Top 10 Filme von damals: Kinocharts 1979 Platz 10 – 6

Was hat man eigentlich vor 40 Jahren in Deutschland für Filme geschaut? Was davon ist in das Unterbewusstsein der Popkultur übergegangen? Was ist vollkommen vergessen? Was hatte einen Einfluss auf mich (obwohl ich es erst deutlich später gesehen haben kann) und wovon habe ich womöglich noch nie gehört? Wenn es Euch gefällt würde ich hieraus gerne eine Reihe machen, die nach und nach die 10 erfolgreichsten Kinofilme in Deutschland Jahr für Jahr von 1979 an durchgeht. Als Grundlage dafür nutzen werde ich die Kinocharts der Seite Chartsurfer. Warum gerade vor 40 Jahren anfangen? Keine Ahnung, ist ehrlich gesagt relativ willkürlich gewählt, vor allem ist es eine schöne runde Zahl.

Was war vor 40 Jahren so los auf der Welt? Bestimmt lauter Sachen an die man sich heute gar nicht mehr erinnert, oder? 1979 wurde im Iran der despotische Schah Pahlewi gestürzt, die „Islamische Revolution“ unter ihrem religiösen Führer Chomeini übernahm die Macht und stellte sich in direkte Konfrontation mit den USA. Im Irak übernahm die Baath-Partei unter Saddam Hussein die Macht und stellte sich in direkte Konfrontation mit dem Iran. Auf Three Mile Island in Harrisburg, Pennsylvania ereignete sich das bis dato größte Kernkraftwerkunglück aller Zeiten mit einer partiellen Kernschmelze. Die Havarie der Tanker Atlantic Empress und Aegean Captain vor der Insel Tobago löste eine gigantische Ölpest aus. In Hamburg sprengten sich drei Kinder beim Spielen mit Chemikalien in die Luft, die quasi unbewacht auf dem Gelände der Chemischen Fabrik Stoltzenberg herumgelegen hatten. Die Firma wurde geschlossen, der Justizsenator entlassen, rechtliche Ermittlungen wurden keine angestellt. Mit der Bremer Grünen Liste zog zum ersten Mal eine grüne Partei in ein Landesparlament ein, noch ein Jahr vor Gründung der Bundespartei. Und der HSV wurde deutscher Fußballmeister. Jetzt aber lieber schnell ins Kino!

 

  1. ‚Der Windhund‘

Zeit direkt mit einem Geständnis anzufangen: in der Filmografie von Jean Paul Belmondo kenne ich mich bestenfalls lückenhaft aus. Diesen von Georges Lautner in Nizza gedrehten Actionkrimi, kenne ich jedenfalls nicht. Eine kurze Recherche hat allerdings erbracht, dass der Film damit warb, dass Belmondo quasi alle seine Stunts selbst gemacht hat. Etwas, das definitiv ein Echo in den heutigen ‚Mission Impossible‘ Filmen und Tom Cruise findet. Wenn jemand Klügeres zu diesem Film mitzuteilen hat, gerne in die Kommentare!

  1. ‚Der Große Mit Seinem Außerirdischen Kleinen‘

So, in der Filmografie von Bud Spencer kenne ich mich schon mal direkt besser aus. Hier gibt der schwergewichtige Italiener einen gemütlichen aber bestimmten Sherriff in einer amerikanischen Kleinstadt, wo er auf einen kleinen Jungen trifft, der behauptet ein Außerirdischer zu sein und dies mit seiner „Photonenkanone“, einer Art Fernbedienung, die allerlei Unmögliches möglich macht, auch beweisen kann. Wie im vorjährigen ‚Sie nannten ihn Mücke‘ ist Buddies Gegenspieler hier Kartoffelquetscher Raimund Harmstorf, der den Armee Captain Briggs gibt, der den Jungen und vor allem die Photonenkanone haben will. Regie führt (wie schon bei ‚…Mücke‘) Michele Lupo. Gedreht wurde in der Kleinstadt Newnan in Georgia. Auffällig ist der Film in Spencers Filmografie höchstens für seinen SciFi Einschlag, ansonsten gehört er nicht unbedingt zu meinen Favoriten. Die billigen Photonenkanoneneffekte werten die typischen Kloppereien nicht wirklich auf. Aber hey, es ist ein Bud Spencer Film. Da weiß man exakt was man bekommt: Kloppe und Rainer Brandt Sprüche. Und manchmal reicht genau das. Thematisch fällt natürlich die Ähnlichkeit zum späteren ‚E.T.‘ auf und zumindest Spencer war fest überzeugt, dass Spielberg hier inspiriert wurde. Da der Darsteller des Außerirdischen, Cary Guffey, eine Entdeckung Spielbergs war ist es durchaus möglich, dass er den Film gesehen und Spencer recht hat.

  1. ‚ Zombie – Dawn of the Dead‘

12 Jahre hatte es dauern sollen, bis George Romero eine Fortsetzung zu ‚Night oft he Living Dead‘ drehen konnte. Nach seinem kommerziellen Flop ‚Martin‘ wollte ihm kaum noch jemand Geld geben und erst eine Finanzspritze und gutes Zureden von ‚Night…‘-Fan Dario Argento machten es möglich. Argento erstellte dann einen eigenen, flotteren Schnitt des Films, der in den meisten europäischen Ländern gezeigt wurde (man stelle sich das mal heute vor) und Musik seiner Hauskomponisten Goblin verwendete. Dieser wurde leicht gekürzt auch in Deutschland gezeigt. Interessierte Romero sich im ersten Film noch kaum für die Ghule/Zombies, wichtiger war ihm die Dynamik der belagerten Menschen untereinander, machte er sie hier zu einer Kapitalismus- und Konsumkritik. Noch im Tode stolpern sie hirnlos durch die Gänge eines Einkaufszentrums, getrieben nur vom Wunsch nach Konsum. Auch die Überlebenden fliehen hier hin und benehmen sich wie in jenem Kindertraum im Kaufhaus vergessen zu werden. Die deutsche Kritik erkannte nicht, dass wir die Zombies sind und die Zombies wir und unterstellte Romero direkt eine „Herrenmenschenpolitik“. Es gibt sicher Zombiefilme, denen man diese vorwerfen kann, Romeros aber nun gerade mMn. am allerwenigsten…

Es sollte noch bis zur moralischen Panik der Videojahre in den 80ern dauern, bis der Film in Deutschland beschlagnahmt (nicht nur indiziert!) wurde. 1979 konnte man sogar noch eine Heimkinovariante auf 16mm Film bekommen. 50 Minuten lang auf drei Rollen für je(!) 150 D-Mark. Heimkino war mal richtig teuer.

  1. ‚Apocalypse Now‘

Und da haben wir ihn, den ersten fraglosen Klassiker in dieser Top 10. Francis Ford Coppolas freie Adaption von Joseph Conrads „Heart Of Darkness“, die die Handlung in den Vietnamkonflikt verlegt gilt, je nachdem wen man fragt, als bester Film über den Vietnamkrieg, bester Antikriegsfilm oder gar bester Film überhaupt. Unter schwierigsten Bedingungen (siehe auch hier) auf den Philippinen gedreht, geht Coppola ganz offensiv mit dem Problem des Antikriegsfilms um, dass die ästhetische Wirkung kriegerischer Szenen, diese schnell ihre „Anti“-Wirkung verlieren lassen. Coppola zeigt wie man am Krieg verrückt wird. Fast scheint er zu sagen, das Verrücktwerden ist der einzig vernünftige Umgang mit dem Krieg. Es gibt keine „Guten“ im Krieg, nur Lügen, die man sich selbst erzählt und im schlimmsten Fall auch noch selbst glaubt. Dass es nach diesem Film überhaupt noch Diskussionen über „sauberen Krieg“ gibt, sagt vermutlich etwas über die Grenzen dessen aus, was Kunst erreichen kann.

Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass wohl die meistzitierte und –parodierte Szene des Films diejenige ist, in der sich Coppola voll der falschen Ästhetik des Krieges hingibt: der Hubschrauberangriff unterlegt vom „Walkürenritt“. Von der Tatsache, dass Coppola die letzten 40 Jahre immer weiter an dem Film herumgeschraubt hat, über die ‚Redux‘-Fassung von 2001 bis zum gerade eben erschienen ‚Final Cut‘, kann man halten was man will, der Stellung des Films tut das wenig Abbruch.

  1. ‚Die Blechtrommel‘

Der erste deutsche Film in den Top 10 und der allererste deutsche Gewinner des „Fremdsprachen-Oscars“. Passend, geht es in Volker Schlöndorffs Verfilmung des gleichnamigen Günther Grass Romans doch um Oskar Mazerath, der sich in den 30er Jahren 11jährig absichtlich eine Treppe hinunterwirft, um sein Wachstum einzustellen und dann als distanzierter Beobachter, auf seine Blechtrommel hämmernd und Glas zerkreischend, eine immer verlogenere, erwachsene Welt schrill zu kommentieren und vorzuführen, ohne sich ihr letztlich entziehen zu können. ‚Die Blechtrommel‘ ist einer dieser Filme, die vermutlich am meisten Laufzeit in Deutsch-Leistungskursen bekommen dürfte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man fraglos das Meiste aus dem Film herausholen kann, wenn man Grass‘ Roman kennt. Das Verzichten auf eine im Roman vorhandene Rahmenhandlung lässt den Film zwar besser fließen, lässt Oskars Charakter aber gelegentlich mit einem gewissen Fragezeichen versehen. Dennoch versammelt Schlöndorff so ziemlich alles was zu der Zeit im deutschen Film Rang und Namen hatte und verzichtet auch nicht auf groteskere Szenen des Romans, etwa dem Fischen nach Aalen mit einem Pferdekopf oder dem Verschlucken eines NSDAP-Ansteckers mit geöffneter Sicherheitsnadel und tödlichen Folgen.

Einen kleinen Skandal löste der Film fast 20 Jahre nach Erscheinen in den USA aus, wo ein wütender Vater klagte, nachdem seine Tochter die Sichtung des Films als Hausaufgabe bekommen hatte. Er wollte in einer Szene mit David Bennent, dem jungen Darsteller des Oskar, Kinderpornografie erkannt haben. In letzter Instanz wurde die Klage abgelehnt mit der Begründung, bei ‚Der Blechtrommel‘ würde es sich um „ein echtes Kunstwerk“ handeln. Was für Rechtsprechung so wunderbar schwammig ist, dass man fast selbst auf eine Blechtrommel hämmern möchte.

Nächste Woche wenden wir uns der oberen Hälfte der Top 10 zu, wo Ihr glauben werdet, dass ein Mann fliegen kann und die Wiederaufführung eines Films einer Krisenfirma alle anderen alt aussehen lässt! Ich hoffe wir sehen uns im holzvertäfelten, rauchverhangenen Kinosaal von 1979.

Falls jemand ne knackigere Titelidee als „Top 10 Filme von damals“ für eine mögliche Reihe hat, wäre ich Vorschlägen nicht abgeneigt…

Newslichter Ausgabe 64: Disney und die Filmarchive, schnelles Netflix und eine Star Wars Trilogie weniger

Willkommen zur 64ten Ausgabe des Newslichters. Lasst mich kurz etwas nachschauen… Nein, diese Woche hat kein älterer Regisseur irgendwas zum Thema Superhelden zu sagen gehabt. Was für eine Erleichterung. Um das Thema Disney kommen wir natürlich trotzdem nicht herum. Aber wer diese Reihe liest erwartet inzwischen wohl schon kaum noch etwas anderes. Legen wir ohne große Vorrede direkt los:

 

Disney schließt die FOX-Archive?

https://www.vulture.com/2019/10/disney-is-quietly-placing-classic-fox-movies-into-its-vault.html

Mit dem Kauf von FOX hat Disney ein beeindruckendes, filmhistorisch bedeutsames Repertoire erworben. Einen ganzen Katalog an Filmen, die für Programmkinos überall auf der Welt von größtem Interesse sind. Womöglich zeichnet sich derzeit auf dem nordamerikanischen Kontinent eine alles andere als rosige Zukunft für derartige Programmkinos ab, die, so darf man vermuten, nicht allein dort verortet bleiben wird. Gerade auf der Zielgeraden zu Halloween erfreuen sich Marathons älterer  Horrorfilme in den USA und Kanada größter Beliebtheit. Die Organisatoren solcher Veranstaltungen erlebten allerdings wahren Horror, als ihnen von FOX, mit oftmals kürzester Vorwarnzeit, mitgeteilt wurde, dass Titel wie ‚Das Omen‘, ‚Alien‘ oder ‚Die Fliege‘ nicht mehr für kommerzielle Vorstellungen bereit stehen würden. Das da etwas im Busch war konnte man schon vor ein paar Monaten ahnen, als ein Programmkinobetreiber die Information bekam, eine bereits zugesagte Kopie von ‚Fight Club‘ würde nicht mehr verschickt. Hier machte FOX/Disney nach einiger Presseaufmerksamkeit noch einen Rückzieher. Das scheint sich nun geändert zu haben. 100 Jahre Studiogeschichte und damit Filmgeschichte verschwinden womöglich in einem Archiv.

Vielleicht fragt Ihr Euch, was daran nun so tragisch sei. ‚Die Fliege‘ könnt Ihr streamen, oder von Euren Heimmedien schauen. Das ist richtig, doch halte ich diese Nachricht für wesentlich, ob Ihr nun in Programmkinos geht oder nicht. Und zwar deswegen, warum Disney das macht. Das machen die ja nicht aus Bösartigkeit. Das machen die auch nicht um vorsätzlich die Filmgeschichte unter den Teppich zu kehren. Der Grund wird offenbar, wenn man liest, dass sie die Filme für Vorstellungen, die nicht für Profit ablaufen, durchaus noch herausgeben.

Der Grund ist, dass sich Disney für nichts anderes mehr interessiert als für Ihre Blockbuster. Der Gedanke, dass ein Film, und sei es einer aus ihren eigenen Archiven, einem ‚Star Wars‘, einem ‚Avengers‘ oder irgendeinem „realen“ Zeichentrickremake auch nur eine kommerzielle Leinwand wegschnappen könnte ist für Disney schmerzhaft. Sie wollen Filme, die die Milliardengrenze knacken und das geht nicht, wenn in irgendeinem Kino Leute 30 Jahre alte Sachen schauen! Das können die bei irgendeiner gratis Museumsvorführung machen, aber doch nicht in einem modernen Kino, wo stattdessen ‚Spider-Man‘ laufen könnte! Es ist ein weiterer Vektor zur von mir vielbeschworenen filmischen Monokultur, auf die Disney hinarbeitet. Die Tatsache, dass eine Monokultur den Boden verarmt, in diesem Fall vielen ohnehin schon schwankenden Kinos den Todesstoß versetzen wird, scheint zumindest im Moment nicht von Interesse zu sein. Disney ist derzeit schließlich „nur“ für 40% der nordamerikanischen Kinokartenverkäufe verantwortlich! Da sind 60% übrig, die irgendeinen Mist gucken! Da muss doch was unternommen werden!

Ich kann verstehen, wenn manche von Euch von meinen „Disneys Monopol ist schlecht“ Kommentaren inzwischen gelangweilt sind. Ich werde aber in absehbarer Zukunft nicht darauf verzichten, denn Disneys Monokultur schadet dem Film auf mannigfache und  – wie dieser Fall meines Erachtens zeigt – oft überraschende Weise.

 

Netflix beschleunigt auf 150%

https://variety.com/2019/digital/news/netflix-variable-playback-speeds-test-1203383583/

Habt Ihr mal uralte Stummfilmaufnahmen, die mit 16 oder 18 Bildern pro Sekunde aufgenommen wurden, bei typischen 24 Bildern pro Sekunde abgespielt gesehen? Wenn sich alles etwas schneller bewegt als es eigentlich sollte? Und dadurch wahnsinnig albern wirkt? Das mag für Buster Keaton gerade noch funktionieren, bei ‚Nosferatu‘ aber wirkt es fatal. Oder? Vielleicht habt Ihr Euch heimlich schon einmal gewünscht alles so schauen zu können? Falls ja, kann Euch Netflix vielleicht bald helfen. Einige Nutzer von Netflix Android auf mobilen Geräten haben in letzter Zeit nämlich eine Funktion gefunden, Filme mit 1,5 facher Geschwindigkeit abzuspielen! Ist das nicht herrlich? Nun braucht man sich für Scorseses ‚The Irishman‘ keine 3, 5 Stunden zu nehmen, jetzt kann man eine zügige Achterbahnfahrt draus machen, da wird er sich freuen!

Aber ernsthaft: hat da irgendjemand wirklich Bedarf nach? Bevor ich einen Film im Schnellvorlauf schaue, schaue ich ihn lieber gar nicht. Ich weiß, bei reinen Audioinhalten, also Podcasts oder Audiobüchern, ist das bei manchem durchaus beliebt. Aber bei Audiovisuellen Medien wie Filmen oder Serien? Da erscheint es mir geradezu irrsinnig. Ich zitiere jetzt nicht die Stellungnahme eines Netflix Sprecher dazu, weil der mir zu oft das Wort „Content“ benutzt. Das macht mich bei einem Anbieter, sei es von Texten oder Filmen, ähnlich misstrauisch wie ein Restaurant, dass seine Gerichte nur als „Nahrung“ bezeichnet. Aber daraus geht hervor, dass es noch fraglich ist, ob es eine allgemeine Option für Netflix wird, oder bei diesem Testlauf bleibt. Ich meine, ich wünsche mir oft, Filme wären kürzer, aber doch nicht so!

 

Keine Benioff & Weiss ‚Star Wars‘ Trilogie

https://deadline.com/2019/10/star-wars-setback-game-of-thrones-duo-david-benioff-d-b-weiss-exit-trilogy-1202771184/

Die ‚Game Of Thrones‘ Showrunner Benioff und Weiss haben sich mit der letzten Staffel der Serie nicht eben viele Freunde gemacht. Viel wurde darüber spekuliert, ob die gehetzte Erzählweise der Serie damit zusammenhing, dass die beiden sich ihrem nächsten Projekt, ihrer eigenen ‚Star Wars‘ Trilogie, zuwenden wollten. Nun, falls das der Grund war, dann hätte es sich nicht gelohnt. Denn aus der Trilogie wird nichts. Angeblich, weil Benioff und Weiss nicht genug Platz in ihrem Terminkalender haben, da sie Verträge mit Netflix unterschrieben haben. Ob das wirklich der Grund ist, oder ob Disney nach der Reaktion auf die letzte ‚GoT‘ Staffel umgedacht hat, wird man wohl nie wirklich erfahren. Sorgen, dass wir in Zukunft nicht genug Sternenkriege bekommen, müssen wir uns jedenfalls dennoch keine machen…

 

Wir sehen uns nächste Woche wieder. Dann mit der Option diesen ganzen Blödsinn 1,5-mal so schnell zu lesen (lasst einfach die Hälfte jedes zweiten Wortes aus!). Bis da. Ich fr mich dra.

‚Die Mächte des Wahnsinns‘ (1994) – „Lesen Sie Sutter Cane?“

John Carpenter hat, von seinem Überraschungserfolg ‚Halloween‘ 1978 angefangen, die gesamten 80er Jahre hindurch eine absolut beeindruckende Filmografie ohne echte Fehltritte aufzuweisen. Zumindest in der Rückschau. Bei ihrem Erscheinen wurde nicht jeder der Filme wohlwollend aufgenommen und manche wurden ordentliche finanzielle Flops (‚The Thing‘, ‚Big Trouble in Little China‘). Doch im Rückblick wird eine sehr klare Vision deutlich. Eine die nicht immer mit dem Geschmack der Zeit übereinstimmte. In den 90ern wurde diese Erfolgssträhne allerdings deutliche Knicke. ‚Flucht aus L.A.‘ ist jedenfalls schwer zu übersehen. Sein Werk in den 2000ern ist dann kaum noch der Erwähnung wert. Mit ‚Ghosts of Mars‘ wartet definitiv kein falsch verstandener Schatz auf seine Neuevaluation. Schauen wir uns heute den Film an, den ich als den letzten wirklich großen des Meisters des Horrors betrachte: ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ von 1994.

In der Rahmenhandlung des Films erzählt Versicherungsermittler John Trent (Sam Neill), in seiner Zelle einer Nervenheilanstalt, Dr. Wren (David Warner) welche Umstände ihn dorthin geführt haben.

Trent wird von einer Versicherung, bei der der Verlag Arcane unter Vertrag ist, beauftragt das angebliche Verschwinden des Starautors des Verlags, Horrorlegende Sutter Cane (Jürgen Prochnow), zu untersuchen. Der Zyniker Trent geht von einer umfangreichen Werbeaktion aufgrund des Erscheinens von Canes neuem Roman „In The Mouth of Madness“ aus, der bereits vor Veröffentlichung eine Art Massenhysterie auszulösen scheint. Selbst die Tatsache, dass er von Canes Literaturagenten mit einer Axt attackiert wird, bringt ihn von dieser These nicht ab. Die Lektüre von Canes bisherigen Büchern hat zwar eine gewisse suggestive Wirkung auf Trent, allerdings entdeckt er auch eine Karte zum angeblich von Cane erfundenen Ort Hobb’s End. Gemeinsam mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen), macht sich Trent auf den Weg nach Hobb’s End. Sie mit dem Ziel Cane zu finden, er mit dem Ziel eine gigantische Inszenierung aufzudecken. Sie werden beide etwas anderes finden als sie erwarten.

Der Film bezieht sich direkt auf zwei wichtige Säulen der amerikanischen Horrorliteratur. Der megaerfolgreiche Autor Sutter Cane, der weltweit gelesen wird, steht natürlich stellvertretend für Stephen King. Fast hat man den Eindruck, der Name sei in Absprache mit Anwälten so gewählt, dass er gerade eben weit genug entfernt ist, um eine Unterlassungsklage zu vermeiden. Auch die wunderbar reißerisch-blutigen Cover seiner Bücher sind voll in der Zeit der Entstehung des Films verhaftet. Die Tatsache, dass jenseitige Mächte Canes Literatur als Vektor benutzen wollen, um die Realität umzuschreiben und sich so selbst in die Welt zu gebären, ist eine, die genauso von Howard Phillips Lovecraft stammen könnte. Auch sehen wir im Film immer wieder direkte Anspielungen auf das Werk Lovecrafts. Die Unterkunft von Styles und Trent in Hobb’s End, das Pickman Hotel etwa, ist dabei sowohl Anspielung auf das Gilman Hotel aus „Schatten über Innsmouth“, einer Geschichte über eine mysteriöse Kleinstadt und „Pickmans Model“, wo es um einen Künstler geht der von unirdischen Wesen inspiriert wird. Und selbstverständlich sind der Originaltitel des Films ‚In The Mouth of Madness‘, sowie fast alle Cane Romantitel, Anspielungen auf Geschichtentitel Lovecrafts.

Carpenter vermeidet dabei einen Fehler, den viele direkte Adaptionen von Lovecraft begehen: er vermeidet zu viel von jenen unergründlichen Wesenheiten zu zeigen, hält sie damit geheimnisvoll und macht sie nicht zu billigen Schleimtentakeln. Vielmehr zeigt er ihre absolute Macht der Realitätsveränderung. Hierfür arbeitet er gerne mit Wiederholungen. Das beginnt schon bei Trents Lektüre der Cane Romane, wo eine Begegnung mit einem brutalen Polizisten, der einen Sprayer verprügelt, sich in immer schlimmerer und schließlich wortwörtlich alptraumhafter Weise wiederholt. Bei der Fahrt nach Hobb’s End überholt Styles wieder und wieder einen Radfahrer. Zunächst als Jungen, schließlich als uralten Mann (der immer noch die Stimme eines Kindes hat). Auch spielt der Film direkt mit der Idee der Wiederholung einer Geschichte, zunächst als Roman, dann als Film und schließlich als… Realität.

Carpenter zitiert sich filmisch hier durchaus gewollt auch selbst. Der Film beginnt mit dem Drucken eines Sutter Cane Romans, also der Herstellung des Werkzeugs des Bösen, was an den Anfang von ‚Christine‘ denken lässt, wenn der fiese Plymouth vom Band läuft. Das Erscheinen des axtschwingenden Literaturagenten im Hintergrund einer Szene, der sich dann langsam in den Vordergrund vorarbeitet, lässt an Michael Myers denken. Der Umgang mit dem Verlust von Identität und Realität gemahnt an ‚The Thing‘ nur auf einer größeren, globalen Ebene. Dabei erwecken diese Selbstreferenzen aber nicht ein Gefühl der Ideenlosigkeit, sondern es hat beinahe etwas von einer Ehrenrunde. Fast als hätte Carpenter geahnt, dass er hier zum letzten Mal eine wirklich große filmische Ambition angeht.

Und ein ambitionierter Film ist es ohne Frage. Der Film wird oft als der dritte Film von Carpenters „Apocalypse Trilogy“ geführt, zusammen mit ‚The Thing‘ und ‚Die Fürsten der Dunkelheit‘. Tatsächlich kommen wir dem Ende der Welt hier näher als in irgendeinem der anderen Filme und Carpenter inszeniert Canes gottgleiche Fähigkeiten, die ihm die „Mächte des Wahnsinns“ verliehen haben, mit erkennbarem, filmischen Vergnügen („meine liebste Farbe ist blau!“).

Ganz wichtig bei einem Carpenterfilm ist natürlich auch die Musik. Für den Titelsong wollte Carpenter eigentlich einen Metallica Song. Letztlich bekam er die Rechte nicht (ich vermute sie wollten mehr dafür haben, als er bereit war zu zahlen) und so bewies Carpenter selbst, dass er nicht nur Synthesizer beherrscht, sondern durchaus auch ordentliches Gitarrengeschraddel. Auch der Rest des Soundtracks (den Carpenter zusammen mit Jim Lang geschrieben hat) enthält Gitarren, wenn auch sanftere, aber auch menschliches Stöhnen oder tatsächlichen Gesang, aber natürlich auch finstere Synthie-Streicher und elektronische Töne. Von allen seinen Soundtracks dürfte dieser hier derjenige sein, der alleinstehend am unheimlichsten ist.

Schauspielerisch gehört der Film absolut Sam Neill. Sein Weg vom skeptischen Zyniker, der an seinem Weltbild und schließlich seiner Idee von sich selbst zweifeln muss, ist glaubhaft vollzogen. Außerdem beherrscht es kaum ein anderer wie Neill absolute Unsympathen zu verkörpern, denen man sich dennoch schwer entziehen kann. Julie Carmens Linda wird vom Film hingegen ein wenig stiefmütterlich behandelt. Sie hängt sich zwar sehr rein in die Rolle der, mehr oder weniger unauffällig, in Cane verknallten Lektorin, doch endet ihre Geschichte ein wenig früher als gut ist und bleibt ein wenig im Nichts hängen.

Was bleibt ist ein hochambitionierter Film über die Wirkmacht von medialen Ereignissen, der seinen apokalyptischen Ansatz mit recht bescheidenen Mitteln eindrucksvoll herüberbringt. Nicht ohne Fehler, vielleicht mit ein paar erzählerischen Ansätzen die in einer Sackgasse enden, aber im Großen und Ganzen wunderbar gelungen.

 

Fun Fact: wer genau hinschaut, kann ein paar ehemalige und zukünftige Filmschurken ausmachen. Einer der Bewohner von Hobb’s End wird unverkennbar vom deutschen Boxer Wilhelm von Homburg gespielt, besser bekannt als „Vigo von Homburg Deutschendorf, die Geißel der Karpaten, das Leiden von Moldawien“ aus ‚Ghostbusters II‘. Und nach seiner Rückkehr aus Hobb’s End trifft Trent auf einen Zeitungsjungen. Dargestellt von einem jungen Hayden Christensen, Anakin „Ani“ Skywalker aus den ‚Star Wars‘ Episoden II und III.

 

Horrortipps für Hallowe’en

Da ich mit meiner Geschwindigkeit von Besprechungsveröffentlichungen von 1/Woche niemals alle Filme werde besprechen können, über die ich gerne reden würde, nehme ich hier mal die Gelegenheit wahr, Euch ein paar seltener erwähnte Horrorfilme ans Herz zu legen. Viel mehr als ein paar empfehlende Worte werde ich dabei nicht geben, es ist also durchaus möglich, dass der eine oder andere in Zukunft noch eine volle Besprechung bekommt. Wer also für die Woche vor Hallowe’en (hey, wenn Agatha Christie das so schreibt, werde ich ihr wohl kaum widersprechen) oder darüber hinaus noch gruselige Programmtipps braucht, ist hier genau richtig.

 

‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ (1964)

Um einmal Loriot vollkommen abgewandelt zu zitieren „ein Hallowe’en ohne Vincent Price ist möglich, aber nicht wünschenswert“. Sämtliche der Edgar Allan Poe Adaptionen, die B-Movie Papst Roger Corman in den 60ern gedreht hat, sind sehenswert. Nicht nur wegen Price. Diese Adaption von „Die Maske des Roten Todes“ (mit Elementen von „Hopp-Frosch“) ist aber sicherlich die Schönste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein junger Nicolas Roeg (‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘) hinter der Kamera stand. Und der weiß, wie man mit Farben umgeht, selbst in seinem ersten Farbfilm. So taucht hier nicht nur der Rote Tod, Manifestation einer Seuche, die den grausamen Prinzen Prospero (Price) heimsucht, der in seinem Palast feiert, während seine Untertanen sterben, sondern ein ganzes Farbenspektrum an Toden auf. Für seine Verhältnisse unerhörte 5 Wochen drehte Corman diesen Film. Britische Crews, sagte er später, seien einfach zu langsam. Dafür sieht‘s am Ende halt auch gut aus.

 

‚Kill List‘ (2011)

Bleiben wir noch eine Weile auf den britischen Inseln. Ben Wheatleys ‚Kill List‘ beginnt zunächst mal so gar nicht wie ein Horrorfilm. Zwei Auftragskiller wollen nach einer längeren Pause (aufgrund gewisser Vorkommnisse in Kiew) einen neuen Job annehmen. Sie erhalten von einem mysteriösen Auftraggeber eine „Kill List“, die verschiedene Opfer in England auflistet. Es entspinnt sich ein merkwürdiger, brodelnder Thriller, der an den Grundfesten der Zivilisation zu hämmern scheint und keinen menschlichen Abgrund auslässt. Und dann legt sich der Film steil in die Kurve und wird wirklich merkwürdig. Es ist schwer den Film als meinen liebsten von Wheatley zu bezeichnen, weil er durchaus gewollt abstoßend ist. Doch ist es einer, der fraglos große Wirkung auf mich hat und den ich fast nie besprochen sehe.

 

‚X-Tro‘ (1982)

Es ist recht schwer in diesem Film, der Ende 1982 erschien keine Reaktion auf ‚E.T.‘ zu sehen. Der deutsche Untertitel ist da gänzlich schmerzfrei und bemerkt direkt „nicht alle Aliens sind freundlich“. Hier scheint sich Autor/Regisseur Harry Bromley Davenport allerdings gefragt zu haben, von welchen Genres ‚E.T.‘ a weitesten entfernt sei. Seine Antwort war offenbar „britischer Sozialrealismus“ und „absurder Horror“. Denn diese beiden vermischt der Film auf eine Weise, die ich nirgendwo anders wieder gesehen hätte. Der Vater eines Jungen wird augenscheinlich von Aliens entführt und kehrt drei Jahre später verändert zurück. Allein diese Rückkehr ist derart grotesk, dass man sie schwerlich vergessen wird. Als er erschien galt der Film als widerlicher Trash, der mit einem ekligen ‚E.T.‘ Ripoff schnelles Geld machen wollte. Seine große Entdeckung als „Kultfilm“ steht noch aus, oder findet vielleicht nie statt, doch eines ist dieser Film sicher nie: vorhersehbar!

 

‚The Borderlands‘ (2013)

Found Footage Filme sind so eine Sache. Ähnlich wie Zombies haben sie sich in den letzten Jahren ein wenig totgelaufen. Doch beherrschen sie gewisse Dinge besser als viele andere Filme. So können sie ein Gefühl der Klaustrophobie ganz hervorragend transportieren. Und Klaustrophobie bietet dieser Film wie kaum ein anderer. Ein vom Vatikan beauftragtes Expertenteam, bestehend aus einem Skeptiker, einem Technikexperten und einem Priester, sollen mysteriöse Vorkommnisse in einer abgelegenen englischen Kirche untersuchen. Zunächst sind sie sicher, der örtliche Priester habe diese hier inszeniert, um ein „Wunder“ zu schaffen, doch als ihnen aus der schweigsamen Ortschaft brutale Ablehnung entgegenschlägt und in der Kirche sicher nicht wunderbare, aber definitiv seltsame Dinge vorgehen, müssen sie feststellen, dass sie etwas Älterem und Finstererem auf der Spur sind als irgendjemand glaubte. Die letzten Szenen dieses Films, die ich natürlich nicht verraten werde, haben mich wahrlich nach Atem ringen lassen, was nicht häufig vorkommt.

 

‚Hausu‘ (1977)

Ich glaube einer der Gründe warum ich Horror so mag ist, dass, vom Experimentalfilm  einmal abgesehen, es das einzige Genre ist, in dem Surrealismus nicht nur „erlaubt“ ist, sondern beinahe erwartet wird. Und nicht viele Filme sind so surreal und so experimentell wie ‚Hausu‘. Hat man den Film gesehen, ist es beinahe unmöglich seinen Ursprung zu glauben. Das japanische Studio Toho wollte von Regisseur Nobuhiko Obayashi einen Film „inspiriert“ vom Erfolg von ‚Der Weiße Hai‘. Letztlich ließ sich Obayashi von den Ängsten seiner 11jährigen Tochter inspirieren, zu einem Film, der kaum weiter vom Blockbuster entfernt sein könnte. Darin macht ein Mädchen mit ein paar Freundinnen Ferien im abgelegenen Haus ihrer Tante wo… merkwürdige Dinge passieren. Fliegende Melonenköpfe, ein Blut kotzendes Katzenbild oder ein menschenfressendes Klavier werden mit absichtlich wahnsinnig albernen Spezialeffekten in Szene gesetzt. Ist das gruselig? Überhaupt nicht. Aber es ist überraschend, es ist unterhaltsam und es ist vollkommen surreal. Brillanter bonbonfarbener Kitsch, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt!

 

‚Possession‘ (1981)

Eine Scheidung, gerade eine zerstrittene, ist wohl schon grundsätzlich etwas Gruseliges. Die Beziehung zweier Menschen, die dachten sie würden sich ihr Leben lang lieben, desintegriert dabei ziemlich leicht in etwas sehr Hässliches, sehr Furchtbares. Findet eine solche Trennung dann auch noch im vom Kalten Krieg geteilten Berlin statt, dann bekommt sie etwas beinahe Symbolisches. Sam Neill und vor allem Isabelle Adjani geben in Andrzej Żuławski bizarrem Beziehungshorror schauspielerisch wirklich alles. Adjani legt in einer U-Bahn-Station einen Zusammenbruch hin, bei dem man sich nicht mehr sicher sein kann, wo Schauspiel endet und echter Schmerz beginnt. Der Film ist tragisch, eklig, blutig und enthält weit mehr Tentakel als sich wohl irgendjemand wünschen kann. Ich versuche erst gar nicht diesem Film mit Worten beizukommen, dafür bin ich nicht annähernd fähig genug.

 

‚Shadow of the Vampire‘

In meinem Artikel über Filme übers Filmen habe ich diesen „was wäre wenn“ Film von E. Elias Merhige schon einmal erwähnt. In seiner Hommage an F.W. Murnaus ‚Nosferatu‘ geht er der abwegigen Frage nach, was wäre wenn Max Schreck wirklich ein Vampir gewesen wäre. Murnau hat dem Ungeheuer als Gage für seinen Auftritt das Blut von Hauptdarstellerin Greta Schröder versprochen, plant aber den Vampir zu töten bevor der seinen Lohn abholen kann. Alles für die Kunst! Schreck/Orlok wird dabei äußerst großartig von Willem Dafoe verkörpert. Anfangs irgendwo zwischen widerwärtig und beinahe bemitleidenswert, liefert er sich alsbald tödliche Machtspielchen mit Murnau. Wessen Film ‚Nosferatu‘ eigentlich ist, steht bald zur Frage. Deutlich zugänglicher als Merhiges Erstling ‚Begotten‘, richtet er sich dennoch nicht nach erzählerischen Erwartungen.

 

So, jetzt hätte ich auch von Euch gern ein paar ungewöhnlichere Horrorempfehlungen. Schreibt oder verlinkt sie gerne in den Kommentaren.

Newslichter Ausgabe 63: Coppola verabscheut Marvel, Tarantino zensiert nicht für China

Willkommen zum 63sten Newslichter. Na, habt Ihr geglaubt der DISKURS über den cinematischen Wert bzw. Unwert von Marvelfilmen wäre vorüber? Ich gebe zu, ich war so naiv, doch nun mischt sich Francis Ford Coppola in den DISKURS ein. Und so geht der DISKURS von neuem los und da wollen wir natürlich nicht zurückstehen, oder? Oder? Auch sonst bleibt es diese Woche recht politisch mit einem Blick auf den inzwischen nicht mehr wegzudiskutierenden Einfluss Chinas Staatsapparats auf die Unterhaltungsindustrien. Falls das jemandem zu politisch ist, kann ich nur sagen, nächste Woche gibt’s wieder doofe Wortspiele, versprochen! Für alle anderen heißt es, legen wir los.

 

Francis Ford Coppola vs. Marvel

https://news.yahoo.com/coppola-backs-scorsese-row-over-marvel-films-173112180.html

Ich gehe im Folgenden davon aus, dass meine Meinung zu den Scorsese Zitaten bekannt ist und werde mich bemühen nicht allzu viel davon zu wiederholen. Schauen wir zunächst mal, was der 80jährige Herr Coppola im Interview zu Yahoo gesagt hat (meine Übersetzung):

„Wenn Martin Scorsese sagt die Marvel Filme seien kein Kino, dann hat er Recht, denn wir erwarten etwas von Kino zu lernen, etwas herauszuholen, etwas Erleuchtung, etwas Wissen, etwas Inspiration. Ich verstehe nicht, wie jemand etwas daraus herausholt, den exakt gleichen Film wieder und wieder zu sehen. Martin war großzügig als er sagte sie seien kein Kino. Er sagte nicht sie seien verabscheuungswürdig, was ich nun sage, dass sie sind.“

Im Wesentlichen wiederholt Coppola also die Kritik Scorseses. Allerdings formuliert er ein Problem mit den Marvel Filmen aus, dass tatsächlich schwer von der Hand zu weisen ist: die Formelhaftigkeit der Handlung. Die frühen Marvelfilme folgten in der Tat einem exakten Schema. „Held erhält Fähigkeiten, Bösewicht will MacGuffin, Held rettet MacGuffin, Bösewicht erhält dennoch MacGuffin, 30 Minuten CGI-Endkloppe. Völlig zu Recht wurden die Filme zum perfekten Beispiel für die Rückkehr der Studiokontrolle. Sie waren allesamt Kevin Feige Filme, also Produzentenfilme und weniger der kreative Ausdruck ihrer jeweiligen Macher. Als Edgar Wright von ‚Ant-Man‘ „gegangen wurde“ schien es eindeutig, dass Regisseure vor allem da waren, um bestehende Ideen auszuführen und keine Wellen zu schlagen.

Doch würde ich argumentieren wollen, dass sich genau das in den letzten jähren deutlich verändert hat. ‚Guardians oft he Galaxy‘ ist erkennbar ein Gunn Film. ‚Black Panther‘ ein Ryan Coogler. ‚Tag der Entscheidung‘ ein Waititi und so weiter. Selbst ein Film wie ‚Doctor Strange‘ der noch weitgehend der Formel folgt, lässt dem Regisseur große formalistische, gestalterische Freiheit, dass er sich nicht wie vom Fließband anfühlt. Was aber natürlich bleibt sind die Genre Konventionen des Superheldenfilms. Und Konventionen hat nun einmal jedes Genre. Auch etwa der Gangsterfilm sage ich mal, in Hinblick darauf, wo die Kritik herkommt.

Bleibt die Bezeichnung „verabscheuungswürdig“. Das mag seltsam anmuten, aber damit komme ich weit besser klar als mit „kein Kino“. Denn es fehlt die elitäre Note, das sei ja gar keine „richtige“ Kunst. Natürlich kann Herr Coppola die Filme verabscheuungswürdig finden. Natürlich kann man finden, dass das 3 Stunden lange Spielzeugwerbespots sind, für die man auch noch bezahlt. Denn, seien wir ehrlich, die Filme kommen mit Disney von einer Firma die verabscheuungswürdig ist und auch immer war (hier ist ein Artikel, wie Walt seine Animatoren in den 40ern beim FBI als „kommunistische Infiltratoren“ anschwärzte, weil sie es gewagt hatten eine Gewerkschaft zu bilden). Ich habe an anderer Stelle bereits dargelegt, warum ich meine, damit werde nicht automatisch jedes Produkt dieser Firma „verabscheuungswürdig“, aber das kann man auch durchaus anders sehen. Übrigens bin ich keinesfalls so naiv zu glauben, wäre irgendein anderes Studio in der Position von Disney heute, würden sie sich irgendwie anders benehmen. Manche wären wohl noch weit schlechter darin ihre Gier zu verbergen.

Kurz gesagt, die milliardenschwere Marvel Industrie wird sicher nicht an einer Handvoll Kritiker aus der alten Garde der Filmemacher zu Grunde gehen. Waldorf und Statler schaden den Muppets (Disney Property!) nicht und Kritiker sind grundsätzlich nichts Schlechtes. Ich hoffe nur, Entertainment-Reporter machen jetzt keinen Sport daraus, Filmschaffende jenseits der 70 nach Marvel zu fragen, um ein paar tausend Wutklicks für ihren Artikel zu bekommen. Die Monokultur im Blockbusterbereich des Films, gepaart mit dem zunehmendem Desinteresse der großen Studios an allem, was kein Blockbuster ist, sollten (oder müssen) eigentlich eine Kritik hervorrufen, gänzlich unabhängig von der Qualität der jeweiligen Filme, die diese Monokultur hervorbringt. Was mich halbwegs elegant zum nächsten Thema bringt.

 

Tarantino vs. China

https://deadline.com/2019/10/quentin-tarantino-once-upon-a-time-in-hollywood-china-bruce-lee-1202763707/

China ist zu einem wesentlichen Absatzmarkt nicht nur für Hollywood, sondern für zahlreiche Unterhaltungsindustrien geworden. Dies hat diese wiederrum interessant für chinesische Investoren gemacht, was dafür gesorgt hat, dass in Blockbustern nun öfter chinesische Charaktere oder Szenen in China zu sehen sind. Oder das ein Film, wie das ‚Ghostbusters‘ Remake, der nicht in die chinesische, kulturelle Vorstellung der Geisterwelt passt und dort nicht gezeigt wurde, eben auch mal ein Flop wird. So weit so unproblematisch. Ein Problem wird es jedoch, wenn sich Unterhaltungsmacher nach den Vorgaben des autoritären chinesischen Staates richten müssen. Und da gab es in den letzten Wochen einige traurige Beispiele. Von Apple bis zur NBA. Am auffälligsten war vielleicht Videospielkonzern Activision Blizzards vorauseilender Gehorsam, mit dem sie einem E-Sport Profi, der in einem Livestream mit den Hong Kong Protesten sympathisierte, nicht nur die Auszahlung von Siegesprämien abgesprochen haben, sondern ihn auch auf längere Zeit als Spieler gesperrt haben.

Sony hingegen hatten keine Zeit für vorrauseilenden Gehorsam. Mit nur einer Woche Vorwarnung wurde ihnen mitgeteilt, dass der neue Tarantino Film ‚Once Upon A Time In Hollywood‘ in seiner ursprünglichen Form nicht in China gezeigt werden würde. Grund für den Stopp der Aufführung waren einige Gewaltspitzen, sowie vor allem eine Szene, die Bruce Lee nicht eben im besten Licht zeigt. Diese Szene wurde auch hier im Westen durchaus kontrovers diskutiert und Lees Tochter etwa bezeichnete sie als beleidigend. Ich selbst habe den Film noch nicht gesehen und kann daher nichts zu der Szene an sich sagen. Klar ist nur, dass (in dem Moment wo ich das schreibe) Tarantino nicht bereit ist Änderungen an seinem Film vorzunehmen und Sony auf eine Aufführung in China wohl verzichten werden muss.

Das überrascht bei einem Individualisten wie Tarantino nicht wirklich. Sein Vorteil ist natürlich, dass sein Name groß genug ist, um Sony die Veränderungen verweigern zu können. Ein unbekannterer Regisseur hätte diese Möglichkeit nicht. Es zeigt aber auch den Wert von mittelgroßen Produktionen (und ja, ein Film mit gut 90 Millionen Dollar Budget ist eine mittlere Produktion, so seltsam das ist). Der Film hat knapp 370 Millionen weltweit eingespielt, keiner der Inverstoren wird, mit oder ohne China, ärmer nach Hause gehen, als er in den Film hineingegangen ist. Die Erwartung ist auch eine andere als bei einem 300 Millionen-Blockbuster, der die Milliardenmarke lieber knacken sollte. Für so einen Film könnte man auf den chinesischen Markt keinesfalls verzichten und stellt so von Anfang an sicher, dass man nichts einbaut, was der chinesischen Regierung missfallen könnte (Winnie Puuh etwa, der aussieht wie Xi Jinping, falls Ihr es noch nicht wusstet).

Sicherlich ist es für Hollywood Blockbuster nichts gänzlich Neues sich nach Vorgaben richten zu müssen, die (zumindest für mich als Nichtamerikaner) Außenstehende eher bedenklich wirken. Die enge Zusammenarbeit mit der US-Armee etwa, die jede Menge Hardware vor und hinter der Kamera zur Verfügung stellt, mit der Auflage, dass sie nur positiv dargestellt werden darf und natürlich vorher das Drehbuch lesen und zur Not „anpassen“ wird. Wie viele andere Industrien dürften die Hollywood-Studios hoffen, dass sich der Handelskrieg zwischen China und den USA nicht weiter zuspitzt. Sonst könnte es bald recht schwierig werden beide Seiten nicht zu verärgern…

 

So, jetzt habe ich gerade einen Tweet gelesen, der angeführt hat, dass die Marvel Filme mehr als doppelt so viel eingespielt haben, wie Scorseses und Coppolas Filme zusammen. Dann müssen sie ja besser sein. Damit habe ich genug vom Internet für heute. Bis nächste Woche.

‚Berberian Sound Studio‘ (2012)

Film ist ein visuelles Medium. Das ist keine besonders tiefe oder in irgendeiner Art neue Erkenntnis. Und doch besteht Film natürlich aus mehr als nur den Bildern. Seit 90 Jahren ist Ton ein ähnlich integraler Bestandteil. Und schon davor war ein live gespielter Soundtrack nicht unüblich. Doch natürlich sind nicht nur die Bilder eines Films „falsch“, gestellt, geschauspielert, der Ton ist es ganz genauso. Das wissen wir nicht erst seit ‚Die Ritter der Kokosnuss‘. Filme übers Filmen gibt es durchaus recht viele, Filme über das Tonmachen haben vermutlich Seltenheitswert. Und hier kommt Peter Stricklands ‚Berberian Sound Studio‘ von 2012 ins Spiel.

In den 70er Jahren wird der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) vom italienischen Regisseur Santini (Antonio Mancino) in das römische Berberian Tonstudio eingeladen, um dort bei der Postproduktion seines neuen Filmes ‚Il Vortice Equestre‘ die Vertonungsarbeiten zu überwachen. Gilderoy kann dem Namen des Filmes nur entnehmen, dass es um „irgendwas mit Pferden“ geht und ist vor Ort schockiert, dass es sich um einen blutigen „Giallo“ (einen Thriller mit übernatürlichen Elementen) handelt. Wir als Zuschauer bekommen (vom Vorspann abgesehen) nie einen Frame des Films im Film zu sehen und können nur aus Szenentiteln ableiten, dass wiederauferstandene Hexen und ein „gefährlich erregter Goblin“ an einer Reitschule für junge Frauen ebenso zentrale wie mörderische Rollen spielen. Und so reißt der schüchterne Gilderoy bald die Stiele von Radieschen, sticht auf Salatköpfe ein und zermatscht ganze Melonen, um die überzogene Gewalt des Films mit noch überzogeneren Geräuschen zu unterlegen, während in der Tonkabine die Darstellerinnen um das Leben ihrer Charaktere schreien, oder die bizarren Hexenbeschwörungen intonieren. Mehr und mehr scheint Gilderoy vom Gesehenen und seinem eigenen Zutun abgestoßen aber auch fasziniert, bis er darin zu versinken droht.

Was Strickland hier tut, widerspricht natürlich jeder „normalen“ Idee des Films. Jeder Film will seine Nähte verbergen, die Künstlichkeit unsichtbar machen, „echt“ wirken. Hier zeigt er uns verschiedene Ebenen der Postproduktion, die allesamt deutlich zeigen, dass so gar nichts „echt“ an einem Film ist. Film ist Illusion, das wissen wir alle, wollen es aber möglichst für zwei Stunden vergessen. Was Strickland aber auch zeigt ist die Kraft der Suggestion. Nicht nur wir Zuschauer sind bestens in der Lage aus den gehörten Matschgeräuschen allerlei furchtbare Gewalttaten in unseren Köpfen zu formen, selbst wenn  wir sehen, dass es nur Gemüse ist, das hier malträtiert wird. Mehr noch ist es die suggestive Wirkung der Filmszenen auf Gilderoy, der sich mehr und mehr in ihnen zu verlieren scheint, obwohl er doch Teil ihres Schöpfungsprozesses ist. In einer Szene meint er einen Charakter des Films „retten“ zu können, indem er einfach den Moment, wenn sie auf unaussprechliche Weise mit einem glühenden Schüreisen misshandelt wird, nicht mit dem entsprechenden Ton (Wassertropfen in eine heiße Pfanne) unterlegt. Letztlich quält er sich damit allerdings nur selbst, weil er die Szene wieder und wieder sehen muss, während der Rest der Crew auf seinen Einsatz wartet.

Doch auch was Gilderoy angeht beginnt der Film bald Fragen aufzuwerfen. Warum sollte ein italienischer Regisseur einen britischen Toningenieur einfliegen lassen, dessen Meisterwerk eine Naturdokumentation über Wald und Wiesen rund um das Kaff Dorking ist? Der sonst nur Geräusche für Kinderprogramme im Fernsehen macht? Dessen „Tonstudio“ ein Schuppen im Garten seiner Mutter ist? Ausgerechnet aus den unterhaltsam-kafkaesken Szenen zwischen Gilderoy und Elena (Tonia Sotiropoulou), der Empfangsdame des Berberian Studio, deren Englisch immer gerade dann aussetzt, wenn es um die Vergütung von Gildreroys Reisekosten geht, oder die ihn an eine weitere Station der labyrinthinen Finanzabteilung verweist, erwächst bald die größte Frage, was Gilderoy angeht.

Doch ist nicht die ganze Produktion seltsam? Ist es ein reiner „Culture-Clash“, oder sind die italienischen Mitarbeiter schon übertrieben feindselig gegen den introvertierten Briten? Hat der selten gesehene Santini nicht die Aura eines Hohepriesters? Geschrei, Beschwörungen und rituelles Zerhacken von Nahrungsmitteln etwas von einer Beschwörung? Wem gehört die seltsame schwarzbehandschuhte Hand, die den Projektor startet und Gilderoy so den Gewalttaten aussetzt? Bald glaubt man sich im halbdunklen, zigarettenrauchverhangenen Tonstudio zwischen holzvertäfelter, trister 70er-Jahre Optik und beinahe fetischistischen Aufnahmen analoger Tontechnologie so verloren, dass man fast geschockt ist zu hören, ein Charakter säße auf der Terrasse in der Sonne. Oh richtig, wir sind ja in Bella Italia. Da gibt es mehr als Düsternis, Geschrei und Matschgemüse.

Für Giallo Fans gibt es in dem Film fraglos zahllose Anspielungen. Ich bin sicher nicht der größte Experte auf dem Gebiet, doch ist nicht nur im fiktiven Film problemlos eine Anspielung auf ‚Suspiria‘ zu entdecken (mit Reit- statt Tanzschule), auch Santini ist zu gleichen Teilen Hommage an und Karikatur auf Dario Argento. Der junge Mann, der vor allem mit seinem eigenen Vergnügen beschäftigt scheint und nur deswegen da ist, weil sein Vater ein berühmter Regisseur ist, lässt an Lamberto Bava denken. Natürlich ist die schwarzbehandschuhte Hand die jedes ungesehenen Mörders aus einem Giallo, hier bloß mit einem Projektor statt eines Messers bewaffnet. Doch ist da sicherlich noch weit mehr.

Eine Warnung sei noch an diejenigen ausgesprochen, die strikt auf einer linearen Handlung bestehen. Im dritten Akt wird der Film zunehmend erratisch-bizarrer, auf eine Art und Weise, die zahlreiche Interpretationen zulässt, aber nicht unbedingt klare Antworten liefert. Bei meiner ersten Sichtung fühlte ich mich davon ein wenig enttäuscht, doch nun wo ich weiß was mich erwartet, gefällt mir das Ende mit jedem Ansehen besser. Ich habe Vergleiche mit David Lynch gelesen, kann die aber nur teilweise nachvollziehen. Der Film an den mich Stricklands Arbeit hier am ehesten erinnert, ist ‚Videodrome‘. In beiden Filmen verlieren sich die zentralen Charaktere in gesehenen Grausamkeiten, doch gehen Strickland und Cronenberg auf vollständig andere Weise mit diesem Thema um.

Zu erwähnen ist definitiv noch Toby Jones‘ darstellerische Leistung. Er hat eines dieser wahnsinnig ausdruckstarken Gesichter, auf dem sich nur durch winzige Veränderung allerlei Nuancen ablesen lassen. In einer Szene bekleckert sich sein Gilderoy beim Versuch mit einem Mixer voller Tomatenmark ein überzeugendes Kettensägengeräusch zu schaffen selbst. In der folgenden Szene vor dem Spiegel wirkt dies fast wie Blut. Oder eher wie Kunstblut in einem Film. Und Jones wechselt zwischen jenem Mann aus England, der keiner Fliege (oder eher Spinne, in dieser Szene) etwas zu leide tun kann und etwas deutlich Finstererem.

Peter Stricklands Film ist ungewöhnlich, bizarr und reichlich eigen. Ob man ihn überhaupt als Horrorfilm verorten möchte, muss wohl jeder selbst entscheiden, doch wer Interesse daran hat wie die Wurst (oder der Film) gemacht wird, einen weitgehend Nostalgiefreien Rückblick auf ein nur noch selten erwähntes Genre möchte, oder schlicht Vergnügen an ungewöhnlichen Filmen hat, der macht hier sicherlich nichts verkehrt.