedeutete McTiernan und co. hatten nur 5 Wochen für Schnitt und Postproduktion zwischen Drehende und Premiere. Macht nix, in den Augen von Columbia und Sony konnte ein Arnie Film nicht scheitern. Man überlegte gar Werbefläche auf einer NASA-Rakete zu kaufen! Eine Testvorführung des Rohmaterials verlief grausig. Egal, wir haben Arnie! Und dann setzte Universal völlig überraschend ‚Jurassic Park‘ auf den 11. Juni. Nun versuchte Schwarzenegger (nach eigenen Angaben) selbst die Studiobosse zu überzeugen die Veröffentlichung zu verschieben, denn neben einem T.Rex sieht selbst der Steiermärker klein aus. Aber nein, ein Schwarzeneggerfilm scheitert nicht. Tat er am Ende wirklich nicht, spielte aber nur einen geringen Gewinn, gerade für einen Schwarzeneggerfilm, ein. Und auch wenn er von der US-Kritik zerrissen und als überlanger Sketch bezeichnet wurde, kam er anderswo besser an, wurde der Spagat aus liebevoller Hommage und Satire besser verstanden.

Und wenn er in ca. 5 Jahren an die Reihe für ein Remake kommt, dann würde er zwar in seiner hier vorliegenden Fassung überhaupt nicht mehr funktionieren, könnte aber als ‚Last Super Hero‘ vermutlich ziemlich gut auf aktuellere Sehgewohnheiten hin angepasst werden. Robert Downey jr. hat schließlich schon mehrfach mit Shane Black gearbeitet.

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Newslichter Eilmeldung: Spider-Man ist raus aus dem Marvel Cinematic Universe!

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18526974.html

Es war schon länger bekannt, dass der Vertrag über die Nutzung von „live action“ Spider-Man zwischen Sony und den Marvel Studios dieses Jahr auslaufen würde. Allerdings ging man davon aus, dass er, aufgrund des finanziellen Erfolges der Marvel-Spider-Man Filme direkt erneuert würde. Danach sieht es jetzt aber nicht mehr aus. Sony und Disney haben offensichtlich deutlich andere Ansichten, was eine Zukunft des sympathischen Netzschwingers angeht. Die Gespräche um eine Fortsetzung des Vertrages sind also zum Erliegen gekommen. Damit wäre Spider-Man zukünftig nicht mehr im MCU zu sehen.

Man darf und muss wohl vermuten, dass Geld bei diesen Verhandlungen eine recht wesentliche Rolle gespielt hat. Disney/Marvel hatte zwar volle kreative Kontrolle über live action Spidey, doch landeten nur 5% der Einnahmen im Haus der Maus. Nun wollte Disney (zumindest laut dem Magazin Deadline) wohl eine 50/50 Aufspaltung der Einnahmen und auch Tom Hardys Venom ins MCU holen. Beides war wohl für Sony nicht akzeptabel. Und so endet der Vertrag.

Was ändert sich für zukünftige Spider-Man Filme? Tom Holland in der Hauptrolle und Jon Watts auf dem Regiestuhl bleiben erhalten. Weg fallen die Verbindungen zu den Avengers und dem Rest des Marvel Univsersums.

Ich mache mich jetzt womöglich unbeliebt, aber mich freut diese Entwicklung aus vielerlei Hinsicht. Ich möchte Spider-Man als eigenständigen Helden in seiner eigenständigen Welt sehen. Und sicherlich kann man sich über die schwankende Qualität der Sony Spider-Männer streiten, doch immer dann, wenn Sony den Kreativen freie Hand gelassen hat (die ersten beiden Raimi Filme und natürlich der brillante ‚Spider-Man: A New Universe‘) kam Hervorragendes dabei heraus. Mischte sich das Studio hingegen ein, etwa beim wahnsinnig gezwungenen Aufbau eines eigenen Cinematic Universe bei den ‚Amazing Spider-Man‘ Filmen, ging es schief. Ich hoffe man hat bei Sony gelernt Watts einfach machen zu lassen. Abgesehen davon, dass man mit ‚Venom‘ und dem kommendem ‚Morbius‘ Film ja eh schon auf dem Weg zu einem eigenen Cinematic Universe ist. Und ich habe zwar nur ‚Homecoming‘ gesehen, der war aber, in meinen Augen, nicht wegen der Metaverbindungen zum Rest des MCU gut, sondern trotz dieser Verbindungen.

Aber ganz ehrlich, abseits der Qualität der Filme ist mir alles recht, was den „Disney kauft die gesamte Popkultur“-Zug wenigstens kurz zum Stehen bringt. Nein, Sony ist keine sympathische, kleine Firma, die es dem großen, bösen Konzern mal zeigt, sie sind selbst ein solcher. Aber Sony ist wenigstens nicht auf bestem Wege zu einem Monopol. Daher ist mir alles recht, was Disneys Würgegriff um das Blockbusterbusiness ein wenig lockert. Ob Peter Parker danach noch mit einem sprechenden Waschbären herumalbern kann, ist für mich da erst einmal zweitrangig. Denn Peter Parker ist nicht echt, die Leute deren Arbeit auf eine halbwegs gesunde Filmindustrie, die nicht vollständig auf Milliardenblockbuster ausgelegt ist schon. Und wir Zuschauer, die doch hoffentlich ein wenig Abwechslung wollen, auch.

Newslichter Ausgabe 54: Maus und Kaninchen, Mulan-Ärger und bester Hugh Grant!

Willkommen zu Ausgabe 54 des Newslichters. Tja, da ahnt Ihr nix Böses, tretet vor die Tür und auf einmal stolpert Ihr über die brandneue Ausgabe Eurer liebsten(??) Film Informationsquelle. Der Newslichter ist eben ein wenig wie die Spanische Inquisition, niemand erwartet uns! Doch wenn unser geliebter Unternehmens-Oberherr Disney sich mal wieder öffentlich danebenbenimmt, dann taucht der Newslichter aus den Schatten auf, wie ein extrem uncooler Batman! Legen wir also los!

 

Disney hat Angst vor ‚Jojo Rabbit‘

https://www.indiewire.com/2019/08/disney-fears-taika-waititi-nazi-jojo-rabbit-edgy-studio-1202165495/

‚Jojo Rabbit‘ ist der neue Film von Taika Waititi (‚Wo die wilden Menschen jagen‘, ‚5 Zimmer, Küche, Sarg‘). Darin geht es um einen Jungen in der Zeit Nazideutschlands, der damit klarkommen muss, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen versteckt, was allem, was er bei der Hitlerjugend gelernt hat widerspricht. Waititi bezeichnet den Film als eine „Anti-Hass Komödie“ und spielt selbst eine imaginäre Version Adolf Hitlers, die der Fantasie des Jungen entspringt. Der Film wurde von FOX produziert und ist durch die Übernahme nun bei Disney gelandet.
Und hier scheint man die Nazi-Verarsche mit einiger Sorge zu betrachten. Als FOX Searchlight den Film kürzlich Disney Bossen zeigte kam einige Unruhe auf, man könne potentielles Publikum mit einem solchen Film verschrecken. Nun könnte man natürlich konsterniert fragen welches Publikum Disney mit einem Film, der sich über Nazis lustig macht, zu verlieren fürchtet. Aber Disney ist auf direktem Weg zu einem Monopol. Und ein Monopol möchte nicht viel Geld machen, ein Monopol möchte alles Geld machen, ganz egal aus welchen Börsen es fließt. Und da muss man einem Film eben jeden Zahn ziehen und jede Kante glätten, um nur ja niemandem in irgendeiner Weise wehzutun. Und das ist, vermute ich einfach mal, bei einem Film wie ‚Jojo Rabbit‘ nicht wirklich machbar.
Aber das ist nicht der einzige Grund, wenn wir dem Magazin „Variety“ glauben, fürchtete ein Manager „solches Material könnte Disney Fans vor den Kopf stoßen“. Sprich, „Disney“ soll immer heißen, den Film kann man gefahrlos mit den eigenen Kindern schauen. Damit habe ich einige Probleme. Erstens erscheint der Film wohl immer noch unter dem Label FOX, was das Problem doch von vornherein löst. Zweitens frage ich mich, ob jemand wirklich denkt „Oh, diese Anti-Nazi Komödie hatte aber ziemlich finsteren Humor, das bedeutet wohl, dass ich mit meinem kleinen Timmy nicht in das ‚Mulan‘-Remake gehen kann! Schließlich sind beide von Disney!“. Ich meine, ich kann es nicht ausschließen, aber kennen tue ich zumindest niemanden.
Man kann wohl von Glück reden, dass Disney eine sehr gute Beziehung zu Waititi hat, der ihnen mit ‚Thor: Tag der Entscheidung‘ gute Kritiken und viel Geld eingebracht hat und den sie bereits als Regisseur für den nächsten ‚Thor‘ Film verkündet haben. Würde der Film von einem unbekannteren Regisseur stammen (sprich, von Waititi vor dem ‚Tag der Entscheidung‘), dann wäre er wohl in einer tiefen, dunklen Schublade mit dickem Vorhängeschloss verschwunden.
Ich hoffe natürlich, der Film wird gut und ein Erfolg, schon um Disney zu zeigen, dass auch kratzbürstiges Material seinen Wert haben kann. Insgesamt ist es aber ein weiterer unangenehmer Ausblick auf eine Disney-beherrschte Zukunft in Hollywood.

 

Boykott-Aufrufe gegen ‚Mulan‘ Remake

https://www.spiegel.de/kultur/kino/liu-yifei-hongkong-aktivisten-rufen-zu-mulan-boykott-auf-a-1282426.html

Apropos mit dem kleinen Timmy ins ‚Mulan‘ Remake gehen… In sozialen Netzwerken gibt es Aufrufe zu einem Boykott gegen den Film. Ursache dafür waren mehrere Aussagen und Postings von Mulan-Darstellerin Liu Yifei. Diese hatte die anhaltenden Proteste in Hongkong, die sich an einem Auslieferungsgesetz nach China entzündet hatten, als Schande bezeichnet und sich selbst auf die Seite der Polizei geschlagen. Aussagen die in den chinesischen Staatsmedien äußerst wohlwollenden Anklang fanden. Ganz anders natürlich bei den Protestierenden und denen, die mit ihnen sympathisieren. Hier formte sich schnell der Aufruf zu einem Boykott des Films.
Ich kann an dieser Stelle natürlich nur spekulieren, was Disney selbst über die ganze Sache denkt, geäußert hat man sich zum Zeitpunkt, als ich das hier schreibe noch nicht. Der erste Gedanke wäre wohl, das Disney die Darstellerin auffordert die Aussagen zurückzunehmen, um die Wogen zu glätten und sich heimlich wünscht nur noch mit Computeranimationen arbeiten zu können. Andererseits, und hier wird es wirklich spekulativ: China ist für Hollywood und insbesondere für Disney ein sehr wichtiger Markt geworden. Und ‚Mulan‘, ein Film, der im historischen China spielt, könnte hier ein besonderer Erfolg werden. Kommt da die Aussage einer Darstellerin (natürlich nicht des Konzerns selbst!!!), die klar Stellung bezieht, nicht sehr gelegen? Sind die eifrigen Berichte der chinesischen Staatsmedien nicht wunderbare Gratis-PR? Sicher, in Hongkong hat man sich damit bestimmt keine Freunde gemacht, aber wie viele Kinos gibt’s da schon, verglichen mit dem gesamten China? Und so ein Online Boykott-Aufruf, insbesondere einer, wenn der Kinostart noch so weit weg ist, führt zu gar nichts, das zeigen zwei Jahrzehnte der Erfahrung. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Maus derart zynisch ist. Vielleicht denke ich aber auch zu finster.

 

Hugh Grant glaubt ‚Paddington 2‘ ist sein bester Film

https://screenrant.com/paddington-2-hugh-grant-best-movie/

Wie die Überschrift verrät, hat Hugh Grant in einem Interview mit dem Magazin Vanity Fair die Vermutung geäußert ‚Paddington 2‘ wäre sein bester Film. Sicherlich hat er eine gewisse Verwandtschaft zu seiner Rolle entdeckt, Phoenix Buchannan ist ein Schauspieler so unerträglich, dass niemand mit ihm arbeiten will. Ein Ruf, der Grant zu seinen erfolgreichsten Zeiten ebenfalls anhaftete. Ich wüsste ehrlich gesagt auch gar nicht, welcher Film aus seiner Karriere ‚Paddington 2‘ Konkurrenz machen könnte. Okay, außer Ken Russells wunderbar irrsinnigem ‚Biss der Schlangenfrau‘, in dem sich Grant als wenig heldenhafter Schwertschwinger hervortut:

Aber natürlich wird er hier vollends vom späteren „Doctor“ Peter Capaldi als schottischer Schlangen-Vampir-Beschwörer mit Dudelsack ausgestochen:

Was ich sagen will ist wohl: schaut ‚Paddington 2‘ mit Euren Kindern und dann schaut ‚Der Biss der Schlangenfrau‘ ohne(!) Eure Kinder. Ihr könnt mir später danken… (und falls sich jemand beschweren möchte, das sei keine echte News: wollt Ihr echt noch mehr über Disney lesen? Eben!)

 

Neill Blomkamp raus aus ‚RoboCop Returns‘

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18526889.html

Regisseur Neill Blomkamp (‚District 9‘, ‚Chappie‘) ist raus aus dem Projekt ‚Robocop Returns‘ (‚RR‘), einem Sequel, das direkt an das Original von 1987 anknüpfen sollte. Blomkamp begründet dies auf Twitter damit, dass er erst einmal einen bislang unbekannten Horrorthriller drehen wolle, das Studio MGM ‚RR‘ jetzt gleich haben möchte. Das und einige frühere Aussagen weisen darauf hin, dass ‚RR‘ bereits sehr weit fortgeschritten war, was es unwahrscheinlich macht, dass es jetzt plötzlich Terminprobleme gab. Es ist nicht das erste Blockbusterprojekt aus dem Blomkamp plötzlich verschwindet. Meistens löst sich das Projekt damit auch in Rauch auf. Etwa eine Verfilmung des Videospiels ‚Halo‘. Oder ein angeblich geplantes ‚Alien‘ Sequel. Was nun aus MGMs Androidenpolizist und Ford Taurus-Enthusiast RoboCop wird, steht wohl ebenfalls in den Sternen. Originaldarsteller Peter Weller hatte dem Sequel jedenfalls bereits eine Absage erteilt. Ist aber vielleicht nicht überraschend, dass der keine Lust hat, sich mit über 70 Jahren noch einmal in die klobige Rüstung zu quälen.

 

Und das war es für heute. Ich kann nicht versprechen, dass wir uns gleich nächste Woche wiedersehen, doch wiedersehen werden wir uns! Mit News und sowas, natürlich. Muss ich das dazusagen? Keine Ahnung. Moment, warum tippe ich eigentlich noch? Wie schnell man aus der Übung kommt…

‚Good Time‘ (2017)

Liebe in allen ihren Varianten spielt, nicht nur im Film, sondern im Geschichtenerzählen im Allgemeinen, eine der wichtigsten Rollen überhaupt. Meistens ist diese Liebe romantischer Natur. Wenn wir von zerstörerischer Liebe sprechen erst recht. Allerdings bietet für genau diese Art von Liebe die Familie mit ihren oftmals dysfunktionalen aber dennoch engen Banden ihren ganz eigenen Raum. Und diesen untersuchen die Safdie Brüder Josh und Ben mit ihrem Thriller ‚Good Time‘, der ebenfalls zwei Brüder in den Mittelpunkt stellt.

Constantine „Connie“ Niklas (Robert Pattinson) holt seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Nickolas „Nick“ Niklas (Benny Safdie) aus einer Therapiesitzung. Vorgeblich weil er mit den Methoden des Therapeuten nicht einverstanden ist, tatsächlich aber, damit Nick als zweiter Mann bei einem Banküberfall dienen kann. Nick versteht nicht wirklich, was sie in der Bank eigentlich tun und als ihnen Connies Plan, im wahrsten Sinne des Wortes, um die Ohren fliegt, wird er alsbald von der Polizei gestellt und in das harte Gefängnis Rykers Island überführt. Connie weiß, dass sein Bruder dort nicht lange überleben wird und dass er schnell 10.000 Dollar Kaution auftreiben muss. Der Rest des Films begleitet ihn durch eine Nacht in der er immer verzweifeltere Pläne entwickelt seinen Bruder zu befreien und damit eine Reihe von anderen Menschen in Gefahr bringt.

Die Safdie Brüder nutzen New York als schmierig-dreckige Kulisse für ihren Thriller. Oftmals in satten Primärfarben gefilmt, die Dario Argento gefallen würden, zeigen sie die Metropole als kalten, harten, abweisenden Ort. Dadurch und durch die Grundkonstellation zweier Brüder, einer davon mit überbordender krimineller Energie, ist eine gewisse Verwandtschaft zu Sydney Lumets ‚Before The Devil Knows You’re Dead‘ zu spüren. Allerdings ist der Film der Safdies direkter, treibender. Sie legen es darauf an, dass der Zuschauer, genau wie Connie, nicht für einen Moment zur Ruhe kommt. Abgesehen von zwei ruhigen Szenen, eine am Anfang und die andere am Ende des Films, herrscht fieberhafte Unruhe. Da reden Charaktere durcheinander, bis man die wichtigsten Informationen nicht mehr versteht, mal bellt unablässig ein Hund und zerrt an den Nerven oder Connie ist gezwungen Belangloses im Fernsehen zu schauen (und tut in genau diesem Moment etwas ziemlich Furchtbares, wobei das für den ganzen Film gilt).

Denn Connie ist wahrlich kein sympathischer Charakter. Er vereint in sich die fragwürdigen Qualitäten absoluter Rücksichtslosigkeit und geradezu beeindruckender Inkompetenz. Der einzige Mensch, der ihm etwas zu bedeuten scheint, ist sein Bruder und so verbringt man den Thriller auch mit der Frage, wann und ob Connie einen Moment der Selbstreflektion haben wird, dass er selbst das Schlimmste ist, was seinem Bruder passieren kann. Wobei die Regisseure, ähnlich wie Jakob Lass bei ‚Tiger Girl‘, auf Verurteilungen ihrer Charaktere verzichten und die Wertung dem Zuschauer überlassen.

Man ist aber mindestens ebenso beschäftigt mit den stetig absurder werdenden Plänen die Connie verfolgt, um die 10.000 Dollar Kaution aufzutreiben. Anfangs noch recht logisch, der Versuch das Geld von seiner (Ex?)-Freundin (Jennifer Jason Leigh) mit wohlhabender Mutter aufzutreiben, ist der Weg zu einer „Sprite“-Flasche voller LSD ein erstaunlich kurzer (das sein Weg ihn dabei auch in einen ‚Adventureland‘ Freizeitpark führt, in dessen Namensvetter ‚Twilight‘-Kollegin Kristen Stewart im gleichnamigen Film gearbeitet hat, ist (vermutlich) Zufall). Der Film ist nicht humorvoll, doch könnte er, mit einigen Änderungen, durchaus auch als Komödie funktionieren, so irrsinnig werden die Verwicklungen, in die Connie gerät. Hier erinnert der Film an eine ernsthaftere New Yorker Version von ‚Lola Rennt‘.

Unterstützt wird die Atmosphäre durch die treibenden, dreckigen Synthie-Beats und Electronica Klänge von Komponist Daniel Lopatin (alias „Oneohtrix Point Never“), die eindeutig von „Tangerine Dream“ inspiriert sind. Adrenalinfördernd und stimmungsformend greift er in das Geschehen ein, bevor die Musik zu einem erstaunlich logischen Endpunkt, einem melancholischen Stück mit Gesang von Iggy Pop, findet. Genau das hätte ich hier gerne eingefügt, allerdings finde ich auf Youtube keine Version dessen Videobegleitung nicht den ganzen Film spoilern würde.

Ich habe mich hier ja durchaus schon öfter als Fan beider ehemaliger Hauptdarsteller der ‚Twilight‘ Reihe gezeigt, ohne je einen Film der Vampirromanze gesehen zu haben. Beide scheinen aber das Geld aus diesem Erfolg zu nutzen, um nur noch in solchen Filmen mitzuspielen, auf die sie auch Lust haben. Robert Pattinson gefiel mir sehr gut in ‚The Rover‘ und war für mich mit das Beste an ‚Die versunkene Stadt Z‘, der mich aber insgesamt nicht überzeugt hat. Doch würde ich sagen, dass er in ‚Good Time‘ seine bisher überzeugendste Darstellung bietet. In dieser gelingt ihm der Balanceakt seinen Connie einerseits so unsympathisch zu halten wie er sein muss, andererseits dennoch nicht das Interesse der Zuschauer zu verlieren. Über Benny Safdie als Nick habe ich den Vorwurf gelesen, er würde den geistig zurückgebliebenen Charakter zu simplistisch spielen. Das kann ich für mich so nicht bestätigen. Gerade in den Szenen mit seinem Therapeuten wirkt er wie jemand, der eine sehr tiefe Gefühlswelt mit sich herumträgt, diese aber einfach nicht zum Ausdruck bringen kann, was ihn selbst frustriert. Ich hätte allerdings gern mehr von ihm gesehen.

Keines der Elemente in diesem Film erfinden die Safdies wirklich neu. Der verzweifelt-idiotische Überfall, der Zwang hastig Geld aufzutreiben, der in einer Nacht spielende Thriller, der in immer bizarreren Gefilden endet, all das hat man schon einmal gesehen. Doch ist es einerseits die kalt-distanzierte Inszenierung, die andererseits die ungesunde, fast gefährliche Bruderliebe als erdenden, narrativen Anker hat, die den Film, neben Pattinsons schauspielertischer Leistung, absolut sehenswert und zu einer dicken Empfehlung meinerseits macht.

‚Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks‘ (2019)

Der mutige, kleine Gallier Asterix und sein großer, dic… kräftiger Kumpel Obelix begleiten mich schon so lange ich denken kann. Vor deutlich mehr als drei Jahrzehnten hat meine Tante einen großen Stapel eselsohriger Comicalben in meinem Kinderzimmer hinterlassen. Zwischen ‚Lucky Luke‘ und ‚Tim und Struppi‘ fand sich vor allem ‚Asterix‘. Die knubbelnasigen Kelten hatten es mir sofort angetan und waren mit dafür verantwortlich, dass ich schon vor der Einschulung passabel lesen konnte (hauptverantwortlich waren sicher einige geduldige Verwandte). Später entdeckte ich die Zeichentrickfilme, die mir ebenfalls zum großen Teil sehr gut gefielen (‚bei den Briten‘ und ‚erobert Rom‘ sind die besten). Und die Realfilme… nun, machen wir es mal wie der alte Pirat aus den Comics, bringen ein weises Zitat an: „Non omnibus unum est quod placet!“ und belassen es dabei. Den CGI Filmen stand ich anfangs äußerst skeptisch gegenüber. Doch hat mich ‚Im Land der Götter‘ positiv überrascht. Er setzte das Album ‚Die Trabantenstadt‘ mit milden Modernisierungen um und arbeitete dabei das durchaus aktuelle Thema der Gentrifizierung heraus. Wichtiger noch, er verstand die Charaktere und traf den Humor und ließ beides in einer Dreidimensionaleren Welt funktionieren. Kann ‚das Geheimnis des Zaubertranks‘ da anschließen? Schauen wir mal!

Durch einen Unfall beim Mistelschneiden sieht sich Druide Miraculix mit seiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Er beschließt, dass er einen druidischen Nachfolger braucht, dem er das Geheimnis des Zaubertranks, der übermenschliche Stärke verleiht anvertrauen muss, um die Zukunft des Dorfes zu sichern. Begleitet von Asterix und Obelix und, zunächst heimlich, von dem erfindungsreichen, kleinen Mädchen Vitrine, begibt sich Miraculix in den Karnutenwald, zum Rat der Druiden. Allerdings hat auch der finstere Druide Dämonix von der Reise Wind bekommen. Er zerstört die Aufzeichnungen über Druidenschüler, so dass eine Odyssee durch ganz Gallien und angrenzende Gebiete nötig wird, auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger. Währenddessen geht Dämonix nicht nur einen Pakt mit den Römern ein, sondern auch mit dem Jungdruiden Emporkömmlix, um an das Geheimnis des Trankes zu kommen.

Was zunächst einmal auffällt, ist wie wenig Titelheld Asterix und Kumpel Obelix in dem Film vorkommen. Nicht nur stellt die Geschichte Miraculix eindeutig im Mittelpunkt, bald schließt sich auch die gesamte männliche Bevölkerung des Dorfes der Suche an und überlässt den Frauen die Verteidigung des Dorfes. Asterix ist gar für mehrere Minuten völlig aus der Handlung verschwunden. Mich stört das nicht sonderlich, mich freut es eher die Nebencharaktere einmal mehr im Mittelpunkt zu sehen.

Eine direkte Albenvorlage für den Film gibt es nicht, er nutzt aber Elemente aus verschiedenen Geschichten, etwa ‚Der Seher‘ oder ‚Kampf der Häuptlinge‘. Die „typischen“ Elemente einer Asterix-Geschichte, Römerkloppe, Wildschweinjagd oder Dorfkeilerei werden sehr schnell abgehandelt, damit er sich auf seine eigentliche Geschichte konzentrieren kann. Eine Geschichte, die durchaus interessante Ansätze hat, diese aber oft nicht bis zum Ende verfolgt. Schnell wird etwa Sexismus als Thema aufgegriffen. Die Druiden erlauben im Karnutenwald keine Frauen, so dass sich die kleine Vitrine als Junge verkleiden muss. Der Film präsentiert den Rat der Druiden in der Folge als überaltert und annähernd senil, während selbst Miraculix nicht bemerkt, dass ein möglicher Nachfolgekandidat in nächster Nähe ist. Dieser Handlungsstrang verliert sich aber später in reinen Andeutungen, womit das Thema Sexismus auf die Frauen, die das Dorf verteidigen, reduziert wird. Diese machen das mindestens ebenso effektiv wie die Herren. Das hat Goscinny aber in den Alben der 60er bereits ähnlich präsentiert, was das Ganze jetzt nicht wahnsinnig progressiv wirken lässt.

Ähnlich verhält es sich mit dem Gegenspieler Dämonix. Der wird durchaus spannend eingeführt, er hinterfragt, warum Miraculix seinen Trank nur „40 schnauzbärtigen Idioten“ zur Verfügung stellt, während er das ganze restliche Gallien den Römern überlässt. Eine Frage, die durch eine Szene in einem quasi völlig romanisierten Dorf unterstützt wird, in dem die gallischen Schnauzbärte nur noch angeklebt sind. Aber auch dieses interessante Thema lässt der Film ein wenig unter den Tisch fallen, am Ende ist Dämonix nur ein Verrückter, der in einer Schlacht besiegt werden muss, die allen Ernstes auf ‚Pacific Rim‘ anspielt.

Das bringt mich zu einem anderen Thema. Den Popkulturreferenzen. Denen kann wohl kaum noch ein Animationsfilm, der sich an ein jüngeres Publikum richtet entkommen. Von Talentshows über Superhelden bis zum Videospiel Fortnite wird auf so ziemlich alles angespielt. Sicher, so etwas verortet den Film immer sehr in seiner Zeit und es gefällt mir nicht sonderlich, allerdings gab es auch schon in den alten Asterix Alben Karikaturen von französischen Politikern und Stars der 60er, die ich nicht kannte. Wurden die dadurch schlechter, dass ich ein paar Anspielungen nicht verstand? Ich meine nicht. Ich kann aber verstehen, wem das hier etwas zu viel ist.

Musikalisch gibt sich der Film gut aber unauffällig. Phillippe Rombis Musik (wie bereits im letzten Film) passt zu den Szenen, drängt sich nicht auf, bleibt aber auch nicht unbedingt im Kopf. Ganz anders als die etwas merkwürdige Entscheidung, den Mitt-80er Popsong „You Spin Me Round (Like A Record)“ zum Titelsong zu machen. Verwendet hat den vor 10 Jahren auch ‚Alvin and the Chipmunks 2‘, was eine Assoziation ist, die man vielleicht nicht unbedingt haben möchte…

Und obwohl bis hierhin alles recht durchwachsen klingt, möchte ich sagen am Ende kriegen die Regisseure Louis Clichy und Alexandre Astier (der auch das Buch geschrieben hat) durchaus die Kurve. Der Film ist Road Movie-artig flott inszeniert, bietet mehr als genug Humor, sowohl Slapstick als auch lakonische Dialoge und jede Menge visuellen Humor. Visuell gefällt er mir insgesamt sogar noch etwas besser als der Vorgänger, die Macher scheinen die Technik noch etwas besser zu verstehen. Sicherlich, mit einem Pixar-Film kann die Technik nicht mithalten, aber die alten Zeichentrickfilme waren bei den Animationen auch nie auf Disney-Niveau.

Die deutsche Synchronisation ist sehr gut gelungen. Milan Peschel als Asterix und Charly Hübner als Obelix machen ihre Sache durchaus gut. Für die restliche Besetzung greift man zum guten Teil auf erfahrene ‚Simpsons‘ Sprecher zurück, etwa Thomas „Chief Wiggum“ Rau als Miraculix oder Willi „Reverend Lovejoy, Snake, etc.“ Roebke als Dämonix, der hier mit erkennbarer Freude bei der Sache ist.

Ganz so gut wie der Vorgänger gefiel mir der Film nicht, dennoch ist hier noch mehr als genug da, um für anderthalb Stunden Groß und Klein gut zu unterhalten. Ich wünsche Asterix noch eine lange Zukunft in dieser Form im Kino. Solange nur die Realfime nicht zurückkommen…

‚Wir‘/‘Us‘ (2019)

‚Get Out‘, die erste Arbeit von Comedian und Schauspieler Jordan Peele als Autor/Regisseur war ein so großer Erfolg, wie man ihn sich nur wünschen kann. Positiv aufgenommen bei Kritik und Publikum, ein finanzieller Erfolg und mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, darunter dem Oscar für das beste Drehbuch. Er kann sich damit in die kurze Liste erfolgreicher Hollywood Filmemacher einordnen, die einen tatsächlich komplexen Beitrag zum Thema „Rasse“ abgegeben haben, indem sein Horrorfilm die Kommodifizierung schwarzer Identitäten ihrem gleichzeitigen Verachtetwerden gegenüberstellte. Im, nach diesem Erfolg vermutlich schwierigen, zweiten Film, arbeitet er mit ähnlich großen Metaphern, allerdings ist der Rahmen für die Interpretation diesmal deutlich weiter gespannt.

Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o), ihr Mann Gabe (Winston Duke) und ihre gemeinsamen Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) machen Ferien in ihrem Sommerhaus bei Santa Cruz. Gabe hat sich zu einem Treffen mit einer befreundeten Familie an einem nahen Strand verabredet. An eben jenem Strand hatte Adelaide, mehr als 30 Jahre zuvor, in einem Spiegelkabinett eine mysteriöse Begegnung, die dafür sorgte, dass sie über Jahre nicht mehr gesprochen hat. So kehrt sie nur widerwillig und von bösen Vorahnungen geplagt an diesen Ort zurück. Sie soll Recht behalten, denn am Abend steht plötzlich eine Gruppe exakter Doppelgänger der Familie in der Einfahrt des Ferienhauses. Mit Scheren in den Händen und erkennbar schlechten Absichten.

Der Hauptgrund für das Funktionieren des Films liegt darin, wie gut es Peele gelingt seine Charaktere zu zeichnen, bevor der eigentliche Schrecken beginnt. In wenigen Szenen legt er die Dynamik der Familie Wilson dar. Man wäre fast gewillt einen Film nur über ihren Urlaub zu sehen, mit Diskussionen über Motorboote, Zaubertricks und ob Tochter Zora weiter Langlauf trainieren sollte. Auch die „befreundete“ (Adelaide mag sie erkennbar nicht besonders) Familie, reicher und dysfunktionaler als die Wilsons, wird in nur wenigen Dialogzeilen genau umrissen.

Wenn der Horror dann beginnt, spielt der Film lange Zeit mehr mit der potentiellen Bedrohung von Gewalt als ihrer eigentlichen Anwendung. Er beginnt als typischer Home-Invasion-Thriller. Die Doppelgänger dringen ins Haus ein und trennen die Familie. Zeigen Merkmale, die sie wie Zerrspiegelversionen der Familie wirken lassen. So lächelt die Doppelgängerin der dauerschlechtgelaunten Teenie Tochter ununterbrochen, oder der Doppelgänger des jungen Sohns, der den ganzen Film mit einer Maske des Universal Wolf Mans herumlief, bewegt sich geradezu tierhaft. Überhaupt spielt der Film viel mit Spiegelbildern. So etwa der immer wiederkehrende, biblische Verweis auf Jeremia 11,11*. Zahlreiche Szenen finden später im Film ein leicht verzerrtes Echo, oder eine Spiegelung, abgesehen von den Momenten die ganz direkt damit spielen.

Was meinte ich in der Einleitung mit weitem Rahmen für die Interpretation? Nun, die Doppelgänger, die aus der Tiefe heraufsteigen können für so einiges stehen. Sind sie das Unterbewusste, das freudsche Es, das sich von den Fesseln des Ichs losschneiden will? Stehen sie symbolisch für die ignorierte Unterschicht? Der Film beschäftigt sich viel mit dem Thema „Klasse“. So kauft etwa Gabe ein altes Motorboot im hilflosen Versuch mit der Yacht seines reicheren Freundes mitzuhalten. Monströs verdrehte Wesen, die der Erde entsteigen lassen natürlich an die Morlocks aus H. G. Wells „Zeitmaschine“ denken. Auch dort eine ignorierte, industrielle Unterschicht. Weiß zufällig jemand, ob die „aufklaffende Schere“ auch in den USA ein Symbol für soziale Ungerechtigkeit ist? Das würde die Wahl der Waffen der Doppelgänger erklären. Vielleicht ist ‚Wir‘ auch einfach nur eine Antwort auf den französisch-rumänischen Home-Invasion-Slasher ‚Them‘/‘Ils‘ (Die Doppeldeutigkeit des Titels ‚Us‘/‘US‘ hat der deutsche Titel ja mal eben wegrationalisiert).

All das unterlegt Peele mit einer ordentlichen Portion Augenzwinkern. Und der Humor funktioniert, meiner Meinung nach, hier sogar besser als noch bei ‚Get Out‘, wo er vor allem aus Anrufen des Hauptcharakters bei seinem Kumpel am Flughafen bestand. Hier vermischt sich Dialoghumor, wenn etwa die Kinder nicht wissen, was ‚Kevin allein zu Haus‘ ist, mit visuellem Augenzwinkern, in der ersten Szene der Rückblende in Adelaides Kindheit ist eine Videokassette des Films ‚C.H.U.D.‘ neben einem Fernseher zu sehen, auf dem ein Werbespot für die Aktion „Hands Across America“ läuft und somit eine unauffällige Zusammenfassung der Story liefert. Auch in der Musik liegt oft genug eine gewisse Komik. Wenn gleich zu Anfang ein Kinderchor auf Latein losschmettert, dass man erwartet, gleich käme „Ave Satanis“ aus ‚Das Omen‘ um die Ecke muss man schon ein wenig grinsen und das weiß der Film genau. Einen besonders gelungenen Audiogag während einer an sich recht brutalen Szene möchte ich hier nicht verraten.

Das soll aber nicht bedeuten, dass Komponist Michael Abels (mit dem Peele auch bei seinem ersten Film zusammengearbeitet hat) keine gruselige Atmosphäre schaffen kann. Die Vermischung menschlicher Stimmen mit stechendem Streichereinsatz ist auch in dieser Hinsicht durchaus effektiv.

Wenn ich auf die Schauspieler zu sprechen kommen will, muss natürlich zuerst einmal erwähnt werden, dass praktisch alle Schauspieler zwei Rollen spielen. Allen anderen voran ist Lupita Nyong’o sensationell in ihrer Doppelrolle. Als Adelaide ganz liebevolle Ehefrau und Mutter, aufgrund ihres eigenen traumatischen Erlebnisses vielleicht ein wenig zu beschützerisch was ihre Kinder angeht, während Red (die Namen der Doppelgänger erfährt man erst im Abspann) rücksichtslos ihre Familie als Ressource verwendet. Während die anderen Doppelgänger mit kalter Präzision zu Werke gehen, liegt ihrem Umgang mit den Wilsons ein hasserfüllter Sadismus zu Grunde. Obwohl erkennbar dieselbe Person, legt Nyong’o beide Charaktere doch körperlich derart anders an, dass jede Verwechslung ausgeschlossen ist. Eine tief  beeindruckende Doppelrolle.

Für mich ist hiermit die Nachfolge zu ‚Get Out ‚ gelungen. Wer sich dort allerdings am mangelnden „Realismus“ des Kerns der Metapher gestört hat, der wird hier vermutlich auch nicht glücklich werden. Woher seine Doppelgänger nun wirklich kommen klärt der Film nämlich nicht eben restlos auf. Mich stört das nicht im Geringsten. Ich freue mich schon darauf, den Film ein zweites Mal zu sehen und noch mehr Anspielungen und Gags zu entdecken.

 

PS: man liest immer wieder Kommentare, die sich wundern, dass Jordan Peele von der Comedy zum Horror gewechselt ist. Habt Ihr mal „Key & Peele“ gesehen? In zahlreichen Sketchen nähert er sich schon da dem Horror an. Das folgende Video funktioniert vermutlich nur für Leute, die sich an ‚Alle unter einem Dach und Steve Urkel erinnern…

 

*“Darum werde ich, der HERR, Unheil über sie bringen, dem sie nicht entrinnen können. Und wenn sie zu mir um Hilfe schreien, höre ich nicht darauf.“
Also eine der fröhlicheren Passagen des Alten Testaments…