‚Die Fliege‘ (1986) – „Be afraid, be very afraid!“

Remakes haben, nicht unbedingt zu Unrecht, einen miserablen Ruf bei Filmfans. Das gilt vermutlich doppelt für Horrorfans. Dabei sind einige Filme, die heute als absolute Klassiker gelten, ihrerseits Remakes. John Carpenters ‚Das Ding aus einer anderen Welt‘ etwa. Oder eben David Cronenbergs ‚Die Fliege‘. Der beruht auf dem Film ‚Die Fliege‘ mit Vincent Price von 1958. Der wiederrum eine exakte Verfilmung der gleichnamigen Geschichte von George Langelaan war. Tatsächlich kam Cronenberg eher zufällig zu dem Projekt. Der ursprüngliche Regisseur sprang in Folge einer persönlichen Tragödie ab und Produzent Mel Brooks (ja, der), wandte sich an Cronenberg. Der hatte den originalen Film als Kind gesehen und albern gefunden. Auch das neue Drehbuch fand er nicht besonders. Einzig die Idee des stetigen körperlichen Verfalls des Hauptcharakters sprach etwas im Meister des „body horrors“ an. Er ließ sich vertraglich zusichern das Drehbuch komplett umschreiben zu dürfen und stieg ein. Er strich die Figuren auf ein absolutes Mindestmaß zusammen, änderte Figurenkonstellationen und alle Dialoge. Das Ergebnis wurde der erste große Kassenerfolg für Cronenberg, inklusive jeder Menge positiver und negativer Aufmerksamkeit.

Journalistin Veronica Quaife (Geena Davis) trifft den exzentrischen Wissenschaftler Seth Brundle (Jeff Goldblum), der ihr begeistert sein Geheimprojekt, ein Teleportationsgerät zeigt. Da bislang nur nichtorganische Materie transportiert werden kann, bittet er sie mit einer Veröffentlichung zu warten, bis das Gerät bereit ist Menschen zu teleportieren. Sie willigt ein, solange sie seine Arbeit dokumentieren darf. Bald beginnen beide auch eine romantische Beziehung, sehr zum Missmut von Veronicas Redakteur und Exfreund Stathis (John Getz). Eines Nachts beschließt Seth, betrunken und eifersüchtig, einen Selbstversuch zu unternehmen. Doch außer ihm ist unbemerkt noch eine Fliege in der Teleportationskammer. Fühlt er sich anfangs besser als je zuvor, mit erhöhter Stärke und Geschicklichkeit, beginnen die mit seinen vermischten Gene der Fliege bald immer dominanter ausgeprägt zu werden. Sein Körper und Geist werden immer weniger menschlich. Noch dazu erhält Veronica eine schockierende Mitteilung.

Nein, Cronenberg scheint sie nicht besonders zu schätzen, die Körper. Jene Fleischsäcke, in denen wir unsere Existenz verbringen, die wir hegen und pflegen können so viel wir wollen und die uns am Ende doch immer im Stich lassen werden. Damit ist der Kanadier in Hollywood, das dem Ideal des perfekten Körpers verschrieben ist, natürlich automatisch ein Fremdkörper. Hat er zum Zeitpunkt dieses Films schon einen hässlichen Sorgerechtsstreit filmisch in ‚Die Brut‘ verarbeitet, einen Kopf in ‚Scanners‘ explodieren lassen und James Woods in ‚Videodrome‘ eine pulsierende VHS in eine Loch in seiner Brust schieben lassen, waren das doch Filme, die man suchen musste. Dieser hier wurde von FOX vertrieben und war so in quasi jedem Lichtspielhaus zu finden. Plötzlich sah sich ein argloses Publikum damit konfrontiert, wie Jeff Goldblum das Ohr abfiel und er sich die Fingernägel herauszieht. Haufenweise soll zorniges Publikum den Film verlassen haben und auch die Kritik war eher gespalten. In der deutschen, kontemporären Kritik kann man etwa noch einen Text des selbsternannten „Dr. Horror“ Rolf Giesen finden, der nachdem ihm „speiübel“ wurde, den Film am liebsten verboten gesehen hätte und für das „kranke Muttersöhnchen“ Cronenberg nur kalten Zorn übrig hatte.

Krankheit ist denn auch ein gutes Stichwort. Denn Krankheit ist offensichtlich das zentrale Thema des Films. Krankheit und was sie mit dem Betroffenen selbst und seiner Umgebung macht. Cronenberg selbst sagt, der Film war eine Reaktion auf die oftmals romantisierte Form von Krankheit, wie man sie in Film oder Seifenoper sieht, als ein stilles, edles Leid, nachwievor wunderschöner Leute. Was Cronenberg widerwärtig fand. Womit wir wieder beim „körperlichen“ Konflikt zwischen Hollywood und Cronenberg wären. Zum Erscheinen des Films sahen viele Kritiker einen Kommentar auf die AIDS-Epidemie, den Cronenberg zwar nicht geplant hatte, aber als Interpretation nachvollziehbar findet. Bei ihm jedenfalls ist Krankheit schrecklicher, grotesker Verfall. Und der wird umso schlimmer, da wir unter all dem grotesken Make-up und dem schmierigen Gummianzug immer noch Goldblums große, traurige Augen sehen. Irgendwo im unmenschlicher werdenden Handeln der „brundlefly“ noch den Menschen erahnen.

Und hier werden die Darsteller eben ganz wichtig. Goldblum bekam die Rolle nur, weil jeder vor ihm dankend abgelehnt hatte. Er konnte zwar schon auf eine recht lange Filmkarriere zurückblicken, ein echter Star war er aber eher nicht. Schreckte aber eben auch nicht vor täglichen, mehrstündigen Make-up Sitzungen zurück. Aus heutiger Sicht ist es sehr schwer sich irgendjemand anderen in der Rolle vorzustellen. Goldblum darf sein nerdiges Charisma hier voll ausleben, als Wissenschaftler mit 5 exakt gleichen Kleidungssets im Kleiderschrank, der zum ersten Date in den Burgerschuppen lädt. Doch genau wie Veronica können wir uns als Zuschauer seinem Charme nicht entziehen und so ist es nicht nur purer Ekel, den wir empfinden, wenn er beginnt Verdauungsenzyme auf seine Nahrung zu kotzen, es ist auch Empathie. Die empfinden wir auch für Davis‘ Veronica. Anfangs weil ihr ihr Chef, der übergriffige Widerling Stathis (war ein Vollbart eigentlich in den 80ern ein typisches Merkmal für Schmierlappen im Film?) nachstellt, später aufgrund ihrer… komplizierten Beziehung zu Seth. Die Chemie zwischen Goldblum und Davis, die zu diesem Zeitpunkt auch noch eher unbekannt war, ist ebenso wichtig für das Gelingen des Films, wie Chris Wallas schmodderige Kreatureneffekte.

Es heißt immer Cronenberg würde keine Sequels drehen. An der Fliege wird deutlich, dass das nicht immer an ihm liegt. Er schlug Mel Brooks ein Sequel vor, das der aber als „zu anders“ ablehnte und stattdessen Effektmann Wallas selbst eine Fortsetzung drehen ließ, der leider die meisten Qualitäten des Originals außer den Schmoddereien fehlten. Als er 2009 hörte, dass FOX nach einem Regisseur für ein Remake suchte, schlug er stattdessen vor selbst ein Sidequel, einen weiteren Film im selben Universum zu inszenieren. FOX lehnte ab, verzichtete aber auch auf das Remake.

Ihr braucht vermutlich nicht meine Rezension, die Euch sagt, dass ‚Die Fliege‘ einer der großen Horrorklassiker ist. So sehr, dass man ihn heute lieber „Reimagining“ als Remake nennt. Dabei tut er nur das, was ein wirklich gutes Remake tun sollte: setzt dem bekannten Stoff unübersehbar den Stempel seines Machers auf. Und wenn ‚Die Fliege‘ nicht essentieller Cronenbergscher body horror ist, dann weiß ich auch nicht.

‚You’re Next‘ (2013)

Mit dem Home-Invasion-Thriller bin ich ehrlich gesagt nie so recht warm geworden. Sei es das David Fincher in ‚Panic Room‘ die Technikmuskeln spielen lässt, aber sonst nicht viel dahinter ist, oder mir Michael Haneke in ‚Funny Games‘ mit dem mahnenden Meta-Zeigefinger vor dem Gesicht wedelt. Und dann nochmal auf Englisch. Für Jahre dachte ich, ich würde ‚The Strangers‘ mögen. Dann habe ich ihn nochmal gesehen und nicht wirklich verstanden, was ich meinte da drin gesehen zu haben. Der geneigte Leser ahnt, dass nun die große Ausnahme im Anmarsch ist. Und wer die Überschrift gelesen hat, weiß sogar schon wie sie heißt. ‚You’re Next‘, Adam Wingards kleiner, böser erster Langfilm, ist vermutlich der Horrorfilm der letzten Jahre (2013 zählt noch als „letzte Jahre“!), den ich am häufigsten gesehen habe. Und das mit gutem Grund!

Erin (Sharni Vinson) und ihr älterer Freund Crispian (A.J. Bowen) besuchen seine Familie auf deren Landhaus, da sich sein Vater, ein hohes Tier in einem Rüstungskonzern, zur Ruhe setzen will. Die Zusammenkunft der Geschwister, Crispian, sein älterer Bruder Drake (Joe Swanberg), sein jüngerer Bruder Felix (Nicholas Tucci) und Schwester Aimee (Amy Seimetz) und ihrer Partner, verläuft nicht eben ohne Probleme. Geschwisterliche Rivalitäten erwachen, Sorge die Leistungserwartung von VaterPaul (Rob Moran) nicht erfüllen zu können und die Tatsache, dass Mutter Aubrey (Barbara Crampton) trotz Medikation paranoide Panikattacken hat, lassen den Anlass eher schwierig als fröhlich werden. Als dann abends auch noch Fremde in Tiermasken das Haus mit Armbrüsten, Äxten und Macheten angreifen, ist natürlich der Tiefpunkt erreicht. Oder?

‚You’re Next‘ ist kein Film, der von großen Wendungen lebt. Eher von Überraschungen. Die erste dieser Überraschungen, die ich hier nennen muss, wenn ich über den Film sprechen will, ist natürlich, das Erin durchaus in der Lage ist, sich gegen die Angreifer zu wehren. Sie ist die ideale Protagonistin, für diejenigen, die sich gern über das dämliche Verhalten von Slasher-Protagonisten aufregen. Sie geht mit der Situation so gut um, wie es ihr möglich ist, ohne dass der Film sie je in eine überlegene Rolle setzen würde. Möglicherweise liegt hier auch das Geheimnis warum ich den Film mag. Weil die Protagonisten, anders als in anderen Home Invasion Filmen, eben nicht nur Opfer sind, bei deren Ableben wir zuschauen müssen.

Und anders als viele Slasher erwartet der Film vor allem nicht, dass wir Sympathie für die maskierten Mörder empfinden und die Opfer so „nervig“ sind, dass wir ihr Ende geradezu erwarten. ‚You’re Next‘ ist keine Horrorkomödie, hat aber durchaus tiefschwarz komische Momente. Wenn Drake hinter seiner Frau Kelly (Sarah Myers) herläuft und gerade noch rechtzeitig daran denkt sich unter dem in Halshöhe über eine Tür gespannten Klavierdraht zu ducken, dabei aber nicht bedenkt, dass ihm ein Armbrustbolzen aus dem Rücken ragt, der im vollen Lauf gegen die Falle prallt, dann ist das auf der einen Seite schrecklich, auf der anderen kann man aufgrund der Inszenierung und Swanbergs Spiel ein Lachen kaum unterdrücken, auch wenn es im Halse steckenzubleiben droht.

Anders als dem aktuellen „elevated horror“ gehen ‚You’re Next‘ Ideen der Dekonstruktion oder clevere politische Anspielungen weitgehend ab. Aus der Tatsache, dass der Familienpatriarch für einen Rüstungskonzern gearbeitet hat (übrigens für denselben Rüstungskonzern, der für den Guest aus ‚The Guest‘ verantwortlich ist…) wird nicht viel gemacht, außer vielleicht, dass die Angreifer mit archaischen Armbrüsten und Äxten bewaffnet sind. ‚You’re Next‘ will vor allem unterhalten. Und das gelingt ihm auf äußerst finstere aber effektive Weise. Allerdings gibt es in dem Film, gerade bei mehrfachem Ansehen, dennoch einiges zu entdecken, was ich in den folgenden Absätzen besprechen möchte, die daher teils extreme Spoiler enthalten. Wer den Film nicht gesehen hat, springt also am besten zum letzten Absatz, dem Spoiler-freien Fazit.

Erin, das wehrhafte „Final Girl“, ist sicherlich keine Neuerfindung des Rades. Doch ist es durchaus überraschend wie wehrhaft sie ist. Der erste Angreifer den sie ausschaltet ist übrigens der Autor des Films Simon Barrett in einem (wie Felix korrekt feststellt, Nach Erins Behandlung nicht leicht zu erkennendem) Cameo-Auftritt. Erin hat dabei einen dieser sprechenden Namen. Die Erinnyen waren in der griechischen Mythologie die Rachegöttinnen. Konnten sie angerufen werden um so ziemlich jedes Verbrechen zu sühnen, war es doch vor allem der Mord an Blutsverwandten, der sie auf den Plan rief. Damit ist Erin hier natürlich genau richtig. Und tatsächlich, nachdem sie in den Keller hinabgestiegen ist, um den letzten Angreifer auszuschalten, hat sie tatsächlich etwas von einer Rachegöttin, der Pfeile und Messer kaum noch etwas anhaben können. Zwar sühnt sie die Schuld nicht mit einer Peitsche aus Skorpionen geflochten, sondern handfester mit einem Mixer in den Kopf, aber das Bild funktioniert.

Natürlich lohnt bei einer erneuten Ansicht vor allem auf die Reaktionen der Verschwörer innerhalb der Familie zu achten. Etwa Crispians beunruhigtes Gesicht, wenn seine Mutter Erin zu den Nachbarn schickt. Der auffälligste Hinweis aber ist, dass alle Verschwörer den Vater erschrecken. Crispian ganz am Anfang, Felix und Zee kurz vor seinem Tod.

Weitere Cameo-Auftritte absolvieren Regisseur Ti West (‚House of the Devil‘) als Aimees Freund Tariq und Schauspieler/Regisseur/Produzent Larry Fessenden als Nachbar, bei dem Dwight Twileys „Looking for the Magic“ aufgrund akuten Ablebens in ständiger Rotation läuft.

‚You’re Next‘ erfindet wie gesagt das Rad nicht neu. Ölt es allerdings ganz hervorragend, bis es so rund läuft wie sonst selten. Die Gratwanderung einen Film zu inszenieren, der einerseits durchaus grausam und finster ist, andererseits aber durchaus schwarzen Humor bietet und dabei unterhaltsam zu bleiben ohne ins Alberne abzugleiten, gelingt Wingard ganz wunderbar. So gut, dass ich sogar gewillt bin, seinen grauenhaften (auf die schlechte Weise) ‚Blair Witch‘ hier gar nicht zu erwähnen… ups.

PS: wisst Ihr was ein viel größeres „ups“ ist? Über ‚You’re Next‘ zu schreiben und mit keinem Wort Freude über Barbara Cramptons (‚From Beyond‘) Rückkehr zum Horror auszudrücken, die zu Auftritten in ‚Lords of Salem‘ oder ‚We are still here‘ geführt hat. Dieses „ups“ sei hiermit ein wenig ausgeglichen!

‚The Lodge‘ (2019)

Nachdem die Österreicher Veronika Franz und Severin Fiala mit ‚Ich seh, ich seh‘ 2014 einen wirklich erschreckenden Horrorfilm abgeliefert haben, der auch ein internationaler Erfolg wurde, wurde ihre nächste Langfilmregie nun direkt zu einer internationalen Produktion. Das US-Studio FilmNation und die wiedergeborenen, britischen Hammer-Studios stecken hinter der Produktion. Anders als bei ‚Ich seh, ich seh‘ zeichnen die beiden allerdings nicht für das Drehbuch verantwortlich, dies stammt vom Schotten Sergio Casci und lag bereits bei Hammer bereit. Allerdings machen gewisse thematische Ähnlichkeiten deutlich, warum man es an Franz und Fiala übergeben hat.

Nachdem die Scheidung ihrer Eltern einen tragischen Ausgang genommen hat, sind Teenager Aidan (Jaeden Martell) und seine jüngere Schwester Mia (Lia McHugh) alles andere als begeistert von der Idee, dass ihr Vater Richard (Richard Armitage) kurze Zeit später wieder heiraten möchte. Sie lehnen ihre zukünftige Stiefmutter Grace (Riley Keough) nicht nur deswegen ab, weil sie ihr indirekt die Schuld am Schicksal ihrer Mutter geben, sondern auch wegen der merkwürdigen Art, wie Richard sie getroffen hat. Grace war vor Jahren die einzige Überlebende des Massenselbstmordes einer fanatisch-christlichen Sekte, die ihr Vater führte. Richard lernte sie bei Recherchen für ein Buch über diesen Vorfall kennen. Nun hat er eine brillante(???!) Idee, wie man das Verhältnis zwischen Kindern und Grace klären könnte. Die Woche vor Weihnachten soll in einem abgelegenen Ferienhaus verbracht werden. Er selbst müsste aus Arbeitsgründen zurück in die Stadt und so könnten sich Grace und die Kinder mal richtig kennenlernen. Das läuft exakt so schlecht wie das jeder (außer Richard) erwarten würde. Und als die Kinder gerade ein wenig auftauen, beginnen seltsame Ereignisse die Nerven der Urlauber, die sich plötzlich von einem Schneesturm eingeschlossen sehen, extrem zu belasten.

Im Gegensatz zu ‚Ich seh, ich seh‘ bedient sich ‚The Lodge‘ bei bekannten Horror-Tropen. Die Idee von Menschen, die einander weder vertrauen noch mögen und an einem einsamen Ort, gerne auch im Schnee, eingesperrt sind, ist wahrlich nichts Neues. Das wissen die Macher auch und lassen die Charaktere mit einem dicken Zwinkern im Auge John Carpenters ‚The Thing‘ im Fernsehen schauen. Manche filmische Verwandtschaften sind mir dann aber doch zu deutlich. Etwa, wenn Mias Puppenhaus gewisse Dinge vorwegnimmt, dann erinnert das allzu frappierend an ‚Hereditary‘s  Dioramen. Selbst die Eröffnung ist da sehr ähnlich.

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist das Buch auch die größte Schwäche des Films. Mir war jedenfalls relativ schnell klar, was hinter den Ereignissen steckte und das obwohl ich eher nicht der Beste darin bin, so etwas zu entschlüsseln. In den Händen einer schwächeren Regie, hätte hier durchaus „Horror von der Stange“ herumkommen können.

Allerdings sind Franz und Fiala durchaus Könner ihres Fachs, zum anderen arbeiten sie hier mit Yorgos Lanthimos häufigem Kameramann Thimios Bakatatis zusammen. Und der passt nicht nur zu den beiden wie die visuelle Faust aufs visuelle Hühnerauge, er hat auch spätestens in ‚Dogtooth‘ bewiesen, dass er aus einem abgeschlossenen Raum filmisch wahrlich alles herauszuholen weiß. Auch hier filmt er das, in Wirklichkeit vermutlich sehr überschaubare, Ferienhaus auf eine Weise, dass einem als Zuschauer nie wirklich der Grundriss klar wird, es einem Labyrinth voller finsterer Ecken und blinder Treppen gleicht. Dadurch, dass er nie aus der Augenhöhe der Charaktere filmt erhält der Film zum einen etwas distanziert Beobachtendes (ist „lanthimosisch“ ein Wort?), gleichzeitig trägt es auch zur Desorientierung bei. Auch gelingt es ihm die Kälte der Situation so effektiv zu transportieren, dass man auch bei äußerst milden September-Temperaturen das Bedürfnis bekommt die Heizung anzudrehen. Das habe ich zuletzt so effektiv nur bei ‚The Blackcoats Daughter‘ (den ich in meiner damaligen Besprechung übrigens extrem unterbewertet habe!) erlebt.

Die Desorientierung wird auch vom Buch, das ich nach der Kritik jetzt doch nochmal kurz loben muss, clever gestützt. Im ersten Akt erleben wir die Geschichte komplett aus der Sicht der Kinder. Grace sehen wir, wenn überhaupt, nur durch Milchglas, beschlagene Scheiben, oder von hinten. Und natürlich auf dem Video, das die Nachwirkungen des Massenselbstmordes dokumentiert, hier allerdings als etwa zu ihnen gleichaltriges Mädchen. Im Ferienhaus angekommen schlägt die Perspektive völlig unvermittelt zu Grace um und führt uns als Zuschauer damit erst einmal auf dünnes Eis.

Mit Grace sind wir denn aber auch bei der größten Stärke des Films angekommen. Riley Keough liefert hier zwischen dräuender, katholischer Ikonografie und weißem Schoßhündchen eine Vorstellung ab, die man vermutlich so bald nicht vergessen wird. Wenn sie beginnt an ihren eigenen Sinnen, ihrem eigenen Zeitgefühl zu zweifeln, wenn ihr fanatischer Vater und sein Ruf nach Reue, im wahrsten Sinne des Wortes, durch die Hütte geistert, dann kann man ihrem Gesicht minutiös ablesen, was hinter der Stirn ihre Charakters vorgeht. Und ist sich doch nicht sicher, ob man selbst ihren Sinnen trauen soll, wem man trauen mag. Bis im bildgewaltigen Finale… aber nein, keine Spoiler.

Die anderen Darstellungen sind grundsolide. Martell setzt seine Darstellung als fürsorglicher Bruder aus ‚ES‘ fort, Lia McHugh ist eine fähige Kinderdarstellerin und Richard Armitage ist es ja schon als Thorin Eichenschild aus den ‚Hobbit‘-Filmen gewohnt, hochfliegende Pläne zu schmieden, die nicht ganz so enden wie geplant, mit katastrophalen Folgen.

Im direkten Vergleich mit ‚Ich seh, ich seh‘ zieht ‚The Lodge‘ ohne Frage den kürzeren Eiszapfen. Das ist aber nicht ehrenrührig. ‚Ich seh, ich seh‘ hat mich mitgenommen wie kaum ein Horrorfilm der letzten Jahre. ‚The Lodge‘ funktioniert nach bekannteren Mustern, spielt diese aber absolut gekonnt aus und ist schauspielerisch wie visuell absolut sehenswert. Ich würde sagen, der verflixte zweite Film ist Franz und Fiala gelungen.

‚Die Mächte des Wahnsinns‘ (1994) – „Lesen Sie Sutter Cane?“

John Carpenter hat, von seinem Überraschungserfolg ‚Halloween‘ 1978 angefangen, die gesamten 80er Jahre hindurch eine absolut beeindruckende Filmografie ohne echte Fehltritte aufzuweisen. Zumindest in der Rückschau. Bei ihrem Erscheinen wurde nicht jeder der Filme wohlwollend aufgenommen und manche wurden ordentliche finanzielle Flops (‚The Thing‘, ‚Big Trouble in Little China‘). Doch im Rückblick wird eine sehr klare Vision deutlich. Eine die nicht immer mit dem Geschmack der Zeit übereinstimmte. In den 90ern erhielt diese Erfolgssträhne allerdings deutliche Knicke. ‚Flucht aus L.A.‘ ist jedenfalls schwer zu übersehen. Sein Werk in den 2000ern ist dann kaum noch der Erwähnung wert. Mit ‚Ghosts of Mars‘ wartet definitiv kein falsch verstandener Schatz auf seine Neuevaluation. Schauen wir uns heute den Film an, den ich als den letzten wirklich großen des Meisters des Horrors betrachte: ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ von 1994.

In der Rahmenhandlung des Films erzählt Versicherungsermittler John Trent (Sam Neill), in seiner Zelle einer Nervenheilanstalt, Dr. Wren (David Warner) welche Umstände ihn dorthin geführt haben.

Trent wird von einer Versicherung, bei der der Verlag Arcane unter Vertrag ist, beauftragt das angebliche Verschwinden des Starautors des Verlags, Horrorlegende Sutter Cane (Jürgen Prochnow), zu untersuchen. Der Zyniker Trent geht von einer umfangreichen Werbeaktion aufgrund des Erscheinens von Canes neuem Roman „In The Mouth of Madness“ aus, der bereits vor Veröffentlichung eine Art Massenhysterie auszulösen scheint. Selbst die Tatsache, dass er von Canes Literaturagenten mit einer Axt attackiert wird, bringt ihn von dieser These nicht ab. Die Lektüre von Canes bisherigen Büchern hat zwar eine gewisse suggestive Wirkung auf Trent, allerdings entdeckt er auch eine Karte zum angeblich von Cane erfundenen Ort Hobb’s End. Gemeinsam mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen), macht sich Trent auf den Weg nach Hobb’s End. Sie mit dem Ziel Cane zu finden, er mit dem Ziel eine gigantische Inszenierung aufzudecken. Sie werden beide etwas anderes finden als sie erwarten.

Der Film bezieht sich direkt auf zwei wichtige Säulen der amerikanischen Horrorliteratur. Der megaerfolgreiche Autor Sutter Cane, der weltweit gelesen wird, steht natürlich stellvertretend für Stephen King. Fast hat man den Eindruck, der Name sei in Absprache mit Anwälten so gewählt, dass er gerade eben weit genug entfernt ist, um eine Unterlassungsklage zu vermeiden. Auch die wunderbar reißerisch-blutigen Cover seiner Bücher sind voll in der Zeit der Entstehung des Films verhaftet. Die Tatsache, dass jenseitige Mächte Canes Literatur als Vektor benutzen wollen, um die Realität umzuschreiben und sich so selbst in die Welt zu gebären, ist eine, die genauso von Howard Phillips Lovecraft stammen könnte. Auch sehen wir im Film immer wieder direkte Anspielungen auf das Werk Lovecrafts. Die Unterkunft von Styles und Trent in Hobb’s End, das Pickman Hotel etwa, ist dabei sowohl Anspielung auf das Gilman Hotel aus „Schatten über Innsmouth“, einer Geschichte über eine mysteriöse Kleinstadt und „Pickmans Model“, wo es um einen Künstler geht der von unirdischen Wesen inspiriert wird. Und selbstverständlich sind der Originaltitel des Films ‚In The Mouth of Madness‘, sowie fast alle Cane Romantitel, Anspielungen auf Geschichtentitel Lovecrafts.

Carpenter vermeidet dabei einen Fehler, den viele direkte Adaptionen von Lovecraft begehen: er vermeidet zu viel von jenen unergründlichen Wesenheiten zu zeigen, hält sie damit geheimnisvoll und macht sie nicht zu billigen Schleimtentakeln. Vielmehr zeigt er ihre absolute Macht der Realitätsveränderung. Hierfür arbeitet er gerne mit Wiederholungen. Das beginnt schon bei Trents Lektüre der Cane Romane, wo eine Begegnung mit einem brutalen Polizisten, der einen Sprayer verprügelt, sich in immer schlimmerer und schließlich wortwörtlich alptraumhafter Weise wiederholt. Bei der Fahrt nach Hobb’s End überholt Styles wieder und wieder einen Radfahrer. Zunächst als Jungen, schließlich als uralten Mann (der immer noch die Stimme eines Kindes hat). Auch spielt der Film direkt mit der Idee der Wiederholung einer Geschichte, zunächst als Roman, dann als Film und schließlich als… Realität.

Carpenter zitiert sich filmisch hier durchaus gewollt auch selbst. Der Film beginnt mit dem Drucken eines Sutter Cane Romans, also der Herstellung des Werkzeugs des Bösen, was an den Anfang von ‚Christine‘ denken lässt, wenn der fiese Plymouth vom Band läuft. Das Erscheinen des axtschwingenden Literaturagenten im Hintergrund einer Szene, der sich dann langsam in den Vordergrund vorarbeitet, lässt an Michael Myers denken. Der Umgang mit dem Verlust von Identität und Realität gemahnt an ‚The Thing‘ nur auf einer größeren, globalen Ebene. Dabei erwecken diese Selbstreferenzen aber nicht ein Gefühl der Ideenlosigkeit, sondern es hat beinahe etwas von einer Ehrenrunde. Fast als hätte Carpenter geahnt, dass er hier zum letzten Mal eine wirklich große filmische Ambition angeht.

Und ein ambitionierter Film ist es ohne Frage. Der Film wird oft als der dritte Film von Carpenters „Apocalypse Trilogy“ geführt, zusammen mit ‚The Thing‘ und ‚Die Fürsten der Dunkelheit‘. Tatsächlich kommen wir dem Ende der Welt hier näher als in irgendeinem der anderen Filme und Carpenter inszeniert Canes gottgleiche Fähigkeiten, die ihm die „Mächte des Wahnsinns“ verliehen haben, mit erkennbarem, filmischen Vergnügen („meine liebste Farbe ist blau!“).

Ganz wichtig bei einem Carpenterfilm ist natürlich auch die Musik. Für den Titelsong wollte Carpenter eigentlich einen Metallica Song. Letztlich bekam er die Rechte nicht (ich vermute sie wollten mehr dafür haben, als er bereit war zu zahlen) und so bewies Carpenter selbst, dass er nicht nur Synthesizer beherrscht, sondern durchaus auch ordentliches Gitarrengeschraddel. Auch der Rest des Soundtracks (den Carpenter zusammen mit Jim Lang geschrieben hat) enthält Gitarren, wenn auch sanftere, aber auch menschliches Stöhnen oder tatsächlichen Gesang, aber natürlich auch finstere Synthie-Streicher und elektronische Töne. Von allen seinen Soundtracks dürfte dieser hier derjenige sein, der alleinstehend am unheimlichsten ist.

Schauspielerisch gehört der Film absolut Sam Neill. Sein Weg vom skeptischen Zyniker, der an seinem Weltbild und schließlich seiner Idee von sich selbst zweifeln muss, ist glaubhaft vollzogen. Außerdem beherrscht es kaum ein anderer wie Neill absolute Unsympathen zu verkörpern, denen man sich dennoch schwer entziehen kann. Julie Carmens Linda wird vom Film hingegen ein wenig stiefmütterlich behandelt. Sie hängt sich zwar sehr rein in die Rolle der, mehr oder weniger unauffällig, in Cane verknallten Lektorin, doch endet ihre Geschichte ein wenig früher als gut ist und bleibt ein wenig im Nichts hängen.

Was bleibt ist ein hochambitionierter Film über die Wirkmacht von medialen Ereignissen, der seinen apokalyptischen Ansatz mit recht bescheidenen Mitteln eindrucksvoll herüberbringt. Nicht ohne Fehler, vielleicht mit ein paar erzählerischen Ansätzen die in einer Sackgasse enden, aber im Großen und Ganzen wunderbar gelungen.

 

Fun Fact: wer genau hinschaut, kann ein paar ehemalige und zukünftige Filmschurken ausmachen. Einer der Bewohner von Hobb’s End wird unverkennbar vom deutschen Boxer Wilhelm von Homburg gespielt, besser bekannt als „Vigo von Homburg Deutschendorf, die Geißel der Karpaten, das Leiden von Moldawien“ aus ‚Ghostbusters II‘. Und nach seiner Rückkehr aus Hobb’s End trifft Trent auf einen Zeitungsjungen. Dargestellt von einem jungen Hayden Christensen, Anakin „Ani“ Skywalker aus den ‚Star Wars‘ Episoden II und III.

 

Horrortipps für Hallowe’en

Da ich mit meiner Geschwindigkeit von Besprechungsveröffentlichungen von 1/Woche niemals alle Filme werde besprechen können, über die ich gerne reden würde, nehme ich hier mal die Gelegenheit wahr, Euch ein paar seltener erwähnte Horrorfilme ans Herz zu legen. Viel mehr als ein paar empfehlende Worte werde ich dabei nicht geben, es ist also durchaus möglich, dass der eine oder andere in Zukunft noch eine volle Besprechung bekommt. Wer also für die Woche vor Hallowe’en (hey, wenn Agatha Christie das so schreibt, werde ich ihr wohl kaum widersprechen) oder darüber hinaus noch gruselige Programmtipps braucht, ist hier genau richtig.

 

‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ (1964)

Um einmal Loriot vollkommen abgewandelt zu zitieren „ein Hallowe’en ohne Vincent Price ist möglich, aber nicht wünschenswert“. Sämtliche der Edgar Allan Poe Adaptionen, die B-Movie Papst Roger Corman in den 60ern gedreht hat, sind sehenswert. Nicht nur wegen Price. Diese Adaption von „Die Maske des Roten Todes“ (mit Elementen von „Hopp-Frosch“) ist aber sicherlich die Schönste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein junger Nicolas Roeg (‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘) hinter der Kamera stand. Und der weiß, wie man mit Farben umgeht, selbst in seinem ersten Farbfilm. So taucht hier nicht nur der Rote Tod, Manifestation einer Seuche, die den grausamen Prinzen Prospero (Price) heimsucht, der in seinem Palast feiert, während seine Untertanen sterben, sondern ein ganzes Farbenspektrum an Toden auf. Für seine Verhältnisse unerhörte 5 Wochen drehte Corman diesen Film. Britische Crews, sagte er später, seien einfach zu langsam. Dafür sieht‘s am Ende halt auch gut aus.

 

‚Kill List‘ (2011)

Bleiben wir noch eine Weile auf den britischen Inseln. Ben Wheatleys ‚Kill List‘ beginnt zunächst mal so gar nicht wie ein Horrorfilm. Zwei Auftragskiller wollen nach einer längeren Pause (aufgrund gewisser Vorkommnisse in Kiew) einen neuen Job annehmen. Sie erhalten von einem mysteriösen Auftraggeber eine „Kill List“, die verschiedene Opfer in England auflistet. Es entspinnt sich ein merkwürdiger, brodelnder Thriller, der an den Grundfesten der Zivilisation zu hämmern scheint und keinen menschlichen Abgrund auslässt. Und dann legt sich der Film steil in die Kurve und wird wirklich merkwürdig. Es ist schwer den Film als meinen liebsten von Wheatley zu bezeichnen, weil er durchaus gewollt abstoßend ist. Doch ist es einer, der fraglos große Wirkung auf mich hat und den ich fast nie besprochen sehe.

 

‚X-Tro‘ (1982)

Es ist recht schwer in diesem Film, der Ende 1982 erschien keine Reaktion auf ‚E.T.‘ zu sehen. Der deutsche Untertitel ist da gänzlich schmerzfrei und bemerkt direkt „nicht alle Aliens sind freundlich“. Hier scheint sich Autor/Regisseur Harry Bromley Davenport allerdings gefragt zu haben, von welchen Genres ‚E.T.‘ a weitesten entfernt sei. Seine Antwort war offenbar „britischer Sozialrealismus“ und „absurder Horror“. Denn diese beiden vermischt der Film auf eine Weise, die ich nirgendwo anders wieder gesehen hätte. Der Vater eines Jungen wird augenscheinlich von Aliens entführt und kehrt drei Jahre später verändert zurück. Allein diese Rückkehr ist derart grotesk, dass man sie schwerlich vergessen wird. Als er erschien galt der Film als widerlicher Trash, der mit einem ekligen ‚E.T.‘ Ripoff schnelles Geld machen wollte. Seine große Entdeckung als „Kultfilm“ steht noch aus, oder findet vielleicht nie statt, doch eines ist dieser Film sicher nie: vorhersehbar!

 

‚The Borderlands‘ (2013)

Found Footage Filme sind so eine Sache. Ähnlich wie Zombies haben sie sich in den letzten Jahren ein wenig totgelaufen. Doch beherrschen sie gewisse Dinge besser als viele andere Filme. So können sie ein Gefühl der Klaustrophobie ganz hervorragend transportieren. Und Klaustrophobie bietet dieser Film wie kaum ein anderer. Ein vom Vatikan beauftragtes Expertenteam, bestehend aus einem Skeptiker, einem Technikexperten und einem Priester, sollen mysteriöse Vorkommnisse in einer abgelegenen englischen Kirche untersuchen. Zunächst sind sie sicher, der örtliche Priester habe diese hier inszeniert, um ein „Wunder“ zu schaffen, doch als ihnen aus der schweigsamen Ortschaft brutale Ablehnung entgegenschlägt und in der Kirche sicher nicht wunderbare, aber definitiv seltsame Dinge vorgehen, müssen sie feststellen, dass sie etwas Älterem und Finstererem auf der Spur sind als irgendjemand glaubte. Die letzten Szenen dieses Films, die ich natürlich nicht verraten werde, haben mich wahrlich nach Atem ringen lassen, was nicht häufig vorkommt.

 

‚Hausu‘ (1977)

Ich glaube einer der Gründe warum ich Horror so mag ist, dass, vom Experimentalfilm  einmal abgesehen, es das einzige Genre ist, in dem Surrealismus nicht nur „erlaubt“ ist, sondern beinahe erwartet wird. Und nicht viele Filme sind so surreal und so experimentell wie ‚Hausu‘. Hat man den Film gesehen, ist es beinahe unmöglich seinen Ursprung zu glauben. Das japanische Studio Toho wollte von Regisseur Nobuhiko Obayashi einen Film „inspiriert“ vom Erfolg von ‚Der Weiße Hai‘. Letztlich ließ sich Obayashi von den Ängsten seiner 11jährigen Tochter inspirieren, zu einem Film, der kaum weiter vom Blockbuster entfernt sein könnte. Darin macht ein Mädchen mit ein paar Freundinnen Ferien im abgelegenen Haus ihrer Tante wo… merkwürdige Dinge passieren. Fliegende Melonenköpfe, ein Blut kotzendes Katzenbild oder ein menschenfressendes Klavier werden mit absichtlich wahnsinnig albernen Spezialeffekten in Szene gesetzt. Ist das gruselig? Überhaupt nicht. Aber es ist überraschend, es ist unterhaltsam und es ist vollkommen surreal. Brillanter bonbonfarbener Kitsch, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt!

 

‚Possession‘ (1981)

Eine Scheidung, gerade eine zerstrittene, ist wohl schon grundsätzlich etwas Gruseliges. Die Beziehung zweier Menschen, die dachten sie würden sich ihr Leben lang lieben, desintegriert dabei ziemlich leicht in etwas sehr Hässliches, sehr Furchtbares. Findet eine solche Trennung dann auch noch im vom Kalten Krieg geteilten Berlin statt, dann bekommt sie etwas beinahe Symbolisches. Sam Neill und vor allem Isabelle Adjani geben in Andrzej Żuławski bizarrem Beziehungshorror schauspielerisch wirklich alles. Adjani legt in einer U-Bahn-Station einen Zusammenbruch hin, bei dem man sich nicht mehr sicher sein kann, wo Schauspiel endet und echter Schmerz beginnt. Der Film ist tragisch, eklig, blutig und enthält weit mehr Tentakel als sich wohl irgendjemand wünschen kann. Ich versuche erst gar nicht diesem Film mit Worten beizukommen, dafür bin ich nicht annähernd fähig genug.

 

‚Shadow of the Vampire‘

In meinem Artikel über Filme übers Filmen habe ich diesen „was wäre wenn“ Film von E. Elias Merhige schon einmal erwähnt. In seiner Hommage an F.W. Murnaus ‚Nosferatu‘ geht er der abwegigen Frage nach, was wäre wenn Max Schreck wirklich ein Vampir gewesen wäre. Murnau hat dem Ungeheuer als Gage für seinen Auftritt das Blut von Hauptdarstellerin Greta Schröder versprochen, plant aber den Vampir zu töten bevor der seinen Lohn abholen kann. Alles für die Kunst! Schreck/Orlok wird dabei äußerst großartig von Willem Dafoe verkörpert. Anfangs irgendwo zwischen widerwärtig und beinahe bemitleidenswert, liefert er sich alsbald tödliche Machtspielchen mit Murnau. Wessen Film ‚Nosferatu‘ eigentlich ist, steht bald zur Frage. Deutlich zugänglicher als Merhiges Erstling ‚Begotten‘, richtet er sich dennoch nicht nach erzählerischen Erwartungen.

 

So, jetzt hätte ich auch von Euch gern ein paar ungewöhnlichere Horrorempfehlungen. Schreibt oder verlinkt sie gerne in den Kommentaren.

Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.