‚Midsommar‘ (2019) – „So, are we just gonna ignore the bear then?“

Bei der Rezension von Ari Asters Erstlingsfilm ‚Hereditary‘ stand mir fraglos die eigene Erwartungshaltung im Wege. In meiner Besprechung finde ich fast ausschließlich positive Worte, komme aber zu keinem begeisterten Ergebnis. Das hat immerhin dafür gesorgt, dass ich an seinen nächsten Film, eben ‚Midsommar‘ mit einer angepassten Erwartungshaltung herangehe. Außerdem mag ich Folk Horror. Und Florence Pugh sowieso. So richtig viel kann also eigentlich nicht schiefgehen.

Die junge Doktorandin Dani (Pugh) ist in einer tiefen Krise, nachdem ihre bipolare Schwester sowohl sich selbst als auch ihre Eltern getötet hat. Ihr Kommilitone und Freund Christian (Jack Reynor) ist keine große Hilfe. Emotional distanziert und scheinbar mehr aus Pflichtbewusstsein mit Dani zusammen als aus echter Liebe. Sechs Monate nach den furchtbaren Ereignissen besuchen Dani und Christian, gemeinsam mit Christians Anthropologen-Kollegen Josh (William Jackson Harper), einem weiteren Freund, Mark (Will Poulter) auf Einladung ihres schwedischen Kommilitonen Pelle (Vilhelm Blomgren) dessen abgelegene Kommune in Schweden, um dort den neuntägigen Sommersonnenwende-Festlichkeiten beizuwohnen. Die amerikanischen Gäste (und weitere aus London) werden freundlich aufgenommen und die Teilnehmer geben bereitwillig Auskunft über die traditionellen Riten. Langsam aber sicher stellt sich jedoch heraus, dass wohl nicht alles so idyllisch ist wie es scheint.

In meiner Besprechung zu ‚Hereditary‘ habe ich vor allem die Unausweichlichkeit des Geschehens als Quelle des Schreckens ausgemacht. Das treibt Aster hier noch deutlich weiter. Er weiß, dass wir als Zuschauer wissen was es bedeutet, wenn eine Gruppe Fremder zu einem heidnischen Fest irgendwo so tief im Wald, dass es unmöglich zu finden ist, eingeladen wird. Zumindest in einem Horrorfilm. Und er hat keinen Grund uns dazu aufzufordern so zu tun als wüssten wir es nicht. Irgendwann gegen Mitte des Films, wird die Unausweichlichkeit der Situation auch im Film festgestellt und nicht weiter groß hinterfragt. Die Charaktere haben sowieso wenig Gelegenheit dazu. Nehmen sie doch schon vor der Ankunft bei den Festlichkeiten „Magic Mushrooms“ zu sich. Und auch während der Festlichkeiten werden ihnen mehrfach psychotrope Substanzen verabreicht. Zusammen mit der Tatsache, dass der Himmel niemals dunkel wird und beständigem Schlafmangel, in der gemeinsamen Schlafhalle schreit ununterbrochen ein Baby, wird so jedes Gefühl für Raum und Zeit ausgeschaltet.

Daher vermeidet Aster auch die meisten typischen Klischees eines Horrorfilms. Verfolgungen durch dunkle Gänge gibt es nicht, weil es nicht dunkel wird und keine Gänge gibt. Überhaupt ist er nicht unbedingt an der Ausführung von Gewalt interessiert, sondern an deren Nachwirkungen. Selten und plötzlich wird die idyllische Monotonie der schwedischen Waldlichtung von Bildern bizarrer Grausamkeit* unterbrochen, die genau dadurch eine weit höhere Wirkung erzielen.

Letztlich ist ‚Midommar‘ aber genau wie ‚Hereditary‘ ein Charakterdrama. Ein Charakterdrama, das durch die Linsen verschiedener Filmgenres beleuchtet wird. Im ersten Akt in New York (achtet übrigens mal darauf, wie sehr sich Setdesign zwischen New York und Schweden unterscheidet, Stichwort: Spiegel) stellt er unsere Hauptcharaktere mit all ihren Schwächen vor. Wirklich runde Charaktere werden dabei allerdings eigentlich nur Dani und Christian, Josh und Mark bleiben eher Karikaturen des neugierigen Wissenschaftlers und des Idioten. Und rückwirkend betrachtet dürfte jeder einzelne Satz von Pelle verdeckte Andeutung auf das Kommende sein. Wenn sie nach Schweden kommen beginnt die Betrachtung durch die Genre Linsen. Und zwar einerseits des Horrorfilms andererseits, ausgerechnet, des Märchens. Betrachtet man es als Horrorfilm geraten sie in die Fänge eines Kultes der gnadenlos bereit ist ihre jeweiligen Schwächen auszunutzen. Betrachtet man es als Märchen, dann werden ihre „Vergehen“ mit absurder Brutalität bestraft, eben genau jener absurden Brutalität die man im Märchen häufig findet (dank Disney wird gerne vergessen, dass etwa die böse Königin aus Schneewittchen am Ende gezwungen wird in glühenden Schuhen zu Tode zu tanzen). Andererseits wird „tugendhaftes“ Verhalten auch belohnt. Und so läuft ‚Midsommar‘, ähnlich wie ‚Hereditary‘ auf ein furchtbares Finale hinaus, dass Aster allerdings beinahe triumphal inszeniert. In dieser Absurdität und der ganzen Situation an sich, findet Aster immer wieder tiefschwarzen Humor, ein Element, das auch bei ‚Hereditary‘ bemerkbar war, hier aber deutlicher zu Tage tritt.

Hinter der Kamera steht auch diesmal wieder Pawel Pogorzelski, der hier einen der hellsten und idyllischsten „Horrorfilme“ überhaupt schafft. Meisterhaft gelingt es Aster und ihm, wie schon in ‚Hereditary‘ das Gefühl eines Nervenzusammenbruchs in Bilder zu fassen. Hier erweitert um die Wirkung psychotroper Substanzen, die die Welt mit noch mehr Leben als ihr ohnehin innewohnt zu erfüllen scheint. Fühlte sich die Szenerie in ‚Hereditary‘ oft gewollt wie ein Puppenhaus an, ist es hier ein quasi opernhaftes Gefühl, das sich einstellt, wobei Arien nicht gesungen, sondern wortlos gebrüllt werden. Entstanden ist der Film, weil die schwedische Produktionsfirma B-Reel bei Aster angefragt hat, ob er nicht einen Slasherfilm in Schweden drehen könnte. Irgendwie überrascht es mich nicht, dass dies dabei herauskommt, wenn man Aster nach einem Slasher fragt.

Die Inspiration ist hier noch deutlich eindeutiger auszumachen als bei ‚Hereditary‘ und der Film zitiert auch mehrfach bewusst direkt den ‚Wicker Man‘. Aber das ist eben einer dieser Prüfsteine des Genres und Aster dürfte völlig klar gewesen sein, dass der Film ohnehin diesem Vergleich nicht entgehen können würde. Weitere Inspirationen meine ich in ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘ und ‚Rosemarys Baby‘ ausmachen zu können. Tatsächlich ist die Struktur auch ‚Hereditary‘ durchaus ähnlich. Eine Familientragödie als auslösendes Element, ein sinisterer Kult und eine Frau am Rande des Zusammenbruchs im Zentrum. Selbst ein Element wie das Zungenklicken aus ‚Hereditary‘ findet sich hier als tiefes Ausatmen wieder.

Wurde ‚Hereditary‘ von Toni Collettes Darstellung getragen, dann kann man dasselbe über ‚Midsommar‘ und Florence Pugh behaupten. Ganz die Höhen Collettes mag sie noch nicht erreichen, doch ist es beeindruckend, wenn auch inzwischen nicht mehr überraschend, was sie hier abliefert. Ein Moment früh im Film, wenn sich in ihrem ausdrucksstarken Gesicht ein aufgesetztes Lächeln von einem Moment auf den nächsten verfinstert, gehört zu den Momenten im Film, die mir in die Erinnerung gebrannt bleiben werden. Jack Reynor ist gut als jemand, der anfangs als überforderter Jedermann erscheint, sich dann jedoch sukzessive als unangenehmer Manipulator entpuppt. Und Will Poulter… okay, ich muss zugeben ich habe Schwierigkeiten in Poulter jemals jemand anderen als Lee Carter aus ‚Son of Rambow‘ zu sehen. Aber es ist ein wenig diese etwas einfältige Unschuld, die diesen Charakter ausmacht, von daher passte das hier. Was ich für gewöhnlich nicht erwähnen würde ist die Statisten-Regie. Hier ist sie aber wahnsinnig auffällig. Und ich vermute das ist gewollt. Die Personen im Hintergrund der Festlichkeiten führen oftmals robotisch eine Handlung aus, warten einige Sekunden und tun es nochmal. Bei Essszenen führen sie die Nahrung zum Mund ohne wirklich zu essen. Bei vielen anderen Filmen würde ich Unachtsamkeit vermuten, doch hier ist es wohl ein nicht so subtiler Hinweis, dass diese Festlichkeiten nicht unbedingt sind was sie scheinen.

Ich scheine in einer Minderheit zu sein, die ‚Midsommar‘ deutlich mehr als ‚Hereditary‘ mag. Ich kann die Kritikpunkte verstehen, ja Josh und Mark (und die Londoner) hätten etwas mehr Charakterisierung vertragen und den 2 ½ Stunden des Films wäre sicher Raum dafür gewesen. Zentral ist es aber Danis Märchen und Christians (vielleicht auch nicht gerade der Name mit dem man ein heidnisches Ritual besuchen sollte…) Horrorfilm. Oder umgekehrt. Der Film hat seine lange Laufzeit für mich fast wie im Flug vergehen lassen, was kein kleines Kompliment ist. Ja, ein wenig bin ich jetzt sogar an Asters dreistündigem Directors Cut interessiert. Aber mehr noch an was auch immer er als nächstes angeht. Skål!

 

*Aster hat ein Ding für Köpfe und ihre strukturelle Integrität (bzw. deren Mangel), oder?

Kurz und schmerzlos 25: ‚We Summoned A Demon‘ und ‚Luisa and Anna’s First Fight‘

Es ist endlich mal wieder Zeit für Kurzfilme. Und weil es so lange keine gab, gibt es heute gleich zwei. Fangen wir mit Chris McInroys ‚We Summoned A Demon‘ von 2017 an. Zwei Typen versuchen sich an einem finsteren Ritual, das sie cooler machen soll. Das schlägt spektakulär fehl, wenn sie stattdessen, der Titel lässt es ahnen, einen Dämon beschwören. Der Film bietet 80er Jahre Atmosphäre mit praktischen Effekten, etwas zu viel Kunstblut, einem Dreh, der sich, wie es sich für eine billige direct to video Produktion gehört, vollständig in einem Lagerhaus abspielt. Dazu diese Purpur/Pink/Blau Beleuchtung (gibt es dafür eigentlich einen Fachbegriff?), die nach 80ern aussieht, aber ehrlich gesagt ziemlich modern ist (siehe etwa ‚Neon Demon‘ oder ‚Mandy‘). Daraus macht McInroy fünf durchaus unterhaltsame Minuten.

 

Als nächstes haben wir Lena Tsodykovskayas ‚Luisa and Anna’s First Fight‘ von 2019. Luisa und Anna sind zwei Teenagerinnen auf der Suche nach einem Kampf, den es womöglich gar nicht gibt. Aber wenn es ihn nicht gibt, dann muss man ihn halt erfinden. Denn genau wie die beiden Typen aus dem ersten Film wären Luisa und Anna gern cool. Beschwören dafür zwar keinen Dämon, richten aber durchaus auch Unheil an. Auch der Film kommt mit einer nostalgischen Retrostimmung daher (man beachte die Abwesenheit von Smartphones) und lebt vor allem von seiner montageartigen Inszenierung, der Musik und vor allem der Chemie der beiden Hauptdarstellerinnen Olivia Taylor Cruz und Allison Moses.

 

Ich hoffe es war etwas für Euch dabei und, dass es nicht wieder so lange bis zum nächsten kurz & schmerzlos dauert. Ich meine, letztlich habe ich da die volle Kontrolle drüber und müsste nicht hoffen, sondern könnte morgen den nächsten posten, aber Ihr wisst was ich meine. Und falls nicht ist das auch in Ordnung. Vermutlich sogar besser.

‚Die Mächte des Wahnsinns‘ (1994) – „Lesen Sie Sutter Cane?“

John Carpenter hat, von seinem Überraschungserfolg ‚Halloween‘ 1978 angefangen, die gesamten 80er Jahre hindurch eine absolut beeindruckende Filmografie ohne echte Fehltritte aufzuweisen. Zumindest in der Rückschau. Bei ihrem Erscheinen wurde nicht jeder der Filme wohlwollend aufgenommen und manche wurden ordentliche finanzielle Flops (‚The Thing‘, ‚Big Trouble in Little China‘). Doch im Rückblick wird eine sehr klare Vision deutlich. Eine die nicht immer mit dem Geschmack der Zeit übereinstimmte. In den 90ern erhielt diese Erfolgssträhne allerdings deutliche Knicke. ‚Flucht aus L.A.‘ ist jedenfalls schwer zu übersehen. Sein Werk in den 2000ern ist dann kaum noch der Erwähnung wert. Mit ‚Ghosts of Mars‘ wartet definitiv kein falsch verstandener Schatz auf seine Neuevaluation. Schauen wir uns heute den Film an, den ich als den letzten wirklich großen des Meisters des Horrors betrachte: ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ von 1994.

In der Rahmenhandlung des Films erzählt Versicherungsermittler John Trent (Sam Neill), in seiner Zelle einer Nervenheilanstalt, Dr. Wren (David Warner) welche Umstände ihn dorthin geführt haben.

Trent wird von einer Versicherung, bei der der Verlag Arcane unter Vertrag ist, beauftragt das angebliche Verschwinden des Starautors des Verlags, Horrorlegende Sutter Cane (Jürgen Prochnow), zu untersuchen. Der Zyniker Trent geht von einer umfangreichen Werbeaktion aufgrund des Erscheinens von Canes neuem Roman „In The Mouth of Madness“ aus, der bereits vor Veröffentlichung eine Art Massenhysterie auszulösen scheint. Selbst die Tatsache, dass er von Canes Literaturagenten mit einer Axt attackiert wird, bringt ihn von dieser These nicht ab. Die Lektüre von Canes bisherigen Büchern hat zwar eine gewisse suggestive Wirkung auf Trent, allerdings entdeckt er auch eine Karte zum angeblich von Cane erfundenen Ort Hobb’s End. Gemeinsam mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen), macht sich Trent auf den Weg nach Hobb’s End. Sie mit dem Ziel Cane zu finden, er mit dem Ziel eine gigantische Inszenierung aufzudecken. Sie werden beide etwas anderes finden als sie erwarten.

Der Film bezieht sich direkt auf zwei wichtige Säulen der amerikanischen Horrorliteratur. Der megaerfolgreiche Autor Sutter Cane, der weltweit gelesen wird, steht natürlich stellvertretend für Stephen King. Fast hat man den Eindruck, der Name sei in Absprache mit Anwälten so gewählt, dass er gerade eben weit genug entfernt ist, um eine Unterlassungsklage zu vermeiden. Auch die wunderbar reißerisch-blutigen Cover seiner Bücher sind voll in der Zeit der Entstehung des Films verhaftet. Die Tatsache, dass jenseitige Mächte Canes Literatur als Vektor benutzen wollen, um die Realität umzuschreiben und sich so selbst in die Welt zu gebären, ist eine, die genauso von Howard Phillips Lovecraft stammen könnte. Auch sehen wir im Film immer wieder direkte Anspielungen auf das Werk Lovecrafts. Die Unterkunft von Styles und Trent in Hobb’s End, das Pickman Hotel etwa, ist dabei sowohl Anspielung auf das Gilman Hotel aus „Schatten über Innsmouth“, einer Geschichte über eine mysteriöse Kleinstadt und „Pickmans Model“, wo es um einen Künstler geht der von unirdischen Wesen inspiriert wird. Und selbstverständlich sind der Originaltitel des Films ‚In The Mouth of Madness‘, sowie fast alle Cane Romantitel, Anspielungen auf Geschichtentitel Lovecrafts.

Carpenter vermeidet dabei einen Fehler, den viele direkte Adaptionen von Lovecraft begehen: er vermeidet zu viel von jenen unergründlichen Wesenheiten zu zeigen, hält sie damit geheimnisvoll und macht sie nicht zu billigen Schleimtentakeln. Vielmehr zeigt er ihre absolute Macht der Realitätsveränderung. Hierfür arbeitet er gerne mit Wiederholungen. Das beginnt schon bei Trents Lektüre der Cane Romane, wo eine Begegnung mit einem brutalen Polizisten, der einen Sprayer verprügelt, sich in immer schlimmerer und schließlich wortwörtlich alptraumhafter Weise wiederholt. Bei der Fahrt nach Hobb’s End überholt Styles wieder und wieder einen Radfahrer. Zunächst als Jungen, schließlich als uralten Mann (der immer noch die Stimme eines Kindes hat). Auch spielt der Film direkt mit der Idee der Wiederholung einer Geschichte, zunächst als Roman, dann als Film und schließlich als… Realität.

Carpenter zitiert sich filmisch hier durchaus gewollt auch selbst. Der Film beginnt mit dem Drucken eines Sutter Cane Romans, also der Herstellung des Werkzeugs des Bösen, was an den Anfang von ‚Christine‘ denken lässt, wenn der fiese Plymouth vom Band läuft. Das Erscheinen des axtschwingenden Literaturagenten im Hintergrund einer Szene, der sich dann langsam in den Vordergrund vorarbeitet, lässt an Michael Myers denken. Der Umgang mit dem Verlust von Identität und Realität gemahnt an ‚The Thing‘ nur auf einer größeren, globalen Ebene. Dabei erwecken diese Selbstreferenzen aber nicht ein Gefühl der Ideenlosigkeit, sondern es hat beinahe etwas von einer Ehrenrunde. Fast als hätte Carpenter geahnt, dass er hier zum letzten Mal eine wirklich große filmische Ambition angeht.

Und ein ambitionierter Film ist es ohne Frage. Der Film wird oft als der dritte Film von Carpenters „Apocalypse Trilogy“ geführt, zusammen mit ‚The Thing‘ und ‚Die Fürsten der Dunkelheit‘. Tatsächlich kommen wir dem Ende der Welt hier näher als in irgendeinem der anderen Filme und Carpenter inszeniert Canes gottgleiche Fähigkeiten, die ihm die „Mächte des Wahnsinns“ verliehen haben, mit erkennbarem, filmischen Vergnügen („meine liebste Farbe ist blau!“).

Ganz wichtig bei einem Carpenterfilm ist natürlich auch die Musik. Für den Titelsong wollte Carpenter eigentlich einen Metallica Song. Letztlich bekam er die Rechte nicht (ich vermute sie wollten mehr dafür haben, als er bereit war zu zahlen) und so bewies Carpenter selbst, dass er nicht nur Synthesizer beherrscht, sondern durchaus auch ordentliches Gitarrengeschraddel. Auch der Rest des Soundtracks (den Carpenter zusammen mit Jim Lang geschrieben hat) enthält Gitarren, wenn auch sanftere, aber auch menschliches Stöhnen oder tatsächlichen Gesang, aber natürlich auch finstere Synthie-Streicher und elektronische Töne. Von allen seinen Soundtracks dürfte dieser hier derjenige sein, der alleinstehend am unheimlichsten ist.

Schauspielerisch gehört der Film absolut Sam Neill. Sein Weg vom skeptischen Zyniker, der an seinem Weltbild und schließlich seiner Idee von sich selbst zweifeln muss, ist glaubhaft vollzogen. Außerdem beherrscht es kaum ein anderer wie Neill absolute Unsympathen zu verkörpern, denen man sich dennoch schwer entziehen kann. Julie Carmens Linda wird vom Film hingegen ein wenig stiefmütterlich behandelt. Sie hängt sich zwar sehr rein in die Rolle der, mehr oder weniger unauffällig, in Cane verknallten Lektorin, doch endet ihre Geschichte ein wenig früher als gut ist und bleibt ein wenig im Nichts hängen.

Was bleibt ist ein hochambitionierter Film über die Wirkmacht von medialen Ereignissen, der seinen apokalyptischen Ansatz mit recht bescheidenen Mitteln eindrucksvoll herüberbringt. Nicht ohne Fehler, vielleicht mit ein paar erzählerischen Ansätzen die in einer Sackgasse enden, aber im Großen und Ganzen wunderbar gelungen.

 

Fun Fact: wer genau hinschaut, kann ein paar ehemalige und zukünftige Filmschurken ausmachen. Einer der Bewohner von Hobb’s End wird unverkennbar vom deutschen Boxer Wilhelm von Homburg gespielt, besser bekannt als „Vigo von Homburg Deutschendorf, die Geißel der Karpaten, das Leiden von Moldawien“ aus ‚Ghostbusters II‘. Und nach seiner Rückkehr aus Hobb’s End trifft Trent auf einen Zeitungsjungen. Dargestellt von einem jungen Hayden Christensen, Anakin „Ani“ Skywalker aus den ‚Star Wars‘ Episoden II und III.

 

Horrortipps für Hallowe’en

Da ich mit meiner Geschwindigkeit von Besprechungsveröffentlichungen von 1/Woche niemals alle Filme werde besprechen können, über die ich gerne reden würde, nehme ich hier mal die Gelegenheit wahr, Euch ein paar seltener erwähnte Horrorfilme ans Herz zu legen. Viel mehr als ein paar empfehlende Worte werde ich dabei nicht geben, es ist also durchaus möglich, dass der eine oder andere in Zukunft noch eine volle Besprechung bekommt. Wer also für die Woche vor Hallowe’en (hey, wenn Agatha Christie das so schreibt, werde ich ihr wohl kaum widersprechen) oder darüber hinaus noch gruselige Programmtipps braucht, ist hier genau richtig.

 

‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ (1964)

Um einmal Loriot vollkommen abgewandelt zu zitieren „ein Hallowe’en ohne Vincent Price ist möglich, aber nicht wünschenswert“. Sämtliche der Edgar Allan Poe Adaptionen, die B-Movie Papst Roger Corman in den 60ern gedreht hat, sind sehenswert. Nicht nur wegen Price. Diese Adaption von „Die Maske des Roten Todes“ (mit Elementen von „Hopp-Frosch“) ist aber sicherlich die Schönste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein junger Nicolas Roeg (‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘) hinter der Kamera stand. Und der weiß, wie man mit Farben umgeht, selbst in seinem ersten Farbfilm. So taucht hier nicht nur der Rote Tod, Manifestation einer Seuche, die den grausamen Prinzen Prospero (Price) heimsucht, der in seinem Palast feiert, während seine Untertanen sterben, sondern ein ganzes Farbenspektrum an Toden auf. Für seine Verhältnisse unerhörte 5 Wochen drehte Corman diesen Film. Britische Crews, sagte er später, seien einfach zu langsam. Dafür sieht‘s am Ende halt auch gut aus.

 

‚Kill List‘ (2011)

Bleiben wir noch eine Weile auf den britischen Inseln. Ben Wheatleys ‚Kill List‘ beginnt zunächst mal so gar nicht wie ein Horrorfilm. Zwei Auftragskiller wollen nach einer längeren Pause (aufgrund gewisser Vorkommnisse in Kiew) einen neuen Job annehmen. Sie erhalten von einem mysteriösen Auftraggeber eine „Kill List“, die verschiedene Opfer in England auflistet. Es entspinnt sich ein merkwürdiger, brodelnder Thriller, der an den Grundfesten der Zivilisation zu hämmern scheint und keinen menschlichen Abgrund auslässt. Und dann legt sich der Film steil in die Kurve und wird wirklich merkwürdig. Es ist schwer den Film als meinen liebsten von Wheatley zu bezeichnen, weil er durchaus gewollt abstoßend ist. Doch ist es einer, der fraglos große Wirkung auf mich hat und den ich fast nie besprochen sehe.

 

‚X-Tro‘ (1982)

Es ist recht schwer in diesem Film, der Ende 1982 erschien keine Reaktion auf ‚E.T.‘ zu sehen. Der deutsche Untertitel ist da gänzlich schmerzfrei und bemerkt direkt „nicht alle Aliens sind freundlich“. Hier scheint sich Autor/Regisseur Harry Bromley Davenport allerdings gefragt zu haben, von welchen Genres ‚E.T.‘ a weitesten entfernt sei. Seine Antwort war offenbar „britischer Sozialrealismus“ und „absurder Horror“. Denn diese beiden vermischt der Film auf eine Weise, die ich nirgendwo anders wieder gesehen hätte. Der Vater eines Jungen wird augenscheinlich von Aliens entführt und kehrt drei Jahre später verändert zurück. Allein diese Rückkehr ist derart grotesk, dass man sie schwerlich vergessen wird. Als er erschien galt der Film als widerlicher Trash, der mit einem ekligen ‚E.T.‘ Ripoff schnelles Geld machen wollte. Seine große Entdeckung als „Kultfilm“ steht noch aus, oder findet vielleicht nie statt, doch eines ist dieser Film sicher nie: vorhersehbar!

 

‚The Borderlands‘ (2013)

Found Footage Filme sind so eine Sache. Ähnlich wie Zombies haben sie sich in den letzten Jahren ein wenig totgelaufen. Doch beherrschen sie gewisse Dinge besser als viele andere Filme. So können sie ein Gefühl der Klaustrophobie ganz hervorragend transportieren. Und Klaustrophobie bietet dieser Film wie kaum ein anderer. Ein vom Vatikan beauftragtes Expertenteam, bestehend aus einem Skeptiker, einem Technikexperten und einem Priester, sollen mysteriöse Vorkommnisse in einer abgelegenen englischen Kirche untersuchen. Zunächst sind sie sicher, der örtliche Priester habe diese hier inszeniert, um ein „Wunder“ zu schaffen, doch als ihnen aus der schweigsamen Ortschaft brutale Ablehnung entgegenschlägt und in der Kirche sicher nicht wunderbare, aber definitiv seltsame Dinge vorgehen, müssen sie feststellen, dass sie etwas Älterem und Finstererem auf der Spur sind als irgendjemand glaubte. Die letzten Szenen dieses Films, die ich natürlich nicht verraten werde, haben mich wahrlich nach Atem ringen lassen, was nicht häufig vorkommt.

 

‚Hausu‘ (1977)

Ich glaube einer der Gründe warum ich Horror so mag ist, dass, vom Experimentalfilm  einmal abgesehen, es das einzige Genre ist, in dem Surrealismus nicht nur „erlaubt“ ist, sondern beinahe erwartet wird. Und nicht viele Filme sind so surreal und so experimentell wie ‚Hausu‘. Hat man den Film gesehen, ist es beinahe unmöglich seinen Ursprung zu glauben. Das japanische Studio Toho wollte von Regisseur Nobuhiko Obayashi einen Film „inspiriert“ vom Erfolg von ‚Der Weiße Hai‘. Letztlich ließ sich Obayashi von den Ängsten seiner 11jährigen Tochter inspirieren, zu einem Film, der kaum weiter vom Blockbuster entfernt sein könnte. Darin macht ein Mädchen mit ein paar Freundinnen Ferien im abgelegenen Haus ihrer Tante wo… merkwürdige Dinge passieren. Fliegende Melonenköpfe, ein Blut kotzendes Katzenbild oder ein menschenfressendes Klavier werden mit absichtlich wahnsinnig albernen Spezialeffekten in Szene gesetzt. Ist das gruselig? Überhaupt nicht. Aber es ist überraschend, es ist unterhaltsam und es ist vollkommen surreal. Brillanter bonbonfarbener Kitsch, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt!

 

‚Possession‘ (1981)

Eine Scheidung, gerade eine zerstrittene, ist wohl schon grundsätzlich etwas Gruseliges. Die Beziehung zweier Menschen, die dachten sie würden sich ihr Leben lang lieben, desintegriert dabei ziemlich leicht in etwas sehr Hässliches, sehr Furchtbares. Findet eine solche Trennung dann auch noch im vom Kalten Krieg geteilten Berlin statt, dann bekommt sie etwas beinahe Symbolisches. Sam Neill und vor allem Isabelle Adjani geben in Andrzej Żuławski bizarrem Beziehungshorror schauspielerisch wirklich alles. Adjani legt in einer U-Bahn-Station einen Zusammenbruch hin, bei dem man sich nicht mehr sicher sein kann, wo Schauspiel endet und echter Schmerz beginnt. Der Film ist tragisch, eklig, blutig und enthält weit mehr Tentakel als sich wohl irgendjemand wünschen kann. Ich versuche erst gar nicht diesem Film mit Worten beizukommen, dafür bin ich nicht annähernd fähig genug.

 

‚Shadow of the Vampire‘

In meinem Artikel über Filme übers Filmen habe ich diesen „was wäre wenn“ Film von E. Elias Merhige schon einmal erwähnt. In seiner Hommage an F.W. Murnaus ‚Nosferatu‘ geht er der abwegigen Frage nach, was wäre wenn Max Schreck wirklich ein Vampir gewesen wäre. Murnau hat dem Ungeheuer als Gage für seinen Auftritt das Blut von Hauptdarstellerin Greta Schröder versprochen, plant aber den Vampir zu töten bevor der seinen Lohn abholen kann. Alles für die Kunst! Schreck/Orlok wird dabei äußerst großartig von Willem Dafoe verkörpert. Anfangs irgendwo zwischen widerwärtig und beinahe bemitleidenswert, liefert er sich alsbald tödliche Machtspielchen mit Murnau. Wessen Film ‚Nosferatu‘ eigentlich ist, steht bald zur Frage. Deutlich zugänglicher als Merhiges Erstling ‚Begotten‘, richtet er sich dennoch nicht nach erzählerischen Erwartungen.

 

So, jetzt hätte ich auch von Euch gern ein paar ungewöhnlichere Horrorempfehlungen. Schreibt oder verlinkt sie gerne in den Kommentaren.

‚Berberian Sound Studio‘ (2012)

Film ist ein visuelles Medium. Das ist keine besonders tiefe oder in irgendeiner Art neue Erkenntnis. Und doch besteht Film natürlich aus mehr als nur den Bildern. Seit 90 Jahren ist Ton ein ähnlich integraler Bestandteil. Und schon davor war ein live gespielter Soundtrack nicht unüblich. Doch natürlich sind nicht nur die Bilder eines Films „falsch“, gestellt, geschauspielert, der Ton ist es ganz genauso. Das wissen wir nicht erst seit ‚Die Ritter der Kokosnuss‘. Filme übers Filmen gibt es durchaus recht viele, Filme über das Tonmachen haben vermutlich Seltenheitswert. Und hier kommt Peter Stricklands ‚Berberian Sound Studio‘ von 2012 ins Spiel.

In den 70er Jahren wird der britische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) vom italienischen Regisseur Santini (Antonio Mancino) in das römische Berberian Tonstudio eingeladen, um dort bei der Postproduktion seines neuen Filmes ‚Il Vortice Equestre‘ die Vertonungsarbeiten zu überwachen. Gilderoy kann dem Namen des Filmes nur entnehmen, dass es um „irgendwas mit Pferden“ geht und ist vor Ort schockiert, dass es sich um einen blutigen „Giallo“ (einen Thriller mit übernatürlichen Elementen) handelt. Wir als Zuschauer bekommen (vom Vorspann abgesehen) nie einen Frame des Films im Film zu sehen und können nur aus Szenentiteln ableiten, dass wiederauferstandene Hexen und ein „gefährlich erregter Goblin“ an einer Reitschule für junge Frauen ebenso zentrale wie mörderische Rollen spielen. Und so reißt der schüchterne Gilderoy bald die Stiele von Radieschen, sticht auf Salatköpfe ein und zermatscht ganze Melonen, um die überzogene Gewalt des Films mit noch überzogeneren Geräuschen zu unterlegen, während in der Tonkabine die Darstellerinnen um das Leben ihrer Charaktere schreien, oder die bizarren Hexenbeschwörungen intonieren. Mehr und mehr scheint Gilderoy vom Gesehenen und seinem eigenen Zutun abgestoßen aber auch fasziniert, bis er darin zu versinken droht.

Was Strickland hier tut, widerspricht natürlich jeder „normalen“ Idee des Films. Jeder Film will seine Nähte verbergen, die Künstlichkeit unsichtbar machen, „echt“ wirken. Hier zeigt er uns verschiedene Ebenen der Postproduktion, die allesamt deutlich zeigen, dass so gar nichts „echt“ an einem Film ist. Film ist Illusion, das wissen wir alle, wollen es aber möglichst für zwei Stunden vergessen. Was Strickland aber auch zeigt ist die Kraft der Suggestion. Nicht nur wir Zuschauer sind bestens in der Lage aus den gehörten Matschgeräuschen allerlei furchtbare Gewalttaten in unseren Köpfen zu formen, selbst wenn  wir sehen, dass es nur Gemüse ist, das hier malträtiert wird. Mehr noch ist es die suggestive Wirkung der Filmszenen auf Gilderoy, der sich mehr und mehr in ihnen zu verlieren scheint, obwohl er doch Teil ihres Schöpfungsprozesses ist. In einer Szene meint er einen Charakter des Films „retten“ zu können, indem er einfach den Moment, wenn sie auf unaussprechliche Weise mit einem glühenden Schüreisen misshandelt wird, nicht mit dem entsprechenden Ton (Wassertropfen in eine heiße Pfanne) unterlegt. Letztlich quält er sich damit allerdings nur selbst, weil er die Szene wieder und wieder sehen muss, während der Rest der Crew auf seinen Einsatz wartet.

Doch auch was Gilderoy angeht beginnt der Film bald Fragen aufzuwerfen. Warum sollte ein italienischer Regisseur einen britischen Toningenieur einfliegen lassen, dessen Meisterwerk eine Naturdokumentation über Wald und Wiesen rund um das Kaff Dorking ist? Der sonst nur Geräusche für Kinderprogramme im Fernsehen macht? Dessen „Tonstudio“ ein Schuppen im Garten seiner Mutter ist? Ausgerechnet aus den unterhaltsam-kafkaesken Szenen zwischen Gilderoy und Elena (Tonia Sotiropoulou), der Empfangsdame des Berberian Studio, deren Englisch immer gerade dann aussetzt, wenn es um die Vergütung von Gildreroys Reisekosten geht, oder die ihn an eine weitere Station der labyrinthinen Finanzabteilung verweist, erwächst bald die größte Frage, was Gilderoy angeht.

Doch ist nicht die ganze Produktion seltsam? Ist es ein reiner „Culture-Clash“, oder sind die italienischen Mitarbeiter schon übertrieben feindselig gegen den introvertierten Briten? Hat der selten gesehene Santini nicht die Aura eines Hohepriesters? Geschrei, Beschwörungen und rituelles Zerhacken von Nahrungsmitteln etwas von einer Beschwörung? Wem gehört die seltsame schwarzbehandschuhte Hand, die den Projektor startet und Gilderoy so den Gewalttaten aussetzt? Bald glaubt man sich im halbdunklen, zigarettenrauchverhangenen Tonstudio zwischen holzvertäfelter, trister 70er-Jahre Optik und beinahe fetischistischen Aufnahmen analoger Tontechnologie so verloren, dass man fast geschockt ist zu hören, ein Charakter säße auf der Terrasse in der Sonne. Oh richtig, wir sind ja in Bella Italia. Da gibt es mehr als Düsternis, Geschrei und Matschgemüse.

Für Giallo Fans gibt es in dem Film fraglos zahllose Anspielungen. Ich bin sicher nicht der größte Experte auf dem Gebiet, doch ist nicht nur im fiktiven Film problemlos eine Anspielung auf ‚Suspiria‘ zu entdecken (mit Reit- statt Tanzschule), auch Santini ist zu gleichen Teilen Hommage an und Karikatur auf Dario Argento. Der junge Mann, der vor allem mit seinem eigenen Vergnügen beschäftigt scheint und nur deswegen da ist, weil sein Vater ein berühmter Regisseur ist, lässt an Lamberto Bava denken. Natürlich ist die schwarzbehandschuhte Hand die jedes ungesehenen Mörders aus einem Giallo, hier bloß mit einem Projektor statt eines Messers bewaffnet. Doch ist da sicherlich noch weit mehr.

Eine Warnung sei noch an diejenigen ausgesprochen, die strikt auf einer linearen Handlung bestehen. Im dritten Akt wird der Film zunehmend erratisch-bizarrer, auf eine Art und Weise, die zahlreiche Interpretationen zulässt, aber nicht unbedingt klare Antworten liefert. Bei meiner ersten Sichtung fühlte ich mich davon ein wenig enttäuscht, doch nun wo ich weiß was mich erwartet, gefällt mir das Ende mit jedem Ansehen besser. Ich habe Vergleiche mit David Lynch gelesen, kann die aber nur teilweise nachvollziehen. Der Film an den mich Stricklands Arbeit hier am ehesten erinnert, ist ‚Videodrome‘. In beiden Filmen verlieren sich die zentralen Charaktere in gesehenen Grausamkeiten, doch gehen Strickland und Cronenberg auf vollständig andere Weise mit diesem Thema um.

Zu erwähnen ist definitiv noch Toby Jones‘ darstellerische Leistung. Er hat eines dieser wahnsinnig ausdruckstarken Gesichter, auf dem sich nur durch winzige Veränderung allerlei Nuancen ablesen lassen. In einer Szene bekleckert sich sein Gilderoy beim Versuch mit einem Mixer voller Tomatenmark ein überzeugendes Kettensägengeräusch zu schaffen selbst. In der folgenden Szene vor dem Spiegel wirkt dies fast wie Blut. Oder eher wie Kunstblut in einem Film. Und Jones wechselt zwischen jenem Mann aus England, der keiner Fliege (oder eher Spinne, in dieser Szene) etwas zu leide tun kann und etwas deutlich Finstererem.

Peter Stricklands Film ist ungewöhnlich, bizarr und reichlich eigen. Ob man ihn überhaupt als Horrorfilm verorten möchte, muss wohl jeder selbst entscheiden, doch wer Interesse daran hat wie die Wurst (oder der Film) gemacht wird, einen weitgehend Nostalgiefreien Rückblick auf ein nur noch selten erwähntes Genre möchte, oder schlicht Vergnügen an ungewöhnlichen Filmen hat, der macht hier sicherlich nichts verkehrt.

Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.