‚Wir‘/‘Us‘ (2019)

‚Get Out‘, die erste Arbeit von Comedian und Schauspieler Jordan Peele als Autor/Regisseur war ein so großer Erfolg, wie man ihn sich nur wünschen kann. Positiv aufgenommen bei Kritik und Publikum, ein finanzieller Erfolg und mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet, darunter dem Oscar für das beste Drehbuch. Er kann sich damit in die kurze Liste erfolgreicher Hollywood Filmemacher einordnen, die einen tatsächlich komplexen Beitrag zum Thema „Rasse“ abgegeben haben, indem sein Horrorfilm die Kommodifizierung schwarzer Identitäten ihrem gleichzeitigen Verachtetwerden gegenüberstellte. Im, nach diesem Erfolg vermutlich schwierigen, zweiten Film, arbeitet er mit ähnlich großen Metaphern, allerdings ist der Rahmen für die Interpretation diesmal deutlich weiter gespannt.

Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o), ihr Mann Gabe (Winston Duke) und ihre gemeinsamen Kinder Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex) machen Ferien in ihrem Sommerhaus bei Santa Cruz. Gabe hat sich zu einem Treffen mit einer befreundeten Familie an einem nahen Strand verabredet. An eben jenem Strand hatte Adelaide, mehr als 30 Jahre zuvor, in einem Spiegelkabinett eine mysteriöse Begegnung, die dafür sorgte, dass sie über Jahre nicht mehr gesprochen hat. So kehrt sie nur widerwillig und von bösen Vorahnungen geplagt an diesen Ort zurück. Sie soll Recht behalten, denn am Abend steht plötzlich eine Gruppe exakter Doppelgänger der Familie in der Einfahrt des Ferienhauses. Mit Scheren in den Händen und erkennbar schlechten Absichten.

Der Hauptgrund für das Funktionieren des Films liegt darin, wie gut es Peele gelingt seine Charaktere zu zeichnen, bevor der eigentliche Schrecken beginnt. In wenigen Szenen legt er die Dynamik der Familie Wilson dar. Man wäre fast gewillt einen Film nur über ihren Urlaub zu sehen, mit Diskussionen über Motorboote, Zaubertricks und ob Tochter Zora weiter Langlauf trainieren sollte. Auch die „befreundete“ (Adelaide mag sie erkennbar nicht besonders) Familie, reicher und dysfunktionaler als die Wilsons, wird in nur wenigen Dialogzeilen genau umrissen.

Wenn der Horror dann beginnt, spielt der Film lange Zeit mehr mit der potentiellen Bedrohung von Gewalt als ihrer eigentlichen Anwendung. Er beginnt als typischer Home-Invasion-Thriller. Die Doppelgänger dringen ins Haus ein und trennen die Familie. Zeigen Merkmale, die sie wie Zerrspiegelversionen der Familie wirken lassen. So lächelt die Doppelgängerin der dauerschlechtgelaunten Teenie Tochter ununterbrochen, oder der Doppelgänger des jungen Sohns, der den ganzen Film mit einer Maske des Universal Wolf Mans herumlief, bewegt sich geradezu tierhaft. Überhaupt spielt der Film viel mit Spiegelbildern. So etwa der immer wiederkehrende, biblische Verweis auf Jeremia 11,11*. Zahlreiche Szenen finden später im Film ein leicht verzerrtes Echo, oder eine Spiegelung, abgesehen von den Momenten die ganz direkt damit spielen.

Was meinte ich in der Einleitung mit weitem Rahmen für die Interpretation? Nun, die Doppelgänger, die aus der Tiefe heraufsteigen können für so einiges stehen. Sind sie das Unterbewusste, das freudsche Es, das sich von den Fesseln des Ichs losschneiden will? Stehen sie symbolisch für die ignorierte Unterschicht? Der Film beschäftigt sich viel mit dem Thema „Klasse“. So kauft etwa Gabe ein altes Motorboot im hilflosen Versuch mit der Yacht seines reicheren Freundes mitzuhalten. Monströs verdrehte Wesen, die der Erde entsteigen lassen natürlich an die Morlocks aus H. G. Wells „Zeitmaschine“ denken. Auch dort eine ignorierte, industrielle Unterschicht. Weiß zufällig jemand, ob die „aufklaffende Schere“ auch in den USA ein Symbol für soziale Ungerechtigkeit ist? Das würde die Wahl der Waffen der Doppelgänger erklären. Vielleicht ist ‚Wir‘ auch einfach nur eine Antwort auf den französisch-rumänischen Home-Invasion-Slasher ‚Them‘/‘Ils‘ (Die Doppeldeutigkeit des Titels ‚Us‘/‘US‘ hat der deutsche Titel ja mal eben wegrationalisiert).

All das unterlegt Peele mit einer ordentlichen Portion Augenzwinkern. Und der Humor funktioniert, meiner Meinung nach, hier sogar besser als noch bei ‚Get Out‘, wo er vor allem aus Anrufen des Hauptcharakters bei seinem Kumpel am Flughafen bestand. Hier vermischt sich Dialoghumor, wenn etwa die Kinder nicht wissen, was ‚Kevin allein zu Haus‘ ist, mit visuellem Augenzwinkern, in der ersten Szene der Rückblende in Adelaides Kindheit ist eine Videokassette des Films ‚C.H.U.D.‘ neben einem Fernseher zu sehen, auf dem ein Werbespot für die Aktion „Hands Across America“ läuft und somit eine unauffällige Zusammenfassung der Story liefert. Auch in der Musik liegt oft genug eine gewisse Komik. Wenn gleich zu Anfang ein Kinderchor auf Latein losschmettert, dass man erwartet, gleich käme „Ave Satanis“ aus ‚Das Omen‘ um die Ecke muss man schon ein wenig grinsen und das weiß der Film genau. Einen besonders gelungenen Audiogag während einer an sich recht brutalen Szene möchte ich hier nicht verraten.

Das soll aber nicht bedeuten, dass Komponist Michael Abels (mit dem Peele auch bei seinem ersten Film zusammengearbeitet hat) keine gruselige Atmosphäre schaffen kann. Die Vermischung menschlicher Stimmen mit stechendem Streichereinsatz ist auch in dieser Hinsicht durchaus effektiv.

Wenn ich auf die Schauspieler zu sprechen kommen will, muss natürlich zuerst einmal erwähnt werden, dass praktisch alle Schauspieler zwei Rollen spielen. Allen anderen voran ist Lupita Nyong’o sensationell in ihrer Doppelrolle. Als Adelaide ganz liebevolle Ehefrau und Mutter, aufgrund ihres eigenen traumatischen Erlebnisses vielleicht ein wenig zu beschützerisch was ihre Kinder angeht, während Red (die Namen der Doppelgänger erfährt man erst im Abspann) rücksichtslos ihre Familie als Ressource verwendet. Während die anderen Doppelgänger mit kalter Präzision zu Werke gehen, liegt ihrem Umgang mit den Wilsons ein hasserfüllter Sadismus zu Grunde. Obwohl erkennbar dieselbe Person, legt Nyong’o beide Charaktere doch körperlich derart anders an, dass jede Verwechslung ausgeschlossen ist. Eine tief  beeindruckende Doppelrolle.

Für mich ist hiermit die Nachfolge zu ‚Get Out ‚ gelungen. Wer sich dort allerdings am mangelnden „Realismus“ des Kerns der Metapher gestört hat, der wird hier vermutlich auch nicht glücklich werden. Woher seine Doppelgänger nun wirklich kommen klärt der Film nämlich nicht eben restlos auf. Mich stört das nicht im Geringsten. Ich freue mich schon darauf, den Film ein zweites Mal zu sehen und noch mehr Anspielungen und Gags zu entdecken.

 

PS: man liest immer wieder Kommentare, die sich wundern, dass Jordan Peele von der Comedy zum Horror gewechselt ist. Habt Ihr mal „Key & Peele“ gesehen? In zahlreichen Sketchen nähert er sich schon da dem Horror an. Das folgende Video funktioniert vermutlich nur für Leute, die sich an ‚Alle unter einem Dach und Steve Urkel erinnern…

 

*“Darum werde ich, der HERR, Unheil über sie bringen, dem sie nicht entrinnen können. Und wenn sie zu mir um Hilfe schreien, höre ich nicht darauf.“
Also eine der fröhlicheren Passagen des Alten Testaments…

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Etruskischer Horror auf Fantastische Antike

Sowohl die antiken Hellenen als auch die Römer sind gern gesehene Gäste in vielerlei Filmen. Vom Geschichtsepos bis zur Fantasy. Wenn es jedoch um Horror geht, dann sind von allen antiken Mittelmeeranrainern sicherlich die alten Ägypter, nicht zuletzt dank ihrer Mumien, ganz vorne mit dabei.

Auf seinem Blog Fantastische Antike hat Michael Kleu jetzt einen faszinierenden Artikel der französischen Doktoranwärterin in Kunstgeschichte Julie Labregère übersetzt, der einen unerwarteten Herausforderer ins Feld führt: die alten Etrusker. Ja, jenes Italikervolk aus der heutigen Toskana und nördlichem Latium, das in typischen Schulgeschichtsbüchern exakt zwei Erwähnungen findet: 1. im 3. Jhdt v. Chr. von den Römern unterworfen und 2. nach den Bundesgenossenkriegen volles römisches Bürgerrecht erhalten. Doch waren die Etrusker natürlich mehr als eine Fussnote. Ihre faszinierenden Grabstätten bilden einen Vektor, der direkt in den Horrorfilm führt.

Eine ganze Reihe an Beispielen führt Labregère dafür auf, sowohl aus Hollywood als auch aus der Blüte des italienischen Horrors der 70er und 80er Jahre. Ich habe meiner Liste jedenfalls einige Filme hinzugefügt.

Wer also auch nur ein leises Interesse für Horror oder antike Geschichte mitbringt, der klicke spätestens jetzt genau hier, falls meine Verlinkungen bis jetzt zu subtil waren!

„Elevated Horror“ – Marketingbuzz oder Scham vor dem eigenen Genre?

Den folgenden Text zum aktuellen Marketing-Buzzword „elevated horror“ habe ich schon vor ein paar Wochen geschrieben und dann für nicht veröffentlichbar erklärt, weil er zu unstrukturiert war. Die Version hier ist überarbeitet und hoffentlich verständlicher. Es ist allerdings nachwievor weniger eine Analyse des Begriffs und mehr eine persönliche Abrechnung damit. Ich hoffe Ihr findet‘s interessant. Weiterlesen

Horror als Blockbuster oder: ein Gruß zum (un-)Geburtstag des „Dark Universe“

Diesen Monat wäre Universals „Dark Universe“ zwei Jahre alt geworden. Wir erinnern uns, Universal wollte seine klassischen Monster, sprich den Wolfman, den Unsichtbaren, Frankensteins Monster, Dracula, den Unsichtbaren oder eben die Mumie in einem in sich verbundenen „Cinematic Universe“ zurückbringen. ‚Die Mumie‘ sollte dabei den Anfang machen. Allerdings schien man sich bei Universal Sorgen zu machen, dass ein Horrorfilm als Blockbuster nicht funktionieren könnte. Daher bemühte man sich, sich dem Superheldenfilm und dem Actionfilm anzunähern, nicht zuletzt durch das Casting von Tom Cruise in der Hauptrolle. Ich habe den Film selbst noch nicht gesehen, doch wenn man Kritiken Glauben schenkt, war es genau diese Unentschlossenheit, dieses tonale Schleudertrauma, das dem Film das Genick gebrochen hat.

Wie dem auch sei, der Film blieb weit hinter den Erwartungen des Studios zurück, die „Architekten“ des Dark Universe, Alex Kurtzman und Chris Morgan, verließen das Projekt und der nächste Film ‚Bride of Frankenstein‘ (mit Angelina Jolie als „Bride“) wurde auf unabsehbare Zeit auf Eis gelegt. Seitdem war nicht mehr viel vom Dark Universe zu hören. ‚The Invisible Man‘, ursprünglich als Großprojekt mit Johnny Depp geplant, ist jetzt, in deutlich reduzierter Form, bei Blumhouse gelandet. Ob das ein Testballon ist, das Dark Universe mit „echten“ Horrorfilmen erst mal mit kleinerem Budget wiederzubeleben, oder eine reine „Resteverwertung“, das wird die Zukunft zeigen müssen. Doch das Dark Universe als gigantisches A-List Blockbuster-Konzept, wie es einmal geplant war, ist vermutlich ein für alle Mal gestorben.

Eine bittere Ironie bekommt das Ganze, wenn im selben Jahr, in dem ‚Die Mumie‘ herauskam, 2017, ein Film unter Beweis gestellt hat, dass die Binsenweisheit „Horror taugt nicht als Blockbuster“ völliger Unsinn ist. Die Neuverfilmung von Stephen Kings ‚IT‘ brach nicht nur monetäre Rekorde, sie war auch ein kritischer Erfolg, kam beim Publikum an und auch beim notorisch ehrlichen, was seine Meinung zu Verfilmungen angeht, Autoren selbst (siehe seine Meinung zu ‚The Shining‘). Mehr als gigantische 700 Millionen Dollar spielte ‚IT‘ weltweit ein. Grund genug, um uns zu fragen, ob an der Binsenweisheit der Blockbusteruntauglichkeit von Horror überhaupt etwas dran ist.

An welche Filme denkt Ihr, wenn Ihr den Begriff Horror-Blockbuster hört? Meine Gedanken gehen bis zurück in die 70er zu ‚Der Weiße Hai‘ und ‚Der Exorzist‘. Beide fraglos Blockbuster, beide aber auch schon deutlich über 40 Jahre her. Vom Gefühl her, hätte ich (vor ‚IT‘) der Idee also zugestimmt, dass Horror als Blockbuster heut nicht mehr unbedingt funktioniert. Schauen wir also mal auf eine Liste[1] und finden heraus wie falsch ich liege.

Tatsächlich belegen ‚Der Weiße Hai‘ mit gut 470 Millionen Dollar Eispielergebnis und ‚Der Exorzist‘ mit gut 441 Millionen Dollar nur Platz 6 und 7 der Rangliste der erfolgreichsten Horrorfilme.* ‚IT‘ lacht sich natürlich auf Platz 1 kaputt. Gefolgt wird er von ‚The Sixth Sense‘ (gut 672 Millionen) von 1999, ‚I Am Legend‘ (gut 585 Millionen) von 2007, ‚World War Z‘ (gut 540 Millionen) von 2013 und ‚Godzilla‘ (gut 529 Millionen) von 2014. Also allesamt Filme aus den letzten 20 Jahren und drei davon sogar aus den letzten 6. Folglich ist die Idee vom problematischen Horrorblockbuster also völliger Blödsinn, oder?

Das kommt darauf an welche Erwartungen ein Studio bei dem Begriff „Blockbuster“ hat. Sicher, ‚IT’s 700 Millionen sind beeindruckend, aber welchen Platz bringt ihm das auf der Gesamtliste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten[2] ein? Platz 112. Und nun muss sich ein Studio wohl die Frage stellen, ob es einfach nur verdammt viel Geld, oder doch lieber „alles Geld“ mit seinem Film machen möchte. Universal wollte offenbar Letzteres und verwässerte den Horror mit Action und Superheldenelementen, was sinnvoll scheint, wenn man auf die obersten Plätze, die 1 Milliarde+ Plätze, vordingen möchte. Die übertriebene Gier war hier womöglich der größte Stolperstein für den Film.

Dabei liegt das eigentliche monetäre Geheimnis des Horrorfilms an ganz anderer Stelle. Dafür müssen wir herunterschauen auf Platz 27 der erfolgreichsten Horrorfilme, wo wir ‚Blair Witch Project‘ mit einem Einspielergebnis von gut 248 Millionen Dollar finden. Aber das sind 248 Millionen erwirtschaftet mit einem winzigen Budget von 50.000 Dollar. Hier finden wir auch das Geheimnis des Erfolges des Studios Blumhouse. Das Fundament dieses Studios steht nämlich auf Platz 41 der Rangliste: ‚Paranormal Activity‘ hat seine lächerlichen 15.000 Dollar Produktionsbudget in unglaubliche 194 Millionen Einspielergebnis verwandelt. Deswegen bringt Blumhouse heute noch jedes Jahr ca. 3 billigst produzierte Horrorfilme ins Kino, die definitiv keinen Verlust machen, mit etwas Glück aber gigantische Gewinne einfahren können. Ein Konzept, nach dem auch B-Movie-Papst Roger Corman eine ganze Karriere lang gearbeitet hat. Anders als Corman nutzt man das so eingespielte Geld bei Blumhouse dann aber auch für ambitioniertere Filme, seien sie Horrorfilme (‚Insidious‘, ‚Get Out‘, ‚Halloween‘) oder nicht (‚Whiplash‘, ‚BlacKkKlansman‘).

Daher habe ich auch die Hoffnung noch nicht vollständig (nur zu etwa 95%) aufgegeben, dass Blumhouse, gemeinsam mit Universal, das Dark Universe nun mit ‚The Invisible Man‘ aus dem Kleinen aufbauen und mit ein wenig Glück zurück ins A-List Blockbuster Territorium führen können. Denn Low Budget Horrorfilme sind zwar oft genug großartig, doch manchmal darf es, zumindest für mich, auch gerne mal ein lauter, teurer Crowdpleaser sein.

 

*Rechnet man allerdings die Inflation mit hinein, dann landen beide Filme wieder weit vorne. Vielen Dank an Manfred Polak für den Hinweis und für genaueres, siehe seinen Kommentar unten!

 

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_highest-grossing_horror_films

[2] https://www.boxofficemojo.com/alltime/world/

‚Suspiria‘ (2018) – Nochmal mit Gefühl

Ich habe es ja schon in der letzten Woche, bei der Besprechung des originalen ‚Suspiria‘ angedeutet: ich war mindestens überrascht, dass jemand diesen doch sehr typischen Argento-Film neu drehen würde. Bedingen sich Form und Inhalt doch ziemlich extrem gegenseitig. Und obwohl Luca Guadagnino sein Remake als „Coverversion“ bezeichnet blieb ich zumindest skeptisch. Die Tatsache, dass der Film mit seinen 2 1/2 Stunden fast doppelt so lang ist wie das Original hat meine Erwartung nicht eben gesteigert. Nun habe ich das Remake gesehen und war erneut überrascht.

1977 kommt die junge, streng mennonitisch erzogene Amerikanerin Susie Bannon (Dakota Johnson) nach Berlin, um sich an der renommierten Tanzakademie Helena Markos unter der Leitung von Mme. Blanc (Tilda Swinton) einzuschreiben. Hier taucht alsbald der alternde Psychologe Dr. Klemperer (Lutz Ebersdorf) auf, der Erkundigungen nach der verschwundenen Schülerin Patricia (Chloë Grace Moretz), die in ihren letzten Sitzungen bei ihm wilde Anschuldigungen gegen die Lehrerschaft der Schule ausgestoßen hat. Unter anderem sie seien Hexen. Ähnliches äußert die Schülerin Olga (Elena Fokina). Hat sie kurz darauf wirklich die Akademie verlassen, oder ist etwas Finstereres geschehen? Für Susie hat all dies erst einmal Vorteile. Als Naturtalent wird sie schnell zum Protégé von Blanc und aufgrund des Verschwindens der anderen Schülerinnen erhält sie die Hauptrolle in der neuen Choreografie „Volk“. Allerdings bestehen in der Akademie tatsächlich ganz andere Pläne für sie.

Man könnte vermutlich argumentieren, jedes Remake befände sich in einem Dialog mit seinem Original. Was lässt es weg, was behält es, was ändert es, was fügt es hinzu? Wenn das so ist, dann ist Guadagninos ‚Suspiria‘ der Teenager, der schreit: „Nein Mutter (Suspiriorum), ich mache alles anders als DU!“ die Zimmertür zuknallt und Radiohead voll aufdreht. Das ist nicht nur die Motivation von Susie Bannon, Rückblenden stellen das einsame Leben auf der elterlichen Farm in Kontrast zur berliner Großstadt, es ist definitiv auch die von Guadagnino. Alle diese Unterschiede hier aufzuführen erlaubt der Platz nicht, deswegen nehme ich mir erst mal das wichtigste Merkmal vor. In der Besprechung zum Original habe ich festgestellt, dass die Handlung an keinem real zu greifenden Ort spielt. Einem Märchenkönigreich mit eigenen Regeln. ‚Suspiria‘ (2018) ist so fest im Berlin des Jahres 1977 verankert wie es nur geht. Der Film spielt vor dem Hintergrund des deutschen Herbstes. Die Entführung von Schleyer und der Lufthansamaschine Landshut, Proteste für die Freilassung der in Stammheim inhaftierten RAF Terroristen und schließlich deren Selbstmord.

Guadagnino nutzt dieses Setting um seine Themen zu erforschen. Eines davon ist Spaltung: die Schule ist geteilt, die Lehrer in ein Lager Markos und eines Blanc, die Schülerinnen zwischen solchen, die den Lehrern vertrauen und denen die es nicht tun. Deutschland ist geteilt, einerseits ganz sichtbar durch die innerdeutsche Grenze, die Mauer verläuft exakt vor der Schule, andererseits ist die westdeutsche Gesellschaft noch einmal gespalten in diejenigen, die fürchten, aus der Antwort auf den Terror könnte ein Polizeistaat entstehen, andererseits denen die darin bereits Sympathie für den Terror wittern. Diese Spaltungen auf allen Ebenen, so stellt Guadagnino es dar, entstehen aus Schuld und aus Machtmissbrauch. Der RAF Terror ist ein Ausdruck der deutschen Vergangenheitsbewältigung, der Auseinandersetzung mit der Schuld der NS Zeit. Auch Klemperer wird von Schuld getrieben, der Schuld die Verfolgung durch die Nazis überlebt zu haben, während seine Frau Anke das nicht geschafft hat. Ebenso fühlt er Schuld dafür, dass er Patricias Ängste nicht ernst genug genommen hat und nun ist sie verschwunden. So versucht er das eine zu lösen, als Sühne für das andere. Die Lehrerschaft der Schule missbraucht hingegen ihre Macht. Anstatt die Schülerinnen anzuleiten und zu schützen, betrachten sie sie mehr wie Schlachtvieh.

Ein weiterer Aspekt, den Guadagnino völlig anders löst als Argento ist der der Tanzschule an sich. Bei Argento war es nie klar, warum Markos die Schule überhaupt betrieb, schienen ihr aus neugierigen Schülerinnen doch nur Probleme zu erwachsen. Hier ist der Tanz Ausdruck und Demonstration der Macht der Hexen. Das, was ich über Tanz weiß, könnte man sicherlich in großzügigen Buchstaben im Unterschriftsfeld einer Kreditkarte darlegen, doch der Tanz hier ist ungewöhnlich, weil er, anders als etwa Ballett, die schwere des Körpers der Tänzerinnen zu unterstreichen scheint, anstatt sie aufheben zu wollen. Dadurch bekommt der Tanz etwas aggressives, fast brutales. Was bei einem Stück namens „Volk“, das „in den 40er Jahren entstanden ist“ auch nicht völlig überrascht. In einer Szene ist diese Brutalität des Tanzes wörtlich zu nehmen. Ohne zu viel verraten zu wollen, ist es wohl eine der fürchterlichsten Todesszenen, die ich je gesehen habe und das obwohl (oder gerade weil) sie völlig unblutig ist.

Auch in der Bildsprache widerspricht Guadagnino Argento vollkommen. Verschwunden sind die leuchtenden Primärfarben, ersetzt durch kalt-düster-grauen verregneten Beton. Die Bildsprache erinnert sehr an das deutsche Kino der 70er, allen voran Rainer Werner Fassbinder. Am besten zeigt das die Fassade der Tanzschule selbst. Verschwunden ist das schreiend rote, romantische „Haus zum Walfisch“ Argentos, ersetzt durch eine brutalistische Front aus nacktem Beton und Glas. Was Guadagnino hingegen beibehalten und sogar noch verstärkt hat, ist die Beweglichkeit der Kamera. In oftmals überraschenden Bewegungen zieht sie tänzerisch ihre Bahnen durch den Raum und betont so noch das desorientierende, labyrinthische Wesen der Akademie.

Der Soundtrack von Radiohead Sänger Thom Yorke fühlt sich weniger wie eine direkte Antwort auf Goblin an und mehr nach einer völlig vom Original unabhängig entstandenen Arbeit. Neben erstaunlich vielen Stücken mit gesungenen Texten, anders als bei Goblin keine Fantasiesprache, sondern englisch, aber, laut Yorke mit Texten, die nicht viel mit der Handlung zu tun haben, liefert er hier eine reiche Bandbreite ab. Von Keyboard getragenen atmosphärischen Stücken, die etwas an Vangelis erinnern, zu Stücken mit einer erkennbareren Basslinie bis zur merkwürdig rauschenden Kakophonie, die „Volk“ unterlegt.

Hauptdarstellerin Dakota Johnson habe ich vorher noch nie in einer größeren Rolle gesehen (die fuffzig Shades habe ich mir gespart), hier ist sie allerdings großartig. Einerseits spielt sie dieselbe großäuigig erstaunte, naive Schülerin in der ungewohnten neuen Stadt (wo auf der Straße ordentlich demonstriert wird) wie Jessica Harper im Original, andererseits wird diese scheinbare Naivität immer wieder durch kleine Reaktionen gebrochen, die nicht recht dazu passen wollen und die dafür sorgen, dass wir als Zuschauer uns etwas entfremdet von ihr fühlen. Tilda Swinton hingegen spielt ihre Mme. Blanc mit echter Sympathie, oder vielleicht sogar mehr für Susie. Sie ist hin und hergerissen zwischen ihren Gefühlen und der Pflicht gegenüber Mutter Markos, deren Autorität sie, ohne Erfolg, früh im Film in Zweifel zu stellen versucht. Zum wahren emotionalen Zentrum des Films wird allerdings Dr. Josef Klemperer. Tief gebeugt, mit dünner Fistelstimme scheint er weniger unter der Last der Jahre als unter der Last einer nicht immer rational zu begründenden Schuld zu leiden. Lutz Ebersdorf spielt diese Rolle stets am Rande eines Zusammenbruchs aber doch mit einer tief verborgenen Stärke. Wem mache ich was vor, außer mir wusste das eh jeder, oder? „Lutz Ebersdorf“ ist ebenfalls Tilda Swinton. Man merkt es am gelegentlich etwas holprigen Deutsch und letztlich der Stimme. Dennoch ist die Leistung Swintons und der Maskenbildner ziemlich beeindruckend. Jessica Harper hat übrigens einen Cameoauftritt im Zusammenhang mit Klemperer. Eine wunderschöne Szene, die in einem, vielleicht nicht überraschendem aber dennoch schmerzhaften Schlag ins Gesicht endet.

Wenn es nicht klar geworden sein sollte: ich fand den Film absolut großartig. Guadagnino nimmt die Figuren und die Handlung des Originals und verleiht ihnen eine Tiefe, die sie dort nicht hatten (aber auch nicht brauchten!). Allerdings tue ich mich erstaunlich schwer damit den Film zu empfehlen. Superfans des Originals werden vermutlich enttäuscht sein, denn es befinden sich zwar absolut gelungene Horrorszenen im Film, allerdings sind diese in eine oftmals sehr politische Handlung eingebunden, ein Charakterdrama, das den Großteil des Films ausmacht. Und ja, gelegentlich ist der Film extrem nahe dran an seiner eigenen Bedeutsamkeit zu ersticken. Auch bin ich mir nicht sicher wie gut eine  bestimmte Eröffnung gegen Ende funktioniert. Die ist beeindruckend genug inszeniert, dass sie mich beim ersten Mal voll mitgenommen hat, doch hier bin ich gespannt, ob sich das bei zukünftigem Ansehen ändert. Also ein toller Film, der sicherlich nicht für jeden funktioniert. Vielleicht wären ein anderer Titel und ein „inspiriert von ‚Suspiria‘“ angebrachter gewesen.

 

PS: obwohl ein Kommissar Glockner im Film vorkommt, tauchen TKKG nicht auf. Aber die gibt es ja auch erst seit 1979. Damit wäre das hier wohl ein Prequel. „Most ambitious Crossover“ und so…

‚Suspiria‘ (1977)

Da ich hier bestimmt demnächst das Remake von ‚Suspiria‘ besprechen werde, sollte ich auch das Original mal eines durchaus verdienten Blickes würdigen. Ich sage es lieber gleich: ich bin nicht der größte Fan von Dario Argento. Während er ein durchaus bildgewaltiger Regisseur ist, hapert es bei mir oft, was seine Erzählweise angeht. ‚Suspiria‘ ist vermutlich der Film, bei dem sich sein Stil und mein Geschmack am nächsten gekommen sind. Aber fangen wir am Anfang an. Vorher noch eine Warnung, ich werde einiges über die Handlung verraten. Aber die Handlung ist auch nicht unbedingt der Grund warum man den Film schaut, von daher verdirbt es wenig. Wer aber vorher nichts darüber wissen will, sollte hier mit dem lesen aufhören und den Film schauen. Und dann weiterlesen, natürlich…

Die US Amerikanerin Suzy Banyon (Jessica Harper) kommt nach Freiburg im Breisgau, um an der dortigen renommierten Balletschule unter der Leitung von Mme. Blanc (Joan Bennet) zu studieren. Angekommen bereiten ihr nicht nur furchtbares Wetter und ein grummeliger Taxifahrer, sondern auch die unfreundliche Dozentin Miss Tanner (Alida Valli) einen recht unangenehmen Empfang. Auch häufen sich bald merkwürdige Vorkommnisse. Mitschülerinnen verschwinden, es regnet Maden von der Decke und der Klavierspieler der Schule wird von seinem treuen Blindenhund zerrissen. Ist Suzys Essen mit Schlafmitteln versetzt? Gehen die Lehrerinnen abends wirklich nach Hause, oder woanders hin? Suzy und ihre Zimmernachbarin Sara (Stefania Cassini) haben einiges zu untersuchen, falls sie es denn überleben.

Wer auf der Suche nach einer „realistischen“ Erzählung ist, der ist bei Argento nie gut aufgehoben und hier so falsch, wie man nur sein kann. Argento entlässt seine Figur am Anfang in eine märchenhafte Alptraumwelt und macht das auch ganz deutlich. Während Suzy den Flughafen verlässt, weht jedes Mal, wenn sich die Automatiktüren öffnen, nicht nur Regen und Finsternis hinein, sondern auch die Musik der Progrocker von „Goblin“. Und damit wird schon deutlich, dass da vor der Tür nicht das baden-württembergische Freiburg liegt, auch nicht München, wo die meisten Außenaufnahmen entstanden sind, sondern ein weit, weit entferntes Königreich, in dem ganz eigene Regeln gelten. In dem ein Hexenkonvent in einer Tanzschule uneingeschränkte Macht zu besitzen scheint. Und damit entledigt sich Argento gleich einer Menge lästiger Fragen. Wem gehört der messerbewerte Männerarm, der am Anfang einer jungen Frau (im wahrsten Sinne des Wortes) ins Herz sticht? Egal! Hexen waren‘s! Warum hat die Schule einen Raum, in dem mehr Stacheldraht aufbewahrt wird als im typischen Niemandsland zwischen den Gräben im Ersten Weltkrieg? Hexen!

Und das Erstaunlichste: es funktioniert! Argento nutzt hier das Vokabular des Alptraums mit solcher Sicherheit, dass man gewisse erzählerische Entscheidungen gar nicht hinterfragt. Warum verlassen wir unsere Hauptperson mehrfach, um in kurzen Sequenzen das Ableben anderer Charaktere zu erleben? Egal, wenn es so atmosphärisch dicht inszeniert ist, wie der tödliche Heimweg des blinden Klavierspielers (dem alle, Passanten, Polizisten, die Insassen eines Autos an der Ampel, hinterher starren), oder Saras nächtliche Suche in der Schule mit einem ungesehenen Verfolger. Manches fällt dennoch auf. Etwa wenn mit Olga (Barbra Magnolfi) ein weiterer Schülerinnencharakter eingeführt wird, für sie sogar Konflikte aufgebaut werden, sie nach zwei Szenen aber einfach kommentarlos aus dem Film verschwindet.

Das stört die Atmosphäre aber kaum, weil Argentos wunderbar bewegliche Kamera und die wohlpalzierten Schockmomente einem kaum die Zeit zum Atmen, weniger noch für große Überlegungen lassen. Dazu kommt die Bildsprache des Films. Jeder, der den Film gesehen hat, wird vermutlich als allererstes die Farben erwähnen. Unfassbar satte Primärfarben, allen voran natürlich rot, danach blau und nur gelegentliches, aber umso effektiveres gelb, setzt Argento hier als ganz bewusstes Stilmittel ein. Dafür griff er auf ein damals bereits veraltetes Technicolor System zurück, für das er die letzten Filmreserven aufkaufte und einen der letzten Drucker verwendete. Hier konnte er frei die Intensität der einzelnen Primärfarben nach Belieben anpassen. Als Vorbild gab er die Disneyverfilmung von Schneewittchen an, die ebenfalls ähnlich intensive Farben verwendete. In ‚Suspiria‘ schafft er so die andersweltliche Atmosphäre, von der zeitlos plüschig-gotischen Innenausstattung der Tanzschule bis zu den leeren Plätzen der umgebenden Stadt. Eine Atmosphäre die nur im anfänglichen Flughafen und bei einer späteren Sequenz bei einem Psychologenkongress durch typisches Stadtgrau gewollt gebrochen wird. Alles in allem ist dieser Stil mit „visuellem Exzess“ sehr gut umschrieben.

Das Zweite, was jeder, der ‚Suspiria‘ gesehen hat erwähnen wird, ist die Musik von „Goblin“. Die haucht, schnauft, stampft und wütet nicht eben subtil aber ungeheuer effektiv durch den Film. Bruchstückhaft, verschlungen, mit einer Vielzahl von Instrumenten vom Glockenspiel bis zu indischen Tabla Kesseltrommeln und natürlich einer Menge Synthesizer-Klang, unterlegt mit gesprochenen Elementen, von Goblin Frontmann Claudio Simonetti selbst eingesprochen und Großteils Kauderwelsch.  Allerdings verrät er uns bereits nach gut 4 Minuten das Geheimnis des Films: „Witch!“ zischt es da aus dem Soundtrack durch den finsteren Wald, eine gute Stunde, bevor Suzy drauf kommt. Insgesamt ein hochorigineller Terrorklang, von dem ich mir wünschen würde, mehr aktuelle Horrorfilme würden sich daran orientieren, anstatt zum achtunddrölfzigsten Mal John Carpenters (für sich natürlich großartige!) pure Synthies nachzuahmen.

Schauspielerisch ist natürlich vor allem Hauptdarstellerin Jessica Harper hervorzuheben, der es gelingt ihre Suzy mit einer Mischung aus großäuigiger Scheu, die sie gelegentlich wie ein kleines Mädchen wirken lässt und einer tiefen Entschlossenheit zu spielen, ohne dass das widersprüchlich wirken würde. Tatsächlich bemerkt die unangenehme Miss Tanner diese Willensstärke noch lange vor dem Zuschauer und stellt sie in einer Art fest, als ahne sie bereits, dass da Schwierigkeiten auf die verborgenen, finsteren Geheimnisse der Schule zukommen. Miss Tanner wird von Alida Valli verkörpert, die die Schüler mit einer Kälte behandelt, die nur knapp unter einer Schicht falscher Freundlichkeit verborgen liegt, während sie für die Angestellten nur Verachtung oder gar Sadismus übrig hat. Die anderen machen ihre Sache ordentlich, aber nicht besonders bemerkenswert. Am Rande erwähnt seien noch Horrorgenre Dauergast Udo Kier und Edgar Wallace Veteran Rudolf Schündler, die hier Nebenrollen als zwei Psychologen haben und als solche einen Gutteil der Exposition von sich geben. Nicht die dankbarste Aufgabe, aber sie erledigen sie elegant. Schündler darf dabei sogar so etwas wie das Motto des Films aussprechen: Magie ist überall. Kiers Charakter hingegen ist skeptischer und setzt sie mit Geisteskrankheit gleich. Am Ende scheint es so als hätten beide ein wenig Recht.

Auch bei dieser Sichtung war ich wieder sehr angetan von Argentos Film. Und ich frage mich, wie man gerade auf die Idee kommt hiervon ein Remake zu drehen, schließlich ist das ein so von der Handschrift seines Machers gezeichneter Film, dass man ihn sich kaum im Werk eines anderen vorstellen kann. Aber womöglich genau deshalb bezeichnet Regisseur Luca Guadigno sein Werk ja auch als „Coverversion“. Das Original ist jedenfalls großartig.