‚Die Mächte des Wahnsinns‘ (1994) – „Lesen Sie Sutter Cane?“

John Carpenter hat, von seinem Überraschungserfolg ‚Halloween‘ 1978 angefangen, die gesamten 80er Jahre hindurch eine absolut beeindruckende Filmografie ohne echte Fehltritte aufzuweisen. Zumindest in der Rückschau. Bei ihrem Erscheinen wurde nicht jeder der Filme wohlwollend aufgenommen und manche wurden ordentliche finanzielle Flops (‚The Thing‘, ‚Big Trouble in Little China‘). Doch im Rückblick wird eine sehr klare Vision deutlich. Eine die nicht immer mit dem Geschmack der Zeit übereinstimmte. In den 90ern erhielt diese Erfolgssträhne allerdings deutliche Knicke. ‚Flucht aus L.A.‘ ist jedenfalls schwer zu übersehen. Sein Werk in den 2000ern ist dann kaum noch der Erwähnung wert. Mit ‚Ghosts of Mars‘ wartet definitiv kein falsch verstandener Schatz auf seine Neuevaluation. Schauen wir uns heute den Film an, den ich als den letzten wirklich großen des Meisters des Horrors betrachte: ‚Die Mächte des Wahnsinns‘ von 1994.

In der Rahmenhandlung des Films erzählt Versicherungsermittler John Trent (Sam Neill), in seiner Zelle einer Nervenheilanstalt, Dr. Wren (David Warner) welche Umstände ihn dorthin geführt haben.

Trent wird von einer Versicherung, bei der der Verlag Arcane unter Vertrag ist, beauftragt das angebliche Verschwinden des Starautors des Verlags, Horrorlegende Sutter Cane (Jürgen Prochnow), zu untersuchen. Der Zyniker Trent geht von einer umfangreichen Werbeaktion aufgrund des Erscheinens von Canes neuem Roman „In The Mouth of Madness“ aus, der bereits vor Veröffentlichung eine Art Massenhysterie auszulösen scheint. Selbst die Tatsache, dass er von Canes Literaturagenten mit einer Axt attackiert wird, bringt ihn von dieser These nicht ab. Die Lektüre von Canes bisherigen Büchern hat zwar eine gewisse suggestive Wirkung auf Trent, allerdings entdeckt er auch eine Karte zum angeblich von Cane erfundenen Ort Hobb’s End. Gemeinsam mit Canes Lektorin Linda Styles (Julie Carmen), macht sich Trent auf den Weg nach Hobb’s End. Sie mit dem Ziel Cane zu finden, er mit dem Ziel eine gigantische Inszenierung aufzudecken. Sie werden beide etwas anderes finden als sie erwarten.

Der Film bezieht sich direkt auf zwei wichtige Säulen der amerikanischen Horrorliteratur. Der megaerfolgreiche Autor Sutter Cane, der weltweit gelesen wird, steht natürlich stellvertretend für Stephen King. Fast hat man den Eindruck, der Name sei in Absprache mit Anwälten so gewählt, dass er gerade eben weit genug entfernt ist, um eine Unterlassungsklage zu vermeiden. Auch die wunderbar reißerisch-blutigen Cover seiner Bücher sind voll in der Zeit der Entstehung des Films verhaftet. Die Tatsache, dass jenseitige Mächte Canes Literatur als Vektor benutzen wollen, um die Realität umzuschreiben und sich so selbst in die Welt zu gebären, ist eine, die genauso von Howard Phillips Lovecraft stammen könnte. Auch sehen wir im Film immer wieder direkte Anspielungen auf das Werk Lovecrafts. Die Unterkunft von Styles und Trent in Hobb’s End, das Pickman Hotel etwa, ist dabei sowohl Anspielung auf das Gilman Hotel aus „Schatten über Innsmouth“, einer Geschichte über eine mysteriöse Kleinstadt und „Pickmans Model“, wo es um einen Künstler geht der von unirdischen Wesen inspiriert wird. Und selbstverständlich sind der Originaltitel des Films ‚In The Mouth of Madness‘, sowie fast alle Cane Romantitel, Anspielungen auf Geschichtentitel Lovecrafts.

Carpenter vermeidet dabei einen Fehler, den viele direkte Adaptionen von Lovecraft begehen: er vermeidet zu viel von jenen unergründlichen Wesenheiten zu zeigen, hält sie damit geheimnisvoll und macht sie nicht zu billigen Schleimtentakeln. Vielmehr zeigt er ihre absolute Macht der Realitätsveränderung. Hierfür arbeitet er gerne mit Wiederholungen. Das beginnt schon bei Trents Lektüre der Cane Romane, wo eine Begegnung mit einem brutalen Polizisten, der einen Sprayer verprügelt, sich in immer schlimmerer und schließlich wortwörtlich alptraumhafter Weise wiederholt. Bei der Fahrt nach Hobb’s End überholt Styles wieder und wieder einen Radfahrer. Zunächst als Jungen, schließlich als uralten Mann (der immer noch die Stimme eines Kindes hat). Auch spielt der Film direkt mit der Idee der Wiederholung einer Geschichte, zunächst als Roman, dann als Film und schließlich als… Realität.

Carpenter zitiert sich filmisch hier durchaus gewollt auch selbst. Der Film beginnt mit dem Drucken eines Sutter Cane Romans, also der Herstellung des Werkzeugs des Bösen, was an den Anfang von ‚Christine‘ denken lässt, wenn der fiese Plymouth vom Band läuft. Das Erscheinen des axtschwingenden Literaturagenten im Hintergrund einer Szene, der sich dann langsam in den Vordergrund vorarbeitet, lässt an Michael Myers denken. Der Umgang mit dem Verlust von Identität und Realität gemahnt an ‚The Thing‘ nur auf einer größeren, globalen Ebene. Dabei erwecken diese Selbstreferenzen aber nicht ein Gefühl der Ideenlosigkeit, sondern es hat beinahe etwas von einer Ehrenrunde. Fast als hätte Carpenter geahnt, dass er hier zum letzten Mal eine wirklich große filmische Ambition angeht.

Und ein ambitionierter Film ist es ohne Frage. Der Film wird oft als der dritte Film von Carpenters „Apocalypse Trilogy“ geführt, zusammen mit ‚The Thing‘ und ‚Die Fürsten der Dunkelheit‘. Tatsächlich kommen wir dem Ende der Welt hier näher als in irgendeinem der anderen Filme und Carpenter inszeniert Canes gottgleiche Fähigkeiten, die ihm die „Mächte des Wahnsinns“ verliehen haben, mit erkennbarem, filmischen Vergnügen („meine liebste Farbe ist blau!“).

Ganz wichtig bei einem Carpenterfilm ist natürlich auch die Musik. Für den Titelsong wollte Carpenter eigentlich einen Metallica Song. Letztlich bekam er die Rechte nicht (ich vermute sie wollten mehr dafür haben, als er bereit war zu zahlen) und so bewies Carpenter selbst, dass er nicht nur Synthesizer beherrscht, sondern durchaus auch ordentliches Gitarrengeschraddel. Auch der Rest des Soundtracks (den Carpenter zusammen mit Jim Lang geschrieben hat) enthält Gitarren, wenn auch sanftere, aber auch menschliches Stöhnen oder tatsächlichen Gesang, aber natürlich auch finstere Synthie-Streicher und elektronische Töne. Von allen seinen Soundtracks dürfte dieser hier derjenige sein, der alleinstehend am unheimlichsten ist.

Schauspielerisch gehört der Film absolut Sam Neill. Sein Weg vom skeptischen Zyniker, der an seinem Weltbild und schließlich seiner Idee von sich selbst zweifeln muss, ist glaubhaft vollzogen. Außerdem beherrscht es kaum ein anderer wie Neill absolute Unsympathen zu verkörpern, denen man sich dennoch schwer entziehen kann. Julie Carmens Linda wird vom Film hingegen ein wenig stiefmütterlich behandelt. Sie hängt sich zwar sehr rein in die Rolle der, mehr oder weniger unauffällig, in Cane verknallten Lektorin, doch endet ihre Geschichte ein wenig früher als gut ist und bleibt ein wenig im Nichts hängen.

Was bleibt ist ein hochambitionierter Film über die Wirkmacht von medialen Ereignissen, der seinen apokalyptischen Ansatz mit recht bescheidenen Mitteln eindrucksvoll herüberbringt. Nicht ohne Fehler, vielleicht mit ein paar erzählerischen Ansätzen die in einer Sackgasse enden, aber im Großen und Ganzen wunderbar gelungen.

 

Fun Fact: wer genau hinschaut, kann ein paar ehemalige und zukünftige Filmschurken ausmachen. Einer der Bewohner von Hobb’s End wird unverkennbar vom deutschen Boxer Wilhelm von Homburg gespielt, besser bekannt als „Vigo von Homburg Deutschendorf, die Geißel der Karpaten, das Leiden von Moldawien“ aus ‚Ghostbusters II‘. Und nach seiner Rückkehr aus Hobb’s End trifft Trent auf einen Zeitungsjungen. Dargestellt von einem jungen Hayden Christensen, Anakin „Ani“ Skywalker aus den ‚Star Wars‘ Episoden II und III.

 

Horrortipps für Hallowe’en

Da ich mit meiner Geschwindigkeit von Besprechungsveröffentlichungen von 1/Woche niemals alle Filme werde besprechen können, über die ich gerne reden würde, nehme ich hier mal die Gelegenheit wahr, Euch ein paar seltener erwähnte Horrorfilme ans Herz zu legen. Viel mehr als ein paar empfehlende Worte werde ich dabei nicht geben, es ist also durchaus möglich, dass der eine oder andere in Zukunft noch eine volle Besprechung bekommt. Wer also für die Woche vor Hallowe’en (hey, wenn Agatha Christie das so schreibt, werde ich ihr wohl kaum widersprechen) oder darüber hinaus noch gruselige Programmtipps braucht, ist hier genau richtig.

 

‚Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie‘ (1964)

Um einmal Loriot vollkommen abgewandelt zu zitieren „ein Hallowe’en ohne Vincent Price ist möglich, aber nicht wünschenswert“. Sämtliche der Edgar Allan Poe Adaptionen, die B-Movie Papst Roger Corman in den 60ern gedreht hat, sind sehenswert. Nicht nur wegen Price. Diese Adaption von „Die Maske des Roten Todes“ (mit Elementen von „Hopp-Frosch“) ist aber sicherlich die Schönste. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein junger Nicolas Roeg (‚Wenn die Gondeln Trauer tragen‘) hinter der Kamera stand. Und der weiß, wie man mit Farben umgeht, selbst in seinem ersten Farbfilm. So taucht hier nicht nur der Rote Tod, Manifestation einer Seuche, die den grausamen Prinzen Prospero (Price) heimsucht, der in seinem Palast feiert, während seine Untertanen sterben, sondern ein ganzes Farbenspektrum an Toden auf. Für seine Verhältnisse unerhörte 5 Wochen drehte Corman diesen Film. Britische Crews, sagte er später, seien einfach zu langsam. Dafür sieht‘s am Ende halt auch gut aus.

 

‚Kill List‘ (2011)

Bleiben wir noch eine Weile auf den britischen Inseln. Ben Wheatleys ‚Kill List‘ beginnt zunächst mal so gar nicht wie ein Horrorfilm. Zwei Auftragskiller wollen nach einer längeren Pause (aufgrund gewisser Vorkommnisse in Kiew) einen neuen Job annehmen. Sie erhalten von einem mysteriösen Auftraggeber eine „Kill List“, die verschiedene Opfer in England auflistet. Es entspinnt sich ein merkwürdiger, brodelnder Thriller, der an den Grundfesten der Zivilisation zu hämmern scheint und keinen menschlichen Abgrund auslässt. Und dann legt sich der Film steil in die Kurve und wird wirklich merkwürdig. Es ist schwer den Film als meinen liebsten von Wheatley zu bezeichnen, weil er durchaus gewollt abstoßend ist. Doch ist es einer, der fraglos große Wirkung auf mich hat und den ich fast nie besprochen sehe.

 

‚X-Tro‘ (1982)

Es ist recht schwer in diesem Film, der Ende 1982 erschien keine Reaktion auf ‚E.T.‘ zu sehen. Der deutsche Untertitel ist da gänzlich schmerzfrei und bemerkt direkt „nicht alle Aliens sind freundlich“. Hier scheint sich Autor/Regisseur Harry Bromley Davenport allerdings gefragt zu haben, von welchen Genres ‚E.T.‘ a weitesten entfernt sei. Seine Antwort war offenbar „britischer Sozialrealismus“ und „absurder Horror“. Denn diese beiden vermischt der Film auf eine Weise, die ich nirgendwo anders wieder gesehen hätte. Der Vater eines Jungen wird augenscheinlich von Aliens entführt und kehrt drei Jahre später verändert zurück. Allein diese Rückkehr ist derart grotesk, dass man sie schwerlich vergessen wird. Als er erschien galt der Film als widerlicher Trash, der mit einem ekligen ‚E.T.‘ Ripoff schnelles Geld machen wollte. Seine große Entdeckung als „Kultfilm“ steht noch aus, oder findet vielleicht nie statt, doch eines ist dieser Film sicher nie: vorhersehbar!

 

‚The Borderlands‘ (2013)

Found Footage Filme sind so eine Sache. Ähnlich wie Zombies haben sie sich in den letzten Jahren ein wenig totgelaufen. Doch beherrschen sie gewisse Dinge besser als viele andere Filme. So können sie ein Gefühl der Klaustrophobie ganz hervorragend transportieren. Und Klaustrophobie bietet dieser Film wie kaum ein anderer. Ein vom Vatikan beauftragtes Expertenteam, bestehend aus einem Skeptiker, einem Technikexperten und einem Priester, sollen mysteriöse Vorkommnisse in einer abgelegenen englischen Kirche untersuchen. Zunächst sind sie sicher, der örtliche Priester habe diese hier inszeniert, um ein „Wunder“ zu schaffen, doch als ihnen aus der schweigsamen Ortschaft brutale Ablehnung entgegenschlägt und in der Kirche sicher nicht wunderbare, aber definitiv seltsame Dinge vorgehen, müssen sie feststellen, dass sie etwas Älterem und Finstererem auf der Spur sind als irgendjemand glaubte. Die letzten Szenen dieses Films, die ich natürlich nicht verraten werde, haben mich wahrlich nach Atem ringen lassen, was nicht häufig vorkommt.

 

‚Hausu‘ (1977)

Ich glaube einer der Gründe warum ich Horror so mag ist, dass, vom Experimentalfilm  einmal abgesehen, es das einzige Genre ist, in dem Surrealismus nicht nur „erlaubt“ ist, sondern beinahe erwartet wird. Und nicht viele Filme sind so surreal und so experimentell wie ‚Hausu‘. Hat man den Film gesehen, ist es beinahe unmöglich seinen Ursprung zu glauben. Das japanische Studio Toho wollte von Regisseur Nobuhiko Obayashi einen Film „inspiriert“ vom Erfolg von ‚Der Weiße Hai‘. Letztlich ließ sich Obayashi von den Ängsten seiner 11jährigen Tochter inspirieren, zu einem Film, der kaum weiter vom Blockbuster entfernt sein könnte. Darin macht ein Mädchen mit ein paar Freundinnen Ferien im abgelegenen Haus ihrer Tante wo… merkwürdige Dinge passieren. Fliegende Melonenköpfe, ein Blut kotzendes Katzenbild oder ein menschenfressendes Klavier werden mit absichtlich wahnsinnig albernen Spezialeffekten in Szene gesetzt. Ist das gruselig? Überhaupt nicht. Aber es ist überraschend, es ist unterhaltsam und es ist vollkommen surreal. Brillanter bonbonfarbener Kitsch, wie Ihr ihn noch nie gesehen habt!

 

‚Possession‘ (1981)

Eine Scheidung, gerade eine zerstrittene, ist wohl schon grundsätzlich etwas Gruseliges. Die Beziehung zweier Menschen, die dachten sie würden sich ihr Leben lang lieben, desintegriert dabei ziemlich leicht in etwas sehr Hässliches, sehr Furchtbares. Findet eine solche Trennung dann auch noch im vom Kalten Krieg geteilten Berlin statt, dann bekommt sie etwas beinahe Symbolisches. Sam Neill und vor allem Isabelle Adjani geben in Andrzej Żuławski bizarrem Beziehungshorror schauspielerisch wirklich alles. Adjani legt in einer U-Bahn-Station einen Zusammenbruch hin, bei dem man sich nicht mehr sicher sein kann, wo Schauspiel endet und echter Schmerz beginnt. Der Film ist tragisch, eklig, blutig und enthält weit mehr Tentakel als sich wohl irgendjemand wünschen kann. Ich versuche erst gar nicht diesem Film mit Worten beizukommen, dafür bin ich nicht annähernd fähig genug.

 

‚Shadow of the Vampire‘

In meinem Artikel über Filme übers Filmen habe ich diesen „was wäre wenn“ Film von E. Elias Merhige schon einmal erwähnt. In seiner Hommage an F.W. Murnaus ‚Nosferatu‘ geht er der abwegigen Frage nach, was wäre wenn Max Schreck wirklich ein Vampir gewesen wäre. Murnau hat dem Ungeheuer als Gage für seinen Auftritt das Blut von Hauptdarstellerin Greta Schröder versprochen, plant aber den Vampir zu töten bevor der seinen Lohn abholen kann. Alles für die Kunst! Schreck/Orlok wird dabei äußerst großartig von Willem Dafoe verkörpert. Anfangs irgendwo zwischen widerwärtig und beinahe bemitleidenswert, liefert er sich alsbald tödliche Machtspielchen mit Murnau. Wessen Film ‚Nosferatu‘ eigentlich ist, steht bald zur Frage. Deutlich zugänglicher als Merhiges Erstling ‚Begotten‘, richtet er sich dennoch nicht nach erzählerischen Erwartungen.

 

So, jetzt hätte ich auch von Euch gern ein paar ungewöhnlichere Horrorempfehlungen. Schreibt oder verlinkt sie gerne in den Kommentaren.

Einige filmische Gedanken zum Th… JUMPSCARE!!!!

Nein, einen guten Ruf hat es nicht, das filmische Mittel des Jumpscares. Der Moment, meist eingeleitet durch eine längere Zeit der Stille, ist geprägt durch einen plötzlichen Musik-Sting, oder ein sonstiges lautes Geräusch, während irgendetwas mehr oder weniger furchteinflößendes im Bild auftaucht. Ist das plötzliche Geräusch laut genug, funktioniert der Schreckeffekt auch mit einem Bild des Krümelmonsters, vor dem man, wenn man nicht gerade eine süßliche Dauerbackware ist, eigentlich keine Angst haben müsste. Kurz, der Jumpscare ist das filmische Äquivalent zu einem Kistenteufel.

Doch, würde ich argumentieren, kommt es wie bei einem Kistenteufel vor allem darauf an, wie man ihn verwendet. Stellt Euch vor ihr schenkt Eurem dreijährigen Neffen einen solchen Kastenteufel. Kurbelt er ihn das erste Mal auf, erschreckt, lacht und freut Ihr Euch vermutlich mit ihm. Betätigt er die Kurbel dann in den nächsten 20 Minuten weitere 78-mal, hinterfragt Ihr vermutlich alle Lebensentscheidungen, die Euch an diesen Punkt geführt haben. Insbesondere die, den Schachtelteufel zu kaufen. Und so ist es auch mit dem Jumpscare. Wendet man ihn mit der unbeherrschten Begeisterung eines Dreijährigen an und hat der umliegende Film nicht viel mehr zu bieten, dann hat sich das Publikum sehr schnell an den leise-leise-leise-BUUUH Geisterbahn-Rhythmus gewöhnt und der Jumpscare ist jeder Kraft beraubt. Aber natürlich gibt es Filme, die ihn deutlich besser verwenden. Klischees sind ja immer auch aus einem Grund Klischees. Schauen wir also auf ein paar gute Anwendungen des Jumpscares. Dabei sollte angemerkt werden, dass die Darreichungsform in diesem Artikel, als kurze Clips, die Jumpscares bereits eines guten Teils ihrer Wirkung beraubt, der sich aus der Atmosphäre des umliegenden Films ergibt.

Beginnen wir doch gleich mit einer Szene, die man zu Recht als ikonisch betrachten kann. Roy Scheiders Brody sieht zum ersten Mal den Hai in ‚Der Weiße Hai‘ (1975). Regisseur Steven Spielberg verzichtet dabei auf das bereits etablierte, musikalische Hai-Thema, das normalerweise sein Auftauchen begleitet, um den Schockeffekt zu ermöglichen. Auffällig auch, dass Spielberg uns als Zuschauer den Hai einen Sekundenbruchteil vor Brody sehen lässt. Dadurch haben wir zwei Momente, auf die wir reagieren können. Das plötzliche Auftauchen und Scheiders Reaktion darauf. Nichts an der Szene wirkt unnatürlich oder aufgesetzt, genau so könnte man wohl einem Hai auf dem Meer begegnen. Und wenn es dann ein solches 8 Meter-Monster ist, dann braucht man nicht einmal einen lauten Musik-Sting.

Aber gehen wir noch einmal mehr als 30 Jahre zurück ins Jahr 1942. Hier wähnt sich Jane Randolphs Alice in Jaques Tourneurs ‚Katzenmenschen‘ des Nachts verfolgt. Womöglich von der Frau ihres Chefs, die sich (vielleicht, vielleicht auch nicht) in eine riesige Katze verwandelt. Alice durchquert einen Tunnel und zunächst sehen wir eine andere Frau, die ihr folgt und hören ihre Schritte. Dann ist da plötzlich nichts mehr und mit einem gewaltigen Brüllen taucht ein… Bus auf. Der falsche Jumpscare ist mindestens ein so wichtiges Stilmittel wie der echte. Würde man alle Katzen, die sich an Mülltonnen in finsteren Gassen zu schaffen machen, um dann mit plötzlichem, lautem Miauen zu verschwinden zusammennehmen, hätte man… viel zu viele Katzen. Doch Tourneur nutzt seinen brüllenden Bus hier durchaus effektiv, ist doch die große Frage des Films, ob der Katzenfluch eine reine Einbildung oder übernatürliche Realität ist.

Einer meiner persönlichen Jumpscare Favoriten stammt aus ‚Der Exorzist III‘ (1990). Einem Film, den kaum jemand gesehen hat, denn nach ‚Exorzist II – Der Ketzer‘ hat vermutlich so ziemlich jeder, völlig nachvollziehbar, das Weihwasser ins Korn geworfen. William Peter Blatty, Schöpfer der Romanvorlage des ersten Films und auch für diesen dritten (mit Nummer 2 hat er nix zu tun), übernimmt hier auch die Regie. Der totgeglaubte Pater Karras wird von der Seele eines Serienmörders besessen. George C. Scott als Lt. Kinderman versucht eine Mordserie, deren Opfer mittels einer großen Gartenschere enthauptet werden, aufzuklären. Blatty inszeniert seinen Film recht kalt, klinisch-distanziert beobachtend. So werden wir nicht allzu misstrauisch, wenn er längere Zeit einen Krankenhausflur filmt. Tatsächlich ist diese Aufnahme weit länger als in diesem Clip. Zwischendurch wird sie immer wieder unterbrochen, wenn wir etwa der Krankenschwester in ein Zimmer folgen. Hier inszeniert Blatty auch einen falschen Jumpscare, bevor der Film zu dieser Aufnahme zurückkehrt und das Folgende passiert:

Der einzige Jumpscare des Films und gerade deshalb absolut wirkungsvoll.

In ‚Mulholland Drive‘ (2001) bricht David Lynch alle Regeln des Jumpscares. Eigentlich lebt der davon völlig überraschend zu kommen, doch lässt Lynch einen seiner Charaktere einen Alptraum schildern, in dem er das Gesicht eines furchtbaren Mannes hinter dem „Winkies“ Diner gesehen hat. Plötzlich scheint sich der Traum in der Realität zu manifestieren und wir sind gefasst darauf, ein Gesicht zu sehen, dass der Erzähler „nie außerhalb eines Traumes“ sehen wollte. Es ist gerade diese unangenehme Erwartungshaltung, zusammen mit Lynchs Inszenierung, seiner dröhnenden Hintergrund-Soundkulisse bei Herunterfahren der Dialoglautstärke, die den eigentlichen Jumpscare Moment zu einem der für mich, wirkungsvollsten überhaupt macht. Der Erzähler in der Szene beschreibt den Mann hinter Winkies als denjenigen, der „alles kontrolliert“. Im Falle eines Films also den Regisseur. Inszeniert Lynch sich hier selbst als Monster? Übrigens wurde der „Mann“ hinter Winkies von Darstellerin Bonnie Aarons verkörpert.

Hier ist ein Jumpscare Setup, das Ihr alle kennt: ein Charakter steht am Waschbecken eines Badezimmers, öffnet das Medizinschränkchen mit der Spiegeltür, holt etwas heraus, klappt es wieder zu BUUUUAAAH steht irgendetwas Schreckliches hinter ihm. Er wirbelt herum und da ist nichts. Das ist ein solches Klischee, dass es offensichtlich auch Virginia Madsens Helen aus ‚Candyman‘ (1992) bekannt ist. Vor allem weil man davon ausgehen kann, dass ein Monster, das beschworen wird, indem man seinen Namen 5-mal vor einem Spiegel sagt, geradezu prädestiniert für einen solchen Moment wäre. Und so dreht sie sich um, bevor sie das Medizinschränkchen wieder schließt. Das gefällt dem Bienenmann mit Hakenhand, der sich offensichtlich schon auf seinen Auftritt gefreut hat mal so gar nicht und es folgt ein Jumpscare aus unerwarteter Richtung:

Einige werden jetzt sagen „Okay alter Mann, der jüngste Film, den Du nennst ist 18 Jahre alt, also sind wohl Deiner Meinung nach alle modernen Filme Mist, was Jumpscares angeht, huh?“ Nö, nicht wirklich. Ein gutes moderneres Beispiel wäre für mich ‚Drag Me To Hell‘ (2009). Hier hat Alison Lohmans Bankangestellte Christine in der Hoffnung auf eine Beförderung die Hypothekenverlängerung der alten Mrs. Ganush abgelehnt und so dafür gesorgt, dass die ihr Haus verlieren wird. Es folgt diese Szene in der Tiefgarage:

Regisseur Sam Raimi beginnt die Szene mit einem falschen Jumpscare, wenn ein Spitzentaschentuch mit lautem Getöse gegen die Windschutzscheibe von Christines Auto weht. Daraufhin ist sie so auf das Taschentuch fixiert, dass wir als Zuschauer, die (ohne jeglichen Sound eingeführte) wirkliche Gefahr wie beim weissen Hai einen Moment früher bemerken als sie. Gerade genug Zeit, um „oh Mist“ zu denken.

Okay, „modernes Beispiel“. ‚Drag Me To Hell‘ ist auch schon wieder 10 Jahre alt. Fein, nehmen wir ‚It Follows‘ von 2014. Maika Monroes Jay wird hier mit einem sexuell übertragbaren Dämon infiziert, der sie in jeder möglichen Gestalt verfolgen kann, für alle anderen aber unsichtbar ist. Regisseur David Robert Mitchell spielt in dieser Szene mit Jays Panik und dem Unverständnis ihrer Freunde, die den Eindringling nicht sehen können. Tatsächlich sehen wir als Zuschauer ihn zunächst auch nicht und wenn er sich als etwas größer als erwartet entpuppt, dann kann das durchaus als Jumpscare durchgehen. Der wird hier aber im Zusammenhang mit so vielen anderen spannungsfördernden Tricks benutzt, dass er kaum noch als solcher auffällt.

 

Und das soll sie gewesen sein, meine kleine Verteidigungsschrift für das Stilmittel des Jumpscares. Nein, wenn er zu viel benutzt wird mag ich ihn auch nicht, doch richtig eingesetzt funktioniert er wunderbar zum Spannungsaufbau oder deren Auflösung.

Was sind Eure liebsten Jumpscares. Und welche Filme haben Euch besonders billige Jumpscares schon kaputt gemacht? Das müssen nicht mal unbedingt Horrorfilme sein. Zum Beispiel zu Bilbos kurzem „Moment“ beim erneuten Anblick des Ringes in ‚Der Herr der Ringe: Die Gefährten‘ habe ich schon absolut gegenteilige Meinungen gelesen.

„Ein spezialgelagerter Sonderfall“: Skeptizismus im Horrorfilm

Der Skeptiker, der Zweifler hat im Horrorfilm keinen guten Stand. Haben die Protagonisten den jeweiligen Schrecken entdeckt (oder er sie), laufen sie bei ihm regelmäßig vor eine Betonwand des Unglaubens. Ist der „Horror“ des jeweiligen Films immerhin noch ein „reales“ Monster, ein Hai, Riesenspinnen, oder Godzilla lässt er sich vielleicht noch von seinen eigenen Augen überzeugen, bevor die übergroßen Arachniden ihm das Hirn zu den Nasenlöchern rauspopeln. Vielleicht. Doch geht es um Übersinnliches, um Geister und Dämonen, dann steht der Skeptiker auf gänzlich verlorenem Posten. Denn glaubt er dran, ist er ja kein Skeptiker mehr, glaubt er nicht dran, geht er vermutlich drauf.

Dabei war das nicht immer so. Es gibt eine Erzähltradition, auch im Film, in der die Spukerscheinungen falsch sind und nur der Skeptiker durchschaut es. Er überführt die Betrüger und steht am Ende als Held da. Entstanden vermutlich aus den zahllosen selbsternannten „Medien“ im „Okkultismus-Boom“ des frühen 20ten Jahrhunderts und der Tatsache, dass sich Berühmtheiten wie Bühnenmagier und Entfesselungskünstler Harry Houdini auf die Fahnen geschrieben hatten, solche Scharlatanerie zu überführen. So finden sich in der Frühzeit des Films zahlreiche Beispiele, wo angebliche Geister, von mehr oder weniger skeptischen Ermittlern als falsch überführt wurden. ‚Spuk im Schloß‘ von 1927 etwa. Oder der mit Gruselelementen gespickte John Wayne Frühwestern ‚Haunted Gold‘ von 1931. Oder der bereits im Titel recht explizite ‚Religious Racketeers‘ (etwa „Religiöse Geschäftemacher/Gauner“) von 1938. Sogar Laurel & Hardy bekamen es mit falschem Spuk zu tun, in ‚Spuk um Mitternacht‘ (bzw. ‚Ohne Furcht und Tadel‘) von 1930. Nur war hier sogar der falsche Spuk geträumt. Aber auch deutlich später fand sich die Idee des falschen Spuks noch in ‚The House on Haunted Hill‘ von 1959. Zwar taucht nicht in jedem der genannten Filme die Figur eines expliziten Skeptikers auf, gemein ist ihnen aber, dass der Glaube ans Übernatürliche schädlich und oft genug albern ist.

Diese Art der Erzählung gibt es immer noch und sie ist immer noch erfolgreich, nur findet sie sich eher abseits vom Film. Seit 1969 ermitteln die vier Detektive rund um die Zeichentrick-Dogge ‚Scooby-Doo‘ in zahllosen Folgen, in denen sich ein vorgeblicher Spuk eigentlich immer als übermotivierter Kapitalist mit Maske entpuppt, der den Vergnügungspark, den Leuchtturm, oder was auch immer Ziel des angeblichen Spuks ist, möglichst billig kaufen will. Und ja, Anfang der 2000er gab es auch zwei Kinofilme, aber die haben wir alle erfolgreich vergessen, oder? Sogar noch ein Jahr vor der Scooby-Gang starteten die „Drei Fragezeichen“ ihre Detektivkarriere. Diese findet seit Ende der 80er zwar nur noch im deutschsprachigen Raum in Büchern und Hörspielen statt, kann sich aber dennoch sehen lassen. Längst nicht jeder Fall ist ein falscher Spuk, doch haben sie nicht nur ein Geisterschloss (und eine solche Insel) als falsch überführt, auch wandelnde Vogelscheuchen, tanzende Teufel, unheimliche Drachen, flüsternde Mumien und aberdutzende weitere. Zentral ist hier stets der Skeptizismus des ersten Detektivs Justus Jonas, der jeden Glauben an das Übernatürliche ablehnt. Und ja, auch hier gab es zwei Filme in den 2000ern, aber die haben die meisten von uns vermutlich nicht einmal bemerkt.

Sowohl Scooby-Doo als auch die Drei Fragezeichen richten sich vornehmlich an Kinder. Und vielleicht haben wir hier einen ersten Hinweis, warum die Idee des falschen Spuks im „ernsthaften“ Horror kaum noch vorkommt: wir fühlen uns heute so aufgeklärt, dass wir wissen, dass der Glaube an Gespenster kindisch ist und müssen ihn als Erwachsene nicht mehr überführt sehen, sondern betrachten ihn von vornherein als reine Unterhaltung.

Aber kann das der einzige Grund sein? Ich habe bei der Recherche Artikel gesehen, die beinahe so etwas wie eine Verschwörung annehmen, Hollywood wolle uns mittels Horrorfilm zu mehr Religiosität erziehen. Ich weiß nicht recht, ob ich das glauben mag (man könnte sagen, ich bin skeptisch). Gelegentlich ist es aber kaum von der Hand zu weisen. Etwa in der ‚Conjuring‘ Reihe, die mit dem Ehepaar Warren zwei realweltliche, erzchristliche Hochstapler zu ihren Helden (v)erklärt hat. Da sagt die Filmversion von Ed Warren im ersten Film, eigentlich zu einem anderen Charakter, letztlich aber mit direktem Blick in die Kamera, vielleicht solle man seine Kinder taufen lassen, wenn man sie vor dämonischem Einfluss schützen wolle. Zufall? Nicht wenn wir Chad Hills dem Ko-Autoren von ‚Conjuring 2‘ glauben wollen. Der sagte im Interview zum Magazin Christian Post[1]: „‘Conjuring2‘ ist eine Geschichte aus der Sicht von Gläubigen, deren stärkste Waffe ihr Glaube an Gott ist. Unser Film erlaubt es Gläubigen und Nichtgläubigen ihre Reise mit ihnen zu erleben und möglicherweise Menschen am Rande des Glaubens zu berühren und ihnen die Stärke zu geben, die sie benötigen.“ Hier müssen wir wohl akzeptieren, dass ein echter Missionierungswille, zumindest bei Teilen der Macher, vorhanden ist. Verallgemeinern kann man dies aber, zumindest meiner Meinung nach, keineswegs. Etwa bei Stephen King und somit in vielen Adaptionen seiner Werke, finden wir eine ganz erhebliche Ablehnung von zumindest fundamentaler Religiosität. So zum Beispiel in ‚Carrie‘ oder ‚The Mist‘. Eine allgemeine Ableitung wie „Hollywood“ oder gar Film an sich mit dem Christentum oder Religion an sich umgehen ist und bleibt schwierig, oder eher unmöglich zu ziehen. Dafür ist das Medium zum Glück nicht monolithisch genug.

Oftmals ist der Priester, der den Dämon/Geist besiegt einfach der gesellschaftlichen Tradition entwachsen. Die westliche Welt ist christlich geprägt, der Priester ist also die logische Figur um ein übernatürliches Böses zu bekämpfen. Und wenn man schon das Böse bekämpft, dann will man natürlich einen Vertreter derjenigen Organisation, die das seit tausenden von Jahren von sich behauptet, sprich, einen katholischen Priester. Da fließt sicher kein Geld vom Papst, da steckt nicht mal unbedingt Glaube dahinter, das sind einfach kulturell verständliche Symbole. Der Vampir fürchtet das Kreuz, der Dämon das Weihwasser. Und ich glaube nun haben wir uns unauffällig genug der Stunde null für das Ende des Erfolgs des Skeptikers im Film angenähert: dem gigantischen Erfolg von ‚Der Exorzist‘.

Jesuitenpater Karras wird dort von Schuldgefühlen über den Tod seiner greisen Mutter in eine Glaubenskrise getrieben. Er zweifelt an seinen religiösen Überzeugungen. Als ihn die Mutter der anscheinend dämonisch besessenen Regan um Hilfe und einen möglichen Exorzismus erbittet ist er zunächst ablehnend. Doch findet er in der Zusammenarbeit mit Pater Merrin und der Auseinandersetzung mit dem Dämon zu seinem Glauben zurück, der ihm letztlich einen selbstaufopfernden Sieg über den Teufel ermöglicht. Sein Skeptizismus, sein Zweifel ist ein entscheidendes Hindernis, das es bei der Bekämpfung des Dämons zu überkommen gilt. Während der Autor der Buchvorlage William Peter Blatty ein gläubiger Katholik war, bezeichnet sich Regisseur William Friedkin als Agnostiker jüdischer Herkunft. Nichts in seiner Filmografie weist auf besonderes katholisches Sendungsbedürfnis hin. Er nutzte einfach die oben erwähnten kulturellen Abkürzungen, die wir alle, ob nun religiös oder nicht, verstehen. Und so taten es zahllose Filmemacher nach ihm, nicht zuletzt in der Hoffnung, seinen Erfolg zu wiederholen. Schaffen sie auf diese Weise „zufällige Propaganda“ für den katholischen Glauben? Darüber kann man sicher trefflich streiten. Sicher ist, dass die guten Zeiten für den Skeptiker im Horrorfilm spätestens hier ihr Ende gefunden hatten.

Den Hauptgrund für das Ende des „falschen Spuks“ im Film mache ich aber an ganz anderer Stelle aus. Unser Verhältnis zum Film hat sich in den gut 100 Jahren des Mediums grundlegend geändert. Wurden Filme früher noch ausschließlich im Kino gesehen, wo die überlebensgroßen Bilder mit Sicherheit für Eindruck sorgten, haben wir heute, dank Streaming, einen Großteil der Filmgeschichte auf Knopfdruck verfügbar im Wohnzimmer. Filme sind heute nichts wirklich Besonderes mehr. Daher sind sie mehr denn je zuvor bemüht ihre eigene Artifizialität herunterzuspielen. Alles soll möglichst umfänglich erklärt werden, um bloß die im Internet vieldiskutierten „Plotholes“ zu umgehen. Alles muss aus einem Guss wirken, „echt“ sein! Am Ende eines Films heute zu sagen, dass alles bisher Gesehene falsch war, ein billiger Trick und nicht nur die Charaktere, auch Du, lieber Zuschauer bist drauf reingefallen, ist das genaue Gegenteil. Es weist direkt auf das Künstliche des Films hin. Es könnte möglicherweise fast beleidigend aufgefasst werden. Man opfert 2 Stunden seiner kostbaren freien Zeit, um sich Lügen auftischen zu lassen? Sicher, das tut letztlich jeder Film, aber die meisten sind immerhin so höflich, es einem nicht direkt aufs Brot zu schmieren.

Aber das ist nur meine persönliche Einschätzung. Und vielleicht irre ich mich sogar vollständig und werde in den Kommentaren nun mit modernen Filmen bombardiert, in denen sich ein Spuk als falsch, oder ein Skeptiker als Held erweist. Ich wäre überrascht, aber das wäre kaum das erste Mal.

[1] https://www.christianpost.com/news/conjuring-2-christian-good-conquers-evil-interview-exclusive-clip-164931/

‚So finster die Nacht‘ (2008)

‚So finster die Nacht‘ mag keine direkte Übersetzung des schwedischen ‚Låt den rätte komma in‘ (‚Let The Right One In‘ im Englischen) sein, dennoch funktioniert der Titel sehr gut für mich. Denn finster sind die Nächte fraglos, in jener schwedischen Hochhaussiedlung im tiefen Winter, in den noch tieferen 80er Jahren. Viel heller als grau werden die Tage jedoch auch nicht. Menschen mit tief zerfurchten Gesichtern treffen sich hier im, schon dreist ironisch benannten „Sun Palace“ trinken Bier und philosophieren darüber was „die Russen“ wirklich sind.

In dieser isolierten Welt der Einsamkeit, scheint kaum einer mehr allein als der zwölfjährige Oskar (Kåre Hedebrant). Die Eltern sind geschieden, in der Schule wird er brutal gemobbt. Statt in Traurigkeit flieht er sich in kaum beherrschten Zorn. In Rachefantasien gegen seine Peiniger. „Sprichst Du mit mir?“, fragt er, tief in der Filmhistorie kramend, einen Baum, bevor er mit einem Messer darauf einsticht. Da taucht hinter ihm die gleichaltrige Eli (Lina Leandersson) auf, die vor kurzem mit einem älteren Mann (Per Ragnar) in die Siedlung gezogen ist. „Wir können keine Freunde sein!“, beeilt sie sich Oskar zu erklären. Von hier nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Wir alle haben gewisse Ideen im Kopf, wenn wir die Worte „Teenager Vampir Romanze“ hören. ‚So finster die Nacht‘ gibt sich die größte Mühe, allen diesen Ideen zu widersprechen. Nicht nur sind Oskar und Eli mit 12 ein wenig zu jung, auch wenn Eli natürlich nur „ungefähr“ 12 ist. Auch ist Oskar, der schmale, zornige, blonde Junge, in vielen Szenen mit gefrorenem Rotz unter der Nase, sicherlich nicht der typische „romantic lead“ a la Hollywood. Eli läuft barfuß durch den Schnee, riecht eklig, hat von Blut braun verkrustete Fingernägel und sieht nach einem Tag ohne Nahrung aus, als wär sie seit letzter Woche tot. Wenn Oskar seinen ersten Kuss bekommt, dann trieft ihr das Blut eines Charakters, der in einem anderen Film der Held gewesen wäre, von den Lippen. Kurz, ihr Vampirdasein ist wahrhaft monströs und sie macht Oskar gegenüber kein großes Geheimnis draus. So ist der Film denn auch weniger Romanze, als ein Blick darauf, was wir bereit sind für eine Beziehung aufzugeben, so seltsam diese Beziehung auch scheinen mag.

Wir sehen Håkan, den Mann um die fünfzig, der als Elis Vater auftritt, in Wahrheit aber derjenige ist, der für sie mordet und Blut abzapft. Darin ist er allerdings nicht (mehr?) besonders fähig. Als er von der Polizei geschnappt zu werden droht, entstellt er sich mit Hilfe von Säure selbst, damit keine Spur zu Eli führt. Er ist nicht ihr Vater, er ist nicht ihr Partner, er ist ihr offensichtlich hörig. Und opferbereit bis zum letzten Augenblick. Doch Håkan war auch einmal 40 Jahre jünger. Da war Eli vermutlich ebenfalls „ungefähr zwölf“.

Das sind die Ideen, die der Film ins Hirn seiner Zuschauer pflanzt. Doch ganz so zynisch stellt er die Beziehung seiner beiden Protagonisten dann doch nicht da. Es gibt auch Momente echter Wärme zwischen den beiden. Es gibt Hinweise, dass Eli Gefühle für Oskar empfindet, es keine Suche nach einem neuen Stellvertreter gegenüber der menschlichen Welt ist, sondern wirklich so etwas wie Liebe. Sein enttäuschtes Gesicht bringt sie dazu seine Süßigkeiten zu probiren, obwohl sie weiß, dass sie sich danach die Seele aus dem Leib kotzt. Kurz es ist eine Beziehung mit all den Problemen, allen Seltsamkeiten die das mitbringt.

‚So finster die Nacht‘ ist ein Film um die Suche nach ein wenig Wärme in einer Welt der Kälte. Und so ist es ein sehr kalter Film. Regisseur Tomas Alfredson und Kameramann Hoyte van Hoytema (der hier seinen internationalen Durchbruch hatte) inszenieren den Film mit der kalten Distanz eines typischen Nordic noir Thrillers. Fast erwartet man zu sehen, wie sich der typische, zerknautschte Schwedenpolizist aus seinem Auto quält. Natürlich kommt der nie, zu isoliert ist diese Welt. Dieser kalte, spröde Realismus kontrastiert immer wieder einmal mit Momenten des Horrors aber auch Augenblicken meditativer Poesie. Kein Wunder, das van Hoytema sowohl Nicolas Roeg als auch Robby Müller als Vorbilder angibt. Beide kann man hier erkennen. Entsprechend der Kälte seiner Bilder bewegt sich auch der Film beinahe gletscherartig in seiner Dramaturgie voran. Es ist kein Film für Ungeduldige und während es durchaus groteske Momente gibt lebt der Horror des Films eher von der Atmosphäre, von den Ideen als von Jumpscares  oder blutigen Momenten.

In Elis Charakter zeigt sich wieder einmal der Wert des Nichtererklärens, vor dem das Mainstream Kino immer mehr Angst zu bekommen scheint. Gerade weil wir sehr wenig über sie wissen, wie sie zum Vampir wurde, wie lange sie bereits einer ist, funktioniert ihr Charakter. Wir sehen, dass sie wohlhabend ist, das aber nicht auslebt. Und in einer schockierenden Szene, die leicht zu verpassen ist, sehen wir, dass sie möglicherweise mehr mit „ich bin kein Mädchen“ meint, als das sie schon deutlich älter und ein Monster ist. Mit solcher Ambiguität lädt man natürlich eine große Last auf die Schultern einer jugendlichen Schauspielerin, die all das transportieren soll. In Lina Leandersson hat man zum Glück genau diese Schauspielerin gefunden. Auch wenn sie schon im schwedischen Original synchronisiert wurde, um ihr eine tiefere, mysteriösere Stimme zu geben, bleibt ihre Leistung dadurch ungeschmälert. In Kåre Hedebrant hatte sie einen Partner, dem es ebenso gelang, seinen komplexen Charakter aus Traurigkeit, Einsamkeit und Zorn in kleinen Gesten herauszuarbeiten. Beide haben nicht die großen Schauspielkarrieren hingelegt, die ihnen vor elf Jahren vorausgesagt wurden, doch ob das aus eigener Entscheidung oder mangelnden Möglichkeiten passierte, weiß ich nicht.

‚So finster die Nacht‘ zeigt einmal mehr, dass es für einen Film weit weniger interessant ist, was er erzählt, sondern es vielmehr auf das wie ankommt. Dieses Drama um die Angst vor Einsamkeit und den Preis, den wir für Beziehungen zahlen, hat wohl deutlich mehr von Abel Ferrara als von Stephenie Meyer und das, obwohl er eine „Teenager Vampir Romanze“ darstellt.

 

PS: es gibt übrigens ein US-Remake. Das ist kein misslungener Film und ist sicher mehr auf Hochglanz poliert als das schwedische Original. Allerdings lässt der Film einiges aus, was dieser Film liefert. Dafür addiert er einiges anderes (etwa den oben angedeuteten Polizistencharakter), das dem Gefühl der Isoliertheit, das das schwedische Original ausmacht, schadet. Insgesamt ein überflüssiges, aber nicht furchtbares Remake. Ich meine, schaut das Original!

‚From Beyond‘ (1986)

1985 explodierte Theatermann Stuart Gordon mit seiner wilden Splatter-Komödie ‚Re-Animator‘ ins Horrorfilmgenre. Mehr oder weniger durch Zufall, denn Gordon hat seine H.P. Lovecraft-Adaption eigentlich als Theaterstück gedacht. Dann als Fernsehspiel. Doch wurde ihm überall unter Kopfschütteln beschieden, dass der einzige Ort für Horror der Film sei. Also wurde es ein Film. In Brian Yuzna wurde ein begeisterter Produzent gefunden, Geld gab es dennoch nicht viel. Doch hatte der Film einen solchen Drive, eine solche Lust am Experimentieren mit Kameraeinstellungen und Licht, die Bereitschaft Kunstblut gleich Hektoliterweise zu vergießen, dazu in Jeffrey Combs einen fähigen Hauptdarsteller, dass man über mäßige Effekte und die eine oder andere Amateurhaftigkeit gerne hinweg sah. Der Film wurde bei Kritik und Publikum ein großer Erfolg. Und in Deutschland natürlich auf den Index gesetzt.

Kaum ein Jahr später standen Gordon und Yuzna bereit an den Erfolg mit einer weiteren Lovecraft Verfilmung anzuknüpfen. Diesmal mit etwas mehr Geld und dem Plan in Italien statt in Hollywood zu drehen, auf das es weiter reiche. Neben Combs kehrte auch die in ‚Re-Animator‘ eher unterforderte Barbara Crampton zurück. Und war Lovecrafts Geschichte für den letzten Film eher Inspiration als Vorlage, nahm Gordon es bei dieser Adaption durchaus genauer.

In der literarischen Vorlage (auf deutsch etwas krumm „Vom Jenseits“ betitelt) erzählt ein namenloser Erzähler, wie er einem Wissenschaftler namens Crawford Tillinghast bei dessen Experimenten assistierte. Tillinghast hat eine Maschine entwickelt, die die Zirbeldrüse stimuliert (sie zum „dritten Auge“ macht) und den Menschen so befähigt eine parallele Existenz zu der unseren wahrzunehmen. Blöd nur: die Wesen, die dort leben, können den Menschen dann auch wahrnehmen. Von einer solchen Wesenheit angegriffen, zerstört der Erzähler die Maschine, doch Tillinghast ist bereits tot.

Genau so geschieht es in Gordons Film, nur aus der Gegenwart Lovecrafts, den 1920er Jahren, in die Gegenwart der 80er transportiert. Crawford Tillinghast ist nun der Name des Assistenten (Combs), während der Hauptforscher (Ted Sorel) Dr. Pretorius (eine Anspielung auf James Whales ‚Frankensteins Braut‘) heißt. Allerdings passiert all das in den ersten 5 Minuten, noch vor dem Vorspann. Der Rest des Films ist dann purer Gordon.

Crawford sitzt nämlich in einer Nervenheilanstalt, weil er mit einer Axt nahe der kopflosen Leiche von Pretorius aufgegriffen wurde. Genauer, wegen seiner Behauptungen ein Wesen aus einer parallelen Realität habe Pretorius den Kopf abgebissen („wie einem Lebkuchenmann“), bevor Crawford die Maschine, den Resonator, mit der Axt zerstörte. Da die Polizei sich seiner Schuld aber nicht sicher ist (und gern Pretorius‘ fehlenden Kopf finden würde), erhält die Psychologin Katherine McMichaels (Crampton) die Erlaubnis das Experiment mit Crawford unter Aufsicht von Polizist „Bubba“ Brownlee (Ken Foree) mit der originalen Maschine nachzustellen. Tatsächlich bringt sie ihre eigene wissenschaftliche Faszination für die Maschine mit, nachdem ein CAT-Scan belegt, dass Crawfords Zirbeldrüse tatsächlich extrem vergrößert ist. Bald zeigt sich, dass der Betrieb des Resonators psychische und körperliche Folgen hat. Mit der Zirbeldrüse wird nicht nur das „dritte Auge“  stimuliert, sondern auch das Lustzentrum des Hirns, was zu einem Suchteffekt bei den Beteiligten führt. Schlimmer noch: Pretorius ist keineswegs tot, sondern auf der anderen Seite, alles andere als ein netter Kerl und versucht nun „Vom Jenseits“ aus Einfluss zu nehmen.

Stuart Gordon ist ein B-Movie Regisseur* und er will auch gar nicht als etwas anderes erscheinen als ein B-Movie Regisseur. Was seine Filme auszeichnet ist, dass sie oftmals ein klein wenig cleverer sind als viele andere B-Movies der 80er (und später), die sich vor allem anderen auf Sex und Gewalt verlassen. Nicht das beides nicht auch bei ihm vorkäme. ‚From Beyond‘ ist als Film weniger albern als ‚Re-Animator‘, verzichtet weitgehend auf Oneliner oder allzu slapstickhaften Splatter. Was nicht heißen soll, dass er nicht immer noch sehr, sehr albern ist. Aber er ist atmosphärisch näher am Lovecraft-Material. Die Idee einer völlig fremden, unverständlichen Welt, die Zugang zu der unseren erhält, übernimmt er sehr direkt. Und reichert sie dann mit allerlei schleimigen Monstern und sexuellen Unter- Obertönen an, die es so bei Lovecraft sicher nie gegeben hätte.

Das Thema des Films ist der Sieg der Lust über die Ratio. Der Ratio scheint Gordon ohnehin wenig zu trauen. In ‚Re-Animator‘ schuf sie buchstäblich Monster, hier muss sie sich den Trieben geschlagen geben. Das wird symbolisiert einerseits durch das weidlich bekannte Bild von der Wandlung Katherines von der zugeknöpften Wissenschaftlerin zur Domina im schwarzledernen Fetisch-Outfit (wobei sie, deutlich ungewöhnlicher, dabei einen Umweg über die „Mad Scientist“ Route nimmt). Andererseits, sehr Gordon, dadurch, dass Crawford seine endgültig überstimulierte Zirbeldrüse durch die Stirn platzt, wie ein rot-feuchter Tentakel-Phallus und ihn endgültig zum rein lustgetriebenen Wesen macht. Subtil ist das nicht, aber Gordon wäre vermutlich beleidigt, sollte ihm jemand jemals Subtilität unterstellen. Und, nur um eines klarzustellen: ich mag hier oft von Lust und Sex sprechen, aber etwas Expliziteres als ein paar Brüste und Ken Foree in einer sehr engen Speedo-Badehose gibt es nicht zu sehen.

Es ist vermutlich aufgefallen, dass ich mich nicht auf die genauen Umstände der Handlung einlasse. Das ist durchaus beabsichtigt. Denn der Film weiß bei der ersten Sichtung derart zu überraschen, dass ich ihm das nur ungern nehmen würde. Gordon weiß exakt, wo er hinwill und wir als Zuschauer können den wilden Ritt nur mitmachen. Dabei spielt der Film an exakt zwei Schauplätzen: dem Haus wo der Resonator steht (666 Benevolent Street, natürlich) und der Nervenheilanstalt. Gerade mit dem Haus stellt Gordon aber derart viel an, dass es zu keinem Moment eintönig oder gar langweilig werden kann.

Die Spezialeffekte und auch die Bildkomposition sind im Vergleich zu ‚Re-Animator‘ ein ganzes Stück besser geworden. Gordon hat im Laufe seines ersten Filmes offensichtlich viel gelernt. Auch hier stellt er aber wieder eine Farbe ins Zentrum. War es in ‚Re-Animator‘ noch das giftige Grün des Serums, das die Toten wiederbelebt, ist es hier das violette Licht des Resonators und der fremden Welt. Den Monstern, allen voran den verschiedenen Inkarnationen von Pretorius, merkt man das höhere Budget deutlich an. Sicherlich ist es kein ‚The Thing‘ und gerade zum Ende hin übernimmt sich der Film hier etwas in seinen Ambitionen, aber im Großen und Ganzen funktioniert es sehr gut.

Jeffrey Combs gibt seinen Crawford anfangs als, verständlicher Weise, hypernervösen Paniker. Diese Figur im Horrorfilm, die den Schrecken gesehen hat, der aber niemand glauben will. Im Laufe des Films wird er immer mehr zu einer Art Renfield. Vom Bösen verführt aber nicht vollständig verdorben. Seine Erscheinung wird den Film über immer bizarrer, wenn ihm erst die Magensäure eines Riesenwurmes alle Haare vom Körper ätzt (ja, wirklich) und später die oben beschriebene physiologische Veränderung der Zirbeldrüse eintritt. Barbara Crampton ist der eigentliche Star des Films. Ihre Figur wird von der mitfühlenden Psychologin zur verrückten Wissenschaftlerin zur übergriffigen Domina zur Ausgestoßenen und schließlich, aber nein, keine Spoiler. Crampton trägt alle diese Veränderungen, lässt sie aus einem Guss wirken und hat erkennbaren Riesenspaß daran, endlich einmal etwas anderes tun zu dürfen als zu schreien. Ken Foree ist sympathisch, der „normale“ Zugang zu den anderen Charakteren. Am Ende ist er der Vernünftigste, aber das nützt ihm nur wenig. Ted Sorel ist widerlich als Dr. Pretorius. Und das meine ich als Kompliment.

Stuart Gordon wird selten unter den „Größen“ des Horrorfilms erwähnt. Das ist schade, denn Filme wie ‚Re-Animator‘ oder ‚From Beyond‘ könnten von keinem anderen als ihm stammen (und Brian Yuzna, der später selbst hinter der Kamera stand und etwa in ‚Society‘ bewies, dass die Reichen tatsächlich anders sind als wir, war ganz offensichtlich von ihm inspiriert). Vielleicht liegt es daran, dass Gordon sich zwar immer für einen B-Filmer gehalten hat, aber keineswegs immer im Horror gearbeitet hat. Andererseits wird er auch nicht eben unter den „Größen“ des SciFi Genres gehalten. Seine beiden Debutfilme brachten damals ähnlich frischen Wind ins Genre wie ‚Tanz der Teufel‘. Vielleicht ist Gordons „Problem“, dass er nie Fortsetzungen drehen wollte (das übernahm dann Yuzna für den ‚Re-Animator‘). Wie auch immer, seine ersten beiden Filme kann man auch heute noch mit den Worten „so etwas habt Ihr noch nie gesehen“ Leuten mit halbwegs unempfindlichen Magen empfehlen.

 

 

*Fun Fact: bei Disney(!) muss man irgendetwas in ‚From Beyond‘ gesehen haben, denn kurz nach dem Film bot man Gordon an ‚Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft‘(!!) zu schreiben und zu drehen(!!!). Geschrieben hat er den Film, doch scheiterte seine Regiearbeit (nach eigener Aussage) daran, dass er ein Treffen mit den Disney-Bossen als derart unerträglich empfand, dass er das Projekt verließ.