Newslichter Ausgabe 76: Ghibli-Stream, Affenverhör und Filmtraining

Willkommen zur Ausgabe 76 des Newslichters. Heute habe ich mal gute Nachrichten für Euch. Also nicht nur, aber immerhin auch! Und da heute einiges an Material vorliegt, muss ich auch mal nicht hier in der Einleitung Zeilen schinden, sondern wir können direkt loslegen!

 

Taika Waititi ‚Star Wars‘ Film?

https://screenrant.com/star-wars-movie-taika-waititi-develop-direct/

Angeblich soll sich Lucasfilm bei dem neuseeländischen Filmemacher Taika Waititi nach einem möglichen Interesse am Dreh eines ‚Star Wars‘ Films erkundigt haben. In Interviews hat Waititi zwar häufiger gesagt, er könne sich das nicht vorstellen, da sein distinkter Stil nicht unbedingt mit dem klassischen ‚Star Wars‘ vereinbar ist (und was das für Reaktionen hervorrufen kann, sah man an Rian Johnsons ‚Die Letzten Jedi‘). Doch nun ist das „klassische“ Star Wars immerhin durch und Waititi hat bereits die Regie einer Folge von ‚The Mandalorian‘ übernommen. Davon abgesehen habe ich letztens sein ‚Thor: Tag der Entscheidung‘ wiedergesehen. In der BluRay Einleitung erzählt er (nicht ganz ernst gemeint), dass er viel lieber einen Star Wars gedreht hätte und entschuldigt sich bei seinen Eltern dafür nicht J.J. Abrams zu sein. Ob er nach den Reaktionen auf ‚Episode IX‘ diese Entschuldigung aufrecht erhält und ob er mehr oder weniger Lust hat einen Star Wars zu drehen, wer weiß. Es ist eh Zukunftsmusik, steht doch erstmal der nächste Thor auf dem Programm. Und danach womöglich die Live Action Version von ‚Akira‘. Davon abgesehen hat Waititi ja auch gerade wieder gezeigt, dass er nicht aufhören will kleinere „eigene“ Produktionen wie ‚Jojo Rabbit‘ zu verwirklichen. Zum Glück.

 

Filme schauen ist Training!!

https://screenrant.com/watching-movies-exercise-study/

Was müssen Film und Fernsehen sich nicht alles nachsagen lassen. Dumm machen sie. Faul sowieso. Und vermutlich gewalttätig. Oh sicher, sie mögen positive emotionale Erfahrungen vermitteln, aber die sind doch nur Flucht vor der Wirklichkeit und überhaupt und sowieso! In der Reihe alltäglicher Unternehmungen, die ein positives Trainingsergebnis mit sich bringen, wie Treppensteigen, dem Bus hinterherrennen, Gartenarbeit oder mit dem Hund spielen, taucht Filmeschauen bislang nicht auf. Womöglich zu Unrecht, wie eine Studie des University College London nun zeigt*. Das Schauen emotionaler Szenen erhöht nicht nur die Herzfrequenz (Herz-Kreislauftraining sagt die Studie), nein es erhöht auch die Gesundheit des Gehirns und die Konzentrationsfähigkeit. Das Schauen im Kino ist dabei effektiver als zuhause, da dort weniger vom Training ablenken kann. Von nun  werde ich also verkünden, dass ich trainiere, wenn ich einen Film schaue. Und das ich ins Fitnessstudio gehe, wenn ich ins Kino marschiere. Ganz ehrlich, ich hatte mein Leben lang Probleme die richtige Sportart für mich zu finden. Aber nun, wo ich weiß es gibt eine, die ich mit einer Tüte Popcorn in der einen Hand und einem Halbliter Cola in der anderen ausführen kann, ist diese Frage für mich endlich geklärt. Und die Filmlichtung ist nun ein Fitnessblog. Schaut mehr Filme, Ihr schlaffen Fleischsäcke!!!

*Der Blog Filmlichtung übernimmt keinerlei Garantien für die Korrektheit der Ergebnisse der Studie oder die Trainigseffektivität des Filmeschauens. Offensichtlich…

 

David Lynch verhört einen Affen

https://www.cinemablend.com/news/2488832/surprise-david-lynch-just-released-a-bonkers-netflix-film-where-he-interrogates-a-monkey-for-murder?pv=related_list

Am 20ten Januar ist David Lynch 74 Jahre alt geworden. Dazu wünsche ich ihm natürlich ein herzliches „This ist he water and this ist he well. Drink deep and descend!“. Möge jemand Feuer gehabt haben, um die Kerzen auf dem Geburtstagskuchen zu entzünden.

Passend zu diesem Datum veröffentlichte Netflix einen Kurzfilm des Meisters des Surrealen, in dem Lynch selbst einen Polizisten spielt, der einen Affen verhört, der des Mordes beschuldigt wird. Was auch sonst? Leider ist das wohl kein Anzeichen dafür, dass Lynch zum Filmemachen zurückkehren will, da der Kurzfilm wohl schon von 2016 stammt. Es muss ja kein ‚Twin Peaks‘ Staffel 4 sein, David. Obwohl das natürlich großartig wäre. Aber ein Filmchen vielleicht? Oder zwei? Es dürfen auch Affen drin sein!

 

Ghibli kommt zu Netflix

http://www.filmstarts.de/nachrichten/18529243.html

Gute Nachrichten, insbesondere für diejenigen unter Euch, die sich letzten Monat während des Miyazakizembers enttäuscht gezeigt haben, dass die Filme nirgendwo zum Stream verfügbar waren. Falls Ihr Netflixkunden seid, werdet Ihr in den nächsten Monaten in den Genuss von insgesamt 21 Studio Ghibli Filmen bei dem Streaminganbieter kommen, darunter auch alle von mir besprochenen. Die einzige Ghibli-Produktion, die unerklärlicherweise fehlt ist Isao Takahatas großartiger ‚Die letzten Glühwürmchen‘. Das zeigt, dass meine Spekulationen, ob sich womöglich Disney die Rechte an den Filmen für ihren eigenen Streamingservice gesichert haben, genau das waren: blödsinnige Spekulationen. Aber das wusstet Ihr sicherlich schon. Ich freue mich jedenfalls, dass diese Filme weitreichend verfügbar sein werden.

 

Armer Bob Iger

https://deadline.com/2020/01/disney-bob-iger-compensation-falls-2019-1202834338/

Bob Iger, CEO von Disney muss dieser Tage ganz besonders stark sein. Es kam heraus, dass er für 2019 eine Gehaltskürzung um satte 28% hinnehmen musste. Statt den 65,6 Millionen Dollar aus 2018, musste der Mann sich 2019 mit gerade einmal 47,5 Millionen begnügen. Hoffentlich kann er damit seinen Haushalt bestreiten… Im letzten Jahr sah er sich Kritik von Abigail Disney ausgesetzt, dass er das 1000fache eines durchschnittlichen Angestellten von Disney in die Lohntüte bekäme. Viel wird sich daran durch seine Lohnkürzung nicht geändert haben, denn das eigentliche Problem ist die absolut miserable Bezahlung von Disneys Parkangestellten. 2018 gaben gut 10% von ihnen an in den letzten 2 Jahren obdachlos gewesen zu sein und 56% sahen sich durch unerwartete Ausgaben von der Obdachlosigkeit bedroht. Leider wird Igers Kürzung auf die prekäre Situation dieser Mitarbeiter der „happiest places on earth“ wohl keinen Einfluss haben.

 

Und das war es auch schon wieder! Wir sehen uns nächste Woche zum nächsten Newslichter!

‚Kings of Summer‘ (2013)

Warnung: im Folgenden verrate ich einige Elemente des späten Films. Ich halte sie für wenig überraschend und habe daher kein Problem sie zu besprechen, doch da könnt Ihr 1. anderer Meinung sein oder 2. trotzdem nichts drüber wissen wollen. In jedem Fall seid Ihr nun gewarnt!

Ich versuche hier zum größten Teil Filme zu besprechen, die mir gefallen haben. Wenn ich einmal etwas negativer urteile, dann meist, wenn ich (selten genug) einen aktuellen Film bespreche. Ich halte es für etwas albern einen sieben Jahre alten Film herzunehmen und zu deklamieren, dass er mir nicht sonderlich gut gefallen hat. Heute muss ich mal eine Ausnahme machen. Zum einen, weil ich ‚Kings of Summer‘ nicht furchtbar fand, sondern durchaus meine, der Film hat seine Stärken, aber vor allem weil ich dieses Gefühl habe einen anderen Film gesehen zu haben als alle anderen. Ich habe die Kritiken als durch die Bank positiv in Erinnerung mit Vergleichen zu ‚Stand By Me‘ oder ‚Son of Rambow‘. Während ich zwar sehen kann, woher die Vergleiche kommen, verstehe ich sie doch nicht wirklich, weil ‚Kings of Summer‘ in seinem zentralen Element, bei den Charakteren, für mich nicht funktioniert. Aber fangen wir am Anfang an.

Teenager Joe (Nick Robinson) verträgt sich nicht mit seinem verwitweten, allein erziehenden Vater Frank (Nick Offerman). Von dessen oftmals herrischen Erziehungsmethoden fühlt er sich bevormundet. Auch sein Freund Patrick (Gabriel Basso) ist von seinen spießigen, langweiligen Eltern genervt. Auf dem Heimweg von einer Party, entdeckt Joe gemeinsam mit dem merkwürdigen Außenseiter Biaggio (Moises Arias) eine Lichtung im Wald, die sich, nach seiner Meinung, ideal für ein Haus eignen würde. Alsbald beginnen die Jungen heimlich mit dem Bau ihres Rückzugsortes, bevor sie von Zuhause abhauen, um im Wald zu leben. Das Leben im Wald gestaltet sich nicht ganz so einfach wie erhofft, doch hilft ein nahes Fast Food Restaurant. Während die besorgten Eltern auf der Suche nach ihren jugendlichen Söhnen sind, geraten Patrick und Joe in Streit um die Gunst von Schulkameradin Kelly.

Wenn ich von Charakteren spreche, die nicht funktionieren, lasst mich direkt klarstellen, dass es im Film nur zwei wirklich definierte Charaktere in Form von Joe und Patrick gibt. Biaggio dient den ganzen Film hindurch zu nichts anderem als zur Pointe, bis der Film plötzlich von uns erwartet tiefe Empathie zu ihm zu empfinden. Und die Eltern sind Sitcom-Karikaturen. Offermans Vater erfüllt jedes einzelne „Brummbär mit Herz aus Gold“-Klischee und Patricks Eltern sind die Flanders aus den ‚Simpsons‘, bloß irisch-katholisch. Und dann ist da noch Kelly, die das letzte Drittel des Films damit verbringt, sich für ihre Existenz zu entschuldigen, weil sie es gewagt hat „zwischen die Freunde zu kommen“. Eine Einschätzung, die der Film merkwürdig zu teilen scheint. Allgemein ist seine Behandlung des Themas „Männlichkeit“ durch den Film etwas diffus. Der Film macht sich einerseits lustig über die jugendliche „wir sind jetzt Männer, weil wir unsere eigene Nahrung töten“-Idee, indem er Joe Fast Food von der „Jagd“ mitbringen lässt. Andererseits enden wir auf einer unangenehmen, pubertären Note eines gewissen Macho-Zynismus.

Auch scheint der Film manche Dinge abzuhandeln, weil die eben im Film so passieren müssen. Joe und sein Vater Frank stehen anfangs auf echtem Kriegsfuß, Frank zwingt Joe an einem Spieleabend mit seiner neuen Freundin teilzunehmen, woraufhin Joe die Polizei mit einem erfundenen Verbrechen zu ihrem Haus ruft. Eine durchaus finstere Situation, in der beide Seiten gänzlich desinteressiert scheinen, ihren Konflikt in irgendeiner Weise aus dem Weg zu räumen, bis sie sich dann am Ende zusammenraufen, weil das am Ende eines Films eben so passieren muss. Bis dahin haben wir bei Frank exakt eine Szene gesehen, in der er über seinen Schatten gesprungen ist, bei Joe deutet nichts auf Konfliktlösung hin. Ich empfand die zwischenmenschlichen Aktionen in ‚Kong: Skull Island‘, dem nächsten Film von Regisseur Jordan Vogt-Roberts oft ebenso unglaubwürdig, allerdings störte das in einem solchen Spektakel-Film natürlich weit weniger als hier, wo es den gesamten Inhalt bildet.

Das klingt jetzt alles ganz furchtbar negativ, soll aber keinesfalls bedeuten, dass der Film überhaupt nicht funktioniert. Die meisten Charaktere mögen auf Sitcom-Niveau sein, das hält sie aber nicht davon ab, durchaus lustig zu sein. Insbesondere einige Szenen zwischen Offerman und einem nicht ganz hellen Polizisten sind durchaus sehr komisch. Auch Biaggio hat seine gelungen komischen Momente. Daneben gelingen Vogt-Roberts ach immer wieder Szenen oder ganze Sequenzen echter Schönheit. Sei es, wenn Joe die Wiese im Mondschein entdeckt, oder einige Sequenzen der Interaktion zwischen den Jungen, wenn ihre Konflikte nicht gerade gnadenlos überstrapaziert werden. Die erste Hälfte des Films ist dabei weit stärker als die zweite, während der ich dann doch öfter auf die Uhr geschaut habe.

Das die Interaktion zwischen den Jungen oft genug immerhin fasziniert, rechne ich dabei aber weniger Jordan Vogt-Roberts an, als den Darstellern Robinson und Basso, die aus dem was der Film ihnen bietet das absolut Bestmögliche herausholen. Wobei Vogt-Roberts Entscheidung, Robinson mit einem Flaum-Schnauz auszustatten ihm wahrlich keinen Gefallen tut und das zynisch-hipsterhafte „wir machen einen Indie-Film, zusammengesetzt aus Indie-Film-Klischees“ nur noch unterstreicht.

Wobei ich deutlich machen möchte, dass die Schwächen des Films weit weniger in Vogt-Roberts Regie als im, bislang einzigen, Drehbuch von Chris Galletta liegen. Die Qualität von ‚Stand By Me‘, dieser Hochwassermarke des (männlichen) Coming of Age Films erreicht ‚Kings of Summer‘ zu keiner Zeit. Aber auch die komisch-sympathische Darstellung unwahrscheinlicher jugendlicher Freundschaften aus ‚Son of Rambow‘ geht ihm weitgehend ab. Dafür sind seine Charaktere zu unsympathisch und selbstzentriert. Nun mag mancher argumentieren, damit seien sie immerhin echten Teenagern nahe, aber selbst wenn man so zynisch sein möchte scheitert der Film dennoch daran, dass er sie mit völlig unrealistischen Charakteren interagieren lässt. Nicht für mich.

Top 10 Filme von damals: 1980 Platz 10 bis 6

Nachdem wir beim letzten Mal die meistbesuchten Kinofilme des Jahres 1979 betrachtet haben, lassen wir unsere Blicke ein weiteres Mal 40 Jahre zurückschweifen, auf die Top 10 der westdeutschen Kinocharts von 1980. Ein persönlicher Blick von mir, in dem ich auch gerne meine Ahnungslosigkeit zu bestimmten Filmen gestehen und mehr oder weniger unauffällig das Thema ändern werde. Als Grundlage dienen auch diesmal die entsprechenden Jahrescharts von Chartsurfer.de. Doch bevor wir dazu kommen, schauen wir mal kurz, was abseits vom Kino so los war am Anfang der achten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts.

Schon am zweiten Januar beginnt die Sowjetunion mit einer Großoffensive ihre Einmischung im afghanischen Bürgerkrieg, der im Vorjahr begann. US-Präsident Carter sagt daraufhin die Teilnahme der USA an den olympischen Spielen in Moskau ab. Die meisten westlichen Staaten schließen sich diesem Boykott nicht an. Ausnahmen sind Norwegen, die Türkei, Kanada und die Bundesrepublik Deutschland. Später im Jahr entbrennt der erste Golfkrieg zwischen dem Irak unter Diktator Saddam Hussein und dem postrevolutionären, isolierten Iran. Im April (aber nicht am ersten) wird die Sommerzeit im gesamten Deutschland wieder eingeführt, deren Verwendung zuletzt 1949 endete. Im September gibt Bob Marley sein letztes Konzert. Ein Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest tötet 12 Menschen und verletzt fast 270 weitere. Als Verantwortlicher gilt ein rechtsradikaler Student. Seine Einzeltäterschaft wird jedoch bis heute angezweifelt. Im Oktober bestätigt die Wahl zum neunten Bundestag die sozialliberale Koalition. Helmut Schmidt bleibt Bundeskanzler. Ein Jahr zuvor hatte Schmidt vom chinesischen Regierungschef zwei große Pandas geschenkt bekommen, die in diesem November im Berliner Zoo eintreffen. Sie sind bis heute die einzigen großen Pandas in einem deutschen Zoo. So, jetzt ist aber höchste Zeit fürs Kino!

  1. ‚Caligula‘

Ein Film über die extreme Dekadenz der julio-claudischen Kaiserfamilie Roms, personifiziert in der Figur des Widerlings Caligula. Das hatten sich wohl alle Beteiligten unter dem Film vorgestellt. Alle Beteiligten? Nein, denn ein Produzent namens Bob Guccione leistete Regisseur Tinto Brass erbitterten Widerstand. Allerdings nicht mit Zaubertrank, sondern indem er es für eine gute Idee hielt, in den fertigen Film pornografische Hardcore-Szenen einzufügen. Danach blieb Brass nichts übrig als sich von dem Film zu distanzieren. Was bis dahin auch schon der Drehbuchautor Gore Vidal und beinahe sämtliche Darsteller getan hatten. Kurz, der Film ‚Caligula‘ verprellte seine Gefolgsleute noch schneller als der Kaiser auf dem er basierte. Das ist aus meiner Sicht ein wenig schade. Denn, von den Porno-Szenen abgesehen, die aber in vielen Schnittfassungen eh nicht mehr drin sind, funktioniert der Film durchaus. Das italienische Kino der 70er (zu dem er trotz 80er Veröffentlichung zu rechnen ist) beherrschte die Darstellung von Exzess und Dekadenz wie sonst kaum eine Ära. Und der Film wirkt als aufrüttelnder Gegenpol gegen die sonst reichlich bieder-konservative Darstellung des antiken Roms im „Sandalenfilm“. Aber gut, der Film hat seinen Ruf weg als der Film mit dem keiner der Beteiligten  mehr etwas zu tun haben will (Ausnahmen Dame Helen Mirren und Sir John Gielgud). Und als der Film, in dem Peter O’Toole seine gesamte Rolle als Tiberius hindurch erkennbar besoffen ist. Womöglich würde sich ohne diesen Ruf aber auch einfach niemand mehr für den Film interessieren.

  1. ‚Die Blaue Lagune‘

Den Film habe ich vor annähernd zwei Jahrzehnten gesehen, kann hier also nicht mehr allzu viel dazu sagen. Außer, dass ich ihn als nicht sonderlich interessant in Erinnerung habe. Im Grunde ist er eine sehr romantisierte Darstellung eines Geschwisterpaares, das auf einer Südseeinsel schiffbrüchig wird. Zu beachten ist dabei, dass sämtliche Aufnahmen dabei „vor Ort“ also nicht im Studio stattfanden. Das war damals durchaus ungewöhnlich. Die zeitgenössische Kritik war sich jedoch weitgehend einig, dass der Film aber über einen „Naturbilderbogen“ nie hinauskommt. Erstaunlicher sind andere zeitgenössische Besprechungen, die enttäuscht scheinen, dass die Szenen um die Entdeckung der Sexualität zwischen den beiden Jugendlichen sehr zurückhaltend ausgefallen sind. Da wundere ich mich, was manche erwartet haben, schließlich war Hauptdarstellerin Brooke Shields zur Zeit der Dreharbeiten 14-15 Jahre alt. Aber wie gesagt, für persönliche Eindrücke ist der Film bei mir viel zu lange her und ich habe geringes Bedürfnis ihn wiederzusehen.

  1. ‚Kramer gegen Kramer‘

Auch dieses Drama um Scheidung und Sorgerecht habe ich seit einer Ewigkeit nicht gesehen. Tatsächlich gilt er aber als ein gelungener Film, aus einer Zeit als eine Ehescheidung noch weit mehr Tabuthema war als heute. Wenn man heute über den Film liest, dann meist über das Fehlverhalten, das Hauptdarsteller Dustin Hoffman gegenüber der damaligen relativen Newcomerin Meryl Streep an den Tag gelegt hat. Er soll nicht nur während des Drehs aggressive Handlungenvorgenommen haben, die nicht mit ihr abgesprochen waren, etwa ein Glas neben ihr an die Wand zu werfen, sondern sie auch in Drehpausen beleidigt und, nach mancher Darstellung, gar körperlich angegangen sein. Dies wird üblicherweise durch sein „method acting“ erklärt, das ihn auch in Drehpausen nicht aus seiner Rolle und damit seinem Zorn auf die Darstellerin der Exfrau entlässt. Man mag das glauben oder nicht, mich bringt das aber zu einer Frage. Wenn man über „method actors“ liest, dann eigentlich immer nur, weil sie sich wie gigantische Arschlöcher am Set benommen haben. Wenn ein „method actor“ eine sehr positive, freundliche Rolle spielt, benimmt er sich dann auch in Drehpausen großzügig und freundlich? Warum hört man davon nie? Passiert es nicht, oder redet bloß keiner drüber?

  1. ‚Buddy haut den Lukas‘

Die direkte Fortsetzung des letztjährigen ‚Der Große Mit Seinem Außerirdischen Kleinen‘. Und das dortige Fazit lässt sich fast exakt für diesen wiederholen. Kein ganz großer Wurf, aber doch ein unterhaltsamer Bud Spencer Film. Buddys Sheriff Craft und sein außerirdischer Adoptivsohn Charlie leben in einer neuen Stadt, um sich vor der Armee zu verbergen. Die ist allerdings bald das kleinste Problem, wenn Aliens aus Charlies Nachbargalaxie die Welt mittels geistiger Kontrolle und einer Androidenarmee übernehmen wollen. Merkwürdigerweise habe ich diesen Film früher sehr oft gesehen. Vermutlich lief er einfach häufig, aber manche Dinge sind in meinem Gedächtnis eingebrannt. Etwa wenn sich Buddy und all die Gangs in distinkten Kostümen, die er zuvor verplättet hat, sich den Androiden auf einem Volksfest stellen. Und die Analyse eines der Androiden von Buddys Prügelfertigkeiten: „Faustschlag unmenschlich, gleicht Dampfhammer!“ Zum Glück hatte ich bislang wenig Gelegenheit dieses Zitat im Alltag anzubringen. Doch wenn ‚Der Große Mit Seinem Außerirdischen Kleinen‘ ‚E.T.‘ vorweggenommen hat, dann nimmt Buddy hier ‚Terminator‘ ganze vier Jahre voraus. Was mich zu einem großen „Was wäre wenn“ bringt: wäre es nicht großartig, wenn Arnold Schwarzenegger in einem Spencer/Hill Film den Bösewicht gegeben hätte, bevor der Hollywood-Durchbruch kam? Ich hätte ihn und Spencer zu gerne interagieren gesehen (wobei Thomas Dannenberg natürlich viel zu tun gehabt hätte, als Hill und Arnie).

  1. ‚Mad Max‘

So, hier haben wir den ersten Film dieser Liste, der wirklich Einzug in die Popkulturhistorie gehalten hat. Oder? Ist ‚Mad Max‘ nicht eher der Durchbruch mit dem zweiten Teil, dem ‚Road Warrior‘ gelungen und die meisten Leute waren überrascht, dass der erste Film gar nicht post-apokalyptisch angesiedelt war, sondern in der Zeit, als die Gesellschaft auseinanderbrach? Ich zumindest war etwas erstaunt den so hoch in den Charts zu sehen und dachte der wäre ziemlich untergegangen. Egal, verdient hat er den Platz allemal. Mit minimalem Budget inszeniert der australische Unfallarzt George Miller sein Regiedebüt und wer es gesehen hat, kann nur beeindruckt sein. Schon hier zeigt sich, wie viel es wert ist, dass Miller bereit ist für jede Szene exakte Storyboards anzufertigen, so dass er genau weiß, welche Einstellungen er benötigt. So stellt er etwa den Tod von Max‘ Frau und Kind ebenso zurückhaltend wie eindringlich dar (und eine Traumsequenz in ‚Fury Road‘ genau dieser Szene beweist übrigens, dass der Max derselbe wie hier ist). Mel Gibsons erste richtig große Rolle, der titelgebende Polizist Max Rockatansky, ist hier noch nicht der einsame Road Warrior, sondern eben ein Polizist, der versucht was von der Gesellschaft noch übrig ist gegen Bandenkriminalität zu schützen. Demgegenüber steht die brutale Gang von „Toecutter“ (Hugh Keays-Byrne, der in ‚Fury Road‘ nicht denselben Charakter spielt). Und sorgt dann dafür das Max „Mad“ wird, auf eine Art und Weise die wiederum den ersten ‚Saw‘ erstaunlich vorausnimmt, wenn Max ein an ein brennendes Auto gekettetes Gangmitglied informiert, dass man durch das Bein schneller sägt als durch die Kette. Alles in allem ein äußerst gelungener Auftakt für eine weitgehend gelungene und mindestens stets überraschende Filmreihe.

So, nächste Woche geht es mit den Top 5 weiter. Die meisten werden vermutlich schon ahnen, welche Fortsetzung auf dem ersten Platz steht. Aber es bleiben ja noch genug Fragen offen. Taucht Bud Spencer auch diesmal noch ein zweites Mal in den Charts auf? Kann Disney erneut mit einer Wiederveröffentlichung punkten? Und wo sind ‚Shining‘, ‚Blues Brothers‘ oder der ‚Muppet Film‘? Zumindest einige Fragen werden nächste Woche beantwortet.

Newslichter Ausgabe 75: Passwörter, Algorithmen und Blockbustertauglichkeit

Willkommen bei Ausgabe 75 des Newslichters. Wie oft ist die Unterhaltungsindustrie in den letzten 40 Jahren von ihren undankbaren Konsumenten getötet worden? Wenn man sie fragt, gleich dutzendfach! Und nun steht ein neuer spektakulärer Mordanschlag bevor. Und Du, ja DU, könntest Dich dem schon jetzt schuldig machen. Oder es handelt sich um reichlich überfächerte heiße Luft, um von echten Problemen abzulenken. Apropos echte Probleme, wir reden heute auch über Algorithmen in der Blockbusterplanung und Marvels neuer Vorsicht. Legen wir also los!

 

Passwort-Teilen tötet den Stream

https://www.hollywoodreporter.com/news/streaming-services-prepare-password-sharing-havoc-1267728?utm_source=twitter&utm_medium=social

Ich bin sicher, die verschiedenen Sparten der Unterhaltungsindustrie können die Narben der vielen versuchten Tötungen, die, nach eigenen Angaben, an ihnen vorgenommen werden mit einigem Stolz vergleichen. Nehmen wir nur die Musikindustrie. Die wurde durch die Verbreitung der bespielbaren Musikkassette und entsprechender Rekorder getötet. Und dann noch mal durch CD-Brenner. Und dann durch MP3s (wer alt genug ist, erinnert sich an den Schurken Napster!) und dann durch Streaming. Und hier ist sie im Jahr 2020 immer noch Milliardenschwer, immer noch klagend. Denn das ist das Erstaunliche in der Unterhaltungsbranche. Läuft es mal schlecht, ist immer der Konsument schuld. Und vor allem der ehrlich zahlende muss sich mit den Konsequenzen herumärgern. Bei Film-DVDs bedeutete das etwa Regionalcodes, Kopierschutzmaßnahmen, die inkompatibel mit manchen Playern waren, unüberspringbare Spots darüber wie böse und widerlich Kopierer sind. Die den ganzen Mist für ihre illegalen Versionen natürlich entfernt haben. Von Computerspielen, die direkt mit Schadsoftware daherkommen aus Angst vor Kopierern wollen wir gar nicht sprechen.

Und nun ist die Angst vor dem illegalen Konsumenten, der steten Verlust bedeutet, also bei den Streamingservices angekommen. In 2020 sind Passwort-Teiler plötzlich zu einem Problem geworden, nachdem in den letzten Jahren Social Media Konten etwa von Netflix noch Witze darüber gemacht haben. Warum? Ist die Zahl der Teiler radikal gestiegen? Nein, danach sieht es nicht aus. Ich vermute die Teiler sind auch nicht das wirkliche Problem. Das wirkliche Problem ist die Konkurrenz, die aus dem Boden schießt. Disney und Apple stehen den Platzhirschen Netflix und Amazon nun in direkter Konkurrenz gegenüber. Kaum jemand wird alle diese Dienste kaufen wollen oder können. Es gibt also mehr angebotenen Inhalt als Nachfrage. Es ist durchaus anzunehmen, dass das zu einem regeren Tausch in der Zukunft führen könnte, nach dem Prinzip „gibst Du mir Dein Disney+, kriegst Du mein Netflix“. Das ist sicherlich nicht legal und ich will es hier gar nicht schönreden (ebenso wenig wie die oben erwähnten Kopien), ich versuche es nur zu erklären. Ob es für die Anbieter nun ein kluger Schachzug wäre, aggressiv gegen das Passwort-Teilen (unter Freunden/Verwandten, gegen das im großen Maßstab gehen sie, soweit ich weiß, ohnehin vor) vorzugehen, oder ob das die Konsumenten direkt auf die ebenfalls verfügbaren Piraten-Streams treibt, werden sie hoffentlich klug abwägen. Mit Rückblick auf das Vorgehen der DVD-Ära habe ich da aber nicht die größten Hoffnungen…

 

Warner erwirbt KI basiertes Filmmanagement-System

https://www.theverge.com/2020/1/9/21058094/ai-film-decision-making-warner-bros-signs-cinelytic

Algorithmen wissen was wir im Internet tun und lassen. Algorithmen sagen voraus, was wir im Internet und im echten Leben tun und lassen. Die Frage ist, wie gut und wie nützlich diese Voraussagen sind. Bei Warner jedenfalls scheint man großes Vertrauen in das Algorithmus-basierte Filmmanagement-System von Cinelytic zu legen. Der CEO von Cinelytic beeilte sich zu versichern, dass sein System selbstverständlich keine kreativen Entscheidungen fällen kann und soll, diese seien auch in Zukunft dem „Bauchgefühl“ vorbehalten. Nun kann man aber mit ziemlicher Sicherheit feststellen, dass kreative und geschäftliche Entscheidungen im Blockbusterbereich des Films oft genug ein- und dasselbe sind. Natürlich wird von der Marktforschung mindestens ebenso sehr wie von kreativer Seite bestimmt, ob ein Film einen Will Smith oder einen Tom Cruise in der Hauptrolle hat. Ob die Auslagerung dieser Marktwirtschaft in ein KI-gesteuertes System nun überhaupt einen großen Unterschied macht ist fraglich. Was es definitiv tut, ist die kalt-mechanistische Businesshaltung der Blockbusterplanung einem gnadenlosen Scheinwerferlicht auszusetzen. Und schaut man sich Reaktionen an, dann war das womöglich kein so kluger Schachzug.

Aber nehmen wir einmal an der Algorithmus würde alle kreative Entscheidungen aufgrund ihrer Marktfähigkeit treffen, dann käme vermutlich so etwas wie Dwayne „The Rock“ Johnson als Ethan Hunt in ‚Avengers vs. Transformers‘ dabei heraus. Ich würde gern Eure absurden Ideen für Algo-Buster in den Kommentaren lesen!

 

Doctor Strange 2 ohne Regisseur

https://screenrant.com/doctor-strange-2-director-scott-derrickson-exit-reason/

Scott Derrickson, Regisseur des ersten ‚Doctor Strange‘ Films und geplanter Regisseur für die für 2021 geplante Fortsetzung hat bekannt gegeben, dass Marvel und er sich aufgrund „kreativer Differenzen“ getrennt haben. Das erinnert natürlich daran, wie Edgar Wright und Marvel sich über „kreative Differenzen“ zu ‚Ant-Man‘ getrennt haben. Und ich könnte mir sogar vorstellen, dass es tatsächliche kreative Differenzen waren. Derrickson hat mehrfach angedeutet, dass er aus ‚Doctor Strange 2‘ gerne einen Horrorfilm gemacht hätte. Das wäre absolut passend, setzt sich doch der Sorceror Supreme in seinen Comics immer wieder mit lovecraftschen kosmischen Schrecken auseinander. Doch womöglich war genau das Marvel und Produzent Kevin Feige in dieser Situation zu riskant. Horror ist eben nicht Mainstream. Und nach ‚Endgame‘ wird die nächste „Staffel“ Marvelfilme von der gesamten Branche sicherlich mit dem Mikroskop untersucht, ob sich auch nur irgendwelche Anzeichen von Publikumsermüdung feststellen lassen. Das kann durchaus dazu führen, dass hier absolut auf Nummer sicher gefahren wird und wieder Schema F wie zu Beginn des MCU gilt. Das wäre schade, gerade weil Marvel für mich wieder interessanter wurde, weil sie ihren Kreativen freiere Hand ließen. Aber am Ende sind diese Filme halt doch eins vor allem anderen: ein Milliardengeschäft.

 

Und das war es auch schon wieder für heute. Wir sehen uns nächste Woche genau hier wieder!

‚Matrix‘ (1999) – „Whoa, deja-vu!“

Kein Film bleibt in seiner Wahrnehmung 20 Jahre lang unverändert. ‚Matrix‘ war gleichsam absolutes Kind seiner Zeit, eine perfekte Abbildung von Mode, Musik und allgemeiner „Coolness“ der späten 90er, wie auch Trendsetter sowohl in technischer als auch in erzählerischer Hinsicht für den frühen Film des frühen 21sten Jahrhunderts. Dann wurden allerdings die Beine des kulturellen Thrones sehr schnell wackelig, als ein mäßiges und ein schlechtes Sequel folgten und ‚Matrix‘ noch dazu eines der Opfer des damaligen Trends zur Multimedialität wurde und für seine Sequels Handlungselemente in einen animierten Kurzfilm und ein hingeschludertes Videospiel auslagerte. Doch darum soll es heute nicht gehen. Heute sprechen wir über ‚Matrix‘ und der war ein Brett, ist noch ein Brett und wird es auch in 20 Jahren noch sein. Ich glaube was ihn so sehr zu einem Kung-Fu-Schlag vor das Brustbein machte, war wie überraschend er aus dem Nichts kam. Fangen wir da am besten an.

Lana und Lilly Wachowski setzten einen Fuß in die Tür Hollywoods durch ihre Mitarbeit am Drehbuch zum Stallone/Banderas Film ‚Assassins‘ (1995). In der Studioführung Warners erwartete man ganz Großes von dem Film. Ein neues Franchise sollte er begründen, zahlreiche Sequels nach sich ziehen. Noch bevor sich zeigte, dass der Rest der Welt deutlich weniger von ‚Assassins‘ hielt als die Warner-Bosse, stellten die Wachowskis Warner ihr eigenes Regieprojekt vor: ‚Bound‘, ein Arthouse-Neo-Noir-Thriller. Warner zeigte sich bereit den zu finanzieren. Aber nur, wenn sie ihre weibliche, lesbische Hauptrolle gegen ein Mann eintauschten. Dazu waren sie nicht bereit. Hier sprang glücklicherweise der ausführende Produzent von ‚Assassins‘, Dino De Laurentiis ein. Er gab ihnen 6 Millionen Dollar Budget und völlig freie Hand. Sie drehten mit Gina Gershon und Jennifer Tilly in den Hauptrollen und Joe Pantoliano als Fiesling. Der Film spielte sein Geld wieder ein, plus einiges dazu und wurde zu einem Kritikerhit. Beim nächsten Mal würde Warner den Wachwoskis wohl genauer zuhören.

Allerdings hatte man bei Warner als nächstes wohl mit einem weiteren Neo-Noir gerechnet. Das war in den 80ern/90ern ein respektables Genre und ein anderes Geschwisterpaar, die Coens, war dort groß geworden. Doch die Wachowskis kamen mit etwas anderem. Einem Arthouse-Science Fiction-Cyberpunk Film. Auch das war in den späten 90ern nicht so ungewöhnlich, doch sollte der 60 statt 6 Millionen Dollar kosten. Dennoch, Warner blieb interessiert, holte sich aber Village Roadshow zusätzlich ins Boot, um das finanzielle Risiko zu teilen. Den Wachowskis ließ man erneut freie Hand. Als sie ihre Stars zu monatelangem Kampfsport- und Stunt Training unter dem Hong Kong-stämmigen Yuen Woo Ping ansetzten und sie in den Pausen philosophische Literatur büffeln ließen, dürften bei Warner die einen oder anderen Fingernägel angekaut worden sein. Das gab sich wohl erst, als der Film nicht nur ein kultureller Meilenstein wurde, sondern auch eine knappe halbe Milliarde Dollar einspielte.

Die Produktion ist so gut dokumentiert wie sonst höchstens noch die ‚Herr der Ringe‘ Filme, darum will ich darüber hier nichts schreiben. Erwähnt sei nur die Anekdote, dass Hauptdarsteller Keanu Reeves im Kampftraining einen Unfall erlitt, infolge dessen es zu einer Versteifung zweier Halswirbel kam. Daher litt er längere Zeit an Lähmungserscheinungen in den Beinen. Doch Reeves weigerte sich das Training auszusetzen, geschweige denn die Rolle abzugeben. So tritt Neo im Film kaum (und wenn ist meist nur „sein“ Bein im Bild), sondern kämpft mit den Fäusten. Umso befriedigender, wenn er am Ende des Films Widersacher Agent Smith gleich einen ganzen Gang hinunterkickt.

Das bringt mich dazu, dass ich vielleicht kurz die Handlung zusammenfassen sollte. Mr. Anderson (Keanu Reeves ) führt ein Doppelleben. Tagsüber Programmierer für eine Softwarefirma, nachts als Hacker Neo auf der Suche im Netz nach jemandem namens „Morpheus“, getrieben von einem Gefühl, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. In einem Club trifft er Hacker-Legende Trinity (Carrie-Ann Moss), die ihm mitteilt, dass Morpheus auch ihn sucht. Alsbald sieht sich Neo von mysteriösen Agenten unter der Leitung eines Smith (Hugo Weaving) verfolgt, deren Handeln ihn noch mehr an der Welt zweifeln lässt. Endlich begegnet er Morpheus (Lawrence Fishburne) und erfährt die ganze Wahrheit. Seine Welt existiert nicht. Es ist eine Simulation, die „Matrix“. Tatsächlich werden die Menschen schon lange von den Maschinen als biologische Batterien gehalten. Nur wenige sind frei und versuchen weitere aus der Gefangenschaft zu befreien. Tatsächlich glaubt Morpheus gar mit Neo den „Einen“ gefunden zu haben. Den Menschen, der die Matrix kontrollieren kann.

Heute gesehen, fühlt sich der Film erstaunlich wie eine „Brücke“ zwischen klassischem Actionfilm und dem modernen Superheldenfilm an. Machen wir das mal an der Eröffnung fest. Eine Gruppe Polizisten hat „Terroristin“ Trinity in einem leeren Warenhaus in die Enge getrieben. Eine Gruppe Agenten übernimmt die Situation. Als Zuschauer werden wir dank (damals) unbekannten Darstellern wie Moss und Weaving vor die Frage gestellt, wer ist eigentlich „gut“, wer ist „böse“? Die Agenten oder die mysteriöse Frau im engen Leder? Es folgt eine Verfolgung über Häuserdächer (übrigens dieselben Kulissen aus dem thematisch ähnlichen ‚Dark City‘), der sich mit gigantischem Soundtrack und teilweise deutlichen Sets sehr nach „altem“ Hollywood anfühlt. Die Szene endet damit, dass Trinity einen unmöglichen Sprung über eine breite Straße hinweg hinlegt, verfolgt vom Agenten (der gar in typischer Superheldenpose landet). Wir haben den modernen Film erreicht, die Polizisten bleiben verwirrt und hilflos zurück. Dieser Übergang von Alten zum Neuen lässt sich überall im Film finden, nicht zuletzt, wenn sich am Ende Neo Superman-artig aus den Häuserschluchten erhebt.

Über die philosophischen Grundlagen des Films ist an anderen Stellen weit ausführlicher und kompetenter berichtet worden (die Bluray kommt gar mit Audiokommentar von Philosophen daher) als mir das hier möglich wäre. Ich möchte nur noch einmal hervorheben, dass kein Film 20 Jahre lang unverändert wahrgenommen wird. Und mit dem was wir heute darüber wissen, dass Lilly und Lana Wachowski Transfrauen sind, erhalten manche Szenen sicherlich eine weit persönlichere Bedeutung als man damals ahnen konnte. Sei es Neo, der weiß, dass sein wahrer Name Neo ist, doch eine Horde anzugstragender Autoritätspersonen (die Agenten) besteht darauf ihn weiter „Mr. Anderson“ zu nennen. Oder auch der erste Dialog zwischen Trintiy und Neo: Neo „I thought you were a guy.“ Trinity: „Most guys do.“ Oder schlicht die Tatsache, dass Neo eine Pille einnimmt um zu der Person zu werden, die er wirklich ist.

Thematisch passt sich das natürlich wunderbar in das grundsätzliche Thema des Films um Erkenntnis, Platons Höhlengleichnis etwa wird direkt zitiert, und vor allem Selbsterkenntnis ein. Temet Nosce steht über der Tür des Orakels (Gloria Foster), die lateinische Version der altgriechischen Phrase „Gnothi seauton“, die über dem Tor zur Pythia im Apollonischen Orakel zu Delphi stand. „Erkenne Dich selbst“. Da passt es, dass die Sprüche dieses Matrix-Orakels keinesfalls deterministische Zukunftsvoraussagen sind, sondern notwendige, wenn auch kryptische Informationen eben zur Selbsterkenntnis. Daher vergebe ich ‚Matrix‘ auch die Verwendung meiner wohl meistgehassten erzählerischen Faulheitsstütze: die Prophezeiung, die uns sagt, dass der Hauptdarsteller des Films der Held ist und auf die sich Morpheus immer wieder bezieht, damit wir das auch wirklich kapieren. Hier, im Gegensatz zu fast jeder anderen Verwendung, funktioniert sie (halbwegs).

Was mir bei diesem Sehen ganz persönlich aufgefallen ist, ist zum ersten, dass ich erschreckend mit Cypher (Joe Pantoliano) übereinstimme. Nicht mit seinem Verrat und seinen Morden, natürlich, aber damit, dass ich lieber für den Rest meines Lebens simuliertes Steak mit simuliertem Wein genießen würde, als echten Proteinrotz mit echtem, selbstdestillierten Hirntöter, während ich ein Leben auf beständiger Flucht führe. Ja, ich fürchte, ich wäre schwer aus der Matrix zu befreien (aber, hey, Morpheus sagt ja selbst, dass das ab einem bestimmten Alter kaum noch möglich ist. Das hab ich wohl überschritten…). Weiterhin hat mich überrascht, dass der Film deutlich weniger Action enthält als sich in meiner Erinnerung abgesetzt hatte. Aber das liegt vermutlich daran, dass gerade die letzte dreiviertel Stunde, nachdem Trinity und Neo beschließen Morpheus zu befreien, eine Actionszene nach der anderen ist. Von der grandiosen Schießerei in der Empfangshalle zum Kampf gegen den Agenten auf dem Dach, zur Hubschrauberrettung, zum Kampf Neo/Smith in der Ubahnstation usw.

Funktioniert ‚Matrix‘ also 21 Jahre nach Erscheinen und sicher 16 Jahre seit meiner letzten Sichtung noch? Die Frage habe ich ja eingangs schon beantwortet: ja, natürlich funktioniert er noch. In mancher Hinsicht womöglich besser als damals. Die Idee von Neos Doppelleben in „Realität“ und Online ist heute besser nachzuvollziehen als je zuvor, wo jeder mindestens einen Sozialmedien-Account hat, auf dem die meisten, absichtlich oder unabsichtlich, eher eine Version ihrer selbst als tatsächlich sich präsentieren. Die CGI Effekte haben, vor allem verglichen mit dem etwa gleichalten ‚Star Wars Episode I‘, die Zeit erstaunlich gut überstanden. Schwach wirkt nur die ein- oder andere Greenscreenaufnahme. Tatsächlich hat mir der Film diesmal so gut gefallen, dass ich fast gewillt bin den Fortsetzungen eine weitere Chance zu geben. Sollte ich das tun und sollten sie mir gefallen, dann werdet Ihr an dieser Stelle darüber erfahren. Und dem vierten ‚Matrix‘ Film schaue ich einmal skeptisch aber nicht hoffnungslos entgegen.

PS: eine Frage für Experten: wurde für die BluRay die Grünfärbung in den Matrix-Szenen deutlich zurückgenommen? Oder kommt mir das nur so vor? Oder hab ich meinen Fernseher falsch eingestellt? Oder das Ganze nur falsch in Erinnerung?

Kurz und schmerzlos 25: ‚We Summoned A Demon‘ und ‚Luisa and Anna’s First Fight‘

Es ist endlich mal wieder Zeit für Kurzfilme. Und weil es so lange keine gab, gibt es heute gleich zwei. Fangen wir mit Chris McInroys ‚We Summoned A Demon‘ von 2017 an. Zwei Typen versuchen sich an einem finsteren Ritual, das sie cooler machen soll. Das schlägt spektakulär fehl, wenn sie stattdessen, der Titel lässt es ahnen, einen Dämon beschwören. Der Film bietet 80er Jahre Atmosphäre mit praktischen Effekten, etwas zu viel Kunstblut, einem Dreh, der sich, wie es sich für eine billige direct to video Produktion gehört, vollständig in einem Lagerhaus abspielt. Dazu diese Purpur/Pink/Blau Beleuchtung (gibt es dafür eigentlich einen Fachbegriff?), die nach 80ern aussieht, aber ehrlich gesagt ziemlich modern ist (siehe etwa ‚Neon Demon‘ oder ‚Mandy‘). Daraus macht McInroy fünf durchaus unterhaltsame Minuten.

 

Als nächstes haben wir Lena Tsodykovskayas ‚Luisa and Anna’s First Fight‘ von 2019. Luisa und Anna sind zwei Teenagerinnen auf der Suche nach einem Kampf, den es womöglich gar nicht gibt. Aber wenn es ihn nicht gibt, dann muss man ihn halt erfinden. Denn genau wie die beiden Typen aus dem ersten Film wären Luisa und Anna gern cool. Beschwören dafür zwar keinen Dämon, richten aber durchaus auch Unheil an. Auch der Film kommt mit einer nostalgischen Retrostimmung daher (man beachte die Abwesenheit von Smartphones) und lebt vor allem von seiner montageartigen Inszenierung, der Musik und vor allem der Chemie der beiden Hauptdarstellerinnen Olivia Taylor Cruz und Allison Moses.

 

Ich hoffe es war etwas für Euch dabei und, dass es nicht wieder so lange bis zum nächsten kurz & schmerzlos dauert. Ich meine, letztlich habe ich da die volle Kontrolle drüber und müsste nicht hoffen, sondern könnte morgen den nächsten posten, aber Ihr wisst was ich meine. Und falls nicht ist das auch in Ordnung. Vermutlich sogar besser.