‚The Northman‘ (2022) – „You killed my father! Biiig mistake!“

Ich bin ja irgendwo auch lernfähig. Nach einigen Jahren des Filmrezensionen-Schreibens, habe ich etwa verstanden, dass das Fazit einer Besprechung natürlich an deren Ende gehört. Heute will ich mit dieser Konvention aber einmal brechen, nicht zuletzt deswegen, weil mich mein eigenes Fazit ziemlich überrascht. Robert Eggers Blut, Bärte und Bauchmuskeln Wikingerspektakel ‚The Northman‘ ist so nahe, wie wir der Verwirklichung der Arnold Schwarzenegger Hamlet Version aus ‚Last Action Hero‘ jemals kommen werden. Er ist, zugegeben, auch noch mehr als das, aber schon allein damit hätte er bei mir gewonnen. Aber nun ist vermutlich wirklich Zeit, zum Anfang zurückzukehren. Kommen wir zur Handlung.

Im späten 9ten Jahrhundert kehrt König Aurvandil (Ethan Hawke) von erfolgreichem Kriegszug heim, in sein nordatlantisches Inselkönigreich Hrafnsey. Im Kampf schwer verletzt, bereitet er sich darauf vor, den jungen Prinzen Amleth (Oscar Novak) zu seinem Nachfolger zu machen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Aurvandils Bruder Fjölnir (Claes Bang) ermordet ihn und verschleppt Königin Gudrun (Nicole Kidman). Einzig der kleine Amleth entgeht der feindlichen Übernahme und schwört Rache für den Vater und Rettung für die Mutter. Jahre später ist Amleth (Alexander Skarsgård) erwachsen und zieht als hünenhafter Berserker mit einer marodierenden Bande plündernd und mordend durch das Land der Rus. In einem zerstörten Dorf erinnert ihn endlich eine blinde Seherin (Björk) an seinen Schwur. Und so lässt er sich als Sklave nach Island verkaufen, wo Fjölnir inzwischen gelandet ist, nachdem er prompt das usurpierte Königreich verloren hatte. Unterwegs trifft er die Sklavin Olga vom Birkenwald (Anya Taylor-Joy), eine Hexe, die nur zu bereit ist, ihn bei seiner Rache zu unterstützen. Auf Island angekommen stellt sich jedoch heraus, dass die Dinge nicht immer so einfach sind wie sie scheinen.

Robert Eggers ist in seinen Filmen immer bemüht, uns die Welt zu präsentieren, wie seine Protagonisten sie wahrnehmen würden. Mit sämtlichem Aberglauben und Mythen der Zeit als Tatsachen präsentiert. Wenn also in ‚The Witch‘ eine fanatisch-christliche Familie im 17ten Jahrhundert in die Wildnis verbannt wird, dann lebt im Wald selbstverständlich eine Hexe, die für Missernten und verschwundene Kinder verantwortlich ist. Wenn in ‚Der Leuchtturm‘ zwei Männer wochenlang in einem Leuchtturm festsitzen und Terpentinöl mit Honig bis zum Irrsinn saufen, dann ist das Meer und womöglich sogar das Licht des Turms angefüllt von Geheimnissen, Mythen und tiefen Wesen. Eggers lässt diese Charaktere der daraus abgeleiteten Moral und den Prinzipien ihrer Zeit nach handeln und urteilt nicht über sie. Das überlässt er denen, die seinen Film schauen.

Genauso funktioniert auch ‚The Northman‘. Zum Gelingen dieser glaubhaften Darstellung einer übernatürlichen Welt gehört für ihn erst einmal aber eine glaubwürdige Darstellung der tatsächlichen Welt des 9ten Jahrhunderts. Und die präsentiert er uns hier als kalt und grau und unfassbar nihilistisch. Mit erheblichem Aufwand in Kulissen und Ausstattung versetzt er uns in eine Welt, in der der Starke den Schwachen zerstört. Wenn der Glück hat, denn dann kann er immer noch in Walhall einziehen. Hat er Pech wird er zum Sklaven und lebt und stirbt in Schande. In dieser Welt überrascht es denn tatsächlich nicht, dass Amleth eine draugr-Klinge findet. Ein magisches Schwert, das nur des Nachts oder an den Toren zu Hel gezogen werden kann, dann aber immer sein Ziel findet. Es ist eine Welt, in der das hellste Licht das einer kriegerischen Nachwelt ist.

Wo Shakespeares Hamlet ein ewiger Zweifler ist, kann dieser Amleth, der auf früheren Fassungen der Sage beruht, von seinem Ziel bestenfalls abgelenkt werden. Sei es durch ein Leben von grausigem Mord oder der Aussicht eine Familie zu gründen. Doch am Ende steht immer wieder das Ziel Rache zu üben und würdig in Odins Hallen einzuziehen. Dabei spielt Eggers aber auch immer wieder mit der Shakespearefassung. Sei es das Amleth auf den Schädel von Hofnarr Heimir (Willem Dafoe (übrigens, Eggers scheint der Meinung, wann immer Dafoe in einem Film zu sehen ist, sollte jemand furzen… wer bin ich, ihm da zu widersprechen) trifft und bemerkt er kannte ihn gut, oder sich der perfide Onkel eben nicht da versteckt, wo ihn Amleth (trotz Unkenntnis des Stücks) selbstverständlich vermutet.

Ich würde den Film dennoch als wahrscheinlich Eggers bislang schwächsten einordnen. Das klingt jetzt negativer als es gemeint ist. Ich finde ‚The Witch‘ und ‚Der Leuchtturm‘ nur zwei derart dichte, hochatmosphärische Filme, die eben genau von ihrem begrenzten Handlungsraum (umgeben von feindlicher Unendlichkeit) profitieren dass ich ‚The Northman‘ gerade im Mittelteil als etwas mäandernd wahrgenommen habe. Ob es z.B. den Ausflug zum Knattleikr, einer Art Proto-Hockey, bei dem der Schläger vor allem zum Brechen der gegnerischen Knochen verwendet wird, wirklich gebraucht hätte, weiß ich nicht. Aber das sind fraglos Wachstumsschmerzen, die mit einem plötzlich weit höheren Budget und weit größerem Rahmen einhergehen. David Lowery ist dieses Wachstum kürzlich mMn. mit ‚The Green Knight‘ besser gelungen. Aber der hatte ja auch schon Erfahrung dank ‚Elliot, der Drache‘.

Das ist aber alles freundliches Gemecker auf sehr hohem Niveau. Eggers gelingt immer noch ein zutiefst stimmungsvoller und sehr einmaliger Film. Als Vergleich würde mir höchstens Nicolas Winding Refns ‚Walhalla Rising‘ einfallen. Und der ist auch schon wieder 13 Jahre alt.

Die Darsteller machen ihre Sache durch die Bank sehr gut, ohne dass ich einzelne Leistungen besonders hervorheben möchte. Manches ist erstaunlich, etwa dass Nicole Kidmans Gudrun in der Zeit in der Amleth zum Riesen wächst und Fjölnir ergraut keinen Tag zu altern scheint. Aber das ist halt Hollywood-Konvention und sicher nicht Schuld der Darstellerin. Im Gegenteil, Kidman ist sehr gut aufgelegt. Ach ja, hier ist wieder einer dieser Fälle, wo alle amerikanischen/britischen Darsteller mit ihrer Idee eines norwegischen Akzents sprechen, was ich immer noch ziemlich anstrengend finde. Andere Darsteller haben ihre tatsächlichen dänischen, schwedischen oder isländischen Akzente, das ist natürlich völlig okay, nur damit wir uns nicht missverstehen!

Also, wie komme ich zu meinem eingänglichen Fazit? Nun, der Film betont Körperlichkeit, wirkt aufgrund seiner Kälte oft fast monochrom und das Finale sind zwei nackte Kerle, die sich am Rand eines Vulkans in Stücke hacken. „Let off some steam, Fjölnir!“ (sagt selbstverständlich niemand) Aber ich bin mir auch bewusst, dass ich damit falsche Erwartungen wecke. Denn wer hier zwei Stunden pure Wikinger-Action erwartet wird sicherlich enttäuscht werden. Wer aber bereit ist sich auf Eggers Welt einzulassen und sich von ihr verstören zu lassen, bekommt hier einen ziemlich grandiosen Film geliefert.