‚X‘ (2022) – „It’s possible to make a good dirty picture!“

Ich ahne, was sich die eine oder der andere jetzt fragt: es ist Weihnachten, warum bespricht der Typ heute einen Slasher im 70er Jahre Pornofilm Milieu, dessen deutlich erkennbares Vorbild ‚Texas Chainsaw Massacre‘ ist? Die Antwort ist so einfach wie offensichtlich. Seid Ihr bereit? Ähem: Merry ‚X‘-mas!
So, jetzt liest hier wenigstens keiner mehr weiter und ich kann schreiben, was ich will.
Die Wahrheit ist, dass ich schlicht wirklich froh bin, dass Ti West zu seinen Horrorwurzeln zurückgekehrt ist. Und das mit einem wirklich gelungenen Film. Aber fangen wir am Anfang an.

1979. Eine Gruppe junger Leute aus Houston rund um den leicht schmierigen Produzenten Wayne (Martin Henderson) will in einem abgelegenen, texanischen Farmhaus einen Porno drehen. Waynes Freundin Maxine (Mia Goth) hofft auf Ruhm, Bobby-Lynne (Brittany Snow) und Jackson Hole (Scott Mescudi) haben einfach Spaß am Sex und Filmschulnerd RJ (Owen Campbell) plant als Regisseur einen experimentellen, anspruchsvollen Film abzuliefern. Dafür hat er sogar seine Freundin Lorraine (Jenna Ortega), die von der ganzen Porno-Sache wenig begeistert ist, als technische Unterstützung überredet. Vor Ort stellen sich die Bewohner der Farm Pearl (ebenfalls Goth) und Howard (Stephen Ure) als ebenso alte, wie merkwürdige Typen heraus. Und zumindest Howard ist von seinen Gästen alles andere als angetan. Der Film lässt von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, dass die Situation in einem Blutbad enden wird.

Eine Sache, die zum Verständnis des Films vielleicht ganz wichtig ist, ist, dass wir uns Ende der 70er am Ende der Zeit des amerikanischen „Porno-Chic“ befinden. Beginnend 1969 mit Warhols ‚Blue Movie‘, genossen pornografische Filme wie ‚Debbie Does Dallas‘ oder ‚Deep Throat‘ in den 70ern erstaunlichen Mainstreamerfolg, in den ansonsten prüden USA und wurden neben Hollywoodfilmen in gewöhnlichen Kinos gezeigt. Gleichzeitig näherten sich die Pornos, wenn schon nicht vom Budget her, so doch handwerklich und erzählerisch, dem Mainstreamfilm an und nicht wenige Beobachter erwarteten, dass daraus ein weiteres Hollywoodgenre werden würde. All das endete mit der Wahl Reagans und dem extrem konservativen Schwenk des Landes. Was uns das verrät ist zum einen, dass Maxines amerikanischer Traum von Ruhm und Geld hier nicht so naiv ist, wie er bei einem heutigen Porno wäre, aber auch, dass es ein Traum ist, der sich 1979 sehr bald ausgeträumt haben wird.

Womit wir beim vielleicht zentralen erzählerischen Element des Films wären. Der Idee der verlorenen Jugend. In keiner Szene wird das deutlicher als in der, in der sich Maxine und Pearl das erste Mal sehen. Maxine im Sonnenschein, hinter einer geöffneten Seitenscheibe eines Autos und Pearl im finsteren Inneren des Farmhauses hinter einer verschlossenen, fast vergittert wirkenden Fensterscheibe. Die eine im Licht der Jugend, der alle Möglichkeiten offen stehen, die andere im Alter, der nun alle Möglichkeiten verschlossen sind. Die eine sexpositiv und offen, die andere mit einer, wie wir später lernen, gefährlich unterdrückten Sexualität.

Es ist eine elegante Aufnahme, eine von vielen die West und seinem Kamermann Elliot Rocket (mit dem er schon Filme wie ‚House of the Devil‘ oder ‚The Innkeepers‚ gedreht hat) gelingen. Der Film hat eine poetisch, träumerisch anmutende Atmosphäre. So wird eine Szene, in der ein Charakter unbemerkt beim Schwimmen von einem Alligator verfolgt wird, aus einer totalen Draufsicht gefilmt, die einerseits große Ruhe ausstrahlt, gleichzeitig aber die Spannung des Moments sehr gut transportiert. Die Traumhaftigkeit der texanischen Umgebung (gefilmt in Neuseeland…) erinnerte mich hierbei sehr an Philip Ridleys ‚Schrei in der Stille‘, wobei andere visuelle Anspielungen weitaus deutlicher und ausdrücklicher sind. Vor allem natürlich ‚Texas Chainsaw Massacre‘. Die Aufnahme aus dem dunklen Haus heraus durch die Vordertür in die gleißende Sonne kommt sogar wiederholt vor. Aber auch auf andere Filme wird angespielt. ‚Psycho‘ etwa. Auf den aber nicht bloß visuell, sondern der wird direkt angesprochen. Regisseur RJ ärgert sich in einer Szene (aus privaten Gründen) man könne die Handlung eines Films doch nicht mittendrin verändern. Als Gegenbeispiel wird ihm eben ‚Psycho‘ angeführt. Und natürlich erlebt auch ‚X‘ selbst einen solchen Genreshift, wenn aus der „Pornocrew im Bible Country“ Handlung, ein reichlich brutaler Slasher wird.

Bis dahin hat sich West aber sehr viel Zeit genommen, seine Charaktere zu etablieren. Sie sind zumindest mir allesamt ans Herz gewachsen, was es ernsthaft unangenehm macht, ihre Tode zu sehen, so over the top und grotesk die auch teilweise sein mögen. Sogar Pearl und Howard werden von West ein Stück weit humanisiert, was sie umso gruseliger macht. Vor allem wird deutlich, dass sie nicht von allein so geworden sind, wie sie sind, was man nicht zuletzt am, auf jedem Fernseher des Films erscheinenden, fundamentalistisch eifernden Televangelisten erkennen kann.

Was mich allerdings selbst ein wenig erstaunt ist, dass mir der Film vor dem Shift zum Slasher fast besser gefallen hat. Das ist weniger Kritik an der zweiten Hälfte, die durchaus gelungen ist, aber ich fand die Beziehungen der Charaktere fast zu interessant, um sie durch Hauen, Stechen und Schrotgeflinte zu beenden.

Womit wir bei den Darstellern wären, die ihre Sache durch die Bank sehr gut machen, aber  es ist unmöglich über den Film zu sprechen und nicht Mia Goth hervorzustellen. Ihre Doppelrolle ist wesentlich für das Gelingen des Films. An ihren Figuren untersucht der Film die Zusammenhänge zwischen Schönheit, Erfolg und Altern und zieht dabei seine Inspiration aus schundigsten Abgründen, um etwas annähernd Profundes daraus zu machen. Und Goth trägt das in beiden Rollen scheinbar mühelos mit. Maxines Verträumtheit aber auch exakte Professionalität und Pearls Enttäuschung und daraus erwachsender Hass gelingen ihr, trotz fraglos kiloweise Maske als Pearl, absolut glaubwürdig.

Ti West ist zurück im Horror und so sehr mir seine Ausflüge weg vom Genre (etwa der Western ‚In A Valley of Violence‘) gefallen haben, so liefert er hier doch seine beste Arbeit seit Jahren ab. Man kann deutlich seine Liebe zu seinen Vorbildern hier erkennen, aber auch seinen Wunsch etwas Eigenes zu schaffen, eben nicht alle typischen Tropen des Slashers unhinterfragt zu übernehmen. Ich bin gespannt auf das Prequel ‚Pearl‘ und hoffe Goth und West können ihren gewünschten dritten Teil verwirklichen. Sollte dies Euer erster Film von Ti West sein und er gefällt Euch, tut Euch selbst einen Gefallen und schaut ‚The House oft he Devil‘.

‚Benny Loves You‘ (2019)

Manchmal kommen ja Fragen auf, wann man einen Film tatsächlich „Indie“ nennen kann. Nun, viel mehr Independent als ‚Benny Loves You‘ geht vermutlich nicht mehr. Der Film wurde geschrieben und gedreht vom Briten Karl Holt. Karl Holt hat den Film ebenfalls produziert. Der hat auch die Hauptrolle gespielt, dem Antagonisten seine Stimme geliehen, zeichnet für Schnitt, Spezialeffekte, Musik und, wenigstens teilweise, die Kameraarbeit verantwortlich. Sprich, Karl Holt hatte so viele Hüte auf, wie zuletzt vielleicht Anna Biller bei der Produktion von ‚The Love Witch‘. Viel mehr Unabhängigkeit geht kaum noch. Holt hat hier exakt den Film gedreht, den er wollte. Jedenfalls innerhalb seiner finanziellen Möglichkeiten. Ich muss zugeben nicht der größte Fan von Spielzeug-Horror zu sein. Konnte mich Herr Holt hier vom Gegenteil überzeugen? Finden wir es raus.

Jack (Holt) ist nie erwachsen geworden. Musste er auch nicht, lebte er doch ein gutes Leben im riesigen, abgelegenen Haus seiner Eltern. Doch als die beide an seinem 35sten Geburtstag bei bizarren Unfällen ums Leben kommen, sieht sich Jack mit der Erwachsenenwelt konfrontiert. 10 Monate später fressen ihn, trotz eines Jobs als Spielzeugdesigners, die Rechnungen auf. Als dann eine erhoffte Beförderung auch noch an einen Kollegen geht, bleibt Jack nur noch, das Haus zu verkaufen und seine kindischen Dinge hinter sich zu lassen. Darunter auch den Beschützer seiner Kindheit, Stoffbär Benny (der Film behauptet, Benny sei ein Bär, dabei ist er OFFENSICHTLICH ein Hund!). Doch kehrt der aus dem Müll zurück und verteilt zunächst Jacks andere Stofftiere grotesk verstümmelt über das Haus, bevor er den Bankangestellten, der für den Hausverkauf verantwortlich ist, ähnlich brutal ermordet und über Wände und Boden des Hauses verteilt. Jeder, der Jack im Weg steht, wird zum Ziel für Benny. Aber auch jeder, der ihm zu nahe steht. Und das wird ein Problem, hat Jack auf der Arbeit doch gerade Dawn (Claire Cartwright) kennengelernt.

Rein filmhandwerklich ist der Film durchaus gelungen. Holt versteht stimmungsvolle Bilder einzufangen und die Schauspieler machen ihre Sache ebenfalls nicht schlecht, auch wenn der eine oder andere gelegentlich ins allzu absurde Overacting verfällt. Aber das ist dem Material vermutlich angemessen. Wo der Film leider komplett versagt ist bei Story und Charakteren. Die Geschichte ist, durchaus gewollt, grotesker Blödsinn. Leider ist der einzige Weg, den Holt findet, um seine absurden Szenen aneinanderzukitten über ausufernde Montagen. Vermutlich hat er deren Häufung selbst bemerkt und versucht hier gelegentlich allzu kreativ zu werden. So zeigt eine Montage immer wieder, was in den nächsten paar Minuten geschehen wird, bevor sie zur derzeitigen Handlung zurückspringt. Eine Szene, in der sich der Film völlig verstolpert. Besonders platt ist aber leider immer wieder der Humor. So schafft Jack eine eigentlich ganz gelungene Toyline, aber er nennt sie in seiner grenzenlosen Naivität „A.I.D.S.“. Hahaha ha?

Und dann sind da die Charaktere. Am rundesten ist vielleicht noch Jack, aber die Idee von Benny „Bärsonifikation“ (siehste Film, ich kann auch platt!) seiner Entwicklungshemmung verwässert sich bis zum Ende des Films so stark, dass wenig davon übrig bleibt. Sein Chef (James Parsons) ist jedes Chefklischee in einer beschnauzbarteten Person vereinigt und sein Kollege Richard (George Collie) ein selbstverliebter Prince-Fan. Was umso seltsamer wirkt, da Prince in der Zeit zwischen den Dreharbeiten 2014/15 und der Veröffentlichung des Films 2019 (zur Erinnerung, Holt hat die gesamte Post-Production allein bestritten) verstorben ist. Und wenn mir irgendwer erklären kann, warum Dawn auf Jack steht, außer „weil das Drehbuch es halt so will, dann wäre ich wenigstens erstaunt.

Okay, soll also heißen, dieser Film, von dem Du, liebe lesende Person, vielleicht gerade in diesem Moment zum ersten Mal hörst, ist nicht besonders gut. Warum also halte ich mich damit auf, über diesen Film zu schreiben? Weil er mich, und das mag jetzt seltsam klingen, sehr gut unterhalten hat. Das hat exakt einen Grund und der heißt Benny.

„Toy-Horror“ funktioniert für mich sehr selten. Wenn Chucky plötzlich seine kindlich-harmlose Fassade aufgibt und in Charles Lee Rays Stimme wüste Beschimpfungen ausstößt, dann kann ich das nicht mehr wirklich ernst nehmen. Soll ich vielleicht auch gar nicht, aber diese Filme sind so oft mit der Idee beschäftigt ihre Mordspielzeuge „realistisch“ wirken zu lassen, dass die Absurdität darunter leidet. Und genau hier punktet ‚Benny Loves You‘. Nichts an Benny Erscheinen gibt sich den leisesten Anflug von Realismus. Er bewegt sich völlig schwerelos, wie von einer unsichtbaren Kinderhand bespielt, mit wild floppenden Ohren und schlackernden Armen und Beinen. Der Film gibt nicht für einen Moment vor, dass es irgendeinen Weg gibt, dass Benny mit seiner fingerlosen Pfote ein Messer oder sonstige Mordwerkzeuge halten könnte. Das Messer, oder die Eingeweide seiner Opfer, kleben halt einfach irgendwie ans einer Pfote. Und wenn er Jack ein Bier holt, dann verteilt er das vollständig auf dem Boden, weil eben sein gesamter Köper schlackert, sobald er sich bewegt.

Dazu kommt seine Stimme. Die verändert sich eben nicht vom kindlichen zum plötzlichen bösen, sondern bleibt bei den mit glockenheller Stimme vorgetragenen Phrasen wie „OH WOW!“ oder „Press my belly, to make me laugh!“ und natürlich „Benny loves you!“, die nur eben im neuen furchtbaren Kontext zusammen mit seinem ständigen glucksenden Lachen, völlig neue Bedeutung erhalten. Ich habe, ungelogen, bei jedem Auftritt von Benny gelacht, wie ein absoluter Idiot. Ich war nahe daran vom Sofa zu fallen. Selbst der nicht immer gelungene Humor war mir hier wurscht. Holt findet etwa einen getöteten Mops weitaus komischer als ich. Aber wenn Benny Jack seine blutige Arbeit mit einem nach Anerkennung heischenden „TA DAAA!“ präsentiert, konnte ich nicht mehr an mich halten. Es ist diese Absurdität, die den Film nicht einfach bloß rettet, sondern für mich sehenswert macht.

Das wird sicherlich nicht jeder von Euch so sehen. Und so fällt es mir nicht ganz leicht eine Empfehlung auszusprechen. Karl Holts Stärke liegt jedenfalls klar auf dem Gebiet der CGI Effekte. Wenn er gegen Ende einen Kampf zwischen einem Spielzeugroboter und Benny inszeniert, ist das großes Kino. Umso mehr, wenn man sich erinnert, dass er all das auf seinem heimischen PC gemacht hat, der teilweise ganze Wochenenden rendern musste. Wenn er das Buch nächstes Mal jemand anderem überlässt, oder sich wenigstens helfen lässt, dann muss ich sagen, bin ich gespannt was noch von ihm kommt. „OH WOW!“

‚Halloween Kills‘ (2021) – Michael vs. Myerfighters

Hier eine Halloween nach Halloween Besprechung außer der Reihe. Denn ich habe über den Oktober ‚Halloween‘ (1978), ‚Halloween‘ (2018) und dieses „Meisterwerk“ in Erwartung des Abschlusses der neuen Trilogie geschaut. Ich wollte eigentlich nix drüber schreiben, aber der Film ist so doof, dass ich einfach nicht anders kann. FILMLICHTER WRITES TONIGHT! Um es mal in haddonfieldschen Begriffen auszudrücken.

Also, am Ende des letzten Films haben Laurie (Jamie Lee Curtis), ihre Tochter Karen (Judy Greer) und Enkelin Allyson (Andi Matichak) Lauries Festung/Falle in Brand gesteckt, mit Michael im Keller eingesperrt. Noch bevor das Trio um die schwerverletzte Laurie im Krankenhaus angekommen ist, erreicht die Feuerwehr den Brand. Und, welche Überraschung, ein nur leicht angesengter Michael metztelt nicht nur ein gutes Dutzend Feuerwehrleute, sondern macht direkt da weiter, wo er letzten Film aufgehört hat und sucht Haddonfield mit allerlei scharfen und spitzen Werkzeugen heim. Da die Polizei um Sheriff Barker (Omar Dorsey) so ineffektiv wie eh und je auf den Mann in der Shatnermaske reagiert, formiert sich um Tommy Doyle (Anthony Michael Hall), jenen Jungen den Laurie 1978 babysittete, nun in seinen 50ern, und einige andere Myers Überlebende alsbald eine Bürgerwehr mit dem Ziel Michael zu töten. Doch von einer derart spontanen Eingreiftruppe zum mörderischen Mob ist der Weg nicht weit.

Okay, fangen wir positiv an. Ich finde grundsätzlich sehr gut, was der Film hier versucht. Den Fokus von Laurie und Michael zu nehmen und auf ganz Haddonfield aufzuziehen. Vor allem aber die übrigen Michael-Überlebenden in den Mittelpunkt zu stellen. Allein, die Umsetzung steht dem im Weg. Aber ich wollte ja positiv anfangen. Was dem Film gut gelingt, sind die kleinen Nachbarschaftvignetten. Er stellt uns die Bewohner eines Hauses kurz aber effektiv vor, etwa Diva Tyler als Friedhofswärterin Sondra aus dem vorherigen Teil und ihren Mann (Lenny Clark). Die spielen hier mit einer Drohne und trinken Wein, und wir haben gerade genug Zeit um sie wirklich zu mögen, bevor Mörder-Michael in ihr Badezimmer platzt und das Morden beginnt. Jenes Morden ist hier mit durchaus effektiven Gore-Effekten ausgestattet und ein ganzes Stück brutaler als im letzten Film.

Auch gibt der Film jede Idee, Michael könne ein gewöhnlicher Mensch sein komplett auf. Nicht nur, dass ein angekokelter Mittsechziger hier ein Dutzend mit Äxten bewaffneter Feuerwehrleute am Stück niedermacht, auch Lauries Voice Over (viel mehr kriegt Curtis übrigens nicht zu tun, Laurie darf ja ihr Krankenbett nicht verlassen) macht völlig klar, dass kein Mensch überstehen könnte, was mit Michael alles in dieser Nacht passiert. Hatte Doktor Loomis mit seiner professionellen Einschätzung, „EEEVIIIL!!!“, also völlig recht. Ich nehme an, das macht ihn vom schlechtesten Psychiater aller Zeiten zu einem reichlich ineffektiven van Helsing. Upgrade?

Apropos Doktor Loomis, der taucht in Form eines durchaus überzeugenden Donald Pleasance Doppelgängers (Artdirector des Films, Tom Jones jr.) in den ausführlichen Rückblenden ins Jahr 1978 kurz auf. Diese sind technisch sehr gut gemacht, Schnittempo, Kamerabewegung, alles orientiert sich hier sehr gelungen an John Carpenters Original. Hat aber den Effekt dieser Legacy Sequels, dass jeder Moment des Originals quasi zum magischen Augenblick verklärt wird. Ja, wir kriegen jenen Hundekadaver zu sehen, an dem Michael, laut Loomis, geknabbert hat.

Carpenter, sein Sohn Cody und  Patenkind Daniel Davies sind musikalisch in absoluter Form und liefern hier interessante neue Interpretationen alter Stücke aber auch gelungene neue Musik ab. Sehr gut und vermutlich das Beste am Film. Und damit sind wir am Ende des Positiven.

Als Horrorfan weiß man, dass die Protagonisten in diesen Filmen teilweise mal blöd handeln müssen, einfach um die Handlung am Laufen zu halten. Aber wenn ein Drehbuch davon ausgeht, dass jeder einzelne Charakter so dumm wie irgend möglich handelt, nicht einmal um die Handlung am Laufen zu halten, denn die ist ohnehin unwesentlich, dann fange ich wirklich an, an meinem eigenen Geschmack zu zweifeln. Ich meine, man könnte zwischendurch meinen, man wäre nicht in Haddonfield, sondern im Simpsons’schen Springfield gelandet. Nicht bloß weil die Leute reichlich doof sind, sondern weil sie es kaum erwarten können, einen Mob zu formen.

Anthony Michael Hall kämpft tapfer mit den idiotischen Dialogen, die er als Tommy Doyle von sich geben muss, am Ende wird es aber ein Rückzuggefecht, das vermutlich kein Darsteller gewinnen könnte. Ich verstehe, was Autor/Regisseur Green mit der Handlung um Tommy Doyle ausdrücken wollte. Im tiefen Herzen eigentlich wohlmeinende Leute formen sich allzu leicht zu einem Mob der simplistische Slogans a la „EVIL DIES TONIGHT!“ brüllt und so zur mörderischen Gefahr wird. Ich könnte das Ganze vielleicht ernster nehmen, wenn der Mann, den sie als Michael Myers identifizieren und in den Tod hetzen, nicht körperlich so weit wie irgendmöglich von Myers entfernt wäre und sich die Leute, die wissen, dass es nicht Michael ist nicht wie absolute Vollidioten anstellen müssten, damit sie den Mob eben nicht davon überzeugen können, hier den Falschen zu haben. Aber hier wird der Springfield Vergleich unfair. Denn wenn Sheriff Barker nach dem Tod des Unschuldigen auf der Treppe sitzt und in seinen Cowboyhut heult, dann wäre das sogar für einen Clancy Wiggum zu viel an schierer Nutzlosigkeit! Da kann ihm höchstens noch Karen das Wasser reichen, die Michael mit einer Mistgabel in den Rücken ausschaltet. Doch nutzt sie die dann um weiterzuarbeiten, bis bloß noch feinstes Myers-Mus übrig bleibt? Nö. Sie klaut ihm stattdessen die Maske…

Eine Handlung als solche gibt es kaum. Michael zieht durch Haddonfield und mordet, der Mob folgt ihm und Laurie liegt im Bett. Klar, wenn man schon Jamie Lee Curtis als Darstellerin hat, warum was mit ihr anfangen? Hier drehen gut 100 Minuten lang alle erzählerischen Zahnräder hohl und am Ende sind wir an exakt demselben Ort wie am Anfang, bloß Michaels Bodycount ist nun albern hoch und Haddonfield der dümmste Ort der USA. Die Extended Edition flanscht da noch ein Ende dran, dass mit dem neuen dritten Teil nix zu tun hat. Aber immerhin muss Curtis dafür aufstehen.

Aber wer braucht denn auch schon Handlung, wenn wir auf die alten Filme anspielen können. Das 78er Original wird in langen Rückblenden ausgeschlachtet und nicht nur die Crew um Tommy Doyle (darunter auch Lonnie (get your ass away from there) Elam) kommt zurück, auch Charles Cyphers, der damalige Sheriff Brackett kommt als alter Sicherheitsdienstmann im Krankenhaus zurück, der sich dem Mob anschließt und allen Ernstes den Satz sagen muss „Now he has made us into monsters!“. Nur falls jemand die allzu subtile Aussage des Mob-Plots nicht kapiert haben sollte. Aber nicht nur auf den ersten Film wird angespielt, auch Ben Tramer findet Erwähnung, die Silver Shamrock Masken sind zu finden und sicher noch viel mehr, was mir nicht aufgefallen ist. Busta Rhymes Karatekünste hingegen bleiben unerwähnt. Okay, damit hätte ich vermutlich ausreichend klargemacht, dass dies ein nicht sonderlich guter, wahnsinnig doofer Film ist. Sprich, ein typisches ‚Halloween‘ Sequel. Aber ich habe mich trotz allem nur selten gelangweilt. Die einzelnen Vignetten funktionieren, wie erwähnt, als Minierzählungen ziemlich gut. Die Krankenhaus und Mob-Szenen, die als Kitt dazwischen dienen, funktionieren nicht wirklich. Aber immerhin funktionieren sie auf eine meist unterhaltsame Weise nicht. Sprich, ich kann meist immerhin über den Film lachen, anstatt mich zu langweilen. Empfehlen kann ich ihn trotzdem nicht. Er wirkt auf mich wie ein technisch versierter Fanfilm mit riesigem Budget, der sich in Anspielungen auf Bestehendes verliert und absolut nichts eigenes zu sagen hat.

‚Der Blob‘ (1988)

‚Blob – Schrecken ohne Namen‘ von 1958 war auf manche Weise ein typischer Vertreter des 50er Jahre B-Movies. Ein alles verschlingender, außerirdischer Organismus, delinquente Teenager von 30Jährigen gespielt, die amerikanische Kleinstadt gegen „das Fremde“, das letztlich mehr oder weniger Metapher für den Erzfeind des kalten Krieges, den Kommunismus war. Dennoch bringt er auch einige Auffälligkeiten mit. So entstand er außerhalb des Hollywoodsystems, Regisseur Irvin Yeaworth arbeitete sonst mit dem Televangelisten Billy Graham zusammen. Es war die erste Hauptrolle für „King of Cool“ Steve McQueen und brachte durchaus ein paar erinnerungswürdige Szenen mit, allen voran vielleicht die, wenn der Blob in ein Kino eindringt.

30 Jahre später jedenfalls schwebten Pläne eines Remakes durch Hollywood. Und mit Autor Frank Darabont und Regisseur Chuck Russell waren zwei am Werk, die mit dem unterschätzen dritten ‚Nightmare On Elmstreet‘ bereits zusammengearbeitet haben. Darabont ist heute für seine Stephen King Verfilmungen, vor allem aber als Entwickler des TV Dauerbrenners ‚The Walking Dead‘ bekannt. Russell hat später etwa den unterschätzten Arnie-Kracher ‚Eraser‘ gedreht und mit ‚Die Maske‘ dazu beigetragen Jim Carrey zu dem Komiker der 90er zu machen.

In ‚Der Blob‘ schlägt ein Meteorit nahe der Kleinstadt Arborville ein. Er bringt eine Schleimpilz-artige Substanz auf die Erde, der sich aus eigener Kraft fortbewegen und biologisches Material auflösen kann. Sein erstes Opfer wird ein Landstreicher (Billy Beck) an dessen Hand er sich festsetzt. Panisch läuft der Mann vor das Auto von Highschool-Football-Star Paul (Donovan Leitch) und Cheerleaderin Meg (Shawnee Smith). Die beiden bringen ihn ins Krankenhaus und da sich Teenage-Tunichtgut und Biker Brian Flagg (Kevin Dillon) in der Nähe aufhält, zwingt Paul den auch zum Mitkommen, denn sicher hat der was mit der Sache zu tun. Im Krankenhaus kommt es zu ersten grotesken Toden und bald ist auch der Rest des Dorfes nicht mehr sicher. Nicht vor dem Blob und nicht vor einer Gruppe Soldaten und Wissenschaftlern in Gefahrenschutzanzügen, die alsbald auftauchen.

Im Großen und Ganzen folgt der Film den Konventionen des 50er Jahre B-Movies. Allerdings hat er auch einige „moderne“ 80er Kniffe zu bieten. So stellt sich das „Alien“ alsbald nämlich als misslungenes Biowaffenexperiment der USA heraus, der „Meteorit“ als abgestürzter Satellit. In der post-Watergate Welt, nach der Paranoia der 70er und dem Zynismus der 80er steht das Fremde und Böse nicht mehr notwendig für den Feind am anderen Ende der Welt, sondern für hausgemachte Gefahr und ihre rücksichtslose Vertuschung. In gewisser Weise nimmt der Film so die Thematik von ‚Akte X‘ voraus, an die ich mich hier durchaus teilweise erinnert fühlte.

Aber selbstverständlich schaut so einen Film niemand, aufgrund möglicher politischer Kommentare, sondern wegen der B-Movie Thrills, die man sich erhofft. Und da  kann ich sagen, hier liefert ‚Der Blob‘ auch heute noch voll ab. Er überrascht zunächst mal damit, wer wann stirbt. Und hier weiß er wirklich zu überzeugen, weswegen ich dazu gar nicht mehr sagen möchte. Bleiben die praktischen Effekte, die hier elegant-eklig und wirklich grotesk sind. Seien es die Opfer des Blob, die bizarr aufgelöst werden, oder ihre Leichen, die später in seiner Gallerte herumschwimmen. Das ist eklig und sieht verdammt überzeugend aus. Weit weniger funktionieren Composite Shots, wenn Leute später dem Riesenblob gegenüber stehen. Derartige Tricks hat man auch aus den 80ern besser gesehen. Aber wenn der Blob eine Telefonzelle umschwemmt, was wir aus dem Inneren sehen, oder der Film die Kinoszene des Originals nachstellt und übertrifft, dann sind das echte Höhepunkte der Tricktechnik.

Ich habe daher öfters den Vergleich mit John Carpenters ‚The Thing‘ gesehen, den ich für mich aber kaum nachvollziehen kann. Sicher, die Effekte in beiden Filmen sind beeindruckend, aber die Atmosphäre von ‚Der Blob‘ ist weit weniger nihilistisch und düster. Wenn ich ihn stimmungsmäßig mit etwas aus der Zeit vergleichen sollte, dann vermutlich am ehesten ‚Return of The Living Dead‘. Wobei auch der durchaus zynischer und sicherlich mehr „punk“ ist.

Beiden gemein ist aber ein amüsierter Tonfall, ohne wirklich zur Komödie zu werden. So wird hier im Kino der fiktive Slasher ‚Garden Tool Massacre‘ gezeigt. Und der Moment, in dem Meg Paul ihrem Vater vorstellt, könnte auch direkt aus einer Sitcom stammen. Die Atmosphäre der Kleinstadt mit ihrem Diner, Sheriffstation und der hübschen Cheerleaderin zwischen dem Football-Quarterback und dem Biker-Außenseiter hat mich, selbstverständlich, auch an ‚Twin Peaks‘ erinnert. Nicht ganz ohne Grund, so tauch Jack Nance (Pete Martell in ‚TP‘) hier immerhin für ein paar Sekunden als Arzt auf.

Unter den Darstellern sticht ganz klar Shawnee Smith (Jigsaws rechte Hand in der ‚Saw‘-Reihe) positiv hervor. Ihre Meg ist von Anfang an ein hochsympathischer Charakter, der eine glaubhafte Wandlung von der naiven Cheerleaderin zum „badass“, aber nicht übermächtigen Final Girl durchmacht. Kevin Dillon (Matts jüngerer Bruder und „Drama“ aus ‚Entourage‘) kämpft als Biker Brian gelegentlich mit dem allzu offensichtlichen (und sicherlich augenzwinkernden) Skript (er muss tatsächlich „ich habe ein Problem mit Autoritätsfiguren“ sagen), liefert letztlich aber ebenfalls eine sehr sympathische Performance ab. Ansonsten möchte ich nur noch Del Close als Pastor Meeker erwähnen, der im Blob alsbald eine biblische Strafe und die Apokalypse erkennen will. Nun ist im Horrorfilm für Priester allgemein wenig Platz zwischen „heldenhaftem Exorzist“ und „Untergangsprediger, 5 Minuten vom eigenen, apokalyptischen Kult entfernt“. Allerdings frage ich mich hier, ob der eine Anspielung auf die Verbindung des Blob-Originals zum durchaus unangenehmen Prediger Billy Graham sein soll. Zutrauen tät ich es dem Film.

Wer für Halloween noch einen ekligen Monsterfilm, mit durchaus grotesken, überraschenden, aber nicht unbedingt Alpträume auslösenden Toden sucht, macht mit ‚Der Blob‘ sicherlich wenig falsch. Die Kunst von Darabont und Russell ist es die bekannten Versatzstücke so geschickt anzuwürzen, dass ein wirklich interessantes Menü dabei herauskommt. Schmeckt wirklich gut, auch wenn es nach Glibber aussieht!

‚Climax‘ (2018) – Nein, Mann! Ich will noch nicht geh’n…

Man ahnt es bereits, auch hier könnte man wieder weidlich um die Genreeinfassung als Horror streiten. Unpassend ist sie allerdings keinesfalls. Und Regisseur Gaspar Noé, nie um freudige Provokation verlegen, wird es sicherlich gefallen. Falls Ihr, wie ich, durchaus schlechte Erfahrungen mit diesem Regisseur gemacht habt, dann lasst Euch gleich einleitend sagen, dass das hier sein vermutlich zugänglichster Film ist. Was seltsam klingen wird, sobald ich ihn genauer beschrieben habe. Doch wer seine anderen Filme kennt, wird mir zustimmen müssen.

Im tiefsten Winter des Jahre 1996 hat die Tanztruppe der Choreographin Emmanuelle (Claude-Emmanuelle Gajan Maull) seit drei Tagen eine komplexe Choreografie für eine anstehende Tournee trainiert. Dafür haben sie sich in ein abgelegenes, nicht mehr verwendetes Schulgebäude auf dem Land zurückgezogen. Zur Feier des ersten, erfolgreichen Durchlaufs spendiert Emmanuelle selbstgemachte Sangria. Die Gespräche unter den 21 Tänzerinnen und Tänzern beginnen fröhlich, werden ausgelassen und dann teilweise ausufernd oder gar aggressiv. Als ihr das merkwürdige Verhalten ihrer Kollegen auffällt, spricht Tänzerin Selva (Sofia Boutella) den Verdacht aus, dass jemand die Sangria mit halluzinogenen Drogen versetzt habe. Emmanuelle ist natürlich die erste Verdächtige, streitet allerdings alles ab und ist damit beschäftigt ihren kleinen Sohn Tito (Vince Galliot Cumant), der sich ebenfalls einen kleinen Schluck Sangria erschlichen hat, vor dem aggressiven Verhalten der unfreiwillig Vergifteten in Sicherheit zu bringen. Den, aufgrund seiner Religion, dem Alkohol entsagenden Omar (Adrien Sissoko) und Lou (Souheila Yacoub), die ebenfalls nichts getrunken hat, erwischt es deutlich schlimmer, als die Masse der Tänzer sich immer weiter von rationalem Handeln entfernt und alle mit ihren eigenen Geistern ringen, oder sich ihrem Verlangen, sei es freizügig oder sehr finster, hingeben.

 Der Film beginnt mit einem direkten visuellen Verweis auf ‚The Shining‘. Und Benoît Debies Kamera folgt den Darstellern später durch die Gänge der Schule, getaucht in Primärfarbenes Licht, das Dario Argento gefallen würde, wie einst Kubrick es mit Danny Torrance auf seinem Dreirad getan hat. Doch Noés Ansatz ist letztlich ein genau gegenläufiger. Während es bei Kubrick die schreckliche Einsamkeit in einem Hotel voller Geister war, die seinen Protagonisten in den Wahnsinn trieb, gibt es hier keine Geister und die klaustrophobischen Orte sind, im Gegenteil, angefüllt mit entfesselter Menschheit. Es ist eine Höllenfahrt als Kammerspiel, die sich zu einem guten Teil in der alten Turnhalle mit dem roten Linoleumboden und der erdrückend riesigen, französischen Flagge abspielt.

Wir sehen keine Geister, die Charaktere hingegen sicherlich schon. Noé lässt uns hier nicht mit visuellen Mitteln oder Effekten am Trip seiner Charaktere teilhaben. Wir sind in die erschreckende Rolle des Nüchternen auf einer rapide entgleisenden Party gezwungen. So sehen wir Selva, die hypnotisiert auf eine Fototapete starrt und Isabelle Adjanis U-Bahn-Moment aus ‚Possession‘ nachzuerleben scheint. Emmanuelle, die ihren kleinen Sohn „zum Schutz“ in den Transformatorraum(!!) der Schule sperrt (und prompt den Schlüssel verliert). Und es ist kein guter Ort für Nüchterne, wie Omar und Lou schnell und schmerzhaft erfahren. Erst zum Ende hin dreht Debie seine Kamera auf den Kopf. In der Notbeleuchtung der Turnhalle sind nunmehr nur noch zuckende Arme, Beine und Leiber zu erkennen, keine Individuen mehr auszumachen. Wir schweben scheinbar endlos durch ein bewegtes, apokalyptisches Hieronymus Bosch-Gemälde. Die Fahrt hat die Hölle erreicht. Und endet dann dort wo sie begonnen hat. Die Sonne geht wieder auf. Wenn auch nicht für alle Charaktere.

Das ist denn auch, was der Film letztlich ist. Ein visuelles Erlebnis, ein Trip, eine Erfahrung. Es ist weder eine komplexe Handlung, noch ausgearbeitete Charaktere, die wir hier bekommen. Es ist sogar schwer wirklich einen Hauptcharakter auszumachen. Am ehesten noch Selva, mit der wir vermutlich die meiste Zeit verbringen und die mit Sofia Boutella die einzige professionelle Schauspielerin als Darstellerin hat (Korrektur: Souheila Yakoub hatte ebenfalls Schauspielerfahrung und ist, nach diesem Film durchaus gefragt. So wird sie im zweiten Part von ‚Dune‘ zu sehen sein). Die anderen Charaktere werden sämtlich von Tänzern dargestellt. Und das ist eine hervorragende Entscheidung. Denn die mögen nicht allesamt sagenhaft begabte Darsteller sein, sind aber mit erkennbarer Verve bei der Sache und bringen vor allem eine physische Präsenz mit, die für den Film sehr wichtig und einem des Tanzes nicht begabten Darstellers vermutlich schwer beizubringen wäre. Mal ganz davon ab, dass die immer wieder vorkommenden Tanzszenen nicht eingeübt, sondern sämtlich improvisiert sind.

Am meisten über die Charaktere erfahren wir ganz am Anfang, von aufgezeichneten Einstellungsgesprächen, die uns auf einem alten Röhrenfernseher, eingezwängt zwischen Videokassetten von ‚Suspiria‘, ‚Possession‘, Die 120 Tage von Sodom‘ und ähnlichen auf der einen und Werken von Nietzsche und Büchern über Lang und Murnau auf der anderen. Dies lässt zunächst ein arg verkopftes Werk vermuten, meiner Meinung nach bekommen wir aber das genaue Gegenteil. Der Film funktioniert dann am besten, wenn man ihn als Erlebnis über sich hinwegwaschen lässt. Ein Trip zur Musik von Aphex Twin und Giorgio Moroder. Ein Film, der uns, in sicherlich völlig gewollter Ironie, gar den titelgebenden „Klimax“ vorenthält.

Natürlich ist es immer noch ein Film von Gaspar Noé und so komme ich um einige inhaltliche Warnungen vermutlich nicht herum. Hier stirbt ein Kind, wird eine Schwangere brutal in den Bauch getreten, zieht sich eine inzestuöse Beziehung mal mehr mal weniger erzwungen durch den Film, Selbstverletzung wird mehrfach gezeitgt. Die Bruchstellen zwischen den Tänzerinnen und Tänzern, die unter dem ungewollten Drogeneinfluss zur Katastrophe führen sind intim und oftmals schmerzhaft. Und doch geschieht erstaunlich viel vom Schrecklichsten offscreen. Noé verzichtet einmal darauf voll draufzuhalten und kann so vermutlich ein weit größeres Publikum abholen. Die Werbung für den Film bei den Festspielen von Cannes trug dem humorige Rechnung, indem sie verkündete: „You despised ‚I Stand Alone‘, hated ‚Irréversible‘, execrated ‚Enter the Void‘, cursed ‚Love‘, come celebrate ‚Climax‘.“

Ich bin sicher Noé rächt sich in seinem nächsten Werk ganz furchtbar für eine derart positive Resonanz auf einen seiner Filme. Aber bis dahin kann ich ‚Climax‘ tatsächlich ein Stück weit dafür feiern was er ist!

‚Possession‘ (1981) – Kramer gegen Kra- OH MEIN GOTT, WAS IST DAS??!!

Bei Andrzej Zulawskis ‚Possession‘ kann man sicherlich lange über die Genre Einteilung diskutieren. Aber am Ende wird man immer beim Horror landen. Denn machte man den Fehler, ihn als „Scheidungsfilm“ zu kategorisieren, würde er sich vermutlich sofort selbst zum Spinnenkaiser des Universums ernennen, seine grausigen Extremitäten triefend von Schleim und dem Blut seiner Opfer, brüllt er sein irrsinniges Schnattern in eine endlose Nacht voll sterbender Sterne, seinem Klagen taub. Und uns hält er einen Spiegel vor, in dem wir all die kleinen und großen Grausamkeiten, die wir an unseren Mitmenschen im Laufe unseres Lebens begehen und die an uns begangen werden, vorgeführt bekommen. Die kleinen Verletzungen, die unbedeutend erscheinen, aber in Traumata metastasieren, die unsere Seele in ihren kalten, gnadenlosen Klauen umklammern. Also, seien wir lieber von Anfang an ehrlich und nennen ihn was er ist: Horror.

Der Spion Mark (Sam Neill) kehrt von einer nicht näher benannten Mission nach West-Berlin zurück. Hier teilt ihm seine Ehefrau Anna (Isabelle Adjani) in deutlichen Worten mit, dass sie die Scheidung will. Obwohl sie insistiert, dass es nichts damit zu tun habe, dass sie einen anderen Mann gefunden habe, bleibt Mark misstrauisch. Er flüchtet sich in ein wochenlanges Alkoholdelirium. Als er zur gemeinsamen Wohnung zurückkehrt ist Anna verschwunden und der kleine gemeinsame Sohn Bob (Michael Hogben) allein und verwahrlost. Daraufhin wirft Mark die zurückkehrende Anna aus der Wohnung und will sich fortan selbst um Bob kümmern. Alsbald meldet sich Annas neue Beziehung, der seltsame Esoteriker Heinrich (Hein Bennent), bei Mark, weil auch er nicht mehr weiß wo sie ist. Ein beauftragter Detektiv verfolgt sie bis zu einem heruntergekommenen Altbau, verschwindet dann jedoch selbst. Irgendetwas versteckt sich in der verdreckten Wohnung. Etwas, das vollständig Besitz von Anna ergriffen zu haben scheint.

Der Film transportiert auf unangenehm rohe Weise die Gefühle, die mit dem unglücklichen Ende einer Beziehung einhergehen. Den Schmerz, die Entfremdung, die Paranoia und das Trauma. Zulawski bildet die Räume um die Charaktere beinahe leer ab, sie sind gefüllt mit kalten Blautönen. Bruno Nuyttens unstete Kamera saust durch die Gegend, verfolgt Charaktere, kreist um sie herum, stellt sie immer wieder in den Mittelpunkt. Die erste Hälfte zeigt hierbei noch halbwegs realistisch den emotional aufgeladenen, drastischen Konflikt zwischen Kontrollfreak Mark und der nach einer eher undefinierten Freiheit, vor allem aber nach der Gesellschaft des oft abwesenden Mark, strebenden Anna. Wir als Zuschauer werden in die Rolle des passiven Beobachters geworfen. In die unangenehme Rolle des Besuchsgastes, wenn zwischen dem Gastgeber-Paar plötzlich ein heftiger Konflikt entbrennt. Die ersten Worte des Films sind die Fortsetzung eines Streits, der begann, lange bevor wir überhaupt da waren. Zulawski ist hier gnadenlos und deutlich in seiner Darstellung eines Konflikts, der auch vor häuslicher Gewalt und Selbstverletzung nicht haltmacht.

Doch bereits hier hält das Seltsame Einzug. NVA-Soldaten spähen über die Mauer in die Fenster der Wohnung von Anna und Mark. Paranoia eines Spions, oder steckt mehr dahinter? Plötzlich entpuppt sich Bobs Grundschullehrerin Helen (ebenfalls Adjani) als exakte Doppelgängerin von Anna. Etwas, das Mark nie hinterfragt, aber zum Anlass nimmt eine Beziehung mit ihr zu beginnen.

Doch in der zweiten Hälfte des Films bricht sich der Horror endgültig Bahn, wenn Anna selbst zur Agentin eines widerwärtigen Urbösen wird. Wenn sie einem grotesken Tentakelwesen auf der Toilette einer völlig verdreckten, vermüllten Wohnung (im direkten Kontrast zu Anna und Marks moderner, aber seltsam kahler Wohnung) nicht nur sich selbst, sondern auch Todesopfer zuführt. Darunter auch Carl Duering als vielleicht schlechtester Privatdetektiv der Filmgeschichte. Es entbrennt ein grotesker Akt der Ko-Selbstzerstörung im Laufe dessen auch Mark zum Mörder wird und an dessen Ende von beiden Partnern nichts mehr übrig ist, als seltsame Abbilder und allgegenwärtige Zerstörung.

Zulawski ging, für absolut niemanden überraschend, durch eine sehr hässliche Trennung, als er den Film schrieb. Doch war es für ihn nicht nur eine Zeit der persönlichen Trennung, sondern auch die Zeit, in der er sein Heimatland, das sozialistische Polen, endgültig verlassen hatte und nach Frankreich gegangen war. Und so spiegelt auch sein Film das Persönliche auf einer größeren Projektionsfläche wider. Anna und Marks grausige Trennung vollzieht sich im geteilten Berlin. Mit seiner Mauer sinnbildlich für ein getrenntes Deutschland. Eine Trennung, die nicht zuletzt Folge eines grausigen Traumas war, das Deutschland der Welt aufgezwungen hat. Beide Häuser, der elegante Neubau und der verfallene Altbau (Sebastianstr. 87, wo man heute die (hoffentlich sanierten) Wohnungen teuer mieten kann), liegen in direkter Nähe zur Mauer. Ein seltsamer Mann in rosa Socken (Maximilian Rüthlein) versucht Mark in seine alte Spionagearbeit zurückzuholen (oder doch ihn umzudrehen, man weiß es nie). Und der Film endet mit einer Andeutung von gigantischer Vernichtung, die hier in direkter Nähe des Eisernen Vorhangs wohl nie weit entfernt schien und die die Desintegration der zentralen Beziehung in ein größeres Ganzes einfügt.

Zentral für das Gelingen eines solchen Films sind die Darsteller. Vor allem natürlich das zentrale Paar. Der damals noch recht unbekannte Sam Neill gibt seinen Mark als nach außen hin kühl-analytischen Charakter, eine Fassade, die allerdings schnell bröckelt. Im Streit mit Anna entpuppt er sich als kleinlicher Tyrann, der Besitztümer zurückfordert und seine moralische Überlegenheit feiert. Neill gibt das nuanciert zwischen erbostem Fordern und kindlichem Betteln, wenn er an Bobs Spieltisch sitzt und zu Anna aufblickt. Isabelle Adjani liefert hier die Art von Darstellung ab, die entweder sämtliche Schauspielpreise der Welt bekommen, oder dafür sorgen sollte, dass sie nie wieder eine Rolle bekommt. Die Tatsache, dass weder das eine noch das andere eingetreten ist, ist zumindest seltsam. Als Anna liefert sie auf einer Intensitätsskala von 1 bis 10 keine Szene unter einer 9,5 ab. Was natürlich dafür sorgt, dass sie gelegentlich auf 12 hochschalten muss. Da ist eine Szene in einem U-Bahnhof in diesem Film, in der sie die typischen Grenzen narrativen Schauspiels definitiv hinter sich lässt und in die Performance Art wechselt. Es ist eine Szene, von der ich Euch versprechen kann, dass Ihr sie nie vergessen werdet. Ob das gut oder schlecht ist, das müsst Ihr für Euch selbst entscheiden. Überhaupt hängt viel ob Ihr den Film mögt oder nicht davon ab, was Ihr vom Spiel, insbesondere von Adjanis Spiel, haltet. Funktioniert es für Euch nicht, bekommt Ihr hier vermutlich nur ein Fließband grotesker Grausamkeiten präsentiert und werdet den Film sicher lange vor seinem Ende abschalten.

Wenn es aber funktioniert, so wie für mich, dann bekommt Ihr hier ein absolut einmaliges Filmerlebnis geliefert. Ich tue mich schwer damit den Film als einen meiner Lieblingsfilme zu bezeichnen. Weil er sich einer solchen Kategorisierung nun endgültig entzieht. Und auch weil es ein Film ist, den ich nicht häufig sehen muss oder will oder kann. Und in der richtigen Stimmung sein muss wenn ich ihn schaue. Und selbst dann solltet Ihr gewarnt sein, dass der Film sich im Unterbewussten festsetzt. Ihr könnt mit großem Vergnügen ‚Jurassic Park‘ schauen und plötzlich bekommt Ihr beim Anblick Sam Neills die Vision eines elektrischen Fleischmessers…