Horror als Blockbuster oder: ein Gruß zum (un-)Geburtstag des „Dark Universe“

Diesen Monat wäre Universals „Dark Universe“ zwei Jahre alt geworden. Wir erinnern uns, Universal wollte seine klassischen Monster, sprich den Wolfman, den Unsichtbaren, Frankensteins Monster, Dracula, den Unsichtbaren oder eben die Mumie in einem in sich verbundenen „Cinematic Universe“ zurückbringen. ‚Die Mumie‘ sollte dabei den Anfang machen. Allerdings schien man sich bei Universal Sorgen zu machen, dass ein Horrorfilm als Blockbuster nicht funktionieren könnte. Daher bemühte man sich, sich dem Superheldenfilm und dem Actionfilm anzunähern, nicht zuletzt durch das Casting von Tom Cruise in der Hauptrolle. Ich habe den Film selbst noch nicht gesehen, doch wenn man Kritiken Glauben schenkt, war es genau diese Unentschlossenheit, dieses tonale Schleudertrauma, das dem Film das Genick gebrochen hat.

Wie dem auch sei, der Film blieb weit hinter den Erwartungen des Studios zurück, die „Architekten“ des Dark Universe, Alex Kurtzman und Chris Morgan, verließen das Projekt und der nächste Film ‚Bride of Frankenstein‘ (mit Angelina Jolie als „Bride“) wurde auf unabsehbare Zeit auf Eis gelegt. Seitdem war nicht mehr viel vom Dark Universe zu hören. ‚The Invisible Man‘, ursprünglich als Großprojekt mit Johnny Depp geplant, ist jetzt, in deutlich reduzierter Form, bei Blumhouse gelandet. Ob das ein Testballon ist, das Dark Universe mit „echten“ Horrorfilmen erst mal mit kleinerem Budget wiederzubeleben, oder eine reine „Resteverwertung“, das wird die Zukunft zeigen müssen. Doch das Dark Universe als gigantisches A-List Blockbuster-Konzept, wie es einmal geplant war, ist vermutlich ein für alle Mal gestorben.

Eine bittere Ironie bekommt das Ganze, wenn im selben Jahr, in dem ‚Die Mumie‘ herauskam, 2017, ein Film unter Beweis gestellt hat, dass die Binsenweisheit „Horror taugt nicht als Blockbuster“ völliger Unsinn ist. Die Neuverfilmung von Stephen Kings ‚IT‘ brach nicht nur monetäre Rekorde, sie war auch ein kritischer Erfolg, kam beim Publikum an und auch beim notorisch ehrlichen, was seine Meinung zu Verfilmungen angeht, Autoren selbst (siehe seine Meinung zu ‚The Shining‘). Mehr als gigantische 700 Millionen Dollar spielte ‚IT‘ weltweit ein. Grund genug, um uns zu fragen, ob an der Binsenweisheit der Blockbusteruntauglichkeit von Horror überhaupt etwas dran ist.

An welche Filme denkt Ihr, wenn Ihr den Begriff Horror-Blockbuster hört? Meine Gedanken gehen bis zurück in die 70er zu ‚Der Weiße Hai‘ und ‚Der Exorzist‘. Beide fraglos Blockbuster, beide aber auch schon deutlich über 40 Jahre her. Vom Gefühl her, hätte ich (vor ‚IT‘) der Idee also zugestimmt, dass Horror als Blockbuster heut nicht mehr unbedingt funktioniert. Schauen wir also mal auf eine Liste[1] und finden heraus wie falsch ich liege.

Tatsächlich belegen ‚Der Weiße Hai‘ mit gut 470 Millionen Dollar Eispielergebnis und ‚Der Exorzist‘ mit gut 441 Millionen Dollar nur Platz 6 und 7 der Rangliste der erfolgreichsten Horrorfilme. ‚IT‘ lacht sich natürlich auf Platz 1 kaputt. Gefolgt wird er von ‚The Sixth Sense‘ (gut 672 Millionen) von 1999, ‚I Am Legend‘ (gut 585 Millionen) von 2007, ‚World War Z‘ (gut 540 Millionen) von 2013 und ‚Godzilla‘ (gut 529 Millionen) von 2014. Also allesamt Filme aus den letzten 20 Jahren und drei davon sogar aus den letzten 6. Folglich ist die Idee vom problematischen Horrorblockbuster also völliger Blödsinn, oder?

Das kommt darauf an welche Erwartungen ein Studio bei dem Begriff „Blockbuster“ hat. Sicher, ‚IT’s 700 Millionen sind beeindruckend, aber welchen Platz bringt ihm das auf der Gesamtliste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten[2] ein? Platz 112. Und nun muss sich ein Studio wohl die Frage stellen, ob es einfach nur verdammt viel Geld, oder doch lieber „alles Geld“ mit seinem Film machen möchte. Universal wollte offenbar Letzteres und verwässerte den Horror mit Action und Superheldenelementen, was sinnvoll scheint, wenn man auf die obersten Plätze, die 1 Milliarde+ Plätze, vordingen möchte. Die übertriebene Gier war hier womöglich der größte Stolperstein für den Film.

Dabei liegt das eigentliche monetäre Geheimnis des Horrorfilms an ganz anderer Stelle. Dafür müssen wir herunterschauen auf Platz 27 der erfolgreichsten Horrorfilme, wo wir ‚Blair Witch Project‘ mit einem Einspielergebnis von gut 248 Millionen Dollar finden. Aber das sind 248 Millionen erwirtschaftet mit einem winzigen Budget von 50.000 Dollar. Hier finden wir auch das Geheimnis des Erfolges des Studios Blumhouse. Das Fundament dieses Studios steht nämlich auf Platz 41 der Rangliste: ‚Paranormal Activity‘ hat seine lächerlichen 15.000 Dollar Produktionsbudget in unglaubliche 194 Millionen Einspielergebnis verwandelt. Deswegen bringt Blumhouse heute noch jedes Jahr ca. 3 billigst produzierte Horrorfilme ins Kino, die definitiv keinen Verlust machen, mit etwas Glück aber gigantische Gewinne einfahren können. Ein Konzept, nach dem auch B-Movie-Papst Roger Corman eine ganze Karriere lang gearbeitet hat. Anders als Corman nutzt man das so eingespielte Geld bei Blumhouse dann aber auch für ambitioniertere Filme, seien sie Horrorfilme (‚Insidious‘, ‚Get Out‘, ‚Halloween‘) oder nicht (‚Whiplash‘, ‚BlacKkKlansman‘).

Daher habe ich auch die Hoffnung noch nicht vollständig (nur zu etwa 95%) aufgegeben, dass Blumhouse, gemeinsam mit Universal, das Dark Universe nun mit ‚The Invisible Man‘ aus dem Kleinen aufbauen und mit ein wenig Glück zurück ins A-List Blockbuster Territorium führen können. Denn Low Budget Horrorfilme sind zwar oft genug großartig, doch manchmal darf es, zumindest für mich, auch gerne mal ein lauter, teurer Crowdpleaser sein.

 

[1] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_highest-grossing_horror_films

[2] https://www.boxofficemojo.com/alltime/world/

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‚Suspiria‘ (2018) – Nochmal mit Gefühl

Ich habe es ja schon in der letzten Woche, bei der Besprechung des originalen ‚Suspiria‘ angedeutet: ich war mindestens überrascht, dass jemand diesen doch sehr typischen Argento-Film neu drehen würde. Bedingen sich Form und Inhalt doch ziemlich extrem gegenseitig. Und obwohl Luca Guadagnino sein Remake als „Coverversion“ bezeichnet blieb ich zumindest skeptisch. Die Tatsache, dass der Film mit seinen 2 1/2 Stunden fast doppelt so lang ist wie das Original hat meine Erwartung nicht eben gesteigert. Nun habe ich das Remake gesehen und war erneut überrascht.

1977 kommt die junge, streng mennonitisch erzogene Amerikanerin Susie Bannon (Dakota Johnson) nach Berlin, um sich an der renommierten Tanzakademie Helena Markos unter der Leitung von Mme. Blanc (Tilda Swinton) einzuschreiben. Hier taucht alsbald der alternde Psychologe Dr. Klemperer (Lutz Ebersdorf) auf, der Erkundigungen nach der verschwundenen Schülerin Patricia (Chloë Grace Moretz), die in ihren letzten Sitzungen bei ihm wilde Anschuldigungen gegen die Lehrerschaft der Schule ausgestoßen hat. Unter anderem sie seien Hexen. Ähnliches äußert die Schülerin Olga (Elena Fokina). Hat sie kurz darauf wirklich die Akademie verlassen, oder ist etwas Finstereres geschehen? Für Susie hat all dies erst einmal Vorteile. Als Naturtalent wird sie schnell zum Protégé von Blanc und aufgrund des Verschwindens der anderen Schülerinnen erhält sie die Hauptrolle in der neuen Choreografie „Volk“. Allerdings bestehen in der Akademie tatsächlich ganz andere Pläne für sie.

Man könnte vermutlich argumentieren, jedes Remake befände sich in einem Dialog mit seinem Original. Was lässt es weg, was behält es, was ändert es, was fügt es hinzu? Wenn das so ist, dann ist Guadagninos ‚Suspiria‘ der Teenager, der schreit: „Nein Mutter (Suspiriorum), ich mache alles anders als DU!“ die Zimmertür zuknallt und Radiohead voll aufdreht. Das ist nicht nur die Motivation von Susie Bannon, Rückblenden stellen das einsame Leben auf der elterlichen Farm in Kontrast zur berliner Großstadt, es ist definitiv auch die von Guadagnino. Alle diese Unterschiede hier aufzuführen erlaubt der Platz nicht, deswegen nehme ich mir erst mal das wichtigste Merkmal vor. In der Besprechung zum Original habe ich festgestellt, dass die Handlung an keinem real zu greifenden Ort spielt. Einem Märchenkönigreich mit eigenen Regeln. ‚Suspiria‘ (2018) ist so fest im Berlin des Jahres 1977 verankert wie es nur geht. Der Film spielt vor dem Hintergrund des deutschen Herbstes. Die Entführung von Schleyer und der Lufthansamaschine Landshut, Proteste für die Freilassung der in Stammheim inhaftierten RAF Terroristen und schließlich deren Selbstmord.

Guadagnino nutzt dieses Setting um seine Themen zu erforschen. Eines davon ist Spaltung: die Schule ist geteilt, die Lehrer in ein Lager Markos und eines Blanc, die Schülerinnen zwischen solchen, die den Lehrern vertrauen und denen die es nicht tun. Deutschland ist geteilt, einerseits ganz sichtbar durch die innerdeutsche Grenze, die Mauer verläuft exakt vor der Schule, andererseits ist die westdeutsche Gesellschaft noch einmal gespalten in diejenigen, die fürchten, aus der Antwort auf den Terror könnte ein Polizeistaat entstehen, andererseits denen die darin bereits Sympathie für den Terror wittern. Diese Spaltungen auf allen Ebenen, so stellt Guadagnino es dar, entstehen aus Schuld und aus Machtmissbrauch. Der RAF Terror ist ein Ausdruck der deutschen Vergangenheitsbewältigung, der Auseinandersetzung mit der Schuld der NS Zeit. Auch Klemperer wird von Schuld getrieben, der Schuld die Verfolgung durch die Nazis überlebt zu haben, während seine Frau Anke das nicht geschafft hat. Ebenso fühlt er Schuld dafür, dass er Patricias Ängste nicht ernst genug genommen hat und nun ist sie verschwunden. So versucht er das eine zu lösen, als Sühne für das andere. Die Lehrerschaft der Schule missbraucht hingegen ihre Macht. Anstatt die Schülerinnen anzuleiten und zu schützen, betrachten sie sie mehr wie Schlachtvieh.

Ein weiterer Aspekt, den Guadagnino völlig anders löst als Argento ist der der Tanzschule an sich. Bei Argento war es nie klar, warum Markos die Schule überhaupt betrieb, schienen ihr aus neugierigen Schülerinnen doch nur Probleme zu erwachsen. Hier ist der Tanz Ausdruck und Demonstration der Macht der Hexen. Das, was ich über Tanz weiß, könnte man sicherlich in großzügigen Buchstaben im Unterschriftsfeld einer Kreditkarte darlegen, doch der Tanz hier ist ungewöhnlich, weil er, anders als etwa Ballett, die schwere des Körpers der Tänzerinnen zu unterstreichen scheint, anstatt sie aufheben zu wollen. Dadurch bekommt der Tanz etwas aggressives, fast brutales. Was bei einem Stück namens „Volk“, das „in den 40er Jahren entstanden ist“ auch nicht völlig überrascht. In einer Szene ist diese Brutalität des Tanzes wörtlich zu nehmen. Ohne zu viel verraten zu wollen, ist es wohl eine der fürchterlichsten Todesszenen, die ich je gesehen habe und das obwohl (oder gerade weil) sie völlig unblutig ist.

Auch in der Bildsprache widerspricht Guadagnino Argento vollkommen. Verschwunden sind die leuchtenden Primärfarben, ersetzt durch kalt-düster-grauen verregneten Beton. Die Bildsprache erinnert sehr an das deutsche Kino der 70er, allen voran Rainer Werner Fassbinder. Am besten zeigt das die Fassade der Tanzschule selbst. Verschwunden ist das schreiend rote, romantische „Haus zum Walfisch“ Argentos, ersetzt durch eine brutalistische Front aus nacktem Beton und Glas. Was Guadagnino hingegen beibehalten und sogar noch verstärkt hat, ist die Beweglichkeit der Kamera. In oftmals überraschenden Bewegungen zieht sie tänzerisch ihre Bahnen durch den Raum und betont so noch das desorientierende, labyrinthische Wesen der Akademie.

Der Soundtrack von Radiohead Sänger Thom Yorke fühlt sich weniger wie eine direkte Antwort auf Goblin an und mehr nach einer völlig vom Original unabhängig entstandenen Arbeit. Neben erstaunlich vielen Stücken mit gesungenen Texten, anders als bei Goblin keine Fantasiesprache, sondern englisch, aber, laut Yorke mit Texten, die nicht viel mit der Handlung zu tun haben, liefert er hier eine reiche Bandbreite ab. Von Keyboard getragenen atmosphärischen Stücken, die etwas an Vangelis erinnern, zu Stücken mit einer erkennbareren Basslinie bis zur merkwürdig rauschenden Kakophonie, die „Volk“ unterlegt.

Hauptdarstellerin Dakota Johnson habe ich vorher noch nie in einer größeren Rolle gesehen (die fuffzig Shades habe ich mir gespart), hier ist sie allerdings großartig. Einerseits spielt sie dieselbe großäuigig erstaunte, naive Schülerin in der ungewohnten neuen Stadt (wo auf der Straße ordentlich demonstriert wird) wie Jessica Harper im Original, andererseits wird diese scheinbare Naivität immer wieder durch kleine Reaktionen gebrochen, die nicht recht dazu passen wollen und die dafür sorgen, dass wir als Zuschauer uns etwas entfremdet von ihr fühlen. Tilda Swinton hingegen spielt ihre Mme. Blanc mit echter Sympathie, oder vielleicht sogar mehr für Susie. Sie ist hin und hergerissen zwischen ihren Gefühlen und der Pflicht gegenüber Mutter Markos, deren Autorität sie, ohne Erfolg, früh im Film in Zweifel zu stellen versucht. Zum wahren emotionalen Zentrum des Films wird allerdings Dr. Josef Klemperer. Tief gebeugt, mit dünner Fistelstimme scheint er weniger unter der Last der Jahre als unter der Last einer nicht immer rational zu begründenden Schuld zu leiden. Lutz Ebersdorf spielt diese Rolle stets am Rande eines Zusammenbruchs aber doch mit einer tief verborgenen Stärke. Wem mache ich was vor, außer mir wusste das eh jeder, oder? „Lutz Ebersdorf“ ist ebenfalls Tilda Swinton. Man merkt es am gelegentlich etwas holprigen Deutsch und letztlich der Stimme. Dennoch ist die Leistung Swintons und der Maskenbildner ziemlich beeindruckend. Jessica Harper hat übrigens einen Cameoauftritt im Zusammenhang mit Klemperer. Eine wunderschöne Szene, die in einem, vielleicht nicht überraschendem aber dennoch schmerzhaften Schlag ins Gesicht endet.

Wenn es nicht klar geworden sein sollte: ich fand den Film absolut großartig. Guadagnino nimmt die Figuren und die Handlung des Originals und verleiht ihnen eine Tiefe, die sie dort nicht hatten (aber auch nicht brauchten!). Allerdings tue ich mich erstaunlich schwer damit den Film zu empfehlen. Superfans des Originals werden vermutlich enttäuscht sein, denn es befinden sich zwar absolut gelungene Horrorszenen im Film, allerdings sind diese in eine oftmals sehr politische Handlung eingebunden, ein Charakterdrama, das den Großteil des Films ausmacht. Und ja, gelegentlich ist der Film extrem nahe dran an seiner eigenen Bedeutsamkeit zu ersticken. Auch bin ich mir nicht sicher wie gut eine  bestimmte Eröffnung gegen Ende funktioniert. Die ist beeindruckend genug inszeniert, dass sie mich beim ersten Mal voll mitgenommen hat, doch hier bin ich gespannt, ob sich das bei zukünftigem Ansehen ändert. Also ein toller Film, der sicherlich nicht für jeden funktioniert. Vielleicht wären ein anderer Titel und ein „inspiriert von ‚Suspiria‘“ angebrachter gewesen.

 

PS: obwohl ein Kommissar Glockner im Film vorkommt, tauchen TKKG nicht auf. Aber die gibt es ja auch erst seit 1979. Damit wäre das hier wohl ein Prequel. „Most ambitious Crossover“ und so…

‚Suspiria‘ (1977)

Da ich hier bestimmt demnächst das Remake von ‚Suspiria‘ besprechen werde, sollte ich auch das Original mal eines durchaus verdienten Blickes würdigen. Ich sage es lieber gleich: ich bin nicht der größte Fan von Dario Argento. Während er ein durchaus bildgewaltiger Regisseur ist, hapert es bei mir oft, was seine Erzählweise angeht. ‚Suspiria‘ ist vermutlich der Film, bei dem sich sein Stil und mein Geschmack am nächsten gekommen sind. Aber fangen wir am Anfang an. Vorher noch eine Warnung, ich werde einiges über die Handlung verraten. Aber die Handlung ist auch nicht unbedingt der Grund warum man den Film schaut, von daher verdirbt es wenig. Wer aber vorher nichts darüber wissen will, sollte hier mit dem lesen aufhören und den Film schauen. Und dann weiterlesen, natürlich…

Die US Amerikanerin Suzy Banyon (Jessica Harper) kommt nach Freiburg im Breisgau, um an der dortigen renommierten Balletschule unter der Leitung von Mme. Blanc (Joan Bennet) zu studieren. Angekommen bereiten ihr nicht nur furchtbares Wetter und ein grummeliger Taxifahrer, sondern auch die unfreundliche Dozentin Miss Tanner (Alida Valli) einen recht unangenehmen Empfang. Auch häufen sich bald merkwürdige Vorkommnisse. Mitschülerinnen verschwinden, es regnet Maden von der Decke und der Klavierspieler der Schule wird von seinem treuen Blindenhund zerrissen. Ist Suzys Essen mit Schlafmitteln versetzt? Gehen die Lehrerinnen abends wirklich nach Hause, oder woanders hin? Suzy und ihre Zimmernachbarin Sara (Stefania Cassini) haben einiges zu untersuchen, falls sie es denn überleben.

Wer auf der Suche nach einer „realistischen“ Erzählung ist, der ist bei Argento nie gut aufgehoben und hier so falsch, wie man nur sein kann. Argento entlässt seine Figur am Anfang in eine märchenhafte Alptraumwelt und macht das auch ganz deutlich. Während Suzy den Flughafen verlässt, weht jedes Mal, wenn sich die Automatiktüren öffnen, nicht nur Regen und Finsternis hinein, sondern auch die Musik der Progrocker von „Goblin“. Und damit wird schon deutlich, dass da vor der Tür nicht das baden-württembergische Freiburg liegt, auch nicht München, wo die meisten Außenaufnahmen entstanden sind, sondern ein weit, weit entferntes Königreich, in dem ganz eigene Regeln gelten. In dem ein Hexenkonvent in einer Tanzschule uneingeschränkte Macht zu besitzen scheint. Und damit entledigt sich Argento gleich einer Menge lästiger Fragen. Wem gehört der messerbewerte Männerarm, der am Anfang einer jungen Frau (im wahrsten Sinne des Wortes) ins Herz sticht? Egal! Hexen waren‘s! Warum hat die Schule einen Raum, in dem mehr Stacheldraht aufbewahrt wird als im typischen Niemandsland zwischen den Gräben im Ersten Weltkrieg? Hexen!

Und das Erstaunlichste: es funktioniert! Argento nutzt hier das Vokabular des Alptraums mit solcher Sicherheit, dass man gewisse erzählerische Entscheidungen gar nicht hinterfragt. Warum verlassen wir unsere Hauptperson mehrfach, um in kurzen Sequenzen das Ableben anderer Charaktere zu erleben? Egal, wenn es so atmosphärisch dicht inszeniert ist, wie der tödliche Heimweg des blinden Klavierspielers (dem alle, Passanten, Polizisten, die Insassen eines Autos an der Ampel, hinterher starren), oder Saras nächtliche Suche in der Schule mit einem ungesehenen Verfolger. Manches fällt dennoch auf. Etwa wenn mit Olga (Barbra Magnolfi) ein weiterer Schülerinnencharakter eingeführt wird, für sie sogar Konflikte aufgebaut werden, sie nach zwei Szenen aber einfach kommentarlos aus dem Film verschwindet.

Das stört die Atmosphäre aber kaum, weil Argentos wunderbar bewegliche Kamera und die wohlpalzierten Schockmomente einem kaum die Zeit zum Atmen, weniger noch für große Überlegungen lassen. Dazu kommt die Bildsprache des Films. Jeder, der den Film gesehen hat, wird vermutlich als allererstes die Farben erwähnen. Unfassbar satte Primärfarben, allen voran natürlich rot, danach blau und nur gelegentliches, aber umso effektiveres gelb, setzt Argento hier als ganz bewusstes Stilmittel ein. Dafür griff er auf ein damals bereits veraltetes Technicolor System zurück, für das er die letzten Filmreserven aufkaufte und einen der letzten Drucker verwendete. Hier konnte er frei die Intensität der einzelnen Primärfarben nach Belieben anpassen. Als Vorbild gab er die Disneyverfilmung von Schneewittchen an, die ebenfalls ähnlich intensive Farben verwendete. In ‚Suspiria‘ schafft er so die andersweltliche Atmosphäre, von der zeitlos plüschig-gotischen Innenausstattung der Tanzschule bis zu den leeren Plätzen der umgebenden Stadt. Eine Atmosphäre die nur im anfänglichen Flughafen und bei einer späteren Sequenz bei einem Psychologenkongress durch typisches Stadtgrau gewollt gebrochen wird. Alles in allem ist dieser Stil mit „visuellem Exzess“ sehr gut umschrieben.

Das Zweite, was jeder, der ‚Suspiria‘ gesehen hat erwähnen wird, ist die Musik von „Goblin“. Die haucht, schnauft, stampft und wütet nicht eben subtil aber ungeheuer effektiv durch den Film. Bruchstückhaft, verschlungen, mit einer Vielzahl von Instrumenten vom Glockenspiel bis zu indischen Tabla Kesseltrommeln und natürlich einer Menge Synthesizer-Klang, unterlegt mit gesprochenen Elementen, von Goblin Frontmann Claudio Simonetti selbst eingesprochen und Großteils Kauderwelsch.  Allerdings verrät er uns bereits nach gut 4 Minuten das Geheimnis des Films: „Witch!“ zischt es da aus dem Soundtrack durch den finsteren Wald, eine gute Stunde, bevor Suzy drauf kommt. Insgesamt ein hochorigineller Terrorklang, von dem ich mir wünschen würde, mehr aktuelle Horrorfilme würden sich daran orientieren, anstatt zum achtunddrölfzigsten Mal John Carpenters (für sich natürlich großartige!) pure Synthies nachzuahmen.

Schauspielerisch ist natürlich vor allem Hauptdarstellerin Jessica Harper hervorzuheben, der es gelingt ihre Suzy mit einer Mischung aus großäuigiger Scheu, die sie gelegentlich wie ein kleines Mädchen wirken lässt und einer tiefen Entschlossenheit zu spielen, ohne dass das widersprüchlich wirken würde. Tatsächlich bemerkt die unangenehme Miss Tanner diese Willensstärke noch lange vor dem Zuschauer und stellt sie in einer Art fest, als ahne sie bereits, dass da Schwierigkeiten auf die verborgenen, finsteren Geheimnisse der Schule zukommen. Miss Tanner wird von Alida Valli verkörpert, die die Schüler mit einer Kälte behandelt, die nur knapp unter einer Schicht falscher Freundlichkeit verborgen liegt, während sie für die Angestellten nur Verachtung oder gar Sadismus übrig hat. Die anderen machen ihre Sache ordentlich, aber nicht besonders bemerkenswert. Am Rande erwähnt seien noch Horrorgenre Dauergast Udo Kier und Edgar Wallace Veteran Rudolf Schündler, die hier Nebenrollen als zwei Psychologen haben und als solche einen Gutteil der Exposition von sich geben. Nicht die dankbarste Aufgabe, aber sie erledigen sie elegant. Schündler darf dabei sogar so etwas wie das Motto des Films aussprechen: Magie ist überall. Kiers Charakter hingegen ist skeptischer und setzt sie mit Geisteskrankheit gleich. Am Ende scheint es so als hätten beide ein wenig Recht.

Auch bei dieser Sichtung war ich wieder sehr angetan von Argentos Film. Und ich frage mich, wie man gerade auf die Idee kommt hiervon ein Remake zu drehen, schließlich ist das ein so von der Handschrift seines Machers gezeichneter Film, dass man ihn sich kaum im Werk eines anderen vorstellen kann. Aber womöglich genau deshalb bezeichnet Regisseur Luca Guadigno sein Werk ja auch als „Coverversion“. Das Original ist jedenfalls großartig.

‚Hereditary‘ (2018)

‚Hereditary‘ wurde von der Kritik mehrfach zum besten Horrorfilm der letzten Jahre erklärt. Einhergehend natürlich mit den üblichen Anmerkungen er sei selbstverständlich „mehr als ein Horrorfilm“, denn ein solcher kann ja schon per Definition nicht wirklich gut sein. Keine Sorge, ich rolle hier nicht meine Profilneurose rund um die Rezeption von Horror als Genre zum x-ten Mal auf, es war halt nur an ‚Hereditary‘ mal wieder besonders auffällig. Und, es schmerzt mich zu sagen, in diesem Fall womöglich sogar einmal zutreffend.

Annie Graham (Toni Collette) ist eine Künstlerin, die in kleinen Modell-Dioramen arbeitet. Gemeinsam mit ihrem Mann Steve (Gabriel Byrne), Tochter Charlie (Milly Shapiro) und Sohn Peter (Alex Wolff) lebt sie in einem schönen Holzhaus in einem Birkenwäldchen. Nachdem ihre Mutter, zu der sie ein mehr als gespanntes Verhältnis gehabt hat, nach langer Krankheit stirbt, besucht sie eine Selbsthilfegruppe, arbeitet jedoch weiter an ihrer Ausstellung „Small World“. Doch scheint der Tod der Mutter eine Kettenreaktion an Katastrophen für die Familie ausgelöst zu haben, die mit einem bizarren Unfall beginnt. Annies Welt versinkt im Chaos und als ihr Joanne (Ann Dowd), eine bei der Selbsthilfegruppe getroffene neue Freundin, zu einer Séance rät, wird dadurch wahrlich nichts besser.

Es gibt diese Prüfsteine für Genres. Die mit denen man einen Film vergleicht, wenn man ausdrücken will, dass er wirklich, wirklich gut ist. ‚2001‘ etwa für den Science Fiction Film. Im Horrorgenre fällt diese Rolle fraglos dem 1973er Film ‚Der Exorzist‘ zu (werde nie verstehen, warum sich niemand für meine tolle Prequel-Idee ‚Der Orzist‘ begeistern kann). Und der wurde auch hier öfters als Vergleich herangezogen. Thematisch ist das in meinen Augen nicht ganz treffend. Da wäre vielleicht ‚Rosemary’s Baby‘ passender. Oder auch ‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘. Atmosphärisch würde ich eher aktuellere Filme als Vergleich heranziehen. ‚Antichrist‘ vielleicht, oder auch ‚Kill List‘. Allen Vergleichen zum Trotz steht Ari Asters Spielfilmdebüt aber sehr sicher auf sehr eigenen Füßen.

Der Grund warum das „mehr als Horror“ Klischee bei mir diesmal zumindest ganz leise Zustimmung findet, ist dass der Film zwischendurch mehrfach deutlich die Genres wechselt. Das passiert nicht mit der brutalen Abruptheit und dem Knirschen eines ‚I am not a Serial Killer‘, doch ist es spürbar. Der Film gibt dabei jedoch nie die vorhergehende Ebene auf. Das genauer auszuführen würde zu allzu heftigen Spoilern führen, vielleicht nehme ich mir den Film noch einmal in einem gesonderten Artikel vor. Dass er sich jedoch auf mehreren Ebenen verstanden wissen möchte, macht der Film sehr schnell klar, wenn die Kamera bereits am Anfang geschickt zwischen Annies Dioramen und den wirklichen Räumen, die sie nachbildet hin und herwechselt. Die Grenze zwischen Modell und Realität und später Traum und Realität wird flüssig und undeutlich.

Was den Horror in ‚Hereditary‘ ungewöhnlich macht ist seine Unausweichlichkeit. Bereits der Name macht klar, dass seine Quelle in der Vergangenheit liegt. Das allein ist beinahe typisch für den Horror, doch üblicherweise ist ein Herumrühren der Protagonisten an Verbotenem notwendig. Ein verbotenes Buch wird gelesen, ein Video wird geschaut, ein verfluchtes Haus bezogen, oder was auch immer. Hier ist klar, dass die finsteren Samen, egal ob man sie nun als dysfunktionale Familie, oder als generationsübergreifendes Ritual verstehen will, vor langer Zeit gepflanzt wurden, und nun ihre grausige Blüte tragen, ganz egal was passiert und was die Protagonisten tun. Wenn sie ihr Tun denn überhaupt noch, oder je, selbst kontrollieren. Der Quader, Anfangs Symbol für Rückzugsort, Sicherheit und Ordnung, sei es das Baumhaus der Kinder oder Annies Dioramen, verliert diese Sicherheit, wird seinerseits zum beschränkenden Gefängnis. Einen Vorgeschmack darauf gibt die Architektur des Hauses, das aussieht als hätte eine unvorstellbare Kraft eine ganze Reihe Quader brutal ineinander gerammt.

Diesen Wandel, dieses Fließen in immer finsterere Gewässer stellt nicht nur die gut eingesetzte Kamera von Pawel Pogorzelski dar, sondern vor allem auch die Musik von Colin Stetson. Dieser kann und muss man in vielen Szenen das Kompliment machen, dass man kaum merkt, dass sie überhaupt da ist. Umgebungsgeräusche und merkwürdige Stimmen gehen über in die Musik und umgekehrt. Das habe ich in vergleichbarem Maße nur in Lynchs ‚Eraserhead‘ erlebt. Allerdings hat Stetsons Musik nicht die dortige maschinell-industriell-metallische Qualität, sondern eine erdig-holzigere, falls das Sinn macht.

Die größte Stärke des Films ist allerdings zweifellos Toni Collette. Die liefert für Annies zweistündigen Nervenzusammenbruch hier eine Karrierebestleistung ab. Von nuancierten, fast zurückhaltenden Momenten, bis hin zu den großen „In Your Face“, von Schrei- und Weinkrämpfen gebeutelten Großaufnahmen ihres Gesichts ist das eine Darstellung, die ich am ehesten noch mit Isabelle Adjani in Andrzej Zulawskis ‚Possession‘ vergleichen kann. Und das meine ich rundum als Kompliment. Collette gegenüber steht Gabriel Byrne, der allerdings erkennt, dass dies hier vollkommen ihr Film ist und sich sehr zurücknimmt. Alex Wolff ist überzeugend und ausdrucksstark als Sohn Peter und Milly Shapiro fällt allein schon deshalb auf, weil sie nicht der typischen, engelsgesichtigen Hollywood-Kinderdarstellerin entspricht. Spätestens wenn ihre Charlie Schokolade mampfend eine tote Taube mit der Bastelschere köpft ahnt man, dass etwas im Argen liegt.

Das liest sich jetzt vielleicht alles so, als wäre das mein neuer Lieblingsfilm. Nun, er ist sicher hervorragend gemacht, als Erstlingsfilm für Aster beinahe schon eine Offenbarung und dennoch hat er mich nicht wirklich begeistert. Nicht dass ich ihn schlecht fand, keineswegs, ich teile nur die überschwängliche Begeisterung nicht. Es fällt mir allerdings schwer den Finger daraufzulegen, woran das liegen könnte. Vielleicht liegt es daran, dass Collettes Annie zwar in jedem Moment überzeugend ist, einige der umgebenden Elemente im Laufe des Films aber doch ein wenig mehr auf die Albernheit zusteuern, als ihnen gut tut. Aster nimmt seine Geisterwelt sehr ernst. Womöglich etwas zu ernst. Auch das wir im letzten Drittel einen Wechsel der Erzählperspektive erleben, könnte zu meinem Problem beitragen. Sicher, die Hälfte von Euch deutet gerade auf den Filmtitel und schüttelt mitleidig den Kopf, aber dennoch…

Aber das größte Problem dürfte wahrscheinlich die Erwartungshaltung sein. Jeder mit Interesse an dem Genre hat vermutlich in den letzten Jahren mindestens einen Horrorfilm gesehen, bei dem das Gefühl mitschwang, den habe die Kritik vielleicht doch etwas übergeigt. Was bleibt ist ein sehr gut gemachter Film mit einer herausragenden Hauptdarstellerin, aber in meinen Augen nicht das Meisterwerk, dass mancher hier entdeckt haben möchte.

‚Halloween‘ (2018) – Halloween H40?

Halloween im Februar (als ich den Film gesehen habe), das ist doch mal was Neues. David Gordon Greens Fortsetzung von John Carpenters Slasher Klassikers, die alles, was die Reihe danach hervorbrachte ignoriert, ist allerdings nicht ganz so neu, wie immer vermittelt wurde. Denn ziemlich genau zwischen dem Original und dem, für maximale Verwirrung, gleich benannten 2018er Sequel, gab es ‚Halloween H20‘, der den exakt gleichen Ansatz wählte. Leider war ‚Halloween H20‘ gar nicht mal so gut. Und oft kommt es ja nicht darauf an etwas als erster gemacht zu haben, sondern als erster richtig. Kann sich dieser Film diesen Erfolg auf den schmuddeligen Jumpsuit kritzeln?

40 Jahre ist es her, seit Michael Myers (James Jude Courtney) an Halloween eine ganze Reihe Morde in Haddonfield begangen hat. Eine Reihe, die schließlich mit dem versuchten Mord an Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) endete. Seitdem sitzt er in einem Forschungskrankenhaus und wird von Dr. Sartain (Haluk Biligner) untersucht. Sehr zu dessen Missvergnügen soll er nun aber in eine Hochsicherheitsanstalt verlegt werden. Ausgerechnet an Halloween. Für Laurie ist klar, dass nun die Nacht ansteht vor der sie sich lange gefürchtet, aber auf die sie sich auch lange vorbereitet hat: die Rückkehr von Michael Myers.

Um es direkt zu sagen: in seinen zentralen Themen funktioniert der Film ganz großartig. Eines dieser Themen ist Trauma. Lauries Trauma war keineswegs beendet, als Myers gefangen wurde. Sie zog sich in ein Festungs-artiges Gebäude tief im Wald zurück, baute Fallen, lernte mit Waffen umzugehen. Und wie ein Stein der ins Wasser geworfen wird, breitete sich das Trauma in Wellen aus. Es betraf nicht nur Laurie, sondern auch ihre Tochter Karen (Judy Greer), die auch als Erwachsene noch nicht über das harte Überlebenstraining, dem ihre Mutter sie unterzog hinweg ist und keinen Kontakt mit ihr möchte. Ihre Tochter Allyson (Andi Matichak) ist neugierig auf ihre Oma, aber doch auch immer wieder von ihrem Verhalten schockiert. Drei Generationen hat Michaels Verbrechen so brutal beeinflusst und damit sind wir beim zweiten großen Thema, dem Verhältnis zwischen Opfer und Täter. Laurie hat sicher in den letzten 40 Jahren keinen Tag verbracht ohne an Michael zu denken, doch wie sieht es umgekehrt aus?

Während Carpenter seine Bilder groß aufgezogen hat, freie Flächen schuf, in denen „The Shape“ in jedem Moment erscheinen konnte und seinen Charakteren erst zum Finale hin mit seiner Kamera immer näher kam, beginnt Greens Kamera bereits sehr nahe an seinen Charakteren. Er will ihr Innenleben erforschen und dafür ist Nähe vonnöten. Auch zitieren die Bilder oft direkt den ersten ‚Halloween‘, tauschen allerdings Laurie gegen „The Shape“ aus. Wenn Allyson etwa in der Schule ist und aus dem Fernster schaut, steht auf der anderen Straßenseite nicht etwa Myers, sondern Laurie. Dieses Gegenüberstellen der Charaktere bedeutet, dass auch Michael hier ein Stück weit zum „Charakter“ werden muss. Die Anführungszeichen sind kein Zufall, denn zu viel sollte man nicht erwarten. Nachwievor kommuniziert er mit dem Rest der Welt nur über das spitze Ende eines langen Messers. Was ich aber meine ist, dass er unabhängig handelt. Wenn die Kamera ihn allein begleitet, dann trifft er Entscheidungen und sei es nur die Entscheidung zwischen einem Messer und einem Hammer. Er ist kein Monster, das nur in Schockszenen auftaucht. Aber natürlich ist er auch kein normaler Mensch. Er ist ein etwa 70jähriger Mann, der nicht einmal zuckt wenn er ein Brecheisen ins Gesicht bekommt und vom Auto überfahren nur mal 5 Minuten Pause braucht.

Die zentralen Thesen des Films funktionieren also ganz toll. Dann frage ich mich, warum die Filmemacher ihnen so wenig vertrauen. Nicht nur ist fast immer Dr. Sartain anwesend, um in Worte zu fassen, was der Film uns gerade gezeigt hat, oft genug scheint der Film auch einfach vom spannenden, zentralen Thema weg zu wollen. Sei es um zwei ebenso uninteressante wie unsympathische „True Crime“ Podcaster zu begleiten, die letztlich nur ein wahnsinnig konvolutes Plot-Device sind, um Michael an Maske und Jumpsuit kommen zu lassen. Oder Allysons Halloween-Party mit ihren Freunden, die genau diese Teenage-Nichtcharaktere sind, die man eigentlich im Slasher wirklich nicht mehr braucht. Und dann ist da noch der versuchte Humor, der meiner Meinung nach, hier nicht nur nichts verloren hat, sondern der dem Film sogar schadet. Ob die zahllosen Anspielungen auf alte Filme der Reihe nötig waren, darüber kann man sich sicher streiten, für mich haben die allerdings funktioniert. Mein Favorit war, dass in einer Szene das Lied im Radio zu hören ist, das Laurie im ersten Film singt. Das ist ein Song, den sich Curtis und Carpenter damals ausgedacht haben, weil kein Geld da war, um einen echten Popsong zu lizensieren.

Bei all dieser Kritik soll aber klar bleiben, dass der Film als großes Ganzes weitgehend funktioniert. Es ist für mich erstaunlich ähnlich zu ‚Blade Runner 2049‘, insofern, dass beides späte Fortsetzungen sind, mit denen ich bestimmte Probleme hatte, die aber 1. Sehr viel Respekt vor dem Original haben und 2. Verstehen, dass man 40 Jahre später ein eigenes, zeitgemäßes Element hinzufügen muss. Und mit dem Thema Trauma, dass 1978 noch längst nicht so gut verstanden war, hat dieser Film eine wahre Goldgrube für Horror aufgetan.

Ein weiterer Grund warum der Film funktioniert ist fraglos Jamie Lee Curtis, die hier vermutlich die Bestleistung ihrer Karriere abliefert. Die Szene etwa, wenn sie in ein Familienessen hineinplatzt, erst einmal ein Glas Rotwein herunterkippt und dann das gesamte Gespräch auf sich bezieht, ist gleichzeitig furchtbar und mitleiderregend. Umso befriedigender sind dann die späteren Szenen, wenn sie ihre Stärke entdeckt, kaum dass Michael ausgebrochen ist.

Oh, und selbstverständlich der Score von John Carpenter, seinem Sohn Cody und Patensohn Daniel Davies. Da steckt sicherlich viel Nostalgie für das Original drin, aber das Update mit modernen Synthies und krachenden Digital-Gitarren zeigt, dass Carpenter immer noch der Meister jenes Stils ist, der gerade im Indie Horror Bereich in den letzten Jahren (vielleicht etwas zu) ubiquitär geworden ist.

Trotz leichter Schwächen absolut sehenswerte Horror-Fortsetzung. Jetzt warten wir auf die nächsten 5 Teile, die alles wieder vor die Wand fahren…

Horrorfilme auf die ich mich 2019 freue

Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Und ich bin nachwievor der Meinung wir erleben derzeit eine sehr gute Zeit für Horrorfilme. 2019 wird ein Jahr, in dem neue Filme von einigen Regisseuren zu erwarten sind, deren Werke mir in den letzten Jahren besonders gut gefallen haben. Dies wird keine Trailerpräsentation, denn zu den meisten genannten Filmen gibt es noch keine. Es wird einfach eine Liste mit Filmen, auf die ich mich freue und diese Freude will ich mit Euch teilen. Also los. Weiterlesen