‚Batman 89‘ – Keaton als Comic

Ich weiß nicht, ob Ihr’s schon wusstet, aber Nostalgie ist derzeit in der Popkultur ein ganz großes Ding. Das hat auch DC Comics gemerkt, die mit ihrer Comicreihe ‚Batman 66‘, die in der Kontinuität der alten, popartigen Batman Serie mit Adam West angesiedelt war, vor einigen Jahren kritischen und Publikumserfolg verbuchen konnten. Bereits damals, im Jahr 2015 versuchte Zeichner Joe Quinones, gemeinsam mit Autorin Kate Leth DC von einer ‚Batman 89‘ Reihe zu überzeugen, die in der Kontinuität der Tim Burton Filme spielen sollte. DC war gab sich nicht interessiert und äußerte 2019 nur, dass es mehrere Vorschläge für einen Burton-Batman Comic gäbe und ein solcher nicht ausgeschlossen sei. Es sollte aber noch bis 2021 dauern, bis Quinones sich wirklich an die Arbeit machen sollte. Allerdings nicht mit Leth als Autorin, stattdessen hat man bei DC Sam Hamm als Autor gewinnen können.

Hamm war der Autor des ersten Burton ‚Batman‘ Films von 1989. Für ‚Batmans Rückkehr‘ hat Burton, gemeinsam mit Autor Daniel Waters, Hamms ursprüngliches Skript soweit geändert, dass nur noch das Grundgerüst blieb. Und da man sich bei Warner, nicht zuletzt aufgrund von Protesten von Spielzeugherstellern, nach Burtons allzu wildem zweiten Film für eine neue Richtung unter Joel Schumacher entschieden hat, blieben einige angedachte Storyfäden Hamms in der Luft hängen. Da ist ein solcher Comic eine gute Gelegenheit die zu einem Ende zu führen. Und tatsächlich sind für diesen Comic nur ‚Batman‘ und ‚Batmans Rückkehr‘ Kanon, die Schumacher Filme werden ignoriert.

Der offensichtlichste Storyfaden, der nach Fortsetzung schreit, ist natürlich Billy Dee Williams‘ Harvey Dent aus dem ersten Film. Der nie die Gelegenheit bekommen hat zu Two Face zu werden. Der zweite ist Marlon Wayans als Robin. Der war bereits gecastet und bezahlt, es gab ein Kostüm, doch weil ‚Rückkehr‘ eh schon reichlich überfrachtet war, hat er es letztlich nicht in den Film geschafft. Beide stehen im Mittelpunkt des vorliegenden Comics.

Der beginnt einige Jahre nach ‚Batmans Rückkehr‘. Batman ist nachwievor in Gotham aktiv, doch die Kriminalität hat das nie wirklich gesenkt. Professionelle Gangster und gelangweilte Straßenschläger nutzen Joker-Makeup als Provokation oder Tarnung. Ihnen gegenüber stehen Vigilanten in Batman-Kostümen, die ihrerseits wenig besser sind. An Halloween kommt es zur Katastrophe. Eine Jokergang entführt mit Hilfe eines Lastenhelikopters zwei Geldtransporter. Der stürzt durch Eingreifen Batmans (des echten) ab, wodurch ein Wohnblock erheblich beschädigt wird und Menschen zu Schaden kommen. Bezirksstaatsanwalt Harvey Dent hat genug: Batman muss weg! Zum Besten der Stadt. Und dazu muss zuerst einmal sein wichtigster Verbündeter, Polizeichef Jim Gordon, aus dem Weg. Mit seinen Beziehungen in Politik und Polizei, darunter seine Verlobte und Gordons Tochter Barbara Gordon, Sergeant der Polizei, gelingt es Dent, dass sich Gordon einem Misstrauensvotum stellen muss. Gleichzeitig stellt er Batman, zusammen mit der einberufenen Nationalgarde eine Falle, bei der weitere Menschen zu Schaden kommen. Bewohner des armen, afroamerikanischen Viertels Burnside. Geburtsort von Dent. Ein Viertel, das der junge Automechaniker Drake Winston als kostümierter Held beschützt. Denn Batman ist es offensichtlich egal.

Das obige Setup beschreibt vielleicht ein Fünftel der eigentlichen Story. Und damit sind wir vermutlich auch gleich bei einem der Probleme der Serie. Hamm will hier sehr viel und weiß offenbar nicht, ob er mehr als die hier im Sammelband veröffentlichten 6 Ausgaben Raum dafür bekommt. Wenn ‚Rückkehr‘ überladen war, platzt das hier quasi aus allen Nähten. Am meisten Raum bekommt Harvey Dent. Der ist von Anfang an ein zwiegespaltener Charakter, der einerseits seinen Einfluss nutzen möchte, um seiner Herkunft, Burnside, zu helfen, sich andererseits aber als zukünftigen Gouverneur sieht und bereit ist, einiges dafür zu tun. Das setzt sich natürlich perfekt fort im, von Quinones wunderbar Burton-esk designten, Twoface. Der nutzt seine Münze hier als eine Art Navigator durch ein Multiversum. Jede Entscheidung macht ein neues Universum auf. Zu Dents persönlichem Konflikt passt natürlich der soziale Konflikt zwischen dem armen Burnside und der stets korrupten Elite Gothams. Ein Konflikt, der in den 90ern aktuell gewirkt hätte und es heute immer noch tut. Batmans Schurkenverprügeln wird als das hilflose Heftpflaster entlarvt, das es ist. Und „Robin“, der nie direkt so genannt wird, hat erst Respekt für ihn übrig, als die Polizei ihn erneut jagt.

Daneben sollen aber auch noch die Charaktere von Bruce Wayne und James Gordon ein wenig ausgefüllt werden, Catwoman kommt zurück (Alfred hofft, dass sie ihre Katze wiederhaben möchte) und Barbara Gordon will eingeführt, als Charakter ausgefüllt und als möglicherweise zukünftiges Batgirl (aber nicht hier) positioniert werden. Dazwischen noch einige Actionszenen und wir haben einen Comic, der zeitweise arg hektisch von Geschehen zu Geschehen springt. Doch getragen wird das Ganze letztlich von der zentralen Figur Dents. Man könnte jetzt kritisieren, dass Batman von seinem Schurken hier völlig überschattet wird, aber das ist für die Burton-Ära letztlich nur folgerichtig.

Insgesamt fängt der Comic den Ton der Filme recht gut ein, einzig Burtons Schrägheit geht ihm weitgehend ab. Aber das ist vielleicht nicht überraschend, ist er doch in keiner Weise beteiligt. Ob Burton in den 90ern einen Film über Rassen/Klassen-Konflikt in Gotham gemacht hätte, darf man sich vermutlich zu Recht fragen, ist aber eher müßig, weil Warner da im Leben nicht mitgegangen wäre. Gelegentlich finden sich Anspielungen auf die größere Batman-Comic-Welt, einer der Joker Punks scheint etwa direkt ‚The Dark Knight Returns‘ entsprungen und beim gothamer Fernsehen arbeitet eine Psychotherapeutin, namens „Dr. Q“, die offenbar das Glück hatte, dem Joker hier nie begegnet zu sein.

Optisch habe ich am Comic wenig auszusetzen. Joe Quinones Gotham wirkt wie eine Mischung aus dem Burton-Gotham und dem der animierten Serie der 90er. Diese Mischung aus expressionistischen Gebäuden mit 80er Graffiti Patina. Aber gefiltert durch die grafische Reduktion der Serie. Er hat keine Angst davor sehr düster zu werden, scheut aber auch vor wilder Farbe nicht zurück. Es lassen sich immer wieder Anspielungen auf die alten Filme, aber auch auf Burton an sich ausmachen. So kann man an Halloween in den Kostümen der Passanten eine Menge seiner Charaktere entdecken. Wo Quinones aber wirklich glänzt, ist bei den Personen. Von Keatons Batman, Williams Dent, Pfeiffers Catwoman bis hin zu Pat Hingles Gordon (der hier allerdings jünger wirkt) oder Michel Goughs Alfred sind sie perfekt eingefangen, ohne wie allzu gewollte Karikaturen zu wirken. Drake ist natürlich einem jungen Marlon Wayans nachempfunden und Barbara Gordon hat erstaunliche Ähnlichkeit mit einer jungen Winona Ryder. Das Robin Kostüm gefällt mir sehr gut und Twofaces nicht allzu realistisches, sondern Burtonsches Design habe ich oben ja schon gelobt. Der einzige Fehlgriff für mich, ist die Veränderung von Catwomans Kostüm. Die ist dafür dann aber auch gleich mal ein richtiger Griff ins Klo.

Empfehle ich den Comic denn nun? Wenn Ihr ähnlich nostalgisch für die Burton Filme seid wie ich, dann vermutlich schon. Die Story ist reichlich überladen und will so viel, dass zwangsläufig das eine oder andere auf der Strecke bleibt. Das heißt aber auch, dass es ein ambitionierter Comic ist und kein ganz faules Nostalgie-Cash-In, das hier durchaus auch hätte herauskommen können. Ich hatte meinen Spaß, wurde nicht enttäuscht, bin aber auch von der Qualität nicht überwältigt. Wenn Ihr keine Fans der Burton Filme seid, wird Euch der Comic auch nicht bekehren. Und wenn ihr einfach bloß nostalgischen Batman wollt, greift zur ‚Batman 66‘ Reihe. Die fühlt sich insgesamt „entspannter“ an. Oder tanzt halt gleich den Batusi!

Newslichter Ausgabe 208: Constantine zurück, Tom Cruise besiegt und Autorenn-wish-fullfillment

Willkommen bei Ausgabe 208 des Newslichters. „Good news, everyone!“, so verkündet Professor Farnsworth aus ‚Futurama‘ zumeist ziemlich schlechte Nachrichten. Ich habe aber tatsächlich gute. Bei mir ist kein Baulärm! Das liegt aber nicht etwa daran, dass die Arbeiten fertig wären, es ist schlicht kein Arbeiter aufgetaucht. Aber immerhin ist es leise. Also legen wir schnell los, bevor doch noch wer zu Schleifen beginnt!

‚Constantine‘-ische Wende

Discovery Warner bleiben ihrem Pfad der erstaunlichen Entscheidungen offenbar treu. Doch dieses Mal kommt dabei eine, zumindest für mich, erfreuliche, erstaunliche Entscheidung heraus. ‚Constantine‘ bekommt nach 17 Jahren ein Sequel! Der Film, in dem Keanu Reeves den okkultistischen John Constantine gab, der die Welt vor dem Zugriff von Dämonen schützt, nicht zuletzt um seine eigene, fraglos verdammte Seele zu retten, fiel bei der Kritik komplett durch und stieß auch beim Publikum auf nicht eben überwältigende Liebe. Aber wir ‚Constantine‘-Fans existieren (es gibt Dutzende von uns! Dutzende!!)! Ich bin jemand, der gerne zugibt, dass der Film aus einer Reihe von Stereotypen bestand, die sich in schlechten Dialogen unterhalten haben. Aber Darsteller wie Rachel Weisz, Tilda Swinton oder Peter Stormare hatten erkennbaren Spaß an der Sache, der sich auch auf mich als Zuschauer überträt. Und Keanus John Constantine mag wenig mit seiner Comicvorlage gemein haben, charismatisch war er trotzdem. Überhaupt entwickelte der Film eine sehr eigene Stimmung, die ich so nirgendwo anders wiedergefunden habe. Keanu Reeves war auch einer der wenigen, der seit Jahren schon ein Sequel wollte, geradezu darum gebettelt hat. Warum es gerade jetzt dazu kommt, wer weiß. Vielleicht weil späte Sequels gerade im Trend sind, vielleicht dank der von ‚John Wick‘ losgetretenen „Reevessaince“. Oder eben weil Discovery Warner halt machen was sie wollen und es besser ist, gar nicht zu versuchen, die Entscheidungen nachzuvollziehen. Neben Reeves kehrt auch Regisseur Francis Lawrence zurück, der mit ‚Constantine‘ sein Debüt hatte, inzwischen aber mit Filmen der ‚Tribute von Panem‘-Reihe einigen Erfolg verbuchen konnte. Das Drehbuch übernimmt, anders als beim Vorgänger, Akiva Goldsman (‚Batman & Robin‘, ‚Rings‘, ‚Der Dunkle Turm‘). Das verspricht wieder ein eher mäßiges Buch. Hoffentlich wird es aber erneut so unterhaltsam präsentiert wie beim ersten Mal. Ich freu mich jedenfalls einfach mal drauf!  

MÄH-ssion: Impossible?

Der erste Teil des Zweiteilers ‚Mission: Impossible – Dead Reckoning‘ war berüchtigterweise der Hollywoodfilm, der vermutlich am kältesten von der Covid-Pandemie erwischt wurde. Die Dreharbeiten in Venedig mussten im Februar 2020 abgebrochen werden und auch danach kam es immer wieder zu Unterbrechungen, die nicht nur das Budget auf fast 300 Millionen Dollar hochtrieben, sondern auch für Ausraster von Star Tom Cruise am Set sorgten. Da kann man nur hoffen, dass die Produzenten des zweiten Teils, der sich derzeit in Arbeit befindet, Schaf kalkuliert haben. Denn im Lake District, im Nordwesten Englands, bewies eine Herde von über 100 Schafen die alte Weisheit, dass das Gras auf der anderen Seite immer grüner ist. Sie brachen durch ein Tor, das ihre Futterwiese vom Set des Blockbusterfilms trennte und verteilten sich, unter Missachtung deutlicher Aufforderung und zum Amüsement der Darsteller um Cruise, zwischen Crew und Gerät. Freiwillig würden die Wiederkäuer, so viel war deutlich, keinen Mähter dieser aufregenden, neuen Wiese wieder aufgeben. Die Lektion für Superspion Ethan Hunt ist jedenfalls offensichtlich: du kannst es vielleicht mit globalen Terrororganisationen aufnehmen, aber krieg dich mit Shaun in die Wolle und du kannst dir das Schäfchenzählen sparen! Berichte, dass die bockigen Ruminanten letztlich von einem heroischen, Hollywood-affinen Schweinchen zurück auf ihre Wiese getrieben wurden, konnten bislang nicht bestätigt werden und wurden vermutlich soeben von mir erfunden.

‚Gran Turismo‘-Verfilmung

Ich wundere mich hier ja in letzter Zeit häufiger, über die Titel, die Studios als Kandidaten für Videospielverfilmungen auswählen. So war das vor einiger Zeit auch bei Sonys ‚Gran Turismo‘ der Fall. Die Rennspiel-Reihe ist für das relativ realistische Abbilden von Fahrzeugverhalten und Steuerung bekannt und bringt eigentlich nichts mit, was als Story in einem Film dienen könnte. Tatsächlich bedient man sich für die Story auch bei der Realität. Es soll nämlich eine fiktive Variante eines realen Geschehens erzählt werden. 2011 ermöglichten Sony und Nissan einem besonders talentierten, aus 90.000 Bewerbern ausgewählten Spieler von ‚Gran Turismo‘ den Einstieg in die Welt des echten Rennsports. Genau das soll auch im Film geschehen. Die erstaunliche Wahl als Regisseur für diesen Film, ohne jegliche SciFi Elemente, ist Neill Blomkamp. Den glücklichen Teenager und Rennneuling gibt Archie Madekwe (‚Midsommar‘), während David Harbour einen alten Rennveteranen mimt und Orlando Bloom den Marketing Menschen, der für das Ganze verantwortlich ist gibt. Das Ganze ist immerhin ein neuer Ansatz für eine Videospielverfilmung. Eine bei der das Spiel im Mittelpunkt steht, anstatt, dass der Film in der Welt des Spiels spielt.  

Wir sehen uns für die nächste Runde in einer Woche wieder!

‚Tatis Schützenfest‘/‚Jour de fête‘ (1949)

Ich habe mich an dieser Stelle ja schon häufiger als großer Fan von Jacques Tati (‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘, ‚Tatis Herrliche Zeiten‘) zu erkennen gegeben. Doch seinen ersten Spielfilm, den bevor er die Figur des M. Hulot erdacht hatte, kannte ich nicht. Ein ziemliches Versäumnis und somit höchste Zeit aufs Schützenfest zu gehen (Hinweis: der deutsche Titel ist irreführend, das Fest im Film ist ein Dorffest, kein Schützenfest. Der Titel bezieht sich stattdessen auf die „Kunst“ von Tatis Charakter an der Wurfbude). Fein, dann eben Zeit aufs Dorffest zu gehen.

In Sainte-Sévère, einem kleinen Dörfchen mitten im Herzen Frankreichs, stehen große Dinge bevor: ein Dorffest findet statt. Schon kommen die Schausteller, bauen Karussell und Buden auf, treffen sich mit dem Bürgermeister. Der Café-Besitzer lackiert, etwas spät, seine Stühle und man gibt sich größte Mühe auf dem Dorfplatz einen großen Fahnenmast mit Drapeau Tricolore aufzustellen. Mittendrin ist Briefträger Francois (Tati). Ein etwas simpler, aber hilfsbereiter Mann. Nie einem Glas Wein oder einem Gespräch abgeneigt. Nicht unbeliebt aber sicherlich nicht respektiert. Doch als das fahrende Volk später im Kinozelt des Festes einen Film über die US-amerikanische Post zeigt, ihre hochmodernen, schnellen Methoden und voraussagt, dass bald jeder amerikanische Postbote seinen eigenen Helikopter haben wird, da fühlt sich Francois dann doch ins einer Ehre verletzt. Was die blöden Yankees und ihre Flugmaschinen können, dass können Francois und sein altes Klapperrad schon längst! Für Francois steht fest: jetzt wird er effizient. Zumindest sobald er wieder nüchtern ist.

Tati lernte den Ort Sainte-Sévère 1943 kennen. Der Kabarettist, Pantomime und gelegentliche Filmdarsteller wollte der deutschen Besatzungsmacht in Paris aus dem Weg gehen. Und so bestellte er für etwa 1 ½ Jahre, gemeinsam mit dem befreundeten Drehbuchautor Henri Marquet einen kleinen Bauernhof in der Nähe des Ortes. Und er verliebte sich in die traumhafte kleine Ortschaft, wo die Welt in Ordnung und der Krieg weit weg schien. Falls er jemals selbst einen Film drehen sollte, dann hier, nahm er sich vor. Schon zwei Jahre nach dem Krieg war es soweit. 1947 drehte er den Kurzfilm ‚Die Schule der Briefträger‘. Knapp ein Jahr später folgte der Spielfilm ‚Jour de fête‘, der eine Reihe Szenen des Kurzfilms direkt übernahm.

Falls Ihr den Originaltrailer oben geschaut habt, dann macht der eigentlich bereits unmissverständlich klar, worum es sich hier handelt. Um Heile-Welt-Kino als direkte Antwort auf den Zweiten Weltkrieg. Quasi die französische Variante eines Heimatfilms. Hier wie dort wird die traditionelle Landwirtschaft romantisiert. Mit Pferdegespannen, familiärer Feldarbeit und stetem Sonnenschein. Eine Lebensweise, die, nüchtern betrachtet, auch 1947 bereits im Verschwinden begriffen war. Und natürlich selten so schön wie hier gezeigt. Aber darum ging es gar nicht. Das war Eskapismus und der wurde dringend gebraucht.

Doch während der Heimatfilm die pure Idylle heraufbeschwört, ist Tatis Blick bereits hier ein ironischer. Er betont die kleinen Marotten der Bewohner, zeigt ihre Imperfektionen freudig auf. Unsere Erzählerin ist eine sehr alte, gebeugte Frau, die das Geschehen distanziert-amüsiert für ihre kleine Ziege kommentiert. Da spielt die Musik des Karussells gegen den dörflichen Spielmannszug bis eine pure Kakophonie daraus wird. Wir sehen ein Tableau bukolischer Idylle, einige Felder mit einem kleinen Weg dazwischen, auf dem jeder anwesende Mensch nacheinander von einer Wespe angegriffen wird und sie mit wild rudernden Armen zum nächsten scheucht.

Der Slapstick sitzt hier noch nicht so perfekt, wie es bei Tati später der Fall sein sollte. Sicher, wenn Francois sein Fahrrad unter der Ladefläche eines fahrenden Lasters einklemmt und dann beginnt auf ihr, wie auf einem Schreibtisch zu arbeiten, dann ist das sehr komisch. Aber man kann sich auch nicht des Gedankens erwehren bei Buster Keaton ganz ähnliches gesehen zu haben. Tatis Hollywood-Vorbilder, Keaton und Chaplin, sind noch allzu erkennbar. Er hat seinen ganz persönlichen Slapstick-Stil noch nicht gefunden. Später würde er seine langen, schlaksigen Gliedmaßen, die fast von allein Chaos auszulösen scheinen, perfekt nutzen. Einen Stil schaffen, der seinerseits kaum zu kopieren ist.

Doch absurde audio-visuelle Gags, die beherrschte er damals schon zur absoluten Perfektion. Wenn sich etwa ein Schausteller und eine Dorfbewohnerin, die offensichtlich Gefühle füreinander hegen, schweigend gegenüberstehen, während aus dem Kinozelt der leiernde Ton einer romantischen Szene eines Westerns herüberweht und der Schaustelle am Ende einen Schraubenschlüssel wie einen Colt wegsteckt, dann funktioniert das wunderbar. Mein Favorit ist ein Moment, wenn eine Schaustellerin aus ihrem Wohnwagen tritt, und einem anderen zuruft, ob der wisse, wo die Hunde seien. Der Schausteller pfeift auf seinen Fingern und aus dem winzigen Wohnwagen der Schaustellerin brechen ein halbes Dutzend großer, lauter Hunde. Sie kommentiert das mit „ah, da sind sie ja.“. Das ist dann wirklich perfekt Tati.

Auch seine Philosophie lässt sich in dem Film bereits erkennen. Seien Filme setzen häufig den Menschen gegen die Technik. Für Tati war der Mensch ein chaotisches Wesen, dass sich an allzu rigiden Systemen immer scheuern wird. Baut der Mensch um sich herum nun eine Welt der Technik, wie es im 20ten Jahrhundert im Westen fraglos geschehen ist, dann spannt er sich selbst in das rigideste mögliche System ein, eine Maschine. Und dort wird und muss er zwischen die Zahnräder geraten. Bei Tati waren es stets die Maschinen, die daran zerbrochen sind. Man sollte daraus übrigens nicht ableiten, dass Tati ein reaktionärer Technikhasser war. ‚Tatis Schützenfest‘ war der erste französische Spielfilm, der neben schwarz-weiß auch in Farbe gedreht wurde. Bloß gab es kaum Kinos, die darauf ausgelegt waren solche zu zeigen, weswegen nur die sw Fassung veröffentlicht wurde (die Farbfassung wurde 1994 fertiggestellt und liegt auf der dt. BluRay vor!).

Doch, wie erwähnt, ‚Tatis Schützenfest‘ ist ein Heile Welt-Film. Daher sind es hier nicht Mähdrescher und Traktoren, die die traditionelle Landwirtschaft aus den Angeln heben. Sondern es ist nur ein Postbote mit „komm ich heut nicht, komm ich morgen“-Philosophie, der sich von einem völlig überzogenen Film über amerikanische Effizienz herausgefordert fühlt. So beginnt er die schönen Hügel und Kurven mit geraden Linien zu durschneiden, schleppt sein Rad bergauf und überholt Rennfahrer. Und am Ende geht er, wortwörtlich, baden. Viel geringer könnten die Einsätze kaum sein.  Nein, es ist nicht die Handlung, die den Film treibt. Ähnlich wie in ‚Die Ferien des Monsieur Hulot‘ erschafft Tati ein Panorama sympathisch-verschrobener Charaktere, die er vor wunderschöner Kulisse interagieren lässt. Und hier liegt in der Rückschau vielleicht eine der größten Stärken des Films. Tati schafft eine Chronik eines Momentes, in dem ein Dorf bereits ein Stück aus der Zeit gefallen scheint. Und 73 Jahre später können wir es immer noch besuchen. Das ist doch die Magie des Kinos. Das und Filme über Yankee-Postboten mit Hubschraubern, natürlich!

Das traurige, langsame Ende der physischen Medien

Ich habe mich an dieser Stelle ja schon häufiger zu einem großen Freund physischer Medien erklärt. Ich muss allerdings zugeben, dass ich hier in letzter Zeit ein wenig frustriert bin. Und ich fürchte, dass ein Ende abzusehen ist, auch wenn es noch nicht da ist.

In der guten, alten Zeit der 2000er lebte man, was physische Medien anging, in Hamburg in so einer Art Schlaraffenland. Nicht nur gab es ganze Läden, die nichts anderes taten als DVDs zu verkaufen, und wo man sicherlich auch jeden noch so obskuren Import irgendwie auftreiben konnte. Wo man problemlos einen halben Tag stöbern konnte, wenn man eigentlich in der Vorlesung sein sollte, und immer noch nicht alles gesehen hatte. Aber damit nicht genug, jedes Kaufhaus, jeder Technikmarkt hatte eine stetig wachsende Abteilung für physische Medien. Und sicher, hier wurde man vielleicht schief angeschaut, wenn man sich nach einem indizierten Filme erkundigte, aber er war vermutlich dennoch irgendwie verfügbar. Selbst Buchhandlungen richteten durchaus ansehnliche Multimediabteilungen ein. Und wenn ich meinen besten Freund in Amsterdam besuchte, dann gab es da ein zwei Läden, die ich jedes Mal aufsuchen wollte, um die Dinge zu bekommen, die hier schwieriger (oder schlicht teurer) waren.

Aber jede größere Neuheit konnte man hier vor Ort, vermutlich direkt zur Veröffentlichung, bei irgendeiner Kette als Angebot abgreifen. Und über die richtig dicken Schnapper tauschte man sich in Foren aus. Oh sicher, es war nicht alles Gold, eingebrannte Untertitel beim Originalton, fehlender Originalton, Halbstaffel Serienboxen, oder schlicht komplett lieblose Veröffentlichungen, wenn nicht gar VHS Kopien waren dort auch oft genug Thema. Aber, wenn Du einen Film auf DVD haben wolltest, konntest Du ihn mit großer Sicherheit auftreiben.

Und heute? Naja, die oben erwähnten Spezi-Läden sind lange dicht. Die Pandemie hat die Kaufhäuser in den Ruin getrieben, oder dazu gezwungen sich mehr auf Kundenwünsche einzustellen, die offenbar nicht an einer umfangreichen Abteilung für physische Medien interessiert sind. Auch in den Technikmärkten schrumpfen die Abteilungen fast schneller als sie damals gewachsen sind. Oder werden mit Fanartikeln und LEGO vollgestellt. DVDs sind veraltet, BluRays haben nie dieselbe Verbreitung erfahren, 4K-BluRays sind eine winzige Luxusnische und 3D BluRays… hahahahaha. Entschuldigung.

Streaming wird den Wettkampf gewinnen, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Und warum auch nicht, wenn man für den Preis einer einzigen brandneuen BluRay, einen ganzen Monat Zugriff auf ein riesiges Film- und Serienangebot hat? Ich will hier aber auch gar nicht wieder den Wettkampf aufmachen und erzählen, warum für mich physische Medien trotzdem besser sind. Ich will mich über den Zustand des Marktes physischer Medien beklagen!

Denn es ist ja nicht nur so, dass die Orte, wo man sie kaufen kann wie oben beschrieben zusammenschrumpfen, wäre es „nur“ das, müsste man halt in den bitteren Monopol-Apfel beißen und bei Amazon bestellen. Aber was bringt es, wenn es die Filme schlicht nicht gibt? Oder zumindest nicht in einer zufriedenstellenden Version gibt. Nicht Mainstream-kompatible Filme, die nicht gerade die großen Oscar-Überflieger werden, wie ‚Leave No Trace‘ oder ‚Petite Maman‘, erscheinen hier gar nicht erst als BluRay, sondern man wird als Käufer mit einer lieblosen DVD abgespeist. Für die man dann auch noch 15 Euro latzen soll. Hier scheint die physische Version eher nurmehr ein Nachgedanke zu sein, vermutlich im Wissen, dass die Filme eh nur ein paar hundert Leute kaufen und die nehmen, was sie kriegen können. Das ist für mich aber immer noch die bevorzugte Variante gegenüber dem anderen Weg, wo ein Film als super-duper-Sammler-Megafan-Special-Edition auf den Markt kommt und man in mehr oder weniger schicker Verpackung, 4K, BluRay und manchmal DVD in einem erwerben muss. Meistens zu einem Preispunkt so um die 40 Euro. Aktuelles Beispiel wäre hier der Slasher ‚X‘ von Ti West. Halt ein Melken des Kunden, im Wissen, dass ja eh bloß noch ein paar Hardcore Dödel unbedingt eine Scheibe zuhause haben müssen. Und eines, das ich jedenfalls nicht mitmache.

Das ist natürlich alles nur der Fall, wenn der Film überhaupt als Scheibe erscheint. Was oft genug nicht der Fall ist. Wie etwa ‚Under The Shadow‘, für den ich die lieblose DVD aus UK importieren musste. Immerhin hat die da bloß ne Handvoll Pfund gekostet. Aber nicht nur derart obskure Filme sind betroffen, auch der Mainstream allen Mainstreams, Disney, schränkt sein Angebot an physischen Medien deutlich ein, schon um Kunden zu Disney+ zu ziehen. Und wenn ich doch mal auf Amazon nach einer Scheibe suche, frage ich mich ernsthaft, wer dort die Indexierung vornimmt und ob den mal jemand aufwecken könnte. Neulich habe ich hier ‚Dark City‘ besprochen und deutlich zum DC geraten, den ich mir vor Jahren aus UK besorgt habe. Jemand fragt mich in den Kommentaren, ob es den auch hier gibt. Das hatte ich vorher bei Amazon überprüft und dort taucht das Cover beim BluRay Link auch auf, wenn man danach sucht. War mir also sicher, dass es den gibt. Klickt man allerdings drauf, wird man zur normalen Version gebracht. Den DC gibt es hier nämlich eben nicht. Super! Schlimmer noch, suche ich nach Celine Sciammas ‚Petite Maman‘ wird mir eine DVD und eine BluRay Version vorgeschlagen. Fein, hab ich oben wohl Blödsinn erzählt, ich will doch die BluRay! Klicke ich aber drauf, werde ich zur BR des Sciamma-Films ‚Porträt einer jungen Frau in Flammen‘ gebracht. Was soll das? Mir sagen, dass ich mit einem Prime Abo besser bedient wäre? Na danke. Und das ist bevor ich darüber rede, dass die Amazon Suchfunktion offenbar absichtlich immer schlechter wird. Aber das ist ein eigenes Thema.

Ältere Filme kaufe ich derzeit eh nur noch gebraucht. Und das scheint mir derzeit günstiger denn je. Prima! Bis man mal für 12 Sekunden drüber nachdenkt und versteht, dass das vermutlich daran liegt, dass so viele Leute ihre Sammlung auflösen. Und so muss ich einsehen, dass ich ein Dinosaurier bin. Der Meteoriteneinschlag ist zwar lange noch nicht da, aber des Nachts kann ich schon einen bedenklich rapide wachsenden Himmelskörper ausmachen. Und so überlege ich schon, ein oder zwei BluRay Player auf Vorrat zu kaufen und in den Keller zu stellen. Falls meiner mal kaputtgeht, wenn die schon zu „Sammlerstücken“ und damit teuer geworden sind…

Ich… ich bin tatsächlich der traurige Typ geworden, der von der „guten alten Zeit“ schwärmt, was? Auweia.

Newslichter Ausgabe 207: Pixar, Filmlichtungen und Tarantino NFTs

Willkommen bei Ausgabe 207 des Newslichters. Hrrrgh, immer noch Baulärm! Hirn nicht mehr Pudding, eher Eintopf! Entschuldige mich für potentiell schlechtere Qualität der News. Aber *Stimme des Doktors aus ‚Batman‘, der Joker sein neues Gesicht zeigt* sehen Sie sich doch an, womit ich arbeiten muss! Also legen wir einfach los!

Quo Vadis, Pixar?

Der Output von Pixar hat sich im letzten Jahrzehnt spürbar geändert. Sequels und Prequels und Spin Offs überwiegen originelle, neue Projekte deutlich. Ich werde mir Fingerzeige auf Disney an dieser Stelle ersparen, aber der Wandel ist schwer zu übersehen. Da wird groß versprochen, dass mit ‚Toy Story 4‘ die Marke endgültig gemolken ist, nur um dann mit ‚Lightyear‘ als „cleverem“ Spin Off um die Ecke zu kommen. Das soll allerdings keinesfalls heißen, dass die allgemeine Qualität eingebrochen sei. Gerade die originellen Filme Pixars waren und sind nachwievor sehenswert. Und mein Favorit aus den 2010ern war hier fraglos ‚Alles steht Kopf‘. Nicht nur weil ich den sehr unterhaltsam, kreativ und wunderhübsch fand, sondern auch weil er seiner Hauptzielgruppe, Kindern, einen nützlichen Bezugsrahmen gab, um über Gefühle zu sprechen, die durchaus reichlich komplex sein können. Und jetzt ist ein ‚Alles steht Kopf 2‘ angekündigt. Denn alles muss ein Franchise werden, es gibt nichts, was nicht noch gemolken werden könnte. Es gibt nix mehr zu erzählen? Egal, ‚Lightyear‘! Alles was ‚Alles steht Kopf 2‘ liefern könnte ist eine Variation der ersten Geschichte. Wir können uns in einem anderen Kopf befinden und auf neue Ereignisse reagieren, aber etwas wirklich Neues lässt sich aus dem, zugegeben cleveren, Konzept einfach nicht rausholen. Ich weiß nicht, warum es mich genau bei diesem Film derart ärgert, aber es ist so. Ugh. Vielleicht weil der Regisseur des ersten Teils, Pete Docter, SEHR deutlich gemacht hat, dass es kein Sequel geben wird. Und nun wird er halt ersetzt, es geht ja nicht um irgendeine künstlerische Vision, Du idealistischer Naivling, sondern um Knete. Darum haben sich auch schon einige der Original-Sprecher zu Wort gemeldet, dass sie für das Sequel nicht zurückkommen, weil Disney ihnen nicht genug zahlen wolle. Sollte ich im Zuge des Discovery Warner Mergers versehentlich etwas Positives über Disney geschrieben haben, so entschuldige ich mich gern dafür…

Echte „Filmlichtungen“ in Spanien

Akvaro Longoria, Produzent bei der spanischen Filmgesellschaft Morena Films, hat gemeinsam mit der Regierung der autonomen Gemeinschaft Kantabrien, im Norden Spaniens einen interessanten Plan zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks von Filmproduktionen gefunden. Kantabrien stellt 40 Hektar Land bereit, auf dem letztlich 34.000 Bäume gepflanzt werden sollen. Diese können etwa 19.000 Tonnen CO2 aufnehmen, was ungefähr dem Ausstoß von 320 Filmproduktionen entspricht. Und die sollen sich für je etwa 6.000€ in das Projekt einkaufen können. Plaketten im zukünftigen Wald werden dann nicht nur die örtliche Ökologie erklären, sondern auch den finanziellen Schirmherren des jeweiligen Abschnitts benennen. Dieser „Bosque de Cine“ (Filmwald) soll biodivers und an die Ökologie Kantabriens angepasst werden. Erster Investor werden die Filmfestspiele Santander. Man hofft in Zukunft aber nicht nur auf spanische, sondern internationale Teilnehmer. Natürlich ist das mit der einfachen „Abfinanzierung“ des ökologischen Fußabdrucks so eine Sache. Und bei weitem nicht jedes Baumpflanzprojekt der letzten Jahre hat gehalten, was es versprochen hat. Aber ein naturbelassener Wald wäre per se eine sehr gute Sache, selbst wenn da ein paar Werbeplaketten drinstehen. Und hey, in einem Filmwald muss es natürlich auch Filmlichtungen geben. Deswegen stehe ich der Sache selbstverständlich erst einmal positiv gegenüber.

Einigung zu ‚Pulp Fiction‘ NFTs

Hey, erinnert Ihr Euch an die Story über die ‚Pulp Fiction‘ NFTs, die Quentin Tarantino letztes Jahr verkauft hat, woraufhin Miramax ihn verklagt hat, weil sie selbst digitale Bildrecht-Geldanlagen-Wasauchimmers zu ihren Filmen verhökern wollten? Nein? Verständlich. Erinnert Ihr Euch an NFTs, diese digitalen Bildrecht-Geldanlagen-Wasauchimmers, die letztes Jahr der heißeste Scheiß seit Sammelkarten waren? Nein? Verständlich. Denn der NFT Markt ist so schnell in sich zusammengestürzt, wie die Blase aufgepumpt wurde. Sein erstes NFT wurde Herr Tarantino noch für 1.1 Millionen Dollar los, alle anderen Auktionen wurden jedoch bereits aufgrund „extremer Marktvolatilität“ abgebrochen. Kein Wunder also, dass Tarantino und Miramax sich nun außergerichtlich einigen. Die Sau ist nicht einfach bloß schon durchs Dorf getrieben, sie ist hinter dem Horizont bereits nicht mehr zu sehen. Aber hey, manche Leute sitzen jetzt auf überteuerten, digitalen Bildchen. Mögliche zukünftige NFTs wollen beide Parteien nun gemeinsam auf den Weg bringen. Vielleicht. Irgendwann. Kommt ja alles wieder.

Vor allem kommt der Newslichter nächste Woche wieder. Ist aber eine miserable Geldanlage, kann ich Euch versichern! Bis dann.

‚The Last Duel‘ (2021)

Dieser Film um das (reale) angeblich letzte gerichtlich angeordnete Duell zur Erlangung eines Gottesurteils im spätmittelalterlichen Frankreich war einer der seltenen wirtschaftlichen Fehlschläge in Ridley Scotts Karriere. Für Scott waren die Schuldigen, miese Millennials mit ihren Mobiltelefonen, die einfach nix lernen wollen, schnell gefunden. In der Realität hing es wohl eher mit der Pandemie und damit verbundener Unlust an einem derart düster-trostlosen Film, wie ihn die Trailer versprachen zusammen. Aber als ein, nach mancher Rechnung gerade eben noch, uralt-Millennial habe ich mich jetzt mal ganz ohne Handy hingesetzt und den Film geschaut.

Am Ende des Jahres 1386 fordert der Ritter Jean de Carrouges (Matt Damon) in einem großen Volksspektakel Jacques Le Gris (Adam Driver) zu einem Duell heraus. Jacques soll Marguerite (Jodie Comer), die Ehefrau de Carrouges, vergewaltigt haben, streitet dies jedoch ab. Nun soll Gott ein Urteil fällen, indem er den Sieger des Turniers entscheidet. In drei Rückblenden sehen wir zunächst dreimal die Vorgeschichte des Turniers, jeweils aus der Sicht einer der beteiligten Personen. Den ungebildeten Jean, der aufgrund seines Familiennamens und seiner Tapferkeit und Kampfkunst hohe Ehren erwartet, jedoch immer wieder enttäuscht wird. Den hochintelligenten, aus einfacheren Verhältnissen stammenden Jacques, der sich bei seinem und Jeans Lehnsherren, dem Grafen Pierre d’Alencon (Ben Affleck) bald weit höherer Gunst erfreut als der „langweilige“ Jean. Und Marguerite selbst, die Jean nur aus zwei Gründen heiratet: um mit ihrer Mitgift Schulden zu tilgen und um einen Erben zu zeugen. Sie bemüht sich auf dem arg schmalen Pfad zu wandeln, den die Gesellschaft auch für eine adelige Frau des Spätmittelalters bereithält. Wenigstens so lange, bis ein grausiges Erlebnis dies nicht mehr zulässt.

Ridley Scott bedient sich hier des erzählerischen Elements aus Kurosawas ‚Rashomon‘, dieselben Geschehnisse aus mehreren verschiedenen Blickwinkeln zu schildern. Doch da er dabei einen längeren Zeitraum beschreibt als Kurosawa sind die Geschehnisse weniger widersprüchlich als dort (außer, offensichtlich, Kernelementen) und geben eher die Sicht der Protagonisten auf die Dinge wieder. Jeans Geschichte ist eine düstere, mittelalterliche Kriegersaga von großen persönlichen Niederlagen aber auch Siegen, die jedoch von einer korrupten, ehrlosen Obrigkeit untergraben werden. Für Jacques ist das Leben eher eine höfische Geschichte, voller Intrigen und jeder Menge Sex. Eine Geschichte, in der Marguerite vielleicht „nein“ gesagt hat, wie es sich für eine Dame gehört, aber das empfindet er als Teil des Spiels. Marguerites Wahrheit, von der Scott wenig subtil andeutet, dass sie „die“ Wahrheit ist, ist die einer unsäglich misogynen Gesellschaft. In der Frauen Handelsobjekt und Mittel zur Fortpflanzung sind. In der eine Vergewaltigung nicht etwa ein ungeheuerliches Verbrechen gegen die Frau, sondern ein Delikt gegen den Besitz des Mannes ist. Wo Staat und Kirche eine ganze erniedrigende Maschinerie auffahren, um derartige Vorwürfe zu unterdrücken. So muss sich Marguerite immer wieder öffentlichen Fragen stellen, ob sie „den kleinen Tod“, einen Orgasmus, während der Tat erfahren habe.

Hier ist es denn auch, wo Scott einen Bogen zur Moderne schlägt, uns vorführt, dass wir bei weitem noch nicht alle diese grausigen Vorurteile abgelegt haben. So rät Pierre etwa Jacques, dass der beste Umgang mit der Situation „abstreiten, abstreiten, abstreiten“ wäre. Und man versucht Marguerites Aussage unglaubwürdig zu machen, indem man belegt, dass sie vor Jahren einmal gesagt habe, Jacques sei „attraktiv“.

Am Ende aber ist die einzige Möglichkeit der Lösung dieser furchtbaren Situation Gewalt. Gewalt, die Jean eher aus eigener Kränkung als aus Fürsorge für seine Ehefrau anwenden will. Er klärt sie nicht einmal über die fatalen Folgen auf, die seine Niederlage für sie hätte.

Scott erzählt in eindrucksvollen Bildern, elegant fotografiert von Kameramann Dariusz Wolski. Er setzt dabei auf den aus seinen anderen historischen Filmen bekannten Kontrast aus schlammverkrusteter Pfeil-durchs-Auge-Brutalität und höfischer Opulenz. Obwohl Kämpfe hier vor allem Jeans Geschichte und das Finale des Films ausmachen bleibt doch zu jedem Zeitpunkt der elegant erzählerische Fluss eines erfahrenen Blockbuster-Machers erhalten. Gelegentlich kommt er allerdings verdächtig nahe an Monty Python-eskes Parodie-Material, vor allem, wenn König Charles VI. im Bild ist, den Alex Lawther aus irgendeinem Grund wie eine besessene Bauchrednerpuppe spielt.

Womit wir bei den weitgehend sehr guten Darstellerleistungen wären. Ganz vorne dabei ist hier fraglos Jodie Comer, die ihre Marguerite als eine Person darstellt, die so lange es ihr irgendwie möglich ist, aus einer schlechten Situation das Beste macht, doch wenn die Welt sie herausfordert unerwartete Stärke entwickelt. Die männliche Besetzung ist auch weitgehend gut, muss sich jedoch gegen einige… interessante Kostümentscheidungen durchsetzen.

Adam Driver hat Glück, der kommt mit seiner üblichen Rockstarmähne davon. Aber Matt Damon bekommt eine geradezu monströse Kombination aus Vokuhila und Bart verpasst. Ich weiß nicht, wie historisch korrekt für Frankreich 1386 die ist, aber in Deutschland so etwa 1990/91 hat jemand, der annähernd exakt so aussah, eine Bierflasche nach dem kleinen Filmlichter geworfen. Es spricht für Damons Spiel, dass er dieses Hindernis überwindet. Vielleicht hilft es auch, dass Affleck mit seiner blondierten Milhouse Van Houten Frisur und Kinnbart noch ein Stück blöder aussieht. Aber sein Charakter wird in sämtlichen Geschichten auch als etwas dümmlicher Geck gezeigt.

Was bleibt mir als Fazit? Der Text bis hierhin liest sich ja durchaus positiv. Der Film ist auch fraglos gut gespielt und gut inszeniert, daran gibt es nix zu rütteln. Es stört mich nur etwas, dass er zu seinem zentralen Thema, der Misogynie, am Ende reichlich wenig zu sagen hatte. Fast so wie Jean, der am Ende auch bloß mit dem Schwert draufhauen kann. Man fragt sich fast, ob eine intimere Inszenierung, ein kleinerer Film, hier nicht besser funktioniert hätte. Aber das ist vielleicht das Problem. Wenn man ein Schwert hat, sieht jedes Problem wie eine Schwachstelle in einer Rüstung aus. Und wenn man ein Blockbuster-Regisseur ist, sieht jedes Thema wie ein Stoff für einen Millionenfilm aus.

Wenn Ihr nur einen Film über spätmittelalterliche Misogynie von einem sehr alten Regisseur, bekannt für Spektakel, aus dem Jahr 2021 sehen wollt, dann rate ich Euch zu Verhoevens ‚Benedetta‘. Der ist für mich etwas besser gelungen. Aber ich vermute allein die Tatsache, dass wir aus zweien wählen können sagt was aus.