‚Malignant‘ (2021)

Vorbemerkung: manchmal ist es eindeutig, wenn ein Film um ein zentrales Bild herum konstruiert wurde. Bespricht man den Film, kommt man kaum umhin dieses Bild zu erwähnen. Blöderweise wäre genau das in diesem Fall ein ziemlicher Spoiler und der Film ist dafür noch etwas zu neu. Also werde ich jenes zentrale Bild nur in einem extra als SPOILER markiertem Absatz ansprechen und ansonsten drumherumreden.

James Wan ist ein Regisseur, den ich nach meiner eigenen Einschätzung eigentlich lieben müsste. Der Mann hat den Studio-Horror mit Budget wiederbelebt. Alles was er anfasst wird zu Gold, sei es ‚Saw‘, ‚Conjuring‘ oder ‚Insidious‘. Aber ich muss gestehen, ich mochte noch nie einen Film von ihm wirklich gern. Der erste ‚Saw‘ ist gelungen für das, was er ist. Aber die anschließende „torture porn“-Welle hat jegliches Wohlwollen für den Film bei mir ausgelöscht. ‚Conjuring‘ ist eine ziemlich widerliche Hagiografie auf zwei reichlich miese Betrüger. ‚Insidious‘ war nahe dran mir zu gefallen, allerdings knirschte der Film unter den Widersprüchen eines atmosphärischen Spukhaus-Films und dem Irrsinn einer Parallelwelt, bevölkert von Darth Mauls, die als Freddy Krüger verkleidet sind. Wenn Wan doch nur diesem Irrsinn einfach mal freien Lauf lassen könnte… Gute Nachricht, er tut genau das in ‚Malignant‘. Und wie!

Die schwangere Madison Lake-Mitchell (Annabelle Wallis) lebt mit ihrem gewalttätigen Ehemann Derek (Jake Abel) in Seattle. Derek wirft Madison vor, für mehrere vorhergegangene Fehlgeburten verantwortlich zu sein und attackiert sie körperlich. In der darauffolgenden Nacht wird er von einem unbekannten Eindringling ermordet, laut Ermittlern mit einer Gewalteinwirkung, wie man sie sonst nur bei Verkehrsunfällen erlebt. Madison ist schockiert, erhält aber Unterstützung von ihrer Schwester Sydney (Maddy Hasson). Doch bald mordet der Unbekannte weiter, eine Reihe Ärzte fallen ihm zum Opfer. Doch damit nicht genug, Madison empfängt Visionen der Gewalttaten. Eine Tatsache, die sie für die ermittelnden Polizisten Regina Moss (Michole Briana White) und Kekoa Shaw (Goerge Young), beide eher Rationalisten als Fox Mulder,  zur Verdächtigen macht. Tatsächlich beginnt sich Madison an Dinge aus einer längst vergangenen Zeit zu erinnern. Dinge, die sie bald an sich selbst zweifeln lassen.

Meine obige Zusammenfassung gibt in keiner Weise die vollständig überdrehte Atmosphäre des Films wieder. Wan erzählt hier mit der Subtilität eines Vorschlaghammers auf den kleinen Zeh. Wir brauchen fünf Sekunden, um zu erkennen, dass Derek ein Dreckskerl ist. 20 weitere Sekunden später stufen wir ihn auf der Drecksack-Skala deutlich weiter nach oben. Zwei Minuten später ist er tot. Das ist ein Erzähltempo, das der Film natürlich nicht über seine ganze Laufzeit halten kann, aber er bleibt über lange Zeit erstaunlich atemlos für einen Horrorfilm.

Was natürlich bedeutet, dass Atmosphäre möglichst  unmittelbar aufgebaut werden muss. Und so dräuen unvermittelt gothische Gebäude im modernen Seattle, ist jede Nacht entweder von Nebel verhangen oder von Gewitter erhellt. Und wenn wir einen chirurgischen Preis in Form einer langen goldenen Klinge(!) auf einem Kaminsims sehen, nun, sagen wir Anton Tschechow wär vermutlich glücklich, wie schnell der seiner allzu offensichtlichen Bestimmung zugeführt wird.

Das klingt jetzt vermutlich wie ein Film, der überhaupt nicht funktioniert und das wird vermutlich für manche auch der Fall sein, doch für mich funktioniert es ganz wunderbar. Denn Wan erschafft hier eine Welt, die seltsam ihre eigene Künstlichkeit unterstreicht. Da sind Häuser, deren Äußeres offensichtlich nicht mit ihrem Innenleben übereinstimmt, wenn man ein Auto parkt, dann selbstverständlich am äußersten Rand einer Klippe, einfach weil sie da ist. Und wenn Madison festgenommen wird, dann ist die Wartezelle randvoll gefüllt mit Frauen, die wie Klischees aus 70er und 80er Jahren Exploitation Filmen aussehen, angeführt von Zoe Bell mit dem alpha und omega aller Vokuhilas.

Der Film fühlt sich an wie das gewollte Gegenteil von Horror eines großen Studios. Dort weiß man zumeist in welche Richtung es gehen wird und weiß, dass man in sicheren Händen ist. Wie bei einer Achterbahn in einem großen Freizeitpark. Dieser Film fühlt sich an, als wäre er von einem Frank Henenlotter erdacht, man weiß nie was als nächstes geschehen wird, eine Stunde in den Film hinein, weiß man immer noch nicht in welche Richtung es gehen wird. Das wirkt wie eine Achterbahn, die über Nacht von drei zumindest leicht angetrunkenen Handwerkern nach Augenmaß zusammengezimmert wurde. Daher ist nun Zeit für den oben erwähnten

SPOILER SPOILER SPOILER

Also, Gabriel ist Madisons craniopager, parasitischer Zwilling und ein zutiefst bösartiger Mörder. Und er kann, nachdem er ihre Föten getötet und deren Stärke übernommen hat(!), gelegentlich die Kontrolle über Madisons Körper übernehmen, allerdings ist sein Gesicht auf ihrem Hinterkopf, weswegen sie sich „rückwärts“ bewegt, wenn er sich vorwärts bewegt. Und für Madison wirkt das Geschehen später wie Visionen. Diese Idee, des sich rückwärts bewegenden Mörders im Frauenkörper, mit dem monströsen Gesicht hinter ihrer Frisur, war sicherlich das Urbild des Films, um das herum alles konstruiert wurde. Und wenn sich „Gabriel“ zum Ende hin durch eine Polizeistation mordet, wie vor ihm wohl zuletzt höchstens der Terminator, dann ist das nicht nur eine durch und durch irrsinnige Szene (mit dem besten filmischen Stuhlwurf seit der Fraser Mumie!!!), sondern vor allem auch, dank der Rückwärtsbewegung, eine beeindruckende Stuntleistung von Tänzerin Marina Mazepa, die die Rolle der „besessenen“ Madison übernimmt. Tatsächlich wird der Film so fast zu einer Variation auf Frank Henenlotters ‚Basket Case‘, denn wie Belial dort, will sich Gabriel vor allem den an Ärzten rächen, die eher nicht ganz ethisch gehandelt haben, als sie ihn „ausgeschaltet“ haben. Hier kommen wir denn auch zu meinem Problem mit dem Film, aber das kann und sollte man spoilerfrei besprechen, also

SPOILER ENDE SPOILER ENDE SPOILER ENDE

Ich habe oben den Vergleich zu Henenlotter gezogen, doch wo der billigste B-Movies produzierte, hat Wan New Line hierfür 40 Millionen Dollar aus dem Kreuz gelabert. Für einen absolut irrsinnigen Film, was die ganze Sache noch einmal ein ganzes Stück lustiger macht. Der Mann für absolut Sicherheit, der einst das ‚Conjuring‘ Fließband gestartet hat, von dem nun Gruselpuppen, Gruselnonnen oder Grusel-wasauchimmers laufen, hat einen komplett eigenwilligen Film gemacht. Einen, der, man glaubt es kaum, gar Verlust eingefahren hat. All das macht mir den Film hochsympathisch. Ein Problem habe ich allerdings dennoch.

Bei Henenlotter konnte man stets die Sympathie für das Groteske fühlen. Henenlotter war auf der Seite der Außenseiter, nicht zuletzt, weil er selbst ein Außenseiter war. Wans Sympathien liegen allzu eindeutig beim „Normalen“. Und dadurch geht er für mich ein Stück zu weit jenen Weg, den Horrorfilme nur allzu gern gehen. Im psychisch und physisch Kranken, im „Hässlichen“ das Böse entdecken zu wollen. Das betrifft nicht nur den zentralen Killer des Films, sondern auch die oben erwähnten grotesken Frauen in der Gefängniszelle, die sich sofort böswillig gegen die „normale“ Madison zusammenrotten.

Herr Wan und ich sind uns philosophisch also vermutlich immer noch nicht sonderlich nah. Allerdings ist das hier weniger zentral als etwa bei einem ‚Conjuring‘. Und vor allem ist sein Film derart unterhaltsam und derart wild, dass ich absolut bereit bin, darüber hinwegzusehen.

Ich empfehle den Film auf jeden Fall. Er wird nicht jedem gefallen, aber auf jeden Fall ist er ein Film, den man gesehen haben muss, um zu glauben, dass hierfür ein Studio 40 Millionen gezahlt hat, wohl mit der Hoffnung, das Geld wieder reinzukriegen. Ich habe oft Henenlotter erwähnt, aber die Inspiration hier waren nicht nur amerikanische B-Movies der 70er und 80er, sondern sicherlich auch italienischer Giallo. Man könnte sogar eine gewisse (gewollte) Selbstparodie Wans vermuten.

‚In den Krallen des Satans‘ (1971)

Anmerkung: so wie in der Überschrift steht der Titel auf meiner BluRay und scheint damit den früher geläufigen Titel ‚In den Krallen des Hexenjägers‘ zu ersetzen. Damit ist er näher am originalen ‚The Blood On Satans Claw‘ (oder ‚Satans Skin‘ oder ‚Blood In Satans Claw‘…) und auch näher an der Handlung des Films. Aber die wandelbaren Titel von 70er Jahre Horrorfilmen sind ja eh so ein Thema für sich…

Die 70er Jahre sahen einen ziemlichen Umbruch im Horror. Die Alien Invasionen und Riesenmonster der 50er waren lange durch. Die alten gothic Monster hatten sich, auch in ihrem zweiten Wind durch die britischen Hammer Studios, ziemlich totgelaufen. In den USA hatte George Romero mit ‚Night of the Living Dead‘ eine unaufhaltsame Lawine der Zombiefilme losgetreten, die 1971 aber noch nicht absehbar war. Den Serienmörder gab es schon, aber er war noch nicht zum Slasher codifiziert. Tatsächlich würde man sich im englischsprachigen Raum auf beiden Seiten des Atlantiks in eine ganz ähnliche Richtung bewegen. Der Horror wäre auf dem Land, oder gar im Land, also der Erde selbst, zu finden. 1974 würde Tobe Hooper mit ‚Texas Chainsaw Massacre‘ den Horror der USA revolutionieren. Den „backwoods horror“ etablieren. In Großbritannien ging dieser Schritt aufs Land hingegen mit einer Rückbesinnung auf die eigene, heidnische Geschichte zurück. Berühmtestes Beispiel für diesen „folk horror“ ist sicherlich ‚The Wicker Man‘ von 1973. Doch bereits zuvor gab es Beispiele dafür. Wie eben Piers Haggards ‚The Blood On Satans Claw‘.

Im frühen 18ten Jahrhundert entdeckt Ralph Gower (Barry Andrews), Knecht der wohlhabenden Witwe Isobel Banham (Avice Landone), einen seltsamen, weder menschlichen noch tierischen, haarigen Schädel mit intakten Augen beim Pflügen des Feldes. Als er diese Scheußlichkeit einem Richter (Patrick Wymark) zeigen will, der bei Witwe Banham zu Besuch ist, ist sie jedoch vom Feld verschwunden. Alsbald geschehen seltsame Dinge. Banhams Neffe Peter (Simon Williams) stellt seiner missbilligenden Tante seine zukünftige Braut Rosalind (Tamara Ustinov) vor. Doch in der Nacht wird diese wahnsinnig und verletzt Banham mit einer seltsamen Klaue. Die alte, verletzte Frau verschwindet am nächsten Tag unauffindbar im Wald. Peter sieht sich derweil selbst von einer haarigen Klaue attackiert, die er mit einem Dolch erfolgreich abschlägt, nur um festzustellen, dass er sich selbst verstümmelt hat. Und die Jugendlichen des Dorfes um Angel Blake (Linda Hayden) bleiben plötzlich nicht nur dem Pfarrunterricht fern, sie führen auch seltsame Kulthandlungen im Wald aus. Fast wirkt es, als müsste der Richter auf jenen alten Aberglauben zurückgreifen, den er so verachtet, um die Situation zu retten.

Der Film macht sehr schnell deutlich, dass wir es hier nicht mit der bekannten Welt des Hammer Horrors zu tun haben. Dort herrscht die starre Ständeordnung des viktorianischen Zeitalters und okkulte Vorkommnisse waren durchaus nicht unvorstellbar. Hier sind wir im Zeitalter kurz nach der Glorreichen Revolution, als in England der Absolutismus abgeschafft wurde. Der Monarch erhielt seine Souveränität vom Parlament, nicht mehr von Gott. Ewig wirkende Vorstellung galten nicht mehr, die Aufklärung setzte sich durch.

Daher haben wir es hier auch nicht mit dem für folk horror oft typischen Thema von Christentum gegen Heidentum zu tun. Der Der Dorpfarrer des Films (Anthony Ainley) ist ein dröger Intelektueller, der bei einem Begräbnis kaum seine Langeweile verbergen kann, aber begeistert auf die Suche nach biologischen Fundstücken geht. Der „Held“ des Films, der Richter, kann seine Verachtung für den Aberglauben der Landbevölkerung kaum verbergen. Letztlich ist es ausgerechnet ein dämonologisches Buch des Dorfarztes (Howard Goorney), ein Mann der seine Patienten nur bluten lassen kann und ihren Schnaps wegtrinkt, das ihn auf die richtige Fährte bringt. Nein, die Aufklärung, so sagt der Film, hilft nicht gegen diesen Schrecken. Aber der alte Aberglaube ist ähnlich sinnlos und gefährlich. Wenn eine Gruppe Bauern aus dem Nachbardorf ein junges Mädchen (Michele Dotrice) als Hexenprobe ins Wasser werfen und sie tatsächlich untergeht, folglich unschuldig ist, macht keiner von ihnen Anstalten ihr zu helfen. Und wenn der Richter im Finale mit einem grotesk antik wirkenden Breitschwert agiert ist es zutiefst fraglich, ob gerade das zu einem wirklichen Ende führen kann.

Überhaupt ist der Film sehr gut darin, uns im Unklaren zu lassen, was der Schrecken überhaupt ist, der hier bekämpft wird. Geht der Teufel um? Herrscht eine Massenhysterie? Oder ist es doch ein unerklärlicher, womöglich zyklischer Schrecken, der aus der Erde selbst ersteht?

Hier müssen wir nun über den Mann sprechen, den Piers Haggard als für den Film bedeutsamer als sich selbst bezeichnet. Kameramann Dick Bush. Der hatte soeben bei der BBC gekündigt und wollte raus aus dem damals extrem engen Korsett, das englischer Kameraarbeit aufgezwängt wurde. Und rannte damit bei Haggard offene Türen ein. So ist ‚Blood On Satans Claw‘ ein Film, bei dem fast jede Kameraeinstellung visuell interessant ist. Anfangs dreht er fast sämtliche Szenen aus Kniehöhe nach oben schauend, als wäre da etwas im Boden, was die Menschen belauert. In zwischenmenschlichen Szenen dreht er mit einer hochmobilen Handkamera, bringt quasi „nouvelle vague“-ische Unruhe in die Interaktionen. Während die Natur die handelnden Personen immer enger einzukreisen scheint. Zweige, Äste, Grashalme oder Blumen sind fast immer am Bildrand zu sehen, scheinen die Menschen zur Bildmitte zu drängen. Später nimmt dies die Geschichte direkt auf, wenn die Kultisten geflochtene Zweige um ihre Köpfe als Kronen tragen. Und in der Szene mit Peter und seiner Hand ist die Kamera derart aktiv, dass ich mich fast frage, ob Sam Raimi die Szene im Kopf hatte, wenn er Ash seine eigene Hand absägen lässt.

Das Studio Tigon plante den Film ursprünglich als Anthologie. Es sollte mehrere Geschichten geben, die lose durch den Fund Gowers verbunden waren. Aber Haggard überzeugte Autor Robert Wynne-Simmons eine einzige, durchgehende Geschichte daraus zu machen. Allerdings sind im Drehbuch fraglos Spuren der alten Struktur übrig geblieben. So verschwindet der Richter für lange Zeit nach London, Peter kommt kaum mehr vor, nachdem er sich selbst verstümmelt hat. Es ist schwer, wirkliche Protagonisten auszumachen. Am ehesten noch Gower und seine Frau Ellen, die ihre Kinder an den Kult verlieren und das als Hexe misshandelte Mädchen aufnehmen und so wesentliche Verbindungen zu fast allen Storyelementen haben. Nur sind sie sehr selten aktiv handelnde Figuren. Das trägt zum seltsamen Gefühl der Unkontrollierbarkeit des Films bei. Die Menschen des Dorfes entwickeln plötzlich schrundige Hautstellen von einem dichten, schwarzen Fell behaart und werden alsbald vom Kult entführt, der diese Stellen brutal herausschneidet. Was all dies bedeutet, deutet der Film nur an und die Figuren an sich wissen eher noch weniger darüber als wir als Zuschauer. Es ist ein Gefühl nicht nur der Hilflosigkeit sondern des Unverständnisses, das den Schrecken erhöht.

‚In den Krallen des Satans‘ ist ein faszinierendes, frühes Beispiel für folk horror, das einen langen Schatten bis in die heutige Zeit mit Filmen wie ‚The Witch‘ oder ‚Midsommar‘ wirft.

‚Scream‘ (2022)

Mein kurzer(?) Exkurs über die ‚Scream‘-Reihe neulich hat hoffentlich deutlich gemacht, dass ich die Filme sehr mag. Ja, auch die nicht so guten. Aber dieses Sequel/Soft Reboot war ich mehr als bereits zu ignorieren, als ich das erste Mal davon gehört habe. Ich meine, ich habe nie auch nur eine Minute der TV Serie gesehen und habe nicht das geringste Bedürfnis, das zu ändern. Und nun ein weiterer Film ohne Wes Craven, ohne Kevin Williamson, ohne Marco Beltrami? Nee, ohne mich. Aber zwei Dinge sprachen dann doch laut genug für den Film. Ich mag die Charaktere, also die großen Drei, Sidney, Gale und Dewey genug, um ernsthaft neugierig zu sein, wie es ihnen nach mehr als zehn Jahren geht. Und zweitens, Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett würden die Regie übernehmen. Also das Duo hinter ‚Ready Or Not‘, den ich sehr mochte. Und denen ich zutraue, Cravens Ton zu treffen und der Serie gleichzeitig etwas Neues abzugewinnen. Schauen wir mal, ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war.

25 Jahre nach Billy Loomis und Stu Machers Morden, wird in Woodsboro High School Schülerin Tara Carpenter (Jenna Ortega) von einem Täter in Ghostfacemaske überfallen und schwer verletzt. Ihre entfremdete, ältere Schwester Sam (Melissa Barrera) kehrt daraufhin nach Woodsboro zurück, das sie vor Jahren überstürzt verlassen hat. In Taras Freundeskreis geht alsbald Paranoia um, wer der Mörder sein könnte, vor allem als es schnell zu weiteren, diesmal tödlichen Vorfällen kommt. Die Medien-affine Mindy (Jasmin Savoy Brown) hat einen Verdacht, worum es sich handeln könnte. Einige Hardcore-Fans der ‚Stab‘ Filme waren zutiefst erzürnt über Rian Johnsons achten Film der Reihe. Womöglich genügt es einigen von denen nun nicht mehr, nur wütende Youtube-Videos zu drehen, sondern sie wollen ihren eigenen, besseren ‚Stab 8‘ inszenieren. Schließlich basierten die frühen Filme der Reihe auf Gale Weathers True Crime Büchern. Währenddessen informiert Ex-Sheriff Dewey (David Arquette) Sidney Prescott (Neve Campbell) und eben jene Gale Weathers (Courteney Cox), dass Ghostface mal wieder umgeht. Bald stellt sich heraus, dass die aktuelle Mordserie mehr Verknüpfungen zu den alten hat, als man erwarten würde. Als ob es sich um eines von diesen Legacy-Sequels handeln würde.

Ich sag es mal direkt heraus: ich hatte so viel mehr Spaß mit dem Film als ich erwartet habe! Problem solcher Legacy-Sequels ist es ja oft genug, dass ich eigentlich nur für die alten Charaktere hier bin. Und das war, zugegeben, anfangs bei mir auch der Fall. Und die gute Nachricht ist, dass die sehr gut geschrieben sind und die Darsteller sie natürlich inzwischen wie Handschuhe tragen. Ihre Darstellung wirkt mühelos gekonnt. Ich mag wirklich, wie genervt sie inzwischen von Ghostface sind. Als wäre es eine lästige Pflicht, die es alle paar Jahre zu erfüllen gilt. Eine potentiell tödliche, lästige Pflicht. Die neuen Charaktere und Darsteller sind da zugeben durchwachsen. Gerade Melissa Barrera als relativ zentrale Sam fand ich oft ein wenig enttäuschend. Ihr Gimmick, das ich hier nicht verraten möchte, war durchaus clever und sparsam genug eingesetzt um effektiv zu sein. Aber ihre Darstellung war mir viel zu zurückgenommen. Zugegeben, auch das zielte auf einen Effekt, funktioniert deswegen aber nicht besser. Neve Campbell zeigt mit ihrer Sidney immer wieder, dass sie Verletzlichkeit und Stärke zu verbinden weiß. Das gelingt zum Glück auch Jenna Ortega als Tara, die eine ähnlich zentrale Rolle einnimmt. Die Show stiehlt in der jungen Crew aber fraglos Jasmin Savoy Browns Mindy, die hier die „Expertinnenrolle“ von Randy Meeks geerbt hat. Das alte Team ist, wie erwähnt, gewohnt grandios und wenn hier einer besonders hervorsticht, dann ist es wohl David Arquette, dessen Dewey ein einzigartiger Charakter bleibt. Er spielt ihn nachwievor seltsam und ein wenig neben der Spur, aber nie dumm und zu jedem Moment liebenswert.

Filmisch fällt auf, wie viel des Films tagsüber spielt und wie rücksichtslos Ghostface auch im Hellen zuschlägt (und dabei seinen glitzernden Umhang zeigt). Die Morde sind insgesamt durchaus einfallsreich und teilweise erstaunlich brutal für eine Reihe, die sich nie wirklich durch Gore ausgezeichnet hat. Was auffallend fehlt sind die üblichen Verfolgungsszenen, bei denen Ghostface allerlei Gegenstände an den Kopf gepfeffert werden und er sich effektvoll hinpackt, sein Opfer am Ende aber doch immer kriegt. Womöglich hatten die Regisseure hier das Gefühl das habe sich, achtung grausiges Wortspiel, totgelaufen.

‚Scream‘ (ich weigere mich sowas wie ‚5cream‘ oder ‚M4trix‘ zu schreiben, weil das Bedürfnis mir dafür selbst auf die Nase zu hauen zu groß wäre) geht in seinem Metakommentar über das Horrorgenre hinaus. Elevated Horror bekommt zwar sein Fett weg, aber es ist mehr die Idee des nostalgischen späten Legacy-Sequels, über das er sich recht gekonnt lustig macht. Und über Fankultur. Aber das ist seit ‚Scream 2‘ Serientradition. Wie die Erwähnung Johnsons deutlich macht, ist insbesondere auch Star Wars Zielscheibe. Der Film wird den Slasher im Jahr 2022 sicher nicht revolutionieren, wie ‚Scream‘ das 1996 getan hat. Aber er ist dennoch ein unterhaltsamer Vertreter des deutlich weniger bedienten Genres.

Die Aufdeckung der Täter, die ich hier offensichtlich nicht verraten werde, wirft ja in jedem Teil der Reihe so einige Fragen auf, die einer allzu genauen Untersuchung eher nicht standhalten. Hier aber ist eine extrem zentrale Stelle derart fragwürdig, dass ich fast vermute der bereits angekündigte nächste Teil (‚Scr6am‘? Au, mbeine Ndase!) könnte parallel zu diesem spielen. Das ist aber pure, haltlose Spekulation meinerseits.

Also, empfehle ich den Film? Ist es Euer erster ‚Scream‘? Dann weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob Ihr hier wahnsinnig viel herausholen könnt. Ist es Euer fünfter ‚Scream‘ und Ihr mögt sie alle irgendwo, seid aber unsicher, aufgrund des neuen Kreativteams? Dann würde ich ihn auf jeden Fall empfehlen. Eure Erwartungen an eine ‚Scream‘ Fortsetzung sollten halt entsprechend eingenordet sein. Er hält das insgesamt recht hohe Niveau der Reihe (verglichen mit anderen Horror-Franchises) und besser als der dritte Film ist er allemal. Für mich auch etwas besser als der Vierte.

Reden wir über ‚Scream‘ (1-4)

Den folgenden Text habe ich von meiner, am kommenden Montag erscheinenden Besprechung von ‚Scream‘ (2022) abgeschnitten und noch ein ganzes Stück erweitert. Weil es mir ein bisschen sinnlos erschien, in einer Besprechung fast mehr über die Vorgängerfilme als das eigentlich Thema zu schreiben.

Wenn man die großen Horrorfranchises der 80er schaut, dann kommt ein Begriff ganz automatisch in den Sinn: Fallhöhe. Der erste ‚Halloween‘? Grandios. Der große Rest beschreibt eine steil abwärts deutende Kurve. ‚Nightmare on Elm Street‘? Genau das Gleiche. Die Ausnahme von der Regel ist hier wohl ‚Freitag der 13te‘, der von Anfang an als zynisches Cash-In gedacht war, im Laufe der Reihe aber einen eigenen Charakter entwickelte. Wes Craven wurde berühmterweise mehr oder weniger gezwungen, am Ende seines ‚Nightmare on Elm Street‘ einen Sequel Hook unterzubringen und kehrte zu der Reihe erst nach 10 Jahren zurück. Weitere 2 Jahre später veröffentlichte er einen Film,  der auf ein Sequel vorbereitet war und der die extreme Fallhöhe der 80er Franchises verhindern wollte.

‚Scream‘ war 1996 ein erstaunlicher Film. Der Slasher war lange schon purer „Direct to Video“-Mumpitz. Überhaupt tat sich Horror in den 90ern ein wenig schwer. Statt Slashern gab es ernsthaftere Serienkiller Filme, wie ‚Das Schweigen der Lämmer‘ oder ‚American Psycho‘. Man bemühte sich, die alten Gothic Monster einmal wieder aus der Kiste zu holen, wie in ‚Bram Stokers Dracula‘. John Carpenter zeigte mit ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ ein letztes Mal was er konnte. Und an den Rändern fand sich Faszinierendes, wie ‚Candyman‘ oder ‚Ravenous‘. Doch der Horror hatte den Mainstream weitgehend verlassen. ‚Das Schweigen der Lämmer‘ etwa hätte sich freiwillig nie so genannt. Das war natürlich ein Psychothriller. ‚Scream‘ war da anders. ‚Scream‘ war Horror und wollte Horror sein. ‚Scream‘ wusste, dass sein Kernpublikum Horror kannte. Horrortropen durchschaut hatte. Sich damit rühmte sich nicht mehr erschrecken lassen zu können.

Und genau das wandte er gegen sein Publikum. Seine Charaktere waren eben exakt jene blasierten Besserwisser. ‚Scream‘ ist kein „ironischer“ Film, wie man manchmal liest. ‚Scream‘ ist ein meta-Film. Er kommentiert sein Genre. Aber ‚Scream‘ lacht nicht über seine Morde. Und wenn doch einmal ein Mord grotesk-komisch ist, etwa wenn die arme Tatum (Rose McGowan) aufgrund ihrer Brüste nicht durch die Katzenklappe entkommen kann, dann ist auch das ein Kommentar auf sein im Herzen zutiefst albernes und mindestens etwas misogynes Genre. Aber es wäre zu einfach, den Erfolg von ‚Scream‘ nur auf seinen meta-Kommentar zu verkürzen. Die Leistung des Films ist nicht die „Regeln des Horrorfilms“ zu formulieren.

Die von Kevin Williamson geschriebene Story und vor allem seine Dialoge fühlten sich damals wahnsinnig frisch und modern an. Und wie alles, das einmal wahnsinnig frisch und modern war, wirkt es heute wie eine Zeitkapsel. Wie ein Moment der mittleren 90er auf ewig perfekt in Bernstein eingefroren. Was aber keinesfalls bedeuten soll, er wirke heute veraltet. Williamson gelang hier, besser als es ihm je wieder gelingen sollte, die Mischung aus whodunnit und Slasher. Zahlreiche Szenen des Films werden komplett zu rekontextualisiert, sobald man weiß, wer die Mörder sind. Kein späterer ‚Scream‘ würde jemals wieder eine solche Darstellerriege mitbringen. Allen voran natürlich die „großen drei“ der Serie.

Neve Cambell als Sidney Prescott, die komplett redefinierte, was ein Final Girl ist. Die dafür sorgte, dass der Hauptdarsteller eines Slashers nicht mehr der perverse Killer ist, sondern die Überlebende. Campbell gelang es auf absolut faszinierende Weise Verletzlichkeit und die Fähigkeit zum Ärschetreten in sich zu verbinden und Sidney zu einer Figur zu machen, die ohne das eine oder andere nicht mehr funktionieren würde. Courteney Coxes Gale Weathers ist hier im ersten Film noch die Nachrichtenfrau, die für Ruhm, im wahrsten Sinne des Wortes, über Leichen gehen würde. Sie ist hier noch recht eindimensional, würde aber von den großen drei im Laufe der Reihe die größte Entwicklung durchlaufen. Und dann ist da Dewey Riley, David Arquettes beste Rolle. Dewey ist schwer greifbar, wirkt wie ein kindlicher Trottel, siehe die Szene in der der harte Sheriff eine Zigarette raucht und Dewey ein Eis leckt. Er ist aber auch ein fähiger Polizist und würde im Laufe der Reihe zu einer Art großem Bruder für Sidney werden, als Ersatz für seine kleine Schwester und Sidneys beste Freundin Tatum.

Darüber hinaus haben wir hier Skeet Ulrich, als Sidneys Freund Billy. Unfassbar schmierig und für den Zuschauer direkt als schuldig zu identifizieren. Aber genau damit spielt der Film. Ihm zur Seite steht Matthew Lillards Stu Macher. Ich gebe gern zu, mit Lillard konnte ich früher wenig anfangen. Heute muss ich anerkennen, dass niemand das tut, was Lillard hier macht. Er scherzt, ist übertrieben freundlich, dann wieder übertrieben eklig. Wenn Stu sein wahres Gesicht zeigen darf, schreit, heult und sabbert er, wie es sich kein anderer Darsteller trauen würde. Und es funktioniert. König der eingangs erwähnten Besserwisser ist Randy Meeks (Jamie Kennedy), in dessen Rolle der Film dann auch seinen höchsten meta-Faktor erreicht. Nämlich wenn Randy Meeks ‚Halloween‘ schaut und „Dreh Dich doch um, Jamie!“ brüllt, während sich der Killer von hinten an ihn heranschleicht.

‚Scream‘ war ein Paukenschlag, wie man ihn in Hollywood zuletzt mit ‚Pulp Fiction‘ gehört hatte. Und wie dort sprossen die Epigonen wie Pilze aus dem Boden. Einige schrieb sogar Kevin Williamson (‚Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast‘). Doch nur ein Jahr später war das Team um Wes Craven wieder da. Man war, wie gesagt, auf ein Sequel vorbereitet. Und für einen guten Teil funktioniert dieses Sequel. Die Beteiligten wollen die Morde des ersten Films hinter sich lassen (außer Gale), doch die Gesellschaft lässt sie nicht. ‚Stab‘ ist die neue Horrorfilmsensation, die auf den realen Vorfällen (bzw. Gales Schilderungen dieser in ihrem Buch) basieren. Es lassen sich Ermüdungserscheinungen erkennen, so ist die Gruppe um Sidney, jetzt am College, nicht mehr so interessant wie im ersten Film. Doch das Widersehen mit den Charaktereren und vor allem die romantische Entwicklung um Gale und Dewey hilft darüber hinweg. Dazu hat der Film einige von Craven meisterhaft inszenierte Verfolgungsjagden und Suspense-Szenen, die sich vor den besten Momenten des ersten Teils nicht verstecken müssen. Die Auflösung um die Killer gerät dann allerdings weitgehend zum feuchten Furz und fühlt sich arg bemüht an. Aber die erhebliche 80er Franchise Fallhöhe wurde erfolgreich vermieden.

So, und damit kommen wir zum Tiefpunkt. ‚Scream 3‘ erschien im Jahr 2000. Der Erfolg der ersten beiden Filme und die damit steigenden Budgets brachten der Produktion genauere Überwachung durch die Dimension Films Bosse Bob und (urks) Harvey Weinstein ein. Die meinten, der Film müsse, unter dem Eindruck des Amoklaufs an der Columbine High School, weit weniger brutal werden und solle sich stärker auf die satirischen Elemente konzentrieren. So wurde Williamsons Skriptentwurf (Stu Macher hat den ersten Film überlebt und kontrolliert vom Gefängnis aus einen Kult von Ghostface-Killern) in den Müll geworfen und Ehren Kruger angeheuert, um ein Script zu schreiben, das beim Dreh eines ‚Stab‘ Filmes spielt. Das schaffte auch tollen Raum für Hollywood Cameos. Die beste darunter vermutlich Carrie Fisher als eine Frau, die sich auch um die Rolle als Leia beworben hatte. Aber auch Schlock Meister Roger Corman taucht auf und, am auffälligsten und unpassendsten, Jay und Silent Bob. Aber die Weinsteins wussten, dass man um die Jahrtausendwende das Internet, in Form von „ain‘t it cool news“ beeindrucken musste. Und die liebten diesen Unsinn.

Die Story selbst funktioniert kaum, verliert sich in Retcons und Rückblenden und muss gar den toten Randy Meeks als Videoaufnahme zurückholen. In der Rückschau am interessantesten ist vielleicht Lance Henriksens Rolle als grotesk-widerwärtiger Hollywoodproduzent, in dem man problemlos Harvey Weinstein wiedererkennt. Der Typ ist letztlich der Auslöser für alle Geschehnisse der Reihe.  Aber auch davon ab funktioniert einiges. Sidney arbeitet nun für eine Hotline für Opfer von Gewalt, was exakt in ihren Charakter passt, Gale und Deweys Beziehung scheitert immer wieder an Gales Kälte. Die bekommt hier allerdings im wahrsten Sinne des Wortes einen Spiegel vorgehalten, in Form von Jennifer Jolie, gespielt von Parker Posey, der Darstellerin von Weathers im neuen ‚Stab‘. Posey hat erkennbar immense Freude daran eine überzogene Karikatur von Coxes Darstellung zu geben und wird somit direkt zum absoluten Höhepunkt des Films. Eines Films, der nicht wirklich gut ist, aber immerhin über weite Strecken unterhaltsam.

Dennoch wurde es danach für etwa 11 Jahre ruhig um die Reihe. 2011 kehrte sie mit ‚Scream 4‘ zurück und stieß damit weniger auf Begeisterung als auf Fragezeichen. Warum jetzt? Craven, Williamson und die großen drei Darsteller der Reihe kehrten zurück. Auch wenn während der Produktion Ehren Kruger zurückgeholt wurde, um Williamsons Skript zu überarbeiten. Das Thema des Films ist letztlich Neid auf den Erfolg Sidneys. Die hat inzwischen selbst ein Buch über ihre Erlebnisse der ersten drei Filme geschrieben. Während Gale, inzwischen mit Dewey verheiratet, an Schreibblockade leidet. Doch hat Gale inzwischen längst den Schritt zu Heldin vollzogen und so ist es der Neid und die Ruhmsucht anderer, die hier zur Gefahr wird.

‚Scream 4‘ folgt inzwischen in gewissem Sinne bereits seinen eigenen Klischees. Man weiß, was man bekommt, wenn man einen Film der Reihe schaut. Craven heuerte eine ganze Riege beliebter, junger Darstellerinnen an, Emma Roberts, Hayden Pannetierre, Anna Paquin, Kristen Bell und machte die damals noch neuen und aufregenden sozialen Medien und den seltsamen, neuen Ruhm, den man dort finden konnte zum zentralen Thema. Das wirkt gelegentlich ein wenig wie „Opa Craven motzt über die Jugend von heute“. Erstaunlich für einen Film von Craven ist aber ehrlich gesagt, wie hässlich er ist. Wenn er nicht gerade eine der, immer noch gekonnten, Verfolgungen inszeniert, sieht das gelegentlich wenig besser als eine Sitcom aus. Es fehlt der Elan der frühen Filme, aber der Film ist immer noch problemlos besser als der dritte.

Und er wurde auch immer noch ein Erfolg. Das Ausbleiben eines Nachfolgers lag wohl zum einen daran, dass die Missbrauchssituation um Harvey Weinstein wenige Jahre später endlich in die öffentliche Wahrnehmung explodierte. Und leider auch daran, dass Wes Craven kaum vier Jahre nach Erscheinen an einem Hirntumor starb.

Nun gut, eine gewisse Fallhöhe kann man also auch der ‚Scream‘ Reihe nicht absprechen. Keines der Sequels kam je auch nur in die Nähe des ersten Films. Doch, obwohl der dritte kein guter Film ist, gab es nie Totalausfälle. Die Filme waren immer noch wenigstens unterhaltsam und vor allem, die Charaktere bleiben konsistent.

Anfang dieses Jahres kehrte die Reihe zurück. Natürlich ohne Craven, aber auch ohne Williamson. Die großen drei sind wieder dabei. Und die neuen Regisseure sind Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die Macher hinter ‚Ready Or Not‘. Ich denke, ich verrate noch nicht zu viel, wenn ich sage, dass in dem Film ein Charakter namens Wes vorkommt und den Film nicht überlebt. Auf einer Party wird ein Toast auf Wes ausgebracht. Und die Regisseure hatten Familie und Freunde von Craven für den Drehtag eingeladen, hinter der Kamera mit in „auf Wes!“ einzustimmen. Sie verstehen also absolut, in wessen Vorgarten sie hier spielen.

‚The Endless‘ (2018)

Ich sage eine Sache gleich vorweg. Es ist relativ schwierig über ‚The Endless‘ zu schreiben, ohne dicke Spoiler auszupacken. Ich bemühe mich genau das nicht zu tun, wenn sich das Folgende teilweise etwas ausweichend liest, dann liegt das vor allem daran. Wer den Film aber völlig unvoreingenommen sehen will, sollte das natürlich tun, ohne diesen Text zu lesen.

Nachdem sie ‚Resolution‘ aus eigener Tasche finanziert haben und für ‚Spring‘ einen Kredit aufgenommen hatten, haben Aaron Moorhead und Justin Benson hier ihren ersten „klassisch“ finanzierten Film. Und weil sie noch nicht genug zu tun hatten, beide als Regisseure, Produzenten und Cutter, Benson als Autor und Moorhead als Kameramann, übernehmen sie hier auch noch die Hauptrollen. Sie setzen damit ihre Rollen aus ‚Resolution‘ fort, die dort allerdings nur kurze Cameo-Auftritte waren. Überhaupt ist ‚The Endless‘ vielleicht nicht direkt eine Fortsetzung von ‚Resolution‘, aber er faltet dessen recht trippige Geschichte gekonnt in eine größere Mythologie. Allerdings sind beide Filme auch völlig unabhängig voneinander zu schauen und zu verstehen.

Die Brüder Aaron (Moorhead) und Justin (Benson) Smith haben vor zehn Jahren einen seltsamen Kult verlassen. Ihre Erinnerungen an diesen sind jedoch sehr unterschiedlich. Während der ältere Justin, der die Flucht angestrebt hatte, sich an einen selbstverstümmelnden UFO-Todeskult erinnert, meint Aaron eher eine harmlose Hippie-Kommune in seiner Erinnerung zu sehen. Als sie ein seltsames Video vom Kult erhalten, überredet Aaron Justin zu einem letzten Besuch. Der stimmt zu, in der Hoffnung, das würde Aaron endlich die Augen öffnen. Doch als sie dort ankommen, scheint sich eher dessen Erinnerung zu bestätigen. Anführer (auch wenn er selbst sich nicht so nennt) Hal (Tate Ellington) beeilt sich zu betonen, dass alles Geschehene vergeben und vergessen sei. Der Rest scheint tatsächlich eine verschrobene aber harmlose Künstlerkommune. Unter anderen Bierbrauer Tim (Lew Temple), Modedesignerin Anna (Callie Hernandez) und Malerin Lizzy (Kira Powell) scheinen sehr freundlich. Sie scheinen aber auch erstaunlich wenig gealtert. Justin bemerkt alsbald seltsame Geschehnisse, die die Sekte entweder ignoriert oder in ihre Religion aufnimmt. Aaron fühlt sich immer stärker zur Gemeinschaft hingezogen. Als Justin Jennifer (Emily Montague) trifft, die auf der Suche nach ihrem Mann Michael, der seinem besten Freund Chris bei einem Drogenproblem helfen wollte, bei der Sekte gelandet ist, und nun nicht mehr fort kann, will er sich endgültig absetzen. Doch das droht zum Bruch zwischen den Brüdern zu führen.

Moorhead und Benson entwickeln den sich entfaltenden Schrecken hier elegant und sorgfältig. Wenn die Brüder die Stadt verlassen und sich ins kalifornische Hinterland begeben, dann bleichen nicht nur die Bilder des Films mehr und mehr aus, auch der Negativraum wächst und wächst. Die umgebende Landschaft wird größer und größer, die Menschen darin kleiner und kleiner, bis sie fast darin verschwimmen. Bis die Landschaft so groß ist, dass man fast überzeugt ist, dass sie Dinge enthalten muss, die größer und gefährlicher sind als Berglöwen und Klapperschlangen, die die größte reale Gefahr darstellen. Wenn sich der Schrecken dann (mehr oder weniger) zeigt, dann scheint er tatsächlich, genau wie diese Kreaturen, der Landschaft selbst zu entspringen. Das Konzept, dass die beiden Macher hier entwerfen ist dann ein recht komplexes, in das sich ‚Resolution‘ problemlos einfügt, um Teil eines lovecraftschen, kosmischen Schreckens zu werden.

Dazu trägt auch der Ambient-Soundtrack von Jimmy LaValle bei, mit dem die Macher seit ‚Spring‘ ständig zusammenarbeiten (‚Resolution‘ hatte keinen Soundtrack). Seine Klänge scheinen ebenfalls aus der Landschaft selbst zu erwachsen und sind gelegentlich kaum von den seltsamen Lauten der Umgebung zu unterscheiden.

Es braucht jedoch eine gewisse Geduld, damit sich die Geschehnisse entsprechend entfalten können. Und dafür, dass man (oder wenigstens ich) diese Geduld hat, dafür sorgt die inzwischen etablierte andere große Stärke der beiden Filmemacher. Die komplexe Beziehung zwischen zwei Menschen glaubhaft und wahrhaftig darzustellen. In ‚Resolution‘ waren es die besten Freunde, in ‚Spring‘ die frisch Verliebten und hier sind es eben nun die beiden Brüder. Und sie fangen den komplexen Gratwandel dieser Beziehung sehr gut ein. Das Verantwortungsgefühl des einen, das zum Minderwertigkeitsgefühl des anderen führt, die leise Rivalität, der unterschiedliche Umgang mit erlittenem Trauma, aber eben auch die tiefe Liebe zwischen beiden, die hier das stetig schlagende emotionale Herz des Films bildet.

Ich werde Benson und Moorhead hier nun nicht unterstellen brillante Schauspieler zu sein, ihre offensichtlichen Stärken als Filmemacher liegen klar woanders, doch gelingt es ihnen das Bruderpaar glaubhaft zu transportieren. Das liegt vielleicht daran, dass es in gewisser Weise Abbild ihrer tatsächlichen Beziehung ist. Es ist deutlich, dass man hier zwei Freunde sieht, die gern und viel Zeit miteinander verbringen, genau wissen wie der andere tickt und wie man ihn aufzieht. Schauspielerisch tut sich für mich hier vor allem Tate Ellington hervor, der seinen Hal mit einer mühevoll aufrechterhaltenen, freundlichen Fassade gibt, hinter der sich nicht nur Ressentiments gegenüber der Flucht der Brüder und Zorn über ihre „Lügen“ verbirgt, sondern womöglich noch Schlimmeres.

Mit ‚The Endless‘ schaffen Benson und Moorhead ihr eigenes „Cinematic Universe“, das aber eher thematische als marketingtechnische Fundamente hat. Der Film ist absolut sehenswerter Independent Horror, der ohne Gore und Jumpscares aber dafür mit jeder Menge Atmosphäre arbeitet. Vermutlich nicht für jeden geeignet, aber wenn er funktioniert, dann richtig gut.

Und beim nächsten Mal sehen wir, was passiert, wenn unser Duo mit Schauspielern arbeitet, von denen man vielleicht schon einmal gehört hat. In ‚Synchronic‘.

‚Resolution‘ (2013)

Justin Benson und Aaron Moorhead haben sich als Praktikanten in Ridley Scotts Produktionsfirma beim Mittagessen getroffen. Und offenbar so gut verstanden, dass sie beschlossen haben einen Film zusammen zu drehen. Da niemand irgendein Interesse daran hatte, ihnen den zu finanzieren, taten sie das, was vermutlich hunderte, wenn nicht tausende Filmemacher ohne Geld und ohne viel Erfahrung getan haben. Ihren Film quasi ohne Budget in einer halbverfallenen Hütte irgendwo in der Pampa zu drehen. Das mildert den Ressourcenmangel erheblich. Doch weil schon so viele zuvor diesen Ansatz probiert haben und nur sehr selten mal ein ‚Evil Dead‘ dabei herauskommt, brauchte es einen neuen, interessanten Ansatz. Warum nicht das Offensichtliche der Idee in den Mittelpunkt stellen und einen meta-Film um typische Horror- und Indiefilmklischees drehen?

Grafikdesigner Michael (Peter Cilella) erhält eine verstörende Mail von seinem besten Freund aus Schulzeiten, Chris (Vinny Curran). In einem anhängenden Video ist zu sehen, wie der stets von Drogenproblemen geplagte Mann sich offenbar in eine abgelegene Hütte zurückgezogen hat, abwechselnd an seiner Crackpfeife zieht und wild um sich ballert. Eine Wegbeschreibung liegt ebenfalls bei. Da sich Chris bislang jeglicher Entziehungskur verweigert hat, fasst Michael einen Wahnsinnsplan. Er besucht Chris, überwältigt ihn mit einem Elektroschocker und kettet ihn an die Wand seiner Hütte. Eine Woche soll er dort bleiben, in der Hoffnung dieser kalte Entzug würde ihm helfen. Doch bei aller Abgelegenheit sind sie nicht wirklich allein und die meisten Leute der Gegend sind ihnen nicht wohlgesonnen. Da sind Chris‘ ehemalige Dealerkumpanen, die ihren Stoff zurückhaben wollen. Da ist Charles (Zahn McClarnon), ein Mitglied der örtlichen Tribal Police, denn die Hütte befindet sich auf einem Reservat. Und eine merkwürdige UFO-Sekte (samt Cameo Auftritt von Benson und Moorhead als Mitgliedern). Doch das Seltsamste sind wohl die Fotos, Dias und Filme, die Michael nicht nur im umliegenden Gelände, sondern bald auch in der Hütte selbst findet. Sie zeigen Bilder unbekannter Menschen in oft üblen Situationen, sowohl im Umland als auch in der Hütte. Dazu kommt, dass Chris bestreitet Michael je eine Email geschickt zu haben. Was ziemlich glaubhaft ist, in Anbetracht der Tatsache, dass er weder Internetanschluß noch ein entsprechendes Gerät besitzt.

‚Resolution‘ ist ein roher Film. Das ist gleichzeitig seine Stärke und seine Schwäche. Da ist das zentrale Konzept des erzwungenen, kalten Entzugs. Vinny Curran sieht nicht aus, wie ein Crack- (oder Meth, beide Drogen werden erwähnt) Abhängiger im Endstadium. Geld für eine entsprechende Maske war nicht da und natürlich sollte man nicht erwarten, dass der Darsteller für die paar Dollar, die er vermutlich bekommen hat, extrem abnimmt. Der Film überspielt das, indem erwähnt wird, dass Chris früher stark übergewichtig war und dementsprechend sehr abgenommen hat. Letztendlich rettet es aber Curran selbst, der den Charakter extrem glaubwürdig gibt. Dass die Idee des Entzugs eine dumme ist, das weiß der Film selbst. Das weiß sogar Michael selbst, der seine Frau darüber anlügt, warum er bei Chris ist. Benson hat später offen eingestanden, dass die Recherche zum Thema Entzug damals quasi aus einer Google-Suche bestand. Aber wir als Zuschauer glauben die Beziehung der beiden Hauptcharaktere. Ihre Frustrationen miteinander aber auch ihre Freundschaft zueinander, die sie letztlich an diesen extrem seltsamen Ort geführt hat.

Auch handwerklich ist der Film roh. Kameramann Moorhead gelingen zwar immer wieder atmosphärische und verstörende Aufnahmen, allerdings lässt der Film eine kohärente Bildsprache vermissen. Das kann aber auch der Tatsache geschuldet sein, dass es sich quasi um einen Found Footage Film handelt. Denn bereits in ihrem nächsten Film ‚Spring‘ sind beide visuell absolut sicher im Sattel. Zur gewollten Rohheit des Films trägt auch die Tatsache bei, dass es keinerlei Soundtrack gibt.

Zur Stärke wird es, weil die Wildheit der zentralen Idee dafür sorgt, dass wir als Zuschauer erst ähnlich spät wie die Protagonisten merken, wie sonderbar, unangenehm und befremdlich die Situation der Charaktere eigentlich ist. Das Seltsame rutscht fast unbemerkt in den Film und plötzlich beginnen wir Fragen zu stellen, die über die eigentliche Handlung hinausgehen. Was geht vor? Und warum? Und in wessen Interesse? Und wer steht eigentlich hinter der Kamera? Das gelingt nicht vielen Filmen.

Der Film entzieht sich dabei sämtlichen Jumpscares und weitgehend extremen Gore Effekten oder ähnlichem. Das Unheimliche des Films sitzt tiefer und verstört gelegentlich ernsthaft. Es ist der Grusel der Idee, nach dem Aufwachen in der eigenen Wohnung ein Polaroidfoto eines völlig Fremden auf dem Küchentisch zu finden. Auf die offensichtliche Frage „wer ist das?“ folgen sehr schnell Fragen, die sich als dringender herausstellen. Fragen wie „wie kommt das hierher?“ und „wer hat es hier hingelegt und warum?“. Aber Benson und Moorhead sind definitiv auch von der Idee des Fotos selbst fasziniert. Vom abbildenden Medium an sich, das tatsächlich aus Menschen Geister machen kann. Dass sie mit Licht auf einen Datenträger bannt, auf dem sie noch lange nach ihrem Tod zu finden sein können.

Das alles wird zum Glück nicht mit dem ernsthaften Philosophieren eines frischen Filmschulabgängers erzählt, sondern durchaus spannend und mit gelegentlichem Humor. Vor allem aber um zwei Charaktere herum gestrickt, die man glaubt, was sehr viel hilft.

Eine Kritik, die ich gelegentlich über den Film lese ist, dass er frustrierend und im Mittelteil langweilig sei. Eine gute Stunde stimmungsvoller Spannungsaufbau, in der aber eben nicht viel passiert. Das Letzte ist durchaus richtig. Es passiert in der Tat nicht viel und das ist auch genau so gewollt und eine gewisse Frustration soll es auch auslösen und löst es auch innerhalb des Films aus (ohne zu viel zu verraten). Doch habe ich das nie als langweilig empfunden, eben weil der Film stimmungsvoll genug ist und ich die (extrem fehlerbehafteten) Charaktere durchaus mochte. Nun muss ich einen Vergleich ziehen. Einen Vergleich, den quasi jede Besprechung des Films zieht. Ein Vergleich, der aber auch in gewisser Weise automatisch ein Spoiler ist. Falls ich also Euer Interesse geweckt habe und Ihr möglichst unvorbereitet an den Film herangehen wollt solltet Ihr genau hier aufhören zu lesen. Ihr seid gewarnt!

Fluch und Segen des Films war fraglos das zeitnahe Erscheinen von ‚Cabin in the Woods‘. Fluch deswegen, weil es nicht eben hilft, wenn ein Film mit dem ca. 1500-fachen Budget und damit verbundenem Mainstreamappeal jegliches Publikum abgräbt. Gleichzeitig aber auch Segen, weil in Kritiken oft genug ein Vergleich beider Filme gezogen wurde und Benson und Moorheads „Lo-Fi“ Variante hier meist deutlich gelobt wurde. In meinen Augen sind beide Filme, trotz thematischer Ähnlichkeiten, allzu unterschiedlich um ernsthaft verglichen zu werden. Das 1500fache Budget war kein Scherz (ca. 20.000 Dollar vs. 30 Millionen). Allein das macht einen direkten Vergleich schon fast witzlos. Mit dem Budget des einen, hätte man am Set des anderen einen Tag lang das Catering bezahlen können.

Vor allem aber haben sich die beiden jungen Filmemacher gleich mit diesem Erstling als hochoriginelle Erzähler etabliert, die mit ihrem Film durchaus mehr wollen, als Horrorklischees vorzuführen. Stattdessen werfen sie einen durchaus neugierigen Blick auf das Medium, in dem sie arbeiten wollen. Unter hunderten Hütten im Wald Filmen sticht er also verdient hervor.

Nächste Woche spreche ich über die lose Fortsetzung von ‚Resolution‘ ‚The Endless‘. Wer bis dahin über ‚Spring‘ den chronologisch nächsten Film von Benson und Moorhead lesen möchte, kann das hier tun.