‚Berberian Sound Studio‘ (2012)

Film ist ein visuelles Medium. Das ist keine besonders tiefe oder in irgendeiner Art neue Erkenntnis. Und doch besteht Film natürlich aus mehr als nur den Bildern. Seit 90 Jahren ist Ton ein ähnlich integraler Bestandteil. Und schon davor war ein live gespielter Soundtrack nicht unüblich. Doch natürlich sind nicht nur die Bilder eines Films „falsch“, gestellt, geschauspielert, der Ton ist es ganz genauso. Das wissen wir nicht erst seit ‚Die Ritter der Kokosnuss‘. Filme übers Filmen gibt es durchaus recht viele, Filme über das Tonmachen haben vermutlich Seltenheitswert. Und hier kommt Peter Stricklands ‚Berberian Sound Studio‘ von 2012 ins Spiel.

In den 70er Jahren wird der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) vom italienischen Regisseur Santini (Antonio Mancino) in das römische Berberian Tonstudio eingeladen, um dort bei der Postproduktion seines neuen Filmes ‚Il Vortice Equestre‘ die Vertonungsarbeiten zu überwachen. Gilderoy kann dem Namen des Filmes nur entnehmen, dass es um „irgendwas mit Pferden“ geht und ist vor Ort schockiert, dass es sich um einen blutigen „Giallo“ (einen Thriller mit übernatürlichen Elementen) handelt. Wir als Zuschauer bekommen (vom Vorspann abgesehen) nie einen Frame des Films im Film zu sehen und können nur aus Szenentiteln ableiten, dass wiederauferstandene Hexen und ein „gefährlich erregter Goblin“ an einer Reitschule für junge Frauen ebenso zentrale wie mörderische Rollen spielen. Und so reißt der schüchterne Gilderoy bald die Stiele von Radieschen, sticht auf Salatköpfe ein und zermatscht ganze Melonen, um die überzogene Gewalt des Films mit noch überzogeneren Geräuschen zu unterlegen, während in der Tonkabine die Darstellerinnen um das Leben ihrer Charaktere schreien, oder die bizarren Hexenbeschwörungen intonieren. Mehr und mehr scheint Gilderoy vom Gesehenen und seinem eigenen Zutun abgestoßen aber auch fasziniert, bis er darin zu versinken droht.

Was Strickland hier tut, widerspricht natürlich jeder „normalen“ Idee des Films. Jeder Film will seine Nähte verbergen, die Künstlichkeit unsichtbar machen, „echt“ wirken. Hier zeigt er uns verschiedene Ebenen der Postproduktion, die allesamt deutlich zeigen, dass so gar nichts „echt“ an einem Film ist. Film ist Illusion, das wissen wir alle, wollen es aber möglichst für zwei Stunden vergessen. Was Strickland aber auch zeigt ist die Kraft der Suggestion. Nicht nur wir Zuschauer sind bestens in der Lage aus den gehörten Matschgeräuschen allerlei furchtbare Gewalttaten in unseren Köpfen zu formen, selbst wenn  wir sehen, dass es nur Gemüse ist, das hier malträtiert wird. Mehr noch ist es die suggestive Wirkung der Filmszenen auf Gilderoy, der sich mehr und mehr in ihnen zu verlieren scheint, obwohl er doch Teil ihres Schöpfungsprozesses ist. In einer Szene meint er einen Charakter des Films „retten“ zu können, indem er einfach den Moment, wenn sie auf unaussprechliche Weise mit einem glühenden Schüreisen misshandelt wird, nicht mit dem entsprechenden Ton (Wassertropfen in eine heiße Pfanne) unterlegt. Letztlich quält er sich damit allerdings nur selbst, weil er die Szene wieder und wieder sehen muss, während der Rest der Crew auf seinen Einsatz wartet.

Doch auch was Gilderoy angeht beginnt der Film bald Fragen aufzuwerfen. Warum sollte ein italienischer Regisseur einen britischen Toningenieur einfliegen lassen, dessen Meisterwerk eine Naturdokumentation über Wald und Wiesen rund um das Kaff Dorking ist? Der sonst nur Geräusche für Kinderprogramme im Fernsehen macht? Dessen „Tonstudio“ ein Schuppen im Garten seiner Mutter ist? Ausgerechnet aus den unterhaltsam-kafkaesken Szenen zwischen Gilderoy und Elena (Tonia Sotiropoulou), der Empfangsdame des Berberian Studio, deren Englisch immer gerade dann aussetzt, wenn es um die Vergütung von Gildreroys Reisekosten geht, oder die ihn an eine weitere Station der labyrinthinen Finanzabteilung verweist, erwächst bald die größte Frage, was Gilderoy angeht.

Doch ist nicht die ganze Produktion seltsam? Ist es ein reiner „Culture-Clash“, oder sind die italienischen Mitarbeiter schon übertrieben feindselig gegen den introvertierten Briten? Hat der selten gesehene Santini nicht die Aura eines Hohepriesters? Geschrei, Beschwörungen und rituelles Zerhacken von Nahrungsmitteln etwas von einer Beschwörung? Wem gehört die seltsame schwarzbehandschuhte Hand, die den Projektor startet und Gilderoy so den Gewalttaten aussetzt? Bald glaubt man sich im halbdunklen, zigarettenrauchverhangenen Tonstudio zwischen holzvertäfelter, trister 70er-Jahre Optik und beinahe fetischistischen Aufnahmen analoger Tontechnologie so verloren, dass man fast geschockt ist zu hören, ein Charakter säße auf der Terrasse in der Sonne. Oh richtig, wir sind ja in Bella Italia. Da gibt es mehr als Düsternis, Geschrei und Matschgemüse.

Für Giallo Fans gibt es in dem Film fraglos zahllose Anspielungen. Ich bin sicher nicht der größte Experte auf dem Gebiet, doch ist nicht nur im fiktiven Film problemlos eine Anspielung auf ‚Suspiria‘ zu entdecken (mit Reit- statt Tanzschule), auch Santini ist zu gleichen Teilen Hommage an und Karikatur auf Dario Argento. Der junge Mann, der vor allem mit seinem eigenen Vergnügen beschäftigt scheint und nur deswegen da ist, weil sein Vater ein berühmter Regisseur ist, lässt an Lamberto Bava denken. Natürlich ist die schwarzbehandschuhte Hand die jedes ungesehenen Mörders aus einem Giallo, hier bloß mit einem Projektor statt eines Messers bewaffnet. Doch ist da sicherlich noch weit mehr.

Eine Warnung sei noch an diejenigen ausgesprochen, die strikt auf einer linearen Handlung bestehen. Im dritten Akt wird der Film zunehmend erratisch-bizarrer, auf eine Art und Weise, die zahlreiche Interpretationen zulässt, aber nicht unbedingt klare Antworten liefert. Bei meiner ersten Sichtung fühlte ich mich davon ein wenig enttäuscht, doch nun wo ich weiß was mich erwartet, gefällt mir das Ende mit jedem Ansehen besser. Ich habe Vergleiche mit David Lynch gelesen, kann die aber nur teilweise nachvollziehen. Der Film an den mich Stricklands Arbeit hier am ehesten erinnert, ist ‚Videodrome‘. In beiden Filmen verlieren sich die zentralen Charaktere in gesehenen Grausamkeiten, doch gehen Strickland und Cronenberg auf vollständig andere Weise mit diesem Thema um.

Zu erwähnen ist definitiv noch Toby Jones‘ darstellerische Leistung. Er hat eines dieser wahnsinnig ausdruckstarken Gesichter, auf dem sich nur durch winzige Veränderung allerlei Nuancen ablesen lassen. In einer Szene bekleckert sich sein Gilderoy beim Versuch mit einem Mixer voller Tomatenmark ein überzeugendes Kettensägengeräusch zu schaffen selbst. In der folgenden Szene vor dem Spiegel wirkt dies fast wie Blut. Oder eher wie Kunstblut in einem Film. Und Jones wechselt zwischen jenem Mann aus England, der keiner Fliege (oder eher Spinne, in dieser Szene) etwas zu leide tun kann und etwas deutlich Finstererem.

Peter Stricklands Film ist ungewöhnlich, bizarr und reichlich eigen. Ob man ihn überhaupt als Horrorfilm verorten möchte, muss wohl jeder selbst entscheiden, doch wer Interesse daran hat wie die Wurst (oder der Film) gemacht wird, einen weitgehend Nostalgiefreien Rückblick auf ein nur noch selten erwähntes Genre möchte, oder schlicht Vergnügen an ungewöhnlichen Filmen hat, der macht hier sicherlich nichts verkehrt.

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Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.

Newslichter Ausgabe 62: Pippi Langstrumpf, Winnetou und Baller-Ina

Willkommen zu Ausgabe 62 des Newslichters. Wisst Ihr, gelegentlich bilde ich mir ein, ich hätte ein gewisses komisches Talent. Dieses Talent erschöpft sich allerdings zum größten Teil, da mache ich mir gar keine Illusionen, in launigen Bemerkungen und ironischen Beobachtungen. Die Konstruktion eines elaboraten Gags, mit exaktem Setup und präzise platzierter Pointe, das ist etwas, was ich nur mit stiller (naja, eher laut lachender) Bewunderung wertschätzen kann, ohne mir je einzubilden, dass ich dazu fähig wäre. Und, wahrlich, die letzte Woche hielt einen solchen Gag bereit. Einen Gag, der nur bei voller Partizipation des Publikums wirklich funktionieren kann. Und partizipiert hat es, inklusive mir. Die letzte Woche wurde beherrscht von der Diskussion über die Bemerkungen von Regisseur Martin Scorsese, der Disneys Marvel Filme mehr mit einer Freizeitparkattraktion als „echtem Kino“ verglichen hat. Es folgten „er hat fraglos Recht!“ und „wie kann er etwas derart Grausames sagen!?“ Reaktionen zu etwa gleichen Teilen. Ende der Woche lieferte Disney dann die perfekt getimte Pointe: einen Trailer zu ‚Jungle Cruise‘ mit Emily Blunt und Dwayne „THE ROCK“ Johnson! Einem Film basierend auf… einer Freizeitparkattraktion aus Disneyland! Mehr als BRA und vielleicht noch VO kann ich dazu beim besten Willen nicht sagen. Und da man aufhören soll, wenn es am schönsten ist, sage ich diese Woche auch nichts zu Scorseses „Klarstellungen“ zu dem Thema, die eh nichts Neues beitragen. Und Neues gibt es genug, wie wir gleich sehen werden. Legen wir also los!

 

Pippi Returns

https://screenrant.com/pippi-longstocking-movie-paddington-producers/

Die Superheldin aller Superheldinnen kehrt auf die Leinwand zurück. Mr. Scorsese sollte schon einmal sicherstellen, dass sein Sicherheitsbügel fest eingerastet ist! Warum kommt Pippi gerade jetzt zurück? Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Produzenten der großartigen ‚Paddington‘ Filme ein Problem haben. Denn Regisseur Paul King steht erst einmal nicht für einen dritten Film zur Verfügung. Und einige der Darsteller, darunter auch die originale Bärenstimme Ben Wishaw, wollen ohne King keinen dritten Film drehen. Also muss ein anderer, unkaputtbarer Kinderstoff her. Und da bietet sich Astrid Lindgrens umfangreicher Fundus ja geradezu an. Noch ist nichts darüber bekannt, wer vor oder hinter der Kamera agieren wird. Und wir wissen alle, dass „von den Produzenten von“ alles andere als ein sicheres Qualitätsmerkmal ist. Sicher ist im Moment eigentlich nur eines: zwei mal drei macht vier (und drei macht neune)!

 

‚John Wick‘ Spin-Off ‚Ballerina‘

https://screenrant.com/ballerina-john-wick-movie-spinoff-director/

Hehe, wohl eher Baller-Ina. Das habt Ihr gedacht, wenn Ihr einen ähnlich infantilen Sinn für Humor habt wie ich… In ‚John Wick 3‘ sahen wir Anjelica Huston als „Director“, die scheinbar Ballerinas ausbildet. Das Spin-Off geht nun davon aus, dass dies In Wirklichkeit getarnte Profikillerinnen sind. Frage: ist irgendjemand im John Wickiversum eigentlich kein Profikiller? Also abgesehen von den Regionalmanagern des „High Table“, die eingreifen, wenn sich die Profikiller nicht professionell genug umlegen? Wurscht, Ballerina soll jedenfalls von Len Wiseman, dem Burschen hinter ‚Stirb Langsam 4.0‘ und dem ‚Total Recall‘ Remake, inszeniert werden. Hey Moment mal, wo ist denn mein Interesse hin?! Ich bin mir ganz sicher gerade eben war es noch da und jetzt kann ich es nirgendwo mehr finden! Das muss irgendwer mitgenommen haben! Ganz ehrlich, ich glaube an die Existenz von Baller-Ina (hehe) ohnehin erst, wenn ich den Film sehe. Denn John Wick Spin-Offs sind ähnlich schwer aufzuspüren wie Baba Yaga selbst. Erinnert sich noch jemand an das Serien-Spin-Off ‚The Continental‘ rund um das Killerhotel in New York? Das soll auch angeblich immer noch kommen. Und ist erst seit 5 Jahren oder so in der Planung. Wird vermutlich genau dann fertig, wenn kein Hund mehr nach Mr. Wick bellt.

 

Der junge Häuptling Winnetou

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18527837.html

Ja ist es denn zu glauben? Nicht nur Pippi schwingt sich erneut in den Sattel, auch der wohl berühmteste deutsch-französische Apache reitet wieder. Da fühlt man sich ja fast als hätte man 1990 während der Sommerferien das Nachmittagsprogramm der Öffentlich Rechtlichen eingeschaltet! Dabei soll Winnetou allerdings nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, sehr, sehr alt sein, sondern im Gegenteil jünger als wir ihn je gesehen haben. Als 12jährigen Häuptlingssohn sollen wir ihn in ‚Der junge Häuptling Winnetou‘ erleben. Es ist mir fast peinlich zuzugeben, wir sehr ich mir gerade einen „Young Shatterhand“ Witz verkneifen muss. Aber nach dem ganzen Baller-Ina Ding habe ich das Gefühl ich stehe eh schon auf dünnem Eis… Auf dem Regiestuhl nimmt Mike Marzuk Platz, der für fünf ‚Fünf Freunde‘ Filme zwischen 2012 und 2018 verantwortlich zeichnet, sowie für einige Komödien, die ich allesamt nicht kenne. Ein leichter Kinderfilm-Tonfall dürfte für diesen Winnetou also anzunehmen sein. Vielleicht nicht der schlechteste Ansatz für ein Reboot.

 

Und das war es auch schon wieder für diese Woche. Wir sehen uns nächste Woche wieder, wenn vermutlich ‚Herbie‘ ein Reboot bekommt.

 

‚The Return Of The Living Dead‘ (1985) – „Braaaiiins!“

Ich bin nicht der größte Fan des Zombiefilms. Aber wenn mich jemand nach meinem liebsten Vertreter des Genres fragt, dann antworte ich üblicherweise mit ‚The Return Of The Living Dead‘. Nun hatte ich den aber ein paar Jahre nicht gesehen und die Frage war, ob die Antwort immer noch stimmt. Für die Entstehung des Regiedebuts von Kult-Drehbuchautor Dan O’Bannon (‚Alien‘), müssen wir ganz an den Anfang des modernen Zombiefilms zurückkehren. 1968 hob Regisseur George Romero in ‚Night Of The Living Dead‘ die beliebten Untoten in ihrer heutigen Form aus dem Grab (wenn er sie auch „Ghule“ betitelte). Er und sein Co-Autor John Russo wurden sich jedoch nicht einig, wie man mit Fortsetzungen zu dem Überraschungshit umgehen sollte und sie gingen jeder eigener Wege. So regelten sie, dass Romeros Fortsetzungen ‚… Of The Dead‘ betitelt würden, die von Russo ‚…Of The Living Dead‘. Während Romero weiter Filme drehte, schrieb Russo einen Roman mit dem Titel „Return Of The Living Dead“. Jahre später wurde Dan O’Bannon angeheuert, um daraus ein Drehbuch für einen Tobe Hooper Film zu adaptieren. Allerdings sprang Hooper von dem Projekt ab, um stattdessen ‚Lifeforce‘ (ebenfalls nach einem O’Bannon-Skript) zu drehen. So erhielt O’Bannon die Möglichkeit auch Regie zu führen. Dafür bat er sich allerdings aus, wesentliche Änderungen an der Geschichte vornehmen zu dürfen. Erstens, um sie weiter von Romeros etabliertem Territorium zu entfernen, zweitens um ihr tiefschwarzen Humor und jede Menge Punk-Attitüde zu verpassen. Der Film wurde erfolgreich genug, dass Russo O’Bannons Geschichte später wieder zu einem Roman adaptierte…

Freddy Hanscom (Thom Matthews) beginnt einen Job in einer Versand-Firma für medizinischen Bedarf. Nicht nur Prothesen und Rollstühle kann man dort erwerben, auch Skelette, in der Mitte durchgeschnittene, präparierte Hunde und menschliche Kadaver für die medizinische Ausbildung. Natürlich fragt Freddy seinen Vorgesetzten Frank (James Karen), was das Merkwürdigste ist, was sie hier auf Lager haben. Es stellt sich raus, dass es eine Reihe Leichen aus dem Vorfall ist, der George Romero zu seinem Film ‚Night Of The Living Dead‘ inspiriert hat. Eine Chemikalie hat Leichen wiederbelebt, die Armee hat die Sache zwar heimlich unter Kontrolle gebracht, doch durch einen Fehler beim Versand stehen die Container mit den Leichen nun seit 15 Jahren im Keller des Lagerhauses. Als sie die Container begutachten tritt aus einem plötzlich Gas aus. Dieses macht nicht nur Freddy und Frank krank, es macht auch den Kadaver im Kühlhaus des Lagers sehr aktiv und reichlich wütend, ebenso die halben Hunde. Schnell wird Boss Burt (Clu Gulager) angerufen für den es nur eine Möglichkeit gibt: alles unter den Teppich kehren. Blöderweise lässt sich der Kadaver nicht mit den „üblichen“ Zombiemethoden ausschalten. Ohne Kopf wütet er weiter, zerstückelt versucht er noch anzugreifen. Also muss er verbrannt werden, im Krematorium von Burts Kumpel Ernie Kaltenbrunner (Don Calfa) (Ernie und Burt… wow, das bemerke ich jetzt erst). Blöderweise wird die Asche und damit die Chemikalie durch einen Starkregen schnell wieder zur Erde gedrückt. Direkt über einem nahen Friedhof, auf dem Freddys Punk-Freunde darauf warten, dass er Feierabend hat…

O’Bannon stellt mit Freude die Absurditäten seines Skriptes heraus. Freddys Freundin Tina (Beverly Randolph) fragt die Punks Spider (Miguel A. Nunez) und Suicide (Mark Venturini) warum sie eine Kiste voll Signalfackeln auf den Friedhof schleppen. Eine Antwort erhält sie nicht. Alsbald hat sich Punklady Trash (Linnea Quigley) aber ihrer Kleider entledigt und tanzt auf einem Grab. Schon kommen Suicide und Co. Mit brennenden Fackeln ins Bild und hampeln choreografiert um sie herum. Dieser alberne Musikvideomoment wäre absurd genug, doch durch die vorherige Frage lachen wir nun mit dem Film, statt über ihn. Ernst „Ernie“ Kaltenbrunner hört knackige Marschmusik, hat ein Bild von Eva Braun an der Wand und eine Luger am Gürtel, die er ein wenig zu gern zieht. Kurz, alles weist darauf hin, dass er ein Nazi ist, thematisieren tut der Film das aber nie. So bleibt es als absurde Andeutung stehen. Auch datiert Frank den Vorfall, der Romero inspiriert haben soll auf 1969. ‚Night…‘ erschien aber bereits 1968. Ein gewollter Fehler, nicht nur Absurdität, sondern auch Hinweis darauf, dass Romero natürlich der Urvater des Zombies ist und bleibt.

Diese Absurdität setzt sich ebenfalls bei den Zombies fort. Der berühmt-berüchtigte „Teermann“ des Films ist ein Spezialeffekt, der auch heute noch ganz gut aussieht. Allerdings ist er im Aussehen mindestens ebenso albern wie schrecklich. Insbesondere, wenn er als erster im Film seinen Hunger nach „Brains!“ äußert.

Das Zombie-Dasein selbst hingegen beschreibt O’Bannon ohne jede Absurdität, zumindest für mich, schlimmer als jeder andere Film. Als Zombie verliert man nichts von seiner Intelligenz oder seines Bewusstseins. Jedoch wird alles durch den unaufhörlichen, unerträglichen Schmerz sterbender Muskeln und versagender Organe übertönt. Und das Einzige, was einen Moment der Erleichterung verschaffen kann sind eben „Brains!“, das Verspeisen von Hirnmasse. Und nichts was irgendjemand gegen einen Zombie unternimmt (von vollständiger Verbrennung abgesehen, aber die hat ihre eigenen Risiken, siehe oben) lässt ihn sterben. Es verschlimmert nur den Schmerz. Die Zombies sind gleichsam unaufhaltsam, hinterhältig und bemitleidenswert (und schnell, weswegen ich nie verstanden habe, warum das ‚28 Days Later‘ als Innovation zugesprochen wurde…). Und so ist auch das Zombie-Werden selbst perfide: es geschieht nach Kontamination mit der Chemikalie quasi unmerklich.

Und so merkt man ‚Return oft he Living Dead‘ schnell an, dass es aus jener Ära in den 80ern stammt, die den ‚Tanz der Teufel‘ hervorgebracht hat, den ‚Re-Animator‘ und ‚From Beyond‘. Dass er aus jenem kurzen Zeitfenster stammt, in dem Horror Comedy nicht bedeutete mit Humor den Horror abzumildern, sondern, dass der Horror der Humor und der Humor der Horror war. Lachen und Grausen sind sich selten fern, doch kamen sie sich rein filmisch selten näher als in dieser kurzen Ära.

Dreht ein Autor einen Film, auch noch von seinem eigenen Drehbuch, dann besteht häufig die Gefahr, dass seine Charaktere herumstehen und seine, selbstverständlich brillanten Dialoge vortragen. Nicht so bei O’Bannon. Der Film überschlägt sich fast bei dem Versuch zur Action zu kommen. Wahnsinnig viel Platz für Charakterentwicklung lässt er dabei nicht. Hier hilft, dass er zum guten Teil punkige Charaktere einsetzt und schon das Aussehen oft genug einen Hinweis auf den Charakter gibt. Doch gerade zwischen Freddy und Frank, Ernie und Burt (ich komm nicht drüber weg, dass ich das nicht gemerkt habe) oder Freddy und Tina gibt es durchaus Momente. Herausstellen möchte ich James Karen, der seinen Frank zu einem nicht sehr hellen, in einer grauenhaften Situation gefangenen Sympathieträger gibt.

Die Kamera ist dynamisch, die Effekte gelungen, der Gore eklig, die Zombies innovativ, die Musik treibend und die „No Future!“ Punk-Attitüde kann man quasi riechen. Das lässt den Film auch heute noch problemlos aus der großen Masse der Zombiefilme hervorstechen. Ist es immer noch mein liebster Zombiefilm? Schwer zu sagen, es könnte sogar sein, dass ‚One Cut of the Dead‘ ihm diese Stellung in diesem Jahr abgenommen hat. Dafür muss ich den aber noch ein paar Mal sehen. Etwas, das ich mit Sicherheit auch mit ‚ The Return oft he Living Dead‘ tun werde.

„Ein spezialgelagerter Sonderfall“: Skeptizismus im Horrorfilm

Der Skeptiker, der Zweifler hat im Horrorfilm keinen guten Stand. Haben die Protagonisten den jeweiligen Schrecken entdeckt (oder er sie), laufen sie bei ihm regelmäßig vor eine Betonwand des Unglaubens. Ist der „Horror“ des jeweiligen Films immerhin noch ein „reales“ Monster, ein Hai, Riesenspinnen, oder Godzilla lässt er sich vielleicht noch von seinen eigenen Augen überzeugen, bevor die übergroßen Arachniden ihm das Hirn zu den Nasenlöchern rauspopeln. Vielleicht. Doch geht es um Übersinnliches, um Geister und Dämonen, dann steht der Skeptiker auf gänzlich verlorenem Posten. Denn glaubt er dran, ist er ja kein Skeptiker mehr, glaubt er nicht dran, geht er vermutlich drauf.

Dabei war das nicht immer so. Es gibt eine Erzähltradition, auch im Film, in der die Spukerscheinungen falsch sind und nur der Skeptiker durchschaut es. Er überführt die Betrüger und steht am Ende als Held da. Entstanden vermutlich aus den zahllosen selbsternannten „Medien“ im „Okkultismus-Boom“ des frühen 20ten Jahrhunderts und der Tatsache, dass sich Berühmtheiten wie Bühnenmagier und Entfesselungskünstler Harry Houdini auf die Fahnen geschrieben hatten, solche Scharlatanerie zu überführen. So finden sich in der Frühzeit des Films zahlreiche Beispiele, wo angebliche Geister, von mehr oder weniger skeptischen Ermittlern als falsch überführt wurden. ‚Spuk im Schloß‘ von 1927 etwa. Oder der mit Gruselelementen gespickte John Wayne Frühwestern ‚Haunted Gold‘ von 1931. Oder der bereits im Titel recht explizite ‚Religious Racketeers‘ (etwa „Religiöse Geschäftemacher/Gauner“) von 1938. Sogar Laurel & Hardy bekamen es mit falschem Spuk zu tun, in ‚Spuk um Mitternacht‘ (bzw. ‚Ohne Furcht und Tadel‘) von 1930. Nur war hier sogar der falsche Spuk geträumt. Aber auch deutlich später fand sich die Idee des falschen Spuks noch in ‚The House on Haunted Hill‘ von 1959. Zwar taucht nicht in jedem der genannten Filme die Figur eines expliziten Skeptikers auf, gemein ist ihnen aber, dass der Glaube ans Übernatürliche schädlich und oft genug albern ist.

Diese Art der Erzählung gibt es immer noch und sie ist immer noch erfolgreich, nur findet sie sich eher abseits vom Film. Seit 1969 ermitteln die vier Detektive rund um die Zeichentrick-Dogge ‚Scooby-Doo‘ in zahllosen Folgen, in denen sich ein vorgeblicher Spuk eigentlich immer als übermotivierter Kapitalist mit Maske entpuppt, der den Vergnügungspark, den Leuchtturm, oder was auch immer Ziel des angeblichen Spuks ist, möglichst billig kaufen will. Und ja, Anfang der 2000er gab es auch zwei Kinofilme, aber die haben wir alle erfolgreich vergessen, oder? Sogar noch ein Jahr vor der Scooby-Gang starteten die „Drei Fragezeichen“ ihre Detektivkarriere. Diese findet seit Ende der 80er zwar nur noch im deutschsprachigen Raum in Büchern und Hörspielen statt, kann sich aber dennoch sehen lassen. Längst nicht jeder Fall ist ein falscher Spuk, doch haben sie nicht nur ein Geisterschloss (und eine solche Insel) als falsch überführt, auch wandelnde Vogelscheuchen, tanzende Teufel, unheimliche Drachen, flüsternde Mumien und aberdutzende weitere. Zentral ist hier stets der Skeptizismus des ersten Detektivs Justus Jonas, der jeden Glauben an das Übernatürliche ablehnt. Und ja, auch hier gab es zwei Filme in den 2000ern, aber die haben die meisten von uns vermutlich nicht einmal bemerkt.

Sowohl Scooby-Doo als auch die Drei Fragezeichen richten sich vornehmlich an Kinder. Und vielleicht haben wir hier einen ersten Hinweis, warum die Idee des falschen Spuks im „ernsthaften“ Horror kaum noch vorkommt: wir fühlen uns heute so aufgeklärt, dass wir wissen, dass der Glaube an Gespenster kindisch ist und müssen ihn als Erwachsene nicht mehr überführt sehen, sondern betrachten ihn von vornherein als reine Unterhaltung.

Aber kann das der einzige Grund sein? Ich habe bei der Recherche Artikel gesehen, die beinahe so etwas wie eine Verschwörung annehmen, Hollywood wolle uns mittels Horrorfilm zu mehr Religiosität erziehen. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben mag (man könnte sagen, ich bin skeptisch). Gelegentlich ist es aber kaum von der Hand zu weisen. Etwa in der ‚Conjuring‘ Reihe, die mit dem Ehepaar Warren zwei realweltliche, erzchristliche Hochstapler zu ihren Helden (v)erklärt hat. Da sagt die Filmversion von Ed Warren im ersten Film, eigentlich zu einem anderen Charakter, letztlich aber mit direktem Blick in die Kamera, vielleicht solle man seine Kinder taufen lassen, wenn man sie vor dämonischem Einfluss schützen wolle. Zufall? Nicht wenn wir Chad Hills dem Ko-Autoren von ‚Conjuring 2‘ glauben wollen. Der sagte im Interview zum Magazin Christian Post[1]: „‘Conjuring2‘ ist eine Geschichte aus der Sicht von Gläubigen, deren stärkste Waffe ihr Glaube an Gott ist. Unser Film erlaubt es Gläubigen und Nichtgläubigen ihre Reise mit ihnen zu erleben und möglicherweise Menschen am Rande des Glaubens zu berühren und ihnen die Stärke zu geben, die sie benötigen.“ Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass ein echter Missionierungswille, zumindest bei Teilen der Macher, vorhanden ist. Verallgemeinern kann man dies aber, zumindest meiner Meinung nach, keineswegs. Etwa bei Stephen King und somit in vielen Adaptionen seiner Werke, finden wir eine ganz erhebliche Ablehnung von zumindest fundamentaler Religiosität. So zum Beispiel in ‚Carrie‘ oder ‚The Mist‘. Eine allgemeine Ableitung wie „Hollywood“ oder gar Film an sich mit dem Christentum oder Religion an sich umgehen ist und bleibt schwierig, oder eher unmöglich zu ziehen. Dafür ist das Medium zum Glück nicht monolithisch genug.

Oftmals ist der Priester, der den Dämon/Geist besiegt einfach der gesellschaftlichen Tradition entwachsen. Die westliche Welt ist christlich geprägt, der Priester ist also die logische Figur um ein übernatürliches Böses zu bekämpfen. Und wenn man schon das Böse bekämpft, dann will man natürlich einen Vertreter derjenigen Organisation, die das seit tausenden von Jahren von sich behauptet, sprich, einen katholischen Priester. Da fließt sicher kein Geld vom Papst, da steckt nicht mal unbedingt Glaube dahinter, das sind einfach kulturell verständliche Symbole. Der Vampir fürchtet das Kreuz, der Dämon das Weihwasser. Und ich glaube nun haben wir uns unauffällig genug der Stunde null für das Ende des Erfolgs des Skeptikers im Film angenähert: dem gigantischen Erfolg von ‚Der Exorzist‘.

Jesuitenpater Karras wird dort von Schuldgefühlen über den Tod seiner greisen Mutter in eine Glaubenskrise getrieben. Er zweifelt an seinen religiösen Überzeugungen. Als ihn die Mutter der anscheinend dämonisch besessenen Regan um Hilfe und einen möglichen Exorzismus erbittet ist er zunächst ablehnend. Doch findet er in der Zusammenarbeit mit Pater Merrin und der Auseinandersetzung mit dem Dämon zu seinem Glauben zurück, der ihm letztlich einen selbstaufopfernden Sieg über den Teufel ermöglicht. Sein Skeptizismus, sein Zweifel ist ein entscheidendes Hindernis, das es bei der Bekämpfung des Dämons zu überkommen gilt. Während der Autor der Buchvorlage William Peter Blatty ein gläubiger Katholik war, bezeichnet sich Regisseur William Friedkin als Agnostiker jüdischer Herkunft. Nichts in seiner Filmografie weist auf besonderes katholisches Sendungsbedürfnis hin. Er nutzte einfach die oben erwähnten kulturellen Abkürzungen, die wir alle, ob nun religiös oder nicht, verstehen. Und so taten es zahllose Filmemacher nach ihm, nicht zuletzt in der Hoffnung, seinen Erfolg zu wiederholen. Schaffen sie auf diese Weise „zufällige Propaganda“ für den katholischen Glauben? Darüber kann man sicher trefflich streiten. Sicher ist, dass die guten Zeiten für den Skeptiker im Horrorfilm spätestens hier ihr Ende gefunden hatten.

Den Hauptgrund für das Ende des „falschen Spuks“ im Film mache ich aber an ganz anderer Stelle aus. Unser Verhältnis zum Film hat sich in den gut 100 Jahren des Mediums grundlegend geändert. Wurden Filme früher noch ausschließlich im Kino gesehen, wo die überlebensgroßen Bilder mit Sicherheit für Eindruck sorgten, haben wir heute, dank Streaming, einen Großteil der Filmgeschichte auf Knopfdruck verfügbar im Wohnzimmer. Filme sind heute nichts wirklich Besonderes mehr. Daher sind sie mehr denn je zuvor bemüht ihre eigene Artifizialität herunterzuspielen. Alles soll möglichst umfänglich erklärt werden, um bloß die im Internet vieldiskutierten „Plotholes“ zu umgehen. Alles muss aus einem Guss wirken, „echt“ sein! Am Ende eines Films heute zu sagen, dass alles bisher Gesehene falsch war, ein billiger Trick und nicht nur die Charaktere, auch Du, lieber Zuschauer bist drauf reingefallen, ist das genaue Gegenteil. Es weist direkt auf das Künstliche des Films hin. Es könnte möglicherweise fast beleidigend aufgefasst werden. Man opfert 2 Stunden seiner kostbaren freien Zeit, um sich Lügen auftischen zu lassen? Sicher, das tut letztlich jeder Film, aber die meisten sind immerhin so höflich, es einem nicht direkt aufs Brot zu schmieren.

Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung. Und vielleicht irre ich mich sogar vollständig und werde in den Kommentaren nun mit modernen Filmen bombardiert, in denen sich ein Spuk als falsch, oder ein Skeptiker als Held erweist. Ich wäre überrascht, aber das wäre kaum das erste Mal.

[1] https://www.christianpost.com/news/conjuring-2-christian-good-conquers-evil-interview-exclusive-clip-164931/

Newslichter Ausgabe 61: Marvel, Scorsese und Autoren-Rechte

Willkommen zu Ausgabe 61 des Newslichters. Natürlich reden wir heute über Martin Scorsese. Der hat nämlich was über Marvel gesagt. Und die Filmnews-Welt ist gleichzeitig implodiert und explodiert. Irgendwie wird vieles wohl doch heißer gegessen, als es gekocht wird. Dazu noch ein frisch entdeckter Gesetzeszusatz in den USA, der Autoren mehr Rechte an ihren Werken erlaubt. Und das soll schlecht sein? Legen wir los!

 

Marty vs. Marvel

https://variety.com/2019/film/news/martin-scorsese-marvel-theme-parks-1203360075/

Als ich zum ersten Mal gelesen habe, dass sich Martin Scorsese nicht für das Marvel Cinematic Universe interessiert, war mein erster Gedanke „Natürlich tut er das nicht“. Scorsese ist 76 Jahre alt, Marvel Filme richten sich vornehmlich an Teenager und Früh-Zwanziger. Das soll nicht heißen, dass sie nicht auch von zahlreichen älteren Menschen gemocht werden, aber ich würde nie bei einer 70+ Person davon ausgehen, dass sie das geringste Interesse mitbringt. Insofern schien mir die ganze Aufregung über irgendeine Interviewaussage von ihm mal wieder wahnsinnig übertrieben.  Dann habe ich mir doch einmal genauer angesehen, was er gesagt hat.

Oder sagen wir, ich bin so nahe herangekommen, wie ich konnte. Denn das gesamte Interview mit dem Magazin Empire, in dem die umstrittene Aussage fiel konnte ich nicht finden (wenn einer von Euch mehr Erfolg hat, bitte Link in die Kommentare!). Hier nun meine Übersetzung des Zitats: [Scorsese, angesprochen auf MCU-Filme] „Ich schaue die nicht. Ich hab’s versucht, wissen Sie? Aber das ist kein Kino („not cinema“). Ehrlich gesagt, woran sie mich am ehesten erinnern, so gut sie gemacht sind, mit Schauspielern, die unter den gegeben Umständen ihr Bestes tun, sind Themenparks. Das ist nicht das Kino von Menschen, die anderen Menschen ihre emotionalen, psychologischen Erfahrungen zu vermitteln versuchen.“

„Das ist kein Kino“ ist so eine elitistische Aussage, bei der ich sofort Zahnschmerzen bekomme. Ich denke Herr Scorsese würde zu keinem Moment bestreiten, dass Marvel Filme dem Medium des Films und damit dem Kino zuzurechnen sind. Nein, sein Begriff „Kino“ beschreibt etwas anderes. Er definiert das später ja ein wenig aus. Kino muss emotionale und psychologische Erfahrungen vermitteln. Tut es das nicht, ist es „kein Kino“. Das Problem an dieser Aussage ist: für Millionen von Menschen tun die Marvel Filme genau das. Das mag Herr Scorsese nicht nachvollziehen können, ich kann es selbst auch nicht vollständig, aber das ändert wenig an den Tatsachen. Leute werden doch nicht wütend bis hin zur körperlichen Gewalt über „Spoiler“ für etwas, in dem sie nicht tief emotional involviert sind. Natürlich sind die Marvel Filme „sicher“. Disney* achtet darauf, dass sie niemandem besonders wehtun, keinen Status Quo herausfordern, sondern genau das liefern, was man von einem Superheldenfilm erwartet. Ein bisschen Soap Opera und CGI Gekloppe, wenn man es mal ganz grob runterbrechen will. Sobald der erste Marvel Film einmal richtig floppt, kann es gut sein, dass, nicht zuletzt aufgrund zahlloser „Ist Marvel am Ende?“-Artikel, das ganze Universum endet. Und kein Regisseur möchte dafür verantwortlich sein, diese Cash Cow zu schlachten. Und so bedienen ‚Spider-Man: Homecoming‘ und ‚Die Letzte Versuchung Christi‘ natürlich gänzlich andere filmische Bedürfnisse. Ändert aber mal gar nix dran, dass beide Kino (und auch „Kino“) sind. Alle Kunst ist Kunst, was nicht bedeutet, dass alle Kunst gleich gut ist. Und schon gar nicht, dass Martin Scorcese oder sonst jemand sie mögen muss. Sich von Jahre- bis Jahrzehntelangen Veröffentlichungsplänen abgestoßen zu fühlen ist völlig in Ordnung.

Aber letztlich entwertet Scorsese seine Kritik doch direkt selbst mit dem ersten Satz „Ich schaue die nicht“. Damit ist es doch ganz egal, ob hier der Mann spricht, der ‚Raging Bull‘ gedreht hat, oder irgendein Filmblogger. Niemand kann mit irgendeiner Autorität über Filme sprechen, die man nicht schaut. Die Angriffe auf Scorsese sind dennoch albern. Der hat mehr für den Film getan als die meisten anderen, nicht nur großartige Filme gedreht, sondern auch Großes im Bereich der Erhaltung alter Filme geleistet. Und die Darstellung, hier sei nun der große Filmmann Scorsese, der die kleinen, wehrlosen Marvel Filme angreift, ist schon lächerlich. Möglicherweise schwang in seiner Aussage gerechtfertigte Sorge aufgrund der Monokultur im Blockbusterbereich mit**. Möglicherweise auch ein gewisser Groll, weil keines der klassischen Filmstudios bereit war seinen ‚The Irishman‘ zu finanzieren und er dafür zu Netflix musste. Denn das ist die Situation. Drehst Du keinen Crash Boom Bang!- Blockbuster, musst Du in Hollywood mit dem Hut in der Hand um Finanzierung betteln, auch wenn Dein Name Scorsese ist. Vielleicht würde auch das ganze Interview noch mehr Kontext liefern. Vermutlich hätte er wohl lieber über irgendwas anderes als Marvel Filme gesprochen…

 

*Dass ich hier Disney „verteidigen“ muss, nehme ich Scorsese übrigens persönlich übel!!!

** Ha, Seitenhieb im letzten Absatz! Damit haste nicht gerechnet, wa Micky?!

 

Möglicherweise ein Ende für ‚Terminator‘ und ‚Stirb Langsam‘ in Sicht?

https://www.hollywoodreporter.com/thr-esq/real-life-terminator-major-studios-face-sweeping-loss-iconic-80s-film-franchise-rights-1244737?utm_source=Sailthru&utm_medium=email&utm_campaign=THR%20Breaking%20News_now_2019-10-02%2011:40:30_ehayden&utm_term=hollywoodreporter_breakingnews

In den 1970er Jahren veröffentlichte der US-Kongress einen Gesetzeszusatz, der Autoren erlaubt die Rechte an ihren Werken nach mehreren Jahrzehnten vom jeweiligen Rechteinhaber zurückzufordern. Dies geschah bislang vor allem im Musikbereich. Doch nachdem Victor Miller, der Autor von ‚Freitag der 13te‘ im letzten Jahr davon Gebrauch gemacht hat, ist eine kleine Welle im Filmbereich ins Laufen gekommen. Unter anderen fordert ‚Terminator‘ Koautorin Gale Ann Hurd ihre Rechte ein. Ebenso die Nachfahren vom Autoren der ‚Stirb Langsam‘ Vorlage Roderick Thorp. Ernsthaft merkwürdig finde ich allerdings, dass ein Großteil der Berichterstattung über diese Tatsachen negativ ist. Es ist viel eher erfreulich, dass es wenigstens noch einen kleinen Bereich des „Copyright“ Rechts gibt, der sich nicht vollständig den großen Konzernen ergeben hat (schaut Euch mal an, warum Disney immer noch die Rechte an Micky Maus hält…). Es ist gut und richtig, dass Autoren das Recht haben, über ihre Geschichten bestimmen zu können. Und wie viele Leute wären wirklich traurig wenn „Kultserien“ wie ‚Terminator‘ oder ‚Stirb Langsam‘ enden? Begeistern die Abenteuer eines gelangweilten, geriatrischen Glatzkopfs wirklich noch so viele Leute? Bin ich der Einzige, der sich wünscht, ein Blechmann aus der Zukunft würde den unendlichen Kreislauf an Terminatoren beenden? Davon abgesehen wird das eh nicht passieren. Seien wir ehrlich: für die meisten, die ihre Rechte hier einfordern, ist das vor allem ein Weg noch einmal (und vielleicht zum ersten Mal fair) für ihre Arbeit bezahlt zu werden. Aber trotzdem, Hollywood: lasst Dinge enden! Manchmal ist das besser! Das wusste schon der alte Kerl in ‚Friedhof der Kuscheltiere‘ (von dem ein Remake gedreht wurde, 5 Minuten bevor die Rechte zurück an Stephen King fielen).

 

Das war es für diese Woche. Zu monothematisch? Nächste Woche gibt’s bestimmt wieder mehr Abwechslung!