Eigentlich ist alles gesagt: ‚Logan‘ (2017)

Ganz ehrlich, als ich den ersten Trailer zu diesem Film gesehen habe, unterlegt mit Johnny Cashs apokalyptischer Coverversion von „Hurt“ und aus rauen Kehlen gepressten, düsteren Sätzen vom Untergang, da habe ich nicht eben viel Lust auf den Film bekommen. Finstere, bierernste  Superhelden versucht Warner-DC schon seit dem Weggang von Christopher Nolan erfolglos wieder einzufangen. Jetzt auch noch Fox? Gerade nachdem der selbstironische ‚Deadpool‘ so erfolgreich war? Auch sämtliche positive Stimmen als der Film dann rauskam konnten mich nicht umstimmen. Allerlei Western Vergleiche machten mich dann doch neugierig. Da war es aber zu spät. Jetzt habe ich ihn auf BluRay gesehen und falls es noch jemanden interessieren sollte, ist hier meine (endlich informierte) Meinung.

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten sind ein Phänomen der Vergangenheit. Seit 25 Jahren wurde kein neuer Mutant geboren. Logan/Wolverine/James Howlett (Hugh Jackman) verdingt sich im Grenzgebiet zwischen Arizona und Mexiko als mietbarer Limousinen-Chauffeur. Alt, verbittert, mit versagender Heilungsfähigkeit und langsam und schmerzhaft von seinem Metallskelett vergiftet. Selbst die Klauen wollen nicht mehr wie früher. Er lebt in einer aufgelassenen Eisenschmelze, gemeinsam mit dem Nosferatu-ähnlichen Caliban (kaum zu erkennen: Stephen Merchant), einem Mutanten mit der Fähigkeit andere Mutanten aufzuspüren und dem an Alzheimer erkrankten Charles Xavier (Patrick Stewart). Eisern spart er Geld für Xaviers Medikamente, die dessen schwere Anfälle, die tödlich für alle Umstehenden sein können, unter Kontrolle halten und für ein Boot, um das Land zu verlassen. Als ihm eine Frau 50.000 Dollar bietet, um das junge Mutantenmädchen Laura (Dafne Keen) nach North Dakota zu bringen ist das verlockend, doch bald tauchen gefährliche Verfolger auf.

Ich verstehe die Western-Vergleiche, die viele Besprechungen gezogen haben. Und der Film macht seine Beziehung zu ‚Mein großer Freund Shane‘ auch durchaus deutlich, schauen doch die Charaktere exakt diesen Film. Ich habe mich allerdings die ganze Zeit an ein anderes Genre erinnert gefühlt. Den Film Noir. Der Logan, den wir zu Beginn des Films treffen ist ein typischer Noir Charakter. Desillusioniert, zynisch und freiwillig von der ihn umgebenden selbstzerstörerischen, hedonistischen Welt entrückt, die er nur noch mit einer ausreichenden Dosis Alkohol erträgt. Das ist aber noch nicht der Tiefpunkt für den Helden. Er ist auf eine Lesebrille angewiesen, will er sein Handy benutzen und erreicht seinen absoluten Nadir, wenn er in einem Moment impotenten Zorns auf sein Auto einprügelt und dann eher an Basil Fawlty als an einen Superhelden erinnert. Professor Xavier erfährt eine ähnlich brutale Dekonstruktion. Das mächtigste Hirn der Welt wird von einer degenerativen Krankheit und unkontrollierbaren Anfällen heimgesucht, die den ehemaligen Retter zu einer Gefahr und zu einem sehr anstrengenden Patienten machen, der sein Dasein in einem alten Wasserturm fristet. Einer der tragischsten Momente des Films ist, wenn Laura auftaucht und wir für einen Moment wieder den Mann sehen, der Xavier einmal war. Interessant ist der Kniff, dass in der Realität des Films X-Men Comics existieren. Logan tut sie zwar als Blödsinn für Kinder und Idioten ab, allerdings inspirieren sie das zentrale Element der Handlung, sodass schon beinahe eine Art Metaerzählung dabei herauskommt.

Der Film geht also durchaus brutal mit seinen Charakteren um und ebenso brutal sind einige physische Sequenzen, die wir zu sehen bekommen. Sei es, dass der Film tatsächlich zeigt, was Logans Klauen mit einem anderen Menschen anstellen würden oder gleich eine ganze Montage, die daraus besteht, wie in einem Krankenhaus Kinder getötet werden. Beinahe schon erstaunlich, dass der mit einer 16er Freigabe davongekommen ist.

James Mangolds Regie-Karriere würde ich eher als durchwachsen bezeichnen, doch diesem Film merkt man in jeder Aufnahme die Liebe und Aufmerksamkeit an, die hineingeflossen sind. Wirken viele Superheldenfilme, bei aller technischen Brillanz doch oftmals ein wenig zweidimensional (vielleicht liegt es an der Comic-Herkunft) nutzt Mangold hier in fast jeder Szene die Tiefe des Bildes effektiv aus. Unterschiedliche Ebenen bedrohen einander, sehnen sich nach einander wirken jederzeit aufeinander ein, Vordergrund und Hintergrund erzählen gleichzeitig und ergänzen sich. Und dann springt Laura aus dem ungewissen Raum hinter der Kamera mit schmerzhaften Folgen für denjenigen der davor steht. Das sind definitiv erzählerische Mittel, die der Film mit dem Western teilt.

Als wir Wolverine vor 17 Jahren das erste Mal in einem Film trafen, da war er die unfreiwillige Vaterfigur für Anna Paquins Roque. Gerade Comic-Fans reagierten irritiert, dass „irgendein australischer Musical-Darsteller“ den beliebten, mürrischen Mutanten spielen sollte. Zahlreiche Auftritte später, kann man sich kaum jemand anderen als Hugh Jackman in der Rolle vorstellen. Und um mit diesem Film einen würdigen Abgang für seine Figur zu bekommen hat er gebettelt, gedroht und am Ende auf einen Großteil seiner Gage verzichtet, um genau den Film machen zu können, den er und James Mangold machen wollten. Und es hat sich gelohnt, der Kreis hat sich geschlossen, Wolverine endet wie er begann als unwillige Vaterfigur und durch die brutale Dekonstruktion in diesem Film kommen wir seinem Charakter näher als je zuvor. Jackman hängt sich hier voll rein und gibt eine ebenso nuancierte wie unprätentiöse letzte Vorstellung. Man merkt, dass es der Film ist den er machen wollte. Für Stewart dürfte es ebenfalls der letzte größere Auftritt als Professor X gewesen sein. Er bekommt hier deutlich mehr zu tun als in den übrigen X-Filmen, wo er meist nur würdevoll in die Gegend schaute und gelegentlich mit Magneto Schach spielte. Unbedingt erwähnenswert ist der Auftritt von Dafne Keen, die ihre Rolle für ihre 11 Jahre mit einer geradezu erschreckenden Intensität spielt. Der Film leidet an der üblichen Marvel-Krankheit des lahmen Schurkencharakters, Boyd Holbrook und seine halbmechanischen Mordbuben bleiben recht blass, einzig ein seelenloser Klon von Wolverine bekommt eine wohl unvergessliche Szene. Doch ist das in diesem Film, der zu gleichen Teilen Charakterstudie und Survivalthriller / Actionfilm ist ausnahmsweise einmal völlig egal.

‚Logan‘ ist ein absolut gelungener Film, meine Skepsis war völlig unangebracht. Er ist ein wenig für das Genre des Superheldenfilms, was die revisionistischen Western der 70er, wie ‚McCabe & Mrs. Miller‘ oder ‚Das Wiegenlied vom Totschlag‘ für den amerikanischen Western waren. Das würde ihn dann wohl zu einem revisionistischen Superheldenfilm machen, ein Genre, dass ich soeben erfunden habe. Ein wenig zu hoch mögen manche überschwänglichen Kritiken die Erwartungen getrieben haben aber enttäuscht wurden sie auf keinen Fall.

Logan der Kinderschreck

Ich will Euch gar nicht lange aufhalten aber ich wollte die etwas ulkige (vermutlich ungewollte) Implikation dieses malaysischen Posters für ‚Logan‘ mit Euch teilen:

lnpslkeh

Vorsicht Kinder! Haltet euch von ‚Logan‘ fern, sonst holt euch Wolverine!!!

Das ist alles. Weitermachen!

Gestern Gesehen: ‚Prisoners‘ (2013)

Und weiter geht es in meinem inoffiziellen Projekt „ich möchte alle Filme von Denis Villeneuve sehen“. Heute (okay, gestern): ‚Prisoners‘, seine erste Zusammenarbeit mit Kameragenie und Coen-Veteran Roger Deakins, mit dem er letztes Jahr den hervorragenden ‚Sicario‘ gedreht hat. ‚Prisoners‘ darf wohl als Villeneuves Durchbruch in Hollywood betrachtet werden und fährt ein ordentliches Starensemble auf. Dem Film wäre mit einer genaueren Umschreibung der Handlung sicher kein Gefallen getan, von daher halte ich mich vage.

Im ländlichen Pennsylvania wird am Thanksgiving-Tag die kleine Tochter von Grace (Maria Bello) und Keller Dover (Hugh Jackman) zusammen mit der Tochter eines befreundeten Ehepaars (Viola Davis, Terrence Howard) entführt. Polizei-Detective Loki (Jake Gyllenhaal) wird auf den Fall angesetzt und hat schnell einen Verdächtigen gefunden. Einen Mann (Paul Dano), mit den geistigen Fähigkeiten eines 10jährigen. Als er dem jedoch nichts nachweisen kann muss er ihn laufen lassen. Sehr zum Unmut von Keller, der sich gezwungen sieht selbst zu handeln.

Wenn es Euch so geht wie mir, als ich die Handlung das erste Mal las, dann habt ihr jetzt vermutlich eine Vision von Liam Neeson, dessen Tochter (mal wieder) entführt wurde, während er dem unglücklichen Entführer am Telefon klar macht, welche Haushaltsgegenstände er ihm in welche Körperöffnungen einzuführen gedenkt. Und das ist sicherlich gewollt so. ‚Prisoners‘ nimmt diese Idee des Mannes, der das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, schaut, welche Art von Mensch am ehesten Bereit wäre das zu tun und führt es von dort konsequent weiter. Keller Dover ist eine Art Mensch, die man, wenn man den Medien glauben darf, im ländlichen Amerika nicht selten findet. Den Keller des Hauses zum Bunker ausgebaut, erwartet er das Ende der Zivilisation. Fast möchte man meinen er sehnt es herbei. Tief religiös und hypermaskulin gibt es nur einen Menschen, dem er den Schutz seiner Familie, die Lösung ihrer Probleme anvertrauen würde: ihn selbst. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das mit der Entführung seiner Tochter einhergeht ist für ihn noch unerträglicher, als es für Menschen wäre, die eher bereit sind der Staatsmacht zu vertrauen. Hugh Jackman stellt dies hier mit einer rohen Emotionalität dar, die aus rotgeränderten Augen zornerfüllt in die Welt stiert und verzweifelt irgendetwas sucht, was sie tun kann. Allerdings wirkt die Staatsmacht hier tatsächlich nicht sehr vertrauenswürdig. Repräsentiert wird sie von Detective Loki, von dem wir anfangs lernen, dass er all seine Fälle bislang stets lösen konnte. Warum das so ist wird nicht sofort klar. Wie ein geprügelter Hund schlurft Gyllenhaal hier durch die Szenen, den Kopf gesenkt, um eine stetig schwelende Aggression zu verbergen. Er ist der einzige Charakter, den wir praktisch niemals „privat“ erleben, nur in seiner Rolle als Polizist. An seinem Hals die Tätowierung einer Windrose, am Finger einen dicken Freimaurerring, auf seine Knöchel etwas tätowiert, dass ich nicht entziffern konnte. „Liebe“ und „Hass“ wird es wohl nicht sein, doch hat man das Gefühl, dass es in ihm ringt, wie in Robert Mitchums Charakter in ‚Night of the Hunter‘. Er ist ein Mann der eine Richtung sucht und nicht nur was den Entführungsfall angeht. Unausweichlich, dass die beiden aneinandergeraten, obwohl sie letztlich das exakt selbe wollen.

Dem Leid der Familien lässt der Film viel Raum und doch hätte ich mir gewünscht von Bello, Davis und Howard noch ein wenig mehr zu sehen. Aber die Aufklärung der Entführung nimmt doch den Hauptteil der Handlung ein und so bietet sich ein Vergleich zu ‚Sieben‘ an. Gelegentlich wirkt ‚Prisoners‘ fast wie eine ländliche Variante von Finchers  sehr urbanem Film. Die religiösen Beiklänge und den fast ständigen Regen findet man hier jedenfalls wieder. Einen weiterenDNA-Anteil bezieht ‚Prisoners‘ sicherlich aus Eastwoods ‚Mystic River‘. Hier wie dort wird es im Laufe des Films immer deutlicher, dass jeder Charakter etwas zu verbergen hat, dass niemand moralisch unfehlbar ist. Jeder der Charaktere hier ist ein Gefangener seiner Triebe, seiner Persönlichkeit, die ihn zu teils furchtbaren Handlungen zwingen. Und auch der Zuschauer wird gefangen gesetzt, da es unmöglich ist sich der Handlung, so unangenehm und abstoßend sie auch scheinen mag, zu entziehen.

Dieses moralische grau in grau setzen Villeneuve und Deakins in zutiefst beeindruckende Bilder um und alle Darsteller geben sich in absoluter Höchstform. Das Drehbuch allerdings kommt gelegentlich etwas vom Wege ab und schrammt, gerade in der letzten halben Stunde des zweieinhalbstündigen Films, doch recht scharf am Peinlichen entlang. Teilweise genug für ein paar Kratzer im Lack, doch über die Klippe geht es zum Glück nie. Die Puzzleteile, denen Detective Loki bei der Suche nach den Mädchen folgt wirken aber oft genug genau wie das: Puzzleteile. Inmitten der absolut organisch wirkenden Darstellungen und Bilder wirken sie dann umso mehr wie Kunstgriffe. Das mag vielleicht als Hinweis dafür dienen, was ein schwächerer Regisseur aus dem Stoff gemacht hätte.

‚Enemy‘ und ‚Sicario‘ bleiben in meiner Wertschätzung  zwar zunächst höher als ‚Prisoners‘, allerdings sind Villeneuves Filme auch nicht perfekt dazu geeignet, sie direkt nach dem Ansehen umfänglich zu bewerten. ‚Prisoners‘ wird sicher noch für einige Tage in meinem Hirnkasten herumklappern und danach kann die Bewertung ganz anders aussehen. Empfehlenswert ist er auf jeden Fall. Und die Tatsache, dass Villeneuve und Deakins für die ‚Blade Runner‘ Fortsetzung wieder zusammenarbeiten lässt mich beinahe vermuten die könnte auch was werden. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde.